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Archiv des Autors: V. Beautifulmountain

Horror für Halloween (XXV) / Dario Argento (X): Vier Fliegen auf grauem Samt – Groß im Kleinen, im Ganzen nur gut

4 mosche di velluto grigio

Von Tonio Klein

Horrorthriller // Die Stärke und das Problem des Dario Argento: Seine delirierenden Fantasien, die oft wie Träume funktionieren, versetzen uns immer wieder in Erstaunen, Entzücken, Erschaudern, Begeisterung. Bei manchen seiner Filme hat man aber am Ende den Eindruck, trotz ganz vieler wunderbarer Einzelszenen und Set Pieces nichts Ganzes gesehen zu haben. „Vier Fliegen auf grauem Samt“ (1971) gehört noch zu den besseren Filmen, ist aber vor dem Vorwurf des Disparaten (und ja, für mich ist das ein Vorwurf) nicht ganz gefeit.

Freundlichkeit ist bei Argento eine Maske

Die Geschichte um Schlagzeuger Roberto (Michael Brandon), der anscheinend aus Versehen seinen Stalker (Calisto Calisti) ersticht und fortan terrorisiert wird, wird nicht immer linear erzählt, aber wie bei Argentos „Das Stendhal-Syndrom“ (1996) kann man sich schließlich alle nötigen Informationen selbst zusammenbasteln. Und es ist nicht schlecht, dass dem Zuschauer das Mitdenken abverlangt wird! Was am Ende herauskommt, ist wie Hitchcock, nur noch extremer: eine höchst unwahrscheinliche, aber psychologisch stimmige Geschichte. Zu dem Komplott gegen Roberto gibt es nämlich eine schlüssige Erklärung – er soll mit Schuldgefühlen konfrontiert werden. Um dies zu erreichen, wählt der Täter einen Plan, dessen Gelingen so unwahrscheinlich ist, dass man aufschreien kann – wenn man denn will. Dies im Einzelnen aufzuzeigen würde meines Erachtens zu viel von der Handlung verraten. Es hat mich jedenfalls sehr an Hitchcocks „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958) erinnert: Kann der Täter wirklich wissen, dass Scottie Ferguson genauso reagiert, wie er es im schicksalhaften Glockenturm dann tut? Eigentlich kaum, aber psychologisch geht es auf. So ist das auch bei „Vier Fliegen auf grauem Samt“.

Ssupense und Surprise, Symbolik und Blödsinn

Argento hatte bewusst eine experimentelle Herangehensweise gewählt, hat immer wieder traumwandlerische Bilder geschaffen, ist mit dem Einsatz einer Highspeed-Kamera in zwei Szenen seiner Zeit voraus. Zudem gibt es einige Suspense-Szenen, längere Kamerafahrten/Verfolgungen, wenngleich diese nicht ganz die Hitchcocksche oder De-Palmaeske Beklemmung erreichen können, weil bei Argento der Mörder letztlich am Schluss immer plötzlich zusticht. Mit anderen Worten, Argentos Überraschungseffekte gehen ein bisschen auf Kosten der Spannung. Gut ist der Film dennoch, wenngleich ich es gelegentlich schon als etwas zäh empfunden hatte, mich durch all diese isoliert gesehen herrlichen Skurrilitäten hindurchzuhangeln. Das ist bei Argento Glaubensfrage. Manche mögen es, wenn ein Film völlig auf einen konventionellen Plot verzichtet. Ich denke, man sollte es nicht übertreiben.

Der Feind in meinem Bett?

Man kann es vielleicht wie folgt objektivieren: Der Film steht nicht zu seinem Delirieren. Er gibt nicht nur vor, eine Story zu haben, sondern auch, sie auf dem Boden des Realismus zu einem schlüssigen Ende zu führen. Weil dies so ist, sind die Abschweifungen und Extravaganzen nicht immer stimmig, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Beispielsweise die Idee, dass man mit einem neuen Verfahren die letzten Bilder, die ein Verstorbener gesehen hat, von der Netzhaut aus sichtbar machen könne. Davon war Argento zunächst selbst nicht überzeugt, und es ist ein fantastischer Fremdkörper in einem realistischen Film; von daher hatte ich zunächst, „so ein Blödsinn“ denkend, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Letztlich hat sich Argento von der Symbolkraft überzeugen lassen, und die ist in der Tat nicht zu leugnen. Argento-Filme sind immer auch Filme über das Sehen an sich. Schön – nur gibt es eben Werke, in denen das noch stimmiger zum Ausdruck kommt.

