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Horror für Halloween (XIV): Prey (2022) – Vor den Fußstapfen von Arnie

12 Okt

Prey

Von Volker Schönenberger

Vor langer Zeit, so heißt es, kam ein Ungeheuer hierher.

SF-Horror-Action // Die junge Naru (Amber Midthunder) vom Volk der Comanchen will unbedingt Jägerin werden wie ihr großer Bruder Taabe (Dakota Beavers). Mit ihrem Stamm lebt sie im Jahr 1719 christlicher Zeitrechnung in den nördlichen Great Plains Nordamerikas. Als sie meint, am Himmel das Zeichen des Donnervogels zu erblicken, hält sie die Zeit für ihre Prüfung gekommen. Als Taabe und einige andere Jäger aufbrechen, um den vermissten Puhi (Samuel Marty) zu suchen, begleitet Naru den kleinen Trupp, weil Taabe ihre Fähigkeiten als Heilerin und Spurenleserin schätzt. Sie entdecken den aus einigen Wunden Blutenden und bereiten seinen Transport zurück ins Lager vor. Taabe bleibt zurück, um den Puma zu erlegen, der Puhi verletzt hat. Als Naru auf dem Heimweg eine tote und gehäutete Schlange entdeckt, verlässt sie mit dem Jäger Paaka (Corvin Mack) die anderen und sucht Taabe wieder auf, weil sie erkennt, dass nicht nur ein Puma in der Gegend auf der Jagd ist.

Was Naru am Himmel sah, war nicht der Donnervogel, sondern ein Raumschiff, das einen außerirdischen Jäger in der Gegend abgesetzt hat. Bald schon werden sich die Wege der Comanchen-Geschwister und des Predators (Dane DiLiegro) kreuzen.

Die Heilerin Naru …

Grimmig, blutig, rau – „Prey“ (2022) führt das „Predator“-Franchise auf herausragende Weise in ein neues Zeitalter. Wenn auch in ein zurückliegendes – die zweite Kino-Regiearbeit von Dan Trachtenberg nach „10 Cloverfield Lane“ (2016) fungiert als Prequel zu John McTiernans „Predator“ (1987) mit Arnold Schwarzenegger. Wenn Taabe zu seiner Schwester Wenn es blutet, können wir es töten sagt, frohlockt das Herz des „Predator“-Fans (so er denn solche Zitate als Hommage genießen kann). Die Vorgeschichte zollt diesem großen Actionklassiker der 1980er-Jahre auch insofern Tribut, als sie sich ebenfalls ausschließlich in der Wildnis abspielt – der Dschungel Mittelamerikas dort, die Wälder der Großen Ebenen Nordamerikas hier.

… will Jägerin werden

Survival-Abenteuer zeichnen sich oft nicht gerade durch komplexe Storys aus. Es geht eben schlicht ums Überleben, eine Wendung stellt es schon dar, wenn die Figuren gelegentlich zwischen den Rollen Jäger und Beute hin und her wechseln. Das gilt auch für „Prey“, zumal der Film letztlich die Geschichte von „Predator“ in ein neues Gewand kleidet. Aber es spricht überhaupt nichts gegen eine Story, die auf einen Bierdeckel passt, wenn sie derart fesselnd und bildgewaltig inszeniert worden ist wie einst bei „Predator“ und nun bei „Prey“. Gedreht wurde von Februar bis September 2021 in der Region um Calgary in der kanadischen Prärieprovinz Alberta. Kameramann Jeff Cutter, für Regisseur Dan Trachtenberg auch schon bei „10 Cloverfield Lane“ in der Funktion aktiv, fängt die Landschaft in faszinierenden Bildern ein, lässt die Comanchin Naru und ihre Mitstreiter geradezu mit dem Wald verschmelzen.

