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Archiv der Kategorie: Film

Alfred Hitchcock (XI): Die 39 Stufen – Achtung, Spione!

The 39 Steps

Von Lucas Gröning

Spionagethriller // Ein Mensch, welcher nicht in der Lage ist, irgendetwas zu vergessen. Jemand, der Wissen aufsaugt wie ein Schwamm und den man alles fragen kann, was in irgendeiner Form im kollektiven Gedächtnis gespeichert scheint. Jemand, der auf alle Fragen eine Antwort weiß und in der Lage ist, jede gewünschte Information vollständig und korrekt wiederzugeben. Solch eine Person ist die Hauptattraktion auf einer Theaterbühne in der Eröffnungsszene von Alfred Hitchcocks „Die 39 Stufen“ aus dem Jahre 1935, der ersten, recht freien Verfilmung des gleichnamigen, 1915 veröffentlichten Romans von John Buchan, die der Regisseur noch in seiner britischen Heimat drehte – wenige Jahre vor seinem Wechsel nach Hollywood.

Munter stellt das Publikum, darunter der Kanadier Richard Hannay (Robert Donat), dem als „Mr. Memory“ (Wylie Watson) bekannten Künstler seine Fragen, auf welche dieser stets die passende Antwort weiß. Ein lustiger, unterhaltsamer Abend bahnt sich an, doch die Idylle wird gestört. Während der Vorstellung fallen Schüsse und so kommt es, dass die junge Annabelle Smith (Lucie Mannheim) in die Arme von Hannay fällt. Erschüttert und von Verfolgungswahn getrieben, bittet sie ihn, zu ihm nach Hause mitkommen zu können. So beginnt ein spannungsgeladener Spionageplot, welcher von Genrekönig Alfred Hitchcock auf meisterhafte Weise inszeniert wurde.

Paranoia und Anspannung

Bei Hannay angekommen offenbart Annabelle diesem, sie sei eine Spionin, welche dafür sorgen müsse, dass ein weiterer Spion gestoppt wird – der gehöre einer mysteriösen Organisation namens „39 Stufen“ an und wolle Informationen über ein geheimes Projekt der britischen Luftfahrtbehörde außer Landes schaffen. Wenig später wird Annabelle sterben und man wird Richard Hannay für den Mörder halten. Es beginnt eine Flucht vor der Polizei und vor den „39 Stufen“, auf der es dem Protagonisten gelingen muss, seine Unschuld zu beweisen, indem er die geheimen Informationen sicherstellt. Allgegenwärtig ist dabei eine mitschwingende Paranoia, mit welcher die Hauptfigur ihre Umgebung wahrnimmt. Ständig hinterfragt Hannay alles. Könnte jene Person neben mir eventuell ein Polizist sein, der damit beauftragt wurde, mich zu fassen? Laufe ich gerade in eine Falle, die mir von den „39 Stufen“ gestellt wurde? Welcher Person kann ich überhaupt trauen? Welche Druckmittel kann ich verwenden, um diese Person dazu zu bringen, mit mir zu kooperieren? All das sind Fragen, die sich Hannay im Verlauf stellen muss, um seinem Ziel näherzukommen. So wird selbst der gewöhnlichste und unschuldigste Ort zu einer Quelle der Unsicherheit. Dabei sammelt der Protagonist sowohl Erfahrungen, die ihn in dieser Annahme bestätigen, als auch solche, welche diese widerlegen. Gerade aus diesem Potenzial einer jederzeit aufkommenden Bedrohung zieht der Film enorme Spannung, die die meisten Zuschauer gebannt vor dem Bildschirm halten dürfte. Wie der Protagonist suchen wir ständig nach Hinweisen und Gefahren, welche auf uns zukommen könnten. Wir teilen Hannays Erfahrungen über gesamte Länge des Films. Somit findet eine Fusion zwischen Betrachter und Protagonist statt, durch die wir selbst bald paranoid werden.

