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Archiv für den Monat Juli 2022

Zum 75. Geburtstag von Arnold Schwarzenegger: Total Recall – Die totale Erinnerung: War ich nun auf dem Mars oder nicht?

Total Recall

Von Volker Schönenberger

SF-Action // Im Jahr 2084 ist der Mars von Menschen besiedelt worden. Unter der Leitung des despotischen Vilos Cohaagen (Ronny Cox) wird dort das begehrte Turbinium-Erz abgebaut. Cohaagen muss sich gegen Rebellen zur Wehr setzen, die nicht vor Gewalt zurückschrecken. Derweil träumt der Bauarbeiter Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) auf der Erde immer wieder vom Mars und einer Brünetten, mit der er auf dem roten Planeten Erlebnisse teilt. Dabei ist er doch seit acht Jahren mit der attraktiven Blondine Lori (Sharon Stone) verheiratet!

Falsche Erinnerung legt eine verborgene frei

Ein Werbesport im ÖPNV verleitet Doug dazu, das Unternehmen Rekall aufzusuchen. Dort implantiert man Kunden, die sich den Trip nicht leisten können oder wollen, falsche Erinnerungen an eine Reise nach ihren Wünschen. Doug wählt – natürlich – den Mars, und aus den diversen Optionen entscheidet er sich für die Erinnerung an eine Mission als Geheimagent. Selbst die Erinnerung an eine weibliche Begleiterin darf er sich zusammenstellen, er entscheidet sich für eine athletische, ernsthafte Brünette. Doch beim Einpflanzen geht etwas schief. Die Prozedur stößt auf tief in seinem Gehirn verborgene Erinnerungen. Doug war schon einmal auf dem Mars!

Einmal mehr kurios: das Urteil des Lexikons des internationalen Films. Über „Total Recall – Die totale Erinnerung“ schrieb die Filmpublikation der Katholischen Filmkommission für Deutschland seinerzeit: Seine tricktechnischen Leistungen sind die einzige Originalität des inhaltlich epigonalen und uninspirierten Films, der die wirre Erlösergeschichte um falsche Identitäten lediglich ausbreitet, um eine rabiate Action-Maschinerie zu entfesseln. Immerhin erkennen die Katholiken die tricktechnischen Leistungen des Films an. Die wissen in der Tat zu beeindrucken. Was wir hier auf der Erde und insbesondere dem Mars an visuellen Spezialeffekten zu sehen bekommen, war 1990 State of the Art und gefällt auch heute noch, auch wenn man ihnen die Entstehungszeit ansieht. Das positive Urteil gilt auch für die Make-up-Effekte und Animatronics, denn auf dem Mars und speziell dem Vergnügungsviertel Venusville tummeln sich Mutanten, die sehr liebevoll gestaltet sind. Die Prostituierte Mary mit den drei Brüsten hat es zum Ikonenstatus gebracht, um ein Beispiel zu nennen. Dabei ist anzumerken, dass sich die Darstellerin Lycia Naff beim Dreh der Szenen, in denen sie ihren Oberkörper entblößte, sehr unwohl und herabgewürdigt fühlte, auch wenn sie nicht ihre echten Brüste zeigen musste. Sie verweigerte daraufhin jegliche Teilnahme an der Promotion des Films. Mary mag in erster Linie als visuelles Gimmick für den männlichen Teil des Filmpublikums dienen, aber es treten auch Mutanten in Erscheinung, die die Handlung vorantreiben.

Rabiate Action-Maschinerie? Sicher das!

Wie man auf den Gedanken kommen kann, „Total Recall – Die totale Erinnerung“ sei „inhaltich epigonal und uninspiriert“, wird wohl das Geheimnis des Verfassers oben zitierter Zeilen bleiben. Paul Verhoevens Werk sprüht vor Einfallsreichtum und Originalität, in der Hinsicht (und sowieso) muss es sich vor den besten Science-Fiction-Filmen der 80er- und 90er-Jahre und anderen Dekaden sicher nicht verstecken. Hier ist überhaupt nichts uninspiriert! Und wer eine „wirre Erlösergeschichte um falsche Identitäten“ anprangert, hat wohl einfach bei diversen erläuternden Szenen um Douglas Quaid nicht aufgepasst. Gerade das Spiel mit Quaids Identität macht ein Gutteil der Faszination aus und liefert den einen oder anderen „What the Fuck“-Moment. Wir bewegen uns hier im Bereich der Wahrnehmung von Realität und der Frage, wie wir Menschen über unsere Umgebung und unser Dasein getäuscht werden können. Dies setzt der Film vorzüglich um. Was die „rabiate Action-Maschinerie“ angeht, hat das Lexikon des internationalen Films sicher recht. Aber: Was spricht gegen eine rabiate Action-Maschinerie? Eben. Ich hätte auch nichts gegen eine Veröffentlichung inklusive der damals für das X-Rating in den USA gekürzten zusätzlichen Gewalt- und Splatterszenen, aber dazu wird es wohl nie kommen.

