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Demon Lake – Der Fremde im Dämonenwahn

17 Jan

Blood Conscious

Von Volker Schönenberger

Horror // Ein erholsames Wochenende im Kreis der Lieben – darauf freut sich Brittney (DeShawn White), während sie mit ihrem Verlobten Tony (Lenny Thomas) und ihrem Bruder Kevin (Oghenero Gbaje) zum idyllisch auf einer Insel (oder Halbinsel) in einem See gelegenen Ferienhaus ihrer Eltern fährt. Die beiden jungen Männer verstehen sich zwar nicht gerade blendend, aber Brittney gibt sich zuversichtlich. Am Ziel angekommen, wundern sich die drei Afroamerikaner über das leere Haus – bis Kevin seine Eltern am Seeufer entdeckt: erschossen, wie auch die Nachbarn. Unmittelbar darauf erhebt sich ein unbekannter – und namenlos bleibender – Weißer (Nick Damici) vom Boden und bedroht Kevin und das hinzukommende Verlobungspaar mit einer Schrotflinte. Und fragt sie: Seid ihr Menschen? Oder seid ihr Dämonen?

Noch ahnt Kevin nichts Böses

Hoch spannend geht es in „Demon Lake“ zu, der im Original den Titel „Blood Conscious“ trägt und im Oktober 2021 beim Fantasy Filmfest auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen war. Dazu tragen auch der gezielt eingesetzte Score mit seinen simplen Tonfolgen und die gekonnt eingesetzte Kamera bei. Das beginnt schon mit der Autofahrt des Trios, wenn die Kamera wie durch die Heckscheibe des Autos den zurückgelegten Weg durch eine herbstliche Waldlandschaft ins Bild setzt. Das erschafft eine Stimmung, die sogar der während der von oben gefilmten Autofahrt zu Beginn von Stanley Kubricks epochalem „Shining“ (1980) ähnelt.

Mehr Fragen als Antworten

Eine Waldhütte in den Backwoods ist alles andere als ein neues Motiv, gibt aber Gelegenheit zu atmosphärischem Horror vor stimmungsvoller Naturkulisse – so auch hier. Über weite Strecken stellt uns das Geschehen vor große Rätsel. Nick Damici, als versierter Genrefilmdarsteller aus Filmen wie „Late Phases“ (2014), „The Sacrament“ (2013) und „Vampire Nation“ (2010) bekannt, spielt hier seine Routine aus und überzeugt als mysteriöser Klempner (seinen Beruf erwähnt er nach einiger Zeit). Schnell erkennen wir, dass er kein durchgeknallter Redneck ist und nicht aus rassistischen Motiven handelt. Aber weshalb hat er Kevins und Brittneys Eltern und ihre Nachbarn getötet? Hat er einen Wahn entwickelt, in anderen Menschen Dämonen zu erkennen? Oder liegt er damit am Ende gar richtig? Was verbirgt die undurchsichtige Margie Nealands (Lori Hammel), die des Nachts aus dem Wald auftaucht und behauptet, ihr Ehemann befinde sich unter den Opfern?

Was hat der Fremde vor?

Fragen über Fragen, und leider stellen wir am Ende der kurzen Laufzeit fest: Sie bleiben allesamt unbeantwortet. Fünf Minuten vor Schluss treffen die Hauptfiguren auf der Flucht auf weitere Personen, es kommt zu einer kurzen Eskalation, nach der alle an Ort und Stelle verharren, zum Teil mit Waffen im Anschlag – und es setzt der Abspann ein (immerhin mit den gefühlvollen Klängen von „In the Night“ des Soul-Duos Saun & Starr). Nichts hat sich geklärt! Überhaupt nichts. Völlig in Ordnung, wenn am Ende eines Films Fragen offen und Rätsel ungelöst bleiben, so etwas kann zur Stimmung am Ausklang einer Story beitragen. Manches bleibt auch besser unerklärt, aber gar nichts zur Erhellung des Publikums beizutragen, ist starker Tobak.

Paranoia? Oder berechtigtes Misstrauen?

Das gilt auch für kleine Details, die der Drehbuchautor und Regisseur Timothy Covell in seinem ersten langen Film sicher nicht unbewusst eingebaut hat. So macht beispielsweise Tony irgendwann eine Bemerkung zum Aufbruch durch den Wald, deren sonderbare Formulierung Kevin sofort auffällt, woraufhin er den Verlobten seiner Schwester darauf anspricht. Tony bleibt eine Antwort schuldig, aber außer, dass Kevin und Brittney fortan misstrauisch sind, hat die Bemerkung keinerlei Bedeutung. Als Zuschauer konnte ich mir auch nicht zusammenreimen, weshalb sich Tony so ausgedrückt hat, wie er sich ausgedrückt hat. Dies hätte Timothy Covell auflösen müssen. So bleibt nur die vage Annahme, dass der Regisseur etwas über Paranoia sagen wollte, die in den USA ja um sich greift (und nicht nur dort). Und beim Thema Dämonen-Paranoia fällt mir unweigerlich Bill Paxtons herausragende Regiearbeit „Dämonisch“ (2001) ein, die damit weitaus cleverer umgeht und zudem eine schlüssige Auflösung im Finale bietet.