Nicht daneben, aber manchmal knapp vorbei

So ging es mir die ganze Zeit – ein guter Film, aber mir fielen immer Vergleichsfilme ein, die noch ein bisschen besser sind. In dem noch konventionellen Erstling „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (1970) ist die Bedeutung von Kunst anspruchsvoller herausgearbeitet. In „Das Stendhal-Syndrom“ gefällt das Thema des Opfers, das zum Täter wird, am besten. Aufgesetzt und auch im Sinne einer inneren Logik unplausibel ist, dass bei „Vier Fliegen …“ der psychisch kranke Täter am Ende in völlig klaren Worten sein Leiden selbst erklärt, so wie man das eher von einem Dritten erwarten würde, siehe die Erklärungen in Argentos „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ und in Hitchcocks „Psycho“ (1960). Bei „Das Stendhal-Syndrom“ wiederum sprechen die Bilder und Handlungen der Personen für sich; Erklärungsmonologe sind nicht mehr nötig. Letztlich mag auch das angeblich Rationale in „Vier Fliegen …“ nur ein Vorwand sein; gleichwohl wirkt der Film dadurch ein wenig halbherzig.

Falsche Fährte: der Porno-Postbote

Die wie immer beim frühen Argento skurrilen Nebenfiguren sind nur teilweise gelungen. Manche sind einfach nur schöne junge Menschen, teils Männerfantasien, was aber auch der Musikerszene und der damaligen Mini-Mode geschuldet ist, teils ziemlich überflüssig, etwa die schöne Nachbarin, die ständig aus Versehen (?) Pornohefte zugestellt bekommt. Ein Privatdetektiv (Jean-Pierre Marielle) erfüllt Homo-Klischees, über die die Handlung aber hinausweist. Letztlich ist diese Figur nur ein weiterer Baustein von Argentos Gender-Crossing-Elementen, die auch hier eine große Rolle spielen: Bei Robertos Frau, der viel wichtigeren, androgyn-schönen Nina (Mimsy Farmer), verknüpft er dies mit einem sinnfälligen psychologischen Motiv, wie es Hitchcock („Psycho“) und De Palma („Dressed to Kill“, 1980) nicht besser hinbekommen hätten. Dieses ist zwar mittlerweile bei manchen etwas in Verruf geraten, siehe die Diskussion um Transpersonen im Werk von Joanne K. Rowling und im Wien-Tatort „Die Amme“ (2021), exemplarisch bei Matthias Dell. Man wird aber ungeachtet dieses Streits Argento zugestehen können, dass seine vulgärpsychologischen Plots nur Hülle für Aussagen über das Sehen an sich und für sein „performatives“ (Marcus Stiglegger) Einreißen der „vierten Wand“ sind.

Ein Gott und ein Regie-Gott

Erwähnenswert ist Bud Spencer (!) als Aussteiger Godfrey mit dem Spitznamen God, und tatsächlich ist er Robertos Ratgeber in allen Lebenslagen. Auch wenn am Ende das Luther-Wort gilt: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Godfrey steht Roberto angesichts von Todesgefahren bei, mit schrägem Humor, zum Beispiel ausgedrückt beim Besuch eines Sargfabrikanten, bei dem man schon mal probeliegen darf: „Ich versichere Ihnen, keiner meiner Kunden hat sich jemals beschwert …“, ein Spruch übrigens, der mehr als 20 Jahre später in Tim Burtons „Ed Wood“ (1994) auftauchte. Hat Burton, ebenfalls ein Meister des Morbid-Abseitigen, da etwa vom Argento-Werk geklaut?

Kein Kunde hat sich je beschwert

Weitere Reverenzen ergeben sich hinsichtlich Argentos Idol Fritz Lang; neben dem sehr direkten Hinweis, dass Roberto laut Briefumschlag in der Via F. Lang wohnt, kann man bei dem Labyrinth, in das Haushälterin Amelia flüchten muss, an die filmischen Räume Langs denken – noch etwas interessanter in Argentos „Phenomena“ (1985) aufgegriffen.

