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Archiv der Kategorie: Film

Vor uns die Hölle – Bombenräumkommando Berlin

Ten Seconds to Hell

Von Ansgar Skulme

Nachkriegsdrama // Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehren sechs deutsche Soldaten (u. a. Jack Palance und Jeff Chandler) zurück nach Berlin. Sie alle sind ausgebildet worden, Bomben zu entschärfen. Da Berlin voll von nicht detonierten Geschossen ist, werden sie von den Alliierten angeheuert, um bei der Räumung mitzuhelfen. Die Männer sind Einzelgänger, da sie es gewohnt sind, nur allein an der jeweiligen Bombe zu arbeiten – das Risiko zu sterben liegt so auch immer nur bei einer Person. Mit einer Wette allerdings schweißen sie sich zusammen: Alle wollen regelmäßig einen festen Teil ihres Lohns in den Jackpot werfen; wer dann nach einer festgelegten Zeit noch übrig ist, darf das Geld behalten. Ein waghalsiger Wettstreit spitzt sich zu.

Den Regeln der Gruppe muss sich jeder beugen

„Vor uns die Hölle“ wurde ab Februar 1958 innerhalb von etwa zehn Wochen gedreht, machte aber erst über ein Jahr später in den internationalen Kinos die Runde. Es war daher der erste Film, den Robert Aldrich nach dem Kinostart von „Ardennen 1944“ (1956) abdrehte, unabhängig davon, dass „Hügel des Schreckens“ (1959) im Vereinigten Königreich früher als „Vor uns die Hölle“ veröffentlicht wurde. Zunächst hatte er den Film noir „Ums nackte Leben“ (1957) realisieren sollen, wurde allerdings während der Produktion von Vincent Sherman abgelöst. Nachdem er daraufhin für eine Weile beschäftigungslos geblieben war, übernahm Aldrich die Regie an „Vor uns die Hölle“ eigenen Schilderungen zufolge gewissermaßen aus der Not heraus beziehungsweise weil er diese Aufgabe als besser als gar nichts erachtete. Er durfte auch selbst das Drehbuch in die gewünschten Bahnen lenken – es hätte schlimmer kommen können. Durch britisch-amerikanische Ko-Produktionen öffneten sich ihm nun neue Türen.

Ein Regisseur, der hat’s nicht leicht

Dass Aldrich rückblickend nicht gerade überschwänglich über „Vor uns die Hölle“ gesprochen hat, kann man gut nachvollziehen, auch wenn man den Film wertschätzt, da das Studio über seinen Kopf hinweg entschied, aus seiner finalen Fassung eine halbe Stunde zu kürzen, also rund ein Viertel der ursprünglich veranschlagten Länge. Die Art der Schnitte wurde offenbar auch ohne sein Wissen bestimmt und durchgeführt. Daraufhin zog Aldrich seinen Namen zumindest als einer der Produzenten zurück. Ferner kam es am Set zu Problemen mit Jack Palance, der hier nach „Hollywood-Story“ (1955) und „Ardennen 1944“ (1956) bereits zum dritten Mal mit ihm zusammenarbeite. Robert Aldrich rekapitulierte, dass es wahrscheinlich keine besonders gute Idee war, mit einem Hauptdarsteller wie Palance dreimal zusammenzuarbeiten. Er schätzte Palance als recht schwankungsanfällige Persönlichkeit ein. Unstrittig dürfte aber sein, dass Palance Aldrich sehr viel zu verdanken hatte; zuvor hatte er fürs Kino meist Rollen gespielt, die zumindest einer anderen Figur im Film merklich untergeordnet waren, und dabei überwiegend Schurken. Die Rollen, die er unter Aldrich darbieten durfte, ebneten Jack Palance nach zwei Oscar-Nominierungen (1953 und 1954) endgültig den Weg in die Spitze Hollywoods und etablierten ihn als vielseitig einsetzbaren Hollywood-Star.

Teamlösungen unter Einzelgängern sind meist nicht einfach

Ungeachtet der Spannungen zwischen den beiden liefert Palance in „Vor uns die Hölle“ allerdings eine herausragende Leistung ab. Beeindruckend, wie überzeugend er die konstante Beklemmung, die ihn umtreibt, und die psychische Labilität seiner traumatisierten Figur spielt. Wer Palance aus seinen fiesen, aggressiven, brutalen oder süffisanten Schurkenrollen im Hinterkopf hat und hier dann bei ihm plötzlich mit sehr viel emotional nachfühlbarer Todesangst, einer geballten Mischung aus abgehetzter, zermürbender, ihn quälend wirkender Anspannung sowie hochprofessioneller Fokussierung auf die zu erledigenden Aufgaben an den Bomben konfrontiert wird, könnte ins Staunen verfallen. Die explosionsartigen Wechsel von scheinbarer Ruhe hin zu kurzen Wutausbrüchen und zurück zur Selbstberuhigung, die er dabei sehr eindrucksvoll verkörpert, können im Übrigen sowohl derartigen Rollen als auch Schurkenrollen zuträglich sein. Die Figur, die er in „Vor uns die Hölle“ spielt, ist folglich angenehm wirklichkeitsnah geraten, alles andere als ein hochsympathischer Vorzeige-Sympathieträger, allerdings ein Mensch, dessen Aufrichtigkeit zunehmend die Zuschauer zu überzeugen vermag. Das Psycho-Duell zwischen den beiden Hauptdarstellern, Palances manchmal fast selbstaufopfernd wirkendes Schauspiel und die immer wiederkehrenden Spannungsmomente im Geiste der berühmtem Frage, ob man besser den roten oder den blauen Draht durchschneidet, tragen den Film von Anfang bis Ende – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Ein weiteres Wiedersehen

