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Horror für Halloween (VI): Hatching – Was brüten die Finnen da aus?

02 Okt

Pahanhautoja

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Die zwölfjährige Tinja (Siiri Solalinna) führt mit ihren Eltern (Sophia Heikkilä, Jani Volanen) und ihrem kleinen Bruder Matias (Oiva Ollila) das Leben einer Bilderbuchfamilie. So vorbildlich, dass ihre Mutter es in ihrem Vlog mit dem Titel „Wunderschöner Alltag“ verewigt und als Influencerin vermarktet (von Anfang an wird dem Filmpublikum klar, dass der Schein trügt). Tinja ist eine talentierte Turnerin, doch sie wird vornehmlich von ihrer ehrgeizigen Mutter angetrieben, erst recht, als sich das neue Nachbarsmädchen Reetta (Ida Määttänen) als mindestens ebenso begabte Turnerin entpuppt.

Eine Bilderbuchfamilie?

Nach einem Zwischenfall mit einer Krähe im Wohnzimmer entdeckt Tinja in der folgenden Nacht im Wald ein Ei und nimmt es mit heim. Sie legt es unter ihr großes Kuscheltier, doch es wächst, sodass sie es schließlich ins Kuscheltier packt und darin ausbrütet. Bis das Wesen schließlich schlüpft …

Neues aus dem Norden

Einmal mehr kommt aus dem hohen Norden ein außergewöhnlicher Beitrag zum fantastischen Film. Ein wenig fühlte ich mich bei der Sichtung an die schwedisch-dänische Produktion „Border“ (2018) erinnert, auch wenn das Fantasy-Drama um eine Grenzbeamtin mit deformiertem Gesicht und der Fähigkeit zum Wittern von Gefühlen inhaltlich und visuell ganz andere Wege geht als die finnisch-schwedische Produktion „Hatching“. Auch das norwegische Horrordrama „The Innocents“ (2021) um Kinder mit übernatürlichen Fähigkeiten sei an dieser Stelle erwähnt. In puncto Originalität die Werke Parallelen auf, da sie aufgrund ihrer Eigenständigkeit keinem anderen Film ähneln. Das kann allerdings auch dazu führen, dass „Hatching“ bei vielen auf bewährte Standards setzenden Horrorfans auf Unverständnis stoßen wird. Lasst euch auf etwas Neues ein! Ein Stoßseufzer, der einem beim Durchforsten einschlägiger Horrorgruppen und -foren oft entfahren kann. Filme wie „Hatching“ haben viel Publikum verdient.

Tinja plagt sich beim Turnen ab

Das Langfilmregiedebüt der finnischen Filmhochschulabsolventin Hanna Bergholm (nach sechs Kurzfilmen und einigen Serienepisoden) verdient sich diese Empfehlung beispielsweise dadurch, dass es den Horror sowohl mit einer einfühlsamen Coming-of-Age-Story als auch mit einem bissigen Kommentar zur Selbstdarstellung sogenannter Influencer in Sozialen Medien wie Instagram kombiniert. Denn natürlich ist es alles andere als ein „Wunderschöner Alltag“, wie Tinja und ihre Familie miteinander leben, doch ihre Mutter tut mit ihrer Smartphone-Kamera alles, nach außen den Schein zu wahren. Bemerkenswert, wie beiläufig die Regisseurin diese Social-Media-Kritik unterbringt, obwohl „Hatching“ das Gebaren der Mutter von Anfang an thematisiert. Der Fokus bleibt stets auf Tinja und der Kreatur, die sie ausbrütet. Apropos Kreatur: Um sie zu erschaffen, gewann Hanna Bergholm den renommierten Animatronik-Designer Gustav Hoegen und sein Team, der an hochkarätigen Produktionen wie „Prometheus – Dunkle Zeichen“ (2012), „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ (2015), weiteren „Star Wars“-Filmen und „Jurassic World – Das gefallene Königreich“ (2018) beteiligt war. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, zumal das Wesen eine Metamorphose durchläuft. Eine lobenswerte Entscheidung, Der Animatronik vor dem Computer den Vorzug zu geben, das lässt viele Szenen echt wirken, wenn man sich als Zuschauer auf die Kreatur einlassen kann.

