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Archiv der Kategorie: Blu-ray/DVD

The Hitch-Hiker – Per Anhalter durch die Psychogalaxis

The Hitch-Hiker

Von Tonio Klein

Der folgende Text enthält ein paar Spoiler.

Thriller // Als titelgebender Hitch-Hiker (zu deutsch: Anhalter) ermordet Emmett Myers (William Talman) bereits in den ersten paar Minuten des Films in Südkalifornien vier Menschen. Kurz darauf bringt er auf der zu Mexiko gehörigen Halbinsel Niederkalifornien die beiden Freunde Roy Collins (Edmond O’Brien) und Gilbert Bowen (Frank Lovejoy) in seine Gewalt. Auf diese drei wird sich „The Hitch-Hiker“ im Folgenden konzentrieren.

Ausbruch aus Land und Eheroutine

Die Enge des Autos kontrastiert mit der Weite Mexikos – und mit der Fremde. Unsere drei sind nämlich US-Amerikaner, die alle eigentlich gar nicht sein sollten, wo sie sind. Killer Emmett Myers gehört hinter Schloss und Riegel, während Gil und Roy ihren Frauen das Ziel ihres Wochenendausflugs verschwiegen haben. Es entspinnt sich ein spannender, harter, direkter, reduzierter Thriller, in dem es zur Sache geht: Gewalt, Psychoduelle, Versuche, auf sich aufmerksam zu machen und zu fliehen, Standardsituationen wie eine Reifenpanne, parallel dazu die sich wie ein Spinnennetz zusammenziehende Fahndung. Kaum einmal Abwechslung, keine Ablenkung, keine Szenen mit anderen Hauptpersonen, und nicht mal Frauen kommen in diesem Film vor, kein love interest, keine Femme fatale. Wir haben keine andere Möglichkeit, als uns auf das Kidnapping zu konzentrieren, und tauchen dadurch umso tiefer ein, sind mit dabei, wenngleich der Thriller weder den Täter vermenschlicht noch einseitig zur Opferidentifikation nötigt.

Zu dieser auf die Extremsituation reduzierten Perspektive trägt beispielsweise auch die Filmmusik von Leith Stevens bei, die den rauen Charme eines B-Pictures ausstrahlt: immer wuchtig, immer bedrohlich, immer volles Orchester, ein besonders bedrohliches Thema wird oft wiederholt, filigran ist anders. Nur einmal scheint es eine Idylle zu geben, aber sie ist falsch. Ein klassisches Adagio ertönt aus dem Radio, doch das Picknick unserer drei könnte für zwei von ihnen das letzte sein. Vögel kreisen bereits, das wirkt zusammen mit der Musik zunächst fast idyllisch, aber halt: Sind das schon die Geier? „The Hitch-Hiker“ lässt das im Unklaren.

Dekonstruktion von Männlichkeit

Und der Film hat auch sonst einen beunruhigenden Subtext. Dieser kleine, harte Männerthriller, man mag es kaum glauben, wurde von einer Frau inszeniert, von Ida Lupino. Nun mag es etwas ungerecht sein, nur deswegen Ansatzpunkte von Feminismus zu suchen, aber einen Touch von Männlichkeits-Dekonstruktion kann man hier durchaus finden. 1953 entstanden, atmet „The Hitch-Hiker“ das Nachkriegstrauma des Mannes, der seinen selbigen stehen sollte und damit nicht immer gut zurechtkam – nicht umsonst sind Gil und Roy Kriegsveteranen. So furchtbar der Krieg war, aus ihrem Ehealltag wollen sie nun zaghaft ausbrechen. Gil betont einmal, dass er außer im Krieg noch nie so lange von seiner Frau getrennt war – gerade einmal ein vielleicht verlängertes Wochenende! Roy sehnt die Junggesellenzeit noch stärker herbei, will auf der Amüsiermeile einer kleinen Stadt am liebsten gleich mal in eine Bar mit Tänzerinnen gehen, aber Gil ist da zurückhaltender, also wird das nichts. Der Wert der Familie, der wurde beim Wiederzusammenführen der Familien und der moralischen Rekonstruktion nach dem Kriege großgeschrieben, aber er kann auch erdrückend sein.