Information und Desinformation

Bestärkt wird diese Paranoia dadurch, dass wir als Publikum jederzeit auf dem Laufenden darüber gehalten werden, was die im Film dargestellte Gesellschaft über den Mord an Annabelle Smith weiß. Wie ein Lauffeuer scheinen sich die Informationen im ganzen Land zu verbreiten. So belauschen wir, genau wie Richard Hannay, Gespräche zwischen Menschen, die sich darüber austauschen was sie gerade in der Zeitung gelesen haben. Es fällt auf, dass die genannten Informationen meist nicht mit dem übereinstimmen, was wir als Zuschauer von dem Vorfall wahrnehmen konnten. So wird Hannay in den Berichten als Mörder von Annabelle Smith dargestellt, seine Beschreibung darin erinnert aber nur sehr oberflächlich an das tatsächliche Äußere des Kanadiers.

Durch die Dialoge der Menschen erleben wir, wie sich diese falschen oder unvollständigen Informationen in der Gesellschaft verbreiten. So suggeriert der Film, dass bald das ganze Land Richard Hannay für einen Mörder hält. Dieser Eindruck wird durch die Allgegenwärtigkeit von Zeitungen verstärkt, welche immer wieder zum Bestandteil einzelner Szenen werden. Der Zuschauer wird dabei, genau wie der Protagonist, stets darüber informiert, auf welchem Stand der Rest der Gesellschaft ist. Somit gewinnt der Film eine ungeheure Aktualität und kann im Nachhinein sogar als Beitrag Hitchcocks zur aktuellen Debatte um Falschinformationen – die „Fake News“ – betrachtet werden. Der Betrachter glaubt dabei stets, dass er jederzeit Gewissheit über alle Vorgänge im Film hat. Alfred Hitchcock jedoch macht uns klar, dass wir gar nichts wissen. Er macht uns klar, dass der Regisseur allein Herr über sein Werk ist und er allein genau über den Verlauf der Geschichte Bescheid weiß. Er zeigt uns das mit einer ungeheuren Eleganz. Der Betrachter des Films wird währenddessen nicht vorgeführt, er wird lediglich dazu gebracht, sein eigenes Wissen im Hinblick auf unvorhergesehene Entwicklungen zu hinterfragen. Die Art und Weise, wie Hitchcock das dem Zuschauer nahebringt, ist grandios.

Der Regisseur setzt dabei erstmals (?) einen sogenannten MacGuffin ein – der Begriff bezeichnet Objekte oder Personen, die die Handlung vorantreiben, ohne dass sie von weiterem Nutzen sind. Man denke nur an den ominösen Koffer mit leuchtendem Inhalt in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ (1994). Hitchcock liebte MacGuffins, wie die Melodie in „Eine Dame verschwindet“ (1938), die geheime Vertragsklausel in „Der Auslandskorrespondent“ (1940) und die mathematische Formel in „Der zerrissene Vorhang“ (1966) belegen mögen. In diesem Fall handelt es sich bei der „Die 39 Stufen“ ihren Titel gebenden Geheimorganisation um einen solchen MacGuffin.

Wahrheit und Lüge

In diese Kerbe schlägt auch ein weiteres Motiv, welches „Die 39 Stufen“ aufgreift – der Gegensatz zwischen Wahrheit und Lüge. Im Verlauf der Handlung erleben wir es oft, dass Personen andere Personen belügen. Dies dient oftmals dem Täuschen oder Verraten des Protagonisten, aber auch dessen Schutz. So wird das Verschweigen der Wahrheit zu einem Motiv, welches für den Zuschauer moralisch nur schwer zu bewerten ist. Hitchcock nimmt hier die Position ein, dass das Aussprechen der Wahrheit, also die Repräsentation von Ehrlichkeit, nicht die einzige Wahl ist, um etwas zu tun, was als moralisch richtig evaluiert werden kann. Zugleich stellt er uns die Frage, ob das, was wir gesehen haben, als wahr gekennzeichnet werden kann oder ob wir vielleicht belogen wurden. Diese Frage beschäftigt uns bis zum Ende des Films und noch lange danach. So glauben wir zunächst, alles zu wissen und die Geschichte aufgeklärt zu haben, dennoch gibt es einige Handlungen und Momente, die nicht zu 100 Prozent in die Geschichte passen wollen und die wir im Nachhinein hinterfragen müssen. Ein rundes Gesamtbild bleibt dem Zuschauer somit verwehrt und Hitchcock schafft es so, uns dazu zu bringen, über die Handlung weiter nachzudenken. Noch interessanter wird es, wenn wir die gewonnenen Erkenntnisse auf unsere reale Welt transportieren und den Verlauf unserer eigenen Realität hinterfragen. Diesen Transfer schafft der Film und es ist genau das, was ihn zu einem großartigen, aber auch unterschätzten Werk des Meisterregisseurs macht.

