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Archiv der Kategorie: Blu-ray/DVD

Die Konkubine – Erotischer Kampf um den Thron

Hoo-goong: Je-wang-eui cheob

Von Lucas Gröning

Drama // Cho Yeo-jeong kennt man hier im Westen wohl erst seit ihrem Auftritt in Bong Joon-hos Genremix „Parasite“ (2019). In ihrem Heimatland Südkorea ist die Schauspielerin dem Kinopublikum allerdings schon seit Längerem ein Begriff. Zunächst vor allem als Darstellerin im Fernsehen aktiv, feierte sie 2002 ihr Leinwand-Debüt in der Dating-Komödie „A Perfect Match“ und schaffte 2010 mit einer der Hauptrollen im Erotikfilm „The Servant“ ihren Durchbruch. Erotisch wurde es passenderweise auch in jenem Film, welcher sich direkt im Anschluss an „The Servant“ mit der Südkoreanerin schmücken durfte, nämlich „Die Konkubine“ (2012) von Kim Dae-seung, dem Regisseur von unter anderem „Bungee Jumping of Their Own“ (2001) und „Blood Rain“ (2005). „Die Konkubine“ ist ein, das kann man vorwegschicken, enorm interessanter Film, der eine vielfältige Themenpalette bearbeitet und deren Erläuterung ich mich im Folgenden mit kritischem Blick nähern möchte.

Hwa-yeon wollte eigentlich ein glückliches Leben mit Kwon-yoo führen …

Zunächst soll es kurz um die Geschichte gehen: Sie spielt in einem nicht genauer beschriebenen Dorf, welches sich um den Hof des Königs eines nicht weiter definierten Königreichs streckt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Hwa-yeon (Cho Yeo-jeong), Tochter eines wohlhabenden Mannes, welche zur Konkubine des gegenwärtigen Königs gemacht werden soll. Als sie davon erfährt, flieht sie jedoch mit ihrem Geliebten Kwon-yoo (Kim Min-joon) aus dem Ort, beide werden jedoch nach kurzer Zeit gestellt. Während Kwon-yoo getötet werden soll, wird Hwa-yeon vor die Wahl gestellt, sich als Konkubine in den Dienst des Königs zu stellen oder das Zeitliche zu segnen. Widerwillig wählt sie die erste Option und verbringt die nächsten Jahre am königlichen Hofe, wobei sie dem Herrscher ein Kind gebärt – den zukünftigen König. Doch nicht alle sind zufrieden mit dem Status Quo, denn die Mutter des Königs (Park Ji-young) verfolgt ganz eigene Pläne und würde lieber ihren anderen Sohn Sung-won (Kim Dong-wook) an der Spitze des Reiches sehen, gerade weil sich der junge Prinz als äußerst manipulierbar und passiv in seiner Regierungsarbeit erweisen könnte. Sung-won wiederum zeigt zunächst zwar keine eigenen Ambitionen, den Thron zu besteigen, jedoch hat er bereits seit Langem ein Auge auf Hwa-Yeon geworfen und könnte die Gelegenheit ergreifen wollen, seine sexuellen Fantasien mit der Konkubine des Königs auszuleben. Im Folgenden entfaltet sich ein Spiel aus Intrigen, Begehren, Sex und Macht und man darf gespannt sein, wer die komplizierte Auseinandersetzung zu seinen Gunsten entscheiden kann.

Ein neues Genre?

Betrachten wir im Folgenden im Rahmen einer Analyse die einzelnen Aspekte und ästhetischen Kniffe von Kim Dae-seungs Werk und jene Themen, mit denen der Film uns Rezipienten konfrontiert. Beginnen möchte ich mit einer Klassifizierung des Genres, denn hier wird es bereits ein wenig komplizierter. Traut man dem Booklet des Mediabooks von capelight pictures, handelt es sich hierbei um ein fiktional-historisches Drama und somit um ein komplett neues Genre, was innerhalb des Textes zum Genre des faktional-historischen Dramas abgegrenzt wird. Was ist also der Unterschied? Als faktional-historisches Drama wird im Text ein Werk bezeichnet, das erfundene, aber glaubwürdige Geschichten und Figuren mit geschichtlich belegten Ereignissen kombiniert. Ein fiktional-historisches Drama wie „Die Konkubine“ wiederum, erfinde sogar das historische Setting, wobei der Film in einer unbestimmten, vergangenen Zeit an einem ausgedachten Ort spielt, sodass eine metaphorische Überprüfung unserer gegenwärtigen Realität erfolgen soll. Ich muss an dieser Stelle anfügen, dass ich diese Unterscheidung etwas schwierig finde und es mir nicht anmaßen möchte, dem Film in diesem Zusammenhang die Erfindung eines neuen Genres zuzugestehen, wie das der Booklet-Text handhabt.

