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Archiv des Autors: V. Beautifulmountain

The Curse of Dracula – Touristennepp wird zur Todesfalle

The Curse of Valburga

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Ein slowenischer Horrorfilm – das klingt allemal interessant genug, ihn anzutesten. Als Filmland ist mir Slowenien bislang überhaupt nicht untergekommen. „The Curse of Dracula“ handelt allerdings nicht von Graf Dracula persönlich, sondern von einem entfernten Cousin des Vampirfürsten, der in einem alten Schloss in Valburga sein Unwesen getrieben haben soll (daher der Originaltitel „The Curse of Valburga“). Das ist zumindest die von Marjan (Jurij Drevensek) ersonnene Story, mit der er Touristen zu dem leerstehenden Gemäuer locken will. Er und sein Bruder Bojan (Marko Mandic) haben genug von Gelegenheitsjobs und Drogengeschäften. Da kommt es gerade recht, dass ihr Bekannter Ferdo (Ziga Födransperg) Zugang zum Schloss hat, wenn auch nur zu Sicherheitszwecken und nicht zur Erheiterung von Urlaubern. Die erste Touristenschar ist alsbald zusammengewürfelt. Während sich Marjan eher unbeholfen als Touristenführer betätigt, wartet Bojan in Gesellschaft von Ferdo auf seinen Auftritt als Vampir. Doch dazu kommt es nicht, denn überraschenderweise birgt das Schloss tatsächlich ein blutiges Geheimnis.

20 Minuten in der Kneipe

Bis irgendetwas Erbauliches passiert, wird die Geduld des Publikums auf eine harte Probe gestellt. Eine satte halbe Stunde vergeht, in der letztlich nur herumgelabert wird. Ganze 20 Minuten verbringen wir mit Bojan, Marjan und Ferdo in einer Kneipe, in der Marjan den beiden anderen seinen Plan erläutert, immer wieder unterbrochen von Ferdos wieherndem Lachen. Das soll wohl komödiantisch wirken, allerdings mangelt es der Dialogregie vollständig an Humor. Und nicht nur der, weshalb wir es häufig mit unfreiwilliger Komik zu tun bekommen – immerhin auch etwas. Als Trash kann man das Treiben durchaus goutieren, wobei ich gar nicht sicher bin, ob der Film tatsächlich als Trash konzipiert war.

Während die Touristentour ihren Lauf nimmt …

Wenn aus heiterem Himmel das Sägeblatt einer großen Kreissäge wie ein Irokesenschnitt in einem Schädel drapiert wird, wird es endlich blutig. Leider werden die Opfer meist überaus plötzlich dahingemetzelt, weshalb wenig Zeit für derbes Splatter-Gemetzel bleibt. Die FSK-18-Freigabe der ungeschnittenen Fassung ist zwar gerechtfertigt, aber hier wäre nicht weniger mehr gewesen, sondern mehr. Zum Finale hin steigert sich der Splatter-Anteil etwas, der übrigens immerhin recht hübsch anzuschauen ist. Angesichts des irgendwo zwischen Amateurfilm und Independent-Produktion angesiedelten Budgets, das „The Curse of Dracula“ ausstrahlt, war das nicht unbedingt zu erwarten.

Den Deutschen ihr Bier!

Zwischendurch darf ein slowenischer Tourteilnehmer mit finsteren Absichten eine Tirade über den elenden Zustand seiner Heimat loslassen. Welchen Zweck das hat, hat sich mir nicht erschlossen. Die als Opfer auserkorenen Figuren sind durchweg Unsympathen, bestenfalls komplett eigenschaftslos. Ein paar Klischees werden auf so drummdeiste Weise eingebaut, dass es fast schon wieder Freude bringt (aber auch wirklich nur fast): So ist das deutsche Ehepaar Hans und Elsa (Jonas Znidarsic, Katarina Stegnar) durchgehend damit beschäftigt, eine Bierdose nach der anderen zu öffnen und zu leeren, während der Russe Vasily (Luka Cimpric) in Begleitung zweier holder Damen nur darauf aus ist, in dem Gebäude geeignete Räume zu finden, in denen er einen „retro-analen“ Porno drehen kann. Gegen Ende gibt es sogar noch den hilflosen Versuch einer Erklärung für das blutige Treiben der Sippschaft, die in dem Gemäuer ihr Unwesen treibt. Irgendwas mit Nazis und Partisanen, ich habe es nicht verstanden. Ist aber auch egal. Ganz zum Schluss folgt sogar ein „What the Fuck“-Moment, der so gar nicht zum Geschehen passt und die Möglichkeit einer Fortsetzung andeutet. Ob das Tomaz Gorkics Absicht ist? Ich kann darauf verzichten.

