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Doomsday – Tag der Rache: Wenn der Sensenmann in Schottland wütet

14 Sept

Doomsday

Von Volker Schönenberger

SF-Actionthriller // Die tödliche Epidemie nimmt ihren Anfang 2008 in Glasgow: Das „The Reaper“ (engl. für „Sensenmann“) genannte Virus fordert bereits in der ersten Woche tausende Opfer und verbreitet sich in Windeseile über ganz Schottland. Kein Impfstoff kann es aufhalten, das gelingt nur einer Mauer, die das Vereinigte Königreich an der Südgrenze des Landes hochzieht. Versuche, sie zu überwinden, werden gnadenlos mit tödlicher Gewalt unterbunden. England und der Rest der Welt bleiben auf diese Weise tatsächlich verschont. Und während Schottland in endzeitlicher Anomie versinkt, geht der Rest des Vereinigten Königreichs wirtschaftlich in die Knie, weil die Weltengemeinschaft bei den Flüchtlingsströmen nicht hilft.

„The Reaper“ taucht in London auf

Im Jahr 2035 weiß in England niemand mehr, was hinter der Mauer vor sich geht. Doch als in einem Container auf einem Schiff im Hafen von London Infizierte entdeckt werden und eine neue Ausbreitung von „The Reaper“ droht, gewinnt Schottland wieder an Bedeutung: Auf Satellitenaufnahmen werden dort bereits seit drei Jahren Überlebende gesichtet, Hinweis auf eine Heilung. Auf Weisung des Premierministers John Hatcher (Alexander Siddig) entsendet dessen Sicherheitschef Bill Nelson (Bob Hoskins) seine beste Offizierin Major Eden Sinclair (Rhona Mitra) nach Schottland. Sie soll mit einem Team (unter anderen Sean Pertwee) in Glasgow das Labor des Virologen Marcus Kane (Malcolm McDowell) aufsuchen. Der Wissenschaftler hatte bis zuletzt an einem Mittel gegen „The Reaper“ geforscht und per Telekommunikation Statusberichte nach England übermittelt, bis der Strom endgültig weg war. Mit zwei schweren Panzerwagen treten Sinclair und ihre Leute die Reise ins Herz der Finsternis an.

Heißes Pflaster: die Straßen von Glasgow

Regisseur und Drehbuchautor Neil Marshall scheint in der jüngsten Vergangenheit ein wenig seine Inspiration verloren zu haben. Schon die ungeliebte Auftragsarbeit „Hellboy – Call of Darkness“ (2019) hauchte der höllischen Titelfigur kaum neues Leben ein. Im Horrordrama „The Reckoning“ (2020) um Pest und Hexenverfolgung verschwendete er mehr Zeit damit, seine adrette Liebste Charlotte Kirk in Szene zu setzen, als das vielversprechende historische Setting in einen guten Film umzusetzen. Höchste Zeit also, sich auf die ersten Jahre von Marshalls Karriere zu besinnen, als er mit „Dog Soldiers“ (2002) und „The Descent – Abgrund des Grauens“ (2005) frischen Wind ins Horrorgenre brachte und mit „Centurion – Fight or Die“ (2010) auch ein hervorragendes, in der Zeit der römischen Antike angesiedeltes Action-Abenteuer drehte. Und zwei Jahre zuvor eben „Doomsday“, der für den deutschen Markt den sinnlosen deutschen Titelzusatz „Tag der Rache“ verpasst bekam.

Hommage an die Klassiker der 70er und 80er

Der beinharte SF-Actionthriller ist randvoll mit Reverenzen an Endzeitfilmklassiker der 70er- und 80er-Jahre, und Neil Marshall hat freimütig bekannt, genau dies im Sinn gehabt zu haben: Von Anfang an wollte ich, dass mein Film eine Hommage an diese Art Filme sein sollte. Ich wollte einen Film für eine neue Generation an Publikum machen, das diese Filme nicht im Kino gesehen hatte – dass diese Filme vielleicht überhaupt noch nicht gesehen hatte –, und ihnen denselben Nervenkitzel verschaffen, den ich beim Schauen hatte. Aber das Ganze auch in zeitgemäße Form bringen, die Action, und das Blut und Gekröse aufmotzen. Das ist ihm zweifellos gelungen. Marshall hat sogar die Filme genannt, für die er „Doomsday“ als Hommage verstanden wissen will: „Mad Max 2 – Der Vollstrecker“ (1981) und „Die Klapperschlange“ (1981) sind darunter und wären auch ohne Nennung einfach zu identifizieren. „Der Omega-Mann“ (1971), „Excalibur“ (1981) und „The Warriors“ (1979) hat er genannt, dazu die nicht ganz so bekannten „No Blade of Grass“ (1970) und „Der Junge mit dem Hund“ (1975) sowie die späteren „Waterworld“ (1995) und „Gladiator“ (2000). Schließlich auch den noch späteren, enorm sehenswerten „Children of Men“ (2006), der in die Kinos kam, als Marshall gerade mit den Vorbereitungen für „Doomsday“ begonnen hatte.

