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Archiv der Kategorie: Film

To Hell and Back – Die Kane Hodder Story: Der Mann hinter der Maske

To Hell and Back – The Kane Hodder Story

Von Andreas Eckenfels

Horror-Doku // Ich denke immer noch, dass es richtig ist zu behaupten, dass ich mehr Menschen im Film ermordet habe als jeder andere Schauspieler in der Geschichte. Es sei denn, jemand kann das bestreiten. Aber das bezweifle ich, und wenn doch, werde ich dich verdammt nochmal töten!

Kane Hodder in seiner Paraderolle als Jason Vorhees

Fragt man einen Horrorfan nach dem Namen eines Jason-Vorhees-Darstellers, wird man wohl nur eine Antwort erhalten: Kane Hodder. Obwohl der 1955 im kalifornischen Auburn geborene Stuntman erst im siebten Teil der Reihe zum „Freitag, der 13.“-Franchise stieß, hinterließ er bleibenden Eindruck bei der Fangemeinde. In drei weiteren Teilen gab Hodder den stummen Killer mit der Hockeymaske bis er aus nie ganz geklärten Gründen bei „Freddy vs. Jason“ (2003) ausgebootet wurde, was ihn persönlich extrem verletzte. Moment! Ein kantiges Kraftpaket wie Hodder, der in Filmen ständig gnadenlos Teenager abmurkst, Sprüche wie den einleitenden raushaut und „Kill!“ auf der Innenseite seiner Unterlippe tätowiert hat, hat Gefühle? Ja, hat er, wie uns der junge Filmschulabsolvent Derek Dennis Herbert in seiner Dokumentation über die Horrorikone klarmacht. Die Lebensgeschichte des Manns hinter der Maske erweist sich dabei als weitaus brutaler als so mancher blutiger Slasher.

Bewegtes Leben

Derek Dennis Herbert kam auf die Idee für die Dokumentation, nachdem er die Hodder-Biografie „Unmasked – The True Story of the World’s Most Prolific Cinematic Killer“ von Michael Aloisi gelesen hatte. Herbert konnte Hodder davon überzeugen, dass er seine Geschichte noch einmal vor der Kamera in einer Interview-Situation in eigenen Worten wiedergibt. Egal, ob man seine prägenden Momente bereits kennt oder nicht: Selbst die härtesten Horrorfans dürften einen Kloß im Hals bekommen, wenn man diesem Typen dabei in die Augen sieht, wenn er von seinem bewegten Leben erzählt. Ich wusste noch nicht viel über ihn und will deshalb auch nicht zu viel darüber verraten.

Mit viel Make-up in „Prison – Rückkehr aus der Hölle“ (1987)

Nur so viel: Was man sich heute nicht mehr vorstellen kann ist, dass dieser 1,92 Meter große Hüne als Jugendlicher ein Prügelknabe war. Er wurde gehänselt und regelmäßig verprügelt. Als er 22 Jahre alt war, kostete ihn ein fehlgeschlagener Feuerstunt fast das Leben. Es war der Beginn einer monatelangen Leidenszeit. Die Narben trägt Hodder noch heute mit sich herum. Lange versuchte er, sie zu verstecken. In Aloisis Biografie erzählte er erstmals die Wahrheit darüber, weshalb er etwa auf Horror-Conventions stets Handschuhe trägt, wenn er Autogramme schreibt oder seinen Fans für Fotos mit seinen Pranken liebevoll den Hals zudrückt.

Kane Hodder in Flammen in „Freitag, der 13. VII – Jason im Blutrausch“ (1987)

Die Doku zeigt, wie es Hodder gelang, all diesen Schmerz zu kanalisieren und in etwas Positives umzuwandeln. Trotz vieler Rückschläge ließ er sich nicht unterkriegen. Ihm gelang eine große Karriere als Stuntman und Schauspieler im Genrekino. Seine Geschichte kann somit für alle inspirierend wirken, die eine ähnliche Leidenszeit hinter sich haben.

Alte Weggefährten

Doch keine Sorge: Natürlich gibt es in „To Hell and Back – Die Kane Hodder Story“ nicht nur die eine oder andere Träne zu verdrücken. Hodder gibt auch zahlreiche Anekdoten vom Dreh seiner Filme zum Besten. Sei es aus „Prison – Rückkehr aus der Hölle“, den „Freitag, der 13.“-Filmen bis hin zu seiner Minirolle im Oscar-gekrönten „Monster“ mit Charlize Theron. Auch seine Lieblingskills in den Rollen als Jason Vorhees oder Victor Crowley dürfen nicht fehlen. Ebenso kommen auch viele seiner Weggefährten zu Wort. Darunter Robert Englund („Nightmare – Mörderische Träume“), Bruce Campbell („Tanz der Teufel“), Danielle Harris („Hatchet“) und Adam Green, der Kane Hodder nach seinem „Freddy vs. Jason“-Tiefschlag mit der „Hatchet“-Reihe einen zweiten Frühling bescherte, durch den der zweifache Familienvater auch viele junge Fans hinzugewann.

Für die Fans

In der sehr persönlichen Doku fällt kein schlechtes Wort über Kane Hodder. Sie macht auch den Eindruck, dass es an dem Mann hinter der Maske nichts Negatives auszusetzen gibt. Ein sympathischer Kerl, der seinen Weg gegangen ist und dem es gelang, aus seinem Namen eine echte Marke zu machen. Kane Hodder weiß, dass er sich für seinen Erfolg vor allen bei seinen zahlreichen Fans bedanken muss, die er regelmäßig auf Conventions trifft. Die Fans sind natürlich auch die Hauptzielgruppe der Dokumentation von Derek Dennis Herbert, die eine perfekte Ergänzung zu „Crystal Lake Memories – Die ganze Geschichte von Freitag der 13.“ (2013) darstellt.