… geht es auf dem Dachboden schon blutig zu

Donau Film hat „The Curse of Dracula“ als Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht und so einem billigen Produkt eine wertige Verpackung beschert, die schmuck ausgefallen ist. Das ansprechend bebilderte Booklet enthält außer einer kurzen Inhaltsangabe des Films einen Text, der leider mit dem Film überhaupt nichts zu tun hat, sondern recht unsortiert und oberflächlich ein paar europäische Horror-Schauplätze rund um Dracula & Co. abhandelt. Schade drum.

Zweiter Langfilm von Tomaz Gorkic

„Idylle – Hier hört dich niemand schreien!“ lautet der Titel des ersten Langfilms des slowenischen Regisseurs Tomaz Gorkic. Der 2015 fertiggestellte Streifen ist hierzulande sogar auf Blu-ray und DVD erschienen. Nach meiner Sichtung von Gorkics zweitem und bislang letztem Film „The Curse of Dracula“ hält sich die Lust auf den Erstling in Grenzen. Ich kann an billigen Horrorkomödien und Trash meine Freude haben, in diesem Fall kam Freude aber nur vereinzelt auf. Zu wenig.

Nur nicht den Kopf verlieren!

Veröffentlichung: 30. April 2021 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD)

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Slowenisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Curse of Valburga
SLOWE 2019
Regie: Tomaz Gorkic
Drehbuch: Tomaz Gorkic
Besetzung: Jurij Drevensek, Marko Mandic, Tanja Ribic, Katarina Stegnar, Jonas Znidarsic, Niklas Kvarforth, Sasa Pavlin Stosic, Luka Cimpric, Ziga Födransperg, Anton Antolek, Davor Klaric, Zala Djuric, Gregor Skocir
Zusatzmaterial: Making-of (23 Min.), Social-Media-Clips (9 Min.), deutscher Trailer, Originaltrailer, Festivaltrailer, 16-seitiges Booklet
Label: Donau Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Donau Film

 

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Crisis – Von legalen und illegalen Drogen

Crisis

Von Volker Schönenberger

Thriller // Der DEA-Drogenfahnder Jake Kelly (Armie Hammer) bereitet als verdeckter Ermittler einen großen Fentanyl-Deal vor. Seine Chefin Garrett (Michelle Rodriguez) macht ihm Druck, in kurzer Zeit Verhaftungen zu liefern. Kelly will daraufhin seine kriminellen Handelspartner überzeugen, ganze Lkw-Ladungen des Rauschgifts über die Grenze von Kanada in die USA zu bringen. Zuvor war ein einzelner Kurier mit einer Tasche voller Fentanyl beim Versuch des Grenzübertritts geschnappt worden, was die Drogenbosse misstrauisch werden lässt und Kelly in Gefahr bringt. Zu allem Überfluss kämpft Jakes Schwester Emmie (Lily-Rose Depp) mit ihrer Drogensucht.

Ein Drogenkurier wird an der Grenze gestellt

Die alleinerziehende Detroiterin Claire Reimann (Evangeline Lilly) ist gerade von ihrer Oxycodon-Sucht runtergekommen, als die Nachricht vom Tod ihres Sohns sie aus der Bahn wirft. Er soll an einer Überdosis Rauschgift gestorben sein, doch etwas macht sie stutzig und sie versucht, auf eigene Faust herauszufinden, was geschehen ist.

Das große Geld in der Pharmabranche

Der von der knallharten Meg Holmes (Veronica Ferres) geleitete Pharmakonzern Northlight steht kurz davor, ein revolutionäres, nicht süchtig machendes Schmerzmittel auf den Markt zu bringen. Es winken gigantische Erlöse, weshalb eine vom Universitätsprofessor Dr. Tyrone Brower (Gary Oldman) vorgenommene Versuchsreihe an Mäusen mit fatalen Resultaten nicht ins Wunschbild passt. Browers Northlight-Verbindungsmann Dr. Bill Simons (Luke Evans) macht dem Akademiker deshalb ebenso Druck wie dessen Vorgesetzter Geoff Talbot (Greg Kinnear), der um die lukrativen Verbindungen der Bildungseinrichtung zu dem milliardenschweren Unternehmen fürchtet.

