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Zum 100. Geburtstag von Arthur Penn: Duell am Missouri – Der zivilisierte Westen ist der wildeste

27 Sept

The Missouri Breaks

Von Tonio Klein

Western // Arthur Penn hat einen hervorragenden Ruf, den er sich mit relativ wenigen Werken erarbeiten konnte. Nicht ganz so extrem wie im Falle Michael Ciminos und Sergio Leones mit jeweils nur sieben Langfilmen. Aber nicht minder gewichtig. Penn bringt es in der IMDb auf 28 Regie-Einträge im beachtlichen Zeitraum von 1953 bis 2001, davon 13 Kino-Langfilme von 1958 bis 1989. Sein großer Ruhm verdankt sich wenigen von ihnen und der Strömung, die sich New Hollywood nennen sollte. Ihrem Begleitband zur 2004er Berlinale-Retrospektive geben Herausgeber Hans Helmut Prinzler und Gabriele Jatho den Titel „New Hollywood 1967–1976“. Und es sind genau diese Jahre, in denen Penns wichtigste Werke entstanden, beginnend mit dem ikonischen „Bonnie und Clyde“ (1967) und endend mit dem nun gewürdigten „Duell am Missouri“.

Die verlorene Zeit kann man suchen, aber nicht finden

Die vor allem frühen 1970er-Jahre waren für den angeblich totgerittenen US-Western eine hochinteressante Zeit, mal abgesehen davon, dass John Wayne einfach auf den ausgetretenen Pfaden weiterwandelte. New-Hollywood-Regisseure fügten dem Genre eine entzaubernde Komponente hinzu und ließen Legenden Legenden sein, wie Penn selbst in „Little Big Man“ (1970) oder Robert Altman in „McCabe und Mrs. Miller“ (1971). Western arrivierter Regisseure, die eher wenige oder gar keine Berührungspunkte zum Genre hatten, enthielten ebenfalls einen bitter-wehmütigen Realismus, wie Joseph L. Mankiewicz’ „Zwei dreckige Halunken“ (1970) und Blake Edwards’ „Missouri“ (1971). Clint Eastwoods „Ein Fremder ohne Namen“ (1973) ging einen anderen Weg und kombinierte den Italowestern mit einer gehörigen Portion Apokalypse. Penn wollte augenscheinlich mit „Duell am Missouri“ die ernstere Betrachtung und damit die Dekonstruktion von Mythen fortsetzen. Montana in den 1880ern, als das Land – tja, anscheinend oder scheinbar? – schon zivilisiert war und Rinderbaron Braxton (John McLiam) den Pferdedieb Sandy (Hunter Von Leer) aufknüpfen lässt. Penn stellt dies nicht als außergewöhnlich, sondern als Alltag dar, mit dem nahezu alle, auch Sandy selbst, sich abfinden oder es sogar im wahrsten Sinne des Wortes feiern. Wodurch es umso schockierender ist. Männer, Frauen und Kinder sind beim „Ereignis“ wie bei einem Volksfest inklusive Banjomusik versammelt. Braxton und Sandy sind sich beim Ritt zum Schafott einig: „Dies ist ein schönes Land“. Insoweit beschwört der Film – auch ästhetisch – die ganze Pracht herauf. Nur dass sich diese zusammen mit der Handlung in einen Konjunktiv irrealis verwandelt, denn der Versuch, vom längst verteilten Kuchen ein Stück abzugreifen, endet eben mitunter am Strick oder mit einem Loch im Körper.

