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Archiv der Kategorie: Blu-ray/DVD

Zum 100. Geburtstag von Jack Palance: Die Bestie der Wildnis – Pessimistisch, provokant, düster

Arrowhead

Von Ansgar Skulme

Western // Die US-Armee sieht sich kurz vor einem vermeintlich aussichtsreichen Friedensabkommen mit den Apachen. Nur der Scout Ed Bannon (Charlton Heston), selbst bei den Ureinwohnern aufgewachsen, äußert vehement seine Skepsis. So lange bis er schließlich sogar vor dem Rauswurf steht. Gefährdet er mit seiner sturen Beharrlichkeit die Annäherung oder ahnt er, dass es sich bloß um eine Ruhe vor dem bösen Sturm handelt? Die Heimkehr des Häuptlingssohns Toriano (Jack Palance) scheint Gutes zu verheißen – er hat an der Ostküste eine großstädtische Ausbildung genossen. Doch Bildung lässt sich bekanntlich auch zu negativen Zwecken missbrauchen, insbesondere wenn man als großer Hoffnungsträger auf die bedingungslose Gefolgschaft seiner Anhänger setzen kann.

„Die Bestie der Wildnis“ zeigt Jack Palance, der am 18. Februar 2019 einhundert Jahre alt geworden wäre, in einer seiner physischsten Rollen. Der Sohn ukrainischer Einwanderer wirkt dabei als nordamerikanischer Ureinwohner recht überzeugend und liefert energisch eine der finstersten Indianerdarstellungen der Westerngeschichte ab. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs hatte Palance während eines Trainingsflugs schwere Verbrennungen erlitten und sich nur knapp durch einen Fallschirmsprung aus einem brennenden B-24-Bomber retten können. Es heißt, dass die nachfolgenden operativen Eingriffe sein prägnantes Gesicht, die sehr tief zu sitzen scheinenden Augen und ungewöhnlich hervorstechenden Wangenknochen, in der heute bekannten Form bedingt hätten. Palance war sich der Möglichkeiten, die sein Aussehen mit sich brachte, offenkundig bestens bewusst. Er erhielt in den 50ern zwar auch einige Heldenrollen und machte sogar als Liebhaber eine gute Figur, konnte in „Die Bestie der Wildnis“ aber ein Schurke der brutalsten Sorte sein und dieses einmalige Gesicht dementsprechend ausspielen. Die Rolle war eine Herausforderung, die er sichtlich ernst nahm, wobei er sein eindrückliches Antlitz geschickt nutzte. In manchen Szenen wirkt er regelrecht wie der leibhaftige Tod, außer Atem und gefühlt jeden Muskel seines Körpers anspannend, zudem immer wieder die Augen intensiv einsetzend. Mir sind nicht viele Spielfilm-Beispiele bekannt, in denen die Gesichtszüge eines Schauspielers in einer Rolle so sehr einem nur sachte mit Haut überzogenen Totenkopf ähneln wie hier. Eine eindrucksvolle, offensive Performance, die ein so provokant mit Extremen hantierender Film tatsächlich sogar braucht, um konsequent zu bleiben.

Ein Film, der Grenzen austestet

„Die Bestie der Wildnis” war das Nachfolgeprojekt zu „Pony Express“ – derselbe Produzent (Nat Holt), derselbe Drehbuchautor (Charles Marquis Warren), derselbe Kameramann (Ray Rennahan), derselbe Komponist (Paul Sawtell), derselbe Hauptdarsteller (Charlton Heston). In den USA wurden beide Filme binnen eines Vierteljahres veröffentlicht. Der zentralste personelle Unterschied: Charles Marquis Warren übernahm diesmal auch selbst die Inszenierung seines Skripts. Ob dies einer der Gründe dafür ist, dass der Oscar-Preisträger Ray Rennahan („König der Toreros“) an der Kamera hier aus dem Technicolor noch mehr grandiose Bilder herauszukitzeln vermochte als im vorausgegangenen Film – mutmaßlich, weil sich hier mehr Zeit für die entsprechenden Bildkompositionen genommen worden sein mag –, ist nicht gesichert, aber denkbar. „Die Bestie der Wildnis“ wirkt technisch abgerundeter als „Pony Express“. Unterstützt von Paul Sawtells erneut recht mystischer, düsterer Musik wird dieser pessimistische Western so zu einem Paradebeispiel für ästhetische Düsternis im Genre, einschließlich einiger wundervoll gefilmter und beleuchteter Nachtaufnahmen.

Ein Western, der letztlich von dem Punkt handelt, an dem alle Verhandlungen scheitern, weshalb im Kampf die finale Entscheidung über den existenzialistischen Streit der Kulturen gesucht wird, und der dadurch eine gewisse Art Endzeit-Stimmung generiert. Und wenn ein Film die gewaltsame Auseinandersetzung als mögliche Lösung eines solchen Konflikts heraufbeschwört und ausführlich bebildert, heißt das wohlgemerkt nicht automatisch, dass die Macher Partei für eine solche Lösung ergreifen – und das muss auch keine Sensationslust sein, sondern kann schlicht als Dokumentation eines sehr tragischen Verlaufs von Geschehnissen verstanden werden, sogar unabhängig vom Ansinnen, dass die Verantwortlichen mit dem Film verfolgt haben mögen oder auch nicht. Es ist ja nicht die originäre Aufgabe von Filmen, immer die bestmöglichen Lösungen aufzuzeigen, sondern genauso gut können Anti-Beispiele ins Feld geführt werden. Filmische Schilderungen, die gut für ein „Nie wieder!“ zu einem solch brutalen Konflikt herhalten könnten, wofür man die Eskalation dann aber auch erst einmal in aller Deutlichkeit zeigen sollte – und so ein Film ist „Die Bestie der Wildnis“ unter dem Strich. Im Grunde eine Art Western-Kriegsfilm in diese Genres eindrücklich vermischender Form, in dem die Apachen so in etwa das Pendant zu beispielsweise den Japanern sind.

