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Kay Sokolowsky

Kay Sokolowsky lebt als mehr oder weniger freier Autor in Hamburg. Er schreibt am liebsten für die Monatszeitschrift KONKRET und für sein Weblog „Abfall aus der Warenwelt“. Hin und wieder bringt er auch Bücher hervor; unter anderem über Alice Schwarzer, Lüge & Betrug, Verschwörungstheorien, Michael Moore und Harald Schmidt. In seinem auch hier rezensierten Buch „Feindbild Moslem“ hat Sokolowsky bereits 2009 den in Deutschland grassierenden, als Islamkritik kaschierten Hass auf Muslime analysiert.

Kays Beiträge bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Die glorreichen Sieben (Western, USA 1960)

Star Wars: Episode V – Das Imperium schlägt zurück (SF-Abenteuer, USA 1980)

Es ist schwer, ein Gott zu sein (Science-Fiction, RUS 2013)

Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht (SF-Abenteuer, USA 2015)

Rogue One – A Star Wars Story (SF-Abenteuer, USA 2016)

Alien – Covenant (SF-Horror, USA/AUS/NZ/GB 2017)

Blade Runner 2049 (Science-Fiction, GB/USA/KAN 2017)

Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi (SF-Abenteuer, USA 2017)

Wonder Woman (Fantasy-Abenteuer, USA 2017)

The Irishman (Gangsterdrama, USA 2019)

 

The Irishman – Das Vermächtnis eines Genies

The Irishman

Kinostart: 14. November 2019 (eine Liste der deutschen Kinos, die den Film zeigen, findet sich hier)

Von Kay Sokolowsky, der in seinem Weblog „Abfall aus der Warenwelt“ mehr über seine Liebe zum Kino im Allgemeinen und für das Werk Martin Scorseses im Besonderen erzählt.

Gangsterdrama // Kurz nachdem Martin Scorsese sein Missionarsdrama „Silence“ (2016) in die Kinos gebracht hatte, wurde der Regisseur gefragt, ob er auch künftig Spielfilme drehen werde. Scorsese mochte sich nicht festlegen. Er verwies auf sein Alter und die beträchlichen Strapazen bei den Dreharbeiten. Schon zwei Jahrzehnte früher, während der Inszenierung von „Casino“ (1995), hatte er über die Mühseligkeiten am Set gejammert: „Alle sind größer als ich, und überall stehen Lampen im Weg.“ Damals war er 53 Jahre alt und machte sich ein bisschen über sich selber lustig. Heute, mit 77, hätte er zweifellos Grund zum Klagen.

Scorsese hat sich der Plackerei trotzdem noch einmal unterzogen, und es nötigt nichts als Bewunderung ab, dass er sich auf seine alten Tage einen derart schwierigen, technisch wie erzählerisch hochkomplexen Stoff vornahm. „The Irishman“ wäre eine gewaltige Leistung, selbst wenn Scorsese künstlerisch gescheitert wäre. Die Zahl an Schauplätzen, Kulissen, Kostümen und Figuren, die er bedenken und dirigieren musste, war ungeheuer, eine Herkulesaufgabe. Wer nur ein wenig vom Filmemachen versteht, kann nichts als Hochachtung empfinden, wenn ein Regisseur sich an ein solches Monstrum von Story wagt, zumal einer in Scorseses Alter.

Aber „The Irishman“ ist keineswegs gescheitert und weit mehr als respektabel. Nämlich das Werk eines Meisters, ein Monument der Filmkunst, ein Stück, wie es niemand außer Scorsese hätte anfertigen können, dieser bedeutendste Regisseur nicht nur unserer Zeit, dies Ausnahmegenie der bewegten Bilder. „The Irishman“ ist ein Vermächtnis an alle, die Filme machen und lieben, und zugleich die Bilanz, die Martin Scorsese aus seinem einzigartigen Schaffen zieht.

