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Archiv des Autors: V. Beautifulmountain

Raubzug der Wikinger – Auf der Suche nach der goldenen Glocke

The Long Ships

Von Volker Schönenberger

Historien-Abenteuer // Ein heftiger Sturm lässt ein Wikingerboot an einer Küste zerschellen. Als einziger Überlebender wird Rolf (Richard Widmark) von Mönchen aufgefunden, die ihn in ihrem Kloster pflegen. Dort angefertigte Mosaiken berichten von der Legende einer riesigen goldenen Glocke, der „Mutter der Stimmen“ („Mother of Voices“). Nach seiner Genesung berichtet der Wikinger als Geschichtenerzähler auf dem Marktplatz einer südspanischen Ortschaft von dieser Legende. Daraufhin schnappen ihn sich die Schergen des maurischen Herrschers Aly Mansuh (Sidney Poitier).

Aly Mansuh ist scharf auf die sagenumwobene goldene Glocke

Der Scheich ist überzeugt davon, dass die Legende wahr ist und die Glocke existiert. Er will ihr Versteck aus Rolf herausfoltern lassen, doch dem gelingt die Flucht. Zurück in seiner Heimat, erfährt der Wikinger von dem prachtvollen Boot, das sein Vater Krok (Oskar Homolka) gerade für König Harald von Dänemark (Clifford Evans) als Bestattungsschiff konstruiert hat. Weil er ein neues Schiff braucht, stiehlt Rolf es kurzerhand mit seinem Bruder Orm (Russ Tamblyn). Weil Orm in Haralds Tochter Gerda (Beba Loncar) verliebt ist, nimmt er sie gleich mit. Die Suche nach der „Mutter der Stimmen“ hat gerade erst begonnen.

Wenn Männer wie Kinder herumtoben dürfen

Ob die Darsteller ihre Rollen und Dialoge ernst genommen haben? Speziell Richard Widmark und Sidney Poitier betreiben ihr schauspielerisches Handwerk auf eine Weise, dass man beinahe schon von „Overacting“ sprechen kann. Es muss Spaß gemacht haben, als ernsthafter Schauspieler in einem zünftigen Wikinger-Abenteuer mitzuwirken und die Sau rauslassen zu können. Da jauchzt das Kind im Manne. „Raubzug der Wikinger“ strahlt dann auch Spielfreude aus, auch wenn Richard Widmark dem Vernehmen nach von den Dreharbeiten in Jugoslawien nicht begeistert war. Auch die Ausstatter und Kostümbildner dürften ihre helle Freude an ihrer Arbeit gehabt haben. Zwischendurch kommt es auch zu einem blutigen Gemetzel am Strand, insgesamt überwiegt aber heitere Ausgelassenheit, ab und zu am Rande unfreiwilliger Komik oder sogar etwas darüber hinaus. Dass es zwischen Wikingern und Mauren keinerlei Sprachbarrieren gibt, sei am Rande erwähnt. Derlei historische Schlampigkeiten haben sich das klassische Hollywood und auch der britische Film ja gern geleistet.

Die Wikinger gehen auf Schatzsuche

Aus heutiger Sicht wirkt einiges arg altbacken, etwa das Frauenbild und das Bild vom Umgang mit Frauen, das der Film transportiert. Erwähnt sei in dem Zusammenhang insbesondere die Erstürmung von Aly Mansuhs Harem durch die Wikinger. Das hat „The Long Ships“, so der Originaltitel, mit Richard Fleischers „Die Wikinger“ (1958) gemein. Für mich bewegen sich beide Abenteuer auf etwa einem Niveau. Welches von ihnen man bevorzugt, erscheint mir rein als persönliche Präferenz, also: Geschmackssache.

Orm will Gerda beschützen

Die Regie-Filmografie von Jack Cardiff ist gar nicht so groß. Sein bekanntester Film mag die britische D.-H.-Lawrence-Verfilmung „Söhne und Liebhaber“ (1960) mit Dean Stockwell und Trevor Howard sein, der ihm einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung einbrachte. Ungleich aktiver und erfolgreicher war Cardiff als Kameramann: Für die Kamera von „Die schwarze Narzisse“ (1947) hatte er den Oscar und den Golden Globe erhalten. Weitere bedeutsame Kameraarbeiten Cardiffs sind „African Queen“ (1951), „Krieg und Frieden“ (1956) und „Fanny“ (1961). Schon bei „Die Wikinger“ hatte er Erfahrung damit gesammelt, die kriegerischen Nordmänner ins rechte Licht zu rücken.