Verklärungen ins Positive und Negative

Rückblickend wurde dem Konzept zuweilen vorgeworfen eine so radikale Negativposition gegenüber den Indianern zu vertreten, dass „Die Bestie der Wildnis“ dahingehend ein Extrembeispiel der Westerngeschichte sei. Daran sind die Macher ein Stück weit sicher auch selbst schuld, da sie sich durch historisch kontextualisierende, rahmende Textpassagen im Film angreifbar machen. Wenn ich den Film von vornherein in einen Zusammenhang mit gewissen historischen Personen setze, muss ich natürlich damit leben, dass mir dann schnell einmal Verklärung unterstellt wird. Man sollte daher in jedem Fall festhalten, dass der von Charlton Heston verkörperte Protagonist Ed Bannon genau genommen die einzige Figur in „Die Bestie der Wildnis“ ist, die kein gutes Haar an den Ureinwohnern lässt und auch nicht an allen Indianern, sondern explizit nur an den Apachen, was persönlichen Motiven der Figur geschuldet ist. Bannon hegt Rachegedanken, die sein schroffes und gegenüber den Apachen sehr böses Auftreten erklären, aber dass das Motiv der Rache allein ein Grund dafür ist, diesem Western grundsätzlich indianerfeindliche oder gar rassistische Tendenzen zu unterstellen, zweifle ich stark an. Letztlich bleibt der Film doch der Botschaft treu, das Übel entstehe dadurch, dass die Apachen von Toriano aufgehetzt werden. Von einer Dämonisierung des gesamten Volkes der Apachen oder gar aller Indianer kann daher keine Rede sein. Man muss sogar herausstellen, dass „Die Bestie der Wildnis“ beispielsweise – im Gegensatz zu diversen anderen Western – auf eine Darstellung mancher Indianer als schlicht dumm beziehungsweise grobschlächtig und ungebildet verzichtet. Selbst die sich besonders verschlagen zeigenden Charaktere machen im Endeffekt eine recht clevere Figur, da sie ja schließlich eine Rolle spielen, um die Soldaten zu täuschen. Wenn man etwa an die stumpf brandschatzenden, profil- und motivlosen Meuchelmörder mit Söldnercharakter denkt, die John Ford in „Trommeln am Mohawk“ (1939) auf die Zuschauer losließ, ist „Die Bestie der Wildnis“ vergleichsweise regelrecht eine Verbeugung vor für eine Sache und ihre Kultur kämpfenden Indianern, die lediglich gegenüber den „Weißen“ ab einem gewissen Punkt ähnlich rassistisch auftreten, wie manche „Weiße“ gegenüber ihnen. Mögen sie auch auf fehlgeleiteten Pfaden unterwegs sein und eindeutig falsche, drastische sowie unfaire Mittel wählen – der Film stellt sie definitiv nicht als minderwertig dar, und das ist letztlich entscheidend.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eher die Frage stellen: „Selbst wenn es historisch nur einen einzigen Ureinwohner-Stamm gegeben haben sollte oder könnte, der einmal in dieser Form gegenüber den US-Soldaten agierte – warum darf man darüber nicht auch mal einen Film machen?“ Ob dies historisch dann nun Apachen waren oder nicht, ist letzten Endes Erbsenzählerei, da diese Figuren nur eine eher symbolische Aufgabe im narrativen Kontext erfüllen, die man nicht persönlich nehmen sollte. Im Interesse einer ganzheitlichen Betrachtung spricht eigentlich nichts dagegen, sogar einmal einen vom Negativsten ausgehenden Blick zu wagen, der dann natürlich im Kontext sonstiger Blickwinkel gesehen werden muss. Am Ende des Tages hat ein solcher Western genau dieselbe Daseinsberechtigung wie gegenteilige Extreme vom Schlage „Winnetou“. Dass die historische Wahrheit sicher irgendwie in der Mitte liegt, kann man sich als findiger Zuschauer mit Bildung leicht selbst erschließen.