„Vor uns die Hölle“ liefert auch insofern einen interessanten Blick auf das Feld der Schauspielkunst, weil die beiden Hauptdarsteller Jack Palance und Jeff Chandler zuvor bereits in „Attila, der Hunnenkönig“ (1954) – einem sehr sehenswerten Abenteuer-/Monumentalfilm-Ausflug von Douglas Sirk – gemeinsam gespielt hatten. Im Gegensatz zu vielen anderen wiederholten Zusammenarbeiten unter Hollywood-Stars in den beiden Hauptrollen handelt es sich hierbei aber um einen Fall, in dem gleich beide Betroffenen in den beiden zu vergleichenden Filmen auffällig deutlich unterschiedlich geartete Figuren gespielt haben. War Palance bei Sirk der titelgebende barbarische Feldherr, einmal mehr der Bösewicht – mit allerdings spannenden, schlauen Untertönen – und Chandler sein aufrechter römischer Gegenspieler nach klassischem Heldenmuster, ist Chandler bei Aldrich nun der Eigenbrötler und Palance weg von jedweder Führungssouveränität, aber auch weg von jeder Bösartigkeit und Barbarei.

Leider merkt man der Figur von Chandler ein wenig und den anderen vier Mitstreitern der beiden umso mehr an, dass „Vor uns die Hölle“ stark – und nicht im Sinne des Regisseurs – gekürzt wurde. Man hat mit der Zeit das Gefühl, dass die Schicksale des Sextetts nicht genügend auserzählt sind. Das alle sechs Figuren recht dezidiert vorstellende Intro scheint zunächst anderes zu versprechen – und Aldrich dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach auch mehr Zeit für die einzelnen Männer eingeplant gehabt haben. Insbesondere der von Wesley Addy verkörperte Soldat, der als einziger der sechs das Glück hat, dass nach dem Krieg noch seine Frau auf ihn wartet, trägt bei Licht betrachtet weniger zur Handlung bei, als man am Ende, im Kontext der Ereignisse, allerdings glaubt, über ihn wissen zu müssen. Die Art, wie Aldrich die Szenen komponiert hat, lassen auf einen recht epischen Charakter schließen, den der Film als zweistündiges Leinwand-Erlebnis wohl bekommen hätte. Dass sich der Film in der vorliegenden Fassung ziemlich unnötig zwischen nur zwei Männern und einer Frau zuspitzt, ist angesichts des vorhandenen Potenzials einerseits bedauerlich, jedoch merkt man andererseits zumindest trotzdem deutlich, dass die Möglichkeiten, die Robert Aldrich ihm bot, Jack Palance schauspielerisch in ungeahnte Sphären trugen, während Jeff Chandler wiederum die Abkehr vom langjährigen Heldendasein mit Festvertrag bei Universal sichtlich Spaß machte und ebenfalls den Beigeschmack der Entfesselung in diesem Film vermittelt. Wenig später setzte Chandler dieser Entwicklung in „Der Herrscher von Kansas“ (1959) recht zügig die Krone auf. Ein Film, bei dem ich nicht müde werde, ihn als einen der meistunterschätzten, viel zu wenig thematisierten und gewürdigten Western aller Zeiten zu bezeichnen – woran Chandlers kluge schauspielerische Gratwanderung wesentlichen Anteil hat.

Die Straßen von Berlin

Gedreht wurde am Ort der Handlung: Berlin. Schwerpunktartig, wie es scheint, in den Ortsteilen Tiergarten – der damals noch weitreichend zerstört war – und Tempelhof. Die Hauptdarsteller bekamen einen ortskundigen Bombenentschärfungsexperten zur Seite gestellt, der direkt nach dem Krieg teils 20 Bomben pro Tag in Berlin unschädlich gemacht hatte. Auch 1958, zum Zeitpunkt des Drehs, wurde im Schnitt immer noch mehr als eine Bombe pro Woche in Berlin entdeckt.

Immer wieder wartet der Tanz auf der Rasierklinge

Es heißt, dass ursprünglich eine deutsche und eine englischsprachige Fassung des Films geplant waren, wodurch sich eventuell die Eigentümlichkeit erklärt, dass die sechs deutschen Bombenspezialisten in der vorliegenden Version durchweg von amerikanischen Schauspielern verkörpert werden, obwohl in Berlin gedreht wurde. In der deutschen Synchronfassung führte das Sprachen-Paradox außerdem dazu, dass man ihrem britischen Auftraggeber einen auffälligen Akzent verpasste, damit er sich in irgendeiner Weise von den anderen Schauspielern abhebt, während dies im Original durch britisches und amerikanisches Englisch gelöst wird. Das soll allerdings nicht den Anschein erwecken, dass es sich um keine gute deutsche Synchronfassung handelt. Enttäuschend allerdings ist, dass hier mit der ansonsten sehr konstant aufrecht erhaltenen Stammbesetzung von Curt Ackermann als Stimme von Jeff Chandler gebrochen wurde, der wohl niemanden in noch mehr Filmen synchronisierte als Jeff Chandler und Victor Mature, aber hier dennoch nicht zum Einsatz kam.