Filmkunst

Mit „Die 39 Stufen“ zeigt Hitchcock bereits früh jene ungeheure Virtuosität, die ihn auch später als Filmemacher auszeichnen sollte. Mit brillanten Schnitten, großartigem Zusammenspiel zwischen Bild und Ton sowie der Fähigkeit, seine Darsteller zu fantastischen Leistungen zu motivieren, gelingt dem Briten ein spannungsgeladener Spionagethriller, welcher es schafft, so viel Inhalt in seinen gerade einmal 86 temporeichen Minuten unterzubringen, wie es zwei bis dreistündige Filme oft nicht schaffen. Diese Virtuosität sinnvoll in eine derart kurze Laufzeit zu implementieren, dabei zeitgleich eine spannende, unterhaltsame Geschichte zu erzählen und uns zum Philosophieren über komplexe gesellschaftsrelevante Themen zu bringen – das ist es, was großartige Filmkunst auszeichnet. Hitchcock schafft dies in seinen Werken wie kein Zweiter und er schafft es auch in einem seiner wohl meistunterschätzten Filme.

Weil einst das Copyright des Films nicht erneuert wurde, ist „The 39 Steps“ mittlerweile gemeinfrei, kann daher gratis und völlig legal im Internet-Archiv heruntergeladen oder bei YouTube geschaut werden. Blu-ray und DVD-Veröffentlichungen gibt es einige, die meisten sind qualitativ suboptimal. Als Referenz dürften einmal mehr die Blu-ray und DVD des US-Labels „The Criterion Collection“ gelten.

Ein großartiges Werk, welches aufgrund des konstant hohen Niveaus seiner Regiearbeiten zwar nicht sonderlich aus Hitchcocks Filmografie heraussticht, dessen Betrachtung sich aber für jeden Zuschauer mit einem Faible für Spannungskino lohnt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 30. Januar 2015 als Blu-ray und DVD, 26. April 2007 als DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The 39 Steps
GB 1935
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Charles Bennett, nach einem Roman von John Buchan
Besetzung: Robert Donat, Madeleine Carroll, Lucie Mannheim, Godfrey Tearle, Peggy Ashcroft, John Laurie, Helen Haye, Frank Cellier, Wylie Watson
Zusatzmaterial Blu-ray: Originaltrailer
Label/Vertrieb 2015: Great Movies GmbH
Label/Vertrieb 2007: Phoenix Bild- u. Tonträger Vertrieb

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Packshot: © 2015 Great Movies GmbH

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Stille Nacht – Horror Nacht: Bad Santa

Silent Night, Deadly Night

Von Andreas Eckenfels

Horror // Schau mal, Mama: Der Weihnachtsmann bekommt seinen eigenen Kinofilm! Den will ich unbedingt sehen! Aber Mama, warum hat der Weihnachtsmann eine Axt in der Hand? – Kind, schalt das sofort ab! So oder ähnlich mag es in vielen amerikanischen Wohnzimmern geklungen haben, als Anfang der 1980er-Jahre der TV-Werbespot zu „Stille Nacht – Horror Nacht“ zu sehen war. Perfekt platziert zwischen den Familienserien „Herzbube mit zwei Damen“ und „Unsere kleine Farm“. Dieser Marketing-Gag, wenn er denn einer war, blieb nicht ohne Wirkung und sorgte für Schlagzeilen. Besorgte Eltern, Kirchenvertreter und eine Gruppierung namens „Citizens Against Movie Madness“ gingen auf die Barrikaden und schimpften, „Stille Nacht – Horror Nacht“ würde ihre Kinder traumatisieren. Das Urvertrauen zum netten Mann mit dem weißen Rauschebart sei für immer zerbrochen. Der Film gehöre verboten!