Mediabook von Koch Films

Koch Films hat „Raubzug der Wikinger“ in anständiger Bild- und Tonqualität als Mediabook veröffentlicht. Der Film liegt darin als Blu-ray und DVD vor. Das Bonusmaterial auf den Discs ist eher spärlich geraten. Über das Booklet und die Aufmachung des Mediabooks kann ich keine Angaben machen, da mir das Endprodukt nicht vorlag. Es dürfte die übliche Qualität der Koch-Mediabooks halten. Wer Wikinger-Abenteuern ohne Anspruch auf historische Akkuratesse etwas abgewinnen kann, macht mit „Raubzug der Wikinger“ nichts falsch.

Ein ganzer Kerl: Rolf

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jack Cardiff haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Sidney Poitier und Richard Widmark unter Schauspieler.

Wikingerkrieger Orm tritt gegen den Mauren-Scheich an, um seine Liebste zu retten

Veröffentlichung: 27. Mai 2021 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 8. Juli 2003 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Long Ships
GB/JUG 1964
Regie: Jack Cardiff
Drehbuch: Berkely Mather, Beverley Cross, nach einem Roman von Frans G. Bengtsson
Besetzung: Richard Widmark, Sidney Poitier, Russ Tamblyn, Gordon Jackson, Colin Blakely, Rosanna Schiaffino, Oskar Homolka, Edward Judd, Lionel Jeffries, Beba Loncar, Clifford Evans, David Lodge
Zusatzmaterial Mediabook: deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Booklet
Zusatzmaterial DVD: Trailer, Trailershow
Label/Vertrieb Mediabook: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Mediabook-Packshot: © 2021 Koch Films,
DVD-Packshot: © 2003 Sony Pictures Entertainment

 

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Gewinnspiel: 3 x 700 Meilen westwärts auf Blu-ray

Verlosung

In „700 Meilen westwärts“ (1975) nehmen Candice Bergen, James Coburn und Gene Hackman an einem mörderischen Pferderennen teil, das 1908 durch die Wildnis und Wüsten des amerikanischen Westens führt. Das Label explosive media hat Richard Brooks’ Western als Blu-ray und DVD veröffentlicht, der Vertrieb Koch Films hat uns drei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank, auch im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Da „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress): Wer möchte, darf mir im Gewinnfalle gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Dies ist aber völlig freiwillig und keine Teilnahmevoraussetzung. Nicht freiwillig, sondern verbindlich hingegen: Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Florians Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 8. August 2021, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf von zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Die Rezension von „700 Meilen westwärts“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

 

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Die Konkubine – Erotischer Kampf um den Thron

Hoo-goong: Je-wang-eui cheob

Von Lucas Gröning

Drama // Cho Yeo-jeong kennt man hier im Westen wohl erst seit ihrem Auftritt in Bong Joon-hos Genremix „Parasite“ (2019). In ihrem Heimatland Südkorea ist die Schauspielerin dem Kinopublikum allerdings schon seit Längerem ein Begriff. Zunächst vor allem als Darstellerin im Fernsehen aktiv, feierte sie 2002 ihr Leinwand-Debüt in der Dating-Komödie „A Perfect Match“ und schaffte 2010 mit einer der Hauptrollen im Erotikfilm „The Servant“ ihren Durchbruch. Erotisch wurde es passenderweise auch in jenem Film, welcher sich direkt im Anschluss an „The Servant“ mit der Südkoreanerin schmücken durfte, nämlich „Die Konkubine“ (2012) von Kim Dae-seung, dem Regisseur von unter anderem „Bungee Jumping of Their Own“ (2001) und „Blood Rain“ (2005). „Die Konkubine“ ist ein, das kann man vorwegschicken, enorm interessanter Film, der eine vielfältige Themenpalette bearbeitet und deren Erläuterung ich mich im Folgenden mit kritischem Blick nähern möchte.