Halt, stop! – Das Gegenteil von originell

Arnold Marquis – so begabt er war und so gut er sich an diverse andere Stars zu fügen vermochte – beraubt Chandler gewissermaßen sämtlicher individueller Merkmale. Gerade in einer solchen, für Jeff Chandler zum damaligen Zeitpunkt ungewöhnlichen Rolle, wäre es wichtig gewesen, einen sauberen Bogen mit dem angestammten Sprecher zu schlagen, statt für Irritationen mit einem auf derartig undurchsichtige, sarkastische oder verschlagene Rollen gern einmal besetzten Synchronschauspieler zu sorgen, dessen stimmliche Präsenz den sichtbaren Schauspieler, wenn so viele Faktoren wie hier zusammenkommen, schlichtweg verwässert und im Endeffekt verwechselbar, somit austauschbar macht. Letzteres passiert hier bedauerlicherweise durch Arnold Marquis. Man stelle sich einmal vor, man hätte beispielsweise Bruce Willis die Rolle von Nicolas Cage in „Face/Off – Im Körper des Feindes“ (1997) gegeben, ihm dann aber auch noch die deutsche Stimme von Cage verpasst. Wenn man das für sich verbildlicht bekommt, dann kann man den Fauxpas, hier Marquis zu besetzen, für die damalige Zeit in etwa einordnen, auch wenn man mit Jeff Chandler ansonsten bisher noch nicht allzu viele Berührungspunkte hatte. Cage und Willis habe ich deswegen als Beispiele gewählt, weil beide auch heute immer noch dieselben beiden Stammsprecher wie damals haben, was angesichts der Tatsache, dass Curt Ackermann Jeff Chandler zumindest über zwanzigmal gesprochen hat, ein angemessener Vergleich ist. Zudem lässt sich Cages Stammsprecher Martin Keßler in Relation zu Manfred Lehmann (Bruce Willis) einigermaßen ähnlich einordnen wie Marquis in Relation zu Curt Ackermann, wenn man das Volumen und den Charakter der Stimmen vergleicht. Nur kommt dazu, dass Marquis schon mit Blick auf die 50er – von den 60ern und 70ern ganz zu schweigen – obendrein erheblich häufiger als Synchronsprecher mal für diesen und mal für jenen zu hören war, als man das über das hier von mir gewählte Cage-Pendant vier Jahrzehnte später hätte behaupten können. Will heißen, dass Marquis somit also auch viel verbrauchter war, um nicht zu sagen omnipräsent. Angesichts dessen wird es dann schwierig, dass der Schauspieler im Bild hinter der Rolle noch irgendwie so etwas wie eine individuelle Ausstrahlung behalten kann, vor allem wenn der betreffende Schauspieler ansonsten so eindeutig mit einer anderen Stimme etabliert ist wie im vorliegenden Fall und die Stimme von Arnold Marquis obendrein eindeutig nicht voluminös genug für die Vorlage klingt, darüber hinaus unverkennbare Besonderheiten im Sprechrhythmus, die Curt Ackermann hingegen gut transportierte, verloren gehen lässt. In diesem Zusammenhang muss man letztlich auch wissen, dass Jeff Chandler neben der Schauspielerei als Sänger tätig war und zudem ohnehin schon eine recht charakteristische Sprechstimme hatte. Ihm dann hochgradig einfallslos ausgerechnet die verdammt abwegig gewählte, raue, recht kratzbürstige Stimme von Arnold Marquis zu verpassen, ist einfach völlig daneben. Auch wenn Marquis die Rolle schauspielerisch zweifellos recht souverän meistert, ist dies für mich eine der albernsten Synchronfehlbesetzungen der gesamten 50er-Jahre – und hatte hier daher eine ausführliche Würdigung als solche verdient.

Auch die Wahl von Gert Günther Hoffmann für Jack Palance, der ebenfalls ein ziemlich häufig in Hauptrollen besetzter Sprecher war, ist mit Blick auf Omnipräsenz sicher nicht unbedingt besonders originell – das allein ist sowieso auch kein Negativargument –, hat aber zumindest obendrein den Bonus, dass die Besetzung für Hoffmann beziehungsweise Palance nicht gerade formelhaft ist. Eben keine Rolle, wie man sie von Hoffmann auf den ersten Blick erwartet, und noch dazu von einem Schauspieler der Aura von Jack Palance verkörpert, während Marquis mit seiner Rolle aber komplett in die Klischee-Falle tappt. Während man bei Hoffmann in gewisser Weise das Gefühl hat, dass er vor einer ungewöhnlichen Herausforderung steht, die er meistert, kommt Marquis durchweg so rüber als würde er routiniert ein Standard-Programm abspulen – genau das ist der entscheidende Unterschied und das Problem. Auch obwohl die deutsche Fassung ansonsten handwerklich sehr gelungen ist, kann einem das allein den Film schon ziemlich kaputt machen, da es der Gesamtwirkung und dadurch auch der Zuspitzung zwischen den Hauptfiguren schadet – was der Film sich aufgrund der Eingrenzungen, die die anderen Figuren erlitten haben, allerdings nicht leisten kann, da ihm dann zu wenig bleibt. Diese deutsche Fassung verpasst Jeff Chandler eine sehr dünne, Hütchenspieler-ähnliche Aura, die da nicht hingehört. Marquis hatte Chandler zuvor leider auch schon in „Drango“ (1957) gesprochen, der ebenfalls von United Artists verliehen wurde, was darauf schließen lässt, dass das Fehlen von Curt Ackermann auch keinen unglücklichen Zufällen geschuldet war. Ich höre Arnold Marquis sehr gern als Stimme von beispielsweise Lino Ventura, Darren McGavin, Kirk Douglas, Richard Widmark und Frank Wolff, aber seine Einsätze für Jeff Chandler würde ich vorzugsweise ungeschehen machen wollen.