Kane Hodder ohne Maske in „Ed Gein – The Butcher of Plainfield” (2007)

Veröffentlichung: 24. Januar 2019 als Digital Download

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch (Voice-Over), Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: To Hell and Back – The Kane Hodder Story
USA 2017
Regie: Derek Dennis Herbert
Besetzung: Kane Hodder, Robert Englund, Adam Green, Bruce Campbell, Danielle Harris, Jack Coleman, Michael Feifer
Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Zweiter Frühling als Victor Crowley

Szenenfotos & Plakat: © 2019 Tiberius Film

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Fahrenheit 11/9 – Wie konnte es nur so weit kommen?

Fahrenheit 11/9

Kinostart: 17. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Polit-Doku // „The American Dream is dead!“ Diese Feststellung vom angeblichen Ende des viel gerühmten amerikanischen Traumes ausgerechnet aus dem mittlerweile nur allzu bekannten, hassverzerrten Gesichts eines Donald J. Trumps zu vernehmen, kann ich mir passender kaum vorstellen. Der 2003 für „Bowling for Columbine“ mit dem Oscar prämierte US-Dokumentarfilmer Michael Moore wohl auch nicht, zeigt er diesen Ausschnitt doch extra im Superzoom – undefinierbare Krümel-/Spuckereste im Gesicht des „Trumpeltiers“ inklusive. Moore stellt sich und seinen Zuschauerinnen und Zuschauern die unbequeme Frage, wie zur Hölle es eigentlich so weit kommen konnte, dass ausgerechnet dieser unberechenbare Narzisst zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten werden konnte?

Realität oder doch SF-Dystopie? Donald Trump wird 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Im Grunde genommen war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der so populäre wie umstrittene Filmemacher Moore – nach amerikanischer Autoindustrie, George W. Bush und den dummen weißen Männern allgemein, der Waffenlobby und dem amerikanischen Gesundheitssystem – nach „Michael Moore in TrumpLand“ (2016) erneut einer filmischen Abrechnung dieses neuen, menschgewordenen amerikanischen Albtraums annimmt. Angelehnt an einen seiner Erfolgsfilme, „Fahrenheit 9/11“ (2004), ist für ihn nun der 9. November nach den Anschlägen auf das World Trade Center ein beinahe ebenso signifikantes Datum in der Geschichte der stolzen amerikanischen Nation – der Wahlabend von 2016 mit dem uns allen nur zu bewusstem Ausgang. In seinem neuesten Werk geht der kontroverse Filmemacher der Frage nach, ob der amerikanische Traum wirklich so tot ist, wie von Trump beschworen – oder ob das bloß eine weitere Lüge in seinem aus Lügen konstruierten Weltbild darstellt. Und vor allem, ob Trump, mit all dem ihm innewohnenden Schrecken nicht vielleicht doch einfach nur das nötige Übel ist, aus dem künftig Besseres erwachsen kann?

Vorfreude ist die schönste Freude

Doch bevor Moore es wagt, Hoffnungen auf positive Auswirkungen dieser immer noch surreal anmutenden Präsidentschaft des ehemaligen Reality-TV-Stars Trump zu äußern, lässt er uns noch einmal in aller schmerzhaften Ausführlichkeit an dem Drama des Wahlabends teilnehmen. Insbesondere Hillary Clinton und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer bekommen hier ordentlich ihr Fett weg. Ist deren Siegesfeier doch trotz noch offenen Ausgangs der Wahl bereits in vollem Gange – von der am Ende der Wahlnacht nur noch bitter weinende Menschen übrig bleiben werden. Gegenüber dem breiten, stets siegessicheren Grinsen einer Hillary Clinton, dass Moore besonders häufig zu zeigen genießt, erscheint die „Siegesfeier“ des Donald Trump beinahe schon bescheiden und demütig. Er hatte wohl nicht mal eine Rede vorbereitet.

Kaum jemand traute Trump zu, die Wahl zu gewinnen – nicht mal er selbst?

Moore lässt kein gutes Haar an den Demokraten und dem blinden Glauben deren Partei-Establishments an einer seiner Meinung nach ungeeigneten Kandidatin. Denn wenn der Dokumentarfilmer eines noch nie unterdrücken konnte, dann seine eigene Sichtweise auf die Welt. Und die läuft nach klaren Grundsätzen. Das mag man gut oder schlecht finden – so oder so sollte dem Publikum stets bewusst sein, dass man es bei Moore kaum mit einer objektiven Betrachtung des Weltgeschehens zu tun bekommt. So lässt er etwa Bernie Sanders als den Heiland aufleben, der uns den Trump-Albtraum eventuell hätte ersparen können. Belegen kann er dies selbstverständlich nicht, aber die Art und Weise, wie die „Elite“ der Demokraten Sanders mit offensichtlich unlauteren Mitteln aus dem Kandidatenrennen drängte, lässt er nochmals in großem Umfang Revue passieren.