Gil und Roy wollen sich ein bisschen Freiheit gönnen, sind aber im Grunde zaghaft und unfähig zur Revolte. Emmett hat das andere Extrem gewählt, er ist ein Outlaw, der nie etwas geschenkt bekommen und sich alles selbst genommen hat. Ein bisschen klischeehaft, aber letztlich doch stimmig erklärt er, dass er nicht das Glück hatte, in einer intakten Familie aufzuwachsen. Also wollte er erst gar nicht ein Leben führen, in dem man auf andere Rücksicht nehmen muss und sich bindet. Wie man es auch hat, mit Bilderbuchfamilie wie Gil und Roy oder mit Familienhölle wie Emmett – alle sind unzufrieden und versuchen völlig verschiedene Wege des Aufbegehrens zu gehen. Lupino lässt diese Wege brutal aufeinanderprallen wie die Film-noir-Ästhetik auf die Weiten des Roadmovies und die gleißende mexikanische Sonne.

„The Hitch-Hiker“ verfällt nicht dem Fehler, die Welten von Täter und Opfern zu sehr zu parallelisieren, schon allein, weil Gil und Roy sich deutlich unterscheiden. Gegen Ende ist es Roy, der Mühe hat, seine Aggressionen im Zaum zu halten. Eine klassische Situation des Geiselfilms bekommt so eine Metabedeutung: Emmett zwingt Roy zum Kleidertausch, und als schließlich die Polizei den dreien auflauert und die ersten Schüsse fallen, ruft Roy immer wieder: „I’m not Myers!“ Ja, da ruft er nicht nur die Polizisten, sondern auch sich selbst an, erschrocken über die Vorstellung, durch die Extremsituation sich zu Dingen hinreißen zu lassen, die die Grenzen zwischen Gut und Böse infrage stellen. Genau dies – Achtung, Spoiler – geschieht dann auch: Der scheinbar sauharte Emmett wird festgenommen, ist ohne Knarre auf einmal ein jammerndes Würstchen, und Roy schlägt blindwütig auf den Wehrlosen ein. Den letzten Satz – Gil sagt zu Roy: „It’s all right now.“ – versieht Lupinos Inszenierung deutlich mit einem Fragezeichen.

Ida Lupinos kleine Schwestern der A-Filme

Die US-Amerikaner in der Fremde waren auch in einer inneren Fremde, in einer Ausnahmesituation, und wir können einmal rätseln, wie sie künftig damit zurechtkommen werden. Lupino gibt indes einen hübschen Tipp, der für die Parallelisierung zwischen geografischer und emotionaler Fremde bezeichnend ist: Der besonnenere Gil ist der Einzige, der sich in der Landessprache Spanisch verständigen kann. Übrigens haben zwei Lupino-Regiearbeiten einen Vergleichsfilm aus ausgerechnet jeweils demselben Jahr: John Sturges inszenierte mit der berühmten Barbara Stanwyck 1953 „Sekunden der Angst“, der ähnlich „The Hitch-Hiker“ fragt, ob nicht auch die Angst vor dem Fremden und der Fremde so manche Kalamität auslöst. In diesem in Setting und Reduktion ähnlichen Roadmovie-Thriller hätte die Stanwyck-Figur eine Lebensgefahr für ihren Mann und ihren Sohn viel schneller abwenden könnten, wenn sie sich doch nur minimal auf Spanisch verständigen könnte. „Die Männer“ von 1950 wiederum ist der A-Film-Bruder von Lupinos „Lügende Lippen“. Beide Filme thematisieren den Umgang mit körperlichen Behinderungen, nur hatte „Die Männer“ mit Fred Zinnemann einen bekannten Regisseur, mit Teresa Wright einen Star und mit Marlon Brando einen kommenden Superstar, der hier seinen fulminanten Einstand gab. Alle vier Filme sind hervorragend, und die Lupinos sind die dreckigen kleinen, aber dabei doch so großen Schwestern.

