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Zum 65. Geburtstag von Viggo Mortensen: Appaloosa – Westernkenner Ed Harris

20 Okt

Appaloosa

Von Volker Schönenberger

Western // Im Jahr 1882 steht das Örtchen Appaloosa im New-Mexico-Territorium unter der Fuchtel des verbrecherischen Ranchers Randall Bragg (Jeremy Irons). Als Marshal Jack Bell (Robert Jauregui) auf Braggs Grundstück erscheint, um zwei von dessen Helfershelfern zu verhaften, erschießt Bragg ihn und seine zwei Deputys kurzerhand und lässt die Leichen verschwinden.

Ein neuer Marshal in der Stadt

Die Stadtväter Earl May (James Gammon), Phil Olson (Timothy Spall) und Abner Raines (Tom Bower) heuern bald darauf Virgil Cole (Ed Harris) und Everett Hitch (Viggo Mortensen) als City Marshal und dessen Deputy an. Die beiden töten umgehend drei von Braggs Leuten, als die sich im Saloon ihrer Verhaftung widersetzen. Klar, dass der Rancher das nicht auf sich sitzen lassen will.

Aufrechter Deputy: Everett Hitch

Ed Harris produzierte „Appaloosa“ zusammen mit Robert Knott und Ginger Sledge, schrieb gemeinsam mit Knott auch das Drehbuch nach dem 2005 veröffentlichten gleichnamigen Roman von Robert B. Parker (1932–2010), übernahm eine der Hauptrollen und praktischerweise auch gleich die Regie, seine bis heute erst zweite („Pollock“ markierte 2000 sein Regiedebüt). Man sieht Harris’ Arbeit in jedem Moment an, dass Harris seine Western-Hausaufgaben gemacht hat. „Appaloosa“ atmet die Atmosphäre der klassischen amerikanischen Western aus jeder Pore. Jedenfalls die Stimmung, die in all diesen Western vorherrscht, die in solchen Kleinstädten spielen, etwa „Rio Bravo“ (1959) von Howard Hawks, zugegeben einer der ganz großen Genreklassiker (an den „Appaloosa“ nicht heranreichen kann). Weil der Fokus der Handlung weitgehend auf eben dieser Kleinstadt Appaloosa liegt, bekommt Kameramann Dean Semler kaum Gelegenheit, sein Arbeitsmittel beeindruckende Landschaften einfangen zu lassen, wie er es beispielsweise für „Der mit dem Wolf tanzt“ getan hat. Das brachte ihm 1991 den Oscar ein.

Renée Zellweger als Witwe

Eine etwas sonderbare Färbung bekommt der Western mit dem Eintreffen der attraktiven Witwe Allison „Allie“ French (Renée Zellweger) im Ort. Plötzlich benimmt sich der eisenharte Virgil Cole wie ein verknallter Teenager, fragt seinen Deputy Hitch aus, was Allie denn über ihn gesagt habe, nachdem Hitch Cole berichtet hat, dass Allie ihn über Cole ausgefragt hat. Ohnehin wird viel über Gefühle gesprochen, in der Hinsicht ist „Appaloosa“ deutlich moderner als die klassischen Western, obwohl er diesen jederzeit verpflichtet bleibt. Allie wird mehr und mehr zu einer zentralen Figur, um die herum sich das Geschehen entwickelt. Sie ist einsam, so viel wird bald klar. Hat sie sich ernsthaft in Virgil Cole verliebt? Die Beantwortung dieser Frage fällt dialogstark bis geschwätzig aus. Ein paar Szenen bekommt auch eine weitere Frau, Katie (Ariadna Gil), eine Affäre von Everett Hitch. Ihre weibliche Intuition über Allie trügt sie nicht. Die spanische Schauspielerin Ariadna Gil und Viggo Mortensen lernten sich im Übrigen bei den Dreharbeiten von „Captain Alatriste – Blutiger Schwur“ (2006) kennen und sind seitdem ein Paar.

Allison French trifft in Appaloosa ein

„Appaloosa“ ist auch ein Film über eine unkaputtbare Männerfreundschaft, die selbst Allie nicht in Gefahr bringen kann. Und Everett Hitch wird am Ende einen großen Freundschaftsbeweis erbringen. Die markanten Gesichter von Viggo Mortensen und Ed Harris transportieren das Vertrauen der beiden ineinander formidabel. Schauspielerisch ist an „Appaloosa“ ohnehin nichts auszusetzen. Was will man an Charakterdarstellern wie Mortensen, Harris und auch Jeremy Irons auch aussetzen? Hinzu kommt Lance Henriksen („Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“), der als Revolverschwinger Ring Shelton mit seinem Bruder Mackie (Adam Nelson) auf den Plan tritt. Unter all diesen Alphatieren behauptet sich die zweifache Oscar-Preisträgerin Renée Zellweger („Unterwegs nach Cold Mountain“, „Judy“) vorzüglich.

Viggo Mortensen

Viggo Mortensen war einige Jahre zuvor mit seiner Rolle als Aragorn in Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“-Trilogie (2001–2003) in Superstar-Sphären aufgestiegen, ist jedoch schon deutlich länger als Schauspieler aktiv. Der am 20. Oktober 1958 in Manhattan als Sohn eines Dänen und einer US-Bürgerin Geborene debütiert 1985 mit einer Nebenrolle als junger Amish-Farmer in Peter Weirs Thriller „Der einzige Zeuge“ auf der großen Leinwand. Zu Beginn seiner Laufbahn ist er auch ein paar Mal fürs Fernsehen aktiv, einmal etwa 1987 in einer „Miami Vice“-Episode, die aber auch schon seinen letzten Serienauftritt markiert.