Ein Schurkenstück

Der Film beginnt mit einer minutenlangen, hinreißend choreografierten Kamerafahrt durch die Gänge und Räume eines noblen Altersheims. Die Einstellung endet im Gesicht eines Greisen, der beichten will. Und dann erzählt dieser Mann namens Frank Sheeran (Robert De Niro) ebenso ehrlich wie zynisch aus seinem Leben – wie er nach seinem Dienst an der italienischen Front als unterbezahlter Trucker durch Amerika kurvte, wie er sich Ende der 1940er-Jahre der Mafia als Hitman andiente, wie er in den 50ern zum Leibwächter und Vertrauten des legendären Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa (Al Pacino) aufstieg.

Keine Freunde der freien Presse: Jimmy Hoffa (l.) und sein Bodyguard Frank Sheeran

Frank Sheeran hat tatsächlich gelebt (und gekillt). „The Irishman“ basiert auf dem 2004 veröffentlichten Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, einer Biografie Sheerans, die wiederum auf zahlreichen Interviews mit dem Mobster beruht. Scorsese hätte den kuriosen Titel wohl gern übernommen, unmittelbar nach der Anfangsszene sind die Worte in großen weißen Lettern auf schwarzem Grund zu lesen. „Ich hab gehört, dass Sie Häuser streichen“, soll Jimmy Hoffa zu Sheeran gesagt haben, als die beiden einander vorgestellt wurden. Hoffa hielt Sheeran allerdings nicht irrtümlich für einen Maler. Im Mafia-Jargon bedeutet die Wendung, dass einer Leute abknallt und dabei deren Blut auf den Wänden verspritzt.

Scorsese übernimmt die Perspektive seines Titelhelden, lässt sich von den sprunghaften, unsortierten Erinnerungen mitreißen, vermeidet jeden moralisierenden Kommentar und schafft es auf diese Art – wie vormals in „GoodFellas“ (1990) und „Casino“ –, den Soziopathen als Menschen erscheinen zu lassen, der Verständnis, vielleicht sogar Mitleid verdient. Was Sheeran sein Leben lang getrieben hat, ist verwerflich und böse, aber während wir der mäandernden Reise durch sein Leben folgen, stellt sich immer drängender die Frage, ob wir an seiner Stelle, in seiner Zeit, unter seinen Bedingungen nicht ebenso verwerflich und böse gehandelt hätten. Nur die größten Autoren – Dostojewski zum Beispiel, Shakespeare und Nabokov – bringen es fertig, dass wir mit den Schurken fühlen. Scorsese mischt in dieser Ersten Liga mit.

An die Leinwand gespielt

Weil die Geschichte sechs Jahrzehnte – von 1943 bis 1999 – umspannt, musste Scorsese tief in die digitale Trickkiste greifen. Mittels CGI wurden die Gesichter der Darsteller an die jeweilige Zeit angepasst. Diese Retusche ist nicht immer geglückt, insgesamt aber überzeugt, ja, überwältigt die Computerzauberei. Kino war seit den ersten Tagen eine Fabrik der Illusionen, und was jedem Blockbuster-Kurbler billig ist, darf einem Bildermagier wie Scorsese nur recht sein.

Pane e vino e sangue: Russell Buffalino hat einen Auftrag für den „Irishman“

Und man wüsste auch gar nicht, wer den jungen Frank Sheeran und den 40-jährigen Jimmy Hoffa ebenso charismatisch hätte darstellen können wie De Niro beziehungsweise Pacino. Ich kenne keinen lebenden Schauspieler, der als Volkstribun und Demagoge eine derartige Präsenz entwickelt wie Al Pacino mit seinen raumgreifenden Gesten und seiner machtvollen Stimme. Mir fällt niemand ein, der so effektiv mit einem einzigen Blick, einem Zucken der Mundwinkel seine Wut, sein Amüsement, seinen Abscheu auszudrücken vermag wie Robert De Niro.

Die erstaunlichste mimische Darbietung liefert Joe Pesci. Er spielt Russell Bufalino, einen Granden der New Yorker Mafia, der so etwas wie der CEO des Mobs war. Anders als in „GoodFellas“ und „Casino“, wo Pesci ebenso vital wie furchteinflößend einen hemmungslosen Bully verkörperte, tritt er in „The Irishman“ mit einer Ruhe, Gelassenheit und Würde auf, die stark an Marlon Brandos Darstellung des Vito Corleone in „Der Pate“ (1972) erinnert. Es scheint, als hätten die ziemlich besten Freunde Pesci und Scorsese sich zusammengetan, um den Eindruck zu korrigieren, Joe Pesci könne nichts anderes spielen als hektische Quassler, die gern Blut sehen. Das ist ihnen umwerfend gelungen.