„The Hitch-Hiker“ ist besetzt mit wenig bekannten Darstellern und in der Rolle des Roy dem mittelbekannten Edmond O’Brien („Die barfüßige Gräfin“). Interessant ist, dass William Talman, der hier den Schurken gibt, wieder als (diesmal tragischer und sympathischer) Schurke in „No. 5 Checked Out“ (1956) auftaucht; dies ist ein grandioser TV-Kurzfilm Lupinos. Und ausgerechnet die wunderbare Teresa Wright, in „Die Männer“ an der Seite eines Kriegsversehrten (Marlon Brando), spielt ihrerseits eine Versehrte. Ob das alles Zufall ist? Fest steht jedenfalls dies: „The Hitch-Hiker“ basiert lose auf dem seinerzeit aufsehenerregenden Fall des 1952 in San Quentin hingerichteten Serienmörders Billy Cook. Es ist nachweisbar, dass Lupino zum Beispiel durch gleiche Ortsnamen die Parallelen soweit verdeutlichte, dass jeder sie damals verstand, wiewohl das in der Handlung nur ein loser Anknüpfungspunkt ist.

Style Queen of the Bs

Die Regisseurin erweist sich im Übrigen nicht nur als wacher Geist eines sehr interpretationsfähigen Filmes, sondern sie vergisst dabei auch nicht das Unterhaltungshandwerk. Die ersten paar Minuten sind von einer meisterhaften Noir-Archetypik, die den Atem anhalten lässt. Kein Dialog, keine Gesichter, nur die bedrohliche Musik und die Taten des Hitch-Hikers. Man sieht Beine, hört einen Schrei, einen Schuss, sieht eine Tasche herunterfallen, einen Arm einer Toten aus der Autotür baumeln … Schnell, ökonomisch, nie hektisch, aber ohne Umschweife, mit hartem Noir-Punktlicht, sogar die rotierende Zeitung darf nicht fehlen. Und Lupino ist so gemein, das erste wirkliche Gesicht nicht als bewegtes Bild der Filmhandlung zu zeigen, sondern als Steckbrieffoto Emmetts auf einer Zeitung. Bevor der eigentliche Film losgeht, hat eine Montage bereits die Stimmung und die Gefahr etabliert und ihr ein Gesicht gegeben, das damit schon als eines definiert ist, das sich in die Erzählung (und in die Gesellschaft) nicht integrieren lassen will.

Lupino schildert später auch immer wieder in kurzen Einsprengseln die Polizeiarbeit in solchen Montagesequenzen, wie das gutes, effizientes Warner-Bros.-Handwerk seit den Dreißigern war. Aufschlussreich mag sein, dass sie als eines von mehreren Regievorbildern Raoul Walsh genannt hat. Dieser war ebenfalls versiert im harten, direkten, ökonomischen Erzählen, dennoch oft mit Mehrwert. Montagen einer groß angelegten Verbrecherjagd gibt es beispielsweise in Walshs „Entscheidung in der Sierra“ (1941), starring Ida Lupino. Zwischen den Montagesequenzen von „The Hitch-Hiker“ findet sich wie erwähnt diese irritierende Abwechslung von Enge und Weite, Schatten und sengender Sonne, aber es gibt auch fein durchkomponierte Gesichtsstudien. In einem markanten Psychoduell am Anfang haben wir genau einmal je eine Großaufnahme von allen dreien – was fühlt jeder jetzt wohl? – und gehen dann wieder zu Zwei- oder Drei-Personen-Einstellungen über. Diese lassen uns aber nicht unbedingt in wohlige Distanz zurückfallen, sondern verschaffen uns einen Gesamtüberblick, der die Beunruhigung noch steigert: Wir können einschätzen, was die Protagonisten vielleicht noch nicht einschätzen können. Ganz klassischer und guter Hitchcockscher Suspense durch Informationsvorsprung.