Drogenfahnder Jake Kelly fädelt undercover einen großen Deal ein

Mann, ist das spannend! Und clever konstruiert! Zwei der Handlungsstränge werden sich beizeiten miteinander verweben, nämlich die Ermittlungen der trauernden Mutter Claire mit den Ereignissen um den Drogenfahnder Jake. Die Geschichte um das anscheinend gefährliche Schmerzmittel und den bald von Skrupeln geplagten Universitätsprofessor weist dagegen keine direkten Verbindungen zu den erstgenannten Storylines auf. Brower entschließt sich, zum Whistleblower zu werden – er kontaktiert die zuständige Arzneimittelbehörde FDA, womit er seinen Job und seine Reputation gefährdet. Die drei Handlungsfäden entwickelten geradezu einen Sog, der mich tief in die Story hineinzog (nur widerwillig stoppte ich zwischendurch den Player, um die Wäsche aus der Maschine zu holen).

Claire Reimann will wissen, warum ihr Sohn sterben musste

Ein Blick auf die Filmografie des Regisseurs Nicholas Jarecki offenbart nur wenige Arbeiten, schon gar nicht einen solchen Knaller: Der Doku „The Outsider“ (2005) über die Dreharbeiten zu James Tobacks Thriller „When Will I Be Loved“ (2004) folgte erst 2012 mit dem Thriller „Arbitrage – Macht ist das beste Alibi“ mit Richard Gere und Susan Sarandon der erste lange Spielfilm. Zwischendurch hatte Jarecki gemeinsam mit Bret Easton Ellis („American Psycho“) dessen Kurzgeschichtensammlung „Die Informanten“ zum Drehbuch umgeschrieben – „Informers“ startete 2009 in den US-Kinos. Die neun Jahre Wartezeit vom Spielfilmdebüt bis zum Nachfolger „Crisis“ haben sich gelohnt.

Unsere Vroni!

Der Ensemblefilm mit namhafter Besetzung hätte trotz seiner ohnehin üppigen Laufzeit von knapp zwei Stunden sogar noch länger sein können, da aufgrund der vielschichtigen Story nicht jeder Star ausreichend Raum zum Atmen bekommt. Die Rollen der nicht nur aus der „Fast & Furious“-Reihe bekannten Michelle Rodriguez und Luke Evans beispielsweise fallen eher unbedeutend aus, was ich bedaure, da ich beide schätze. Aber es ist ohnehin kein Film der vielschichtigen Charaktere. Oldman liefert gewohnt souverän ab, seine Figur ist trotz einiger bald aufkommender Anschuldigungen aber gänzlich integer. Oldman hat eine feine Szene mit unserer Vroni – und auch Veronica Ferres gibt da eine gute Figur ab. Sie spielt ja immer wieder in internationalen Produktionen an der Seite großer Hollywoodstars, etwa Casey Affleck („Every Breath You Take“, 2021), Michael Caine („Best Sellers“, 2021) und Keanu Reeves („Siberia – Tödliche Nähe“, 2018).

Dr. Tyrone Brower muss sich seiner Verantwortung …

„Crisis“ thematisiert die Opioidkrise in den USA, was der Film am Ende auch mit einer Texteinblendung aufgreift. Am Rande kommt auch #metoo zum Tragen, aber nur nebenbei und nicht die Story überfrachtend. Die Gegenüberstellung der Storys um legale und illegale Rauschmittel übt einen unwiderstehlichen Reiz aus, wobei man aus einem anderen Blickwinkel gerade daran auch Kritik üben kann: Beide Storys hätten auch zwei Filme hergegeben, wobei die Northlight-Affäre dafür noch etwas aufgepeppt hätte werden müssen. Und wer ihre mangelnde Verbindung mit dem Fentanyl-Deal des Undercover-Agenten kritisiert, tut das mit einiger Berechtigung. Da mir beide Stränge unabhängig voneinander gefallen habe, wertet das den Film für mich nicht ab, aber das mögen andere anders sehen. Für mich gilt: Das Interessante ist gerade die Gegenüberstellung. Eine narrative Verzahnung kann da kontraproduktiv sein.

Karriereende für Armie Hammer?

Für Armie Hammer („Hotel Mumbai“, „Lone Ranger“) markiert „Crisis“ womöglich seine letzte große Rolle. Nach verschiedenen massiven Vorwürfen liegt seine Karriere auf Eis. Der Kinostart der längst fertigen Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ von Kenneth Branagh wurde auf 2022 verschoben. Kevin Spacey wurde seinerzeit aus „Alles Geld der Welt“ (2017) komplett herausgeschnitten. Ob das Armie Hammer mit „Tod auf dem Nil“ auch blüht?