Das Geweih des Grauens

Der Protest und größtenteils miese Kritiken nutzten allerdings nichts: Trotz oder gerade wegen der Kontroverse gewann der Weihnachts-Slasher im November 1984 zumindest in seiner ersten US-Kinowoche die Gunst der Zuschauer und das Rennen gegen den zeitgleich startenden „Nightmare – Mörderische Träume“ (1984). Am Ende pendelte sich das Einspielergebnis bei etwa 2,5 Millionen US-Dollar ein – der Klassiker von Wes Craven allerdings spielte etwa das Zehnfache davon ein.

Der Killer im Weihnachtsmann-Kostüm verändert Billys Leben für immer

Verboten wurde „Stille Nacht – Horror Nacht“ dafür natürlich in Deutschland. Die 1987 veröffentlichte VHS war bereits um drei Minuten geschnitten und erhielt eine Freigabe ab 18 Jahren. Ein Jahr später folgte die Indizierung, zu der sich 2013 eine Folgeindizierung gesellte. Den deutschen Sittenwächtern dürfte dabei weniger auf den Magen geschlagen sein, dass aus dem Weihnachtsmann ein Serienkiller gemacht wird, sondern eher die Tatsache, dass eine grimmige Grundstimmung vorherrscht und es einige gelungene blutige Momente gibt, von denen besonders einer im kollektiven Horrorfilm-Gedächtnis haften geblieben ist: Eine junge Frau (Linnea Quigley) wird vom Bösewicht halbnackt durch eine Hütte gejagt und anschließend auf einem an der Wand hängenden Hirschgeweih aufgespießt. Was für eine legendäre Szene!

Genese eines Killers

Auch wenn es sich um einen handfesten Slasher handelt, der im Fahrwasser des Erfolgs von „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978), der „Freitag, der 13“-Reihe (ab 1980) und „Blutiger Valentinstag“ (1981) schnell verdientes Geld in die Kassen spülen sollte, ist der Aufbau von „Stille Nacht – Horror Nacht“ interessanterweise zunächst ein anderer als üblich. Hier bekommt es der Zuschauer nicht mit einem stummen Diener des Bösen zu tun, sondern mit einem Protagonisten, dessen Genese vom unschuldigen Kind bis hin zum psychopathischen Killer durchaus nachvollziehbar in drei Phasen seines Lebens gezeigt wird.

Billy wartet auf seine Bestrafung durch die Mutter Oberin

1971 besucht der fünfjährige Billy (Jonathan Best) mit seinen Eltern (Tara Buckman, Jeff Hansen) und dem Brüderchen zur Weihnachtszeit den Opa (Will Hare) in der Psychiatrie. Schon da bekommt der kleine Billy von seinem kranken Großvater Verstörendes zu hören: „Der Weihnachtsabend ist der furchterregendste Abend des ganzen Jahres!“ Als kurz darauf Billys Eltern von einem Mann im Weihnachtsmannkostüm kaltblütig gemeuchelt werden, weiß der Enkel, was der verrückte Opi gemeint hat. Und dieses Trauma verstärkt sich in seiner Zeit im Waisenhaus, wo der verängstigte Achtjährige (Danny Wagner) von der Mutter Oberin (Lilyan Chauvin) bei jedem kleinen Vergehen seine Bestrafung erhält. Mit achtzehn Jahren ist die Verwandlung fast vollendet: Bei einer Weihnachtsfeier wird Billy (Robert Brian Wilson) gezwungen, das flauschige, rot-weiße Kostüm und die Zipfelmütze anzuziehen. Als er während der Feier eine Vergewaltigung beobachtet, ist es um ihn geschehen. Der Wahnsinn übernimmt die Kontrolle. Billy greift ein und nimmt Pfeil und Bogen in die Hand. Der Beginn blutiger Weihnachtstage…