Die Fliegen auf dem Heimkinomarkt: ausgeflogen

Summa summarum ein guter und psychologisch stimmiger Film, in seinen Extravaganzen aber gelegentlich etwas übertrieben und nicht konsequent genug als pure Fantasy ausgewiesen. Da sollen also manchmal Dinge zusammenwachsen, die meines Erachtens nicht zusammengehören. Dennoch unterm Strich gelungen. Koch Films hat „Vier Fliegen auf grauem Samt“ 2012 als von der FSK ungeprüftes Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht, nach der zwischenzeitlichen Herabstufung auf FSK 16 vier Jahre später mit alternativem Covermotiv erneut. Beide Auflagen sind vergriffen und auf dem Sammlermarkt durchaus gesucht. Für Preisbewusste ohne Interesse an Sonderverpackungen reichte das Label 2018 Special Editions von Blu-ray und DVD nach, erfreulicherweise inklusive des Bonusmaterials des Mediabooks (siehe unten) – mittlerweile im Handel aber offenbar auch nicht mehr zu finden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Echt Argento: Das Gehirn kann trügen, die Augen nicht

Veröffentlichung: 11. Januar 2018 als 2-Disc Special Edition Blu-ray und 2-Disc Special Edition DVD, 8. September 2016 und 4. Juli 2012 als 3-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs)

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: 4 mosche di velluto grigio
Internationaler Titel: Four Flies on Grey Velvet
IT/F 1971
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento
Besetzung: Michael Brandon, Calisto Calisti, Mimsy Farmer, Jean-Pierre Marielle, Marisa Fabbri, Bud Spencer, Oreste Lionello, Aldo Bufi Landi, Francine Racette
Zusatzmaterial: „Der Fall der vier Fliegen“ – Featurette mit Bud Spencer, Dario Argento und Luigi Cozzi (92 Min.), Featurette „Anatomie einer Fliege“ (28 Min.), deutscher, italienischer uns US-Kinotrailer, US-Teaser, Bildergalerie, nur Mediabooks: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Paul Poet
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshots: © Koch Films

 

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Horror für Halloween (XXIV): Highway zur Hölle – Bunter Wüstentrip in die Unterwelt

Highway to Hell

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Auf nach Las Vegas! So denkt es sich das verliebte junge Pärchen Charlie Sykes (Chad Lowe, „Untreu“) und Rachel Clark (Kristy Swanson, „Buffy, der Vampirkiller“), das in einem klapprigen Ford Pinto mit Pizza-Schild auf dem Dach von zu Hause abgehauen ist. Auf einer Nebenstrecke warnt der alte Tankwart Sam (Richard Farnsworth) die beiden vor der Weiterfahrt und rät ihnen, lieber die Interstate zu nehmen. Klar, dass Charlie die Warnung in den Wind schlägt. Ebenso klar, dass damit die Probleme beginnen. Als Charlie ihr Fahrzeug nach einem Sekundenschlaf mit Müh und Not zum Stehen bringt, ist schon der „Hell Cop“ (C. J. Graham) zur Stelle, schnappt sich Rachel und fährt mit ihr davon.

Zurück an der Tankstelle erfährt Charlie von Sam, dass der Höllenbulle mit Rachel auf dem Weg nach Hell City ist. Damit er sie retten kann, stellt der Tankwart dem jungen Mann sogar sein altes Auto zur Verfügung. Es gelingt Charlie tatsächlich, damit in die Zwischenwelt einer Wüstenlandschaft vorzustoßen, in die der Hell Cop mit Rachel entfleucht ist. Ihn erwartet ein bizarrer Trip, bei dem er auf etliche sonderbare Gestalten trifft.

Inspiriert von der griechischen Mythologie

Welche Drogen mag der einige Jahre später für sein adaptiertes Drehbuch von „L.A. Confidential“ (1997) oscarprämierte Brian Helgeland eingeworfen haben, als er sich hinsetzte, um das Skript von „Highway to Hell“ (1991) zu verfassen? Diese wahnwitzige Reise in die Unterwelt kann man sich doch nicht in nüchternem Zustand ausdenken! Lose – sehr lose – inspiriert von der griechischen Sage um Orpheus und Eurydike in der Unterwelt, erweist „Highway zur Hölle“ der griechischen Mythologie einige Reverenzen. Genannt seien beispielhaft der Fährmann Charon (Kevin Peter Hall) und der Höllenhund Kerberos – die dreiköpfige Töle wurde für den Film in Stop-Motion-Tricktechnik zum Leben erweckt. Ein Werbespot für Styx-Bier tut sein Übriges.

