The Apartment
Dieser Text enthält Spoiler.
Tragikomödie // Fünf Oscars 1961, darunter die wichtigen als bester Film, für Regisseur Billy Wilder und das Originaldrehbuch von Wilder und I. A. L. Diamond – das ist schon eine Hausnummer. Dazu wurden die Schwarzweiß-Ausstattung und der Schnitt mit dem Academy Award prämiert. Unter den fünf weiteren Nominierungen befanden sich auch Hauptdarsteller Jack Lemmon und Haupdarstellerin Shirley MacLaine, sie unterlagen jedoch Burt Lancaster („Elmer Gantry“) und Elizabeth Taylor („Telefon Butterfield 8“). Zuvor war „Das Appartement“ (1960) bereits als beste Komödie mit dem Golden Globe ausgezeichnet worden, und Hollywoods Auslandspresse hatte auch Lemmon und MacLaine damit geehrt. Verdienter Lohn für eine der herzerwärmendsten Komödien, welche der Film im Allgemeinen und das klassische Hollywood im Besonderen hervorgebracht haben.
Die Verortung als reine Komödie ist auch gar nicht so eindeutig, da Billy Wilders Regiearbeit auch melodramatische bis dramatische Momente hat und die Komik sehr feinfühlig daherkommt. Liebeskomödie würde schon passen, da der von Lemmon verkörperte C. C. „Bud“ Baxter stetig die liebreizende Fahrstuhlführerin Fran Kubelik (MacLaine) anschmachtet, während er dabei zusehen muss, wie die Gute sehenden Auges in ihr Unglück läuft. Natürlich nur bis zum wunderbaren Happy End, ist ja klar. Aber einigen wir uns auf die Schublade Tragikomödie. Das hat auch den Vorteil, dass Billy Wilder dann eben mit „Manche mögen’s heiß“ (1959) die mir liebste Komödie und mit „Das Appartement“ die mir liebste Tragikomödie gedreht hat. So kommen diese beiden so wunderbaren Preziosen des Schwarzweiß-Kinos einander nicht ins Gehege. Klassiker-mäßig.
Für die Bosse auf die Parkbank
Zu Beginn von „Das Appartement“ berichtet uns Bud (per Stimme aus dem Off), dass seine Vornamens-Initialen für Calvin und Clifford stehen und er seit drei Jahren und zehn Monaten in New York City für Consolidated Life arbeitet, eines der größten Versicherungsunternehmen des Landes. In seinem anspruchslosen Bürojob macht er oft Überstunden, weil er sich nicht gleich nach Feierabend in sein gemütliches kleines Appartement an der Upper West Side von Manhattan zurückziehen kann. Das vergibt er nämlich in der Hoffnung auf berufliches und gehaltstechnisches Vorankommen an vier Abteilungsleiter von Consolidated Life (gespielt von Ray Walston, David Lewis, Willard Waterman, David White), die Buds Junggesellenbude für ihre außerehelichen Affären nutzen. Bisweilen wird er sogar aus dem Bett herausgeklingelt und muss des Nachts auf einer zugigen Bank im Central Park ausharren, weil einer der vier gerade eine Frau aufgerissen hat.
Als Personalchef Jeff Sheldrake (Fred MacMurray) von Buds Appartement-Arrangement mit den anderen erfährt, fürchtet der kleine Angestellte um seine Karrierechancen. Doch weit gefehlt – Sheldrake will Buds Junggesellenbude selbst für ein Techtelmechtel nutzen. Noch ahnt Bud nicht, dass es sich bei der Geliebten des Managers und Familienvaters um eben jene Fahrstuhlführerin Fran Kubelik handelt, die er anhimmelt. Vorerst nimmt er gern die Beförderung durch Sheldrake an, die ihn von der Hölle des Großraumbüros in ein eigenes gläsernes Büro hievt (später wird er noch einmal aufsteigen, wenn auch nur für kurze Zeit).