Paul Verhoeven ist es sogar gelungen, bei all der Action stets die Geschichte voranzutreiben. Als Verfolger von Quaid agiert Cohaagens Mann fürs Grobe: Richter, dessen Darsteller Michael Ironside („Scanners – Ihre Gedanken können töten“) Verhoeven 1997 auch in seiner bissigen SF-Satire „Starship Troopers“ besetzte. Als Brünette aus Quaids Träumen entpuppt sich Melina (Rachel Ticotin, „Con Air“).

Erfolg an den Kinokassen

Der niederländische Regisseur war 1985 im Anschluss an die Fertigstellung des Historien-Abenteuers „Flesh + Blood“ von Europa in die USA übergesiedelt. Seine erste Hollywood-Regiearbeit „RoboCop“ (1987) hatte wie eine Bombe eingeschlagen und war von Moralhütern und Teilen der Filmkritik aufgrund der drastischen Gewaltdarstellung skandalisiert worden. Verhoevens in Mexiko entstandene folgende Regiearbeit „Total Recall“ toppte den Erfolg von „RoboCop“, spielte an den weltweiten Kinokassen bei einem gegenüber dem Vorgänger zugegeben signifikant höheren Budget von 65 Millionen US-Dollar mehr als 260 Millionen Dollar ein. Der Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films in den USA war das Werk 1991 die Saturn Awards als bester Science-Fiction-Film und für die besten Kostüme wert. In jenem Jahr wurde aus mir unbekannten Gründen der Oscar für die visuellen Spezialeffekte nicht vergeben. Dafür erhielt „Total Recall“ einen „Special Achievement Award“ für die visuellen Effekte. Ton und Tonschnitt waren für den Oscar nominiert, den Academy Award für den Ton gewann aber „Der mit dem Wolf tanzt“, den für den Tonschnitt „Jagd auf Roter Oktober“.

Nach einer Vorlage von Philip K. Dick

Mit „Total Recall“ adaptierte Verhoeven die im April 1966 in „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ erstveröffentlichte Kurzgeschichte „We Can Remember It For You Wholesale“ („Erinnerungen en gros“) von Philip K. Dick. Die Drehbuchautoren nahmen sich dabei einige Freiheiten. So tauchen diverse Figuren des Films in der Vorlage gar nicht auf und die Geschichte endet völlig anders als der Film. Das schadet „Total Recall“ allerdings überhaupt nicht, da dessen Skript Douglas Quaid einen ganz anderen Weg einschlagen lässt als der Verlauf der Handlung der Kurzgeschichte (dort heißt der Protagonist Douglas Quail, was für den Film womöglich aufgrund des damaligen US-Vizepräsidenten Dan Quayle geändert wurde). Philip K. Dick gilt im Übrigen als einer der visionärsten Science-Fiction-Schriftsteller überhaupt. Von ihm stammen unter anderem die Vorlagen zu Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982), Steven Spielbergs „Minority Report“ (2002), John Woos „Paycheck – Die Abrechnung“ (2003) und Richard Linklaters „A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm“ (2006).

Sowohl der visuelle Einfallsreichtum als auch das clever aufgezogene Verwirrspiel um Douglas Quaids Identität prädestinieren „Total Recall – die totale Erinnerung“ dafür, mehrfach angeschaut zu werden. Ein paar Mal sind es bei mir mittlerweile geworden, beginnend 1990 mit dem Kinobesuch, und auch die jüngste Sichtung anlässlich dieses Textes war mit ihren fast schon kitschigen Farben und dem hymnischen Score von Oscar-Preisträger Jerry Goldsmith („Das Omen“) wieder ein großes Vergnügen. Nach zwischenzeitlicher Restaurierung liegt das Werk nun auch in hervorragender hochauflösender Qualität vor (mir reicht die Blu-ray völlig aus, wer es noch schärfer mag, kann mittlerweile auch aufs UHD-Format zugreifen). Nach der 1991 erfolgten Indizierung des in den deutschen Kinos mit FSK 18 gelaufenen Films kursierte er zwischenzeitlich in gekürzten FSK-16-Versionen auf VHS und DVD. Im Anschluss an die 2011er-Listenstreichung erfolgte die Herabstufung der ungekürzten Fassung auf FSK 16, wobei die eine oder andere seitdem veröffentlichte Blu-ray oder DVD aufgrund nicht neu geprüften Bonusmaterials noch mit FSK 18 ausgezeichnet ist.