Charlie und sein treuer Hund suchen nach Rachel

Die griechische Mythologie geht einen reizvollen Verbund mit Horrorelementen ein, der mit reichlich Action und etwas Romantik eine turbulente Mischung ergibt. Die Tricktechnik steht durchaus in ihrer Zeit, was hier aber positiv gemeint ist. Sie ist gealtert, aber gut gealtert. Für die visuellen Spezialeffekte zeichnet Randall William Cook verantwortlich, kurz nach der Jahrtausendwende in diesem Metier immerhin dreifacher Oscar-Preisträger für seine Effektarbeit an Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“-Trilogie. Auf den Regiestuhl setzte sich der Niederländer Ate de Jong, der acht Monate nach den Dreharbeiten zu „Highway to Hell“ noch seinen zweiten US-Film „Mein böser Freund Fred“ inszenierte und anschließend nach Europa zurückkehrte.

Etwas mehr Horror hätte gutgetan

Deutlich wird auch, weshalb aus Rob Lowes kleinem Bruder Chad kein Topstar geworden ist, nicht einmal auf Augenhöhe mit Rob. Chad Lowe ist zwar sympathisch, Charlies Heldenreise vermag er aber nicht auf seinen Schultern zu tragen. Vielleicht liegt das aber auch an der comichaften Überzeichnung, die dazu führt, dass der Horroranteil etwas zu kurz kommt. Dafür erfüllen die komödiantischen Bestandteile ihren Zweck, an Spaß mangelt es nicht.

Dabei gilt es einige Klippen zu überwinden

Die Ende 1989 in den US-Staaten Arizona und Utah (laut C. J. Graham auch in New Mexico) gedrehte Horrorkomödie steht knietief in den 80er-Jahren. Das beginnt beim fiesen Synthie-Soundtrack und endet nicht bei der Optik, die trotz der Wüsten-Ansichten mal knallbunt, mal pastellfarben, mal in Neonlicht daherkommt. Und bei all den durchgeknallten Figuren, die das Universum von „Highway zur Hölle“ bevölkern. Da ist zum Beispiel Royce (Adam Storke), der mit seiner Halbstarkengang die Gegend unsicher macht, aber von Sehnsucht nach etwas Ungenanntem erfasst ist. Auf seinem Weg trifft Charlie auch auf den Kfz-Mechaniker Beezle (Patrick Bergin, „Der Feind in meinem Bett“) und dessen Ziehsohn Adam (Jarrett Lennon). Beezle wirkt hilfreich, aber auch undurchsichtig.

Wer den Höllencop verulkt …

Vor und hinter der Kamera hat „Highway zur Hölle“ bemerkenswertes Personal zu bieten. Der den Tankwart Sam verkörpernde Richard Farnsworth beispielsweise wurde 1979 für seine Nebenrolle in Alan J. Pakulas „Eine Farm in Montana“ und 2000 für seine Hauptrolle in David Lynchs „The Straight Story“ für den Oscar nominiert. C. J. Graham hat nur eine kleine Filmografie, aber immerhin spielte er 1986 in „Freitag, der 13. Teil VI – Jason lebt“ den Hockeymaske tragenden Killer Jason Voorhees. Charon-Darsteller Kevin Peter Hall wurde aufgrund seiner beeindruckenden Körpergröße von 2,20 Metern in „Predator“ (1987) und „Predator 2“ (1990) die Rolle der titelgebenden Kreatur übertragen. „Highway to Hell“ wurde sein letzter Film: Er starb im April 1991 im Alter von nur 35 Jahren an den Folgen einer AIDS-Erkrankung – nach einem Verkehrsunfall hatte er eine Transfusion mit HIV verseuchtem Blut empfangen. Nicht zu vergessen Ben Stiller, der in einer frühen Rolle als verrückter Koch eines Diners in der Wüste zu sehen ist, sowie seine ältere Schwester Amy und ihr beider Vater Jerry Stiller. Sogar Rockröhre Lita Ford absolviert einen kurzen Gastauftritt. Bedauerlich, dass nicht die Gelegenheit genutzt wurde, ein paar ihrer Songs für den Soundtrack zu verwenden. Auch AC/DCs ikonischer Hit „Highway to Hell“ hätte natürlich wie die Faust aufs Auge gepasst, ließ sich aber dem Vernehmen nach aufgrund begrenzten Budgets nicht lizenzieren.