Hwa-yeon wollte eigentlich ein glückliches Leben mit Kwon-yoo führen …

Zunächst soll es kurz um die Geschichte gehen: Sie spielt in einem nicht genauer beschriebenen Dorf, welches sich um den Hof des Königs eines nicht weiter definierten Königreichs streckt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Hwa-yeon (Cho Yeo-jeong), Tochter eines wohlhabenden Mannes, welche zur Konkubine des gegenwärtigen Königs gemacht werden soll. Als sie davon erfährt, flieht sie jedoch mit ihrem Geliebten Kwon-yoo (Kim Min-joon) aus dem Ort, beide werden jedoch nach kurzer Zeit gestellt. Während Kwon-yoo getötet werden soll, wird Hwa-yeon vor die Wahl gestellt, sich als Konkubine in den Dienst des Königs zu stellen oder das Zeitliche zu segnen. Widerwillig wählt sie die erste Option und verbringt die nächsten Jahre am königlichen Hofe, wobei sie dem Herrscher ein Kind gebärt – den zukünftigen König. Doch nicht alle sind zufrieden mit dem Status Quo, denn die Mutter des Königs (Park Ji-young) verfolgt ganz eigene Pläne und würde lieber ihren anderen Sohn Sung-won (Kim Dong-wook) an der Spitze des Reiches sehen, gerade weil sich der junge Prinz als äußerst manipulierbar und passiv in seiner Regierungsarbeit erweisen könnte. Sung-won wiederum zeigt zunächst zwar keine eigenen Ambitionen, den Thron zu besteigen, jedoch hat er bereits seit Langem ein Auge auf Hwa-Yeon geworfen und könnte die Gelegenheit ergreifen wollen, seine sexuellen Fantasien mit der Konkubine des Königs auszuleben. Im Folgenden entfaltet sich ein Spiel aus Intrigen, Begehren, Sex und Macht und man darf gespannt sein, wer die komplizierte Auseinandersetzung zu seinen Gunsten entscheiden kann.

Ein neues Genre?

Betrachten wir im Folgenden im Rahmen einer Analyse die einzelnen Aspekte und ästhetischen Kniffe von Kim Dae-seungs Werk und jene Themen, mit denen der Film uns Rezipienten konfrontiert. Beginnen möchte ich mit einer Klassifizierung des Genres, denn hier wird es bereits ein wenig komplizierter. Traut man dem Booklet des Mediabooks von capelight pictures, handelt es sich hierbei um ein fiktional-historisches Drama und somit um ein komplett neues Genre, was innerhalb des Textes zum Genre des faktional-historischen Dramas abgegrenzt wird. Was ist also der Unterschied? Als faktional-historisches Drama wird im Text ein Werk bezeichnet, das erfundene, aber glaubwürdige Geschichten und Figuren mit geschichtlich belegten Ereignissen kombiniert. Ein fiktional-historisches Drama wie „Die Konkubine“ wiederum, erfinde sogar das historische Setting, wobei der Film in einer unbestimmten, vergangenen Zeit an einem ausgedachten Ort spielt, sodass eine metaphorische Überprüfung unserer gegenwärtigen Realität erfolgen soll. Ich muss an dieser Stelle anfügen, dass ich diese Unterscheidung etwas schwierig finde und es mir nicht anmaßen möchte, dem Film in diesem Zusammenhang die Erfindung eines neuen Genres zuzugestehen, wie das der Booklet-Text handhabt.