Berlin steht vor dem großen Neuanfang

Ein etwas merkwürdiger Zusammenhang ist, dass vor allem MGM damals bekannt dafür war, eigene Stimmen für Stars – im Vergleich zu anderen Studios – zu etablieren, was ich hier im Blog schon mehrfach angeschnitten habe. MGM kaufte United Artists eines Tages sogar auf, allerdings erst wesentlich später. Schon in den 50ern scheint bei United-Artists-Synchronfassungen aber eine gewisse Tendenz sichtbar zu sein, sich gelegentlich an MGM-Besetzungen zu orientieren, oder – wie hier bei Chandler, von dem es keine Filme bei MGM gab – auch mal eine eigene Variante zu etablieren. Wenn man „Vor uns die Hölle“ hierzulande im Programm des mittlerweile nicht mehr existenten Pay-TV-Senders „MGM“ gesehen hat, wo er im Zweikanalton und einer 1996 im Auftrag von MGM kolorierten Fassung gesendet wurde, könnte man somit den Eindruck gewinnen, diese Synchronfassung sei ein Produkt von MGMs eigensinniger Synchron-Politik – war sie allerdings eben nicht.

Das Warten hat ein Ende

Nicht nur Robert-Aldrich-Fans dürften sich darüber freuen, dass explosive media in Zusammenarbeit mit Koch Films nun endlich auch diesen Klassiker des Altmeisters in unserem Land auf Blu-ray und DVD veröffentlicht hat. Dass ein Film wie dieser von einem solchen Regisseur bisher noch gar nicht in Deutschland auf DVD wiederentdeckt worden war, kann man schon fast erstaunlich nennen. Die Filmografie von Jeff Chandler ist in der Bundesrepublik eigentlich schon verhältnismäßig ergiebig auf DVD ausgewertet worden, da Koch Media sich geraume Zeit schwerpunktartig mit Klassikern von Universal – darunter diversen Western – befasst hat und Chandler als langjähriger Universal-Star mit mehreren Western im Portfolio davon gewissermaßen profitierte. Obwohl dies auch über den Western hinaus bereits einigen Universal-Stoff mit Jeff Chandler auf DVD zutage gefördert hat, gibt es nach wie vor Lücken aus seiner Universal-Zeit sowie abseits von Universal, bei denen es lohnend wäre, sie in Deutschland zu schließen. „Vor uns die Hölle“ ist diesbezüglich ein würdiger Beginn für eine eventuelle neue Phase – Pidax wird in Kürze „In den Kerkern von Marokko“ (1954) folgen lassen, den ich bei „Die Nacht der lebenden Texte“ schon vor geraumer Zeit einmal besprochen habe.

Bild und Ton der explosive-media-Version von „Vor uns die Hölle“ wissen bestens zu gefallen, das Bonusmaterial bewegt sich im üblichen Rahmen. Die kolorierte Fassung, die im deutschen Pay-TV gezeigt wurde, ist auf der vorliegenden Veröffentlichung nicht enthalten, was allerdings zu verschmerzen ist, zumal sich viele Menschen aus kolorierten Fassungen ohnehin nichts machen – wenngleich ich selbst da zumindest nicht dogmatisch abgeneigt bin. Ein wenig schade ist lediglich der Gedanke, wie grandios es wäre, hätte man die etwa 30 gegen Aldrichs Willen aus der Endfassung eliminierten Minuten noch irgendwie auftreiben und als Bonus, wenn nicht sogar im Sinne eines „Director’s Cut“ präsentieren können. Das hätte sich im vorliegenden Fall wirklich gelohnt, aber ob diese fehlenden Szenen überhaupt noch aufzutreiben sind, vielleicht sogar in geschnittener Form, oder rekonstruiert werden könnten, ist eine offene Frage. Aufwand dieser Art kann von einer solchen Veröffentlichung aber auch nicht erwartet oder eingefordert werden. Von einer zukünftigen Mediabook-Veröffentlichung mit dem ersehnten Bonus darf man aber vielleicht noch träumen. Schließlich wurde aus dem Nachlass von Orson Welles beispielsweise erst kürzlich ein gesamter Film verspätet fertiggestellt und geschnitten. Was sind verglichen damit schon schlappe 30 Minuten? Robert Aldrich hätte sich vermutlich darüber gefreut, würde „Vor uns die Hölle“ eines Tages doch noch in der von ihm intendierten Länge erstrahlen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Chandler und Jack Palance unter Schauspieler. Welche Rollen von Jack Palance gehören zu euren Favoriten seiner Filmografie?