Frauenjäger Bud Baxter
Jede Szene sitzt! Sei es Bud, der am Bürotelefon hektisch versucht, die Appartementtermine der vier Manager unter einen Hut zu kriegen; sei es Sheldrakes Sekretärin Miss Olsen (Edie Adams), die Fran bei der Weihnachtsfeier über die Vielzahl der Verflossenen ihres Liebhabers aufklärt – und darüber, wie er im hinteren Separee des Chinarestaurants davon erzählt hat, sich scheiden zu lassen; eine Szene, die Fran gerade selbst miterlebt hatte. Oder Sheldrake, der Fran als Weihnachtsgeschenk kaltschnäuzig 100 Dollar zusteckt – eine Szene, die das Fass zum Überlaufen bringt (und schwer anzuschauen ist, ohne das Gesicht zu verziehen). Und erst der Ruf als Schwerenöter und Herzensbrecher, den Bud bei seinen Nachbarinnen und Nachbarn hat, etwa dem gutmütigen Arzt Dr. Dreyfuss (Jack Kruschen) aus der Nebenwohnung, den Fran noch brauchen wird. Wissen Sie, ich gelte als Frauenjäger hier im Haus. So Bud am Weihnachtsmorgen am Telefon zu Sheldrake. Es ist aber auch herrlich, wie Dr. Dreyfuss jede verfängliche Situation mit einer Frau in oder vor Buds Appartement mit Fug und Recht auf diese Weise interpretiert, obwohl Bud tatsächlich eine treue Seele von Mensch ist (Dr. Dreyfuss übrigens auch). Ich könnte ewig so weitermachen, aber dann hätte ich bald den gesamten Film nacherzählt, und ich bin ja nicht Wikipedia, wo das üblich ist.
Jedenfalls sind Bud und Fran ganz zauberhaft, und wer den beiden nicht wünscht, dass sie am Ende gemeinsam den Weg ins Glück finden, hat kein Herz. Aber man ahnt es sowieso oder hat „Das Appartement“ schon x-mal gesehen (so wie meine Wenigkeit). Etwas böswillig könnte man Bud Mangel an Rückgrat vorwerfen, aber letztlich ist er nur gutmütig und kann nicht Nein sagen. Rechtzeitig entwickelt er dann ja das nötige Rückgrat. Und wenn er bereitwillig einiges auf sich nimmt, um Fran Kubeliks Ruf zu schützen, muss man ihn einfach liebhaben, diesen etwas einsamen und verhuschten Gesellen mit seinen kleinen Marotten, etwa dem sich als Running Gag durch den Film ziehenden „-wise“: That’s the way it crumbles – cookie-wise. (So krümelt es nun mal – keksmäßig) Um ein Beispiel für einen solchen Ausspruch Baxters zu nennen. Das „-wise“ (im Deutschen eben „-mäßig“) bekommen wir des Öfteren von ihm zu hören, und unter anderen greift auch Fran Kubelik es auf.
Und „Miss“ Kubelik? Shirley MacLaine spielt sie so zauberhaft – wer sich nicht zumindest ein wenig in sie verguckt … zum Dahinschmelzen! Zumal Billy Wilder sie nicht als Dummchen inszeniert, sondern höchstens als etwas naiv. Aber auch nur etwas, denn sie ahnt längst, dass Sheldrake sie mit seinem Gerede von Scheidung nur hinhält. Großartig, wie Shirley MacLaine uns diesen Zwiespalt glaubwürdig vermittelt.
