Cocaine Bear
Kinostart: 13. April 2023
Zur Erinnerung an Ray Liotta
Horrorkomödie // Den Kokainbären gab es wirklich: 1985 warfen zwei Drogenschmuggler mehr als 30 Kilogramm Kokain über der Wildnis des US-Staats Georgia ab, als sie merkten, dass ihr Kleinflugzeug sie beide plus die Ladung kaum tragen konnte (die Drogengangster mussten dennoch abspringen, was einen der beiden, Andrew C. Thornton II., das Leben kostete, weil er sich in seinem Fallschirm verfing). Ein Amerikanischer Schwarzbär stieß auf das Rauschgift und bediente sich reichlich. Er starb an einer Überdosis und wurde drei Monate später neben den Überresten des Kokains aufgefunden. Das bedauernswerte Tier bekam den Beinamen Pablo Eskobear verliehen.
„Cocaine Bear“ (2023) greift die realen Ereignisse auf, zeigt den Todessturz Thorntons (Matthew Rhys) aber etwas humoriger, was sogleich die Tonalität des Films vorgibt. Anderntags bemerkt das bergwandernde Paar Elsa (Hannah Hoekstra) und Olaf (Kristofer Hivju) einen Schwarzbären, der sich sonderbar benimmt. Eine unheimliche Begegnung der fatalen Art.
Auf in den Wald!
Der Körper des toten Drogengangsters wird mitsamt 30 Kilogramm Kokain in Knoxville, Tennessee gefunden. Der diensthabende Ermittler Bob (Isiah Whitlock Jr.) identifiziert ihn als Kurier des Drogenbosses Syd White (Ray Liotta). Parallel dazu bricht im Norden Georgias die halbwüchsige Dee Dee (Brooklynn Prince) mit ihrem Schulfreund Henry (Christian Convery-Jennings) in den Chattahoochee National Forest auf. Ihrer Mutter Sari (Keri Russell) hat sie den Trip wohlweislich verschwiegen, zumal er mit Schulschwänzen verbunden ist.
Derweil beauftragt Syd White seinen Problemlöser Daveed (O’Shea Jackson Jr.), von St. Louis aus mit Syds Sohn Eddie (Alden Ehrenreich) die noch nicht von der Polizei sichergestellten Kokainpakete zu finden. Zusammen mit den drei Schmalspurganoven Vest (J. B. Moore), Stache (Aaron Holliday) und Ponytail (Leo Hanna), der Waldhüterin Liz (Margo Martindale) und dem Wildtieraktivisten Peter (Jesse Tyler Ferguson) ergibt das ein munteres Stelldichein in der Wildnis von Georgia – also genau dort, wo sich auch ein vollgedröhnter Schwarzbär auf der Suche nach noch mehr Rauschgift herumtreibt.
Der Bär aus den Computern von Wētā FX
Merke: Da Schwarzbären gute Kletterer sind, ist die Flucht auf einen Baum nicht die beste Idee, die man haben kann. Am besten funktioniert der in Irland gedrehte „Cocaine Bear“ tatsächlich in den Szenen mit dem Bären, von denen es glücklicherweise genug gibt. Der haarige Geselle entstand in den Rechnern der berühmten neuseeländischen CGI-Schmiede Wētā FX, was dem Vernehmen nach einen stattlichen Anteil des Produktionsbudgets von bis zu 35 Millionen US-Dollar verschlang. Dementsprechend sieht das Tier ziemlich gut aus. Seine Bewegungen wirken bisweilen natürlich, bisweilen überspitzt, und zwar genau dann, wenn sie es auch sein sollen, denn wir haben es ja mit einer Horrorkomödie zu tun. Und gerade rund um den Pelzträger haut der Humor gut rein – der schwarze bis blutige Humor, wohlgemerkt. Kokainsucht ist zwar eine ernste Angelegenheit, aber es lässt schon schmunzeln, was sich der Bär im Drogenrausch so alles leistet. Seine Attacken fallen deftig aus. Der leichtherzigen Stimmung des Films geschuldet sind sie weniger grimmig geraten als beispielsweise der fiese Bärenangriff in „Backcountry – Gnadenlose Wildnis“ (2014) und in „The Revenant – Der Rückkehrer“ (2015), aber an blutigen Einlagen mangelt es nicht.