Die Belange der Comanchen

For the Comanche Nation and Juanita Pahdopony – diese Widmung für das Volk der Comanchen und die genannte Dame findet sich im Abspann. Juanita Pahdopony war eine Angehörige der Comanchen und Kulturschaffende ihres Volks. Sie war für „Prey“ in der Vorproduktionsphase beratend tätig, starb aber am 21. August 2020 noch vor Beginn der Dreharbeiten. Als Produzentin des Films fungierte Jhane Myers. Für die Angehörige des Volks der Comanchen und der Blackfoot-Stammesgruppe gleichermaßen stellt „Prey“ die erste große Aufgabe als Produzentin dar. Für kulturelle Belange der indigenen Völker im Film ist sie seit einigen Jahren aktiv, hatte beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit fürs „Native Community Engagement“ von Mel Gibsons „Apocalypto“ (2006), Gore Verbinskis „Lone Ranger“ (2013), Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (2016) und Taylor Sheridans „Wind River“ (2017) übernommen. Ihr Wirken als Produzentin von „Prey“ spricht dafür, dass die Darstellung des Volks der Comanchen authentisch geworden ist – genau das ist ja ihr Anliegen. Dafür erhielt der Film auch Lob, etwa von Brad Curran bei Screen Rant. Die Kleidung der Comanchen sowie ihre Tipi-Siedlung seien nah dran an deren Gegenstücken im realen Leben. Auch der im Film gezeigte Jagdstil sei akkurat, ebenso die Feindseligkeit, die die Comanchen von den französischen Siedlern erfahren hätten (was auch auf andere europäische Siedlergruppen zutreffe).

Stolze Jäger und Krieger: die Comanchen

Das gilt ebenso für das Genderthema: Die traditionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen der Comanchen unterscheidet sich offenbar gar nicht mal so sehr von der in unserer westlichen Gesellschaft. Da wie dort musste sich eine Frau, die in eine Männerdomäne vordringen will, mit Widrigkeiten und Widerstand herumplagen. Das strebt ja auch Naru an, die den „Männerberuf“ der Jägerin ergreifen will. Ihr Bruder unterstützt sie im Rahmen seiner Möglichkeiten sogar – die innige Beziehung der sich gleichwohl nicht immer einigen Geschwister gehört ohnehin zu den starken Elementen von „Prey“.

Naru wittert die Gefahr

Das Thema Gender führt zwangsläufig zum Thema Diversität: Ein „Predator“-Film mit einer Frau als Heldin, noch dazu Angehörige eines später ausgebeuteten, vertriebenen und marginalisierten Volkes – da sahen manche Filmfans am Horizont den Untergang des Abendlandes heraufziehen (vielleicht nicht ganz so heftig wie bei den unsäglichen „Winnetou“- und „Arielle“-Debatten). Aber wer sich so von seiner Anti-„Woke“-Haltung blenden lässt, lässt sich dann eben auch einen großen Filmgenuss entgehen. Selbst wenn man unterstellt, dass Disney mit der Diversitätsoffensive etwas über die Stränge schlägt (was auch erst mal zu belegen wäre, sonst bleibt es behauptet), so ist doch am Beispiel von „Prey“ eindeutig zu konstatieren: Diversität gibt starke Storys her! „Prey“ hat als Survival-Horror eine simple, aber starke Story zu bieten und setzt eine starke Heldin in den Fokus. Mehr davon! Angesichts dessen, dass Diversität in Bezug auf starke Frauenfiguren und die Berücksichtigung von Minderheiten im Film im Allgemeinen und in Hollywood im Besonderen über viele Jahrzehnte kleingeschrieben wurde (und zwar ganz klein!), ist es nur recht und billig, dass mittlerweile verstärkt Filme produziert wurden, die das krumme Bild zumindest etwas gerade rücken.

Die junge Frau muss sich verbergen

Dieses Ansinnen spiegelt sich konsequenterweise auch in der Besetzung wider: Die 1997 in der zur Navajo Nation Reservation gehörigen Gemeinde Shiprock im US-Staat New Mexico geborene Hauptdarstellerin Amber Midthunder („Hell or High Water“) gehört zum indigenen Volk der Assiniboine und ist eine Bürgerin der Fort Peck Indian Reservation. Dakota Beavers, der Narus Bruder Taabe verkörpert, hat ebenfalls indigene Wurzeln (neben anderen), desgleichen weitere Darstellerinnen und Darsteller, etwa Michelle Thrush, die Narus und Taabes Mutter Aruka spielt. Die Kanadierin ist eine Cree und Aktivistin für die kanadischen indigenen Völker, die sogenannten First Nations.