Perspektivenwechsel

Bis zu diesem Trigger-Effekt sind durchaus einige Stilelemente des italienischen Giallo in „Stille Nacht – Horror Nacht“ zu erkennen, bei denen meist erst am Ende aufgeklärt wird, dass der durch vergangene Ereignisse krank gewordene Geist des Killers für seine blutigen Taten verantwortlich ist. Doch nun nimmt der klassische 80er-Jahre-Slasher seinen Lauf, samt einiger mehr oder weniger kreative Morde und ein wenig nackter Haut. Dabei bleibt jedoch nicht die Perspektive der Opfer, sondern die des Täters im Fokus. Dadurch geht natürlich einiges an Spannung verloren, obendrein ist all das nicht sonderlich gut gespielt, aber das Weihnachtssetting hat ohne Frage seinen Reiz.

Der Wahn befällt den 18-jährigen Billy …

Für Regisseur Charles E. Sellier Jr. war „Stille Nacht – Horror Nacht“ nur eine von insgesamt vier Regiearbeiten. Einen Namen im US-Fernsehen hatte er sich zuvor als Schöpfer der Abenteuer-Serie „Der Mann in den Bergen“ (1978–1979) gemacht, mit Dan Haggerty als James „Grizzly“ Adams in der Hauptrolle. „Billy“-Darsteller Robert Brian Wilson brachte es nach seiner Rolle als Bad Santa wie ein Großteil der anderen Schauspieler zu keinem großen Ruhm. Nur die aufgespießte Linnea Quigley verdingt sich bis heute regelmäßig in kleinen Horrorfilmen wie „Verdammt, die Zombies kommen“ (1985), „Mit Motorsägen spaßt man nicht“ (1988) und „Hooker with a Hacksaw“ (2017), was aber nicht unbedingt an ihren darstellerischen Fähigkeiten liegen mag.

Frohes Fest mit dem Anolis-Mediabook

Im Dezember 2018 wurde „Stille Nacht – Horror Nacht“ endlich vom Index gestrichen und erhielt eine FSK-18-Freigabe. Anolis Entertainment hat den Film nun hierzulande auf Blu-ray ungeschnitten innerhalb seiner „Phantastische Filmklassiker“-Reihe veröffentlicht. Dabei konnte nicht nur auf das vom US-Label „Shout! Factory“ erstellte 4K-Master zurückgegriffen, sondern auch das umfangreiche Bonusmaterial lizenziert werden. Die aus einer anderen Quelle eingefügten „Unrated“-Szenen, die nicht nur im erwähnten Hirschgeweih-Mord einen Mehrwert bieten, fallen zwar qualitativ etwas ab, sind aber dennoch bestmöglich restauriert worden und stören den Filmgenuss kaum. Zusammen mit dem Booklet-Text von Jonas Hoppe, der sich ausführlich mit der Kontroverse und der Geschichte des Slasher-Films im Allgemeinen beschäftigt, bietet das Mediabook ein schönes Paket für Horrorfans, bei denen nicht nur an den Weihnachtsfeiertagen „Stille Nacht – Horror Nacht“ seine Runden im Blu-ray-Player drehen wird.

… und er greift zur Axt

Insgesamt wurden bislang vier Fortsetzungen gedreht. Das ordentlich besetzte Remake „Silent Night – Leise rieselt das Blut“ entstand 2012. Die Chancen stehen gut, dass Anolis Entertainment auch „Stille Nacht – Horror Nacht Teil 2“ (1987) veröffentlichen wird. Die Anolis-Entertainment-Reihe „Phantastische Filmklassiker“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Ein lesenswerter Text zu „Stille Nacht – Horror Nacht“ findet sich auch im „Filmforum Bremen“.

Ist der Weihnachtsmann tot?