“Donald & Me“

Doch lässt Moore auch angenehm selbstkritische Töne anklingen, in Bezug auf seine persönliche Vergangenheit mit Trumps Gefolgsleuten. Neben Kuscheleien etwa mit der Regierungsandroidin Kellyanne Conway oder Stelldicheins mit Jared Kushner, war er in den 1990er-Jahren bereits einmal mit dem besagtem Präsidentschaftsdarsteller als Gast in der Talkshow von Roseanne Barr – in der er sich von deren Produzenten breitschlagen ließ, den armen Herrn Trump doch bitte nicht allzu sehr ranzunehmen. Es sei ja schließlich ein Nachmittagsprogramm, da könne man hitzige Diskussionen mit Hang zur Fäkalsprache nicht gebrauchen. Moore wisse doch, wie sein Co-Gast so sei. Interessanterweise ist das, was für amerikanische Nachmittagstalks als ungeeignet gesehen wurde, dank Trump mittlerweile zum „guten Stil“ der politischen Auseinandersetzung geworden. Ebendieser lässt, zur Verwunderung Moores, in besagter Talkshow durchklingen, er sei ein großer Fan dessen ersten großen Erfolges „Roger & Me“ (1989) gewesen – verbunden mit dem Hinweis, er hoffe, Moore würde bloß niemals einen Film über ihn machen. Tja Donald, das war wohl nix.

Trump auf allen Kanälen

Es stellt sich die Frage: Will man eigentlich zwingend noch mehr sehen von Donald J. Trump? Reicht es nicht bereits, jeden Tag erneut an seine Existenz erinnert zu werden und mit der steten Mischung aus Verwunderung und Belustigung auf der einen sowie Schrecken und Abscheu auf der anderen Seite den neuesten Wahnsinn aus dem Weißen Haus zu verfolgen? Und kann Moore eigentlich noch großartig neue Erkenntnisse liefern über einen Mann, über den wir seit nunmehr über zwei Jahren viel mehr hören und sehen müssen, als uns allen lieb sein kann?

Michael Moore, wie man ihn kennt – stets mit latentem Hang zu übertriebenen Aktionismus

Allerdings kommt Trump in „Fahrenheit 11/9“ überraschend wenig vor. Eher schwebt er als ewig drohendes Unheil damoklesschwertmäßig über den vielen behandelten Themen. Denn es geht neben der Frage „Wie konnte es so weit kommen?“ vor allem um die Frage: „Wie sieht das Leben in von Trumps Hass tief gespaltenem Amerika nach den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit aus?“ Themenmäßig orientiert sich Moore zum Teil an seinen früheren Filmen. So behandelt er etwa in einem großen Block die vom republikanischen Gouverneur Michigans, Rick Synder, verantwortete Trinkwasservergiftung in Moores Heimatstadt Flint – bleiverseuchte Kinder und Todesfälle inklusive. Wie in einer Art Verknüpfung seines Buchs „Stupid White Men“ mit seinem Film „Sicko“ (2007) geht er hier erneut nicht gerade zimperlich mit den Problemen um, die Erkrankungen für finanziell schwache Menschen in den USA bedeuten und vor allem mit den gierigen republikanischen Hintermännern, die dies zu verantworten haben. Aber auch das Denkmal des viel zu oft zum Heilligen erklärten Barack Obamas bekommt in diesem Zusammenhang von Moore ein paar bemerkenswerte Kratzer verpasst.

Wasser marsch!

In Zusammenhang mit diesem zwar bestürzenden, aber an sich ein wenig zu langen Teil der Trinkwasservergiftung bekommen wir es zudem noch einmal mit dem „guten alten“ Moore zu tun – der seine Wut gern auch mal in etwas plump anmutenden, aktionistischen Aktionen auslebt. Die bringen zwar wenig, funktionieren aber immerhin für die Kamera. In „Fahrenheit 11/9“ sieht das so aus, dass er dem viel gescholtenen Gouverneur Snyder nicht nur eine Wagenladung des giftigen Trinkwassers in den hauseigenen Garten spritzt – er stampft auch in seiner stets etwas ungelenken Art in dessen zentrales Regierungsgebäude, wo er diesen „im Namen des Volkes“ festnehmen will. Was natürlich nicht funktioniert.

Trump = Hitler?

Verrennen tut Moore sich meiner Meinung nach vor allem in seiner Hitler-Analogie. Auch wenn gewisse Parallelen zu Trump, insbesondere im aufgeheizten und von Hass geprägten politischen Diskurs zu erkennen sind, die Moore auch durch wissenschaftliche Experten zu begründen ersucht – ein wenig drüber ist dieser Vergleich schon. Mag das Zusammenfügen einer Rede Adolf Hitlers mit den Worten Trumps sogar für einen Moment eine gewisse Komik innehaben, so zeugt Moores Nacherzählung von Hitlers Trump anscheinend nicht ganz unähnlichem Aufstieg zur Macht doch von einer Reihe an historischen Fehlern, die bei einem hoffentlich gut informierten deutschen Publikum natürlich umso mehr ins Gewicht fallen werden. Damit entzieht Moore seiner These von den Gemeinsamkeiten zwischen dem „GröFaZ“ und dem „POTUS“ ziemlich rasch selbst den argumentativen Boden.

Moore mit Aktivisten und Aktivistinnen der Parkland Highschool

Es scheint, als hätte sich die Methode Moore über die Jahrzehnte ein wenig abgenutzt. Zumindest bei mir ist dies der Fall. Früher, in jungen Jahren (lang, lang ist es her) noch ein wahrer Fan seiner Filme und Bücher, so ist die Beziehung mittlerweile doch stark abgekühlt. So unterhaltsam seine Werke auch sein mögen, mir ist dies schlussendlich zu tendenziös – auch wenn ich grundlegende Sichtweisen Moores natürlich weiterhin teile. Auch ist mir sein Weltbild für meinen heutigen Geschmack zu sehr in Schwarz-Weiß-Mustern gefangen. Gepaart mit seinem Hang zu polemischen Aktionismus und Übertreibungen nicht die beste Kombination.