Der Poker mit dem Tod ist stets eine knappe Sache

Veröffentlichung: 12. März 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 94 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Ten Seconds to Hell
USA/GB 1959
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Robert Aldrich, Teddi Sherman, nach einem Roman von Lawrence P. Bachmann
Besetzung: Jack Palance, Jeff Chandler, Martine Carol, Robert Cornthwaite, Dave Willock, Wesley Addy, Virginia Baker, Jim Goodwin, Richard Wattis, Charles Nolte
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2020 explosive media

 

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Edgar Allan Poe: Ungewöhnliche Geschichten – Leider nur die Hälfte des Kuchens

Histoires extraordinaires

Von Tonio Klein

Mystery-Serie // Als in französisch-mexikanisch-deutscher Koproduktion sechs Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe adaptiert worden waren, strahlte auch das bundesdeutsche Fernsehen sie schon 1981 aus – im Jahr der Erstveröffentlichung. Hiernach waren sie lange verschwunden, bis Pidax Film Anfang 2020 drei Folgen auf einer DVD veröffentlichte. Für die übrigen drei liegt dem Label leider keine deutsche Synchronisation vor. Immerhin gibt es mit Fanny Ardant und Mathieu Carrière in „Der Untergang des Hauses Usher“ sowohl die größte Star-Power als auch den bekanntesten, mehrfach verfilmten Poe-Titel. Und ausgerechnet diese Folge fehlt. Halten wir uns also an das, was die DVD zu bieten hat. Und da finden sich drei außergewöhnliche Schätze. Sie alle belassen Poes Geschichten in der Entstehungszeit und lehnen sich recht eng an die jeweilige Vorlage, drücken dem Ganzen dann aber doch einen eigenen Stempel auf. Dies macht unter anderem ihren großen Reiz aus. Poes Geschichten sind eine Basis, die weiterentwickelt, auch verändert, aber nie nur als leere Hülle missbraucht wird. Wie zeigt sich dies in den einzelnen, abgeschlossenen Episoden?

Existenzialistische Schnitzeljagd – „Der Goldkäfer“

Die Episode ist versiert von Maurice Ronet inszeniert, der ansonsten hauptsächlich als Schauspieler agierte. In ihr begeben sich Ulysse (Vittorio Caprioli), sein ergebener Diener Jupiter (Leopoldo Francés) und eine schließlich nur noch aus zwei Personen bestehende Schiffsmannschaft zwecks Schatzsuche auf eine „südlich“ wirkende Insel (bei Poe Sullivan’s Island). Kaum Zufall, dass der bei Poe namenlose Erzähler zu Ulysse wird, also der französischen Bezeichnung für Odysseus: Eine Odyssee müssen auch die Männer bestehen. Die Schnitzeljagd bietet neben Skarabäen- und Todessymbolik ausgeklügelte Dechiffriertaktik sowie jede Menge Seemannsgarn. Zudem hat die Folge diverse Schauwerte, da sich auf der Insel außer Tropen- und Wüstenlandschaften auch eine fast schon abstrakt monochrome Höhle befindet. All dies stünde sicherlich auch einem Indiana Jones gut an, geht aber in eine ganz andere Richtung. Von Anfang an müssen wir fürchten, dass Ulysse nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Diese Mutmaßung wird auch offen ausgesprochen, und die Folge ist die einzige der DVD, die daraus einen Anflug von Humor zaubert. Letztlich schreckt der Film aber vor zu offensichtlichen Gags zurück, beispielsweise wenn unsere vier Dilettanten recht plump Fallen legen und wir darauf warten, dass sie selbst in diese segeln. Es wird böse, und das Ende ist etwas abrupt. Wir ahnen das Schicksal aller, sehen es aber nicht mehr bei allen.

„Der Goldkäfer“: Beim Jupiter, was für eine Odyssee – der Schatzsucher und sein Diener

Gerechtfertigt ist dies durch einen Kniff, eben der Mehrwert gegenüber Poe, der sich in der Vorlage stark für das Dechiffrieren einer Geheimbotschaft interessierte. Zentral ist Ulysses Aussage, es sei letztlich egal, ob man den Schatz finde – Hauptsache, man suche ihn. Hier steckt mehr Sartre als Poe im Drehbuch, ist dieser Monolog doch geradezu existenzialistisch geprägt. Der Mensch als einziges Wesen, dessen Existenz der Essenz vorausgehe und der doch daran verzweifeln könne, dass er sei, ohne zu wissen, warum und zu welchem Zweck. Die Schatzsuche als Sinnsuche. Oder, um neben Sartre noch Kästner zu erwähnen: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Wobei nicht zuletzt eine herrlich falsch gespielte Volksmusik über dem Abspann sarkastisch unterstreicht: Das Gute endet bös. Dies darf ruhig verraten werden. Keine der drei Folgen ist von einem Clou am Ende geprägt. Sie decken ihre Karten schon früh auf, aber auf das Wie kommt es an.