Atmosphärisch fesselnd

Wenn man sich von den Historisierungen einmal löst, verbleibt ein atmosphärisch dichter, kameraästhetisch ausgesprochen sehenswerter, spannender Film, der zudem eine ganze Reihe an guten Darbietungen vorweist. Hierbei sollte man neben Jack Palance auch Charlton Heston nicht vernachlässigen – mag man von der Moral seiner Figur auch halten, was man will. Heston wirkt in „Die Bestie der Wildnis“ wesentlich älter als beispielsweise in „Pony Express“ (1953), „Die größte Schau der Welt“ (1952) und „Stadt im Dunkel“ (1950), was dem Wesen der Rolle, der Leistung der Crew-Mitglieder in der Maske, die hier mit dezenten Mitteln viel bewirkten, und seiner überzeugenden schauspielerischen Darbietung geschuldet ist. An seiner Seite freut man sich über wichtige Charakterdarsteller des klassischen Hollywoods mit besonderem Profil wie Robert J. Wilke, Pat Hogan, Frank DeKova – bei dem die Maske ebenfalls Beachtliches leistete –, Peter Coe und James Anderson. Dazu eine tragische Rolle für Katy Jurado, die diesen Film kurz nach ihrem ersten großen Hollywood-Erfolg, „12 Uhr mittags“, drehte. Ferner spielte Brian Keith, dem schon bald darauf Hauptrollen überantwortet wurden, in „Die Bestie der Wildnis“ seine erste Kinorolle mit Nennung in den Credits und eine recht große noch dazu.

Nicht zuletzt ist da eine sehr gelungene deutsche Synchronfassung, in der Keith von keinem Geringeren als Harald Juhnke vertont wurde – der bekam als Synchronsprecher häufiger als vor der Kamera Gelegenheit, die Vielfältigkeit seines Talents und Könnens zu beweisen. Als Stimme von Charlton Heston macht auch hier Heinz Engelmann eine gute Figur. Wenngleich sich später vor allem Ernst Wilhelm Borchert etablierte, möchte ich Engelmann als Hestons Stimme in den beiden Nat-Holt-Western „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ keinesfalls missen. Zwei gute Beispiele dafür, dass Engelmann einfach so etwas wie die ideale Western-Stimme hatte und die Zuschauer allein schon durch seine stimmliche Präsenz hervorragend in diese filmischen Welten zu ziehen vermochte.

Was die Darbietung von Jack Palance angeht, erinnere ich mich, dass ich lange Zeit davon ausging, er sei hier genau wie beispielsweise in „Attila, der Hunnenkönig“ (1954) – wo er eine ähnlich finstere Rolle mit leibhaftigem Totenkopf-Charakter spielte – von dem für Palance schlicht grandios funktionierenden Friedrich Joloff synchronisiert worden. Doch die dunkle Erinnerung hatte mir einen Streich gespielt – das passiert einem in der Filmwissenschaft beim Rekapitulieren früherer Seherlebnisse dann doch ab und an einmal, wie ich immer wieder feststelle. Als ich „Die Bestie der Wildnis“ nach vielen Jahren erneut sah, war ich dementsprechend überrascht, Fritz Tillmann als Toriano zu hören. Tillmann gelang es gut, die schräge Art und Weise, wie Jack Palance seine Mimik in der Rolle im Original einsetzt, stimmlich zu adaptieren und den dazugehörigen atemlosen Wahnwitz im Unterton mitschwingen zu lassen. Das wirkt manchmal etwas sonderbar, aber nur deswegen, weil sich Tillmann gut durchdacht dem Gesamtbild der Figur unterordnete. Er spielt die expressive Mimik von Palance gewissermaßen durch seine Stimme mit, während Torianos Stimme im Original oft viel ruhiger scheint.

Der Mann mit der Blüte im Knopfloch

Wenn man zum 100. Geburtstag von Jack Palance einen Film auswählen soll, sieht man sich einem vielseitigen Portfolio eines Schauspielers gegenüber, der heute für einige seiner Nebenrollen wahrscheinlich sogar bekannter als für die nicht zu unterschätzende Zahl an Hauptrollen ist, die er verkörpert hat. Da ist der schon in den frühen 50ern in Hollywood erfolgreiche Jack Palance, der schnell zum Star aufstieg, der ab den 60er-Jahren aber auch in italienischen Filmen sehenswerte Gastspiele feierte und sich in dem Italowestern „Mercenario – Der Gefürchtete“ (1968) schließlich eines der besten Duelle der Geschichte des Genres mit Tony Musante, im Beisein von „Django“-Legende Franco Nero, lieferte. Eine Sequenz, die man schon allein als Fan von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (2012) unbedingt einmal gesehen haben sollte, da eine bestimmte Passage mit Jack Palance in „Il Mercenario“ eindeutig als Inspiration für eine Szene mit Leonardo DiCaprio bei Tarantino diente. Jack Palance ist einer der wenigen Schauspieler, die sowohl im klassischen Hollywood-Western der 50er als auch im Italowestern mehrfach in großen Rollen zu sehen waren. Auch im hohen Alter machte er zudem noch mit Filmen wie „Out of Rosenheim“ (1987), „Batman“ (1989), „Tango und Cash“ (1989) sowie „City Slickers – Die Großstadt-Helden“ (1991) von sich reden. Für letztgenannte Komödie gewann er mit 73 Jahren schließlich sogar seinen ersten und einzigen Oscar und präsentierte im Zuge seiner Dankesrede auf der Bühne spontan ein paar Liegestütze, mit einem Arm am Körper anliegend – womit er sich ein weiteres Denkmal schuf.