… doch sie zur Konkubine des Königs gemacht …

Die beschriebene Differenzierung ist in gewisser Weise problematisch, denn ich würde einen Film schlicht nicht als historischen Film oder historisches Drama bezeichnen, wenn keine direkten und konkreten Bezüge zu bestimmten geschichtlichen Ereignissen festgeschrieben sind. Beim Nachdenken über jene Genrekategorisierung bin ich mit meinen Gedanken vor allem bei chinesischen Wuxia-Filmen hängen geblieben, die zwar oftmals eine grobe historische Verortung vorgeben, beispielsweise bei „Tiger and Dragon“ (2000) und „Hero“ (2002), in deren Rahmen sich die historischen Tatsachen jedoch zu keiner Zeit in den Vordergrund drängen, sodass diese Filme eigentlich auch nicht als Historienfilme zu betrachten sind. Gleiches gilt beispielsweise auch für die Filme von King Hu, exemplarisch „Das Schwert der gelben Tigerin“ (1966) und „Ein Hauch von Zen“ (1969), die jene historische Verortung gleich komplett ausblenden, jedoch offensichtlich nicht im Hier und Jetzt spielen. Was macht man außerdem mit einem Film wie Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957), der sich zwar grob im europäischen Mittelalter Schwedens zur Zeit der Kreuzzüge und der Pest verorten lässt (also grob in der Mitte des 14. Jahrhunderts), mit seiner Thematisierung der prozessionsgetriebenen Hexenverbrennung allerdings eher einen Bezug zur Renaissance (grob 15. und 16. Jahrhundert) zieht und sich somit durch eine Kombination verschiedener Settings einer Historisierung entzieht? In keinem der genannten Beispiele reden wir von einem Historienfilm, und ich finde dass wir das im Falle von „Die Konkubine“ ebenfalls nicht tun sollten, sodass der Film vielleicht eher als reines Drama bezeichnet werden könnte, ohne dem Begriff ein weiteres Attribut anzuhängen – am ehesten vielleicht noch das Wort Erotik angesichts der sehr expliziten Sex-Szenen, die tatsächlich einen eklatanten Unterschied zu vergleichbaren Werken darstellen.

Die Inszenierung von Erotik

Kommen wir zur Ästhetik des Films. Diese stellt eine sichtbare Geplantheit und Künstlichkeit in den Vordergrund, indem die Aufnahmen von klar erkennbaren Bildstrukturen gekennzeichnet sind. Das bedeutet nicht zwangsläufig einen Fokus auf Symmetrie, aber in jedem Fall auf eine koordinierte Verteilung der im Bild gezeigten Objekte, sodass ein optisches Gleichgewicht hergestellt wird. Sinn und Zweck der dadurch erreichten formalen Harmonie ist ein Herstellen von Harmonie auf der Handlungsebene, einer Harmonie, die den Versuch kennzeichnet, eine Kontrollierbarkeit der dargestellten Welt durch alle Beteiligten zu initiieren. Dass jene Kontrollierbarkeit angesichts der zahlreichen Interessenskonflikte nur schwer zu erreichen ist, überträgt sich wiederum auf die Ebene der Bildordnung, denn gerade in brenzligen oder angespannten Situationen gerät diese in eine Schieflage, sodass sich die Mise en scène weit weniger kunstvoll und geordnet gestaltet, als dies zuvor der Fall war, einhergehend mit Kniffen wie beispielsweise einer etwas wackligeren Kamera zum Aufzeigen von Hektik. Bemerkenswert ist auch die Beleuchtung des Films, denn sie dient vor allem der Inszenierung seiner Hauptfigur und einer Übertragung der sexuellen Faszination, die Hwa-yeon bei anderen Figuren der Geschichte hervorruft.