… erlebt womöglich ein böses Erwachen

Die Wicked Vision Distribution GmbH hat „Highway zur Hölle“ als europäische HD-Premiere in Deutschland als Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht. Drei Covervarianten im Juli 2020 folgt im Oktober 2021 eine weitere. Dazu gibt es exklusives Bonusmaterial, etwa das eigens für diese Edition produzierte viertelstündige Interview mit „Hell Cop“-Darsteller C. J. Graham. Der lässt sich beispielsweise über seine Maske und sein Make-up aus, für deren Auftragen und Anbringen täglich vor Drehbeginn fünf Stunden benötigt wurden. Im Booklet lässt sich der erfahrene Autor Christoph N. Kellerbach ausführlich über die Umstände der Entstehung des Films sowie die Beteiligten aus, auch das stellt einen deutlichen Mehrwert dar. An Bild- und Tonqualität von „Highway zur Hölle“ gibt es nichts zu meckern. Einmal mehr eine vorbildliche Veröffentlichung als Nr. 37 der limitierten „Collector’s Series“ von Wicked Vision. Die Mediabooks können im Online-Shop des Labels geordert werden. Wer hemmungslosem Horrorulk mit Liebe zum Detail eine Chance geben will, möge dem fantasievollen „Highway zur Hölle“ eine Chance geben.

Auch tote Cops gieren nach Donuts

Die Filme der „Collector’s Series“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Patrick Bergin und Ben Stiller haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Verführerisch

Veröffentlichung: 29. Oktober 2021 und 31. Juli 2020 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 2 x 444 & 2 x 333 Exemplare)

Länge: 94 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Highway to Hell
USA 1991
Regie: Ate de Jong
Drehbuch: Brian Helgeland
Besetzung: Chad Lowe, Kristy Swanson, Patrick Bergin, C. J. Graham, Adam Storke, Jarrett Lennon, Pamela Gidley, Richard Farnsworth, Lita Ford, Gilbert Gottfried, Anne Meara, Amy Stiller, Ben Stiller, Jerry Stiller, Darren Mark Edwards, Troy Tempest, Kevin Peter Hall
Zusatzmaterial: Vorwort von C. J. Graham, Audiokommentar mit Regisseur Ate de Jong, „C. J. Graham: Greetings from Hell“ – Ein Interview mit Hauptdarsteller C. J. Graham (15 Min.), „Steve Johnson Goes to Hell“ – Ein Interview mit Special Effects Artist Steve Johnson (11 Min.), deutscher Trailer, Originaltrailer, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Christoph N. Kellerbach
Label/Vertrieb: Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2020/2021 Wicked Vision Distribution GmbH

 
 

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Horror für Halloween (XXIII): Grotesque – Japanischer Torture-Porn-Exzess

Gurotesuku

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Mit einem Hammer schlägt ein Mann (Shigeo Ôsako) das junge Paar Aki (Kotoha Hiroyama) und Kazuo (Hiroaki Kawatsure) nieder, als die beiden gerade durch einen Tunnel schlendern. Als sie aus der Bewusstlosigkeit erwachen, hat sie ihr Entführer geknebelt und auf zwei Brettern festgeschnallt. Für Aki und Kazuo beginnt ein Folter-Martyrium, das sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht übler hätten ausmalen können.

Wird das erste Date auch das letzte?

In einer Rückblende erfahren wir, dass es für Aki und Kazuo ihre erste gemeinsame Verabredung war. Die beiden kennen einander erst kurz. Unmittelbar vor der Entführung fragte die junge Frau ihren Begleiter im Scherz: Würden Sie für mich sterben? Seine Antwort: Falls es so weit kommt, werde ich mein Bestes tun. Wir werden es gewahr werden, wie sein Bestes aussieht – gar nicht so schlecht. Ihr Folterknecht hat medizinisches Fachwissen und kennt die menschliche Anatomie gut. So gut, dass er genau weiß, wo er bestmöglich Schmerzen erzeugen und Verstümmelungen vornehmen kann, ohne den Tod seiner Opfer herbeizuführen.