Mad Max und Snake Plissken lassen grüßen

Zu einigen dieser Filme springen einem die Zitate förmlich ins Auge – oder ins Ohr, wenn ich an den an „Die Klapperschlange“ erinnernden Score denke. Der durchgeknallte Antagonist Sol (Craig Conway), seine rechte Hand Viper (Lee-Anne Liebenberg) und ihre so blutrünstige wie schmutzige und kannibalistische Meute atmen „Mad Max“-Feeling aus jeder Pore, erst recht mit ihren Waffen und Vehikeln. Und Eden Sinclair ist an Coolness Max Rockatansky und Snake Plissken durchaus ebenbürtig.

Verfolger unter sich

Gedreht wurde in Schottland, London und Südafrika, und dort tobte sich Marshall so richtig aus. Das 30-Millionen-Dollar-Budget war ihm eigenen Angaben zufolge zwar viel zu gering, um seine Vision zu verwirklichen, aber das Resultat sieht meines Erachtens so aus, als sei es ihm gelungen. Das half „Doomsday“ an den Kinokassen allerdings nicht, das Budget wieder einzuspielen, die weltweiten Erlöse aus Kinotickets blieben bei knapp 22,5 Millionen Dollar stehen.

Von Endzeit-Punks auf die Ritterburg

Die Filmkritik nahm Marshalls Regiearbeit gemischt auf. Wiederholt wurde dem Werk mangelnde Originalität und zu überbordende Action zu Lasten der Story vorgeworfen. Beides ist nicht von der Hand zu weisen, ändert aber nichts daran, dass „Doomsday“ viel Spaß macht, wenn man überkandidelte Endzeit-Action zu würdigen weiß. Wenn sich Eden Sinclair nach einer Flucht vor den Punk-Heerscharen von Sol unvermittelt in einer ritterlichen Umgebung samt mittelalterlicher Burg wiederfindet, in der es allerdings wenig ritterlich zugeht, kann man schon mal aus den Augen verlieren, dass es darum geht, ein Heilmittel gegen ein tödliches Virus zu finden. Marshall wollte viel in sein Werk hineinpacken, das ist ihm gelungen. Für manche zu viel des Guten, für mich nicht.

In Deutschland übel verstümmelt

Die explizite Gewalt ist nicht von schlechten Eltern, das Blut fließt und spritzt in Strömen, Körperteile und Köpfe werden abgetrennt, Kugeln, Pfeile und Klingen dringen in Leiber ein. Folgerichtig nicht überraschend: In Deutschland hat es nicht mal die in den USA mit R-Rating freigegebene Kinofassung unbeschadet auf Blu-ray und DVD geschafft. Satte zehn Minuten fehlen der deutschen FSK-18-Fassung gegenüber der R-Rated-Fassung (für die traurigen Zensurdetails empfiehlt sich der Blick auf den Schnittbericht). Der R-Rated-Fassung wiederum fehlen ihrerseits etwa vier Minuten gegenüber der Unrated-Fassung, allerdings handelt es sich gemäß Schnittbericht nicht um härtere Gewalt, denn die ist in der R-Rated-Fassung bereits in voller Pracht enthalten, sondern laut Autor des Schnittberichts um ein paar Handlungserweiterungen, auf die man wirklich verzichten konnte. Nicht verzichten sollten Fans räudiger Endzeit-Action auf „Doomsday“, zensierte Fassungen allerdings meiden, weshalb beispielsweise der Blick nach Österreich hilft.

Nächster Neil-Marshall-Film: „The Lair“

Aktuell dreht Marshall übrigens „The Lair“ über eine Royal-Air-Force-Pilotin, die über Afghanistan abgeschossen wird und in einem unterirdischen Bunker an als biologische Waffen konzipierte Mensch-Alien-Hybride gerät. Klingt vielversprechend, allerdings hat Marshall als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion erneut Charlotte Kirk als Hauptdarstellerin besetzt. Nichts gegen Kirks schauspielerische Fähigkeiten, aber es steht schon zu befürchten, dass der Regisseur seine Herzdame wie bei „The Reckoning“ zu sehr ins rechte Licht rückt. Hoffen wir, dass er uns eines Besseren belehrt und an alte Glanztaten anknüpft.

Eden Sinclair lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Marshall haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rhona Mitra unter Schauspielerinnen, Filme mit Bob Hoskins, Malcolm McDowell und Sean Pertwee in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 12. November 2008 als Blu-ray, DVD im Steelbook und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray, Unrated-Fassung), 103 Min. (zensierte Blu-ray), 113 Min. (DVD, Unrated-Fassung), 109 Min. (DVD, R-Rated-Kinofassung), 99 Min. (zensierte DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Doomsday
GB/USA/RSA/D 2008
Regie: Neil Marshall
Drehbuch: Neil Marshall
Besetzung: Rhona Mitra, Bob Hoskins, Sean Pertwee, Malcolm McDowell, Alexander Siddig, Caryn Peterson, Adeola Ariyo, Craig Conway, Emma Cleasby, MyAnna Buring, Martin Compston, Lee-Anne Liebenberg, Nora-Jane Noone, Rick Warden, Adrian Lester, Nathalie Boltt, Cokey Falkow, Vernon Willemse, Karl Thaning, Jeremy Crutchley, Tom Fairfoot
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Neil Marshall sowie den Darstellern Sean Pertwee, Darren Morfitt, Rick Warden und Leslie Simpson, Making-of (17:23 Min.), Visual Effects (8:30 Min.), Werkzeuge der Zerstörung (20:08 Min.), deutscher Kinotrailer, Original Kinotrailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Concorde Video

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2008 Concorde Video

 

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