3:15
Actionthriller // Sie nehmen sich, was sie wollen (auch Frauen) und kontrollieren die Straße – die Jugendgang der „Cobras“ hat ihr Viertel in Los Angeles im Griff. Als eine rivalisierende Gang auftaucht, wird sie mit schlagkräftigen Argumenten vertrieben. Auch Jeff Hannah (Adam Baldwin) tut sich hervor, doch als Kumpel Cinco (Danny De La Paz) nicht vom letzten und bereits am Boden liegenden Gegner lassen will, geht er dazwischen. Zu spät – mit Cincos Messer im Rücken haucht der Typ sein Leben aus. Jeff schmeißt seine Lederjacke mit dem großen Kobramotiv auf dem Rücken zu Boden und macht sich vom Acker.
Ein Jahr später hat Jeff seine Freundin Lora Benedict (Wendy Barry) aus Gangzeiten gegen die kreuzbrave Sherry Havilland (Deborah Foreman) ersetzt. Weiterhin terrorisieren die Cobras die Schülerinnen und Schüler der Lincoln High School, knöpfen ihnen „Schutzgeld“ ab und verkaufen ihnen Drogen. Schuldirektor Horner (Rene Auberjonois) ist machtlos, immerhin organisiert der zynische Drogenfahnder Moran (Ed Lauter) eine Razzia an der Schule, bei der fünf Mitglieder der Gang hochgenommen werden. Darunter Cinco, der noch vergeblich versucht, sein Rauschgift in Jeffs Spind in der Umkleidekabine zu werfen. Nun hat sich Jeff die Cobras endgültig zu Feinden gemacht – insbesondere Cinco, der ihm nach dem Leben trachtet. Und bald wieder auf freien Fuß kommt …
Zum Originaltitel „3:15“ passt der deutsche Titelzusatz „Die Stunde der Cobras“ ausgesprochen gut, was man von deutschen Titelzusätzen ja oft genug nicht behaupten kann. Gemeint ist nachmittags, also 15:15 Uhr – der Zeitpunkt, an dem Jeff und die Cobras zur entscheidenden Konfrontation in den Räumen der Highschool aufeinandertreffen sollen. Ein sich über weite Strecken des Films anbahnender Showdown, was sogar Erinnerungen an „12 Uhr mittags“ (1952) weckt. Dessen Klassikerstatus hat der Highschool-Thriller nie erreicht, seine ureigene Qualität inmitten all der 80er-Jahre-Highschool-Filme hat er dennoch, auch wenn der generische 80er-Score mit Synthieklängen und einigen unbekannten Rocksongs eher durchschnittlich ausfällt. Während des besagten Showdowns immerhin wirkt der dann zurückgenommene Score sogar spannungsfördernd.
Wird sich Jeff der Bedrohung durch die Cobras allein stellen müssen wie einst Town Marshal Kane (Gary Cooper) in Fred Zinnemanns Edelwestern? Was ist mit seinem Kumpel Chris Barts (Scott McGinnis), der sich in Jeffs Gegenwart stets großspurig-kämpferisch gibt? Sogar der linkische Norman (Joseph Brutsman) will Jeff helfen. Die anderen Gangs hingegen sympathisieren zwar mit dem Bedrohten, wollen aber nicht eingreifen. Etwa die vom Whisperer (Mario Van Peebles) geführten M-16s. Die asiatische Gang der Tams wiederum will Jeff sogar als Mitglied aufnehmen und verspricht, ihn in dem Fall zu unterstützen, aber er hat dem Bandendasein abgeschworen. Diese Gemengelage wird nach und nach deutlich, und es kommt dem Film zugute, dass er sich Zeit nimmt, sein Figurenensemble zu skizzieren. Wobei das Hauptaugenmerk klar auf dem von Adam Baldwin („Firefly – Der Aufbruch der Serenity“, „Serenity – Flucht in neue Welten“) verkörperten Jeff Hannah liegt. Baldwin ist nie zum Topstar aufgestiegen, hat aber genug Gefühl, um Jeff Leben einzuhauchen. Dass er das drauf hat, hatte er bereits 1980 mit einer bedeutsamen Nebenrolle in seinem ebenfalls im Highschoolmilieu angesiedelten Kinodebüt „Die Schulhofratten von Chicago“ (1980) bewiesen. Auch in Stanley Kubricks Vietnamkriegsdrama „Full Metal Jacket“ (1987) hatte er einen einprägsamen Part. Im Netz findet sich übrigens mal die Information, Adam Baldwin sei nicht mit den Baldwin-Brüdern Alec, Daniel, Stephen und William verwandt, mal heißt es, er sei sehr entfernt mit ihnen verwandt. Verifizieren konnte ich keines von beiden.