Übergabe des Stabs an die nächste Generation? Moore mit David Hogg aus Parkhurst

Seine besten Momente hat „Fahrenheit 11/9“, wenn es um den von Moore gepriesenen Nachwuchs geht, der politisch Hoffnung machen darf. Angelehnt an seinen größten Erfolg „Bowling for Columbine“ (2002) weiß dieser vor allem mit dem Aufgreifen des ewigen amerikanischen Leidthemas „Amokläufe und die NRA“ zu überzeugen. Dies liegt insbesondere an den bewundernswerten Schülern der Parkland Highschool, die nach dem tragischen Amoklauf an ihrer Schule vom 14. Februar 2018 eine massive, weltweit beachtete Protestbewegung gegen den amerikanischen Waffenwahn auslösten. Moores Besuch im Hauptquartier dieser jungen Bewegung gehört definitiv zu den Highlights seines Dokumentarfilms. Wie auch der Besuch von Vertretern der Bewegung bei Kongressabgeordneten, die sie um Unterstützung im Kampf gegen die NRA bitten und dabei von Moore begleitet werden. Ebenso hinterlässt die junge Emma González auch hier einen bleibenden Eindruck in dieser insgesamt so tollen Bewegung bemerkenswerter junger Menschen. Auch wenn sie selbst in „Fahrenheit 11/9“ nicht direkt in Verbindung mit Moore, sondern nur durch Ausschnitte ihrer bekannten öffentlichen Auftritte in Erscheinung tritt. Man kann nur hoffen, dass die jungen Leute hartnäckig bleiben und der Waffenwahn in den USA eines Tages endgültig zu einem Ende finden wird.

Emma González – ihre berühmte Rede berührt jedes Mal aufs Neue

Neben den aufmüpfigen Schülern, die sich nicht länger widerstandslos der Gefahr hingeben wollen, von schießwütigen Irren zu menschlichen Zielscheiben umfunktioniert zu werden, spendet Moore auch dem Nachwuchs der Demokraten eine Menge Zeit. Nach seiner Anklage gegenüber dem Partei-Establishment und deren Umgang mit Bernie Sanders begleitet er eine Reihe ebenfalls bemerkenswerter, aufstrebender Männer und Frauen aus der Basis. Darunter unter Anderem Rashida Tlaib, die nach den Midterm-Wahlen seit dem 3. Januar 2019 als erste Muslima (gemeinsam mit Ilhan Omar) im Repräsentantenhaus der USA sitzt. Ebenso Alexandria Ocasio-Cortez, die seit besagter Wahl als bislang jüngste Frau ebenfalls im amerikanischen Kongress sitzt. Bessere „Anti-Trumps“ konnte Moore natürlich kaum finden. Gerade Ocasio-Cortez als schöne und junge, hochintelligente, beliebte Frau mit hispanischen Wurzeln und ultralinken Positionen verkörpert all das, was ein Trump nie sein kann. Vor allem Rashida Tlaib bekommt besonders viel Filmzeit zugestanden – sie stört gern auch mal medienwirksam Trump-Auftritte und lässt sich zufrieden von der Security heraustragen. Klar, dass einem Michael Moore so etwas gut gefällt.

Trump – ein notwendiges Übel?

Der Dokumentarfilmer vertritt anhand der Darstellungen dieser jungen Hoffnungsträger seine Hoffnung, durch eine Katastrophe wie Trump werde die große Mehrheit der Vernünftigen, wie er es nennt, künftig endlich wieder das Ruder übernehmen. Moore wäre aber nicht Moore, wenn er nicht trotzdem einen in den USA kürzlich erfolgten atomaren Fehlalarm als mögliches Alternativszenario einzubringen versucht. Bei seinem Abgesang auf die alten Eliten von rechts wie von links kann man aber auch nicht umhin, ihn selbst da irgendwie mit einzuschließen. Wirkt es doch, als würde er das Zepter nun langsam weiterreichen an Menschen wie González und Ocasio-Cortez. Moore jedenfalls wirkt nicht nur wütend, sondern im Vergleich mit seinen früheren Werken auch ein Stück weit müde.

Ein typischer Moore eben

„Fahrenheit 11/9“ wirkt daher wie ein Rundumschlag eines wütenden, aber auch merklich alt gewordenen Provokateurs und Anklägers. Durchaus unterhaltsam gemacht, werden daher insbesondere seine Fans auf ihre Kosten kommen. Alle anderen dürfte Moores typischer Hang zum Tendenziösen und sein starres Schwarz-Weiß-Denken auf Dauer nerven. Auch, dass der Film mitunter einen roten Faden vermissen lässt und wirkt, als wüsste Moore selbst nicht recht, was er am Ende eigentlich will. Einen Film über Trump? Über korrupte und verbrecherische Republikaner (allerdings weit vor der Trump-Ära)? Das Versagen der Demokraten? Waffengesetze? Gesundheitssystem? Die Sprunghaftigkeit bekommt der Doku nicht immer gut. Und gerade wenn es um Trump geht, gibt es mittlerweile eine Reihe an Medienschaffenden, die diesen deutlich pointierter, gewitzter und auch ansprechender als das entlarven, was er ist. Zu empfehlen sei hier etwa Seth Myers, der Trump in seiner Late Night Show insbesondere im thematischen Block „A Closer Look“ mitunter gleich mehrfach pro Woche auf höchst ansprechende und unterhaltsame Weise ordentlich einheizt – alles ist legal auf YouTube abrufbar. Schaut rein, es lohnt sich!