Ein Mann und sein (?) Pferd

Daran, dass die ursprüngliche Verteilung alles andere als gerecht zuging (obschon entgegen dem Wunsch des insoweit stets engagierten Marlon Brando die amerikanischen Ureinwohner keine Rolle spielen), lässt der Film keinen Zweifel, und das einmal unter den Nagel Gerissene wird mit aller Macht verteidigt. Hierbei ist am Schlimmsten, dass sich Braxton nicht nur den Anstrich des Rechtskonformen gibt, sondern vermutlich auch selbst daran glaubt. Da die Diebstähle einer Bande um Tom Logan (Jack Nicholson), zu der auch Sandy gehörte, anderweitig nicht zu stoppen seien, und weil Logans Leute aus Rache Braxtons Vorarbeiter gehenkt haben, engagiert Braxton den so geheimnisvollen wie exzentrischen Lee Clayton (Marlon Brando), der als Regulator vorgestellt wird. Hierbei handelt es sich natürlich nicht um eine Uhr, aber hochpräzise ist auch der Mann, der wörtlich übersetzt halt etwas regelt. Und dies final. Regulatoren waren Mitglieder von „Volksgerichten“, die sich über einen Ausdruck wie „Gewaltenteilung“ kaputtgelacht hätten. Als Richter und Vollstrecker agierten sie alles andere als zimperlich, waren vulgo häufig Lohnkiller. Clayton ist einer der übelsten Sorte, weil er mit freudigem Sadismus nicht nur ans eigentliche Killen, sondern wort- und fintenreich an die vorherige Demütigung seiner Opfer geht. Völlig zu Recht schärft Logan seinen Leuten einmal ein, dass sie bei einer Konfrontation auf keinen Fall mit Clayton reden sollten. Logan hat da schon seine eigene Erfahrung gemacht, als er Clayton nackt in der Badewanne gestellt hatte. Während bei sowas in Filmen wie „Zwei glorreiche Halunken“ (1966) und „Ein Fremder ohne Namen“ Waffen und Coolness sprechen, schafft es Clayton einfach durch provozierendes Quatschen, Logan (der nun wirklich nicht zimperlich ist), vom Töten abzuhalten und sichtlich zu derangieren.

In seiner Badewanne ist Clayton Kapitän

Der Film, der sein „Duell“ nicht im US-Titel hat und auch nicht über ein klassisches Westernduell verfügt, ist wider Erwarten im Deutschen doch passend benannt, findet doch ein permanentes Psychoduell (bei „Psycho“ wird es am Ende nicht bleiben) zwischen Logan und Clayton statt. Dieses ist genauso faszinierend wie dasjenige der völlig unterschiedlich schauspielernden Jack Nicholson und Marlon Brando. Wobei Brando auch ein Grund sein mag, weswegen der Film an der Kasse unterging. Bei der Kritik war und ist das im Schnitt weit weniger schlimm – aber die Ausschläge in beide Richtungen! Das Werk und speziell Brando polarisieren extrem. „Cinema“ schreibt: „Das Epos gilt als einer der schlechtesten ‚großen‘ Filme aller Zeiten.“

Brandos Clayton als alte Frau

Eine ausgesprochen positive Würdigung (und eine exzellent geschriebene dazu), eher schon Essay als Kritik, findet sich in Tony Thomas’ Citadel-Buch über Marlon Brando (deutsch 1981, wegen auffälligen Bezugs zur deutschen Publizistik vielleicht von einem nicht genannten deutschen Autor ergänzt). Es soll Spannungen auf dem Set, gerade wegen Brandos Exzentrik, gegeben haben, und ja: Er ist, wie man heute sagt, total drüber. Affektiertes, selbstverliebtes Gehabe, zudem aberwitzige Verkleidungen inklusive einer Maskerade als alte Frau mit Haube (weswegen er sonst wie Brando aussehen kann, was es noch grotesker wirken lässt). Die Rechnung geht indes auf. Indem Clayton auch die Zuschauer ein Stück weit nervt, wird empathischer fühlbar, was er mit seinen Gegenübern anrichtet. Der Mann ist ein Psychopath, der sich sogar mit seinem Aufraggeber anlegt und irgendwann einmal sagt, Bezahlung sei ihm schnurz, aber seine Aufträge führe er immer aus.