Colin Farrell oder Arnold Schwarzenegger?

Die wiederum sehr frei gehaltene 2012er-Neuverfilmung von Len Wiseman („Underworld“) mit Colin Farrell in der Rolle der Schwarzenegger-Figur ist weniger bunt als Verhoevens Werk, sondern kommt in einem düster-dystopischen Look daher. Es mangelt ihr auch am Augenzwinkern des Vorgängers. Sie mag ihre Qualitäten und Fans haben, aber da sie mich bei meiner bislang einzigen Sichtung kaum berührt hat, werde ich es dabei belassen. „Total Recall – Die totale Erinnerung“ hingegen hat einen Ehrenplatz in meiner Science-Fiction-Filmsammlung und ich werde mich sicher mal wieder daran erfreuen. Ein Klassiker, der zu den Karrierehöhepunkten von Arnold Schwarzenegger zu zählen ist, auch wenn Arnies bisweilen etwas hölzerne Körpersprache und seine ebensolchen Dialoge hier ebenfalls nicht zu leugnen sind (seine Personalie mag der Grund sein, weshalb „Total Recall“ bei manchen Filmkennern nicht den gebührenden Status genießt). Der am 30. Juli 1947 in Thal in der Steiermark (Österreich) geborene Schauspieler, Ex-Bodybuilding-Champion und Ex-Gouverneur von Kalifornien feiert 2022 seinen 75. Geburtstag. Seinen beeindruckenden Werdegang habe ich in meinem Text zu Roger Spottiswoodes ebenfalls in einer hochtechnisierten Zukunft angesiedelten „The 6th Day“ (2000) Revue passieren lassen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Verhoeven haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Sharon Stone unter Schauspielerinnen, Filme mit Michael Ironside und Arnold Schwarzenegger in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 6. Mai 2021 als UHD Blu-ray, 19. November 2020 als UHD Blu-ray im Steelbook, Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD, 6. Dezember 2018 und 21. Juli 2016 als Blu-ray und DVD, 2. Oktober 2013 als Blu-ray in der „Double Up Collection“ (mit „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“), 17. Dezember 2012 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, auf 1.000 Exemplare limitiert), 9. August 2012 als Blu-ray in der Ultimate Rekall Edition und DVD, 15. Juli 2010 als Special Edition Blu-ray, 17. Juni 2010 als Blu-ray im Steelbook und gekürzte Blu-ray, 10. Oktober 2008 als Blu-ray, 3. April 2007 als DVD im Steelbook, 21. April 2006 als gekürzte DVD, 11. Januar 2005 als 3-Disc Special Edition DVD, 14. November 2008 als DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 111 Min. (Blu-ray, gekürzt), 109 Min. (DVD), 106 Min. (DVD, gekürzt)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (z. T. weitere)
Untertitel: Deutsch, Englisch (z. T. weitere)
Originaltitel: Total Recall
USA/MEX 1990
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Ronald Shusett, Dan O’Bannon, Gary Goldman, nach der Kurzgeschichte „We Can Remember It For You Wholesale“ („Erinnerungen en gros“) von Philip K. Dick
Besetzung: Arnold Schwarzenegger, Rachel Ticotin, Sharon Stone, Ronny Cox, Michael Ironside, Marshall Bell, Mel Johnson Jr., Michael Champion, Roy Brocksmith, Rosemary Dunsmore, David Knell, Alexia Robinson, Dean Norris, Debbie Lee Carrington, Lycia Naff
Zusatzmaterial (nicht in allen Editionen): Audiokommentar von Arnold Schwarzenegger und Paul Verhoeven, Audiokommentar von Kameramann Jost Vacano und Marko Kregel, „Total Excess – Wie Carolco Hollywood veränderte“ (59:22 Min.), „Open Your Mind – Die Filmmusik“ (21:24 Min.), „Dreamers within the Dream – Die Entstehung von Total Recall“ (8:26 Min.), Trailer zur 4K-Veröffentlichung, „Die Spezialeffekte von Total Recall“ (23:15 Min.), Interview mit Paul Verhoeven (34:47 Min.), Making-of (8:03 Min.), Interview mit dem Filmteam (30:12 Min.), Interview mit dem Science-Fiction-Experten Stéphane Bourgoin (9:09 Min.), Vision vom Mars (5:27 Min.), virtuelle Ferien (6:29 Min.), Vergleich: Die Restaurierung – vorher und nachher (5:13 Min.), Interview mit M. Hildebrand und G. Mignotte (Kaméléon Studios) über die Spezialeffekte (16:26 Min.), Konzeptzeichnungen, Storyboards, Trailer, Fotogalerie, 16-seitiges Booklet (nur Mediabook), 8-seitiges Booklet mit Produktionsnotizen (nur Ultimate Rekall Edition), Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment (zum Teil Kinowelt)