Bacchanal des Wahnsinns – „Die Methode von Dr. Thaer und Professor Fedders“

Auch hier lässt sich das Entscheidende bald ahnen: Die „Verrückten“ haben die französische Nervenheilanstalt, in der die Geschichte spielt, längst übernommen und die Rollen zwischen Insassen und Leitung/Personal vertauscht. Während „Der Goldkäfer“ die Suche nach einem Ort beschreibt, pflegen die anderen beiden Geschichten die Einheit des Ortes. Ebenfalls eng an Poe angelehnt, kommt der junge Lucien (Jean-François Garreaud) in ein Schloss, von dem er entgegen dem DVD-Klappentext aber schon vorher weiß, dass es sich um eine „Irrenanstalt“ handelt. Dort arbeite der Leiter, Dr. Maillard (Pierre Le Rumeur), angeblich nach der titelgebenden Methode, die den Insassen maximale Freiheit und Akzeptanz ihrer Gebaren und Vorstellungen erlaube. Maillard empfängt den Besucher überaus freundlich, wobei er berichtet, dass die Methode einen kolossalen Misserfolg gehabt habe und geändert werden musste. Der Einladung zum Dinieren kann und will sich Lucien nicht entziehen – doch dieses Fest wird ein wahres Bacchanal des Wahnsinns. Was so auch schon bei Poe vorkommt, wird unter der Hand des Regie-Meisters Claude Chabrol zu einer orgiastisch beunruhigenden Grenzerfahrung erster Güte. Dass die Grenzen zwischen angeblich verrückt und angeblich normal verschwimmen, war zur Entstehungszeit der Kurzgeschichte bemerkenswert modern. 1981, als längst einer über das Kuckucksnest geflogen war, hätte diese Pointe allein den Film aber kaum tragen können. Chabrol scheint das gespürt zu haben und uns wie sein Kollege in Episode 1 zu sagen: Auf das Wie kommt es an. Und da schöpft er aus dem Vollen, steigert den Wahnsinn peu à peu bis zum Surrealen, gar Ekligen, womit er uns in einen faszinierenden wie erschreckenden Sog zieht.

„Die Methode von Dr. Thaer und Professor Fedders“: Ausschnitt statt Aufschnitt beim Festmahl

Zum einen werden Klischeevorstellungen zur Wirklichkeit: Alte „Irren“-Witze beginnen häufig mit „Jemand hält sich für …“, aber hier ist auf einmal jemand ganz real ein Tier, zumindest auf der Tonspur. Zum anderen ist die Völlerei irgendwann ziemlich widerlich. Chabrol, der Gourmet, wird zum Gourmand. Und der Film eher zu „Das große Fressen“ (1973) seines Kollegen Marco Ferreri statt nur zu der Prise Gift, die Chabrol sonst seinen eigenen Menüs beimengt. Wilde Kostüme aus vergangenen Zeiten spielen auf die vorrevolutionäre Dekadenz des französischen Adels an. Und selbst noch bei der Musik lauert der Fehlerteufel im präzise gesetzten Detail: So herrlich falsch hat man noch kein Kammermusik-Ensemble „Plaisir d’amour“ spielen hören. Womit das schon die zweite Episode mit falscher Musik als Stilmittel ist. Schließlich hat Chabrol noch eine angedeutete Liebesgeschichte zwischen Lucien und der jungen Alice (Coco Ducados) eingebaut, wobei Alice – nicht nur symbolisch – erst maskiert und dann nackt ist. Das Ende ist aber so knapp, dass es Zweifel offenlässt und Kitsch vermeidet.

Künstliche Intelligenz, getürkt – „Maelzels Schachspieler“

Diese Episode inszenierte Juan Luis Buñuel, der beweist, etwas zu können, statt nur der Sohn des großen Luis Buñuel zu sein. Edgar Allan Poe hatte eine wahre Geschichte aufgegriffen, nämlich die des Schachtürken. Hierbei handelte es sich um einen als Türken gestalteten Roboter, der scheinbar wie ein Schachcomputer funktionierte, aber in dem ein Mensch versteckt war. Poe, den Vater des Detektivromans, interessierte die methodische Detektion des Tricks. Die Verfilmung geht weiter. Johann Nepomuk Mälzel, der wirklich mit dem Schachtürken die halbe Welt beeindruckt hatte, kommt hier als „Maelzel“ (Jean-Claude Drouot) nach Mexiko. Nach beeindruckender Vorstellung vor illustrer Gesellschaft offenbart der Film uns, dass sich ein Kleinwüchsiger namens Kronstadt (Rafael Muñoz) in der Apparatur verbirgt. Die schöne Eleonora (Diana Bracho) zeigt sich anscheinend verständnisvoll, aber in dem Mann aufkeimende Gefühle beschwören eine Tragödie herauf …

„Maelzels Schachspieler“: Anfangs- statt Schlussbild – Maelzel und Eleonora sind tot

Diese Episode deckt sogar schon zu Beginn eine Karte auf. Da sehen wir einen Mann und eine Frau tot auf dem Boden liegen. Lange Rückblende – und bald merken wir, dass es sich um Maelzel und Eleonora handelt. Auch hier kommt es also auf das Wie an. Für mich, der ich den Schachtürken bis dato nicht kannte, wirkte der erste Akt der Rückblende wie eine visionäre Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Und damit kann der Film noch heute punkten. Zumindest in Gedanken nimmt die Schilderung der angeblichen Fähigkeiten der Maschine nämlich Vieles der aktuellen KI-Diskussion tatsächlich schon vorweg. Ist eine Maschine lernfähig? Wenn ja: so sehr, dass sie nicht mehr unter dem Menschen stehen muss? Ist nicht eigentlich Gott das einzige Wesen über dem Menschen? Kann eine Maschine den Menschen übertreffen, obwohl sie von Menschen erschaffen wurde? Heute wissen wir, dass Letzteres zumindest bezogen auf die Rechenleistung zu bejahen ist. Was hingegen die mögliche Autonomie betrifft, ist die Frage so offen wie spannend. Zu ihr hat die Episode einiges zu sagen, auch wenn sie das damals vielleicht noch nicht geahnt hat. Ist nicht der „Zwerg“ eine Art rebellierende Maschine? Ein Wesen, das zur Maschine gemacht wird, dessen humane Existenz verleugnet wird, dessen Körper versteckt wird, das hier zudem nicht sprechen kann, also auch allegorisch „keine Stimme hat“? Und wird sich dieses Wesen das gefallen lassen? Der Film, der sich daneben detailliert der Detektion des Geheimnisses à la Poe widmet, führt also zu Gedankenspielen ganz eigener Art. Und er erzählt zudem eine so berührende wie beunruhigende Geschichte einer gepeinigten Kreatur. Ebenfalls sehr gelungen, wenngleich man mäkeln kann, dass die Schachpartien absurd schnell zu Ende gehen und von mehr als seltsamen Zügen geprägt sind. Hier kommen Filmfehler-Jäger auf ihre Kosten. Letztlich aber ein unwesentliches Detail.

