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Fall 39 – Wenn Jugendarbeit zum Horror wird

28 Jun

Case 39

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // 38 aktuelle Fälle sind für die Sozialarbeiterin Emily Jenkins (Renée Zellweger) vom Child Services Oregon an sich mehr als genug. Ihr Boss Wayne (Adrian Lester) drückt ihr dennoch einen weiteren aufs Auge: Die zehnjährige Lillith „Lily“ Sullivan (Jodelle Ferland) hat Probleme in der Schule und weist Zeichen von Vernachlässigung auf, schläft täglich im Unterricht ein. Schon das erste Treffen mit der Familie verläuft sonderbar: Dass sich die Eltern Margaret und Edward Sullivan (Kerry O’Malley, Callum Keith Rennie) abweisend verhalten, erscheint noch erwartbar, nicht jedoch, dass sich Edward weigert, ein Wort mit Emily zu wechseln. Stattdessen flüstert er seiner Frau ins Ohr, was er der Sozialarbeiterin zu sagen hat.

Ein verängstigtes Kind

Während eines Besuchs der Sulivans bei Child Services gelingt es Emily, unter vier Augen ein paar Worte mit dem Mädchen zu wechseln. Lily verrät ihr, ihre Eltern belauscht und dabei gehört zu haben, sie würden sie in die Hölle schicken wollen. Da die Kleine keine äußerlichen Zeichen von Gewalt aufweist, sieht Wayne keinen Anlass, den Fall weiter zu verfolgen. Doch eines Abends erhält Emily einen Anruf der total verängstigt klingenden Lily. In Begleitung von Detective Mike Barron (Ian McShane, „John Wick“-Reihe) dringt sie ins Haus der Sullivans ein …

Die Sullivans – nur eine weitere dysfunktionale Familie?

Die während der Dreharbeiten im Herbst 2006 ihren zwölften Geburtstag feiernde Jodelle Ferland („Silent Hill – Willkommen in der Hölle“) macht ihre Sache ganz hervorragend. Eine ganze Weile schließt man Lily sehr ins Herz – bis sie bei einem Gespräch mit Emilys Kollege Doug (Bradley Cooper) zum ersten Mal ein wenig die Fassade fallen lässt. Recht zügig ahnt das horroraffine Publikum, welche Richtung „Fall 39“ einschlagen wird. Doch da die Dimension eine Weile ein paar Hinweisen zum Trotz verborgen bleibt, bleibt das Geschehen fesselnd genug, während es auf das Unausweichliche zusteuert.

Bradley Cooper und Renée Zellweger

Bradley Cooper („American Sniper“) war zum Zeitpunkt der Produktion erst etwa sieben Jahre als Filmschauspieler aktiv und noch lange nicht der Superstar, der er heute ist. Sein Part ist nicht allzu groß, aber denkwürdig. Auch an der zweifachen Oscar-Preisträgerin Renée Zellweger („Unterwegs nach Cold Mountain“, „Judy“) ist nichts auszusetzen, sie überzeugt als völlig normale Frau, in deren Leben etwas Unbegreifliches, Beängstigendes Einzug hält.

Emily nimmt die kleine Liliy unter ihre Fittiche

„Fall 39“ stellt die bislang einzige Hollywood-Regiearbeit des deutschen Regisseurs Christian Alvart dar, der 2005 mit seinem zweiten Film „Antikörper“ auf sich aufmerksam machte. Ab 2011 inszenierte er zwei Kieler „Tatort“-Folgen mit Axel Milberg und die ersten vier Hamburg „Tatort“-Folgen mit Til Schweiger sowie dessen Kinoflop „Tschiller – Off Duty“ (2016). Zu seinen weiteren deutschen Kinoarbeiten zählen „Steig. Nicht. Aus!“ (2018) und die Sebastian-Fitzek-Verfilmung „Abgeschnitten“ (2018).

Mainstream-Horror in bekannten Bahnen

Zu einem großen Wurf reicht es für „Fall 39“ nicht, dafür bleibt der Horrorthriller etwas zu vorhersehbar und dem Mainstream verhaftet. Doch auch wenn man schnell erkennt, wo die Reise hingeht, unterhält der Blick darauf, wie sie verläuft. Einen Pluspunkt gibt es auch für ein Gefühl der Ausweglosigkeit, das sich in puncto Emily nach und nach einstellt. Ob der Film für die Sozialarbeiterin ein positives Ende nimmt oder nicht, lässt sich immerhin nicht erraten. Beides erscheint im Verlauf gleich wahrscheinlich, und so überrascht es auch nicht, dass ein alternatives Finale existiert, das sich im Bonusmaterial der DVD findet. Es sind recht viele entfernte oder alternative Szenen, die Alvart abgedreht hat. Wollte er sich diverse Möglichkeiten offen halten oder war er bei seinem Hollywooddebüt etwas unsicher?

Viel früher beim Fantasy Filmfest als in den USA

Während „Fall 39“ kurz nach seiner Weltpremiere in Neuseeland (!) im August 2009 bereits beim deutschen Fantasy Filmfest lief und kurze Zeit später weltweit in vielen Ländern in die Kinos kam, geschah dies in den Produktionsländern USA und Kanada erst ein Jahr später – sogar satte vier Jahre nach Ende der Dreharbeiten. Die Ursachen dieser Verzögerung entziehen sich meiner Kenntnis. Mit einem weltweiten Einspielergebnis von 28 Millionen Dollar übertraf der Film seine Kosten nur um zwei Millionen. Das und die eher negativen Kritiken mögen der Grund sein, dass die Hollywoodkarriere von Christian Alvart schneller vorbei war, als sie begonnen hat. So schlecht ist „Fall 39“ aber nun auch wieder nicht. Kein Pflichtprogramm für die Horrorsammlung, aber passabler Grusel für ein Publikum, das sich ängstigen will, ohne verstört zu werden.

Die Sozialarbeiterin in Angst

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Christian Alvart haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Renée Zellweger unter Schauspielerinnen, Filme mit Bradley Cooper, Ian McShane und Callum Keith Rennie in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. März 2012 als DVD in der Mystery-Edition (mit „Der Fluch der 2 Schwestern“ und „Cloverfield“), 29. Juli 2010 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen Blu-ray: Deutsch, Englisch Französisch, Spanisch, Italienisch, Audiodeskription für Sehbehinderte
Sprachfassungen DVD: Deutsch, Englisch Türkisch
Untertitel Blu-ray: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch, Italienisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Niederländisch
Untertitel DVD: Deutsch, Englisch, Türkisch
Originaltitel: Case 39
USA/KAN 2009
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Ray Wright
Besetzung: Renée Zellweger, Ian McShane, Jodelle Ferland, Bradley Cooper, Callum Keith Rennie, Adrian Lester, Kerry O’Malley, Cynthia Stevenson, Alexander Conti, Philip Cabrita, Vanesa Tomasino, Mary Black
Zusatzmaterial: „Die böse Akte – Der Hintergrund von Case 39“ (8:07 Min.), „Unerträgliche Spannung“ (4:24 Min.), „Im Wespennest“ (3:02 Min.), „Spiel mit dem Feuer“ (4:26 Min.), 18 entfernte Szenen inkl. alternatives Ende (30:08 Min.), Trailer zu „Die Legende von Aang“
Label: Paramount Pictures
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2010 Paramount Pictures / Universal Pictures Germany GmbH

 

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