Keine Gnade im Folterkeller

Regisseur Kôji Shiraishi („Carved – The Slit-Mouthed Woman“) verfilmte sein eigenes Drehbuch. „Grotesque“ ist Torture Porn reinsten Wassers, hier geht es einzig um die Zurschaustellung von Folter, Schmerz, Blut und Splatter; auch sexualisierte Gewalt müssen Ari und Kazuo erleiden. Lasst alle Hoffnung fahren, der „Doktor“ würde in seinem Tun einhalten – was Gorehounds ohnehin auf die Palme bringen würde. Diese können sich vielmehr an ein wenig Makita-Product-Placement erfreuen, auch wenn ich nicht glaube, dass der japanische Elektrowerkzeug-Fabrikant es goutiert, auf diese Weise cineastische Präsenz zu erhalten. In geringen Dosen kommt auch schwarzer Humor zum Tragen, was aber keineswegs durchatmen lässt. Über die gesamte geringe Spieldauer von 73 Minuten bleibt das Publikum schmerzhaft nah an dem jungen Paar und seiner Pein.

Motivation unbedeutend

Zwar bekräftigt der Doktor, Aki und Kazuo freilassen zu wollen, sofern sie ihn von seinem Überlebenswillen überzeugen, das führt aber keineswegs zu einer profunden Thematisierung der menschlichen Psyche. Anders als etwa bei „Martyrs“ (2008) spielen die Motive des Folterers keine Rolle (so verblendet die Beweggründe der Täterschar in dem meisterhaften französischen Terrorfilm auch gewesen sein mögen – es gab sie). Er quält seine Opfer, weil er es kann.

Beschlagnahme möglich

Das in etwas reduzierter Farbsättigung inszenierte Folter-Kammerspiel kommt mit einer Schauspielerin und zwei Schauspielern aus, an deren Leistung nichts auszusetzen ist. Eine Menge auszusetzen an „Grotesque“ hatte erwartungsgemäß die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die das Werk 2010 auf Liste B indizierte. Dies ermöglicht eine gerichtliche Überprüfung auf strafrechtliche Relevanz gemäß § 131 StGB und somit die Beschlagnahme, zu der es bislang aber meines Wissens nicht gekommen ist. Eine zensierte Fassung mit FSK-Freigabe hat es in Deutschland bislang nicht gegeben. Es ergibt auch keinen Sinn, einen Film um Gewaltszenen zu kürzen, dem es einzig um eben diese Gewaltszenen geht.

Verweigerungshaltung auch beim BBFC

Selbst das gemeinhin etwas gnädiger gestimmte British Board of Film Classification (BBFC) verweigerte „Grotesque“ die Freigabe, weshalb der Film im Vereinigten Königreich nie veröffentlicht werden wird. Regisseur Kôji Shiraishi reagierte auf die seiner Ansicht nach erwartbare Nachricht erfreut. Als Reaktion darauf äußerte er, sein Film sei eine wahrhaftig gewissenhafte Arbeit, die darauf abziele, sogenannte Moralisten aufzubringen. Etwas billig, wie ich finde, aber lassen wir ihm diese Haltung. Schwarzen Humor bewies er mit seiner Empfehlung, „Grotesque“ eigne sich für Paare, um den Film in ihrer „Quality Time“ gemeinsam zu schauen. Ich würde das nicht tun (meine Frau schon mal gar nicht).

Schmerzen tun nicht weh

Es gibt gute Gründe, selbstzweckhafte Gewalt abzulehnen. Wer das tut, mache um „Grotesque“ einen großen Bogen. Unbedarft und womöglich ohne Kenntnis harter Horrorfilme auf den Film zu stoßen, kann Rezipienten nachhaltig verstören. Für Kinder und Jugendliche eignet er sich ganz und gar nicht. Einer Einordnung in „gut“ oder „schlecht“ oder irgendwo dazwischen entzieht sich das Werk. Der eine oder andere Gorehound ohne Interesse an ausgefeiltem Storytelling wird frohlocken.

Länge: 73 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Gurotesuku
JAP 2009
Regie: Kôji Shiraishi
Drehbuch: Kôji Shiraishi
Besetzung: Kotoha Hiroyama, Hiroaki Kawatsure, Shigeo Ôsako

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use

 

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