… und seinem Boss Geoff Talbot (l.) stellen

An Steven Soderberghs famosen „Traffic – Die Macht des Kartells“ (2000) kommt „Crisis“ nicht heran (Mensch, liegt auch schon zwei Jahrzehnte zurück), das muss aber auch nicht sein, da unter dieser Messlatte reichlich Raum für hervorragende Drogenthriller bleibt. Den nutzt „Crisis“ weidlich aus.

Bill Simons erledigt die Schmutzarbeit für …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Evangeline Lilly und Michelle Rodriguez haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Luke Evans, Armie Hammer, Greg Kinnear und Gary Oldman unter Schauspieler.

… die Konzernchefin Meg Holmes

Veröffentlichung: 21. Mai 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Crisis
KAN/BEL 2021
Regie: Nicholas Jarecki
Drehbuch: Nicholas Jarecki
Besetzung: Gary Oldman, Armie Hammer, Evangeline Lilly, Greg Kinnear, Michelle Rodriguez, Luke Evans, Lily-Rose Depp, Guy Nadon, Veronica Ferres, Kid Cudi, Indira Varma, Nicholas Jarecki
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer, Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 capelight pictures, Fotos: Philippe Bosse

 

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The Rental – Tod im Strandhaus: Mit Beherbergungsverbot wäre das nicht passiert

The Rental

Von Tonio Klein

Horrorthriller // Sollte dies jemand in fernen Jahren lesen: Wir befinden uns im Jahre 2021. Die ganze Welt ist von der Corona-Pandemie erobert. Die ganze Welt? Nein! In einem Traumhaus an einer Steilküste in Oregon gibt es kein Beherbergungsverbot und überhaupt kein Corona (zum Drehzeitpunkt 2019 war COVID-19 noch nicht bekannt, die Atemwegskerkrankung trat erstmals im Dezember auf und erhielt zwei Monate später ihren Namen). Dieses Haus haben zwei junge Pärchen für ein Wochenende über ein Online-Portal gemietet: die Brüder Charlie (Dan Stevens) und Josh (Jeremy Allen White), Charlies Frau Michelle (Alison Brie) und Charlies Geschäftspartnerin Mina (Sheila Vand), gleichzeitig Joshs Freundin. Zwar scheint der Vermieter und/oder Hausverwalter Taylor (Toby Huss) ein Rassist zu sein, weil Mina Mohammadis (!) Mietgesuch zuvor abgelehnt worden war und Taylor gerade ihr gegenüber unfreundlich ist. Aber das Haus gefällt, und Michelle hat eine Tüte Ecstasy mitgebracht, was will man mehr?

Rätselhafte Figur: Taylor

Natürlich gibt’s mehr, als den Vieren lieb ist. Anscheinend betritt Taylor das Haus in der Anwesenheit der Mieter, wie es ihm passt. Zudem finden sie sogleich einen Kellerraum, der mit einem Zahlencode gesichert ist – aaah, der berühmte Raum, den niemand betreten darf. Ist dieser sogar bewohnt, ist unser Quartett nicht allein?

Schon im Stillen dräuendes Unheil

Der nicht gerade lange Film lässt sich reichlich Zeit, um Spannung zu erzeugen, wobei die erste Hälfte in der Nachbetrachtung dann doch besser ist, als es schien, denn einige Probleme werden bereits geschickt angedeutet. Als wir die Protagonisten kennenlernen und sich Mina vor dem PC lächelnd über Charlies Schulter beugt, vermuten wir zunächst, dass eigentlich Charlie und Mina ein Pärchen wären. Umso irritierender der nicht nur freundschaftlich wirkende Kuss, als Josh eintrifft.