Was die DVD-Veröffentlichungen von „Die Bestie der Wildnis“ international anbelangt, scheinen mir einige rechtliche Hintergründe unklar. Sicher ist, dass der Film in den USA schon 2004 offiziell von Paramount veröffentlicht wurde, es aber im Anschluss daran – im Gegensatz zu Produktionen wie „Der nackte Dschungel“ (1954) und „Rivalen ohne Gnade“ (1956), zwei anderen Paramount-Filmen aus diesem Zeitfenster mit Charlton Heston – bedauerlicherweise nicht via Paramount-Vertrieb nach Deutschland schaffte. Die wunderbaren Bilder von Ray Rennahan verdienen es, in bestmöglicher Qualität betrachtet zu werden.

Veröffentlichung (USA): 9. November 2004 als DVD

Länge: 105 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Arrowhead
USA 1953
Regie: Charles Marquis Warren
Drehbuch: Charles Marquis Warren, nach einem Roman von W. R. Burnett
Besetzung: Charlton Heston, Jack Palance, Katy Jurado, Brian Keith, Milburn Stone, Pat Hogan, James Anderson, Mary Sinclair, Peter Coe, Frank DeKova
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

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Terry Gilliam (IV): Die Abenteuer des Baron Münchhausen – Fuck Your Reality, Imagination Rulez!

The Adventures of Baron Munchausen

Von Lutz R. Bierend

Fantasy-Abenteuer // „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ bildet den dritten Teil von Terry Gilliams informeller Fantasie(Imagination)-Trilogie, welche nach „Time Bandits“ (1981) und „Brazil“ (1985) hier einen überzeugenden Abschluss findet. Während in „Time Bandits“ ein kleiner Junge von seinen Fantasien in wilde Abenteuer getrieben wird und sich in „Brazil“ ein erwachsener Mann mithilfe seiner Fantasie aus einer unerträglichen Realität flüchtet, erleben wir in „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“, wie ein Meister der Fantasie seine Imagination nutzt, um sich die Welt nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Wer sollte dazu besser geeignet sein als der altbekannte Lügenbaron? Dem hatten unter anderen bereits 1943 Hans Albers in der Titelrolle, Erich Kästner als Drehbuchautor (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) und Regisseur Josef von Báky in „Münchhausen“ ein Denkmal gesetzt. Nicht nur die treue Anhängerschaft des buntesten Durchhalte-Films des Zweiten Weltkriegs erschwerte es Gilliam, für seine Regiearbeit ein neues Publikum zu finden.

Schneller als Treppensteigen: einfach mit dem Pferd aus dem Fenster springen

Einer der Gründe warum das Werk so unter Wert lief, waren wieder mal (ähnlich wie bei „Brazil“) politische Querelen mit dem Studio. Diesmal vollzog sich während der Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ein Regimewechsel bei Columbia Pictures. Die neuen Verantwortlichen wollten laut IMDb die von ihren Vorgängern begonnenen Produktionen nicht allzu erfolgreich aussehen lassen und nachdem Gilliam sein Budget schon um fast das Doppelte seiner veranschlagten 23,5 Millionen Dollar überzogen hatte, brachte der Verleih den Film in den USA in lediglich 48 Kinos. Bedauerlich, er ist es definitiv wert, von mehr Menschen gesehen zu werden.

Your reality, sir, is lies and balderdash and I’m delighted to say that I have no grasp of it whatsoever.

Auch die Aura des Spießigen die bereits der Name Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen mit sich bringt, war zusammen mit seinen eher klischeehaften Rollenmodellen schon in den 80ern des 20. Jahrhunderts nicht mehr wirklich PC. Außerdem kennt jeder den Ritt auf der Kanonenkugel und die meisten anderen Geschichten die den Lügenbaron in die Literaturgeschichte haben eingehen lassen. Als ich damals die Ankündigung las, dass Gilliam Baron Münchhausen verfilmt, fiel mir die Vorstellung schwer, wie man aus dieser Geschichte noch etwas Sehenswertes herausquetschen kann. Aber zum Glück heißt der kreativere Terry der Monty Pythons immer noch Gilliam, und er hatte schon vorher gezeigt, dass er klassische Themen durch Entschlackung und seine ganz eigene Perspektive faszinierend neu gestalten kann. So inszenierte er den „Jabberwocky“ (1977) aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ ohne die dazugehörigen Alice und das Wunderland, sein filmischer Beitrag zum Überwachungsjahr 1984 kam ohne den Big Brother aus – der erste Arbeitstitel seiner kafkaesken Dystopie „Brazil“ lautete „1984 and ½“. Nun also sollte Baron Münchhausen einer Radikalkur unterzogen werden.

Late 18th Century. The Age of Reason. Wednesday.

Der Film beginnt in einer namenlosen, vermutlich österreichischen Stadt, die von den Türken belagert wird. Es ist das Zeitalter der Vernunft. Mittwoch. Öffentliche Bekanntmachungen empfehlen den Einwohnern, Nahrung zu sparen und es doch mal mit Kannibalismus zu probieren. Die Türken schießen unverschämterweise selbst am Mittwoch die halbe Stadt in Trümmer und die Bevölkerung der belagerten Metropole vertreibt sich die Zeit in einem Theater. Man gibt „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“. In seiner Loge bespricht währenddessen der hochwohlgeborene Bürgermeister Horatio Jackson (Jonathan Pryce) mit seinem Stab die Lage und beklagt sich über das unsittliche Verhalten des belagernden Sultans (Peter Jeffrey), weil dieser es wagt, am Mittwoch zu kämpfen. Nebenbei wird ihm ein Offizier (Sting) vorgestellt, der ganz allein sechs Kanonen des Feindes zerstört und zehn gefangene Kameraden befreit hat. Der muss natürlich umgehend hingerichtet werden. Wo komme man denn hin, wenn solch emotionale, von toxischer Maskulinität getriebenen Kerle die durchschnittlichen Soldaten herabwürdigen, weil sich diese natürlich nie mit solchem Heldenmut messen können.