Rashida Tlaib – eine Politikerin, ganz nach Moores Geschmack

Ansonsten bleibt zu hoffen, dass Trump schon bald dort ist, wo er hingehört – in den Archiven der Weltgeschichte. Sei es durch Sonderermittler Mueller, dem Lauf der Natur oder spätestens 2020 dank des amerikanischen Volkes. Und wir eines Tages voller Unglaube zurückblicken können auf eine Präsidentschaft, die irrsinniger kaum sein kann. Allerdings macht die momentane Entwicklung, inklusive „Government Shutdown“ und stetig drohender Notfallgesetze, die Lage nicht gerade hoffnungsvoller. Wobei die USA in Sachen politischen Irrsinn derzeit wiederum leider keinesfalls allein sind. Die Welt ist doch irgendwie bekloppt, oder?

Hoffentlich bald Geschichte: Donald J. Trump

Länge: 128 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Fahrenheit 11/9
USA 2018
Regie: Michael Moore
Drehbuch: Michael Moore
Mitwirkende: Michael Moore, Hillary Clinton, Barack Obama, Bernie Sanders, Emma González, David Hogg, Rashida Tlaib, Alexandria Ocasio-Cortez, Rick Snyder, Jared Kushner, Stephen Bannon, Kellyanne Conway, George W. Bush, Bill Clinton, Ivanka Trump, Ted Cruz, u. v. m. … und Donald Trump
Verleih: Weltkino Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 Weltkino Filmverleih,
Szenenfotos: © 2018 Midwestern Films LLC. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/01/15 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Maria Stuart, Königin von Schottland – Eine Klage über vergebene Möglichkeiten

Mary Queen of Scots

Kinostart: 17. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Historiendrama // Einsam wartet Maria Stuart (Saoirse Ronan) in einer mit schummrigem Licht erfüllten Zelle auf ihr unausweichliches Schicksal. Eine Stundenkerze zittert in ihren letzten Zügen auf ihrem abgebrannten Stummel, da kommt auch schon ein Wärter und informiert die ehemalige Monarchin, für sie sei es nun „an der Zeit“. Erhobenen Hauptes und gefasst macht sie sich, ganz in Schwarz gekleidet, auf den Weg zu ihrer Hinrichtung. Dort angekommen, wirkt es, als würde sie den mit Menschen dicht gefüllten Saal wie durch die Hintertür betreten – die ihr den Rücken zuwendenden Schaulustigen bemerken ihre Ankunft zunächst kaum. Über allem thront die leicht erhobene Bühne samt Henker und Schafott, die Maria unweigerlich vor Augen führt, dass sie nun tatsächlich am Ende ihres so kurzen wie ereignisreichen Lebens angekommen ist.

Die 18-jährige Maria Stuart erreicht die Küste Schottlands …

Für mit latenter Spoiler-Phobie ausgestattete Filmgucker startet „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als hartes Brett – beginnt der neueste Historienfilm zum Leben der ehemaligen schottischen Königin doch direkt mit seinem beziehungsweise ihrem Ende. Aber bei Filmen über tatsächliche Ereignisse sind Zuschauerinnen und Zuschauer mit Kenntnissen der Materie natürlich zwangsläufig gespoilert. Bevor auch diese ihr endgültiges Ende aber tatsächlich bezeugen können, werden wir zunächst zurückgeworfen an die Strände Schottlands. Dort beobachten wir die Ankunft der damals achtzehnjährigen Maria in ihrer Heimat, in der sie ihren rechtmäßig angestammten Platz auf dem Thron einnehmen will.

… doch was erwartet die junge Monarchin in ihrer Heimat?

Als überaus geschichtsinteressierter Mensch und weiterhin begeisterter Liebhaber der britischen Inseln – das tragische Brexit-Desaster mal außen vor gelassen – stellt die historische Figur der „Mary, Queen of Scots“ (1542–1587) für mich persönlich seit langer Zeit eine besonders faszinierende und hochinteressante Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte dar. So war ich beispielsweise erst im vergangenen Oktober im wahrlich beeindruckenden Stirling Castle, wo sie im Alter von wenigen Monaten zur Königin von Schottland gekrönt wurde, sodass mich die Pressevorführung der neuesten Verfilmung ihrer spannenden Lebensgeschichte natürlich besonders interessierte. Vor allem, wenn man sich zudem auch noch dessen hervorragende Besetzungsliste anschaut. Warum mich der Film trotz all dieser guten Vorzeichen meinerseits dennoch nicht richtig überzeugen konnte? Lest selbst!

Ein wenig Geschichtskunde

Im Säuglingsalter von gerade einmal sechs Tagen als Thronfolgerin ihres verstorbenen Vaters Jakob/James V. bereits zur Königin von Schottland ernannt, wird sie zu ihrem eigenen Schutz schon bald nach Frankreich gebracht – zu groß ist vor allem die Gefahr durch den großen Nachbarn England. Dessen König Heinrich/Henry VIII. weiß um den Anspruch der Stuarts auch auf den englischen Thron und will deren Schwäche nun ausnutzen, um diesen ein für allemal zu beenden. Ihre Kindheit und den Großteil ihrer Jugend verbringt Maria daher am Hof des französischen Königs. Nach der Heirat mit dessen Erben, dem Dauphin, mit 16 Jahren ebenfalls Königin von Frankreich und dessen plötzlichen Ableben drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag schon verwitwet, kehrt sie schließlich in ihr Heimatland zurück, um dort ihre rechtmäßige Rolle als Herrscherin anzutreten.