Welches Bild bleibt, inhaltlich wie technisch?

Die jeweils knapp einstündigen Folgen können allesamt überzeugen, haben neben Poe-Werktreue einen jeweils faszinierenden Eigenwert und lassen den Ruf nach den anderen drei Folgen erschallen. Pidax Film bietet die Filme nur mit deutschem Ton und in altersangemessen guter, aber nicht aufpolierter Bildqualität.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Claude Chabrol haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als DVD

Länge: 162 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassung: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Histoires extraordinaires (Le scarabée d’or / Le système du docteur Goudron et du professeur Plume / Le joueur d’échecs de Maelzel)
F/MEX/BRD 1981
Regie: Maurice Ronet, Claude Chabrol, Juan Luis Buñuel
Besetzung: Vittorio Caprioli, Leopoldo Francés, Jean-François Garreaud, Pierre Le Rumeur, Coco Ducados, Jean-Claude Drouot, Diana Bracho, Rafael Muñoz u. v. a.
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Alive AG

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Funny Man – Irre Konkurrenz für Chucky und den Leprechaun

Funny Man

Von Andreas Eckenfels

Horrorkomödie // „Haben Sie auch Staub gewischt?“, fragt der arrogante Musikproduzent Max Taylor (Benny Young) süffisant, nachdem er von Mitspieler Callum Chance (Christopher Lee) dessen alte Familienvilla in England beim Pokerspiel gewonnen hat. „Sie sind ein witziger Bursche, Mr. Taylor“, antwortet Chance, „aber ich kenne noch witzigere. Sie werden schon sehen …“

Mr. Chance verspielt seine Familienvilla

Während Max mit Gattin Tina (Ingrid Lacey) und den zwei Kindern zum Anwesen vorausfährt, macht sich sein Bruder Johnny (Matthew Devitt) in einem Lieferwagen mit ein paar Umzugskisten auf den Weg. Auf seiner Reise gabelt er ein paar seltsame Anhalter auf. Was die Gruppe bei ihrer Ankunft nicht ahnt: Max und Familie haben bereits unwissentlich einen mörderischen Harlekin (Tim Jones) im Haus zum Leben erweckt, der seine fröhlich-fiesen Spielchen mit den Neuankömmlingen treibt.

Dort treibt der Funny Man sein Unwesen

Eigentlich wollte der englische Regisseur Simon Sprackling mit ein paar Freunden Anfang der 1990er-Jahre für eine Handvoll britischer Pfund einen ernstzunehmenden Horrorfilm drehen, doch Tim Jones ging in seiner Rolle als Funny Man dermaßen irrsinnig ungezügelt auf, dass das ursprüngliche Konzept geändert wurde. Aus dem geplanten Schocker „Hand of Fate“ wurde die Horrorkomödie „Funny Man“. Dass während des Drehs, bei dem passenderweise unter anderem ein ehemaliges Irrenhaus als Kulisse diente, recht schnell auch das komplette Skript über Bord geworfen wurde, lag wohl auch am gesteigerten Alkohol- und Drogenkonsum aller Beteiligten. Weil auch immer wieder Crewmitglieder aus unterschiedlichen Gründen nur kurzfristig bei dem Projekt dabei sein konnten oder komplett absagten, war somit von den Filmemachern besonders eine Fähigkeit gefragt: großes Improvisationstalent!

Tina lernt gleich ihren neuen Mitbewohner kennen

Das fehlende Drehbuch merkt man „Funny Man“ jederzeit an. Viele Szenen wirken den Umständen entsprechend wild aneinandergereiht. Ein Großteil der Schauspielerleistungen ist nicht der Rede wert. Sprackling beweist auch bei Weitem nicht das inszenatorische Talent eines frühen Peter Jackson, dennoch schlägt sein Regiedebüt in seiner Machart in eine ähnliche Kerbe wie etwa „Bad Taste“ (1987): Die handgemachten Splattereffekte überzeugen im Rahmen des geringen Budgets und es gibt eine ordentliche Prise absurden Humors. Dazu zaubert Sprackling mit dem schon erwähnten Tim Jones, der die gelungene Maske voller Stolz trägt, ein urkomisches Ass aus dem Ärmel.