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Untere drei Packshots: © Studiocanal Home Entertainment

 
 

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Zum 75. Geburtstag von Arnold Schwarzenegger: The 6th Day – Der geklonte Arnie

The 6th Day

Von Volker Schönenberger

SF-Action // Der sechste Tag ist der Tag der biblischen Schöpfungsgeschichte, an welchem Gott die Landtiere und den Menschen schuf. Auch in „The 6th Day“ von Roger Spottiswoode („James Bond 007 – Der Morgen stirbt nie“) werden Menschen erschaffen – wieder und wieder. Allerdings nicht nach Gottes Abbild, sondern nach ihrem eigenen. Es sind Klone.

Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft – näher als wir denken, wie in einer Einblendung zu lesen ist, und zwar im Jahr 2015, wie Arnold Schwarzenegger später verraten hat. Er spielt den Hubschrauberpiloten Adam Gibson, der mit seinem Geschäftspartner und Freund Hank Morgan (Michael Rapaport) ein Charterunternehmen für Helikopterflüge führt. Die Klontechnik ist weit fortgeschritten. So lassen sich eingeschläferte Haustiere bei „RePet“ neu anschaffen. Der Versuch, einen Menschen zu klonen, hatte vor Jahren entsetzliche (nicht näher spezifizierte) Auswirkungen, weshalb das Klonen von Menschen unter Androhung langer Haftstrafen streng verboten ist. Eines Abends kehrt Adam nach Hause zurück, um mit seiner Frau Natalie (Wendy Crewson), seiner Tochter Clara (Taylor Anne Reid) und einigen Gästen Claras Geburtstag zu feiern. Drinnen ist die Party bereits im Gang. Adam schaut durchs Fenster – und erblickt sich selbst.

Arnie trifft auf Arnie

„The 6th Day“ ist clever aufgezogen und nutzt das Klonthema weidlich für schöne Szenen. Logisch, dass Arnold Schwarzeneggers Adam Gibson (Original) und Adam Gibson (Klon) beizeiten aufeinandertreffen. Irgendjemand klont also trotz eindeutiger Gesetzeslage Menschen. Der doppelte Gibson liefert dafür den Beweis, also muss einer von ihnen verschwinden. Schon findet sich der Familienvater in einer handfesten Verschwörung wieder, gegen die er sich mit brachialen Mitteln zur Wehr setzt, wie wir das von Arnold Schwarzenegger kennen. Der Gute wird von seinerseits wiederholt geklonten Häschern (darunter Michael Rooker) gejagt, was für ein paar feine Aha-Momente sorgt, die hier nicht näher ausgeführt werden sollen. Nach einiger Zeit tritt die Science-Fiction-Story zugunsten der Action in den Hintergrund. Das Potenzial der Klone wird somit trotz der einen oder anderen interessanten Wendung nicht ausgereizt, dafür kommt die Komik zu ihrem Recht. Als wohlmeinender, aber letztlich doch skrupelloser Wissenschaftler Dr. Griffin Weir ist obendrein Robert Duvall zu sehen, der jeden Film adelt.

Travolta schnappt ihm die Himbeeren weg

Arnold Schwarzenegger wurde 2001 für gleich drei Goldene Himbeeren nominiert: als schlechtester Hauptdarsteller (Original), schlechtester Nebendarsteller (Klon) und schlechtestes Leinwandpaar (Original und Klon). Das erscheint unfair, aber die Veranstalter dieser Antipreisverleihung hatten damals eben Actionstars wie Schwarzenegger und Sylvester Stallone auf dem Kieker. Der Kelch ging allerdings an Arnie vorbei, weil es das Jahr von John Travoltas unsäglichem Scientology-Schmonzes „Battlefield Earth“ war. An den Klassikerstatus des zehn Jahre älteren „Total Recall – Die totale Erinnerung“ (1990) kommt „The 6th Day“ nicht heran, die Messlatte ist aber auch arg hoch. Solide SF-Action liefert Roger Spottiswoode mit dem Film allemal ab.