Der Mensch im Kampf gegen die Natur – kein neues Motiv, hier auch zu finden. Wird der Bär anfangs noch als Monstrum skizziert, wandelt sich dieses Bild im Lauf der Handlung, erst recht, wenn der eine oder andere Schurke auf den Plan tritt, um Meister Petz sein Kokain streitig zu machen. Er bleibt zwar ein gnadenloser Killer, aber es wird auch deutlich, dass ihn letztlich das Kokain zu der rasenden Bestie gemacht hat, die er ist, zumal der Amerikanische Schwarzbär gemeinhin als für Menschen deutlich weniger gefährlich gilt als andere Bärenarten wie etwa der Grizzlybär. Später bekommt sein Agieren noch eine andere Dimension.
Von der Schauspielerei auf den Regiestuhl und zurück
In den Szenen ohne Meister Petz schleicht sich etwas Leerlauf ein. Die Story um verlorenes Kokain und einen wildgewordenen Bären gibt nicht genug her, um die Fäden der diversen Figurengruppen raffiniert wie bei Quentin Tarantino zusammenzuführen, wie es vielleicht die Absicht von Regisseurin Elizabeth Banks („3 Engel für Charlie“, 2019) und ihrem Drehbuchautor Jimmy Warden gewesen ist. Zum Glück greift der Bär nach jeder kurzen Durststrecke wieder ins Geschehen ein, gleichwohl bleibt der Eindruck, dass mehr drin gewesen wäre. Banks hat im Übrigen als Schauspielerin eine stattlichere Filmografie als als Regisseurin aufzuweisen. So tritt sie in allen vier Filmen der „Die Tribute von Panem“-Reihe in Erscheinung.
Am Ende habe ich mich von „Cocaine Bear“ anständig unterhalten gefühlt. Bärszenen und -attacken gibt es zur Genüge. Doch obwohl es hübsch blutig zugeht und der Humor nicht zu kurz kommt, reizt die Horrorkomödie ihr Potenzial nicht aus. An sich prädestiniert, um bei einschlägigen Genrefestivals wie dem Fantasy Filmfest und dem FrightFest als sogenannter Crowdpleaser zu reüssieren, hat es vielleicht seinen Grund, dass der Film gerade dort nicht gezeigt wurde. Vielleicht ist er trotz seiner skurrilen Prämisse des Bären im Drogenrausch bei einem Mainstream-Publikum besser aufgehoben als bei Genre-Fans, die etwas mehr erwarten.
Für Ray Liotta fällt der Vorhang
Bei „Cocaine Bear“ handelt es sich um den letzten Film, den Ray Liotta („GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“, 1990) vervollständigte. Der Schauspieler starb am 26. Mai 2022 in der Dominikanischen Republik, wo er sich zu Dreharbeiten für den Thriller „Dangerous Waters“ befand. Nachsynchronisationsarbeiten in der Postproduktion von „Cocaine Bear“ hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits beendet. Nach seinem ersten Erscheinen recht früh in der Handlung von „Cocaine Bear“ kann man befürchten, dass es das mit ihm bereits war und er mit einem Kurzauftritt lediglich als prominenter Name fürs Filmplakat herhalten sollte, aber das ist glücklicherweise nicht der Fall. Im späteren Verlauf greift er nachhaltig ins Geschehen ein. Seit seinem Karrierestart Anfang der 1980er-Jahre hat er uns mehr als 40 Jahre lang filmische Freude bereitet. Ray Liotta ruhe in Frieden.
Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Elizabeth Banks und Keri Russell haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Ray Liotta unter Schauspieler.
Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Cocaine Bear
USA 2023
Regie: Elizabeth Banks
Drehbuch: Jimmy Warden
Besetzung: Ray Liotta, Keri Russell, O’Shea Jackson Jr., Christian Convery-Jennings,
Alden Ehrenreich, Brooklynn Prince, Margo Martindale, Isiah Whitlock Jr., Jesse Tyler Ferguson, J. B. Moore, Kristofer Hivju, Hannah Hoekstra, Aaron Holliday, Leo Hanna, Ayoola Smart, Matthew Rhys
Verleih: Universal Pictures International Germany GmbH
Copyright 2023 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2023 Universal Pictures International Germany GmbH








Christoph Wolf
2023/04/15 at 00:38
War vorhin im Kino, kann mich der Bewertung vollumfänglich anschließen.