Den tiefsten Eindruck allerdings hinterlassen Miene und Augen der dreizehnjährigen Lucy Gallina. Sie spielt Peggy, die jüngste Tochter Sheerans, und zugleich so etwas wie das fleischgewordene schlechte Gewissen des „Häuserstreichers“. In einer zentralen Szene des Films prügelt Sheeran einen Drugstore-Inhaber halbtot, der es gewagt hat, die kleine Peggy mies zu behandeln. Sie muss die Gewaltorgie mitansehen, und das Entsetzen in ihrem Gesicht wirkt so echt und erschütternd, wie es in einem Spielfilm irgend möglich ist.

Das Ziel ist der Weg

„The Irishman“ zeichnet die Geschichte eines Mannes nach, dessen Bosse ihm nie eine Wahl lassen, der freilich auch nie daran denkt, sich aufzulehnen. Der endlich zur Ruhe kommen will und dafür rastlos unterwegs ist. Der ahnt, dass er das Falsche tut, aber sich einredet, es sei das einzig Richtige. Frank Sheeran sucht am Ende seines Lebens eine Antwort darauf, warum er zum Sünder wurde, und weiß doch nicht mal, ob er überhaupt bereut, was er angerichtet hat.

Sein Name ist Hase: Jimmy Hoffa vor einem Ausschuss des US-Senats

Um die Widersprüche dieses Charakters und die allgegenwärtige Paranoia im Mob-Milieu zu reflektieren, ist der Film konstruiert wie ein Labyrinth. In Rückblenden etwa sind weitere Rückblenden eingefügt. Einige Motive – das Rauchen, das Trinken, das Essen, das Schießen – werden in allen denkbaren Variationen gezeigt, als Repetitionen von Repetitionen, Spiegelungen von Spiegelbildern. Die famose Kamerafahrt vom Beginn wird kurz vor Schluss symmetrisch wiederholt. Die entscheidende Sequenz des letzten Akts zeigt dreimal die gleiche Einstellung: Aus der Vogelsicht wird ein Auto gefilmt. Es fährt unter einem Gewirr von Oberleitungen, das nicht zufällig an ein Spinnennetz erinnert. Frank Sheeran mag sich von allen moralischen Bedenken befreit haben, doch er ist ein Gefangener des Systems, das Ungeheuer wie ihn hervorbringt.

Gleichsam als roter Faden dient dem Film eine dreitägige Highway-Reise von New York nach Denver im Jahr 1975. Sheeran, Russell Buffalino und ihre Ehefrauen unternehmen den mühsamen Trip aus geschäftlichen Gründen, treiben unterwegs Schutzgelder ein, besuchen kleine Angestellte des Mobs – doch erst im Finalakt erfahren wir, was der eigentliche Zweck des langen Ausflugs ist. Nämlich ein beispielloser Verrat, eine Sünde, die eine Million Ave Marias nicht abwaschen können.

Wenn „Stopp!“ wirklich „Stopp!“ heißt: Sheeran bahnt seinem Chef den Weg

Drei Stunden lang rannten wir mit Frank Sheeran durch das Labyrinth seines Lebens, und nun, da er endlich ans Ziel kommt, wird „The Irishman“ sehr still. Wo vorher noch fast jede Szene mit Popmusik der jeweiligen Epoche unterlegt war, gibt es plötzlich überhaupt keine Musik mehr, nur ein paar Akzente, die Scorseses bewährter musikalischer Berater Robbie Robertson mit der Mundharmonika setzt.