We can’t have such emotional people demoralising the average citizen.

Währenddessen bemühen sich die Schauspieler redlich, ihr Stück zu Ende zu bringen. Das wird dadurch erschwert, dass inzwischen alle Bühnentechniker der Belagerung zum Opfer gefallen sind. Dann erscheint ein alter Mann (John Neville), der die Aufführung lautstark unterbricht. Er kann nicht mit ansehen, wie sein Leben von ein paar Chargen als Ansammlung von Lügengeschichten dargestellt wird. Der wahre Baron Münchhausen übernimmt die Hauptrolle und erklärt dem Publikum, wie es zu dieser Belagerung durch die Türken kommen konnte. Eine leichtfertige Wette zwischen Baron und Sultan habe den Herrscher der Osmanen um den Inhalt seiner Schatzkammer gebracht.

Wenn so reizende Damen fragen – wie kann man da nicht die Stadt retten wollen?

Letztendlich wird die Aufführung von den Kanonen des Sultans beendet und Horatio Jackson ordnet an, die Theatertruppe solle die Stadt verlassen. Wer mit solchem fantastischen Kokolores die Rationalität untergräbt, hat dort nichts zu suchen. Von den anwesenden Damen und allen voran von der kleinen Tochter des Chefs der Theatertruppe Sally Salt (Sarah Polley in einer frühen Rolle) lässt sich der Baron überreden, doch nicht zu sterben und stattdessen loszuziehen, um seine außergewöhnlichen Diener zu suchen, mit denen er die Belagerung durch den Sultan im Nu beenden kann. Mit einigen hundert Damenschlüpfern und einem Schiff aus der Bühnenrequisite bauen die Schauspieler einen Heißluftballon, und der Baron macht sich auf den Weg zum Mond.

Der Baron und Sally auf dem Weg zum Mond

Münchhausen hat allerdings die Rechnung ohne Sally gemacht, die sich in dem Ballon versteckt hat und dem Baron nun bei seiner Suche nach den Dienern zur Seite steht. Mit ihr zusammen muss er zuerst zum König vom Mond, dessen Frau immer noch dem Charme des Barons verfallen ist, in den Vesuv hinab, wo er mit Venus (Uma Thurman in einer ebenfalls frühen Rolle) anbändelt, und darf nach Sturz durch den Erdkern auch seine letzten Diener finden. Während der Baron bei dem einen oder anderen Flirt gern die Zeit vergisst und zwischendurch sein Interesse am Leben verliert, ist es Sally, die den alten Mann immer wieder an seine Aufgabe erinnert und nicht sterben lässt, bevor er die Stadt nicht gerettet hat. Aber der Tod ist ein ständiger Begleiter des Barons und will nicht ohne dessen Lebenslicht von dannen ziehen.

…any famous last words?

Not yet.

Not yet? Is that famous?

Natürlich kann man „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ vorwerfen, er sei (wie „Time Bandits“) eine Nummernrevue, in der die nettesten Momente der klassischen Lügengeschichten abgehakt werden, aber letztlich ist es Terry Gilliams Fähigkeit zu verdanken, großartige Bilder zu einem bizarren Gesamtwerk zusammenzufügen, dass der Film auch nach dem dritten Schauen immer noch überraschende Details bietet und bei genauerer Betrachtung sogar eine relativ klassische Dramaturgie hat, auch wenn sich der Zuschauer zwischendurch in den Unglaublichkeiten verliert. Die vielen legendären Momente, allen voran der Ritt auf der Kanonenkugel, passieren so überraschend beiläufig, dass sie ihre Schönheit beim ersten Sehen fast untergeht.

I didn’t fly miles. It was more like a mile-and-a-half. And I didn’t precisely fly. I merely held onto a mortar shell in the first instance and then a cannonball on the way back.

Wie so oft bei Gilliam hat man ohnehin das Gefühl, dass der Film immer kurzweiliger wird, je häufiger man ihn sieht. Wirkt die Reise, auf die der Regisseur den Zuschauer mitnimmt, beim ersten Mal etwas planlos und lang, weil man sich zu sehr mit der Frage beschäftigt, wohin die Reise einen führen wird, wird sie von Mal zu Mal schöner und kurzweiliger. Einfach da sitzen und darauf vertrauen, dass das Gezeigte bis zum Abspann noch ein kohärentes Ganzes ergibt, ist bei Gilliam immer ein guter Rat. Eines sei verraten: Am Ende siegt die Fantasie grandios über die Vernunft und über die Realität. Baron Münchhausen ist halt kein Anfänger wie Sam Lowrie aus „Brazil“, dem seine Fantasie nur noch hilft, aus einer unerträglichen Realität zu fliehen. Er ist ein Meister und dadurch, dass er seine Zuhörer und Zuschauer an seine Hirngespinste glauben lässt, werden sie für alle wahr.