Marias Cousine: Elisabeth I., Königin von England

Mit ihrer Ankunft an den Stränden Schottlands setzt nun auch „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als Erzählung von Marias Lebensgeschichte ein. Hier sieht sich diese im Zentrum einer außerordentlich undurchschaubaren politischen Lage, gespickt mit Intrigen, fragwürdigen Loyalitäten und teils purer Ablehnung. Insbesondere der protestantischen schottischen Kirche unter Führung des wortgewaltigen John Knox (David Tennant, „Broadchurch“) ist sie als Katholikin und Frau ein Dorn im Auge. Und auch die Loyalitäten ihrer engsten Verbündeten, wie etwa ihrem Halbbruder, dem Earl of Moray (James McArdle), der als Regent in Marias Abwesenheit über Schottland herrschte, wie auch ihrem Leibwächter, dem Earl of Bothwell (Martin Compston), sind mehr als fraglich. Ebenso wie die zahlreichen Heiratsgesuche an die heißbegehrte, mächtige Witwe, sodass die junge Königin von Beginn an um den Erhalt ihrer Macht und ihre Krone kämpfen muss und dafür auch vor einem Bürgerkrieg nicht zurückschreckt.

Hat stets das Ohr der mächtigen englischen Herrscherin: William Cecil

Auch in England regt sich zunehmend Widerstand gegen die junge Monarchin. Denn den Beratern der protestantischen Machthaberin Königin Elisabeth/Elizabeth I. (Margot Robbie) ist deren Cousine Maria als Katholikin ebenfalls nicht geheuer – hat Elizabeth doch zu Hause schon genug Ärger im nach der Reformation stetig drohenden Bürgerkrieg mit den dortigen Katholiken am Hals. Ebenso wirkt der weiterhin bestehende rechtmäßige Anspruchs der Stuarts auf die englische Krone angesichts der Kinderlosigkeit Elizabeths in den Augen der machtvollsten Mitglieder des englischen Adels umso bedrohlicher – allen voran ihrem engsten Vertrauten, William Cecil (Guy Pearce, „Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen“).

Nachdem Maria mit ihrem zweiten Ehemann, dem undurchschaubaren Wendehals Lord Darnley (Jack Lowden, „Dunkirk“) ihren Sohn Jakob/James zur Welt gebracht hat, wird sie nach einer Reihe weiterer, mitunter erneut durch England gelenkter Intrigen und Aufstände schlussendlich zum Verzicht ihrer Krone zugunsten ihres Sohns gezwungen. Maria muss aus Schottland fliehen und steht als Gefangene Englands fortan unter dem Schutz Elizabeths, die ihrer Cousine prinzipiell mit Respekt und Wohlwollen gegenübersteht – auch wenn sich die beiden Monarchinnen wohl niemals persönlich begegnet sind und ihre Kommunikation allein auf umfangreichen Briefwechseln beruht. Nach etwa 18 Jahren kann Elizabeth dem Druck ihres Adels jedoch nicht mehr länger widerstehen, da die unter Hausarrest stehende Maria vermutlich zum wiederholten Male in ein Mordkomplott gegen sie verwickelt war. Am 9. Februar 1587 wird sie daher schließlich doch hingerichtet, nach Ablegen ihres schwarzen Überkleides ganz in Rot gekleidet, der Farbe der Märtyrer. Nachdem auch Elizabeth einige Jahre später kinderlos stirbt, wird Marias Sohn James VI. als erster Monarch rechtmäßig gleichzeitig sowohl zum König von England als auch von Schottland gekrönt – das Vereinigte Königreich ward geboren.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reden sie noch heute

Wie man sieht, im Leben Maria Stuarts war einiges los. Aufgrund der hohen Bekanntheit ihrer Lebensgeschichte und vor allem ihres uns gewissen Endes ist die Herausforderung, einen spannenden wie auch interessanten Film zu erzählen, daher umso gewaltiger. Insbesondere, da diese bereits in der Vergangenheit zahlreich verfilmt wurde – genannt seien beispielhaft John Fords „Maria von Schottland“ (1936) mit Katharine Hepburn in der Titelrolle, „Das Herz der Königin“ (1940) von Carl Froelich mit Zarah Leander in der Rolle der Regentin und Charles Jarrots „Maria Stuart, Königin von Schottland“ (1971) mit Vanessa Redgrave. Eine der größten Schwächen des ambitionierten Historiendramas liegt im sperrigen Skript von Beau Willimon begründet. Als Showrunner und Mitentwickler der Netflix-Erfolgsserie „House of Cards“ ist dieser kein unbeschriebenes Blatt und hat sein Talent bereits eindrucksvoll bewiesen. Leider hat er sich für sein Drehbuch zu „Maria Stuart, Königin von Schottland“ dazu entschlossen, die umfangreichen und höchst undurchschaubaren, mehrere Jahre umfassenden historischen Ereignisse größtenteils durch schier unzählige Dialoge erklären zu wollen.

Komprimiertes „House of Cards“ vor historischer Kulisse – kann das gutgehen?

Vergleichbar mit „House of Cards“, haben wir es zudem nicht nur mit einer Fülle an Figuren, sondern ebenso mit einer noch größeren Portion an Intrigen, Verschwörungen und wechselnden Loyalitäten zu tun. Was bei einer Serie mit einem Umfang mehrerer Staffeln natürlich super funktionieren kann, ist bei einer auf knappe zwei Stunden gepressten Filmhandlung jedoch äußerst riskant. Und selbst wenn man mit den historischen Ereignissen einigermaßen vertraut ist, fällt es mitunter doch schwer, bei der Vielzahl an handelnden Figuren und der unübersichtlichen, permanent wechselnden politischen Lage sowie der großen Zeitspanne stets den Überblick zu behalten. Den langatmigen und zu oft einfach sperrig geschriebenen Dialogen daher immer mit dem nötigen Interesse zu folgen, fällt mit zunehmender Dauer des Films leider enorm schwer.