Der Schlussakt des Films zählt zum Beklemmendsten, Ergreifendsten, was ich je im Kino gesehen habe. Er ist eine Meditation über das Bösesein und das Altwerden, über Schuld, die nie vergeht, und Einsamkeit als Sühne – sehr katholisch, wie bei Scorsese nicht anders zu erwarten, und zugleich voller Empathie. Sheeran, der Greis, erkennt, dass sein Leben nichts als erbärmlich war. Und Martin Scorsese, der sich in den Killer einfühlt wie in einen Handschuh, erbarmt sich seiner.

He did it

Zur raffinierten Textur des Films hat die seit vier Jahrzehnten wichtigste Mitarbeiterin Scorseses entscheidend beigetragen, die Cutterin Thelma Schoonmaker. Noch mit 79 Jahren schneidet sie wie mit dem Skalpell, verleiht den Szenen eine Dynamik und einen Rhythmus, die geradezu elektrisieren. Falls das Wort „kongenial“ je einen Sinn hatte, dann für das Teamwork von Schoonmaker und Scorsese. „The Irishman“ mag mit dreieinhalb Stunden Laufzeit viel Sitzfleisch erfordern, aber die Eleganz und Musikalität der Erzählung lassen das Stück viel kürzer erscheinen, als es ist. Kein Bild, das überflüssig, keine Kleinigkeit, die nicht bedeutsam wäre.

Rodrigo Prieto, der hier zum dritten Mal mit Scorsese zusammengearbeitet hat, setzt als Kameramann die Vorstellungen des Maestro in Einstellungen um, die sich nie verstecken müssen vor dem, was früheren Kollaborateuren wie Michael Ballhaus oder Robert Richardson einfiel. Weil Frank Sheeran pausenlos in Bewegung ist, muss ihm die Kamera durch enge Gänge, verwinkelte Zimmer, auf den Straßen der Bronx und des Mittleren Westens und sogar durch die Luft folgen. Prieto löst die gewaltigen Herausforderungen, die dieses Rattenrennen an ihn stellt, mit erstaunlicher Lässigkeit, der Souveränität eines Meisters. Dabei beweist er auch, dass er mit ebensoviel Geschmack wie Respekt die Maschen von Kollegen nachstricken kann.

Die Mörder und der Engel: Buffalino begrüßt Sheerans Töchterchen Peggy

Denn „The Irishman“ ist gespickt mit Einstellungen, die auf frühere Scorsese-Filme anspielen. Diese Verweise sind nicht immer so deutlich zu erkennen wie bei jener Szene, in der Sheeran seine Pistolensammlung auf einer Bettdecke ausbreitet – eine fast deckungsgleiche Übernahme aus „Taxi Driver“ (1976). Oft ist es nur eine bestimmte Perspektive, eine gewisse Beleuchtung, die an Einstellungen aus älteren Werken Scorseses erinnern. Der Regisseur zieht, wie gesagt, eine Bilanz seines Schaffens, und weil Film eine visuelle Kunst ist, bilanziert er in Bildern, Kamerabewegungen und Schnittsequenzen. Wäre ich ein Filmstudent, der nach einem Thema für seine Master-Arbeit sucht, ich würde mir „The Irishman“ vorknöpfen und nach all den halben und ganzen Zitaten, den Travestien und Andeutungen suchen, mit denen Scorsese sein einzigartiges Œuvre Revue passieren lässt. Ich bin schon beim ersten Anschauen circa dreißigmal fündig geworden; womöglich versteckt sich in jeder Einstellung ein Souvenir du Scorsese.

Derlei Zitataufspürerei ist vermutlich nur für eingeschworene Verehrer ein Vergnügen. Zum Glück macht dieser Film, so beklemmend und dunkel er endet, auch sonst viel Spaß. Das verdankt er nicht zuletzt den messerscharfen Dialogzeilen von Steven Zaillian. So sagt Frank Sheeran, der es sich angewöhnt hat, benutzte Waffen in den Hudson zu schmeißen: „Wenn Sie Taucher da runterschicken würden, könnten Sie ein kleines Land bewaffnen.“ Ein anderes Mal, es geht um einen kniffligen Hit-Job, lernen wir diese Weisheit: „Drei Männer können ein Geheimnis bewahren. Wenn zwei von ihnen tot sind.“ Den lautesten Lacher bei der Pressevorführung erntete eine Szene, in der Sheeran erfährt, dass einer seiner Mafia-Buddys gestorben ist, und fragt: „Who did it?“