In der Arte-Mediathek verfügbar

„The Hitch-Hiker“ ist also, wie fast alles von Ida Lupino, ein Juwel unter den B-Pictures, das endlich einmal in einer vernünftigen deutschen Edition erscheinen sollte. Immerhin hat der deutsch-französische Kultursender Arte unter dem Titel „Die Filme von Ida Lupino“ vier ihrer Regiearbeiten und ein 2022 entstandenes 24-minütiges Porträt der Filmemacherin in seiner Mediathek platziert, darunter auch „The Hitch-Hiker“, der eigens für die Arte-Ausstrahlung den korrekt ins Deutsche übersetzten Titel „Der Anhalter“ verpasst bekam. Alle Filme, zu denen auch der erwähnte „Lügende Lippen“ zählt, können bis zum 7. Juli 2023 dort abgerufen werden.

Abschließend bin ich als Autor für 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin so frei, auf die Ausgabe 27 der Zeitschrift hinzuweisen. Darin gab ich, zunächst noch als Gastautor, meinen Einstand für das Magazin, und das ausgerechnet mit einem ausführlichen Text über – genau! – Ida Lupino. Wer daran oder an den anderen Themen der Ausgabe Interesse hat: Noch ist sie im Online-Shop verfügbar. Zudem wird im Februar das bereits hier vorbestellbare Sonderheft „Melodram“ erscheinen, zu dem ich vier Texte beisteuern durfte. Einer davon behandelt Lupinos „Der Mann mit zwei Frauen“ (1953), der ebenfalls an angegebener Stelle in der Arte-Mediathek verfügbar ist.

Veröffentlichung (USA): 20. Oktober 2022 und 24. September 2019 als DVD, 15. Oktober 2013 als Blu-ray

Länge: 70 Min. (Blu-ray), 71 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: The Hitch-Hiker
USA 1953
Regie: Ida Lupino
Drehbuch: Collier Young, Ida Lupino
Besetzung: Edmond O’Brien, Frank Lovejoy, William Talman, José Torvay, Sam Hayes, Wendell Niles, Jean Del Val, Clark Howat, Natividad Vacío
Zusatzmaterial: Audiokommentar der Filmhistorikerin Imogen Sara Smith
Label/Vertrieb: Kino Lorber Films (Blu-ray), Alpha Video (DVD 2022), KL Studio Classics (DVD 2019)

Copyright 2023 by Tonio Klein

Filmplakat & Packshots: Fair Use, Packshots auch: © Kino Lorber Films (Blu-ray),
Alpha Video (linke DVD), KL Studio Classics (rechte DVD)

 

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Under Your Bed – Der Stalker und die gepeinigte Ehefrau

Andâ yua beddo

Von Volker Schönenberger

Psychothriller // Naoto Mitsui (Kengo Kôra) liegt mucksmäuschenstill unter dem Bett von Chihiro Sasaki (Kanako Nishikawa). Er beobachtet sie – zumindest das, was er zu sehen bekommt. Sie verlässt den Raum, kehrt mit ihrem Ehemann zurück. Beide gehen zu Bett, haben sogleich Sex. Doch es hört und fühlt sich nicht natürlich an, von den Geräuschen geht keine Zärtlichkeit aus.

Under Your Bed

Rückblende in Naotos Kindheit und Jugend. Als Stimme aus dem Off bekennt er: Insekten unter einem Stein. Niemanden interessiert, wie sie geboren werden oder sterben. Ich bin eines dieser Insekten. Ich war immer der, der vergessen wurde. Im Schuljahrbuch fällt nicht mal seinen Eltern auf, dass er sich nicht auf dem Klassenfoto befindet. Er ist offenbar ein Niemand, ein Außenseiter und Eigenbrötler, sogar zu unauffällig, um von seinen Klassenkameraden gemobbt zu werden – immerhin etwas. In einer Universitätsvorlesung trifft er als junger Mann auf Chihiro. Die junge Frau ist freundlich zu ihm – die nach seinem Empfinden erste Person, die ihn als Mensch wahrnimmt. Naoto verliebt sich sofort. Ein paar Tage später bringt er ihr ein Aquarium, doch der Kontakt bricht ab.