Von der Steiermark nach Kalifornien

Die politische Laufbahn des am 30. Juli 1947 in der Marktgemeinde Thal in der Steiermark in Österreich geborenen Arnold Schwarzenegger vermag ich nur oberflächlich einzuordnen. 1990 ernannte ihn der damalige US-Präsident George Bush zum Vorsitzenden des nationalen Rats für Fitness und Sport. 2003 trat der gemäßigte Republikaner Schwarzenegger in Kalifornien zur Wahl des Gouverneurs an, die er recht deutlich gewann. 2006 wurde er für eine zweite und letzte Amtszeit gewählt, sodass er im Januar 2011 als Gouverneur abgelöst wurde. Während seiner Amtszeit stand er wegen fragwürdiger Posten- und Auftragsvergabe, einer verschärften Einwanderungspolitik sowie seiner strikten Haltung zur Todesstrafe in der Kritik. Immerhin setzte er sich für mehr Umweltschutz ein, ein Engagement, das Schwarzenegger bis heute fortsetzt.

Der erfolgreichste Bodybuilder überhaupt

Der Steirer machte bereits als Kind mit großem sportlichen Einsatz von sich reden. Als Teenager begann er mit Bodybuilding, in dieser Sportart wurde er im Lauf der Jahre zum erfolgreichsten Athleten weltweit. 1967 gewann er im Alter von 19 Jahren als Amateur erstmals den Titel des Mr. Universum – als jüngster Titelträger überhaupt. 1968 gewann er zum zweiten Mal, nun als Profi, insgesamt wurde er fünfmal mit diesem Titel gekürt, sogar siebenmal mit dem prestigeträchtigeren Mr. Olympia. Hinzu kommen weitere Bodybuildingtitel wie Mr. International (1969), Mr. Europe (1966 und 1969) und Mr. World (1970).

Da verwundert es nicht, dass Schwarzenegger seine filmische Laufbahn mit Sportfilmen begann. In dem allerdings allgemein verrissenen „Hercules in New York“ (1969) spielte er den Titelhelden, den griechischen Halbgott, der nach New York City kommt und dort als Ringer und Kraftsportler auf sich aufmerksam macht. Die Sportkomödie „Mr. Universum“ (1976, Originaltitel: „Stay Hungry“) zeigt ihn als – na klar – Bodybuilder an der Seite von Jeff Bridges und Sally Field. Dafür gab es 1977 sogar einen Golden Globe als bester Filmdebütant.

Weltruhm als Conan und Terminator

Ab den 1980er-Jahren gesellt sich zum Weltruhm als Bodybuilder dann auch der Weltruhm als Hollywood-Star. „Conan – Der Barbar“ bildet 1982 den Auftakt, zwei Jahre später gefolgt von „Terminator“ (1984). Trotz schauspielerischer Limitierung schwingt er sich in jener Dekade zum größten Action-Star überhaupt auf. Damals kamen all diese teils sehr brachialen und politisch nicht immer korrekten Streifen ins Kino, etwa „Phantom Kommando“ (1985), in welchem Arnie als Ein-Mann-Armee John Matrix zu sehen ist und allen Schurken zeigt, wo der Hammer hängt.

Welch Filmografie!

John McTiernans „Predator“ (1987), die Stephen-King-Verfilmung „Running Man“ (1987), Walter Hills Buddy-Movie „Red Heat“ (1988), Paul Verhoevens herausragende SF-Action „Total Recall – Die totale Erinnerung“ und natürlich James Camerons „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991) – damals hatte Schwarzenegger ein gutes Händchen bei der Rollenwahl. Im Anschluss an „Last Action Hero“ (1993) von erneut McTiernan und „True Lies – Wahre Lügen“ (1994) von erneut Cameron wurden die ikonischen Auftritte weniger, zumal nach der Jahrtausendwende Schwarzeneggers politische Ambitionen in den Vordergrund traten.