He won’t get far on hot air and fantasy.

Terry Gilliam urteilte über die Verfilmung mit Hans Albers, dieser hinge leider Zwanghaftigkeit an: Die Deutschen wollten zeigen, dass sie einen Zwei-Fronten-Krieg führen und trotzdem den aufwendigsten Fantasy-Film ihrer Zeit drehen können. „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ hingegen springt spielend zwischen – fast brutalem – Realismus und der manchmal absurden Schönheit der Fantasiewelten des Barons hin und her. Wenn die türkischen Belagerer die Stadt in Schutt und Asche schießen und die verletzten Einwohner aus den Trümmern geborgen werden, fragt man sich schon, ob man wirklich in einem Familienfilm gelandet ist. Auch der Harem des Sultans ist meilenweit entfernt von den klassischen Darstellungen, die man aus Hollywoods 1001-Nacht-Verfilmungen wie „Der Dieb von Bagdad“ (1940) oder „Sindbads siebente Reise“ (1958) kennt. Man findet man kaum eine Frau, welche den westlichen Schönheitsidealen entspricht. Wohingegen Details wie die Längen- und Breitengrade auf der Erdkugel, auf die der Baron, Sally und sein Diener Berthold (Eric Idle) bei der Rückreise vom Mond herunterfallen, darauf hindeuten, dass sich die Geschichte wohl doch eher im Kopf eines Kindes abspielt, welches letztlich auch die Person ist, welche die Stadt rettet. Terry Gilliam widmete diesen Film seiner Frau und ihren beiden Töchtern, und offensichtlich nimmt er seine Kinder sehr ernst. Die Authentizität der Belagerung bildet einen guten Kontrast für eine fantastische, leichtfüßige Geschichte, die mit dem notwendigen Augenzwinkern erzählt wird, um den größten Lügner aller Zeiten nicht altbacken wirken zu lassen. Zu keiner Sekunde kommt das Gefühl auf, man würde die Geschichte bereits aus der Hans-Albers-Verfilmung kennen.

Ah, the real Baron Munchhuusen!

„Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ist ein wunderscherschönes Abenteuer über die Macht der Fantasie geworden, und man versteht nach der Sichtung gut, weshalb Joanne K. Rowling Terry Gilliam als Regisseur für die Harry-Potter-Verfilmung favorisierte. Allerdings wird an ihm auch deutlich, warum es eine wirtschaftlich sehr vernünftige Entscheidung von Warner Bros. war, Rowling ihren Wunsch zu verwehren. Die Filme wären zweifellos noch atemberaubender und fantasievoller geworden, aber Gilliam ist einfach kein Blockbuster-Regisseur und es ist zu bezweifeln, dass er 2019 bereits den Gefangenen von Askaban befreit hätte.

Der König des Mondes ist nicht gut auf Münchhausen zu sprechen

Die Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ war – wie bei fast jedem Terry-Gilliam-Film – von diversen Katastrophen geplagt. Am Ende des Budgets war weder die Szene mit dem König vom Mond gedreht, noch hatte Gilliam den eigentlich für diese Rolle vorgesehenen Sean Connery gewinnen können. Als Ersatz sprang Robin Williams ein, der direkt aus dem Flieger zum Set gebracht wurde, und seine Rolle als geübter Stand-up-Comedian fast komplett improvisierte. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das mal anders geplant war. Wer sich fragt, warum der Film nicht in Willams’ offizieller Filmografie gelistet ist: Im Nachspann steht er als Ray D. Tutto, denn das Geld war verbraucht, Williams spielte gratis und durfte deshalb nicht namentlich genannt werden.

Auch bei Vulkan und Venus hängt dank des alten Charmeurs der Haussegen schief

Die meisten Darsteller empfanden den Dreh als Zumutung. Sarah Polley bezeichnete die Erfahrung als traumatisierendes Kindheitserlebnis. Sie ist übrigens der einzige Grund, weswegen man die Originalfassung der ansonsten außerordentlich guten Synchronfassung vorziehen sollte. Wer sich beklagt, dass dieses Kind in der deutschen Fassung nervt, sollte sich davon überzeugen, dass sie im Englischen ein ganz entzückender Motor für das Voranschreiten der Geschichte ist. Kinder zu synchronisieren, das scheinen die Deutschen überhaupt nicht zu können. Ansonsten macht es auch Spaß, in der englischen Fassung zu hören, auf wie viele verschiedene Arten Engländer den Namen Münchhausen aussprechen können.

It wasn’t just a story, was it?