Noch passen alle zusammen

Später im Haus folgen ein paar zunächst rätselhafte Szenen, die schon einen ungebetenen Mitbewohner andeuten. Die Tatsache, dass ein Fernrohr zum Beobachten des Sternenhimmels herangekarrt wird, als Hinweis, dass man sich damit nicht nur als Spanner betätigen, sondern auch Opfer eines solchen werden kann. Josh nimmt unangekündigt seinen Hund mit, was nicht nur gegen die Vermieterregeln verstößt und verheimlicht werden muss, sondern was auch Charlie äußerstes Unbehagen verursacht, der anscheinend Angst vor Hunden hat. Über Josh erfahren wir, dass er schon einmal gewalttätig geworden war und daher Bekanntschaft mit der Justiz gemacht hatte – hat er das wirklich überwunden? Charlie hatte Michelle verheimlicht, dass er nicht nur mit ihr, sondern auch mit ihrer „Vorgängerin“ etwas angefangen hatte, als er noch anderweitig liiert war. Charlie und Mina im Whirlpool – ist da nur das Wasser heiß? Michelle besteht am zweiten Abend am Energischsten darauf, sich zuzudröhnen. Viele Probleme …

Mina wird große Augen machen

Irgendwann gibt es eine Leiche und wir erfahren, dass es definitiv einen geheimnisvollen Sechsten gibt. Hier nimmt „The Rental – Tod im Strandhaus“ endlich Fahrt auf und der Horrorthriller präsentiert uns eine spannende Parallelmontage in morbider Stimmung und Lichtsetzung, in der einige des Nachts im Gegenlicht von Autoscheinwerfern die Leiche beseitigen wollen und zwei im Horror-Haus Katz und Maus spielen. Die Dezimierungen folgen sodann Schlag auf Schlag und wir können miträtseln, ob es ein Final Girl, Boy oder Dog gibt.

Licht und Schatten

Ich bin immer gern bereit, kleinen Genrefilmen eine Chance zu geben. Wenige Personen auf engem Raum, also offenbar überschaubares Budget, keine Stars, da erwarte ich nicht einen neuen Orson Welles und freue mich über nicht mehr als solide Unterhaltung. Aber bitte auch nicht weniger. Ich wollte den Film mögen, aber bei auf den ersten Blick ähnlicher Konstellation ist mir das im Falle von „The Beach House – Am Strand hört dich niemand schreien“ (2019) deutlich besser gelungen. „The Rental“ hat seine Stärken, ist aber insgesamt zu unausgegoren, um zu überzeugen.

Ein Film mit enormer Fallhöhe

Der junge Darsteller Dave Franco gibt sein Langfilm-Regiedebüt und ist im stilistischen Handwerk sicherer als im Geschichtenerzählen. Das sieht alles gut aus, er weiß, wo eine Kamera hin muss, wie man Szenen ausleuchtet, wie man einen wirklich beeindruckenden Drehort findet und nutzt. Auch sein Darstellerensemble schlägt sich ordentlich, wobei ich den Kontrast vom etwas milchgesichtig wirkenden kleinen Bruder Josh und der in ihm brodelnden Gewalt am interessantesten fand.

Stimmungsvolle Ausleuchtung

Dem Film fehlen aber der rechte Rhythmus und die Plausibilität des Verhaltens der Figuren, deren Charakterisierungen zudem nicht über das Schablonenhafte hinauskommen. Zu getragen am Anfang, zu flottes Killen gegen Ende. Und Horrorfilme, die schwächeren jedenfalls, haben oft etwas klischeehaft Konservatives, hier: die potenziellen Ehebrecher, die Drogenkonsumenten, der Macho, der (vormalige?) Gewalttäter. Irgendeine „Rechtfertigung“ für das Abschlachten muss halt her.

Achtung, bald gibt’s kein Halten mehr

Zur mangelnden Plausibilität: Ich bin da eigentlich nicht übermäßig beckmesserisch, und auch ein Großmeister wie Alfred Hitchcock war notorisch schlecht in der Vermeidung von Unplausiblem. Er war aber erstklassig darin, den Zuschauer davon abzulenken. Bei Franco hingegen wird man nicht von der Haupthandlung fortgeführt und hat jede Menge Zeit und Gelegenheit, das Hirn einzuschalten. Was dem Film nicht guttut. Warum gibt es einen supergeheimen Geheimraum, der mit einem Zahlencode gesichert ist, wo sich doch die popelige Holztür samt Code-Schloss mühelos eintreten lässt? Warum können Mina und Charlie das definitiv nicht nur freundschaftliche, lange Küssen nicht lassen, wo doch jeden Moment einer der beiden anderen vorbeikommen kann? Warum entfernen sie auch gegen Ende (für die davor liegende Zeit gibt es eine Erklärung) nicht die Kameras, die sie entdeckt haben?

In der Mauer, auf der Lauer, ist ne kleine Wanze?

