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Sundown – Geheimnisse in Acapulco: Von wegen Urlaubsparadies

01 Nov

Sundown

Von Volker Schönenberger

Thrillerdrama // Der wortkarge Londoner Neil Bennett (Tim Roth) verbringt im mexikanischen Acapulco einen Traumurlaub mit seiner Schwester Alice Bennett (Charlotte Gainsbourg) und ihren beiden fast erwachsenen Kindern Alexa (Albertine Kotting McMillan) und Colin (Samuel Bottomley). Ein Telefonanruf reißt die Familie aus der Idylle: Neils und Alices Mutter wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Auf Drängen von Alice brechen die vier umgehend ihre Zelte ab. Auf der Fahrt zum Flughafen erfährt Alice durch einen weiteren Anruf, dass ihre Mutter gestorben ist.

Faulenzen und …

Neil gibt kurz vor dem Einchecken vor, seinen Reisepass im Hotel vergessen zu haben, und bleibt zurück. Vom Taxifahrer Jorge Campos (Jesús Godínez) lässt er sich ein anderes Hotel empfehlen. Seine Zeit verbringt er mit Nichtstun und Biertrinken, lässt sich mit der Einheimischen Berenice (Iazua Larios) ein. Alice, die ihn in London zur Beerdigung erwartet, hält er mit Vorwänden hin, behauptet, sein Reisepass sei nicht mehr aufzufinden.

Vom Touristenmekka zur Todesfalle: Acapulco

Acapulco! Ein klangvoller Name, den wir nicht zuletzt dank seiner berühmten Klippenspringer mit dem Gedanken an einen romantischen Traumurlaub verbinden. Doch das war einmal. Der 2006 offen ausgebrochene Drogenkrieg in Mexiko hat aus der Großstadt an der Pazifikküste einen der gefährlichsten Orte der Welt gemacht. Seitdem liegt Acapulco in der Liste mexikanischer Städte mit den meisten Mordopfern pro Einwohner permanent weit oder ganz vorn.

… Müßiggang …

In dieses Acapulco platzierte der mexikanische Drehbuchautor und Regisseur Michel Franco sein an Originalschauplätzen gedrehtes Familiendrama um eine dysfunktionale Bruder-Schwester-Beziehung, um die sich das Publikum anfangs einiges zusammenreimen muss (zu Beginn mag man Neil und Alice für ein Ehepaar halten). Das liegt unter anderem daran, dass Franco Dialoge nur sparsam einsetzt und viel mit statischen Einstellungen arbeitet. Auf musikalische Untermalung jenseits ein wenig diegetischer Musik verzichtet er vollends. Neils Verhalten bleibt lange Zeit unergründlich, sowohl seiner Familie als auch dem Filmpublikum. Wer aufmerksam ist, erhält recht früh einen klitzekleinen Hinweis, aber das war es dann auch, bis sich seine Beweggründe kurz vor dem Ende offenbaren. Tim Roth („The Hateful Eight“) trägt das hervorragend und mit der gebotenen Zurückhaltung. Charlotte Gainsbourg („Nymph()maniac“) steht ihm in nichts nach, hat aber deutlich weniger Leinwandzeit.

… in Acapulco

Den Handlungsort wählte Michel Franco ganz bewusst, wie er im Vorfeld der Filmfestspiele von Venedig verlauten ließ, wo „Sundown“ im September 2021 seine Weltpremiere feierte: Es ist kein Zufall, dass „Sundown“ in Acapulco spielt. Für mich ist es schockierend zu sehen, dass sich die Stadt, in der ich als Kind mehrmals im Urlaub war, in ein Epizentrum der Gewalt verwandelt hat. „Sundown“ entspringt der Notwendigkeit, einen Ort zu erkunden, der mehr und mehr fern und geradezu ausländisch erscheint. Franco äußerte sich auch zur bisweilen gleißend hellen Optik seiner Bilder: Die Sonne nimmt eine ursprüngliche Stellung ein; sie trifft immer aggressiv und direkt. Das Bild muss zwingend zwei Dinge reflektieren: die Gefühlslage der Figuren und die Gewalt, die in ihrer Umgebung vorherrscht.