Kann Hitch (l.) Randall Bragg in Schach halten?

In jener Zeit sieht man Mortensen auch in den Niederungen des Horrorgenres, so bei „Prison – Rückkehr aus der Hölle“ (1987) und „Leatherface – Texas Chainsaw Massacre III“ (1990). 1995 gibt er den Luzifer in „God’s Army – Die letzte Schlacht“. Aber er arbeitet auch bald mit renommierten Regisseuren, etwa Sean Penn bei dessen Regiedebüt „Indian Runner“ (1991), Brian De Palma („Carlito’s Way“, 1993), Tony Scott („Crimson Tide – In tiefster Gefahr“, 1995) und Ridley Scott („Die Akte Jane“, 1997). Bislang viermal dreht Mortensen mit dem Kanadier David Cronenberg. Dabei arbeitet er in „A History of Violence“ (2005) auch erstmals mit Ed Harris zusammen. In „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ (2007) inszeniert ihn Cronenberg als russischen Mobster mit einem Geheimnis und lässt ihn in einer denkwürdigen Kampfsequenz nackt in der Sauna gegen zwei Meuchelmörder antreten. Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“ (2011) zeigt Mortensen als Sigmund Freud, „Crimes of the Future“ (2022) als Performance-Künstler in der Zukunft, der in bizarren Akten seine Organe präsentiert.

Bereit zum Showdown

In puncto Filmpreise ist Viggo Mortensen nicht gerade vom Glück verfolgt, kommt bei den renommierten Auszeichnungen bislang nicht über Nominierungen hinaus, etwa bei den Screen Actors Guild Awards (vier Nominierungen), den Critics Choice Awards (fünf), dem britischen Filmpreis BAFTA (drei), den Saturn Awards (fünf) und den Golden Globes (vier). Die Hauptrollen in „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ (2016) und „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ (2018) bringen ihm zudem Oscar-Nominierungen, aber ohne Erfolg.

Nach Madrid, der Liebe wegen

Weil er seit jungen Jahren in diversen Ländern gelebt hat, spricht Mortensen nicht nur fließend Englisch und Dänisch, sondern auch Spanisch. Das erleichterte ihm zweifellos die Entscheidung, sich mit seiner Lebensgefährtin Ariadna Gil in Madrid niederzulassen. Dem Vernehmen nach spricht er auch Arabisch, Französisch, Italienisch und Katalanisch und versteht Norwegisch und Schwedisch. Mittlerweile setzt er sich auch mal auf den Regiestuhl: Dem Vater-Sohn-Drama „Falling“ (2020) mit ihm und Lance Henriksen in den Hauptrollen folgt 2023 das Westerndrama „The Dead Don’t Hurt“ nach eigenem Drehbuch, Hauptrolle: Viggo Mortensen! Als Schauspieler bleibt er ohnehin rege, die Thriller „Unabomb“ und „Assassination“ sowie das Vietnamkriegsdrama „Two Wolves“ sind in Vorbereitung. Am 20. Oktober 2023 feiert Viggo Mortensen seinen 65. Geburtstag.

Bragg gibt nicht klein bei …

„Appaloosa“ hat es in Deutschland bislang nicht auf Blu-ray geschafft, obwohl es in anderen Ländern Blu-rays gibt, etwa im Vereinigten Königreich (siehe den Packshot oben). Die deutsche DVD ist im Handel vergriffen, auf dem Gebrauchtmarkt aber zu akzeptablen Preisen zu finden. Ed Harris ist ein traditioneller Western mit ein paar modernen Zwischentönen gelungen, an dem Genrefans Gefallen finden müssten. Der Western ist eben nicht totzukriegen, auch wenn es nur gelegentlich neue Filme auf die große Leinwand schaffen.

… und kann nach einer Weile frohlocken

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Renée Zellweger haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit James Gammon, Ed Harris, Jeremy Irons, Lance Henriksen, Viggo Mortensen und Timothy Spall unter Schauspieler.

Aber Hitch (r.) hat mit dem Rancher noch eine Rechnung offen

Veröffentlichung: 18. September 2009 als DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Appaloosa
USA 2008
Regie: Ed Harris
Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris, nach einem Roman von Robert B. Parker
Besetzung: Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen, Adam Nelson, James Gammon, Timothy Spall, Tom Bower, Timothy V. Murphy, Ariadna Gil, Luce Rains, James Tarwater, Boyd Kestner, Gabriel Marantz, Cerris Morgan, Erik J. Bockemeier, Freddie Hice, Tim Carroll, Robert Jauregui
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur/Hauptdarsteller Ed Harris und Drehbuchautor/Produzent Robert Knott, „Die Charaktere zum Leben erwecken“ (7:14 Min.), „Die historische Genauigkeit von Appaloosa“ (9:56 Min.), „Die Stadt Appaloosa“ (4:55 Min.), „Dean Semlers Rückkehr zum Western“ (5:04 Min.), 6 nicht verwendete Szenen (11:28 Min., mit optionalem Audiokommentar von Ed Harris und Robert Knott)
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2023 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & DVD-Packshot: © 2009 Warner Home Video

 

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