Fiese Glanzrolle für Fred MacMurray
Sheldrake hingegen – puh. Großer Respekt an Fred MacMurray für solch eine Rolle. Der Mann aus Illinois hat in seiner Karriere in der Regel positiv besetzte, sympathische Figuren gespielt. Billy Wilder besetzte ihn für „Frau ohne Gewissen“ (1944) einmal als Mörder, auch sein Part als Offizier der US Navy in Edward Dmytryks „Die Caine war ihr Schicksal“ (1954) an der Seite von Humphrey Bogart zeigt ihn nicht gerade als Sympathen. Als Ehebrecher Jeff Sheldrake verspricht er Fran Kubelik in „Das Appartement“ geradezu das Blaue vom Himmel. Er benutzt andere, Menschen wie Bud, Fran und den Schwarzen, der ihm im Büro die Schuhe am Fuß wienern darf, wofür Sheldrake ihm herablassend ein 25-Cent-Stück zuwirft; im Geiste so herablassend, wie er wenige Tage zuvor seiner Geliebten eine 100-Dollar-Note als Weihnachtsgeschenk überreichte. Dieser Mann ist verachtenswert, ein großer Verdienst Fred MacMurrays, ohne den „Das Appartement“ nicht der große Film wäre, der er ist. Gut, dass er sich nach einigen Überlegungen dazu durchringen konnte, den Part als Schürzenjäger und Ehebrecher anzunehmen. Es sind nicht immer nur diejenigen, welche unser Herz gewinnen, die einen Film zu dem machen, was er ist. Okay, eine etwas banale Erkenntnis, aber das wollte ich doch loswerden.
Sheldrake bringt uns zu einem anderen Aspekt: das Ausnutzen einer männlichen Machtposition, um sich sexuelle Vorteile zu verschaffen. Bei Consolidated Life offenbar gang und gäbe. Und Bud Baxter ist Teil dieses Räderwerks, lässt die üblen Machenschaften des Managements rund um sein Appartement für schnöde berufliche Vorteile mehr oder minder bereitwillig über sich ergehen. Sheldrake und die vier anderen Manager sind „sexual predators“ in Reinkultur, und Menschen wie Bud Baxter ermöglichen ihnen ihr schändliches Tun. Insofern umso bemerkenswerter, wie positiv und sympathisch wir ihn wahrnehmen. Ein Verdienst Jack Lemmons, denn die wahren Übeltäter sind ja die fünf Manager, insbesondere Jeff Sheldrake, ihnen soll unsere Antipathie gelten – und das tut sie. Heute sind wir nicht zuletzt dank #MeToo bei diesem Thema sensibilisierter als etwa vor der Jahrtausendwende, ganz sicher auch in der Ära von „Das Appartement“. Ein großes Verdienst Billy Wilders, sich dessen schon damals angenommen zu haben, auch wenn der Filmemacher damit damals keinen Stein ins Rollen gebracht hat.
Oft im deutschen Fernsehen
Sein Produktionsbudget von drei Millionen Dollar spielte „Das Appartement“ locker wieder ein. Mit Einnahmen von 18,6 Millionen Dollar an den US-Kinokassen und weiteren sechs Millionen international standen am Ende 24,6 Millionen Dollar zu Buche. Mit vielen Ausstrahlungen im deutschen Fernsehen ab 1973 und diversen DVD-Auflagen von 2001 bis 2014 gab es in der Vergangenheit ohnehin keine Probleme, die Tragikomödie zu schauen – ich habe sie erstmals in den 80ern im Fernsehen gesehen und seitdem mehrfach.
Nun hat capelight pictures „Das Appartement“ in formidabler Edition als Mediabook mit UHD Blu-ray und Blu-ray veröffentlicht und sich beim Bonusmaterial nicht lumpen lassen. Die deutschen DVDs waren allesamt recht spartanisch ausgestattet, wenn mich nicht alles täuscht (eine neue DVD hat capelight nebenbei auch herausgebracht). Umso besser, dass capelight diverse feine Featurettes aufgetan hat, darunter das halbstündige Making-of, einen halbstündigen Videoessay und eine knapp viertelstündige Doku über Jack Lemmon. Dazu einen Audiokommentar des Filmhistorikers Bruce Block, obendrein gibt es zu ein paar ausgewählten Szenen einen Kommentar des Filmhistorikers Philip Kemp. Sehr schön (komplette Auflistung des Zusatzmaterials siehe unten). Abgerundet wird das Ganze von einem lesenswerten Booklettext. Die Autorin Ines Walk schreibt darin über die Produktion, Billy Wilder, Jack Lemmon, Shirley MacLaine und ein paar Deutungen des Films.
