RSS

Die Grausamen – Ein Sarg voller Dollar

29 Jun

I Crudeli

Von Andreas Eckenfels

Western // „Western Unchained“, „Westernhelden“ und „Edition Western Legenden“: In der Vergangenheit hat das deutsche Label Koch Films schon einige Reihen auf DVD beziehungsweise Blu-ray veröffentlicht, die Freunden von Cowboys, Indianern und dem Wilden Westen große Freude bereitet haben. Doch der über viele Jahrzehnte weltweit massig gefüllte Katalog an Westernproduktionen ist offenbar noch lange nicht ausgeschöpft. So haben sich die „Köche“ nun dazu entschlossen, eine neue Reihe zuzubereiten, bei dem der Titel allein schon großen Appetit bereitet: „Western All’arrabbiata“.

Colonel Jonas will sich mit der Niederlage der Südstaaten nicht abfinden

Den Zusatz „All’arrabiata“ kennt man natürlich aus der italienischen Küche, die Speise ist schärfer als üblich gewürzt. Dürfen wir also Italowestern erwarten, die für ordentlich Zündstoff sorgen? Bei der Nummer 1 der Edition, „Die Grausamen“ von „Django“-Regisseur Sergio Corbucci aus dem Jahr 1967, kann man zumindest einen ordentlichen Gewaltgrad konstatieren. Ob das so verallgemeinert werden kann, wird die Zukunft zeigen. Aktuell ist offiziell mit dem Spät-Italowestern „Der Mann aus Virginia“ (1977) mit Giuliano Gemma erst der zweite Titel der Reihe bekannt.

Ein irrer Plan

Wenn die glauben, dass der Krieg schon zu Ende ist, irren die sich gewaltig. Für mich ist er erst vorbei, wenn der Süden wieder frei ist! Nach dem verlorenen Bürgerkrieg hat der ehemalige Konföderierten-Colonel Jonas Morrison (Joseph Cotten) einen irren Plan gefasst: Er will die Niederlage nicht akzeptieren und eine neue Südstaaten-Armee aufbauen. Dafür benötigt er Geld. Gemeinsam mit seinen Söhnen Ben (Julián Mateos), Jeff (Gino Pernice) und Nat (Ángel Aranda) sowie zwei Handlangern (Rafael Vaquero, Álvaro de Luna) überfällt er erfolgreich einen Geldtransport der Unionssoldaten und erbeutet die Kriegskasse. Darin: stolze 1,3 Millionen Dollar in bar! Da sie sich noch in Feindesland befinden, wollen die Männer die Scheine in einem Sarg versteckt mit einer Kutsche in die Heimat transportieren. Um die Tarnung perfekt zu machen, wurde die Prostituierte Kitty (María Martín) als trauernde Witwe engagiert. Die Morrisons spielen den Begleitschutz. Doch Kitty ist dem Alkohol allzu stark zugeneigt – und muss bald ersetzt werden.

Ben findet in einem Saloon mit der resoluten Claire (Norma Bengell) schnell Ersatz. Für die versprochenen 2.000 Dollar im Monat kann sie nicht „Nein“ sagen. Doch Claire lässt sich nicht so einfach zügeln. Sie verabscheut die Gewalt der Morrisons zutiefst, dennoch spielt sie ihre Rolle gut. Ein weiter Weg liegt vor dem Gespann, bei dem jede Begegnung mit den verhassten Nordstaatlern ihre Tarnung auffliegen lassen könnte. Banditen und Indianer lauern zudem in der Gegend an jeder staubigen Ecke. Ein Kopfgeld in Höhe von 10.000 Dollar ist bereits auf die Mörder der Unionssoldaten ausgesetzt.

Ein namhafter Fan

Viel mehr Ehre kann einem Film außerhalb der großen Preisverleihungen oder dem Erfolg an den Kinokassen kaum zuteilwerden: Im Jahr 1997 wurde „Die Grausamen“ als einer von 29 Filmen für das erste „Quentin Tarantino Film Festival“ in Austin, Texas von dem Kultregisseur höchstpersönlich ausgewählt. Tarantino führte dem Publikum des Festivals bis 2007 seine Lieblingsfilme vor. Dabei stammten die Kinokopien aus seinem Privatbesitz.

Es ist kein Geheimnis, dass Tarantino von den Filmen von Sergio Corbucci (1926–1990) maßgeblich geprägt wurde. Besonders „Django“ (1966) und „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968) zitierte er in seinen eigenen Western „Django Unchained“ (2012) und „The Hateful Eight“ (2015) fleißig.