Veröffentlichung: 28. Februar 2019 als Blu-ray im limitierten Mediabook mit drei Covervarianten

Länge: 85 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Silent Night, Deadly Night
USA 1984
Regie: Charles E. Sellier Jr.
Drehbuch: Paul Caimi, Michael Hickey
Besetzung: Robert Brian Wilson, Lilyan Chauvin, Gilmer McCormick, Toni Nero, Britt Leach, Nancy Borgenicht, Charles Dierkop, Linnea Quigley
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Robert Brian Wilson und Scott J. Schneid, Audiokommentar mit Michael Hickey, Perry Botkin, Michael Spence und Scott J. Schneid, Kinofassung (R-Rated, 82 Min.), Slay Bells Ring: The Story of Silent Night, Deadly Night, „Oh Dear“ – Linnea Quigley über „Silent Night, Deadly Night“, Filming Locations – damals und heute, Kritiken und Kontroversen, TV-Spots, Radio Spot, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Jonas Hoppe
Vertrieb: Anolis Entertainment

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Anolis Entertainment

 

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Speed Kills – Der Jordan Belfort der Motorboote

Speed Kills

Von Lucas Knabe

Actionthriller // Eine Zigarette zu rauchen, ist eine Sache, sie zu bauen, um damit Millionen zu verdienen und letztlich auf die Liste der Mafia zu geraten, eine andere. John Travolta spielt den Protagonisten einer auf wahren Begebenheiten basierenden Geschichte, welche den Aufstieg und Fall des echten Donald Aronow in die heimischen Wohnzimmer bringen soll. Gelingt es der Regie-Novizin Jodi Scurfield, die Geschichte eines Magnaten annähernd so erfolgreich zu verfilmen, wie es Martin Scorsese mit „The Wolf of Wall Street“ 2013 schaffte, in welchem Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort brillierte?

Der stilisierte American Way of Life

Miami 1962. Der Unternehmer und Freigeist Ben Aronoff (John Travolta) gründet nach einer geplatzten Kooperation eine neue Firma im Süden von Miami. Nachdem er in der Immobilienbranche von New Jersey sein Glück verspielte, will er nun beruflich und privat neu anfangen, um früheren Lastern aus dem Weg zu gehen. Bei einem Glas Whisky und einem harmonischen Gespräch mit einem raffinierten Rechtsanwalt am Strand Miamis entdeckt er seine neue Passion – Motorboote. Ohne Umschweife entschließt sich der gerade noch arbeitslose Ben Aronoff, von nun an im Hafen von Miami als Speedboot-Designer in seiner eigenen Werft zu residieren. Schnell verschafft sich der tollkühne Entrepreneur durch Motorboot-Rennen in den Lagunen Miamis bei der ansässigen Hautevolee Gehör und wird zum gefragten Mann in Sachen Motorboote. Eines seiner ersten Erfolgsmodelle ist „The Cigarette“, welche das Offshore Powerboat Racing revolutioniert.

Eine Fahrt ins Unglück?

Der großspurige Genuss des Erfolges lockt neben leichten Mädchen allerdings auch unliebsame Freunde aus der Vergangenheit an, angeführt vom Mafiaboss Meyer Lansky (James Remar). Als er von diesen aufgrund eines finanziellen Engpasses ein Leihgeschäft erbittet, findet sich Ben Aronoff inmitten von Drogen, Erpressung und Gewalt wieder. Er droht zum Spielball der Mafia zu werden, da Meyer Lanskys heißsporniger Neffe Robbie Reemer (Kellan Lutz) keine Gnade kennt. Zu allem Übel werden die Drogenvollzugsbehörde und das FBI auf die kriminellen Machenschaften aufmerksam, in welche Ben Aronoff widerwillig hineingeraten ist. Umringt von der Mafia und der Staatsgewalt zieht sich die Schlinge um seinen Hals immer enger, sodass er bald um sein Leben und das seiner Geliebten bangen muss.