Die Frage, wer „The Irishman“ gemacht hat, stellt sich jedenfalls nicht; kein anderer als Martin Scorsese hätte so etwas hingekriegt, ein Werk von solcher Subtilität und Tiefgründigkeit, solchem Einfallsreichtum und Witz. Dies ist ein Denkmal, das Scorsese sich und seiner Kunst errichtet hat, wahrhaftig ein Kinoereignis. Und darum sollten Sie „The Irishman“, sofern Sie es einrichten können, auch im Kino ansehen, nicht bei Netflix. Kein Home-Cinema-Apparat kann die Wucht dieser Bilder, die Opulenz der Ausstattung, die Überlebensgröße der drei Hauptdarsteller angemessen fassen. Sie würden damit übrigens auch einen Wunsch Martin Scorseses erfüllen. Und wie könnte man einem wie ihm etwas abschlagen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Stephen Graham, Jack Huston, Harvey Keitel, Robert De Niro und Al Pacino unter Schauspieler. Kays Scorsese-Huldigung „Matinee mit Mozart“ findet Ihr auch hier.

Das Gewicht der Bilder: Buffalino erteilt Sheeran eine Lektion über Mafia-Werte

Veröffentlichung: 27. November 2019 auf Netflix

Länge: 209 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Irishman
USA 2019
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Steven Zaillian, nach der Buchvorlage „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt
Besetzung: Robert De Niro, Jesse Plemons, Al Pacino, Anna Paquin, Joe Pesci, Bobby Cannavale, Stephen Graham, Harvey Keitel, Jack Huston, Kathrine Narducci, Dascha Polanco, Domenick Lombardozzi, Aleksa Palladino, Ray Romano
Verleih: Filmwelt Verleihagentur GmbH

Copyright 2019 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Netflix

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/11/15 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi: Reinfall im All

Star Wars: Episode VIII – The Last Jedi

Kinostart: 14. Dezember 2017

Von Kay Sokolowsky

SF-Abenteuer // Für eilige Leser das Fazit vorab: Nein, ich mag den neuen „Krieg der Sterne“-Film nicht. Ich kann ihn guten Gewissens nur den Fans dieser Kino-Serie empfehlen. „Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi“ hat großartige Szenen, ist überbordend ausgestattet, versorgt den Padawan mit Neuigkeiten über das Wesen der „Macht“, setzt Maßstäbe für visuelle Effekte – aber ein guter Spielfilm ist dies leider nicht geworden.

Der beste Schauspieler am Set: Benicio del Toro als DJ

Das müsste ich im Detail begründen. Was ich aber nicht darf, weil sich die meisten Leser – nicht bloß die eiligen – und außerdem der Verleih wünschen, dass der Kritiker keine Spoiler einbaut. Es wäre in der Tat eine Frechheit, hier schon zu verraten, dass Rey ihre Familie (bricht ab in unverständlichen Störgeräuschen.) Ich will versuchen, Rian Johnsons Regiedebüt im „Star Wars“-Franchise gerecht zu behandeln, aber ich muss das auf Umwegen tun und kann leider nicht im Detail begründen, was mich an Episode VIII irritiert, gelangweilt oder geärgert hat.

Fortsetzung eines Verjüngungsprogramms

Der Film beginnt dort, wo „Das Erwachen der Macht“ endete: Rey (Daisy Ridley) besucht auf dem Planeten Ahch-To den letzten Jedi-Meister Luke Skywalker. Er soll der Résistance im Kampf gegen die ziemlich faschistische Erste Ordnung und Rey im Umgang mit der Macht helfen. Derweil erwarten die Rebellen einen Gegenschlag des Feindes. Mit dieser Raumschlacht eröffnet der Film, und das verspricht ein großes Spektakel, ohne es später halten zu können. Kylo Ren (Adam Driver), der Möchtegern-Vader und Sohn Leia Organas (Carrie Fisher), erhält Lektionen vom Höchsten Führer Snoke (Andy Serkis), und es sieht mal wieder nicht gut aus für unsere Helden.