Konfrontation und Distanz

Dass die alten Werte des Westens, falls es sie je gab, nicht mehr gelten, zeigt sich bereits in der ersten Begegnung zwischen Clayton und Logan, dessen Bande sich als Farmer ausgibt, um das mit der Beute eines (übrigens grotesk witzigen) Zugüberfalls erstandene Land als Relaisstation für die gemopsten Pferde zu nutzen. Der offene Kampf Mann gegen Mann hat ausgedient; Logan hält Clayton vor, dass Regulatoren doch wohl am liebsten aus Distanz töteten, um ihren Opfern nicht in die Augen sehen zu müssen. Dies wird sich trotz exorbitantem Distanzschuss-Gewehr Claytons, dem Rühmen seiner Entfernungstreffer und einiger entsprechender Einsätze zwar nicht immer bewahrheiten. Aber stets sind seine Aktionen solche der Heimlichkeit und/oder Falschheit. John Wayne (nie jemanden von hinten erschießen!) wäre chancenlos.

Besoffen (von Gier) ist nicht der Pferdedieb

Anders als Blake Edwards’ „Missouri“, der ganz konkret zeigt, dass man als Angestellter auf einer Ranch harte Arbeit zu miesem Lohn verrichtet und dem Traum vom eigenen Land/Leben kein Stück näherkommt, erklärt „Duell am Missouri“ nie konkret, warum Logan und seine Leute sich für das Outlaw-Leben entschieden haben. Angesichts dessen, wie dreckig es in der gezeigten Welt zugeht, ahnt man hingegen, dass von einer „Entscheidung“ vielleicht nur bedingt die Rede sein kann. Dass die Pferdediebe die Guten und die Rinderbarone die Bösen seien, wäre aber zu kurz gegriffen. Zwar ist Logan sympathisch, möchte sich irgendwann auch tatsächlich ernsthaft mit Gemüseanbau befassen und entsteht eine Liebesbeziehung zu Braxtons Tochter Jane (Kathleen Lloyd), die den anfänglichen Lynchmord abgelehnt hatte und sich von ihrem Vater entfremdet hat.

Eher ein zartes Pflänzchen statt ein starker Ast: die Liebe

Indes hat seine Bande durch den Rache-Lynchmord an Braxtons Vorarbeiter zur Eskalation gehörig beigetragen – das Ereignis, welches überhaupt erst zur Verpflichtung Claytons geführt hatte. Wie so vieles von New Hollywood ist der Film letztlich unendlich traurig und unendlich pessimistisch. Am Ende gibt es nur Verlierer – mit einem kleinen Fragezeichen; bei dieser Andeutung soll es bleiben.

Der Stil dient der Substanz, ist aber nicht unsichtbar

Auch stilistisch ist Schluss mit den Mythen. Komponist John Williams, der nur ein Jahr später für „Krieg der Sterne“ (1977) den Goldstandard für wuchtige orchestrale Filmmusik neu definierte, bleibt meist der damaligen US-Volksmusik verhaftet und lässt das Erhabene links liegen. Ansonsten gibt es solches durchaus, aber immer gebrochen. Dies ist ein Film der Gegensätze. Die letzten Endes todtraurige Geschichte ist gelegentlich mit komischen Einsprengseln wie beim anders als geplant laufenden Zugüberfall angereichert (für mich, Beamter, natürlich am herrlichsten, wenn es noch angesichts der vorgehaltenen Waffe heißt: „Ich bin nicht befugt, das [das Geld] jemand auszuhändigen.“). Die landschaftliche Pracht ist durchaus im Bild und macht umso schmerzlicher fühlbar, wie wenig Geborgenheit sie den Protagonisten bietet. Panoramen kontrastieren zudem mit häufig eingesetzter extremer Nähe, was dazu passt, dass Kontrahenten oft aus dem Nichts auftauchen oder dass die Kamera immer wieder zeigt, was der Distanz-Killer Clayton durch sein Fernrohr sieht. Selbst manche Bilder, die dies narrativ eigentlich nicht nötig hätten, wirken seltsam irreal-verwaschen und grobkörnig und sind augenscheinlich mit Teleobjektiv gefilmt, wo man einfach die Kamera nah hätte heranrücken können. Nähe hat hier immer etwas Unheimliches, vom zarten Lichtblick Logan/Jane abgesehen. Die Berge und der Missouri können sowohl schön als auch tödlich sein.