Das kleine Ei …

Beim Coming-of-Age-Aspekt konnte sich Hanna Bergholm mit Siiri Solalinna auf eine Schauspieldebütantin verlassen, die offenbar ein Naturtalent ist. Hier ist anzumerken, dass sich der Film in diesem Bereich in bekannten Gefilden bewegt, da Coming of Age doch ein beliebtes Motiv darstellt. Tinja erkennt anhand ihrer so egozentrischen wie egoistischen Mutter und ihres gutmütigen, aber schwachen Vaters, dass es mit den Erwachsenen auch nicht so weit her ist. Gleichzeitig muss sie eine mit bizarr nur unzulänglich beschriebene Situation bewältigen, die sie selbst heraufbeschworen hat, als sie das Ei aus dem Wald mit nach Hause nahm. All das vermittelt die Hauptdarstellerin glaubwürdig – Siiri Solalinna hat sich damit weitere Rollenangebote redlich verdient.

Was bedeutet „Pahanhautoja“?

„Hatching“ bedeutet so viel wie „Ausbrüten“, die korrekte Bedeutung des finnischen Originaltitels „Pahanhautoja“ vermochte ich nicht herauszufinden (DeepL schlug „Die Geißel des“ und „Die Plage der“ vor, der Google-Übersetzer „Böse Gräber“). So oder so gehört „Hatching“ zu den Filmen, über deren Handlungsverlauf man vor der Sichtung nicht zu viel gelesen haben sollte. Die Inhaltsangabe auf dem Backcover der Blu-ray und DVD sowie dem Deckblatt des Mediabooks von capelight pictures endet glücklicherweise an derselben Stelle wie die in diesem Text. Auch der capelight-Trailer zu „Hatching“ hält sich erfreulich bedeckt. Weit mehr verrät Regisseurin Hanna Bergholm im Interview, das Rouven Linnarz mit ihr geführt hat und welches im Booklet des Mediabooks zu finden ist, weshalb sich die Lektüre erst nach Sichtung des Films empfiehlt. Weiteres nennenswertes Bonusmaterial enthält die capelight-Veröffentlichung nicht.

… wächst heran

„Hatching“ feierte seine Weltpremiere im Januar 2022 beim Sundance Film Festival im US-Staat Utah, machte im März Station bei den Fantasy Filmfest Nights in Deutschland und bekam im Juli auch einen regulären Kinostart spendiert. Nun hat capelight pictures das Horrordrama im Rahmen der „Limited Collector’s Edition“-Reihe als erwähntes Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht und auch eine Blu-ray und DVD in herkömmlicher und somit kostengünstigerer Verpackung in den Handel gebracht. Eine angesichts des offenen Endes denkbare Fortsetzung hat Hanna Bergholm ausgeschlossen – gut so! Es gibt schon genug Sequels, man muss nicht immer eines drehen, nur weil man es kann. „Hatching“ überzeugt als eigenständiges, singuläres Horrordrama.

Kuckuck!

Alle als „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Sieht wütend aus

Veröffentlichung: 30. September 2022 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Finnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Pahanhautoja
FIN/SWE 2022
Regie: Hanna Bergholm
Drehbuch: Hanna Bergholm, Ilja Rautsi
Besetzung: Siiri Solalinna, Sophia Heikkilä, Jani Volanen, Reino Nordin, Oiva Ollila, Ida Määttänen, Saija Lentonen, Stella Leppikorpi, Hertta Nieminen, Aada Punakivi, Hertta Karen, Jonna Aaltonen, Miroslava Agejeva
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow, 24-seitiges Booklet mit einem Interview mit Regisseurin Hanna Bergholm
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2022 capelight pictures

 

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