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Archiv der Kategorie: Film

L.A. Story – Steve Martin und das Verkehrszeichen

L.A. Story

Von Volker Schönenberger

Komödie // Steve Martin – welch wunderbarer Komiker! Seine Humor-Sporen verdiente sich der 1945 im texanischen Waco Geborene Ende der 1960er-Jahre auf Kleinkunst-Bühnen und ab den 1970ern auch vermehrt im US-Fernsehen. So war er ab 1976 zehn Jahre lang Moderator von „Saturday Night Life“, der legendären Comedy-Show, die so viele berühmte US-Spaßmacher hervorgebracht hat. Ich bin erstmals in den 80ern auf Martin aufmerksam geworden, wobei ich nicht mehr weiß, mit welchem Kinofilm das war. Womöglich „Der Mann mit zwei Gehirnen“ (1983) in welchem er den Neurochirurgen Doktor Hfuhruhurr (!) verkörperte, der sich in ein in einer Nährlösung schwimmendes Gehirn verliebt. In „Roxanne“ (1987) spielte Steve Martin frei nach „Cyrano de Bergerac“ einen wortgewandten Feuerwehrmann mit übergroßer Nase, der sich unglücklich verliebt.

Highlight: „Tote tragen keine Karos“

Einen der Höhepunkte seines Schaffens stellt zweifellos „Tote tragen keine Karos“ (1982) dar. Die Schwarz-Weiß-Parodie auf klassische Thriller und Krimidramen enthält kunstvoll eingebaut Originalszenen aus Film-noir-Klassikern, sodass der von Steve Martin verkörperte Privatdetektiv Rigby Reardon mit Größen wie Bette Davis, Ava Gardner, Barbara Stanwyck, Humphrey Bogart, Kirk Douglas und Burt Lancaster interagiert. Unvergessen auch: Martins Auftritt als sadistischer Zahnarzt im schreiend komischen Grusel-Musical „Der kleine Horrorladen“ (1986). Dreimal moderierte er die Oscar-Verleihung, 2014 erhielt er selbst den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk.

Performance Art oder Zeitverschwendung?

Mein Name ist Harris K. Telemacher. Ich lebe in Los Angeles und ich hatte bisher sieben Herzinfarkte. Allesamt eingebildete. Ich will damit sagen: Ich war zutiefst unglücklich, aber das wusste ich nicht, weil ich die ganze Zeit so furchtbar glücklich war. Mit diesen Worten aus dem Off lernen wir den von Steve Martin verkörperten Protagonisten von „L.A. Story“ kennen. Der Meteorologe Harris ist promovierter Philosoph und verdient sich seine Brötchen als komödiantischer Wetterfrosch fürs Fernsehen.

Manche Freundinnen kann man vergessen

Bei einem Treffen mit oberflächlichen Bekannten (darunter Top-Model Iman) im Restaurant an der Ecke Sunset und Crescent lernt er Sara McDowell (Martins damalige Ehefrau Victoria Tennant) kennen. Die Engländerin ist gerade eingetroffen, um für die „London Times“ einen Artikel über Los Angeles zu schreiben und fällt mit ihrer unkonventionellen Art aus dem Rahmen. Sie beeindruckt Harris so sehr, dass er bei der Abfahrt glatt seine Freundin Trudi (Marilu Henner) am Bordstein vergisst. Mit der etwas zickigen Trudi verbindet ihn nicht allzu viel, die Beziehung der beiden mag ein Grund sein, weshalb er unbemerkt unglücklich ist. Glücklicherweise entdeckt er bald, dass sie ihn mit seinem Agenten (Kevin Pollak) betrügt.

An Shakespeares Grab

Gern erklärt sich der Wetterfrosch bereit, Sara sein Los Angeles zu zeigen: Ein paar Gebäude hier sind schon über 20 Jahre alt. Im Museum für Musikgeschichte schauen sich die beiden Beethoven’s Balls an, besuchen anschließend das Grab von William Shakespeare (nun ja). Weil Harris am folgenden Wochenende nicht arbeiten will, zeichnet er dreisterweise den Wetterbericht vorab auf. Er prognostiziert natürlich strahlenden Sonnenschein, denn: Wir sind doch in Los Angeles. Was soll sich groß ändern? Klar, dass es ausgerechnet diesmal wie aus Kübeln schüttet. Davon lässt sich Harris nicht stören, wird er doch gerade von der kecken Hosenverkäuferin SanDeE (Sarah Jessica Parker) becirct. Derweil versucht Saras Ex-Ehemann Roland Mackey (Richard E. Grant) mit Inbrunst, sie zurückzugewinnen. Und dann ist da noch das elektrische Verkehrszeichen am Freeway, auf welches Harris erstmals während einer Panne aufmerksam wird und das ihm auf geradezu magische Weise wohlmeinende Ratschläge, Voraussagen und ein Rätsel mit auf den Weg gibt.