Adam Driver spielt Kylo Ren spielt Hamlet

Ich schätze weiterhin J. J. Abrams’ Idee, die Storys der klassischen „Star Wars“-Filme, also der Episoden IV bis VI, noch einmal zu erzählen, aber kräftig gegen den alten Strich gebürstet. „Das Erwachen der Macht“ (2015) war eine Hommage und eine Unverschämtheit zugleich, und es ist kein Wunder, dass sich George Lucas über Abrams’ Frivolitäten pikiert zeigte.

„Die letzten Jedi“ versucht gleichfalls einen Relaunch, und zwar des schönsten „Star Wars“-Films „Das Imperium schlägt zurück“ (1980). Rian Johnson („Brick“), der auch das Drehbuch schrieb, lässt sich eine Menge einfallen, um die alte Geschichte zu verfremden und zu modernisieren, die düstere, doch niemals hoffnungslose Stimmung des Klassikers mit den Mitteln des topmodernen Unterhaltungskinos zu beschwören. Einige Reminiszenzen an Episode V sind einfach superb: Achten Sie mal auf das Bügeleisen, das an ein Raumschiff erinnert, das an ein … Ups, Spoiler! Wir besuchen einen Eisplaneten, der gar keiner ist, Lando Calrissian hat einen Wiedergänger in dem zynischen Hacker und Hasardeur DJ (Benicio del Toro), und Prinzessin Leia ist gleich dreimal vertreten – als die Frau, die schon seit 40 Jahren die Galaxis rettet, sowie in zwei recht interessanten Alternativversionen.

Die Erste Ordnung veranstaltet einen Raumparteitag

Rian Johnson hat seinen Film gepflastert mit Verweisen auf andere Ecken des „Star Wars“-Kosmos. Er zitiert aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“ ebenso wie aus Howard Hawks’ „Rio Bravo“ und Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“. Einige Witze sind tatsächlich witzig. Als Spielfilm jedoch funktioniert dieser Neustart eines alten Programms nur bedingt. Der Hyperantrieb stottert.

Viel Schatten, wenig Licht

„Krieg der Sterne“ ist ein Moloch, der Kinderträume frisst und Dollars scheißt. Aus dem B-Picture, das George Lucas 1977 inszenierte, ist eine Maschine geworden, fast so groß wie das iPhone, ein Multimilliardendollar-Unternehmen, und so was schränkt die Freiheit der Regie beträchtlich ein. Es geht hier in erster Linie ums Geldscheffeln, und nicht mal in dritter um Kunst. Die „Star Wars“-Serie ist der Inbegriff von allem, was man an Hollywood hassen kann, und sie ist es erst recht, seit Disney die Marke eingekauft hat.

Das Lego-Modell wird ein Hit, wetten? AT-ATs, zweite Generation

„Die letzten Jedi“ versucht zwar, eine Balance zu halten zwischen den Göttern des Merchandising und denen des Unterhaltungskinos, aber das gelingt zu selten. Die selbstironischen Anteile, die es durchaus gibt, wirken manchmal, als hätte sie ein Algorithmus ins Skript geschmuggelt.

Die Dramaturgie ist eine Katastrophe. Probleme werden gelöst, indem ein Deus ex machina eingreift – oder die omnipotente „Macht“. Richtig unangenehm wird die Story, wenn sie auf erwachsen tut. Tragisch gemeinte Momente lassen den Zuschauer kalt, und die politischen Anspielungen auf unsere Gegenwart sind nur einmal überzeugend, wirken sonst peinlich aufgesetzt. Völlig bizarr mutet Rian Johnsons Lobgesang auf den Heldentod an: Gleich vier seiner Figuren opfern sich, um ihre Freunde zu retten. Das ist ein Overkill des Pathos, nur Millimeter entfernt von Kriegspropaganda.

Leider im ganzen Film blass: Daisy Ridley als Rey

Es ist jedoch nicht alles misslungen. Die Eröffnungssequenz und das Finale haben ordentlich Schmackes, die CGI ist State-of-the-art, die Ausstattung üppig bis zur Verschwendung, und es gibt jede Menge knuffiger Aliens.