Potenzial verschwendet

Eine Kamerafahrt in Vogelperspektive über die schönen Flecken Miamis, dazu strahlender Sonnenschein, leichtbekleidete Frauen und das Ganze im Zeitraffer unterlegt von schmissiger Musik. Ein paar coole Szenen und Kameraeinstellungen kann man „Speed Kills“ nicht absprechen, immerhin hatte die Produktion mit Andrzej Sekula („Pulp Fiction“, „American Psycho“) einen überaus fähigen Kameramann am Set. Leider bleiben das die einzigen Höhepunkte des Films und man bekommt unreif wirkende Schonkost zu sehen. Der erste Dämpfer kommt gleich zu Beginn: Der Film eröffnet mit der finalen Sequenz, ehe er unmittelbar vor der Katastrophe abbricht und bei der eigentlichen Exposition 25 Jahre früher beginnt. Nach diesem Zeitsprung sieht der Hauptcharakter Ben Aronoff allerdings genauso aus, wie er 25 Jahre später aussehen wird – kennt John Travolta endlich das Geheimnis der Schönheitschirurgie? Weiterhin sind Double deutlich als Double zu erkennen, sei es beim Dressurreiten oder beim rasanten Fahren eines Motorboots. Daneben erscheint die Tatsache fast schon unerheblich, dass der bereits 50-jährige Schauspieler Jordi Mollà in der deutschen Synchronisation wie ein 20-Jähriger klingt. Diese deutlich erkennbaren Lapsus tragen zum unfertigen und lieblosen Charakter des Films nicht minder bei.

Die Kassen klingeln: Ben Aronoff (im blauen Hemd) gewinnt zahlreiche Meisterschaften

Der Cast um die „Pulp Fiction“-Legende John Travolta bleibt leider ebenso bleich wie die Zähne des 65-Jährigen. „Vikings“-Schildmaid Katheryn Winnick erreicht als blondes Liebchen leider nicht annähernd das Charisma aus den frühen Tagen der Wikinger-Saga und dient hier nur als Mittel zum Zweck – sehr schade. Sie verkörpert in der Rolle der Emily Gowen ein wohlhabendes It-Girl mit einer großen Leidenschaft für Pferde. Im späteren Verlauf des Films verfällt Emily dem Charme Ben Aronoffs und wird die Dame an seiner Seite. Im Allgemeinen wirken die Figuren während der 102 Minuten Laufzeit blutleer, austauschbar und schauspielerisch schlecht umgesetzt, sodass sie keinerlei Empathie beim Zuschauer erzeugen. Die gleichfalls unausgegorenen Dialoge wirken teilweise oberflächlich und steif – sie bestätigen die wenig nachvollziehbaren Aktionen der Figuren. In der Gesamtheit betrachtet, muss man die Konzeption des Drehbuchs in Frage stellen, da zu viele Ungereimtheiten auftauchen, welche einen plumpen und billigen Eindruck vermitteln. Der ästhetische Hochglanz-Look des Bildes kann darüber nicht hinwegtäuschen.

Eine Hommage an den Materialismus (Spoiler)

„Speed Kills“ ist ein spürbar eindimensionaler Film. Getrieben von der Mafia zieht es den reichen Unternehmer krummer Geschäfte nach Miami. Von da an verliert er den Fokus des Gangster-Biopics und handelt von Geld, Freudenmädchen, Motorbooten und einer verkorksten Unterwelt. Die Gegebenheiten, dass nebenher Ben Aronoffs Ehe zugrunde geht, sein Sohn eine Querschnittslähmung erleidet und Ben dem König von Jordanien die Frau ausspannt, werden effizient und mit komödiantischer Trockenheit abgehandelt. Es zählt nur das Geld, über welches in Gesprächen und inneren Monologen bei endlosem Nikotingenuss schwadroniert wird. Das Bild des amerikanisierten Machos setzt sich im Antlitz des schönen Miamis in Szene und kreiert eine Scheinwelt ohne Botschaft.

Einem seichten B-Movie-Abend oder rustikalen John-Travolta-Marathon sollte der Film Genüge leisten. Anhängern intellektueller und spannender Werke ist von „Speed Kills“ schlichtweg abzuraten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Travolta sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Emily Gowen spielt mit ihren Reizen

Veröffentlichung: 21. März 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Speed Kills
PRI 2018
Regie: Jodi Scurfield
Drehbuch: David Aaron Cohen, John Luessenhop
Besetzung: John Travolta, Matthew Modine, Tom Sizemore, Kellan Lutz, Charlie Gillespie, Katheryn Winnick, Jennifer Esposito, Michael Weston, Jordi Mollà, Amaury, Nolasco, James Remar, Moran Atias, Mike Massa
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Tiberius Film

 

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