Erschreckende Beobachtung

Elf Jahre später geht Naoto seine Angebetete immer noch nicht aus dem Kopf. Er beauftragt einen Privatdetektiv, sie zu suchen, was schnell von Erfolg gekrönt ist. Sie ist mit Kentaro Hamasaki (Ken’ichi Abe) verheiratet und hat ein Neugeborenes. Naoto eröffnet in ihrer Nähe ein Fachgeschäft für Aquaristik, mietet gegenüber vom Haus der Familie ein Appartement und beginnt, Chihiro zu beobachten. Etwa zehn Tage nach Beginn seiner Stalking-Aktivität beobachtet er erschreckt, wie Kentaro seine Ehefrau beim Abendessen demütigt und misshandelt.

Ein paar freundliche Worte – schon hat sich Mitsui unsterblich in Chihiro verliebt

„Under Your Bed“ hat seine Momente und strahlt eine sonderbare Faszination aus, krankt aber an einigen Missständen. Da ist zum einen Naotos Stimme aus dem Off, mittels der wir vieles erfahren. Unglücklicherweise ist sie so monoton gehalten, dass sie jede Spannung konterkariert. Obendrein sind die drei relevanten Figuren zu schnell auserzählt, eine Entwicklung kristallisiert sich nicht heraus: Naoto wurde als Kind offenbar emotional vernachlässigt, was seine Seele verkümmern ließ. Liebe kennt er nicht, sodass er die Liebe, die er empfindet, oder das, was er dafür hält, nur auf eine Weise ausleben kann: als Stalker aus der Distanz.

Die Ehehölle

Ebenso einsam wie er ist Chihiro, von der wir allerdings wenig mehr erfahren, als dass sie als Opfer in einer Ehehölle lebt und dies auf irgendeine Weise erduldet. Ihr Ehemann wiederum ist schlicht ein Arschloch (man verzeihe mir diese simplifizierende Psychologisierung). Ein Niemand, der im Job Frust schiebt und dies auf grausame Weise an seiner Ehefrau auslebt – mit Erniedrigungen, Prügel und sexualisierter Gewalt inklusive handfester Vergewaltigung. Einvernehmlicher Sex in der Ehe sieht jedenfalls anders aus. Und diese Szenen sind unangenehm anzuschauen, auch wenn die Kamera gnädig etwas daneben schaut und wir wenig Exploitatives zu sehen bekommen. Dennoch erscheint die FSK-Einstufung „Keine Jugendfreigabe“ für die ungeschnittene Fassung von „Under Your Bed“ allein schon aufgrund der Taten des Ehemanns berechtigt.

Mit 30 Jahren wird Mitsui …

Obendrein wirkt Naotos Eindringen und Verweilen im Haus der Eheleute recht unglaubwürdig. Ständig liegt er unter dem Bett, mal verbirgt er sich hinter einem Vorhang, mal schlicht in einem anderen Raum. Entdeckt wird er nie. Das mag möglich sein, überzeugt aber nicht. Okay, vielleicht dient es auch als Stilmittel, um Naoto noch mehr als jemanden zu charakterisieren, der von allen übersehen wird. Dazu passt auch seine monotone Stimme. Denkbar also, dass Regisseurin Mari Asato („Ju-On – Black Ghost“) all das bewusst eingesetzt hat. Es stört aber die Stimmung.

Aus dem Blickwinkel des Stalkers

Was „Under Your Bed“ trotz dieser Kritikpunkte reizvoll macht, ist die konsequent beibehaltene Stalker-Perspektive. Wir beobachten die üblen Geschehnisse um Chihiro und ihren Ehemann aus dem Blickwinkel von Naoto, stehen gewissermaßen neben ihm. Wird er eingreifen? Nach und nach wird immerhin sein inneres Ringen für uns greifbar. Er beginnt, seine Gefühle zu hinterfragen, und auch über Chihiros etwaige Sicht auf ihn nachzudenken, was ihn zu dem Schluss bringt: Ich bin nur ein Mann, mit dem sie vor elf Jahren einmal Kaffee getrunken hat.

… zum Stalker

Vereinzelt findet sich die Einordnung von „Under Your Bed“ als Erotikthriller. Ich halte dies für falsch. Für einen Horrorthriller sind meines Erachtens zu wenige Horrorelemente vorhanden, auch wenn sich die Romanverfilmung für horroraffine Filmfans durchaus eignet. Psychothriller erscheint mir als passende Schublade. Am Ende hinterlässt „Under Your Bed“ den Eindruck, Potenzial verschenkt zu haben. Welche japanischen Psychothriller könnt Ihr empfehlen?