… während Kwon-yoo getötet werden soll

So haben wir in fast jeder Einstellung, in der die Protagonistin zu sehen ist, einen separaten Lichtspot, der dafür genutzt wird, sie oder zumindest ihr Gesicht von den übrigen Figuren und Objekten abzuheben – eine Strategie die in Bezug zu ihren anderen Körperteilen ebenfalls verfolgt wird, wenn die Szenen an Erotik gewinnen. Zum anderen dient auch der sichtlich höhere Schärfegrad einer Sexualisierung der Figur und dem Hervorrufen von erotischen Gefühlen für die Protagonistin auf Seite der Rezipienten. Dies merkt man gerade bei den im Schuss-Gegenschuss-Verfahren inszenierten Dialogen, wenn bei der Protagonistin fast jede Pore auf der Gesichtshaut zu erkennen ist, während die Einstellungen, welche ihre Gesprächspartner zeigen, zwar auch recht scharf gestellt sind, das Erkennen derartiger Details jedoch nicht zulassen. So inszeniert „Die Konkubine“ eine extreme Nähe zur Hauptfigur – eine Nähe, die andere Figuren des Films nur zu gern einnehmen würden, allen voran der junge Prinz Sung-won. So wird uns Zuschauerinnen und Zuschauern also eine besondere Intimität mit Hwa-yeon gewährt. Neben der hohen Schärfe und der separaten Beleuchtung wird sie außerdem im Rahmen der angesprochenen klaren Bildstruktur mit auffälliger Häufigkeit ins Zentrum der Einstellung gesetzt. All das sind ästhetische Kniffe, die in jenen Szenen, in denen die Protagonistin nicht anwesend ist, schlichtweg fehlen, sodass andere Figuren inszenatorisch zu keinem Zeitpunkt auf die Höhe der Konkubine gehoben werden.

Sex und Gewalt

Dafür ist ein anderer Aspekt dominierend, wenn die Hauptfigur abwesend ist: die Gewalt. Immer mal wieder kommt es zu Morden, physische Verletzungen bis hin zu Kastrationen und zu gewaltsamen verbalen Auseinandersetzungen in Form von zum Beispiel Drohungen. Die verbalen Scharmützel sind dabei gar nicht so explizit, die Gewaltdarstellungen sind es durchaus. Zwar werden sie selten im Bildmittelpunkt gezeigt, die Andeutungen teilweise enorm brutaler Handlungen sind aber durchaus schwer verdaulich und begünstigen eine psychisch-angelegte Inszenierung im Kopf des Zuschauers. Diese Gewaltversprechen bilden neben den Sexszenen die größte Form der Überschreitung von Sehgewohnheiten eines Mainstream-Zuschauers und sind ästhetisch enorm spannend inszeniert. Beide Formen haben innerhalb des Films jedoch wenig mit der grundsätzlichen Lebenswelt von Hwa-yeon zu tun, deren Charakter uns als äußerst unschuldig gezeigt wird und deren Körper nur durch Zwang oder im Rahmen von erotischen Fantasien in jene expliziten Sexszenen gepresst wird. Die sexuelle Konnotation, welche die Konkubine hervorruft, entsteht vielmehr durch die bereits skizzierte Art der Inszenierung und die dadurch beim Zuschauer hervorgerufenen Fantasien. Sie ist quasi Opfer, zum einen einer sowieso innerhalb der Filmlogik von Männern geschaffenen Dorfwelt, zum anderen ist sie Opfer der Machart des Films und fungiert somit für ein sexuell aufgeladenes Publikum und eine voyeuristisch-geprägte Inszenierung des Regisseurs als Objekt der Begierde zur Befriedigung der jedem von uns innewohnenden Schaulust.

Hwa-yeon verrichtet also am Hofe ihren Dienst …

Doch diese Schaulust wird gebrochen und in dieser Hinsicht kann man „Die Konkubine“ als durchaus feministischen Film verstehen, der sich in der Tradition der britischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey und somit auch von Siegmund Freud lesen lässt. Generell ist vor allem der Psychoanalytiker hilfreich beim Lesen von „Die Konkubine“, denn das dominierende Thema des Films sind Fragen rund um Macht und wer diese ausübt. Wer hat überhaupt Macht über wen? Wie kommt man an die Macht? Braucht man für die Macht ein spezielles Amt? Führt ein Machtwechsel auch zu einer Umkehr von Täter und Opfer? Muss man die Macht für den Frieden vielleicht aufteilen? Mit all jenen Aspekten der Macht und Gewalt beschäftigt sich der Film und lädt diese Fragestellungen symbolisch teils sehr stark auf. So haben wir es natürlich mit einer ganzen Reihe von Phallussymbolen zu tun und passenderweise auch mit den bereits erwähnten Kastrationen sowie ausgerechnet mit Eunuchen, welche die Dienerschaft der Königsfamilie darstellen. Diese breite und recht eindeutige Symbolpalette führt schlussendlich zu einer recht klaren Lesart des Films und lässt tatsächlich nur wenige andere zu. „Die Konkubine“ forciert mit allen Aspekten eine Eindeutigkeit, die nur sehr schwer in eine andere Richtung zu kippen ist und seinem Publikum eine eindeutige Botschaft vermitteln soll, die dazu noch sehr demokratisch daherkommt.