Mark Hamill erfüllt seine ziemlich undankbare Rolle (der Jedimeister, der versagte) mit einer Würde, der auch hölzerne Dialogzeilen wenig anhaben können. Ich hätte Luke Skywalker gern in einer anderen Verfassung wiedergesehen, aber was mich stört, liegt nicht an Hamill. Seine schauspielerische Leistung tröstet über die vielen Schwächen des Films etwas hinweg, ebenso die von Andy Serkis als Snoke.

Gibt sich alle Mühe, kann R2-D2 aber weiterhin nicht ersetzen: Roll-Robot BB-8

Ein echtes Schmankerl liefert Benicio del Toro als DJ ab. Rian Johnson hätte aus diesem Charakter erheblich mehr machen können. Doch in der Fülle neuer und alter Protagonisten bleibt kaum Platz für den einzelnen. In „Die letzten Jedi“ tummelt sich viel zu viel Hauptpersonal. Adam Driver, der das Zeug zu einem überzeugenden Bösewicht à la Darth Vader hätte, erhält weder die Zeit noch die Dialogzeilen, um Kylo Ren etwas Tiefgang zu verleihen.

Gefühlt vier Stunden

Erheblich zu viel Zeit hingegen verbraucht der Film für die langweiligste Verfolgungsjagd der jüngeren Filmgeschichte. 152 Minuten dauert Episode VIII, und es sind oft zähe Minuten. Johnson verzettelt die Geschichte, zeitweise laufen vier Handlungsstränge simultan. So etwas kann man in TV-Epen wie „Game of Thrones“ machen; in einem Kinofilm geht dergleichen meistens schief, in einem Blockbuster sowieso.

So klein und immer noch nicht bei den Sturmtruppen: Mark Hamill als Luke Skywalker

Enttäuscht hat mich auch die Musik zum schwerfälligen Opus. Dem großen John Williams, nach schwerer Krankheit wieder an Bord, fällt offenbar zu den immer gleichen Motiven – Raumkrieg, Laserschwertduell, Jedi-Hokuspokus, putziger Roboter – nichts Neues mehr ein. Freilich sind die Toneffekte so ohrenbetäubend, daß Williams‘ Score selten eine Chance hat.

Kurz: So wenig Spaß an einem „Krieg der Sterne“-Film hatte ich zuletzt bei „Episode I – Die dunkle Bedrohung“. „Star Wars“-Addicts werden das bestimmt anders sehen und in „Die letzten Jedi“ Qualitäten finden, die mir gar nicht auffielen. Man muss allerdings ein sehr großer Fan sein, um diesen Film zu mögen. Oder zwölf Jahre alt.

Ein altes und ein neues Knuddelviech im „Rasenden Falken“

Den „Krieg der Sterne“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Hermione Corfield, Laura Dern, Carrie Fisher und Lupita Nyong’o sind unter Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Adam Driver, Domhnall Gleeson, Joseph Gordon-Levitt, Mark Hamill, Oscar Isaac und Benicio Del Toro in der Rubrik Schauspieler.

Sehen wie immer klasse aus: die „Star Wars“-Raumschiffe

Länge: 152 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Star Wars – The Last Jedi
Alternativtitel: Star Wars: Episode VIII: The Last Jedi / Star Wars: Episode VIII: Die letzten Jedi
USA 2017
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
Besetzung: Mark Hamill, Carrie Fisher, Adam Driver, Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Lupita Nyong’o, Andy Serkis, Domhnall Gleeson, Anthony Daniels, Gwendoline Christie, Kelly Marie Tran, Laura Dern, Benicio Del Toro, Joseph Gordon-Levitt (nur Stimme), Peter Mayhew, Kelly Marie Tran, Anthony Daniels, Hermione Corfield
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Copyright 2017 by Kay Sokolowsky
Filmplakate: © 2017 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany, Fotos: © 2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

 
9 Kommentare

Verfasst von - 2017/12/14 in Film, Kino, Rezensionen

 

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