Wird sich Chihiro je ihren Ehemann vom Leib halten können?

Veröffentlichung: 23. September 2022 als Blu-ray, DVD und Video on Demand

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Andâ yua beddo
JAP 2019
Regie: Mari Asato
Drehbuch: Mari Asato, nach dem Roman „Andâ yua beddo“ von Kei Ôishi
Besetzung: Kengo Kôra, Kanako Nishikawa, Ken’ichi Abe, Yûgo Mikawa, Ryôsuke Miyake
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow, Wendecover
Label: Busch Media Group
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2023 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2022 Busch Media Group

 

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War Sailor – Von der norwegischen Handelsmarine im Zweiten Weltkrieg

Krigsseileren

Kinostart: 9. Februar 2023

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // 1939 ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt im norwegischen Bergen angespannt. Die Jugendfreunde Alfred Garnes (Kristoffer Joner, „The Wave – Die Todeswelle“) und Sigbjørn Kvalen (Pål Sverre Hagen, „Einer nach dem anderen“) verdingen sich als Tagelöhner im Hafen. Wenn es denn mal Jobs gibt, bedeutet das harte Arbeit. Alfred kann kaum die Ernährung seiner Frau Cecilia (Ine Marie Wilmann, „Troll“) und der gemeinsamen Kinder Magdeli (Henrikke Lund Olsen), William (Armand Hannestad) und Olav (Noah Nygård) sicherstellen, weshalb er und Sigbjørn auf einem Handelsschiff anheuern, das die Atlantikroute zwischen Skandinavien und den USA befährt. In Europa ist gerade der Krieg ausgebrochen, aber noch ist das Land davon verschont geblieben (die Handlung setzt sieben Monate vor der am 9. April 1940 erfolgten deutschen Besetzung Norwegens ein).

Seeleute in Not!

Acht Monate später hat der Krieg den Frachter eingeholt. Kaum einmal gelingt es den Seeleuten, im Wasser treibende Schiffbrüchige wie den 15-jährigen Smutje Aksel Andresen (Leon Tobias Slettbakk) zu retten. Gemeinsam mit ihm, Hanna (Alexandra Gjerpen), Braathen (Arthur Hakalahti) und Monsen (Karl Vidar Lende) werden Alfred und Sigbjørn auf ein anderes Schiff abkommandiert. Der Zweite Weltkrieg hat gerade erst begonnen.

Alfred begibt sich in Gefahr

Der mit deutschen und norwegischen Fördermitteln produzierte „War Sailor“ berichtet davon, wie der Krieg zwei Freunde und die Familie des einen heimsucht und für immer zeichnet. Dabei konzentriert sich die Handlung in den ersten zwei Dritteln der langen Spielzeit von zweieinhalb Stunden weitgehend auf das Geschehen während der Seefahrt von Alfred und Sigbjørn. Die beiden verschlägt es nach Liverpool und Malta, immer wieder sehen sie Leidensgenossen sterben. Die kriegerischen Szenen kommen ohne spektakuläre Action aus und vermitteln doch in großer Intensität und physischer Wucht, welchen Gewalten die Seeleute ausgesetzt sind. Das sind starke Sequenzen, die von Menschen in Ausnahmesituationen erzählen, nah an den Figuren und frei von Pathos inszeniert. Mit geschickten Szenenwechseln gelingt es, die Menschen hinter den Namen der Gefallenen zu zeigen, selbst wenn ihnen zuvor nur wenig Leinwandzeit vergönnt war. Ein Abschied von Mitfahrenden wird so zu einer Verlesung der Namen der Toten eines versenkten Frachters. Ein vermeintlicher Drückeberger demonstriert den empörten Seeleuten in einem englischen Pub seine Fähigkeiten als Balletttänzer – kurz darauf treibt er mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Kämpferische Auseinandersetzungen zwischen Militärverbänden oder Soldaten bleiben dabei außen vor, ebenso die weltpolitische Gemengelage, was dem Film guttut. Beides zu ergänzen, hätte ihn womöglich überfrachtet.

