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Das Kommando – Kurz vor James Bond falsch abgebogen

30 Jun

Who Dares Wins

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Die seinerzeit auch in der Bundesrepublik Deutschland sehr populäre englische Krimiserie „Die Profis“ (1977–1983) machte Lewis Collins zum Star. Eine Weile sah es so aus, als könne er nach höheren Weihen streben. Sogar als James Bond war er im Gespräch. Weshalb der Aufstieg zum Topstar nicht geklappt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht verhinderten seine Engagements in billigen Actionstreifen wie „Geheimcode Wildgänse“ (1984) und „Kommando Leopard“ (1985) die große Karriere. Collins starb 2013 im Alter von 67 Jahren nach langer Krebserkrankung.

In „Das Kommando“ spielt er Peter Skellen, Captain der Special Air Service (SAS), einer Spezialeinheit der britischen Armee. Zu Beginn des Actionthrillers zieht eine Demonstration der Friedensbewegung durch London und skandiert ihr Verlangen nach atomarer Abrüstung. Ein Attentäter mit einer Armbrust tötet einen prominenten Aktivisten. Ein großer Anschlag wird befürchtet. Aber wann, wo und auf wen?

Auftritt Captain Skellen, dem auf einem Trainingsgelände der SAS Captain Hagen (Bob Sherman) von den US Army Rangers und Captain Freund (Albert Fortell) von der bundesdeutschen GSG 9 vorgestellt werden, die sich dem Training anschließen wollen. Anderntags schlägt Skellen bei einer Übung in Wales über die Stränge, lässt die beiden ausländischen Gäste fesseln und verprügelt sie. Das führt zu seiner unehrenhaften Entlassung aus der SAS, doch schnell stellt sich heraus, dass Skellens Abgang fingiert war. Er soll sich als verdeckter Ermittler einer Terrorzelle anschließen, die eine große Sache plane. Es gelingt dem glücklich mit Jenny (Rosalind Lloyd) verheirateten Vater einer kleinen Tochter (Briony Elliott), mit Frankie Leith (Judy Davis) Kontakt aufzunehmen, der Führerin der Gruppe. Mit der Terroristin landet er zügig im Bett. Frankies Kumpan Rod Walker (John Duttine) hingegen bleibt misstrauisch. Die Terroristen haben zur Tarnung eine Friedensgruppierung namens „People’s Lobby“ unterwandert. Frankie heuert Skellen als eine Art Sicherheitsberater an. Obwohl er ihr Vertrauen gewinnt, gelingt es ihm nicht, herauszufinden, worin der geplante Terrorakt besteht.

Inspiriert von der Geiselnahme in London 1980

„Who Dares Wins“, zu deutsch „Wer wagt, gewinnt“, lautet nicht nur der Originaltitel von „Das Kommando“, sondern auch das Motto der SAS. Die hatte 1980 mit ihrer Befreiungsaktion der Geiseln in der iranischen Botschaft in London weltweite Aufmerksamkeit erlangt. Das Ereignis inspirierte den Filmproduzenten Euan Lloyd zu seiner Idee für den Film – er lebte zu dem Zeitpunkt in der Nähe der Botschaft und bekam Geiselnahme und Befreiung als Zaungast mit.

SAS übernimmt die Action gleich selbst

Mitglieder der SAS fungierten als Berater am Set, speziell für den großen Showdown. Als der gedreht werden sollte, boten die Soldaten kurzerhand an, die Action-Parts der SAS-Leute darstellenden Stuntmen selbst zu übernehmen. So geschah es dann auch! Die explosiven Actionsequenzen des Films entsprechen dem gehobenen Niveau des 80er-Actionkinos und sind auch heute noch mit Genuss zu schauen.

Mit den Hollywoodstars Richard Widmark und Robert Webber

Die britisch-schweizerische Koproduktion wartet sogar mit Hollywood-Prominenz auf: Richard Widmark („Zwei ritten zusammen“, „Der Weg nach Westen“) tritt im letzten Drittel als US-Außenminister Arthur Currie in Erscheinung. Ebenso Robert Webber („Das dreckige Dutzend“, „Schlacht um Midway“) als amerikanischer General Ira Potter. Immer wieder gern gesehen ist auch Ingrid Pitt („Agenten sterben einsam“), die sich dank ihrer Mitwirkung in Filmen wie „Comtesse des Grauens“ (1971) und „The Wicker Man“ (1973) speziell unter Horrorfans einen Namen gemacht hat. Hier gibt sie die skrupellose deutsche Terroristin Helga, die Skellen von Anfang an misstraut. Die Figur hätte mehr Bildschirmzeit verdient gehabt.