Trotz vieler Widerstände gibt sich Maria kämpferisch …

Dies liegt nicht zuletzt an der Inszenierung von Regisseurin Josie Rourke – seit 2012 vor allem als künstlerische Leiterin des Donmar Warehouse in London bekannt. Die renommierte englische Theaterregisseurin gibt hier ihr Spielfilmdebüt. Ihre Herkunft aus dem Theater schimmert durch die Dialoglastigkeit des Drehbuchs daher besonders oft hervor, was ja kein Nachteil sein muss. Aufgrund der Komplexität des Stoffes und all den damit verbundenen Problemen des schwächelnden Skripts macht die häufig starre, theaterlastige Inszenierung das Seherlebnis dann zusätzlich aber bedauerlicherweise auch nicht wirklich besser. Trotz immer wieder durchscheinender, guter Ansätze und toller Momentaufnahmen kommt der Film somit leider nur selten wirklich in Fahrt. Dass Rourke auch in der Lage ist, tolle Filmbilder und -szenen zu entwickeln, beweist sie dennoch wiederholt eindrucksvoll. Vor allem den heimlichen Star des Films, die beeindruckenden Landschaften Schottlands und Nordenglands setzt sie gleich mehrfach wundervoll in Szene – ein Kompliment gilt hier auch der tollen Kameraarbeit von John Mathieson („Gladiator“).

… und schreckt auch vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurück

Auf die mittlerweile von einigen Historikern als Kritikpunkte geäußerten, mitunter bestehenden historischen Ungereimtheiten will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Sollte doch Historiendramen, als Gratwanderer zwischen Wirklichkeit und Fiktion ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit zugestanden werden, sofern zumindest die Essenz der Vergangenheitsdarstellung stimmt. Bezogen auf zwei Dinge will ich dennoch mein Unverständnis äußern: Bei gegenwärtigen Historienfilmen nehme ich einen Trend wahr, allzu oft krampfhaft unseren gegenwärtigen Zeitgeist auf frühere Epochen übertragen zu wollen. „Maria Stuart, Königin von Schottland“ treibt dies mitunter nahezu auf die Spitze, ist doch beispielsweise Lord Randolph, Elisabeths Botschafter in Schottland, mit dem dunkelhäutigen Darsteller Adrian Lester besetzt worden. Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich stehe mit ganzem Herzen für eine moderne, offene, gleichberechtigte, freie und vor allem von Diversität geprägte Gesellschaft ein. Ich verstehe aber nicht den Ansatz, dieses Konzept auch dem England des 16. Jahrhunderts unbedingt aufstülpen zu müssen, wo die Welt nun einmal leider noch gänzlich anders aussah. Rourke macht dies übrigens ganz bewusst, da sie, wie sie selbst sagt, einen weiteren von „Weißen dominierten“ Historienfilm vermeiden wollte. Finde ich ihren Grundgedanken natürlich an sich nicht verkehrt, so sollte man meiner Meinung nach doch bei den grundlegenden historischen Begebenheiten bleiben. Die Vergangenheit war nun einmal, wie sie war – ob es einem nun gefällt oder nicht. Es mag aber natürlich sein, dass ich hier ein wenig zu kleinlich bin. Was meint ihr? Hinterlasst gern eure Meinungen dazu in den Kommentaren.

Königinnen in einer männerdominierten Welt

Gleiches gilt für die Bewerbung von „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als ein Werk über zwei starke Frauen, die ihrer Zeit in einer patriarchalen Gesellschaft voraus waren – so beeindruckend die Tatsache weiblicher Herrscherinnen in einer von Männern absolut dominierten Welt auch sein mag. Sie waren weder feministische Aktivistinnen, die sich dieses Recht mühevoll erkämpft haben, da sie dies in erster Linie durch Thronfolge erhielten, noch jemals in der Lage, sich wirklich aus der Umklammerung der zeitgenössischen männlichen Dominanz zu befreien. Im Gegenteil, diese waren stets darauf aus, die Monarchinnen schnellstmöglich zu verehelichen und auf männlichen Nachwuchs eben dieser zu hoffen, damit sich wieder die „Normalität“ einstellen würde. Dennoch haben beide Herrscherrinnen es natürlich auf imposante Weise geschafft, ihre Duftmarken in der Geschichte zu hinterlassen. Gerade Elisabeths lange Herrschaft gilt bis heute als eines der Goldensten Zeitalter Englands. Umso erstaunlicher wirken auf mich dann auch die dieser bis heute ungemein populären wie geachteten Monarchin im Film mitunter in den Mund gelegten Worte. Begründet sie hier, bei einem einzigen fiktiven Zusammentreffen der beiden Cousinen, ihre Bewunderung gegenüber Maria doch vor allem in deren Schönheit sowie ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. Und nicht etwa mit deren Vehemenz, ihre Position trotz aller Widerstände behaupten zu wollen – auch wenn Maria da zugegebenermaßen natürlich leider nicht sonderlich erfolgreich war.

Saoirse Ronan – einfach königlich

Genug der Kritik, denn „Maria Stuart, Königin von Schottland“ hat auch einiges an positiven Aspekten zu bieten. Neben den tollen Landschaften ist ein weiteres Prunkstück des Films natürlich eine absolut beeindruckende schauspielerische Besetzungsliste. Überstrahlt wird der namhafte Cast insbesondere durch die wunderbare Saoirse Ronan als Maria Stuart. Nicht nur durch die optische Ähnlichkeit stellt sie eine absolute Traumbesetzung dar, denn wie die irisch-amerikanische Schauspielerin diese Rolle mit Leben ausfüllt und mit ihrer Präsenz jede Szene förmlich an sich reißt, ist wahrlich phänomenal – eine wirklich tolle Leistung und ein wahrer Hochgenuss, dabei zusehen zu dürfen. Nach „Lady Bird“ dürfte sie damit innerhalb kürzester Zeit erneut Hoffnungen auf den einen oder anderen renommierten Preis haben. Einfach toll!