Einmal Terminator, immer Terminator

Mittlerweile hat der Gute seine politische Karriere an den Nagel gehängt, nimmt sich aber die Freiheit, über die Sozialen Medien Videos mit Kommentaren zu politischen oder gesellschaftlichen Themen zu verbreiten – meist recht scharfsinnige, bei denen er mit deutlichen Worten den Finger in die Wunde legt. Er dreht auch wieder, ist beispielsweise mit „Terminator – Genisys“ (2015) und „Terminator – Dark Fate“ (2019) der Erfolgsreihe treu geblieben. Ob er in „The Legend of Conan“ tatsächlich noch einmal in die Rolle des titelgebenden Barbaren schlüpfen wird, bleibt aber abzuwarten. Am heutigen 30. Juli 2022 feiert Arnold Schwarzenegger seinen 75. Geburtstag. Eine Ikone.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Robert Duvall, Michael Rapaport, Michael Rooker und Arnold Schwarzenegger haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 24. April 2008 als Blu-ray und DVD, 12. Juni 2001 als DVD

Länge: 124 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur Blu-ray: Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Originaltitel: The 6th Day
USA 2000
Regie: Roger Spottiswoode
Drehbuch: Cormac Wibberley, Marianne Wibberley
Besetzung: Arnold Schwarzenegger, Michael Rapaport, Tony Goldwyn, Michael Rooker, Robert Duvall, Wanda Cannon, Sarah Wynter, Wendy Crewson, Rodney Rowland, Terry Crews, Ken Pogue, Colin Cunningham, Taylor Reid, Jennifer Gareis, Don McManus, Steve Bacic, Christopher Lawford, Mark Brandon, Ellie Harvie
Zusatzmaterial: separate Tonspur (Soundtrack) mit Kommentar des Komponisten Trevor Rabin, Dokumentation „Die Zukunft beginnt heute“ (15:26 Min.), Am 6. Tag: „Die andere Art zu fliegen“ (4:43 Min.), „Sim Pal Cindy“ (7:48 Min.), „Die Kunst der Verfolgungsjagd“ (6:03 Min.), „Über den Klippen“ (3:29 Min.), „Virtuelle Freundin“ (4:30 Min.), „Im Zuchtbecken“ (6:36 Min.), „Freier Fall“ (3:19 Min.), „Detonation“ (3:45 Min.), „Verbessertes Aussehen“ (8:09 Min.), Storyboard-Vergleich: „Verfolgungsjagd per Auto“ (4:10 Min.), „Hubschrauber-Crash“ (1:22 Min.), „Zuchtbecken der Klone“ (2:24 Min.), Werbung (2:36 Min.), Fernsehspot (0:46 Min.), Animatics-Dokumentation „Verschneite Berge“ (2:44 Min.) und „Auf dem Dach“ (3:30 Min.), Filmografien, Trailershow
Label/Vertrieb 2008: Sony Pictures Entertainment
Label/Vertrieb 2001: Columbia TriStar

Copyright 2022 by Volker Schönenberger
Blu-ray-Packshot: © 2008 Sony Pictures Entertainment

 

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Everything Everywhere All at Once – Mein sonderbarer Waschsalon und das Multiversum

Everything Everywhere All at Once

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Die Waschsalonbesitzerin Evelyn Wang (Michelle Yeoh) ist im Stress: Ihr kleines kalifornisches Unternehmen läuft nicht so rund wie die Waschtrommeln, die es am Leben erhalten. Ihr gerade aus Hongkong eingetroffener Vater (James Hong) verlangt ihr einiges ab, und ihre Tochter Joy (Stephanie Hsu, „The Marvelous Mrs. Maisel“) möchte beim in Kürze anstehenden chinesischen Neujahrsfest der Familie gern ihre Freundin Becky (Tallie Medel) vorstellen – doch Evelyn hat Angst, ihr Vater könne eine lesbische Enkeltochter missbilligen. Noch hat die Kleinunternehmerin gar nicht wahrgenommen, dass ihr Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) versucht, ihr Scheidungspapiere zu überreichen. Zu allem Überfluss sitzt ihr die US-Steuerbehörde IRS in Gestalt der unerbittlichen Steuerprüferin Deirdre Beaubeirdre (Jamie Lee Curtis) im Nacken, weil Evelyn versucht hat, in ihrer Steuererklärung obskure Kosten diverser ihrer privaten Leidenschaften als abzugsfähige Ausgaben unterzubringen.