Vor allem aber mal wieder: Raus, und zwar zusammen und sofort! Ganz weit weg! Der Film kann zu Anfang noch erfolgreich erklären, warum die Vier dies nicht tun. Aber zu einem Zeitpunkt, an dem einige nun wirklich den Beweis haben, dass ein Killer sein Unwesen treibt und dass er definitiv im selben Haus ist, spielen sie immer noch Detektiv und/oder trennen sich – es ist zum Steinerweichen. Gewisse Szenen muss man einfach mal gesehen haben, um sie zu glauben. Michelle schickt Charlie eine Nachricht, sie habe einen Unfall gehabt und sei nun in Todesangst. Charlie eilt allein (!) zu dem Wagen, frontal gegen einen Baum geprallt, aber Seitenscheibe komplett zerstört, Michelle abwesend. Er ruft sie an, das Handy meldet sich erkennbar im dunklen Wald und Charlie wähnt es allen Ernstes in Michelles Händen. Bei allem, was vorher passiert ist, schier unglaublich. Was dann passiert, ist klar.

Hi Schatz, ich bin’s, Michelle

Blu-ray und DVD enthalten ein kurzes „Hinter den Kulissen“-Feature, das im Wesentlichen daraus besteht, dass Regisseur und Darsteller ihre Begeisterung herausstellen. Wobei Franco auch ein Hauptanliegen preisgibt, nämlich eine modern gewordene Widersprüchlichkeit von Misstrauen und Vertrauensseligkeit zu thematisieren. Er hat ja im Ansatz Recht: Wir schützen alles mit Passwörtern, haben aber kein Problem damit, über Online-Portale im Haus eines Fremden zu wohnen und damit vielleicht auch allzu ungeschützt in dessen Leben einzutauchen (was natürlich von der Vermieterseite aus ebenfalls heikel sein kann). Natürlich kann man sich dann einmal ausmalen, wie es wäre, wenn dieser Fremde nur darauf wartet, aus einem verwanzten Haus heraus … ja, die Schlusspointe, dass sich wohl ein Biedermann die Maske des Killers übergestreift hat, ergibt Sinn. Wobei ich mich frage, ob selbst aus Perversensicht die Relation von Aufwand und „Nutzen“ nicht doch zu unbefriedigend ist.

Manchmal sieht auch der Film den Wald vor lauter Bäumen nicht

Alles in allem kein komplett missratener, aber ein nur mittelmäßiger Film, dem dann leider auch noch das Marketing auf die Füße fällt. „Ein Horror-Thriller in bester Hitchcock-Manier“, so zitiert die Rückseite das Magazin „Jumpcut“. Leute, ich erwarte gar nicht das Niveau der ganz Großen; ein solch aberwitziger Vergleich geht nach hinten los. Dazu hat auch Dave Franco beigetragen, dessen Überambitionen im Bonusfeature noch halbwegs gesittet sind, aber der im Wikipedia-Eintrag zum Film mehrere Schippen drauflegt. Man muss das wirklich mal in gewisser Länge lesen, um das Ausmaß des Kopfschüttelns zu verstehen, das das bei mir verursacht hat: „Franco wollte nicht nur einen Thriller und Horrorfilm drehen, sondern auch ein Beziehungsdrama schaffen, in dem die zwischenmenschlichen Probleme zwischen den Figuren genauso eine Rolle spielen. Als Einflüsse (…) nennt er (…) The Shining, Rosemaries Baby, The Texas Chain Saw Massacre und Halloween. Einiges übernahm Franco aus neueren Filmen wie Hereditary (…) und The Babadook (…).“ Ach du Schreck! Er ist kein Winzling, aber wer in einem solchen Ausmaß größer sein will, als er ist, der muss sich das schon einmal vorhalten lassen. Wer sich vor dem etwaigen Kauf der Blu-ray oder DVD ein Bild machen will, kann das am heutigen 10. Mai ab 22:15 Uhr im ZDF tun – und anschließend vielleicht in der Mediathek des Senders.

Wolken auch über dem Film

Veröffentlichung: 14. Mai 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Rental
USA 2020
Regie: Dave Franco
Drehbuch: Dave Franco, Joe Swanberg
Besetzung: Dan Stevens, Alison Brie, Sheila Vand, Jeremy Allen White, Toby Huss, Connie Wellman, Chunk, Anthony Molinari
Zusatzmaterial: Hinter den Kulissen, Originaltrailer, Wendecover
Label: Pandastorm Pictures
Vertrieb: Edel Germany

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pandastorm Pictures

 

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