Die ebenfalls großartige Margot Robbie („I, Tonya“) steht ihr in nichts nach – auch wenn das Drehbuch ihrer Elisabeth leider nur wenige Szenen zugesteht und sie statt einer Neben- schon fast zu einer Randfigur sowie Stichwortgeberin degradiert wird. Die Momente, die wir mit der berühmten englischen Monarchin im Film verbringen dürfen, meistert Robbie mit außerordentlicher Bravour. Ebenso lässt sich der restliche, eher männlich dominierte Cast mehr als sehen. Seien es die bekannten Gesichter Guy Pearce, David Tennant und Jack Lowden oder eher unbekannte Darsteller, von denen vor allem James McArdle als wiederholt die Seiten wechselnder Halbbruder der schottischen Königin Eindruck hinterlässt. An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass in der Pressevorführung dankenswerterweise die Originalfassung des Films gezeigt wurde und die schauspielerischen Leistungen insbesondere durch die hier präsentierte, wundervolle dialektische Vielfalt der englischen Sprache nochmals profitieren konnten. Wie das in der deutschen Fassung den gleichen Effekt erzeugen soll, kann ich daher über den unten verlinkten Trailer hinaus nicht erahnen. Wie soll man einen sprachlich so gesegneten Darsteller wie David Tennant synchronisieren?

Zwei Königinnen zum Trotz – die Geschicke werden in erster Linie von Männern gelenkt

Wer meine bisherigen Texte verfolgt hat, mag das eine oder andere Mal meine ausgeprägte Liebe zur Filmmusik bemerkt haben. Auch in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ stellt diese ein wahres Highlight dar. Komponiert von niemand geringerem als Max Richter („Shutter Island“) für mich persönlich vielleicht sogar eines der zentralen Highlights dieses Films, das neben der Hauptdarstellerin am meisten Eindruck bei mir hinterlassen hat – habe ich mich doch über die vergangenen Monate zu einem Fan des Stils des deutschen Komponisten entwickelt, der in jüngster Vergangenheit etwa auch bei „Werk ohne Autor“ zu überzeugen wusste. Insbesondere beim variationsreichen musikalischen Thema für die Hauptfigur Maria gelingt es ihm auf beeindruckende Weise, sowohl majestätische, jugendlich-leichte als auch verletzliche Töne zu einer musikalischen Untermalung zu kombinieren, die dieser tragischen Figur in all ihren Facetten gerecht wird. So ist es neben Ronan und Robbie insbesondere Max Richter zu verdanken, dass der Film auch immer mal wieder den Rahmen bekommt, den er eigentlich verdient. Dazu muss ich anmerken, dass ich erst beim Abspann erfahren habe, dass es sich bei dem Komponisten um Richter handelt, sodass ich den Soundtrack zuvor vollkommen unvoreingenommen als herausragend empfunden habe.

Wie lange kann Elisabeth ihre geachtete Kontrahentin vor dem Lauf der Geschichte schützen?

An kaum einer anderen Stelle des Films verbinden sich dessen positive Aspekte dann auch so gekonnt wie in der imposanten Einstiegssequenz. Nachdem bereits der Start mit dem bedrückend dargestellten Gang Marias zum Richtblock außerordentlich gelungen ist, übertrifft Regisseurin Rourke dies mit der anschließenden Inszenierung von deren erstmaliger Ankunft an der Küste Schottlands sogar. Hier verbinden sich alle positiven Einzelstücke zu einem beeindruckenden Seh- und Hörerlebnis: die Präsenz und die schauspielerische Kraft von Saoirse Ronan, der Ritt samt ihres Gefolges durch die imposante Landschaft der Berge Schottlands, getragen von der majestätischen musikalischen Untermalung Max Richters – nach diesen ersten Minuten saß ich beeindruckt, erwartungsvoll und beinahe schon frohlockend in meinem Kinosessel und erfreute mich ein ums andere Mal an meinem Kritikerdasein.

Da war mehr drin

Leider werden diese filmischen Lichtblicke in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ danach nur noch viel zu selten erreicht. Stattdessen verlor ich aufgrund der Vielzahl an zähen Dialogstafetten irgendwann tatsächlich häufig einfach das Interesse daran, was denn nun eigentlich auf der Leinwand passiert. So muss ich leider konstatieren, dass Josie Rourke mit ihrem Werk bei mir keinen sonderlich bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Auch wenn er seine tollen Momente hat und daher auch trotz viel Leerlauf immer noch sehenswert ist – bei den herausragenden Möglichkeiten kann man daher leider nur von einer vertanen Chance auf großes Kino sprechen. Schade.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Guy Pearce sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das Schicksal meint es nicht gut mit der schottischen Monarchin

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Mary Queen of Scots
GB 2018
Regie: Josie Rourke
Drehbuch: Beau Willimon, nach einer Vorlage von John Guy
Musik: Max Richter
Besetzung: Saoirse Ronan, Margot Robbie, Guy Pearce, David Tennant, James McArdle, Jack Lowden, Gemma Chan, Adrian Lester, Brendan Coyle, Joe Alwyn, Martin Compston, Maria-Victoria Dragus, Ismael Cruz Cordova
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH,
Szenenfotos: © 2018 Focus Features LLC. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/01/14 in Film, Kino, Rezensionen

 

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