„3:15 – Die Stunde der Cobras“ wartet mit weiteren interessanten Darstellerinnen und Darstellern in Nebenrollen auf, etwa dem bereits erwähnten Mario Van Peebles, den wir aus Clint Eastwoods „Heartbreak Ridge“ (1986) und den von ihm selbst inszenierten Drogenthriller „New Jack City“ (1991) kennen. Auch das Gesicht Ed Lauters ist vertraut, etwa aus „King Kong“ (1976) und „Cujo“ (1983). Schließlich ist da noch Gina Gershon („Showgirls“), die als eine der Cobrettes in Erscheinung tritt, der weiblichen Fraktion der Cobras, trotz markigen Getues und punkig-waviger Outfits eher im Gespielinnenbereich anzusiedeln.
In puncto Kostümierung der Gangs erinnert „3:15“ an Walter Hills Bandenfilmklassiker „The Warriors“ (1979) – auch dort sind die Mitglieder enorm auffällig je nach Gang jeweils einheitlich gekleidet und damit klar unterscheidbar. Hier sind es die Cobras mit ihren Schlangen-Backpatches auf dem Rücken ihrer Jacken, die in Weiß gekleideten Tams und die in olivgrünem Tarnlook auftretenden M-16s. Ein Bandenkriegsfilm wird „3:15“ aber nicht, so viel wird schnell deutlich – die an sich zwingend auftretenden Rivalitäten der Gangs auf begrenztem Territorium werden mit Ausnahme des Prologs überhaupt nicht aufgegriffen. Auch kein solcher Gewaltexzess wie Mark L. Lesters „Die Klasse von 1984“ (1982), einem der berüchtigtsten Highschoolfilme der Neon-Ära. Dafür kupferte „Der Prinzipal – Einer gegen alle“ (1987) mit James Belushi und Louis Gossett Jr. auf dreiste Weise beim fesselnden Showdown von „3:15 – Die Stunde der Cobras“ ab.
Für Larry Gross blieb es die einzige Spielfilmregiearbeit (vier Serienepisoden stehen noch zu Buche). Aber er war immerhin an vier Drehbüchern von Filmen Walter Hills beteiligt: „Nur 48 Stunden“ (1982), „Straßen in Flammen“ (1984), „Und wieder 48 Stunden“ (1990) und „Geronimo – Eine amerikanische Legende“ (1993).
Wicked Vision hat „3:15 – Die Stunde der Cobras“ der Vergessenheit entrissen, in europäischer HD-Premiere als Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht und der Edition einige exklusive Boni beigefügt, darunter einen eigens dafür eingesprochenen Audiokommentar von Dr. Kai Naumann und Oliver Hahm. Im Booklet lässt sich Wicked-Vision-Stammautor Christoph N. Kellerbach gewohnt kenntnisreich über die Produktion aus, dabei wirft er auch einen Blick auf „Amerikas Schul-Dschungel“ und dessen filmische Aufarbeitungen. Insgesamt einmal mehr eine feine Edition, zu der ich im Übrigen als Lektor/Korrekturleser von Booklet und Cover einen bescheidenen Beitrag geleistet habe. Wicked hat dem Mediabook zwei Covervarianten spendiert und vertreibt diese exklusiv im labeleigenen Onlineshop. „3:15 – Die Stunde der Cobras“ mag kein großer Film sein, dennoch verwundert es, dass er im Lauf der Jahre offenbar stärker in Vergessenheit geraten ist als andere 80er-Jahre-Produktionen mit Highschool-Szenario. Die (Wieder-)Entdeckung lohnt!
Die Filme der „Collector’s Series“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gina Gershon sind unter Schauspielerinnen zu finden, Filme mit Adam Baldwin, Ed Lauter und Mario Van Peebles in der Rubrik Schauspieler.
Veröffentlichung: 16. Juni 2023 als 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & DVD, 2 Covermotive à 666 und 333 Exemplare, Artwork Cover B: Gilles Vranckx)
Länge: 85 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: 3:15
Alternativtitel: 3:15 – The Moment of Truth / Showdown at Lincoln High
USA 1985
Regie: Larry Gross
Drehbuch: Sam Bernard, Michael Jacobs
Besetzung: Adam Baldwin, Danny De La Paz, Jesse Aragon, Rene Auberjonois, Bradford Bancroft, Wendy Barry, Ed Lauter, Mario Van Peebles, John Achorn, Joseph Brutsman, John Scott Clough, Wayne Crawford, Wings Hauser, Lori Eastside, Jeb Ellis-Brown, Deborah Foreman, Panchito Gómez, Nancy Locke, Scott McGinnis, Gina Gershon
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Kai Naumann und Oliver Hahm, Interview mit Danny De La Paz, Presseheft, Originaltrailer, Bildergalerie, Hidden Feature: VHS-Fassung (Open Matte), 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Christoph N. Kellerbach
Label/Vertrieb: Wicked Vision Distribution GmbH
Copyright 2023 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2023 Wicked Vision Distribution GmbH