Niedergeschmettert: Kevin hat seine Eltern verloren

Zu den vielen Fragezeichen passt auch der Einstieg des Films mit der Einblendung eines Bibelzitats, genauer: der Verse 9:32 bis 9:34 aus dem Buch Hiob im Alten Testament (dem Tanach der Juden). For he is not a man as I am that we should come together; neither is there any that might lay his hand upon us both. Let him, therefore, take his rod away from me, and let not his fear terrify me. – Denn er ist kein Mann wie ich, dem ich entgegnen könnte: Lasst uns zusammen vor Gericht gehen! Es gibt keinen Schiedsmann zwischen uns, der seine Hand auf uns beide legen könnte, er nehme seine Rute von mir, und sein Schrecken ängstigte mich nicht mehr. Wer diese Worte in einen Kontext zur Handlung von „Demon Lake“ setzen kann, möge mir per Kommentar unter diesem Text unter die Arme greifen. Das gilt im Übrigen auch für den Originaltitel „Blood Conscious“: Was soll er bedeuten? Für welche der Figuren ist es inwiefern bedeutsam, sich ihres Blutes bewusst zu sein? Oder des Blutes anderer?

Ist Rassismus Thema?

Speziell die Konfrontation zweier junger Afroamerikaner und einer Afroamerikanerin mit ausschließlich weißen Antagonisten lässt vermuten, dass Timothy Covell auch eine Aussage über Rassismus treffen wollte. „Blood Conscious“ alias „Demon Lake“ setzt sich damit in einen Trend, den hauptsächlich Jordan Peele mit „Get Out“ (2017) gesetzt und mit „Wir“ (2019) und „Nope“ (2022) fortgeführt hat. Auch „Antebellum“ (2020) sei in diesem Kontext genannt, ebenso das von Peele mitproduzierte Remake „Candyman“ (2021). Bezüglich afroamerikanischer Motive im Horrorfilm sei auch „Spell“ (2020) genannt, obgleich dieser keinen Rassismus thematisiert, sondern eher afroamerikanische Identität und Kultur. Sei’s drum – leider bleibt auch beim Thema Rassismus offen, was uns Timothy Covell mit „Demon Lake“ vermitteln will. Die Kluft zwischen den drei Schwarzen und ihren weißen Gegenspielerinnen und Gegenspielern ist zu auffällig, als dass man argwöhnen könnte, Rassismus spiele keine Rolle. Er verbirgt sich aber offenbar so sehr zwischen den Zeilen, dass ich mich gefragt habe, was uns Timothy Covell damit vermitteln wollte. Eine Antwort darauf fand ich nicht.

Brittney entdeckt weitere Todesopfer

Musste der Dreh aus Budgetgründen oder wegen anderer Umstände abrupt enden, sodass eine Aufschluss gebende Schlussviertelstunde nicht mehr gefilmt werden konnte? Das unvermittelte Ende von „Demon Lake“ legt den Gedanken fast nahe. Und unglücklicherweise drückt dieser Umstand den Gesamteindruck des Films enorm nach unten, denn das zuvor doch sehr hohe Spannungsmoment verfliegt, die Spannungskurve endet im Nichts. Über zwei Drittel bis vielleicht sogar drei Viertel des Films offenbarte Timothy Covell enormes Potenzial, um dieses gegen Ende komplett zu verschenken. Sehr bedauerlich. Welche Genrefilme mit dezidiert afroamerikanischer Beteiligung und afroamerikanischen Themen könnt Ihr außer den bereits genannten Werken empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Nick Damici haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das Trio kämpft ums Überleben

Veröffentlichung: 26. Januar 2023 als Blu-ray, DVD und Video on Demand

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Blood Conscious
USA 2021
Regie: Timothy Covell
Drehbuch: Timothy Covell
Besetzung: Oghenero Gbaje, DeShawn White, Lenny Thomas, Lori Hammel, Nick Damici, Jacklyn Collier, Rick Robinson, Ryan C. Lynch, Christina Behnke, Jean-Remy Monnay, Annette Adams-Brown, Victoria Behnke
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb: Plaion Pictures

Copyright 2023 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2023 Plaion Pictures

 

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