Ronald Reagan war ganz angetan

„Das Kommando“ hatte einen prominenten Fan: Dem Vernehmen nach ließ sich der damalige US-Präsident Ronald Reagan eine Kopie zukommen und war von dem Film sehr angetan. Das überrascht nicht, transportiert das Werk doch eine ähnlich reaktionäre Haltung, wie sie auch Reagan verkörperte. Danach sei etwa die Friedensbewegung von extremistischen Kräften unterwandert. Die Ideologie der linken Terrorgruppe wirkt alles andere als durchdacht, sie plant eine monströse Tat nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“. Ob dies nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, spielt dabei keine Rolle. Nicht, dass man linksextremistischen Terroristen kein gehöriges Maß an Verblendung zutrauen kann (die Zeitgeschichte der 70er und 80er hat dies hinlänglich bewiesen), aber die Chuzpe dieser Gruppierung ist doch bemerkenswert. Kaum zu glauben auch, dass sie mit ihrem Vorhaben strategisch durchkommt, lässt sich doch sogar die Chefin vom erstbesten, angeblich aus der SAS hinausgeworfenen Charmeur um den Finger wickeln. Die später zweimal für den Oscar nominierte Judy Davis („Reise nach Indien“, „Ehemänner und Ehefrauen“) erweist sich zwar als Glücksgriff in dieser Rolle, da sie politischen Fanatismus und weibliche Leidenschaft gleichermaßen zu verkörpern in der Lage ist und ihr Blick einen in den Bann zieht; gleichwohl müssen wir Zuschauer hinnehmen, dass sie auf Captain Skellen einfach reinfällt.

Englische Blu-ray von Arrow Video

Zur Ehrenrettung von „Das Kommando“ lässt sich anführen, dass ein kleiner Subplot um die Finanzierung der terroristischen Aktivität die Story durchaus differenzierter erscheinen lässt, als es die ansonsten konservative Ausrichtung erwarten lässt. Das große Geld zieht im Hintergrund die Fäden und manipuliert die verblendeten Idealisten – ein fast schon linksrevolutionärer Drehbucheinfall (glücklicherweise lässt der Mann mit dem Geldkoffer keine antisemitische Deutung zu, was auch denkbar wäre). Im Mittelteil wirkt die Dramaturgie nicht immer rund. Zwischendurch geht es etwas dialoglastig zu, aber speziell in der englischen Originaltonspur sind die Gespräche sehr ausgefeilt geraten – das Zuhören in einigen Rededuellen bringt Freude. Da ich lediglich die vorzügliche englische Blu-ray von Arrow Video mein Eigen nenne, auf der die deutsche Synchronisation nicht enthalten ist, kann ich über die deutsche Tonspur keine Aussagen machen.

Etwas fragwürdig erscheint mir die Nonchalance, mit der Captain Skellen den Weg als verdeckter Ermittler über das Bett der Terroristenführerin einschlägt, obwohl er doch glücklich verheiratet ist. Er vermisst seine Frau während seiner Abwesenheit auch so sehr, dass er sie einmal heimlich trifft (übrigens ein Risiko, das er als die Spitzenkraft, als die er charakterisiert wird, nicht eingehen dürfte, Liebe hin oder her). Der Film stellt es als selbstverständlich dar, dass Skellen seine Frau betrügt, wenn auch für einen womöglich hehren Zweck. Er lernt auch nichts aus der doch privat und beruflich mehr als heiklen Situation, die an sich genug Aufhänger bietet, ihn zum Überdenken seines Daseins zu veranlassen. Bin ich hier zu sehr Moralist?

Politisch fragwürdig, aber als Actionthriller top

„Darf man den Film heute nun nicht mehr schauen, weil er politisch nicht korrekt oder zu rechtslastig ist?“ Eine sich an Fragen wie dieser entlanghangelnde Debatte tobt seit einiger Zeit im Filmsektor. Die Antwort lautet: Natürlich darf man „Das Kommando“ schauen, und man darf sogar Spaß dabei haben. Wer sollte es einem auch verbieten? Ich jedenfalls hatte damals wie heute meinen Spaß. Als Teenager in den 80ern fehlte mir das Urteilsvermögen, um die inhaltlich kritikwürdigen Aspekte einzuordnen, aber meine jüngste Sichtung anlässlich dieser Rezension hat mir ebenso Freude gemacht. Nur: Will ich einen Film in seiner Gesamtheit würdigen, so ist es unerlässlich, eben auch solche Aspekte in die Betrachtung einfließen zu lassen. Ebenso legitim ist es, „Das Kommando“ rein als Actionthriller zu goutieren und sich nicht um Kritikpunkte zu scheren.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ingrid Pitt haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Lewis Collins, Robert Webber und Richard Widmark unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 31. Juli 2020 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD, 23. April 2013 als Blu-ray und DVD der Reihe „Cinema Treasures“, 30. Mai 2005 als DVD

Länge: 125 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel (nur 2020): Deutsch, Englisch
Originaltitel: Who Dares Wins
US-Titel: The Final Option
CH/GB 1982
Regie: Ian Sharp
Drehbuch: Reginald Rose, nach dem Roman „The Tiptoe Boys“ von James Follett
Besetzung: Lewis Collins, Judy Davis, Richard Widmark, Edward Woodward, Robert Webber, Ingrid Pitt, Tony Doyle, John Duttine, Kenneth Griffith, Rosalind Lloyd, Norman Rodway, Maurice Roëves, Bob Sherman, Albert Fortell, Mark Ryan, Patrick Allen, Briony Elliott
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Produzent Euan Lloyd, Regisseur Ian Sharp und Darstellerin Rosalind Lloyd, Trailer, Trailershow, Wendecover, nur Mediabook: „The Electric Theatre Show“ (10 Min.), „The Last of the Gentleman Producers“ (37 Min.)
Label 2020: Nameless Media
Vertrieb 2020: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb 2013/2005: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Packshot Mediabook: © 2020 Nameless Media, Packshot Blu-ray & DVD: © Ascot Elite Home Entertainment

 

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