Ikone des Horrors und der Science-Fiction: der Predator

Zum Predator: Er ist ein starkes Monster der Filmgeschichte, seit seinem ersten Auftritt als Antagonist Arnold Schwarzeneggers eine Ikone. Und „Prey“ zeigt ihn einmal mehr in seiner ganzen Pracht, wenn auch spät im Film und konsequenterweise mit etwas zurückgenommener Technik. Immerhin liegen zwischen dem „neuen“ Predator von „Prey“ im Jahr 1719 und dem „alten“ in „Predator“ mehr als 250 Jahre. Nur logisch, dass die Predatoren der älteren, aber viel später spielenden Filme technisch moderner ausgerüstet sind als der Predator der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Lobenswert, dass darauf geachtet wurde. Solche durchdachten Details gibt es einige, man achte zum Beispiel darauf, dass die oben erwähnte Klapperschlange den Predator trotz seiner Unsichtbarkeitstechnik offenbar wahrnimmt. Das kann sie, weil sie über ein Grubenorgan verfügt, mit dem sie Infrarotstrahlung und Temperaturunterschiede wahrnimmt, was sie mit dem Predator sogar gemeinsam hat.

Doch so leicht lässt sie sich nicht zur Beute machen

Manche finden stets ein Haar in der Suppe. So wurde an Naru von einigen kritisiert, sie könne gewisse Fähigkeiten und Erkenntnisse gar nicht gewinnen, weil sie als Angehörige eines Naturvolks weit von jeder technisierten Zivilisation aufgewachsen sei. Als Beispiel wird etwa angeführt, wie sie sich zusammenreimt, dass der Predator seine Gegner aufgrund ihrer Körpertemperatur zu lokalisieren in der Lage ist – Naru bemerkt, dass die Kreatur einen Menschen mit herabgesenkter Temperatur offenbar übersieht. Das mag in der Tat eine Fähigkeit Narus sein, die sie womöglich nicht haben kann. Aber bemerken wir derlei fast schon übermenschliche Talente nicht seit jeher bei nahezu allen Actionstars der Filmgeschichte?

Und wehrlos ist Naru schon mal gar nicht

„Prey“ gelangte ab Anfang August 2022 in vielen Ländern gleichzeitig ins Streaming. In den USA beispielsweise über den Streamingdienst Hulu, an dem der Disney-Konzern eine Mehrheitsbeteiligung hält. In anderen Ländern, darunter auch Deutschland, kann „Prey“ über den per Kindersicherung geschützten Disney+-Kanal Star gestreamt werden, das auch in deutscher Synchronisation. Die Originalsprachfassung ist Englisch, zusätzlich entstand nach Ende der Dreharbeiten auch eine Comanche-Sprachfassung, bei der die Darstellerinnen und Darsteller ihre Rollen selbst synchronisierten. Trotz nicht immer lippensynchroner Tonspur ist diese Sprachfassung die bestmögliche, da sie einen authentisch wirkenden Film adäquat intoniert. Es ist im Übrigen das erste Mal, dass ein Film eine Comanche-Tonspur erhalten hat.

Der Predator mal sichtbar

Auf diese Weise setzt „Prey“ das „Predator“-Franchise in formidabler Manier fort. Finale und Abspann halten die Möglichkeit einer Fortsetzung offen, die sich ebenfalls im 18. Jahrhundert abspielt. Sogar ein Prequel zu „Prey“ scheint im Bereich des Möglichen zu liegen. Klar, solche Franchises dienen vornehmlich dem Zweck, Fans der Vorgänger anzusprechen und so mit erwartbaren Einnahmen kalkulieren zu können. Wenn das aber auf so herausragende Weise geschieht wie in diesem Fall, lasse ich mir das gern gefallen. Und „Prey“ schlägt letztlich einen so eigenständigen Weg ein, dass die Produzenten womöglich gar nicht mal so sehr auf die Zielgruppe der „Predator“-Fans geschielt haben, sondern ein neues Publikum gewinnen wollten. Das mag von Erfolg gekrönt sein. So oder so wird es Zeit, auch mal wieder „Predator“ mit Arnie als Endgegner des Titelhelden zu bewundern.

Taabe und Naru wappnen sich zum letzten Kampf

Veröffentlichung: 5. August 2022 als Video on Demand bei Disney+

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Comanche u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: Prey
USA 2022
Regie: Dan Trachtenberg
Drehbuch: Patrick Aison
Besetzung: Amber Midthunder, Dakota Beavers, Dane DiLiegro, Stormee Kipp, Michelle Thrush, Julian Black Antelope, Stefany Mathias, Bennett Taylor, Mike Paterson, Nelson Leis, Tymon Carter, Skye Pelletier, Harlan Blayne Kytwayhat, Corvin Mack, Samuel Marty, Ginger Cattleman, Corvin Mack
Zusatzmaterial: Trailer, Film als Comanche Version
Label/Vertrieb/Kanal: Disney+

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Plakatmotiv: © 2022 20th Century Studios

 

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