Auch SanDeE bringt Trubel

„L. A. Story“ strotzt vor kleinen bizarren Einfällen wie einer wie selbstverständlich auf dem Highway beginnenden Schießerei, weil ja an diesem Tag die Jagdsaison eröffne. Woody Harrelson hat eine kleine Rolle als Harris’ Boss. Einen weiteren Kurzauftritt absolviert Patrick „Captain Picard“ Stewart – er spielt den Maitre des Nobelrestaurants „L’Idiot“, das seine Gäste genau überprüft, bevor es eine Reservierung annimmt. Chevy Chase ist als Filmstar Carlo Christopher zu sehen, der im „L’Idiot“ den gleichen Tisch wie gewöhnlich bekommt, obwohl er einen guten haben will, was sich als völlig unmöglich erweist. Dieser skurrile Humor ist wie selbstverständlich inszeniert und gibt sich nonchalant. Was klamaukig wirken könnte, wird so einfach zauberhaft. Dazu passen auch die Mono- und Dialoge von „L.A. Story“: So jung ist sie gar nicht mehr. Sie wird 27 – in vier Jahren. Diverse explizite und implizite Verweise auf Shakespeare würzen das Ganze, genannt sei die Einlage des von Rick Moranis gespielten Totengräbers. Und wer mit Shakespeares Bühnenstücken „Ein Sommernachtstraum“ („A Midsummer Night’s Dream“) und „Der Sturm“ („The Tempest“) vertraut ist, wird womöglich ein paar inhaltliche Versatzstücke wiedererkennen.

Drehbuchautor Steve Martin

Steve Martin schrieb diverse Drehbücher seiner Kinohits selbst, so auch in diesem Fall. Mit „L.A. Story“ lieferte er eine warmherzige Liebeserklärung an die kalifornische Metropole ab, die bei aller Überzeichnung nie ins Zynische abgleitet. Regisseur Mick Jackson („Volcano“) gibt seinem Star die Freiheiten, die der Film braucht, wobei es andererseits auch sein kann, dass Martin gar nicht viele Freiheiten brauchte, weil er sich auf sein eigenes Skript verlassen konnte. Ich habe die Komödie erstmals seinerzeit im Kino gesehen und seitdem gern wieder. Meine anlässlich der vorbildlichen Blu-ray-Veröffentlichung erfolgte Sichtung wird womöglich nicht die letzte gewesen sein und hat Lust gemacht, weitere Steve-Martin-Komödien mal wieder zu gucken. Koch Films hat im Übrigen reichlich Bonusmaterial auf die Scheibe gepackt. Aufgrund der Rolle von Los Angeles als heimliche Hauptdarstellerin empfiehlt sich insbesondere der Blick auf das Featurette über die Drehorte.

Wird das Verkehrszeichen Harris und Trudi den Weg weisen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mick Jackson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Woody Harrelson, Steve Martin und Patrick Stewart unter Schauspieler. Welche Steve-Martin-Filme sind eure Favoriten?

Veröffentlichung: 11. Juni 2020 als Blu-ray, 29. Mai 2001 als DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: L.A. Story
USA 1991
Regie: Mick Jackson
Drehbuch: Steve Martin
Besetzung: Steve Martin, Victoria Tennant, Richard E. Grant, Marilu Henner, Sarah Jessica Parker, Kevin Pollak, Susan Forristal, Sam McMurray, Patrick Stewart, Andrew Amador, Iman, Rick Moranis, Paula Abdul, Woody Harrelson
Zusatzmaterial Blu-ray: Making-of, Hinter den Kulissen, Featurette „Die Story von L.A. Story“ mit Produzent David Melnick, Featurette „Das L.A. von L.A. Story“ über die Drehorte des Films, geschnittene Szenen und alternatives Ende, Interviews mit Cast & Crew, TV-Spots, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, deutscher und englischer Trailer, Vertikalschuber, Wendecover
Zusatzmaterial DVD: Trailer
Label/Vertrieb Blu-ray: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: AVU

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Blu-ray-Packshot: © 2020 Koch Films

 
 

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Spiel der Geier – Altstars mischen im rhodesischen Bürgerkrieg mit

Game for Vultures

Von Leonhard Elias Lemke

Kriegs-Action // Von 1964 bis 1979 tobt in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, ein blutiger Bürgerkrieg. Um der blutigen Fehde Einhalt zu gebieten, verhängt der UN-Sicherheitsrat weitgehende Sanktionen, darunter ein Waffenembargo. Ohne Konkurrenz ist das allerdings für illegale Waffenhändler ein umso lukrativeres Geschäft: Der südafrikanische Geschäftsmann David Swansey (Richard Harris) schließt einen Deal und verspricht der rhodesischen Regierung deutsche Kampfhubschrauber. Das schmeckt ganz besonders dem Rebellenführer Gideon Marunga (Richard Roundtree) ganz und gar nicht. Anfangs noch auf Distanz, bringt der Konflikt die ungleichen Haudegen einander unangenehm nah.

Fargo, James Fargo

1979 veröffentlicht, basiert „Spiel der Geier“ auf wahren Begebenheiten. Vier Jahre zuvor war Michael Hartmanns Roman erschienen, nun sah man die Zeit reif für eine filmische Adaption. Phillip Baird brachte das Buch in Drehform. Gefilmt wurde in London und Südafrika – als Stand-In für Rhodesien. Regie führte der Amerikaner James Fargo, dem 1976 zum Debüt immerhin das dritte Auftreten Dirty Harrys anvertraut wurde und der 1978 mit „Der Mann aus San Fernando“ einen weiteren Clint-Eastwood-Actioner ablieferte. Mit den Altstars Harris und Roundtree sowie Joan Collins als des Blonden Konkubine, Dauerbrenner Ray Milland und Indys rechter Hand Denholm Elliott sah man sich schauspielerisch bestens gewappnet. Pustekuchen.

Wie Geier müsst Ihr spielen

„Spiel der Geier“ war Bairds Debüt-Drehbuch und sollte auch sein letztes bleiben. Nicht ohne Grund. Über Gehalt des Romans könnte ich an dieser Stelle nur spekulieren, aber in Spielfilmlänge wird überdeutlich, dass man sich hier übernommen hat. Man zeigt den Krieg, die verhandelnden Anzugträger, das Techtelmechtel der Figuren und verliert sich ob der vielen Nebenschauplätze. Die Kraftverhältnisse bleiben nicht nachvollziehbar für das Publikum.

Feinde: Waffenhändler David Swansey und …

Die Fäden in der Hand zu halten, gelingt auch den bekannten Mimen nicht. Im Gegenteil: Richard Roundtree wirkt noch ganz frisch, aber hier auch eher wie Shaft als rhodesischer Rebellenführer. Harris war noch nicht mal 50, sieht aber dank Alkohol aus wie 70 mit konstantem Bad-Hair-Day. Da hilft auch der beste Weichzeichner nichts. Umso unangenehmer wirkt das aufgesetzte Anschmiegen von Joan Collins. Da half auch vermeintliche Routine als Söldner ein Jahr zuvor nichts – siehe „Die Wildgänse kommen“. Müßig, dass man ihm flotte Sprüche nur so aufdrängte, denn keiner davon landet im Herzen des Zuschauers. Es ist legitim, keine Identifikationsfigur anzubieten. Doch dann sollte der Film bitte von herausragender Intensität sein. Regisseur James Fargo war möglicherweise sichtbar überfordert mit dem Stoff und seinem Cast sowie den Ansprüchen des Studios, einen Kriegs-, Abenteuer- und Politfilm zugleich liefern zu müssen.

Krieg ist kein Spiel

„Punkten“ kann „Spiel der Geier“ mit einer recht unschönen, aber passenden Härte in der Gewaltdarstellung, die sich dann aber natürlich mit dem Unterhaltungsanspruch beißt. Denn während noch in einem Moment Kinder erschossen werden und Gedärme platzen, wird im nächsten schon Rebellentum romantisiert. Zitat: „Ich habe noch nie jemanden ohne Grund getötet.“, oder zu einem übermotiviertem Jugendlichen: „Deine Zeit (im Krieg) wird kommen!“. Untermalt von feierlicher Musik. Unangemessen ob des ernsten Themas. Pidax Film hat hier einen selten gesehenen Film veröffentlicht, der das vielleicht besser bleiben sollte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Richard Harris und Ray Milland haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… Rebellenführer Gideon Marunga

Veröffentlichung: 5. April 2019, 20. Januar 2011 und 21. Januar 2004 als DVD

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Game for Vultures
GB 1979
Regie: James Fargo
Drehbuch: Phillip Baird, nach einem Roman von Michael Hartmann
Besetzung: Richard Harris, Richard Roundtree, Joan Collins, Ray Milland, Denholm Elliott, Sven-Bertil Taube, Ken Gampu, Tony Osoba, Neil Hallett
Zusatzmaterial: Wendecover
Label 2019: Pidax Film
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2011: EuroVideo Medien GmbH
Label/Vertrieb 2004:SPV

Copyright 2020 by Leonhard Elias Lemke

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Pidax Film

 

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Clint Eastwood (XXV): Der Fall Richard Jewell – Held oder Täter?

Richard Jewell

Kinostart: 25. Juni 2020

Von Philipp Ludwig

Drama // Anfang März 2020 besuchte ich die Hamburger Pressevorführung von „Der Fall Richard Jewell“. Dass es sich hierbei um meinen auf längere Sicht wohl letzten Kinobesuch handeln würde, konnte ich dabei natürlich nicht ahnen. Trotz sich bereits damals zumindest in Ansätzen andeutender Coronakrise.

Als Schauspieler und Regisseur groß: Clint Eastwood

Clint Eastwood hat sich als herausragender Schauspieler über Jahrzehnte hinweg einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis gleich mehrerer Generationen redlich verdient. Auch als Regisseur zeigt er seit vielen Jahren nun schon sein großartiges Talent auch für die Arbeit hinter der Kamera. Filme wie „Letters from Iwo Jima“ (2007) oder „Gran Torino“ (2008) waren für mich persönlich zumindest wahre filmische Ausnahmeerlebnisse. Den Stil von Eastwood zeichnet vor allem seine präzise Schnörkellosigkeit aus. In seinen Filmen erfolgen keine großen Experimente. Rasante Kamerafahrten, visuelle und auditive Tricks oder innovative Erzählstrategien sucht man in der Regel vergebens. Gerade diese klassische Art und Weise der Inszenierung, stringent und ohne viel kreativen Schnickschnack eine Geschichte zu erzählen, muss in den häufig viel zu hektischen Filmen unserer Zeit gewiss kein Nachteil sein. Ganz im Gegenteil. Wenn man einen von Eastwood gemachten Film besucht, weiß man in der Regel, was einen erwartet. Und wird für gewöhnlich auch nicht enttäuscht.

Richard Jewell (M.) hat alles unter Kontrolle

Ein weiteres Merkmal der Arbeit des Regisseurs Eastwood ist sein herausragendes Gespür für die Besetzung von Rollen sowie sein Umgang mit seinen Darstellerinnen und Darstellern. Selbst aus renommierten Haudegen des Geschäfts vermag der Altmeister besondere Leistung herauszukitzeln. Nicht umsonst schwärmt etwa eine unangefochtene Schauspielgröße wie Tom Hanks in höchsten Tönen von seiner früheren Zusammenarbeit mit Eastwood, wie er unter anderem in der populären britischen Talkshow „The Graham Norton Show“ anmerkt. Dennoch ist der Mensch Clint Eastwood natürlich nicht frei von Kontroversen. Der konservative und patriotisch veranlagte Unterstützer der Republikaner verkörpert nicht nur in seinen prägendsten Rollen das Bild eines „weißen Mannes“, das in dieser Form eigentlich schon längst nicht mehr zeitgemäß erscheint. Auch in seinen Filmen schimmert wiederholt ein Stück zu sehr die persönliche Meinung des Regisseurs durch, die trotz all seiner künstlerischen Genialität nicht immer vollends begrüßenswert ist. Gleichwohl – es ist seine Meinung, und er hat jedes Recht, sie zu verkünden.

Clint Eastwood: Liebhaber des „Alltagshelden“?

Clint Eastwood verdankt seinen Ruhm als Schauspieler in erster Linie seiner prototypischen Verkörperungen zahlreicher einsamer Helden und Rächer. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich auch als Regisseur auf die Geschichten von kleinen und großen Helden des Alltags konzentriert. In seinem neuesten, auf wahren Begebenheiten beruhenden Werk widmet er sich nun dem tragischen Fall von Richard Jewell (Paul Walter Hauser, „I, Tonya“). Der dickliche Außenseiter macht im ersten Moment jedoch nicht einmal ansatzweise den Eindruck eines mutigen Helden, hatte von klein auf aber dennoch nur einen Wunsch: Polizist zu werden. Mit der Gesetzestreue nimmt es der mittlerweile 33-Jährige, der immer noch bei seiner Mutter wohnt, allerdings ein wenig zu genau. So verlor er nicht nur recht schnell seine Anstellung als Deputy beim örtlichen Sheriffbüro – auch in zahlreichen weiteren Beschäftigungen als Sicherheitsmann kommt es wiederholt zu Vorfällen, bei denen er es mit der Pflichterfüllung sowie der Auslebung seiner Autorität ein wenig übertreibt, sodass er anschließend vor die Tür gesetzt wird.

Nach den Ereignissen im Centennial Park wird er zum gefragten Medienstar

Nachdem er daher mal wieder seinen Job als Wachmann in einem College verloren hat, heuert er im Sommer 1996 als Sicherheitsmann bei dem Event des Jahres an: den Olympischen Spielen! Für das in seiner Heimatstadt Atlanta stattfindende Großereignis wurde im Centennial Park extra ein großes Festivalgelände für Konzerte und zahlreiche weitere Veranstaltungen eingerichtet. Eines Abends erfolgt für das stets gut besuchte Gelände eine Bombendrohung. 30 Minuten gibt der anonyme Anrufer den Sicherheitsbehörden, einen versteckten Sprengsatz zu finden. Richard Jewell gelingt das tatsächlich, er verhindert somit eine Katastrophe.

Der Held gerät unter Verdacht

Innerhalb weniger Stunden wird der bis dato so unscheinbare Richard zum strahlenden Helden einer ganzen Nation und gefragten Medienstar. Doch bald lenkt FBI-Agent Tom Shaw (Jon Hamm, „Mad Men“) den Verdacht auf den die Aufmerksamkeit ein wenig zu sehr liebenden Richard. Nachdem zudem Details aus dessen Vergangenheit und über die etwas überzogenen Auslebungen seines Sicherheitswahns bekannt werden, wird der zunächst gefeierte Held schnell zum Hauptverdächtigen des Anschlags. Neben seiner Mutter Bobi (Kathy Bates, „The Highwaymen“) kann dieser nur noch auf den streitlustigen und bislang nur wenig renommierten Anwalt Bryan Watson (Sam Rockwell, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) hoffen, der ihm trotz zunächst schier aussichtsloser Lage zur Seite steht. Wird es ihnen gelingen, Richards Unschuld zu beweisen? Dazu muss aber vor allem der allzu obrigkeitstreue Möchtegernpolizist verstehen, dass die Ermittler ihm nicht nur nicht helfen wollen, sondern erst recht nicht seine „Kollegen“ sind. Keine einfache Angelegenheit.

FBI-Agent Tom Shaw traut dem Helden nicht

Die eingangs beschriebenen Vorzüge von Eastwoods Filmen zeigen auch in „Der Fall Richard Jewell“ voll und ganz ihre Wirkung. Das Werk überzeugt insbesondere durch seine ruhige und chronologisch stringente Erzählweise. Eastwood nimmt sich angenehm viel Zeit, um uns in den eigenwilligen Charakter Jewells und dessen Lebenswelt einzuführen, ohne dabei in die narrativen Gefahren von Längen oder Langeweile zu geraten. Überzeugen kann der Regisseur vor allem mit der in Echtzeit inszenierten Bombensuche und anschließend versuchten Entschärfung im Centennial Park. Die dabei herrschende Anspannung gerade beim Sicherheitspersonal überträgt sich gekonnt bis in den Kinosaal. Aber auch die kurze Zeit, in der Richard als Held gefeiert wird, und die anschließenden, umfassenden Ermittlungen des FBI sowie der ermüdende Kampf gegen Windmühlen des „Teams Jewell“ werden nicht nur umfassend, sondern stets spannend durchleuchtet.

Der endgültige Durchbruch für Paul Walter Hauser?

Ebenso zeigt sich in „Der Fall Richard Jewell“ Clint Eastwoods Gespür für die optimale Besetzung und seine hervorragende Schauspielerführung am Set. Allen voran erlebt der bislang oft unterschätzte Paul Walter Hauser hier seine absolute Glanzstunde. Der war bislang eher als Nebendarsteller bekannt, speziell als latent dämlich angehauchter Comic Relief in Erfolgsfilmen wie „I, Tonya“ (2017) oder „Blackkklansmen“ (2018). In seiner ersten großen Hauptrolle verfällt er auch als Richard Jewell zunächst in sein daher zu erwartendes Darstellermuster, um dann mit zunehmender Laufzeit ein beeindruckendes darstellerisches Talent zu offenbaren. Ebenso schafft er es mit seiner schrulligen Interpretation von Jewell, für den einen oder anderen bitter benötigten Lacher in dem ansonsten so ernsten Stoff zu sorgen. Mit hervorragenden Darstellerinnen und Darstellern wie dem großartigen Oscar-Preisträger Sam Rockwell, die für ihre Rolle von Jewells Mutter für einen Oscar nominierte Kathy Bates, Jon Hamm oder auch Olivia Wilde („The Lazarus Effect“) ist „Der Fall Richard Jewell“ zudem bis in die Nebenrollen hinein vorzüglich besetzt.

Richards Mutter Bobi beobachtet den Medienandrang vor ihrem Haus

Doch leider ist auch Eastwoods neuester Streich nicht gefeit vor dessen persönlichen Fehlern. So steht sich der Altmeister mit seinen eigenen Ansichten gelegentlich selbst im Weg, wodurch auch der eigentlich durchweg gute Eindruck von „Der Fall Richard Jewell“ etwas leidet. So zeigt sich zum Beispiel Eastwoods implizierte Ablehnung gegenüber staatlichen Institutionen in einer ziemlich überzogenen Dämonisierung des FBI und dessen Ermittlern, die selbst vor der Unterwäsche oder kostbaren Tupperware von Jewells Mutter keinen Halt machen.

Auch führt seine grundlegende Ablehnung gegenüber den Medien zu einer zwar im Grunde berechtigten, aber mitunter gleichfalls überzogen wirkenden Medienschelte. Gerade die Medienkritik brachte dem Regisseur bislang den meisten Ärger ein. Dies liegt insbesondere an seiner filmischen Interpretation der realen Journalistin Kathy Scruggs (Wilde), die Eastwood einen Großteil des Films als besonders verachtenswerte Ausgabe ihres Berufsstandes inszeniert. So scheint diese in ihrem Karrierewahn nicht nur ohne Empathie oder so etwas ähnlichem wie eine menschliche Seele ausgestattet zu sein – sie schreckt auch nicht vor Einbrüchen und Sexdiensten zurück, um an Informationen zu gelangen. Hiermit soll Eastwood nicht nur dem historischen Vorbild unrecht tun, im Zeitalter vom „woke“-Gedanken und „#metoo“ sorgte zudem insbesondere das alte Klischee der „Frau bietet ihren Körper zum Wohl der Karriere an“ zu Recht für einige öffentliche Empörung.

Richards letzter Freund? Der streitlustige, frühere Karriereanwalt Watson Bryant

Ist man als Zuschauerin oder Zuschauer bereit, über diese teilweise problematischen Einschübe des Regisseurs hinwegzusehen, erwartet einen mit „Der Fall Richard Jewell“ rundum solide Eastwood-Kost. Der handwerklich und erzählerisch bestens inszenierte Film kann vor allem aufgrund der herausragenden Schauspielleistungen überzeugen. Er funktioniert zudem als Mahnmal für unsere gegenwärtige Zeit, in der Menschen nicht nur durch die etablierten, sondern insbesondere die umfangreichen sozialen Medien nur allzu schnell vorverurteilt und gesellschaftlich geradezu vernichtet werden. Nicht auszudenken, Richard Jewell hätte sich auch noch mit den Folgen eines massiven Internetmobs auseinandersetzen müssen. Doch auch so hatte die unvergleichliche emotionale Tour de Force für das reale Vorbild üble Folgen, starb dieser doch nur wenige Jahre später am 29. August 2007 an Herzversagen. Er wurde gerade einmal 44 Jahre alt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kathy Bates unter Schauspielerinnen, Filme mit Sam Rockwell in der Rubrik Schauspieler.

Doch wird sich der eigenwillige Mandant überhaupt helfen lassen?

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Richard Jewell
USA 2019
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Billy Ray, nach Vorlagen von Marie Brenner, Kent Alexander und Kevin Salwen
Besetzung: Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Olivia Wilde, Kathy Bates, Jon Hamm, Brandon Stanley, Ryan Boz, Charles Green, Mike Pniewski, Ian Gomez
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 

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