Recycling mit internationaler Besetzung

„The Hellbenders“, so der US-Titel, ist einer von vier Western, die Sergio Corbucci zwischen seinen zwei oben genannten Klassikern inszenierte. Die Morrisons – der Familienname wurde offenbar nur in der deutschen Synchronfassung hinzugefügt – gehen äußerst skrupellos zu Werke. Beim Überfall werden die Unionssoldaten reihenweise niedergemäht und sicherheitshalber wird den Verletzten noch der Todesschuss hinterhergeschickt. Ein echtes Massaker! Dazu werden nach getaner Arbeit auch die Handlanger eiskalt erschossen. Sie seien nur auf das Geld scharf gewesen, äußert Vater Morrison nüchtern. Sie hätten nicht das größere Ziel vor Augen gehabt. Später schrecken sie auch nicht davor zurück, hilflose Menschen zu ermorden.

Ben (r.) sucht im Saloon nach einer geeigneten Nachfolgerin für Kitty

Joseph Cotten hatte eine ähnliche Rolle wie die des patriotischen Südstaatlers, der die Regierung stürzen und einen neuen Bürgerkrieg provozieren will, bereits im Italowestern „Die Trampler“ (1965) dargestellt, der auf dem Roman „Guns of North Texas“ von Will Cook basiert. Damals an Regie und Drehbuch beteiligt: Albert Band. Der Vater von „Full Moon“-Gründer Charles Band recycelte wohl auch einige Ideen aus Cooks Werk für „Die Grausamen“, bei dem er ebenfalls am Drehbuch mitschrieb und als Produzent tätig war.

Den Ruhm, den sich Joseph Cotten unter anderem durch sein Mitwirken in „Citizen Kane“ (1941) und „Der dritte Mann“ (1949) erarbeitet hatte, war Mitte der 1960er-Jahre schon langsam verblasst. Wie andere ehemalige Hollywood-Stars in dieser Zeit, verdingte er sich mit Filmproduktionen in Europa. Später drehte Cotten weitere Male in Italien, darunter „Gangster sterben zweimal“ (1968) und Mario Bavas „Baron Blood“ (1972). Sein Morrison ist ein von Hass zerfressener, ruchloser Patriot der übelsten Sorte. Nicht mal für seine Söhne scheint er Liebe zu empfinden, nur sein Land trägt er im Herzen. Eine eiskalte Performance von Joseph Cotten.

Auch die weitere Besetzung war international ausgerichtet. Ben, der einzig halbwegs sympathische und sensible unter den Brüdern (weil er eine andere Mutter hatte, wie sein Vater einmal abfällig betont), wird vom Spanier Julián Mateos verkörpert, der seinen wohl bekanntesten Auftritt an der Seite von Yul Brynner und Robert Fuller in „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“ (1966) hatte. Den Italiener Gino Pernice besetzte Corbucci bereits in „Django“. Der Spanier Ángel Aranda und die Brasilianerin Norma Bengell spielten ein Jahr zuvor gemeinsam in Mario Bavas „Planet der Vampire“ (1965). Schade, dass gerade Bengells clevere Figur Claire, die sich verbal, aber nicht physisch gegen die Morrisons behaupten kann, im Finale mehr oder weniger aufgrund einer Erkältung, die sie sich in einer regnerischen Nacht eingefangen hat, einfach aus dem Spiel genommen wird.

Die Filmmusik, in der in einigen Passagen Nunzio Rotondo solo die Trompete bläst, wurde von keinem Geringeren als Ennio Morricone komponiert, der allerdings in den Credits mit dem Pseudonym Leo Nichols verewigt ist.

Gefährliche Reise mit vielen Überraschungen

Wieder einmal wird in einem Werk von Sergio Corbucci die Handlung durch einen geheimnisvollen Sarg vorangetrieben, der sich im Schlepptau der Protagonisten befindet. Franco Nero offenbart als „Django“ erst spät den Inhalt des Holzkastens, den er hinter sich herzieht. „Die Grausamen“ erhält seine Spannung wiederum dadurch, dass der Inhalt des Sargs dem Zuschauer eigentlich bekannt ist, von außenstehenden Figuren aber immer wieder hinterfragt wird. Die Morrisons laufen also stets Gefahr, aufzufliegen.

Der Sheriff macht Jonas und seinen Söhnen das Leben schwer

Wie es ihnen gelingt, auf ihrer Reise von Texas über New Mexico bis jenseits des Hondo Rivers immer wieder in letzter Sekunde den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ist äußerst abwechslungsreich inszeniert. Das Drehbuch hat immer wieder neue Überraschungen auf Lager, um der mörderischen Familie Hindernisse in den Weg zu stellen. Und man fiebert mit ihnen mit, obwohl alle Familienmitglieder verachtenswert sind – mit der erwähnten Ausnahme des Sohns Ben, der sich zum Beschützer von Claire entwickelt.