Mit der richtigen Trainerin kann Evelyn in einer Welt ungeahnte Fähigkeiten entwickeln …

Als die Wangs die IRS aufsuchen, schlüpft unvermittelt ein alternativer Waymond in die Haut von Evelyns Ehemann. Er erklärt ihr das Unerklärliche: Evelyn lebt in einer von zahllosen Parallelwelten! Er selbst, der alternative Waymond, stamme aus dem „Alpha“-Universum, in welchem eine alternative Evelyn eine Methode entwickelt habe, in den Körper ihrer Pendants in den anderen Welten zu schlüpfen und sich deren Fähigkeiten anzueignen. Doch das Multiversum ist bedroht! Und es erweist sich als gar nicht so einfach, kontrolliert von einer Welt in die andere zu springen.

Vom „Swiss Army Man“-Regisseursduo

Ein Schiffbrüchiger auf einer Insel mit einem furzenden Leichnam als Gesellschaft – bereits mit ihrem ersten Langfilm „Swiss Army Man“ (2015) bewies das aus Dan Kwan und Daniel Scheinert bestehende Regisseursduo „The Daniels“ eine so skurrile wie überbordende Fantasie. Das überbordende Element steigerten die beiden in „Everything Everywhere All at Once“ (2022) mit der Entwicklung ihrer eigenen Version von Paralleluniversen, einem theoretischen Konstrukt, das seit der Antike diskutiert wird und Eingang in die Kosmologie gefunden hat. Bei dem 1988 in Massachusetts geborenen Kwan und dem 1987 in Alabama geborenen Scheinert entstehen die unterschiedlichen Parallelwelten offenbar am Scheideweg von Entscheidungen: Brennt die junge Evelyn mit ihrem jungen Freund Waymond durch oder lässt sie ihn allein ziehen, um bei ihren Eltern zu bleiben? Im letztgenannten Falle führt eine spätere Zufallsbegegnung dazu, dass sich Evelyn eine Spezialfähigkeit aneignet. Eine Fähigkeit, die die Evelyn aus der Welt der Entscheidung für Waymond später einmal brauchen könnte. All das ist sehr durchdacht inszeniert und visualisiert – jede Welt ist individuell genug gestaltet, sodass das Filmpublikum sie recht problemlos unterscheiden kann. Aufmerksamkeit ist gleichwohl gefragt!

… und diese in einer anderen Welt nutzbringend einsetzen

Auch die Evolution spielt eine Rolle und führt zu Parallelwelten, in denen die Menschen gar sonderbare körperliche Merkmale aufweisen können, wie wir in einer Szene lernen, die als zauberhafte Reverenz an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) erkennbar ist – genauer: an den „Aufbruch der Menschheit“ betitelten ersten Akt mit den haarigen Vormenschen. Und manchmal ist es hilfreich, wenn man in einem anderen Universum einfach mal ein Felsbrocken sein kann. Klingt unlogisch? Möglich. Aber die Parallelwelten erlauben das nun mal. Wenn erst ein Bagel wichtig wird, dürfte sich bei manchem Zuschauer und mancher Zuschauerin allerdings das Stirnrunzeln steigern.

In manchen Welten gefällt es ihr erst einmal ausgesprochen gut

Wie viele dieser Welten es gibt, bleibt offen. Denkt man es konsequent zu Ende, so müssten es unendlich viele Welten sein, da jeder Mensch Entscheidungen trifft, die Konsequenzen haben. Obendrein treffen wir permanent Entscheidungen mit Folgen, sie müssen ja keine so weitreichenden haben wie die Frage, ob wir mit dem oder der Liebsten durchbrennen oder ob wir ihr oder ihm den Laufpass geben. Ob wir morgens mit dem ersten Klingelton des Weckers aufstehen, kann andere Folgen haben als wenn wir uns noch einmal für zehn Minuten auf die Seite legen. Ob wir uns noch einmal für zehn Minuten auf die Seite legen, kann andere Folgen haben als wenn wir uns noch einmal für 20 Minuten auf die Seite legen. Insofern müssten selbst banale und banalste Entscheidungen neue Universen entstehen lassen. Und da nach der Entstehung eines Paralleluniversums in beiden Welten wiederum Entscheidungen anstehen, kommt es zum Schneeballeffekt der Weltenbildung, der zügig zum Lawineneffekt wird.

Michelle Yeoh und Jamie Lee Curtis

Aber beenden wir diesen kleinen kosmologischen Exkurs, da „Everything Everywhere All at Once“ lediglich eine begrenzte Zahl von Alternativwelten thematisiert: Von der verunsicherten Waschsalonbesitzerin zum glamourösen Filmstar – Michelle Yeoh („Gunpowder Milkshake“, „Tiger & Dragon“) spielt ihre ganze Vielseitigkeit aus und trägt den Film somit spielend durch die diversen Paralleluniversen. Das ist auch wichtig, da sie die Hauptfigur ist und das Geschehen stets ihr folgt. Gleichwohl zeigen auch die anderen Darstellerinnen und Darsteller Wandlungsfähigkeit, denn von ihnen treten ebenfalls mehrere Persönlichkeiten in Erscheinung. „Scream Queen“ Jamie Lee Curtis („Halloween“-Reihe) überrascht – als verhärmte Steuerprüferin haben wir sie noch nicht gesehen, und selbstverständlich ist es auch bei ihr nicht mit einer Personifizierung getan.

Ein Kinderstar und ein Vielfilmer

Eine interessante Personalie offenbart sich beim Blick auf Evelyns Ehemann Waymond: Ihn verkörpert Ke Huy Quan, der seine Kinolaufbahn Mitte der 80er-Jahre als Kinderstar in zwei großen Kinohits begann: In „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ (1984) trat er als Indys pfiffiger kleiner Helfer Short Round in Erscheinung, ein Jahr später war er als James-Bond-Fan Data Teil der titelgebenden Jugendclique in „Die Goonies“. Eine große Karriere wurde nicht draus, aber es ist schön, Quan nach so langer Zeit mal wieder zu sehen. Evelyn Wangs Vater wiederum wird von James Hong gespielt, der eine enorme Filmografie von mehr als 450 Einträgen vorweisen kann. Der 1929 als Sohn chinesischstämmiger Einwanderer in Minneapolis im US-Staat Minnesota Geborene wirkte in vielen Serien mit, aber auch in Filmklassikern wie Roman Polanskis „Chinatown“ (1974), Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) und John Carpenters „Big Trouble in Little China“ (1986).

Die Ereignisse verwirren Familie Wang

Das Füllhorn der großen und kleinen Ideen von „Everything Everywhere All at Once“ lässt sich schwer in Worte fassen, hier gilt tatsächlich: Das muss man gesehen haben! Angesichts all dieses Chaos und der bizarren Details erweist sich Evelyn Wang als hilfreicher Fixpunkt, um den roten Faden nicht zu verlieren. Eine besondere Rolle spielen dabei ihre Tochter Joy und eine von Joys alternativen Persönlichkeiten. „Everything Everywhere All at Once“ ist dabei ein Plädoyer dafür, sein Potenzial zu erkennen und zu nutzen.

Auch Tochter Joy kann anders!

Das SF-Abenteuer von Dan Kwan und Daniel Scheinert spinnt den Gedanken der Paralleluniversen auf einer anderen Ebene weiter als Marvels etwas später in den Kinos gestarteter „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“. Bei aller fantasievollen Wucht, die das Marvel Cinematic Universe auszeichnet, hat in der Hinsicht der Einzelstoff ohne Anbindung an ein großes Franchise die Nase vorn. Der im Multiversum herumirrende Doctor Strange hat mich unterhalten, die im Multiversum herumirrende Evelyn Wang fasziniert, zumal wir mit solchen originellen Stoffen nicht rechnen. Sie kommen fast wie aus dem Nichts, während der nächste Marvel-Film erwartbar ist und erwartbar ausfällt. „Everything Everywhere All at Once“ – ganz wunderbar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jamie Lee Curtis und Michelle Yeoh haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit James Hong unter Schauspieler.

Steuerprüferin Deirdre (l.) ist nicht immer Evelyns Nemesis

Veröffentlichung: 12. August 2022 als UHD Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 140 Min. (Blu-ray), 134 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Everything Everywhere All at Once
USA 2022
Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Drehbuch: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Besetzung: Michelle Yeoh, Stephanie Hsu, Ke Huy Quan, James Hong, Jamie Lee Curtis, Tallie Medel, Jenny Slate, Harry Shum Jr., Randy Newman, Biff Wiff, Sunita Mani, Aaron Lazar
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Daniel Kwan und Daniel Scheinert (Regie, Drehbuch), Featurettes, Deleted Scenes mit Audiokommentar von Daniel Kwan & Daniel Scheinert, Outtakes, Music Visual
Label/Vertrieb: Leonine

Copyright 2022 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshots: © 2022 Leonine

 

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