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Blut an den Lippen – Belgischer Blutsauger-Bilderrausch

18 Jul

Les lèvres rouges

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Der Engländer Stefan Chilton (John Karlen) und seine frisch angetraute Schweizer Gemahlin Valerie (Danielle Ouimet) befinden sich auf dem Weg in Stefans Heimat. Der Aristokratensohn schreckt davor zurück, seiner Mutter die recht spontane Eheschließung zu beichten. Bevor das Paar mit der Fähre vom Festland übersetzt, bucht es sich für eine Nacht in einem Hotel im belgischen Seebad Ostende ein. In der kalten Jahreszeit sind die beiden die einzigen Gäste, allerdings treffen kurz darauf die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory (Delphine Seyrig) und ihre Sekretärin Ilona (Andrea Rau) ein. Den Portier Pierre (Paul Esser) stürzt die anmutige Erscheinung der Gräfin Báthory in Verwirrung, ist er sich doch sicher, sie 40 Jahre zuvor als Liftboy schon einmal im Hotel gesehen zu haben. Und sie habe sich überhaupt nicht verändert …

Ein Schrecken am Fenster

Als Gräfin Báthory das jungvermählte Paar erblickt, ist sofort ihr Interesse geweckt. Stefan und Valerie beschließen ihrerseits, noch etwas länger zu bleiben und sich das nahe gelegene Brügge anzuschauen. Das malerische Örtchen wird gerade von einer Mordserie erschüttert. Kurz nach dem Eintreffen der beiden ist gerade die vierte tote junge Frau gefunden worden. Blutleer.

Faszinierend: Gräfin Elisabeth Báthory

„Blut an den Lippen“ nimmt einen interessanten Verlauf, erweist sich doch die eigentlich böse Gräfin Báthory fast schon als größte Sympathin des Films. So versucht sie Valerie über die Persönlichkeit ihres Ehemanns Stefan aufzuklären und ihn vor ihr zu warnen. Das mag Teil ihrer Strategie sein, Valerie zu verführen, aber falsch liegt sie damit nicht. Verführerisch ist sie allerdings sehr, vor allem mit ihrer wunderbar rauchigen Stimme – zum Dahinschmelzen! Das ist verführerisches Kino in Reinkultur. Es nimmt sich Zeit; ausgesprochen temporeich gestaltetet sich das Geschehen nicht gerade, was manch Filmguckerin oder Filmgucker als lahm empfinden mag.

Will die Gräfin Stefan verführen?

Die die Gräfin verkörpernde Delphine Seyrig war zuvor immerhin unter der Regie von Alain Resnais in „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961) und „Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr“ (1963) zu sehen gewesen. Luis Buñuel hatte sie für „Die Milchstraße“ (1969) gebucht und besetzte sie später in „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972), und François Truffaut besetzte sie in „Geraubte Küsse“ (1968). Durchaus bemerkenswert also, dass diese Charakterdarstellerin in einem vermeintlichen Exploitationfilm wie „Blut an den Lippen“ mitwirkt. Aber mit dem Stempel „Exploitation“ wird man dem belgischen Filmemacher Harry Kümel und seiner 1971er-Regiearbeit ohnehin nicht gerecht. Zwar gibt es Nacktheit und Blut zu bewundern, aber die träumerische Inszenierung und die stilvollen Bilder rund um das Luxushotel und die belgischen Ansichten lassen das Geschehen mit ein paar Ausnahmen doch sehr subtil erscheinen. Der Regisseur setzte Seyrig alias Báthory im Stil von Marlene Dietrich ins Bild, und weil die Gräfin sich manipulativ bis hin zur Demagogie verhält, hüllte er sie in die Farben Schwarz, Weiß und Rot – die Farben der Nazis (ich hätte das wohl nicht bemerkt, die Erkenntnis entstammt einem alten Interview mit Kümel).

Zwei missratene Tode fallen nicht ins Gewicht

Zu diesen Ausnahmen zähle ich zwei in meinen Augen missratene Todesszenen, die mir so arg überkonstruiert erscheinen, dass es fast schon ärgerlich ist (Stichwort Rasiermesser und Glasschüssel). Andere mögen sich daran nicht stören, und ich möchte das auch nur als kleinen Wermutstropfen eines ansonsten überaus betörenden und sinnlichen Bilderrausches verstanden wissen. Filmkunst wie ein elegantes Gemälde, gedreht in den belgische Orten Ostende, Brügge, Brüssel und Meise.

Auch Ilona hat Bedürfnisse

Auch das Vampirmotiv kommt auf sehr feinfühlige Weise zum Tragen. Hier fletscht kein animalischer Blutsauger die spitzen Zähne, um sie in den Hals seiner bedauernswerten Opfer zu schlagen. Ein paar der klassischen Versatzstücke des Vampirismus setzt Harry Kümel sehr punktuell ein, etwa wenn die Gräfin das Tageslicht scheut. Fließendes Wasser wird einmal zum Thema, und dass der Hals das Ziel eines vampirischen Bisses sein könnte, wird zweimal so kurz angedeutet, dass man es fast für Zufall halten könnte (was es meines Erachtens aber nicht ist).
Die behandelten Themen sind Verlangen, Macht/Dominanz und natürlich auch Sexualität. An Stefan hat die Gräfin kein Interesse, ihr Verlangen gilt Valerie. Das lesbische Element ist hier stark und wird fast schon über die heterosexuelle Norm gestellt. Spielt Liebe eine Rolle? Schwer zu sagen? Während wir tiefer in die Beziehung von Stefan und Valerie vordringen, mag es helfen (oder auch nicht), sich an die erste Szene des Films zu erinnern: Nach einem leidenschaftlichen (und sehr dunkel gefilmten) Liebesakt im Nachtzug nach Ostende fragt Valerie Stefan, ob er sie liebe – er verneint. Seine Gegenfrage verneint sie ebenfalls, woraufhin er zufrieden konstatiert, sie seien füreinander geschaffen. Dokumentiert dieser Dialog ein scherzhaftes Verleugnen der tiefen Gefühle? Vielleicht ja, vielleicht nein.

Mutter? Vater?

Für Filmpublikum verwirrend gestaltet sich auch das Telefonat, das Stefan irgendwann dann doch mit seinem Zuhause führt (bis zum Ende dieses Absatzes folgt ein kleiner Spoiler). Da anfangs lediglich seine Mutter erwähnt wird, liegt der Gedanke nahe, sein Vater sei tot oder sonstwohin entfleucht. Am Telefon erreicht er jedoch einen Mann (Fons Rademakers) – ist es sein Vater? Der lässt Valerie am Ende des Gesprächs aber von Mutter grüßen. Auch der Rest des Telefonats verläuft rätselhaft, und zu Ende erzählt oder gar aufgelöst wird die Beziehung zwischen Stefan und seinen Eltern überhaupt nicht. Aber ein paar offene Fragen haben noch keinen Film zugrunde gerichtet, und diesen erst recht nicht. Er erschließt sich ohnehin sehr auf der sinnlichen Ebene.

Die historische Blutgräfin

Zeit für einen Exkurs zur Inspiration der Figur der Gräfin: Elisabeth Báthory (1560–1614) war tatsächlich eine ungarische Adlige. Sie wurde 1611 als Serienmörderin zahlreicher junger Frauen zu lebenslanger Inhaftierung (oder Hausarrest) auf ihrer auf dem Gebiet der heutigen Slowakei gelegenen Burg Čachtice verurteilt (einige nichtadlige Mitangeklagte wurden hingerichtet). Im Lauf der Jahrhunderte wurde aus der realen Person mehr und mehr eine Legende, aus Gerüchten und Halbwahrheiten wurden Mythen. So habe die Gräfin irgendwann begonnen, im Blut ihrer Opfer zu baden, um ewige Jugend zu erlangen – ein Mythos, der Elisabeth Báthory in die Nähe von Vampiren rückte und ihr den Beinamen Blutgräfin einbrachte. Auch sei sie nach ihrer Verurteilung auf ihrer Burg lebendig eingemauert worden (was die Forschung nicht hergibt). Ob sie als Angehörige des Hochadels lediglich etwas grausamer war als üblich oder die ihr zur Last gelegten Morde unter Mittäterschaft ihrer Bediensteten überhaupt begangen hat, steht nicht zweifelsfrei fest.

Elisabeth Báthory im Black Metal

Die Blutgräfin hat auf vielfältige Weise Einzug in die Popkultur gehalten. Im düsteren Metal beispielsweise sei auf die einflussreiche Band Bathory hingewiesen. Auf ihrem wegweisenden dritten Album „Under the Sign of the Black Mark“ (1987) widmeten sie ihrer Namensgeberin den Song „Woman of Dark Desires“. Auch die Black-Metal-Pioniere Venom thematisierten die verrufene Adlige: Auf ihrem zweiten Album „Black Metal“ (1982) findet sich der Titel „Countess Bathory“. Die englische Black-Metal-Band Cradle of Filth schließlich veröffentlichte 1998 mit „Cruelty and the Beast“ ein Konzeptalbum rund um Gräfin Báthory. Nur drei Beispiele für die vielen Spuren, die die Blutgräfin in der modernen Musik hinterlassen hat.

Sex unter der Dusche zählt aber nicht dazu

Auch im Kino hat die Dame des Öfteren Einzug erhalten. Als sich viele erzählerische Freiheiten nehmendes Biopic geht „Die Gräfin“ (2009) von Julie Delpy durch. Die Regisseurin hatte auch das Drehbuch verfasst und spielte die Titelfigur. In der französisch-deutschen Produktion sind in Nebenrollen unter anderen Daniel Brühl, William Hurt, Sebastian Blomberg, Charly Hübner, Anna Maria Mühe, Frederick Lau und André Hennicke zu sehen. Die legendäre englische Horrorfilmschmiede Hammer brachte 1971 „Comtesse des Grauens“ (1971) in die Lichtspielhäuser, in welchem die dort Elisabeth Nadasdy benannte Blutgräfin von Ingrid Pitt verkörpert wird. „Fright Night 2 – Frisches Blut“ (2013) verlegt die Handlung ins Hier und Heute und macht die Blutgräfin zur Akademikerin. Sowohl im Episodenfilm „Unmoralische Geschichten“ (1974) von Walerian Borowczyk als auch im Torture-Porn-Exzess „Hostel 2“ (2007) von Eli Roth sehen wir Báthory im Blut einer bedauernswerten jungen Frau baden. Als weitere Beispiele seien die Filme um den von Paul Naschy verkörperten Wolfsmenschen Waldemar Daninsky genannt, in denen sie auftaucht: „Nacht der Vampire“ (1971), „Die Todeskralle des grausamen Wolfes“ (1973), „Der Werwolf“ (1981) und „Tomb of the Werewolf“ (2004).

Harry Kümel mag den HD-Transfer

Zurück zu „Blut an den Lippen“: Nachdem Eyecatcher Movies den Film bereits 2008 auf DVD in Hartboxen veröffentlicht hat, legte 2013 das Label Bildstörung nach und brachte ihn im Rahmen der „Drop Out“-Reihe in den deutschen Handel, sowohl als Blu-ray als auch als DVD, jeweils mit Bonus-DVD. Am feinen HD-Transfer fand auch Harry Kümel Gefallen – belegt im Bonusmaterial der Bildstörung-Editionen, das auch die 85-minütige deutsche Kinofassung enthält. Der Filmemacher trug unter anderem einen Audiokommentar zu der gewohnt vorbildlichen Veröffentlichung bei. Schlechte Nachricht: Sie ist vergriffen und auf dem Sammlermarkt durchaus gesucht, also nicht allzu preisgünstig zu finden. Kleiner Trost: Beim deutsch-französischen Kultursender Arte findet sich „Blut an den Lippen“ noch bis 31. Juli 2022 in der Mediathek, in der englischen Sprachfassung mit deutschen oder französischen Untertiteln. Dies ist auch die Original-Sprachfassung, in der das Werk gedreht wurde, denn obwohl die Darstellerinnen und Darsteller aus Frankreich, Belgien oder Deutschland stammen, sprachen sie ihre Texte in Englisch ein. Das US-Label Blue Underground hat den Film im Übrigen im Oktober 2020 in neuer 4K-Restaurierung unter dem Titel „Daughters of Darkness“ als 3-Disc Limited Edition mit UHD Blu-ray, Blu-ray und Soundtrack-CD veröffentlicht, und das regionalcodefrei.

Ernüchterung

Fehlt nur noch, dass ein deutsches Label endlich Harry Kümels surreal-fantasievoller Jean-Ray-Verfilmung „Malpertuis“ (1971) annimmt.

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Kein Dreieck mit Zukunft

Veröffentlichung: 10. Mai 2013 als 2-Disc Edition Blu-ray (Blu-ray & Bonus-DVD) und 2-Disc Edition DVD, 26. September 2008 als kleine Hartbox (2 limitierte Covermotive), 19. September 2008 als große Hartbox (auf 500 Exemplare limitiert)

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD), 85 Min. (DVD, deutsche Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Les lèvres rouges
Internationaler Titel: Daughters of Darkness
BEL/F/BRD/USA/KAN 1971
Regie: Harry Kümel
Drehbuch: Pierre Drouot, Harry Kümel, Jean Ferry, Joseph Amiel, Manfred R. Köhler
Besetzung: Delphine Seyrig, John Karlen, Danielle Ouimet, Andrea Rau, Paul Esser, Georges Jamin, Fons Rademakers, Joris Collet
Zusatzmaterial 2013: deutschsprachiger Audiokommentar von Regisseur Harry Kümel, alternative deutsche Kinofassung, Interview mit Regisseur Harry Kümel, von Kümel kommentierte Bildergalerie, deutsche Aushangfotos, US-Kinotrailer, US-Radio-Spot, US-Titelsong, Trailershow, 16-seitiges Booklet, Schuber
Zusatzmaterial 2008: US-Trailer, Bildergalerie, DVD-ROM-Ordner (18 Aushangfotos und 1 Plakat)
Label 2013: Bildstörung
Vertrieb 2013: Al!VE AG
Label/Vertrieb 2008: Eyecatcher Movies

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Packshots: © 2013 Bildstörung,
Szenenfotos: © 1971 Harry Kümel und Pierre Drouot / © 2013 Filmjuwelen – Alle Rechte vorbehalten.

 

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