Dieser Zwiespalt, dem die Zuschauerinnen und Zuschauer hier ausgesetzt sind, macht den Reiz von „Die Grausamen“ aus. Gleichzeitig wird auch gezeigt, zu welchem Wahn übertriebener Patriotismus führen kann. Kein weiterer Klassiker von Sergio Corbucci, dennoch ein kleiner, sehenswerter Italowestern, bei dem sich auch diejenigen bestens unterhalten fühlen werden, die dem Genre nicht unbedingt zugetan sind.

Quadratisch, praktisch, gut?

Koch Films hat uns leider nur die blanke Screener-Disc zur Rezension zur Verfügung gestellt. Gerade die Aufmachung der neuen „Western All’arrabbiata“-Reihe hat mich brennend interessiert. Deshalb habe ich mir die Edition, die exklusiv im labeleigenen Online-Shop verkauft wird, kurzerhand bestellt.

Die Hardcover-Box ist überraschend klein geraten. Das quadratische Format hat etwa die Größe einer CD-Hülle, ist nur etwas dicker. Wenn man den Deckel der Schachtel abnimmt, befindet sich darin ein gefaltetes Miniposter mit einem Plakatmotiv samt italienischem Titel, ein ebenfalls quadratisches Digipack mit der Blu-ray und DVD als auch ein 20-seitiges Booklet. Darin befinden sich lesenswerte Texte von unseren geschätzten Kollegen Marco Koch, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ und selbst Blogger auf Filmforum Bremen, sowie von „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Lars Johansen, der ebenfalls unter anderem als Redakteur beim „35 Millimeter“-Magazin tätig ist. Beiden Texten merkt man an, dass die Autoren über reichlich Fachwissen verfügen, wodurch diese Edition bereichert wird.

Claire will Ben auf ihre Seite ziehen

Koch Films gelang es auch, den Audiokommentar von Alex Cox zu lizenzieren, der auf der US-Veröffentlichung von Kino Lorber zu finden ist. Ein weiterer, englischsprachiger Kommentar – von Troy Howarth – wurde ebenfalls wie das Interview mit dem damaligen Regieassistenten und späteren Kultregisseur Ruggero Deodato („Nackt und zerfleischt“, „Das Concorde Inferno“) offenbar neu aufgenommen. Das HD-Bild überzeugt zum Großteil, die deutsche Synchronisation wechselt nur in wenigen kurzen Szenen in die Originaltonspur mit Untertiteln. Die Audiokommentare sind leider beide nicht untertitelt.

Das ungewöhnliche Format der „Western All’arrabbiata“-Reihe gefällt mir gut – gerade Leute wie ich, die kaum noch Platz in den Filmregalen haben, dürften hier aufatmen. Die Schachteln passen in fast jede Lücke. Weitere Boxen kann man gut stapeln oder wie üblich Spine-an-Spine nebeneinanderstellen. Ich bin gespannt, welche weiteren Italowesterntitel die Köche uns bald innerhalb der neuen Edition noch servieren werden!

Die Titel der „Western All’arrabbiata“ von Koch Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sergio Corbucci haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joseph Cotten unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. Mai 2022 als 2-Disc Edition Digipack (Blu-ray & DVD) in einer quadratischen Hardcover-Box (exklusiv erhältlich im Koch Films Online-Shop)

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: I Crudeli
US-Titel: The Hellbenders
IT/SP 1967
Regie: Sergio Corbucci
Drehbuch: Albert Band, Ugo Liberatore, Jose G. Maesso
Besetzung: Joseph Cotten, Norma Bengell, Julián Mateos, Gino Pernice, Ángel Aranda, Claudio Gora, María Martín, Ennio Girolami
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Filmhistoriker Troy Howarth, Audiokommentar von Filmemacher Alex Cox, Interview Filmemacher Ruggero Deodato (22:27 Min.), Super-8-Fassung (18:25 Min.), Deutscher Vorspann (2:34 Min.), Italienischer Vorspann (2:36 Min.), Bildergalerie, italienischer und englischer Trailer, 20-seitiges Booklet mit Texten von Marco Koch und Lars Johansen, Miniposter
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2022 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & untere Packshots: © 2022 Koch Films

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Die Grausamen – Ein Sarg voller Dollar

  1. Christoph Wolf

    2022/07/04 at 19:39

    Ui, ein Pflichtkauf!

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

 
%d Bloggern gefällt das: