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Archiv der Kategorie: Film

Westfront 1918 – Vier von der Infanterie: Von den Nazis verboten

Westfront 1918 – Vier von der Infanterie

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die Oberprüfstelle hat Beweis erhoben darüber, ob der Bildstreifen unter den gegenwärtigen Zeitumständen aus inner- oder wehrpolitischen Gründen geeignet ist, dem Verbotstatbestand der Gefährdung lebenswichtiger Interessen des Staates zu erfüllen. Die Sachverständigen des Innern und des Reichswehrministeriums haben die Beweisfrage bejaht. (…) Der Film hinterlässt einen niederziehenden Eindruck in dem Beschauer. (…) Dass im Kampf gegen den Feind, im Tod der Gefallenen vor allem ein hohes vaterländisches Opfer liege, sei in dem Film in keiner Weise gewürdigt. (…) Die gebrachten Opfer würden als mehr oder weniger unnütz dargestellt. (…) Der Bildstreifen vermeide es peinlich, die heroische Seite des Krieges zu zeigen, er zerstöre den Wehrwillen und werde dem Opfergeist der Heimat nicht gerecht. So ein Auszug der Zensurentscheidung der Film-Oberprüfstelle vom April 1933 (zitiert aus dem Booklet des Films), die den Film ganz im Geiste des militaristischen und frisch von den Nazis geführten Deutschen Reiches für verboten erklärte. Kann es eine bessere Empfehlung für einen Antikriegsfilm geben? Zumindest für Personen mit gesundem Menschenverstand, die keinen Grund sehen, auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz zu sein, um einen tiefbraunen Hetzer unserer Tage zu zitieren. Wem das noch nicht reicht, dem sei ein ebenfalls aus dem Booklet zitierter Auszug aus dem Verriss nachgereicht, den die Zeitung „Völkischer Beobachter“ im Juni 1930 veröffentlicht hatte: Lieber Freund, Sie fragen, ob auch dieser Kriegsfilm als Werbung für Pazifismus und Kriegsdienstverweigerung gedacht ist? Aber natürlich ist er das! … daher auch der neue Tonfilm WESTFRONT 1918 mit dem Endziele, die deutsche Wehrmüdigkeit zu vertiefen. So das selbsternannte „Kampfblatt“ der NSDAP, das in seinem Text selbstverständlich auch auf die angebliche Unterwanderung der deutschen Filmindustrie durch die jüdische Wirtschaftsmacht verwies. Demzufolge würde das Judentum immer versuchen, die pazifistische Geisteshaltung im deutschen Volke zu fördern. Wenn das wirklich so wäre, könnte man nur anfügen: Danke dafür, liebe Juden! Wehrkraftzersetzung nannte sich das im „Dritten Reich“, derlei Gebaren galt als Straftatbestand, der einen den Kopf kosten konnte. So musste die Produktionsfirma Nero-Film 1933 auch ihr Wirken einstellen.

Zurück in die Schützengräben

Widmen wir uns nach solchen Vorschusslorbeeren nun der Handlung von „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“, der am 23. Mai 1930 im Berliner Capitol-Kino uraufgeführt worden ist: Die vier, das sind Karl (Gustav Diessl), ein Bayer (Fritz Kampers), ein Student (Hans-Joachim Möbis) und ein Leutnant (Claus Clausen), die 1918 in Frankreich stationiert sind. Sie sind Infanteristen – zu deutsch: Schütze Arsch. In einem französischen Bauernhaus verleben sie ein paar ruhige Stunden, flirten ausgelassen mit der jungen Yvette (Jackie Monnier), woran auch zwischenzeitliche Bombardierungen durch die Franzosen nichts ändern können. Die Kampfpause ist jedoch von kurzer Dauer, bald muss das Quartett mit seinen Kameraden wieder zurück an die Front, um erneut in den Schützengräben das Dasein zu fristen, mit dem Tod als allgegenwärtigem Begleiter.

Im Dreck der Schützengräben …

„Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ liefert Protagonisten wie Publikum immer wieder ausgedehnte Unterbrechungen des dreckigen Sterbens in den Schützengräben, um die Figuren und uns dann unvermittelt ins tödliche Geschehen zu werfen. Zwar liegt der Erste Weltkrieg in den letzten Zügen, das ändert aber nichts daran, dass den Infanteristen Geschosse und Handgranaten um die Ohren fliegen – für mageren Verlust oder Gewinn an Raum. Hautnah erleben wir die Auseinandersetzungen mit, das dürfte damals besonders auf die dem Militarismus huldigenden deutschen Kinogänger verstörenden Eindruck gemacht haben, sofern sie nicht der Propaganda des heroischen Opfers fürs Vaterland aufgesessen sind und empört den Saal verlassen haben. Auch einen Blick in ein Frontlazarett in einem Gotteshaus erhaschen wir, wo gelitten und gestorben wird und Ärzte wie Krankenschwestern bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus ackern und doch nicht viel ausrichten können.

Mutiger zeitgenössischer Rezensent Siegfried Kracauer

Das Booklet bietet mir weitere Gelegenheit, schamlos abzuschreiben. Aber wenn schon ein zeitgenössischer Rezensent treffende Worte für „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ gefunden hat, so hat er es auch verdient, heute noch zitiert zu werden. Am 27. Mai 1930 schrieb Siegfried Kracauer (1889–1966) in der „Frankfurter Zeitung“: Ich kann mich nicht erinnern, dass der Krieg, und zwar der Stellungskrieg in seiner letzten schrecklichsten Phase, im Film je so realistisch dargestellt worden wäre. … ist unter der Regie von G. W. Pabst ein Stück Kriegswirklichkeit entstanden, wie es bisher noch niemand zu rekonstruieren gewagt hat. Die Aussage kann ich in ihrer Absolutheit nicht bestätigen, weil mir ein in den 1920er-Jahren entstandenes Kriegsdrama ähnlicher Qualität entgangen sein mag, aber womöglich hat Kracauer recht. Bisweilen werde gar beinahe die Grenze des Sagbaren überschritten. Es ist, als seien mittelalterliche Marterbilder lebendig geworden. Nun dürfen Kenner moderner Kriegsdramen von einem bald 90 Jahre alten Film keinen Gewaltexzess wie im Invasionsgemetzel von „Der Soldat James Ryan“ (1998) erwarten, dennoch hat Pabst auch damals schon eindringliche Bilder gefunden. Rezensent Kracauer kommt zu klugen, in jener Zeit fast schon gefährlichen Schlüssen: Es gelte, die Erinnerung an den Krieg um jeden Preis festzuhalten. Eine Erkenntnis, die auch heute nichts von ihrer Bedeutung verloren hat. Kracauer schließt seinen Text mit einer fast schon resigniert anmutenden Einschätzung, da während der Vorstellung, die er besuchte, viele Zuschauer fluchtartig das Lokal verlassen hätten: Doch wie sie den Anblick des Krieges scheuen, so fliehen sie in der Regel auch die Erkenntnis, deren Verwirklichung ihn verhindern könnte. Neun Jahre nach der Niederschrift jener Zeilen entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg.

… stirbt es sich schnell …

Regisseur Georg Wilhelm Pabst (1885–1967) lässt sich politisch klar dem linken Spektrum zuordnen. Nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten verließ er Deutschland zunächst, arbeitete als Regisseur in Frankreich und Hollywood, jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Pabsts erster Tonfilm „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ steht auf einer Linie mit Lewis Milestones „Im Westen nichts Neues“ („All Quiet on the Western Front“ nach Erich Maria Remarques Roman) aus dem selben Jahr und hat zu Unrecht weniger Beachtung gefunden. Umso erfreulicher, dass das Kriegsdrama nun eine würdige Veröffentlichung von atlas film erfahren hat.

Restauriert von der Deutschen Kinemathek und dem British Film Institute

Vor Beginn des Films liefert eine Texttafel die Information, das Originalnegativ sei verschollen. Die Restaurierung basiere auf einem Duplikatpositiv aus der Sammlung des BFI National Archive, fehlende Szenen seien aus einem in der Deutschen Kinemathek deponierten Duplikatnegativ ergänzt worden. Bild und Ton wurden unter Beibehaltung der altersbedingten Patina vorzüglich restauriert, englisches und deutsches Filminstitut haben dafür kooperiert. Das Mediabook mit dem Film auf Blu-ray und DVD kommt zwar ohne jedes Bonusmaterial auf den Discs daher, enthält aber immerhin ein aufschlussreiches Booklet mit diversen aktuellen und auch zeitgenössischen Texten auf 24 Seiten.

… und der Wahnsinn ist allgegenwärtig

Parallel hat atlas film in vergleichbarer Edition auch Pabsts Bergarbeiter-Drama „Freundschaft“ von 1931 veröffentlicht. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das für sorgfältig aufgemachte Editionen bekannte englische Label Eureka Entertainment „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ und „Kameradschaft“ bereits im Juli 2017 als Double Feature in seiner „The Masters of Cinema Series“ herausgebracht hat. Auch beim feinen US-Label The Criterion Collection ist der Film als Blu-ray und DVD erschienen. Mit den beiden hierzulande lieferbaren Mediabooks von atlas film liegen nun aber auch zwei vorzügliche deutsche Editionen vor. Herausragende Kriegsdramen gibt es eine ganze Menge, doch nicht allzu vielen kann man auch die Bezeichnung Antikriegsfilm zubilligen. „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ gehört dazu.

Veröffentlichung: 13. April 2018 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 4. September 2006 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD), 88 Min. (alte DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Englisch, Französisch
Originaltitel: Westfront 1918 – Vier von der Infanterie
D 1930
Regie: Georg Wilhelm Pabst
Drehbuch: Ladislaus Vajda, nach einem Roman von Ernst Johannsen
Besetzung: Fritz Kampers, Gustav Diessl, Hans-Joachim Möbis, Claus Clausen, Jackie Monnier, Hanna Hoessrich, Else Heller
Zusatzmaterial Mediabook: Booklet
Label Mediabook: atlas film
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG
Label/Vertrieb DVD: Universum Film

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2018 atlas film / Stiftung Deutsche Kinemathek

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Sicario 2 – Gewaltorgie im US-mexikanischen Grenzgebiet setzt sich fort

Sicario – Day of the Soldado

Kinostart: 19. Juli 2018

Von Iris Janke

Actionthriller // Beinahe nahtlos zum ersten „Sicario“-Teil von Denis Villeneuve („Blade Runner 2049“) zieht auch „Sicario 2“ von Stefano Sollima („Gomorrha“, „Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse“) den Zuschauer förmlich in die staubige, flirrende Hitze im US-amerikanischen Grenzgebiet zu Mexiko hinein. Fast ist es ein bisschen so, als hätte die Realität die Fiktion eingeholt: US-Präsident Donald Trump hatte schon als Wahlversprechen auf seiner To-Do-Liste, eine Mauer an der mexikanischen Grenze zu bauen.

Väterlicher Beschützer für Isabel: Alejandro

Ungefähr hier setzt die Handlung von „Sicario 2“ ein – nachts, irgendwo an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko: Eine Menschengruppe scheint sich in die USA schmuggeln zu wollen, Hubschrauber kreisen, werfen Lichtkegel, Menschen laufen, ein potenzieller iIlegaler Einwanderer in die USA soll festgenommen werden. Plötzlich eine laute Detonation, der Mann sprengt sich in die Luft – ein Selbstmordattentäter. Szenenwechsel ein paar Tage später in einem in Supermarkt in Kansas City: Drei weitere Selbstmordattentäter verüben einen Anschlag, viele Menschen sterben.

Krieg der Kartelle

In Regierungskreisen vermutet man eine Verbindung zwischen den ins Land strömenden Flüchtlingen und der offensichtlich drohenden Terrorgefahr: Grund genug für den FBI-Agenten Matt Graver (Josh Brolin, „Deadpool 2“) und sein Team, darunter erneut der Ex-Anwalt Alejando Gilick (Benicio Del Toro, „Guardians of the Galaxy“), einen Krieg zwischen den mexikanischen Kartellen anzuzetteln. Um diesen Plan umzusetzen, wird Isabella (Isabela Moner) gekidnappt, zwölfjährige Tochter eines mexikanischen Drogenkartell-Bosses. Die Entführung des Mädchens soll nun dem anderen führenden Drogenkartell in die Schuhe geschoben werden.

Nicht immer einer Meinung: Alejandro (l.) und Matt

„Sicario 2“ ist anders als „Sicario“ – und das ist vielleicht auch gut so. Dieses Sequel ist nicht schlechter, nur noch schmutziger, düsterer, deprimierender und ohne jeden Funken Hoffnung. Die heftige, blutige, technisch saubere und immer an den richtigen Stellen platzierte Action ist sicher vermutlich der Grund für das Heraufsetzen der Altersfreigabe von FSK 16 („Sicario“) auf 18. Auch dieses Drehbuch stammt aus der Feder von Taylor Sheridan, dem Schöpfer des ersten Teils.

Denis Villeneuve war ausgelastet

„Sicario 2“ trägt aber auch die Handschrift des Genre-Experten Stefano Sollima. Teil-1-Regisseur Denis Villeneuve war bereits bei den Film-Projekten „Blade Runner 2049“ und „Arrival“ eingespannt. Weiterer Grund – neben dem Regiewechsel – für die zusätzliche Düsternis und das Fehlen jeder Hoffnung: Emily Blunt, Hauptdarstellerin im ersten Teil, ist als weibliche Film- und Identifikationsfigur für den Zuschauer nicht dabei. Dafür ist in der Rolle der entführten Zwölfjährigen an der Seite von Benicio Del Toro die Newcomerin Isabela Moner („Transformers – The Last Knight“) zu sehen. Als weibliche Identifikationsfigur taugt sie allerdings eher wenig – so verprügelt sie schon bei der Einführung ihrer Filmfigur eine Mitschülerin brutal, um sich gleich darauf vor der Schulleitung herauszureden, sie sei schließlich die Tochter eines mächtigen Drogenbosses.

Hat nichts von seiner Kampfausbildung vergessen: Ex-Jurist Alejandro

Eine weiche Seite gibt es dennoch zu sehen: als sich Alejandro an seine eigene Tochter erinnert – man möchte fast im Mienenspiel von Hauptdarsteller und Oscar-Gewinner Benicio Del Toro versinken. Somit ist „Sicario 2“ wie der erste Teil ein Action-Highlight, das zwar weniger Hoffnung auf die politische Lage der Welt macht, aber was den Film betrifft, viel Lust auf den bereits angekündigten dritten Teil.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Josh Brolin und Benicio Del Toro sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Erprobtes Team: Matt, Steve und Alejandro (v. l.)

Länge: 123 Min.
Altersfreigabe: FSK ab 18
Originaltitel: Sicario – Day of the Soldado
USA/IT 2018
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Taylor Sheridan
Besetzung: Benicio Del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner, Jeffrey Donovan, Catherine Keener, Manuel Garcia-Rulfo, Shea Whigham, Matthew Modine, Elijah Rodriguez, Howard Ferguson Jr., David Castañeda, Jacqueline Torres, Raoul Max Trujillo
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2018 by Iris Janke

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Studiocanal Filmverleih

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2018/07/18 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Töte alle und kehr allein zurück – Dann geht doch einfach alle sterben!

Ammazzali tutti e torna solo

Von Ansgar Skulme

Western // Clyde McKay (Chuck Connors) wird während des Amerikanischen Bürgerkriegs von der Südstaaten-Armee beauftragt, mit einer Bande von Halsabschneidern einen Goldvorrat aus einem Fort der Nordstaatler zu stehlen. Schnell jedoch zeigt sich, dass Captain Lynch (Frank Wolff) der brutalen Truppe offenbar nicht vertraut und sich deswegen an die Fersen des dreckigen halben Dutzends heftet. So werden aus der sechsköpfigen Armee schließlich sieben. Zunächst scheint alles nach Plan zu verlaufen, doch ist auf ein Rudel von Mördern, die sich alle selbst die Nächsten sind, wirklich Verlass?

Kein Überleben ohne Feuerschutz

John Sturges’ Western-Meilenstein „Die glorreichen Sieben“ (1960) sorgte schnell für eine Reihe von Filmen, die inspiriert von dieser Vorlage ebenfalls ein Team von etwa sieben Mannen zur Erfüllung einer beinahe aussichtslos scheinenden Mission in den Wilden Westen aufbrechen ließen. Nicht nur in Hollywood, sondern ab Mitte der 60er ebenso im Italowestern – dort dann mit Vorliebe für dreckigere, fragwürdigere Helden. „Töte alle und kehr allein zurück“ ist unter diesen Filmen so etwas wie der krasseste Gegenentwurf zum Original, da die Helden hier durch die Bank nicht einmal ansatzweise Edelmänner, sondern alles andere als liebenswürdige Verbrecher sind und das Motiv schlichtweg nur Geld ist – anstelle des ehrenwerten Vorsatzes, armen mexikanischen Bauern zu helfen.

Konzept mit Risiko

Ästhetisch kann man dem Film kaum Vorwürfe machen. Enzo G. Castellari war seinerzeit ein junger, motiviert aufstrebender Regisseur, der während der Produktion gerade einmal seinen 30. Geburtstag feierte. Es ist offensichtlich, wie viel Freude ihm dieses Genre bereitete und dass er viel von seinen älteren Kollegen – unter anderem während seiner Tätigkeiten als Regie-Assistent – gelernt hatte. Der freche, bemerkenswert konsequent durchgezogene Verzicht auf Frauenrollen als Steigerung des ohnehin sehr ausschweifenden Harte-Männer-Gehabes in dieser Geschichte, gibt dem Film dazu eine dreiste, auf die Spitze treibende Note. Das passt gut zum oft provokanten Charakter des immer wieder Extreme und Grenzen auslotenden Italowesterns. Das sehr lange Intro mit ungewöhnlich späten Einblendungen von Titel und Darstellernamen verdient zudem das Prädikat „visionär cool“. Musikalisch ist der Film zumindest solider Western-Durchschnitt, mit einer schönen Titelmelodie. Kurzum: Selbst für eine einmalige Sichtung lohnt sich der Kauf der Blu-ray oder DVD in jedem Falle. „Töte alle und kehr allein zurück“ sollte man gesehen haben, wenn man das Genre Western schätzt.

Schwere Geschütze gegen die zahlenmäßig Überlegenen

Die größte Schwachstelle des Films ist ausgerechnet unmittelbar im Konzept der Erzählung verankert: Aufgrund der Tatsache, dass hier durchweg Figuren am Werke sind, die gewissermaßen die Definition des Begriffes „Anti-Held“ im ganz strengen Wortsinn darstellen, fällt es ziemlich schwer, sich trotz der Vielzahl an Protagonisten in irgendeiner Form mit der Geschichte oder ihren Personen zu identifizieren. Im Grunde genommen ist es einem schnell recht egal, welches Schicksal die Bande erleiden wird und das tut dem Spannungsgehalt Abbruch. Die Charaktere sind alle sieben dermaßen unsympathisch, dass man ihnen jeglichen Erfolg ganz einfach nicht gönnt. Sollen sie doch sterben – es wäre kein Verlust. Ein Phänomen, das ich in dieser extremen Form bisher bei keinem anderen Film festgestellt habe, der sich im Fahrwasser von „Die glorreichen Sieben“ bewegt, obwohl es etliche weitere Filme dieser Art gibt, deren Hauptfiguren überwiegend oder gänzlich aus einem üblen, kriminellen Hintergrund hervorgehen – im Bereich Italowestern sowieso.

Die wenig glorreichen Sieben

Bestärkt wird diese unglückliche Konstellation dadurch, dass das Team schauspielerisch nicht überzeugt. Und das ist auch kein Wunder, da Alberto Dell’Acqua und Giovanni Cianfriglia alias Ken Wood eigentlich Stuntmen waren und es sich bei Hércules Cortés um einen Wrestler handelte. Dazu dann noch die überraschend klein gehaltene Rolle von Franco Citti, der sein Filmdebüt wohlgemerkt als Hauptdarsteller unter der Regie von Pier Paolo Pasolini gegeben hatte – in „Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ (1961). Und ein Frank Wolff, für den das Drehbuch leider nur ein paar überkandidelte Momente anstelle wirklich guter Einfälle parat hat. Wolff zählt seit langem zu meinen absoluten Lieblingsschauspielern und es ist schon fast ein Kunststück, wenn ein Film so danebenschießt, dass nicht einmal er zumindest für mich irgendwie das Ruder herumreißen kann. Den Eindruck, dass sich dieser Film sehr sonderbar anfühlt, hatte ich auch schon vor vielen Jahren, als ich „Töte alle und kehr allein zurück“ das erste Mal gesehen habe. Nach so langer Zeit hatte ich gehofft, dass sich mir nun ein anderes Bild aufzeigen würde. Aber leider bestätigten sich meine dunklen Erinnerungen an die frühere Sichtung.

McKays Schergen mögen kurze Prozesse

Das Ganze ist besonders ärgerlich, weil von vornherein große Töne über die Figuren gespuckt werden, wie übel und gefährlich sie ja angeblich sind, dass sie mehr draufhaben als eine ganze Armee – und dergleichen mehr. Der Film gibt hier in der ersten Viertelstunde viele Lippenbekenntnisse ab – um nicht zu sagen, dass herumgeprotzt wird als würde jemand laut den Motor seines tiefergelegten Autos aufheulen lassen. McKay preist seine Mitstreiter an als seien sie der letzte Schrei, während man sie gleichzeitig aber nur in durchschnittlichen Bildern sieht und sich denkt: „Okay, da kommt ja dann sicher später noch was, das zu den Aussagen passt!“ – kommt aber nicht. Unter dem Strich bestätigt sich im Verlauf der Handlung die Weisheit, dass Worten eben auch Taten folgen sollten. Statt die individuelle Klasse seiner Figuren zu belegen, flüchtet sich der Film in überlang ausufernde Prügel- und Baller-Szenen, was immerhin dazu taugt festzustellen, dass selbst der Bienen kauende Chuck Norris gegen die schauspielerischen Qualitäten von Giovanni Cianfriglia wie ein Shakespeare-Darsteller wirkt und Hércules Cortés als bemühtes Bud-Spencer-Abziehbild im Riesenbaby-Look zumindest amüsant, aber nicht wirklich gefährlich daherkommt. Einzig die Darbietungen von Chuck Connors und Leo Anchóriz (in der Rolle des Dynamit-Experten Deker) erzeugen nicht den Effekt, dass man sich ständig denkt, dass es deutlich besser gegangen wäre – und Alberto Dell’Acqua kann man zumindest zusprechen, dass er so etwas wie Ausstrahlung besitzt. Im Großen und Ganzen fragt man sich aber, ob es nicht das beste für den Film gewesen wäre, hätte er einfach nach einer Dreiviertelstunde mit einem Cameo von beispielsweise Lee Van Cleef geendet – nur dem Zweck dienend, die Bande endlich der Reihe nach über den Jordan zu schicken. Chuck Connors hätte einen besseren, überzeugenderen Film als Lohn für diesen einmaligen Abstecher ins italienische Genrekino der 60er und 70er verdient gehabt.

Einer, der noch fehlte

Allein Bud Spencer hat mit „Heute ich, morgen du!“ (1968), „Die fünf Gefürchteten“ (1969) und „Sie verkaufen den Tod“ (1972) gleich drei Filme gedreht, die thematisch im Geiste von „Die glorreichen Sieben“ unterwegs und allesamt besser als „Töte alle und kehr allein zurück“ gelungen sind; insbesondere die beiden erstgenannten. Und diese stellen natürlich nur einen Teil des gesamten Feldes dar, von dem ich hier spreche. Unabhängig davon ist Enzo G. Castellaris Versuch, die Fußstapfen von John Sturges zu füllen, dennoch ein lang gesuchter Vertreter des Italowesterns, der einen gewissen Standard an Größe und Bekanntheit erfüllt. Viele Italowestern auf diesem Level, die es in Deutschland bis heute immer noch nicht auf DVD oder Blu-ray geschafft haben, finden sich mittlerweile nicht mehr. Der Italowestern ist bei uns, Labels wie Koch Films sei Dank, nunmehr ziemlich gut erschlossen, was die Vertreter dieses Genres angeht, die gemeinhin – ob berechtigt oder nicht – als wichtig gelten. Diese Veröffentlichung schließt daher eine der letzten größeren Lücken. Ermöglicht wurde dies unter anderem durch eine FSK-Neuprüfung, die eine Herabstufung auf eine 16er-Freigabe zur Folge hatte, nachdem der Film zuvor jahrzehntelang nur ab 18 zugelassen war. Bild- und Tonqualität der Edition sind ausgesprochen gut, obwohl die deutsche Version – mit einem ungewöhnlich und interessant in der Hauptrolle für Chuck Connors besetzten Wolfgang Hess – lange Zeit grundsätzlich nur schwer zu bekommen war. Was die Synchronfassung anbelangt, kann ich mich einzig mit Herbert Weicker als deutscher Stimme von Frank Wolff auch hier nicht anfreunden. Zwar ist dies nicht die einzige Italowestern-Rolle, in der Wolff eine gewisse verkappte Homosexualität seiner Figur andeutet, was im Angesicht der harten Männerfiguren gegenüber gut zu Provokationszwecken dient. Weickers Interpretation treibt das Ganze aber zu weit, wirkt selbst in „Exzess – Mord im schwarzen Cadillac“ recht oberflächlich, obwohl Wolff da sogar eine ganz offen homosexuelle Figur spielt. Ein guter, prägnanter Synchronsprecher, der Allgemeinheit vor allem als „Mr. Spock“ in „Raumschiff Enterprise“ bekannt, für Wolff allerdings so fehlbesetzt wie nur wenige andere.

Bogard kann vor lauter Muskeln kaum laufen

Das Bonusmaterial erfüllt durch Interviews mit Giovanni Cianfriglia und Alberto Dell’Acqua – die heute auch die einzigen beiden noch lebenden Mitglieder der siebenköpfigen Bande sind – alle Ansprüche, die man von Koch bei Extras gewohnt ist. Dazu ein als „Making-of“ ausgerufener, sich auf den vorliegenden Film beziehender Ausschnitt aus der Dokumentation „Western, Italian Style“ (1968). Diese entstand parallel zu den Dreharbeiten zu „Töte alle und kehr allein zurück“ und enthält daher sehenswertes Behind-the-Scenes-Material vom Film. Frank Wolff war einer der Initiatoren hinter dem Projekt und wirkte auch als aus dem Off zu hörender Erzähler mit. Ferner ist er in dem hier im Bonus enthaltenen Fragment der Doku auch in Szenen aus „Drei ausgekochte Halunken“ (1968) zu sehen, einer Italowestern-Komödie, in der er ebenfalls unter Castellaris Regie spielte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Enzo G. Castellari sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Frank Wolff unter Schauspieler.

Begrüßungsrituale unter Widersachern

Veröffentlichung: 28. Juni 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ammazzali tutti e torna solo
IT/SP 1968
Regie: Enzo G. Castellari
Drehbuch: Tito Carpi, Francesco Scardamaglia, Enzo G. Castellari, Joaquín Luis Romero Marchent
Besetzung: Chuck Connors, Frank Wolff, Leo Anchóriz, Franco Citti, Alberto Dell’Acqua, Hércules Cortés, Giovanni Cianfriglia, Furio Meniconi, Antonio Molino Rojo, John Bartha
Zusatzmaterial: Interviews mit Giovanni Cianfriglia & Alberto Dell’Acqua, Ausschnitt aus der Dokumentation „Western, Italian Style“, Kinotrailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 

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