Es geht immer um Macht

Das sind mit Sicherheit die positiven Seiten von „Die Konkubine“. Der Film ist inszenatorisch nicht brilliant, aber sehr gut, er vermittelt eine klare und ideologisch (zumindest aus meiner Perspektive) positive Botschaft und ist mit seiner Thematisierung von Machtverhältnissen in einer Gesellschaft auch aktuell noch voll im Trend – gerade wenn es um die Berücksichtigung feministischer Theorie und der Psychoanalyse geht. Es gibt jedoch auch ein bisschen was zu meckern. Zwar vermittelt das Drama eine sehr klare Botschaft und hat mit den Machtfragen ein klares übergeordnetes Thema, jedoch werden diese Aspekte dem Zuschauer quasi ins Gesicht gedrückt und im Film sogar im Rahmen von Monologen und Dialogen erwähnt. So gibt es einen Dialog zwischen zwei langjährigen Eunuchen, an dessen Ende einer der beiden mehrfach sagt: „Immer geht es um die Macht.“ Das ist eine Zeile (und es gibt noch mehrere dieser Art), die sich indirekt an den Zuschauer richtet, wobei dieser das Thema bis dahin eigentlich bereits verstanden haben sollte. Kim Dae-seung vertraut hier seinem Publikum leider zu wenig und lässt auch nicht den Raum, tatsächlich noch eine andere Lesart in „Die Konkubine“ zu finden als die von ihm anvisierte. Vor diesem Hintergrund haben wir es vielleicht mit einer demokratischen Botschaft zu tun, aber nicht unbedingt mit einem demokratischen Film, da ein solcher zwingend den Glauben an einen mündigen und selbstständig denkenden Zuschauer in sich tragen sollte.

… zu dem auch das Zeugen eines Kindes für den König gehört

Der zweite größere Kritikpunkt hat indirekt mit dem ersten zu tun, denn die Klarheit, mit welcher der Film seinen Punkt transportiert, führt dazu, dass die Rezipienten jene interessanten Aspekte der vorgetragenen Themen recht schnell kognitiv herausarbeiten können. Das Problem ist, dass ab diesem Zeitpunkt gerade einmal die Hälfte von „Die Konkubine“ abgelaufen ist. Der Rest des Films besteht lediglich aus einer Aneinanderreihung von Szenen, welche die aufgeworfenen Themen zwar vertiefen, besonders nennenswerte neue Aspekte, die man sich nicht selbst denken kann, bleiben jedoch aus. So entsteht schnell eine Langeweile, welche der Film durch die angesprochenen Gewalt- und Sexszenen zu unterbrechen versucht, was aber nur mit Mühe gelingt. Dennoch ist „Die Konkubine“ mehr als sehenswert, denn man bekommt ein spannendes Drama, welches durchaus intelligent durch seine Handlung führt und die angesprochenen Themen in famoser Weise bearbeitet. Im Booklet des Mediabooks finden sich außer dem angesprochenen Genrediskurs auch kurze Porträts von Regisseur Kim Dae-seung sowie den Darstellern Cho Yeo-jeong und Kim Dong-wook. DVD, Blu-ray und Mediabook von „Die Konkubine“ können im Onlineshop von capelight pictures geordert werden.

Alle als „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Sung-won hat ein Auge auf die Konkubine geworfen

Veröffentlichung: 30. Juli 2021 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Hoo-goong: Je-wang-eui cheob
KOR 2012
Regie: Kim Dae-seung
Drehbuch: Hwang Yoon-jung, Kim Dae-seung, Kim Mi-jung
Besetzung: Cho Yeo-jeong, Kim Dong-wook, Kim Min-joon, Park Ji-young, Jo Eun-ji, Park Cheol-min
Zusatzmaterial: Trailer, 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Lucas Gröning

Szenenfotos & 3er-Packshot: © 2021 capelight pictures

 

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