Von Gilliams altem Monty Python-Kollegen Eric Idle ist die Lebensweisheit überliefert: „Bis zu Munchausen war ich sehr schlau im Umgang mit Terry-Gilliam-Filmen. Sieh sie dir um jeden Preis an, aber sei nie ein Teil von ihnen. Es ist ein verdammter Wahnsinn!“ In einem Interview erklärte Gilliam einmal den Unterschied zwischen Blockbuster-Regisseuren wie Steven Spielberg und Filmemachern wie Stanley Kurbrick: „Meiner Meining nach basiert der Erfolg der meisten Hollywood-Filme in diesen Tagen auf der Tatsache, dass sie tröstlich sind. Sie binden große Fragen in schönen kleinen Päckchen zusammen und geben dem Zuschauer Antworten. Selbst wenn die Antworten dumm sind. Es sind Antworten. Du gehst nach Hause und machst dir keine Sorgen. Die Kubricks dieser Welt, die großartigen Filmemacher lassen Sie nach Hause gehen und darüber nachdenken.“ Terry Gilliam ist definitiv ein Filmemacher, der das Publikum mit Fragen nach Hause schickt. Bei „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ (2009) und „The Zero Theorem“ (2013) haben diese Fragen zwar so sehr überhandgenommen, dass sich nur Hardcore-Fans auf ein zweites Sehen einlassen, aber selbst bei „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ gelingt es Gilliam, das Publikum erst mal verwirrt zurückzulassen. Aber vermutlich werden seine Filme deshalb auch von Mal zu Mal schöner, weil sich die Fragen beim zweiten und dritten Schauen entwirren und man sich auf all die vielen Details konzentrieren kann, für die kaum ein Hollywoodproduzent sein Budget rauswerfen will.

Mal wieder hat der Baron sein Leben satt …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Uma Thurman unter Schauspielerinnen, Filme mit Oliver Reed und Robin Williams in der Rubrik Schauspieler.

… und will dem Sultan seinen Kopf schenken

Veröffentlichung: 8. Mai 2008 als 20th Anniversary Edition Blu-ray, 10. April 2008 als 20th Anniversary Edition Doppel-DVD, 1. Oktober 1999 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Adventures of Baron Munchausen
GB/BRD 1988
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Charles McKeown, Terry Gilliam
Besetzung: John Neville, Eric Idle, Sarah Polley, Oliver Reed, Charles McKeown, Winston Dennis, Jack Purvis, Valentina Cortese, Jonathan Pryce, Bill Paterson, Peter Jeffrey, Uma Thurman, Alison Steadman, Sting, Robin Williams
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Terry Gilliam & Ko-Drehbuchautor/Schauspieler Charles McKeown, Wahnsinn & Missgeschicke bei der Produktion, Storyboards, entfallene Szenen, „Willkommen in der fantastischen Welt Münchhausens“
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lutz R. Bierend

Den Tod vor Augen, begehren die Bewohner gegen ihren Bürgermeister auf

Szenenfotos & Packshot: © 2008 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

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Der sechste Kontinent – Effekte aus einem Land vor unserer Zeit

At the Earth’s Core

Von Leonhard Elias Lemke

SF-Abenteuer // Lava? Ein Vulkan? Nein, „Der sechste Kontinent“ beginnt in einem Stahlwerk. Dort wird gerade das Eisen für den „Iron Mole“ gegossen. Der eiserne Maulwurf ist eine gigantische Maschine, eine überdimensionierte Schraube mit einer rotierenden Spitze, die sich in den Boden und durch die verschiedenen Schichten der Erde bohren soll. Platz bietet sie für zwei Personen: den (über)motivierten Wissenschaftler Dr. Abner Perry (Peter Cushing) und den draufgängerischen Gentleman am Geldhahn, David Innes (Doug McClure). Beide wissen nicht so recht, was sie unter der Erdoberfläche erwartet – genauso unbekanntes Territorium wie das Weltall. Das erste Penetrieren des Maulwurfs wird genauso ekstatisch wie unwissend gefeiert.

Im eisernen Maulwurf

Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Eindringen flutscht es dann doch, und schnell bewegt man sich in Richtung Erdkern. Feste Strukturen, Feuer, Eis, ein See, und auf einmal machen die Forscher eine Bruchlandung – auf dem sechsten Kontinent, in der Erde. Ungläubig steigen sie aus ihrem Gefährt. Sie sind in Pellucidar, einer prähistorischen Welt unter unserer Welt. Die Vegetation ist unseren (immer kleiner werdenden) Dschungeln nicht unähnlich, dort wird es niemals Nacht und der Himmel ist immer rosa! Flora und Fauna sind kunterbunt und von groteskem Größenverhältnis, und auch das Bestiarium hat es in sich: Gigantische Schnabelmonster wollen alles kurz und klein stampfen, was ihnen in die Quere kommt – zum Beispiel Dr. Perry und David. In Pellucidar „regiert“ die Rasse der Mahar: fliegende, telepathische Vogelkreaturen, die über eine unterentwickelte Art von Menschen herrschen. Ihre Handlanger sind direkt vom Planet der Affen herbeigeorderte Fieslinge. Dr. Perry und David wollen eigentlich nur so schnell wie möglich raus aus diesem Schlamassel, sehen sich dann aber doch genötigt, die Menschen in Pellucidar vom Joch zu befreien. Nicht ganz ohne Hintergedanken, denn eine von ihnen (Caroline Munro) hat es in raffinierter Pocahontas-Manier David doch sehr angetan – und durch gute Taten kann man immer gut Eindruck schinden.