Georg Thomalla spricht Jack Lemmon
Die Bildqualität der 2022 erfolgten 4K-Restauration fällt zudem hervorragend aus – so scharf, wie man sich das wünscht, ohne es zu übertreiben, mit feinem Kontrast der Schwarz-Weiß-Grau-Töne. Auch das Breitbildformat 2,35:1 stimmt, daran hat es bei der einen oder anderen früheren Veröffentlichung ja gehapert. Bei der deutschen Synchronisation handelt es sich selbstverständlich um die originale, also mit Jack Lemmons vorzüglichem Stammsprecher Georg Thomalla, dazu Gertrud Kückelmann als Stimme Shirley MacLaines und Wolfgang Lukschy für Fred MacMurray. Die deutsche Tonspur fällt deutlich lauter aus als die englische, also Obacht, wenn man während des Films unvermittelt wechseln will. Zusammenfassend lässt sich über das Mediabook das Urteil fällen: Mehr geht nicht. Referenzveröffentlichung eines hinreißenden Meisterwerks.
Ich liebe Sie, Miss Kubelik. (…) Haben Sie gehört, Miss Kubelik? Ich liebe Sie. Von ganzem Herzen.
Halt den Mund und gib!
Vielleicht nicht ganz die Antwort, die man sich erhoffen würde. Aber dieses Lächeln! Hach! Eines der schönsten Happy Ends, die Hollywood hervorgebracht hat.
Weitere bei „Die Nacht der lebenden Texte“ gewürdigte Weihnachtsfilme sind in unserer Rubrik Weihnachtsfilme zu finden. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Billy Wilder haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Shirley MacLaine unter Schauspielerinnen, Filme mit Jack Lemmon und Fred MacMurray in der Rubrik Schauspieler.
Veröffentlichung: 29. September 2023 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (UHD Blu-ray & Blu-ray) und DVD, 14. Februar 2014, 24. Oktober 2008, 19. März 2007 und 22. November 2001 als DVD, 26. Mai 2007 als DVD in der SZ Cinemathek
Länge: 125 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Apartment
USA 1960
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder, I. A. L. Diamond
Besetzung: Jack Lemmon, Shirley MacLaine, Fred MacMurray, Ray Walston, Jack Kruschen, David Lewis, Hope Holiday, Naomi Stevens, Johnny Seven, Joyce Jameson, Willard Waterman, David White, Edie Adams
Zusatzmaterial 2023: Audiokommentar von Filmhistoriker Bruce Block, ausgewählte Szenenkommentare von Filmhistoriker Philip Kemp, „A Letter to Castro“ – Interview mit Hope Holiday (13:18 Min.), „The Flawed Couple“ – Videoessay von David Cairns (20:23 Min.), Featurette „The Key to the Apartment“ (10:11 Min.), Making-of „Inside the Apartment“ (29:36 Min.), Dokumentation „Magic Time – The Art of Jack Lemmon“ (12:47 Min.), US-Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, Trailershow, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Ines Walk
Zusatzmaterial frühere DVD-Auflagen: Originaltrailer
Label 2023: capelight pictures
Vertrieb 2023: Al!ve AG
Label/Vertrieb frühere DVD-Auflagen: MGM / United Artists / Twentieth Century Fox Home Entertainment
Copyright 2023 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & erster gruppierter Packshot: © 2023 capelight pictures,
zweiter gruppierter Packshot: © MGM / United Artists / Twentieth Century Fox Home Entertainment









christophwolfca3f310064
2023/12/22 at 10:08
Nichts gegen „Some like it hot“, aber „One, Two, Three“ ist natürlich Wilders beste Komödie!
Volker Schönenberger
2023/12/22 at 11:03
Du hast aber schon gesehen, dass ich „die mir liebste Komödie“ geschrieben habe?! Gegen diese Aussage ist kein Widerspruch zulässig. Gegen deine absolute hingegen schon.