Oft nachdenklich: Logan

Pidax hat „Duell in Missouri“ in guter, aber nicht überragender Bildqualität herausgebracht. Das Bild ist auch in den Nicht-Teleobjektiv-Szenen gelegentlich zu grobkörnig, manchmal aber auch gestochen scharf; dito ist die Dunkelheit manchmal, aber nicht immer zu kontrastarm. Gut ist, dass sich das Label einmal zu deutschen Untertiteln aufgerafft hat, als Extra gibt es nur eine Bildergalerie. Die Synchronisation ist ordentlich, nur bei „law and order“ zu wörtlich, wenn es „Gesetz und Ordnung“ statt „Recht und Ordnung“ heißt. Fazit: ein äußerst sehenswerter, kritischer, aber auch berührender Spätwestern, der seine Spannung und Faszination in eher gemächlichem Tempo ausbreitet. Brandos Spiel wird nicht jeder mögen, aber mir hat es die Kehle in einem Sinne zugeschnürt, die zur Gesamtaussage des Filmes großartig passt.

Im Anschluss nur noch vier Kinofilme

In Hollywood ist man immer so viel wert wie sein letzter Film. Nach dem Misserfolg von „Duell am Missouri“ drehte Penn erst 1981 wieder einen Kinofilm („Vier Freunde“) sowie nur noch drei weitere bis 1989, von denen in Deutschland „Target – Zielscheibe“ (1985) als Kalter-Kriegs-Action-/Agentenfilm bekannt wurde, zumal Europa (hier hauptsächlich Paris) und vor allem Deutschland im Zentrum des Kampfes der Blöcke stand und man diesen Film unter anderem in Hamburg gedreht hat. Später arbeitete Penn noch fürs Fernsehen (mit dem er, wie viele seiner Generation, begonnen und das er nie verlassen hatte). „Seit 1955 war er verheiratet mit Peggy Maurer, mit der er zwei Kinder hatte. Er starb einen Tag nach seinem 88. Geburtstag in seiner Wahlheimat New York nach einer überwundenen Lungenentzündung an Herzversagen.“ (Wikipedia) Seine Kinder haben übrigens nichts mit Sean und Chris Penn zu tun, den beiden Söhnen des Schauspielers und Regisseurs Leo Penn, mit Arthur weder verwandt noch verschwägert. Am 27. September 2022 wäre Arthur Penn 100 Jahre alt geworden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Arthur Penn haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlon Brando und Jack Nicholson unter Schauspieler. Zur „Duell am Missouri“-Rezension von Blogbetreiber Volker geht’s hier.

Clayton arbeitet nicht nur mit dem Schießeisen

Veröffentlichung: 21. Januar 2022 als Blu-ray und DVD, 11. November 2016 als Blu-ray im Mediabook, 30. Oktober 2006 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Missouri Breaks
USA 1976
Regie: Arthur Penn
Drehbuch: Thomas McGuane
Besetzung: Jack Nicholson, Marlon Brando, Randy Quaid, Kathleen Lloyd, Frederic Forrest, Harry Dean Stanton, John McLiam, John Ryan, Sam Gilman, Steve Franken, Richard Bradford, James Greene, Luana Anders, Danny Goldman, Hunter Von Leer
Zusatzmaterial 2022: Bildergalerie, Wendecover
Zusatzmaterial 2016: Filmplakat, Booklet
Label 2022: Pidax Film
Vertrieb 2022: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2016: FilmConfect Home Entertainment
Label/Vertrieb 2006: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2022 by Tonio Klein

Szenenfotos & Doppel-Packshot: © 2022 Pidax Film

 

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