Nach einer Vorlage von Edgar Rice Burroughs

„Der sechste Kontinent“ wurde als britisch-amerikanische Koproduktion 1976 von Amicus in die Kinos gebracht. In den 60ern waren die Amerikaner Milton Subotsky und Max J. Rosenberg in das Vereinte Königreich ausgezogen, um dem enorm profitablen Hammer-Studio Paroli zu bieten. Amicus Markenzeichen waren Episodenfilme wie beispielsweise „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ (1965), mit denen man vielversprechend startete, aber nie auch nur ansatzweise an Hammers Erfolg – und Qualität – herankam. 1974 verfilmte man Edgar Rice Burroughs’ „Caprona – Das vergessene Land“ und machte sich zwei Jahre später, erneut unter der Regie von Kevin Connor und mit Hauptdarsteller McClure, an die Verfilmung eines weiteren Stoffs des populären Autors und Tarzan-Schöpfers. So richtig wollte es jedoch nicht an den Kassen klingeln und als 1977 auch „Caprona 2 – Menschen, die die Zeit vergaß“ – erneut mit Connor als Regisseur – nicht durch die Decke ging, kam für Amicus das Aus.

Auch die Monster haben gut lachen

Ein Jahr vor „Krieg der Sterne“ ist „Der sechste Kontinent“ auch ein später Film von Peter Cushing. Vollkommen überdreht und bar jeglichen Ernstes spielt er seinen Dr. Abner Perry. Und er tut gut daran, denn das Produktionsdesign ist nicht auf der Höhe der ambitionierten Geschichte, die von den faszinierendsten Fantasiewelten und -kreaturen erzählt, die dann auf Zelluloid eher enttäuschend daherkommen. So erheitert vor allem sein Schauspiel den Zuschauer sehr und steht in angenehmem Kontrast zu seinen verbitterten viktorianischen Autoritätsfiguren. Ein Jahr später sollte er für George Lucas mit Grand Moff Tarkin noch einmal eine solche spielen und dafür in gehobenem Alter – und von Krankheit gezeichnet – über sich hinauswachsen und endgültig in den Filmolymp einziehen.

Doug McClure wirft seinen Hut

Doug McClure dagegen mimt seinen David ein bisschen ernsthafter und will als Abenteurer brillieren, doch gehen ihm Charisma, Agilität und auch Jugendlichkeit dafür etwas ab. Das scheint ihm dann doch irgendwie bewusst geworden zu sein, und so gibt es beispielsweise eine herrliche Szene, in der er seinen Hut auf einen Haken werfen will, diesen aber verfehlt und er darüber nur schmunzelt – das ist alles so im Film geblieben. Jede Wette, dass das ursprünglich so nicht im Skript stand! Und so sind es eben vor allem jene bewussten Unsauberheiten – und das körperliche Talent von Horror-Ikone Caroline Munro (die man Hammer abluchste) – denen der Film seinen Unterhaltungswert zu verdanken hat.

Objekt der Begierde: die schöne Dia

Um mit besser ausgestatteten Fantasy- und Abenteuerfilmen aus Hollywood mitzuhalten, war das Budget einfach zu gering. Natürlich bringt der Zuschauer auch immer seine eigene Fantasie mit ins Kino, aber wenn er durch gut gemeinte, aber nicht überzeugend gestaltete Monster und Kulissen aus brüchigstem Pappmaché und eher niedliche als realistische Miniatureffekte immer wieder aus der Geschichte gerissen wird, ist es vielleicht mehr ein über den Film, als mit dem Film Lachen – was der Unterhaltung wie gesagt keinen Abbruch tut und ja von Cast und Crew durchaus auch gewollt scheint. Absolut routiniert und gar zu kunstvoll scheint die Kamera von Alan Hume, der später noch „Star Wars: Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ einfangen sollte. Qualität war da, fand jedoch nicht von allen Elementen der Produktion die volle Unterstützung.

Ein „Creature Feature“ in gelungener Edition

Kochs „Creature Feature“ Nummer 7 liegt hier in beeindruckender Bild- und Tonqualität vor. Schön, dass das original Postermotiv das Cover ziert und sofort in wohlige Sonntagnachmittag-Stimmung im Heimkino versetzt. „Creatures“ gibt es wahrlich genug und wenn schon nicht vollends überlegen und schon gar nicht furchteinflößend, so sind sie doch angenehm bizarr – wo sonst sieht man Dino-Warzenschweine beim Wrestling? Langeweile kommt jedenfalls nie auf. Dafür sorgt auch das in Kochs Reihe gewohnt sorgsam aufbereitete Bonusmaterial: Audiokommentar und Interview mit Regisseur Kevin Connor, Interview mit der liebenswerten Caroline Munro, Making-of, eine „Trailers from Hell“-Episode, die deutsche Super-8-Fassung, sowie Trailer und Bildergalerie sind ein Rundum-Sorglos-Paket und machen diese Edition für den Autor dieser Zeilen zur „Ultimate Edition“ des Films.

Die Reihe „Creature Feature“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Peter Cushing sind unter Schauspieler zu finden.

Fliegende telepathische Saurier!

Veröffentlichung: 22. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: At the Earth’s Core
GB/USA 1976
Regie: Kevin Connor
Drehbuch: Milton Subotsky, nach einer Vorlage von Edgar Rice Burroughs
Besetzung: Doug McClure, Peter Cushing, Caroline Munro, Cy Grant, Godfrey James, Sean Lynch, Keith Barron, Helen Gill, Robert Gillespie, Anthony Verner, Michael Crane
Zusatzmaterial: Deutscher und englischer Trailer, Audiokommentar, Interviews, Making-of, Super-8-Fassung, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 
 

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