Irrer Harlekin in Action

Als Funny Man kennt Jones kein britisches Understatement und darf herrlich verrückt die Sau rauslassen: Der irre Harlekin spielt mit einem abgeschlagenen Kopf Fußball, lässt Max’ Tochter in Flammen aufgehen und ballert der Anhalterin Thelma (Rhona Cameron), die mit voller Absicht so wie Velma aus der „Scooby-Doo“-Zeichentrickserie kostümiert wurde, im wahrsten Sinne des Wortes das Hirn aus dem Schädel. Somit muss sich der Funny Man mit seinem blutigen Treiben nicht vor ähnlichen Killern wie dem Kobold Leprechaun oder der Mörderpuppe Chucky verstecken. Wenn Funny Man dann auch noch verschiedene Outfits trägt – ja, auch übergroße Gummibrüste sind dabei – und seine Opfer wie Freddy Krueger in surreale Traumwelten entführt, erkennt man, zu welch ungeahnten Kreativschüben Sprackling und Kollegen fähig waren, wenn sie zuvor nur ausreichend Flüssig- und Rauchwaren zu sich genommen hatten. Wie hätte die Horrorkomödie nur ausgesehen, wenn alle nüchtern ihren Job verrichtet hätten?

Christopher Lee kehrt zurück

Als „zielstrebig, enthusiastisch und professionell“ bezeichnet der große Christopher Lee auf jeden Fall die jungen Filmemacher in einem Interview, welches im Bonusmaterial zu finden ist. Simon Sprackling gelang es tatsächlich, Lee aus dem Horrorruhestand zurückzuholen. 22 Jahre habe er keinen Horrorfilm mehr gedreht, erzählt der „Dracula“-Star. Ob sich Lee hier vielleicht ein wenig verrechnet hat – man denke nur etwa an „Die Braut des Satans“ (1976) oder „Das Haus der langen Schatten“ (1983) – lassen wir mal dahingestellt. Das Skript zu „Funny Man“ sei überaus originell gewesen, außerdem wolle er junge Talente aus seinem Heimatland gern unterstützen, nennt er als Gründe für seine Zusage. Lees Gastauftritt wurde innerhalb eines Tages abgedreht. Viel zu tun hat er als Callum Chance nicht, aber alleine seine Präsenz adelt natürlich jeden Film – gerade auch Low-Budget-Produktionen und Erstlingswerke.

Deutschland-Premiere im Mediabook

Wie das erste Treffen zwischen Sprackling und Lee verlaufen ist, erfahrt ihr im Booklet des Mediabooks von Wicked-Vision Media. Bei dem mit einem großen Augenzwinkern geschriebenen Text handelt es sich diesmal um das persönliche Produktionstagebuch des Regisseurs, in dem er auch über etliche Eskapaden während des Drehs berichtet. Im Vereinigten Königreich genießt „Funny Man“ einen gewissen Kultstatus, was auch an der derben Sprache und den One-Linern des Harlekins begründet ist. Hierzu findet sich im Booklet ein kleines Wörterbuch mit Begriffserklärungen. Überhaupt ist die Deutschland-Premiere von „Funny Man“, der bislang hierzulande nur ab und an im TV zu sehen war, äußerst liebevoll gestaltet.

Der Harlekin liebt Verkleidungen …

Sogar den Copyright-Hinweis nach Einlegen der Blu-ray hat sich der lustige Kerl einverleibt. Und wer vom Titelsong und den restlichen Liedern nicht genug bekommen kann, für den liegt sogar der komplette Soundtrack mit 19 Tracks auf CD bei. Der Wicked Vision Distribution GmbH ist hier mit dem Segen von Regisseur Simon Sprackling wirklich die ultimative Edition von „Funny Man“ gelungen, bei der keine Wünsche offenbleiben. Wer Splatterkomödien mit einem Hang zu abseitigem Humor mag, sollte bei diesem limitierten 4-Disc-Mediabook zugreifen. Vielleicht habt ihr noch Glück und erhaltet im Online-Shop von Wicked Vision ein vom Regisseur signiertes Exemplar.

… und hochhackige Schuhe

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Februar 2020 als 4-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray, DVD, Bonus-DVD & Soundtrack-CD) in drei Covervarianten (A: 444 Exemplare, B & C: je 333 Exemplare)

Länge: 94 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Funny Man
GB 1994
Regie: Simon Sprackling
Drehbuch: Simon Sprackling
Besetzung: Tim James, Christopher Lee, Benny Young, Ingrid Lacey, Pauline Black, Matthew Devitt, Chris Walker, Rhona Cameron
Zusatzmaterial: 24-seitiges Booklet mit Produktionsnotizen von Regisseur Simon Sprackling, Audiokommentar mit Regisseur Simon Sprackling und Darsteller Tim James, Vorwort von Regisseur Simon Sprackling, Making-of: „Sorting Funny Man“, Featurette: „Who the Fuck Is Tim Jones?“, Interview mit Simon Sprackling, Interview mit Christopher Lee, Outtakes, Deleted Scenes, „Hand of Fate” aka „The Funny Man“: Der Kurzfilm, Kurzfilm „Piss Artist”, Social Media Promo, Pop Promo, Originaltrailer, Trailer zu „Hand of Fate”, Artwork-Galerie, Bildergalerie, Soundtrack-CD mit dem Original Motion Picture Soundtrack zum Film (19 Tracks)
Label/Vertrieb: Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & untere 3 Packshots: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 
 

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