Vom Regisseur von „New Order – Die neue Weltordnung“

Für seine dystopische vorherige Regiearbeit „New Order – Die neue Weltordnung“ (2020) war Michel Franco beim Internationalen Filmfestival von Venedig mit einem Silbernen Löwen, dem Großen Preis der Jury, prämiert worden. Legte er damit den Finger tief und offensichtlich in die schwärende Wunde der soziokriminellen Probleme Mexikos, ging er mit „Sundown – Geheimnisse in Acapulco“ deutlich feinfühliger zu Werke. Unter dem Deckmantel des Dramas um eine reiche englische Urlauberfamilie gibt er erneut einen bissigen Kommentar zum sozialen Gefälle in seiner Heimat ab. Das Aufeinanderprallen von Arm und Reich scheint anfangs überhaupt keine Rolle zu spielen, doch diese Kluft ist in Mexiko eben allgegenwärtig, und das gilt auch für das Geschehen in „Sundown“. Franco baut das sehr subtil auf, anfangs geht es tatsächlich in erster Linie um die Bennetts. Die Familie bleibt zwar wichtig, doch nach und nach bis hin zu zwei Knalleffekten rücken die gesellschaftliche Lage und die Kriminalität in Mexiko in den Fokus. Der Regisseur inszeniert das auf intelligente Weise und bar jeglicher Effekthascherei. Das macht ihn in seiner Heimat zu einem unbequemen Kommentator der gesellschaftlichen Verhältnisse, international zu einem höchst interessanten Filmemacher. Angesichts der Kombination aus kurzer Spieldauer von weniger als anderthalb Stunden und gemächlichem Erzähltempo überrascht es fast, dass die Geschichte zu einem runden Ende führt. Auch das spricht für Francos Fähigkeiten. Er beschert damit einem aufgeschlossenen Kinopublikum ein denkbar intensives Filmerlebnis. Welche lateinamerikanischen Thriller könnt Ihr empfehlen?

Neil trinkt mit Einheimischen Bier …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlotte Gainsbourg haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Tim Roth unter Schauspieler.

… und bändelt mit Berenice an

Veröffentlichung: 16. September 2022 als Blu-ray und DVD, 7. September 2022 als Video on Demand

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sundown
F/MEX/SWE 2021
Regie: Michel Franco
Drehbuch: Michel Franco
Besetzung: Tim Roth, Albertine Kotting McMillan, Charlotte Gainsbourg, Samuel Bottomley, Iazua Larios, Jesús Godínez, Godriyah Faoziati, Ely Guerra, Javier Mendez, Mónica Del Carmen, Cristopher Trujillo
Zusatzmaterial: Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2022 Ascot Elite Home Entertainment

 
 

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14 Antworten zu “Sundown – Geheimnisse in Acapulco: Von wegen Urlaubsparadies

  1. Daniel

    2022/12/07 at 06:24

    Wohl einer der Besten „Sicario“
    auch eine Empfehlung „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“
    und wenn es als Thriller gilt „El Mariachi“

     
  2. Klaus

    2022/12/05 at 19:44

    Den argentinischen Episodenfilm „Wild Tales – Jeder dreht mal durch“ möchte ich hier noch anmerken. Ist zwar nicht gerade ein knallharter Thriller, aber absolut sehenswert mit viel schwarzem Humor.

     
  3. Christoph Wolf

    2022/12/05 at 17:17

    Neben einigen der genannten würde ich noch
    Was geschah mit Bus 670? (Sin señas particulares, Fernanda Valadez, 2020, MEX/E)
    empfehlen wollen. Das ist aber kein klassischer Thriller, obwohl alle Elemente enthalten sind. Die Struktur ist eher die eines Road Movies. Für einen klassischen Thriller ist der Film auch etwas zu ruhig. Dennoch, die Suche einer Mutter nach ihrem Sohn im Grenzgebiet Mexikos zu den USA hat natürlich thrillerhaftes. Grandiose Bilder hat er obendrein.

     
  4. JensA

    2022/12/05 at 09:16

    City of God fand ich damals klasse

     
  5. Thomas Oeller

    2022/12/04 at 00:44

    Neben „Sicario“ noch „Santa Sangre“ (mehr fallen mir aber auch spontan nicht ein)

     
  6. Christoph Leo

    2022/12/03 at 22:48

    Ich wäre für City of Good oder Tropa de Elite.

     
  7. Michael Behr

    2022/12/03 at 19:34

    Jenseits von „Sicario“ fällt mir gerade auch nichts ein. Falls ich noch einen Geistesblitz haben sollte, ergänze ich.

     
  8. Samara

    2022/12/03 at 12:26

    Da kenn ich mich leider nicht mit aus. Auch die bisher genannten Filmen der anderen Kommentaren kenn ich leider gar nicht.

     
  9. DirkB.

    2022/12/03 at 11:43

    Driftet vielleicht eher in Richtung Horror ab, aber ich fand ihn spannend wie einen Thriller: The Silent House

     
  10. Jürgen Middeldorf

    2022/12/03 at 11:43

    City of God

     
  11. Frank Hillemann

    2022/12/03 at 10:18

    Desperado und El Mariachi.

     
  12. Frank Warnking

    2022/12/03 at 04:58

    Sicario 1 und 2

     
  13. Björn Kramer

    2022/12/02 at 19:11

    In the blood mit Gina carano!

     
  14. darthoedel

    2022/12/02 at 16:58

    Ganz klar „Sicario“!

     

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