Warten auf den Einsatz: Hanna, Sigbjørn (M.) und Alfred

Die Handlung springt chronologisch in den Kriegsjahren voran und wechselt gelegentlich nach Bergen, wo sich Cecilia abmüht, die drei Kinder durchzubringen. Das letzte Drittel spielt in den Nachkriegsjahren, in denen deutlich wird, dass der Krieg die Menschen, die ihn erlebt haben, niemals aus seinen Fängen lässt, sondern sie auf ewig prägt. Dies offenbart sich auf bedrückende Weise anhand des Schicksals von Alfred und seiner Familie bis in die 1970er-Jahre, auch wenn deren Seelenpein in der Nachkriegszeit fragmentarisch bleibt und nicht ausbuchstabiert wird. Heraus kam somit kein umfassendes Familienporträt, das Augenmerk liegt stets auf dem Krieg. In seiner Struktur mit drei Akten vor dem Krieg (wenngleich dieser Abschnitt kurz ausfällt), während des Krieges und danach ähnelt „War Sailor“ ein wenig Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ (1978) und John Woos „Bullet in the Head“ (1990), auch wenn die drei Filme jeweils eigenständige Schwerpunkte setzen.

Die Geschichte der Nortraship

Zum historischen Hintergrund der norwegischen Seefahrt während des Zweiten Weltkriegs: Die zum Zeitpunkt der deutschen Besetzung Norwegens auf See oder in ausländischen Häfen befindlichen Handelsschiffe des Landes wurden noch im April 1940 unter der Reederei Norwegian Shipping & Trade Mission (Nortraship) mit Sitz in London zusammengefasst. Sie dienten in den Kriegsjahren der Versorgung des Vereinigten Königreichs. Etwa 500 Schiffe und 3.000 Seeleute gingen verloren. Die Nortraship wurde 1958 aufgelöst. Die Aufarbeitung ihrer Aktivität und insbesondere ein Konflikt um einen Fonds zur späteren Auszahlung zusätzlicher Heuer dauerten bis in die 1970er-Jahre.

Auch Cecilia und ihre Heimatstadt Bergen bleiben vom Krieg nicht verschont

„War Sailor“ feierte seine Weltpremiere im August 2022 beim Norwegischen Filmfestival in Haugesund und machte im September Station beim Internationalen Filmfestival in Toronto, im Oktober beim Filmfest in Hamburg. Mit dem zeitlichen Fokus auf den Kriegsjahren zeigt das von Gunnar Vikene („Kill Billy – Harold räumt auf“) nach eigenem Drehbuch inszenierte Werk nach wahren Begebenheiten den Krieg und seine seelischen Folgen über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren, wobei die 1972 spielende Sequenz eher den Charakter eines Epilogs trägt. „War Sailor“ präsentiert uns einen durchaus anderen Blick auf die Schrecknisse des Krieges, als wir es von diesem Genre gewohnt sind. Ein beeindruckendes Werk, gerade in diesen Zeiten des Krieges und des Säbelrasselns. Heilt die Zeit alle Wunden? Wohl kaum.

Alfred gerät in Seenot

Länge: 150 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Krigsseileren
NOR/D/MAL 2022
Regie: Gunnar Vikene
Drehbuch: Gunnar Vikene
Besetzung: Kristoffer Joner, Pål Sverre Hagen, Ine Marie Wilmann, Henrikke Lund Olsen, Armand Hannestad, Leon Tobias Slettbakk, Alexandra Gjerpen, Arthur Hakalahti, Karl Vidar Lende, Mats Holm, Téa Grønner Joner, Daniel Berg, Oskar Hallaråker Hellesøy, Noah Nygård
Verleih: DCM

Copyright 2023 by Volker Schönenberger

Filmplakat & Szenenfotos: © 2023 Mer Film / DCM,
Szenenfotos auch: © Roxana Reiss (1–3), Stian Servoss (4), Mark Cassar (5)

 

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