… doch sie zur Konkubine des Königs gemacht …

Die beschriebene Differenzierung ist in gewisser Weise problematisch, denn ich würde einen Film schlicht nicht als historischen Film oder historisches Drama bezeichnen, wenn keine direkten und konkreten Bezüge zu bestimmten geschichtlichen Ereignissen festgeschrieben sind. Beim Nachdenken über jene Genrekategorisierung bin ich mit meinen Gedanken vor allem bei chinesischen Wuxia-Filmen hängen geblieben, die zwar oftmals eine grobe historische Verortung vorgeben, beispielsweise bei „Tiger and Dragon“ (2000) und „Hero“ (2002), in deren Rahmen sich die historischen Tatsachen jedoch zu keiner Zeit in den Vordergrund drängen, sodass diese Filme eigentlich auch nicht als Historienfilme zu betrachten sind. Gleiches gilt beispielsweise auch für die Filme von King Hu, exemplarisch „Das Schwert der gelben Tigerin“ (1966) und „Ein Hauch von Zen“ (1969), die jene historische Verortung gleich komplett ausblenden, jedoch offensichtlich nicht im Hier und Jetzt spielen. Was macht man außerdem mit einem Film wie Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957), der sich zwar grob im europäischen Mittelalter Schwedens zur Zeit der Kreuzzüge und der Pest verorten lässt (also grob in der Mitte des 14. Jahrhunderts), mit seiner Thematisierung der prozessionsgetriebenen Hexenverbrennung allerdings eher einen Bezug zur Renaissance (grob 15. und 16. Jahrhundert) zieht und sich somit durch eine Kombination verschiedener Settings einer Historisierung entzieht? In keinem der genannten Beispiele reden wir von einem Historienfilm, und ich finde dass wir das im Falle von „Die Konkubine“ ebenfalls nicht tun sollten, sodass der Film vielleicht eher als reines Drama bezeichnet werden könnte, ohne dem Begriff ein weiteres Attribut anzuhängen – am ehesten vielleicht noch das Wort Erotik angesichts der sehr expliziten Sex-Szenen, die tatsächlich einen eklatanten Unterschied zu vergleichbaren Werken darstellen.

Die Inszenierung von Erotik

Kommen wir zur Ästhetik des Films. Diese stellt eine sichtbare Geplantheit und Künstlichkeit in den Vordergrund, indem die Aufnahmen von klar erkennbaren Bildstrukturen gekennzeichnet sind. Das bedeutet nicht zwangsläufig einen Fokus auf Symmetrie, aber in jedem Fall auf eine koordinierte Verteilung der im Bild gezeigten Objekte, sodass ein optisches Gleichgewicht hergestellt wird. Sinn und Zweck der dadurch erreichten formalen Harmonie ist ein Herstellen von Harmonie auf der Handlungsebene, einer Harmonie, die den Versuch kennzeichnet, eine Kontrollierbarkeit der dargestellten Welt durch alle Beteiligten zu initiieren. Dass jene Kontrollierbarkeit angesichts der zahlreichen Interessenskonflikte nur schwer zu erreichen ist, überträgt sich wiederum auf die Ebene der Bildordnung, denn gerade in brenzligen oder angespannten Situationen gerät diese in eine Schieflage, sodass sich die Mise en scène weit weniger kunstvoll und geordnet gestaltet, als dies zuvor der Fall war, einhergehend mit Kniffen wie beispielsweise einer etwas wackligeren Kamera zum Aufzeigen von Hektik. Bemerkenswert ist auch die Beleuchtung des Films, denn sie dient vor allem der Inszenierung seiner Hauptfigur und einer Übertragung der sexuellen Faszination, die Hwa-yeon bei anderen Figuren der Geschichte hervorruft.

… während Kwon-yoo getötet werden soll

So haben wir in fast jeder Einstellung, in der die Protagonistin zu sehen ist, einen separaten Lichtspot, der dafür genutzt wird, sie oder zumindest ihr Gesicht von den übrigen Figuren und Objekten abzuheben – eine Strategie die in Bezug zu ihren anderen Körperteilen ebenfalls verfolgt wird, wenn die Szenen an Erotik gewinnen. Zum anderen dient auch der sichtlich höhere Schärfegrad einer Sexualisierung der Figur und dem Hervorrufen von erotischen Gefühlen für die Protagonistin auf Seite der Rezipienten. Dies merkt man gerade bei den im Schuss-Gegenschuss-Verfahren inszenierten Dialogen, wenn bei der Protagonistin fast jede Pore auf der Gesichtshaut zu erkennen ist, während die Einstellungen, welche ihre Gesprächspartner zeigen, zwar auch recht scharf gestellt sind, das Erkennen derartiger Details jedoch nicht zulassen. So inszeniert „Die Konkubine“ eine extreme Nähe zur Hauptfigur – eine Nähe, die andere Figuren des Films nur zu gern einnehmen würden, allen voran der junge Prinz Sung-won. So wird uns Zuschauerinnen und Zuschauern also eine besondere Intimität mit Hwa-yeon gewährt. Neben der hohen Schärfe und der separaten Beleuchtung wird sie außerdem im Rahmen der angesprochenen klaren Bildstruktur mit auffälliger Häufigkeit ins Zentrum der Einstellung gesetzt. All das sind ästhetische Kniffe, die in jenen Szenen, in denen die Protagonistin nicht anwesend ist, schlichtweg fehlen, sodass andere Figuren inszenatorisch zu keinem Zeitpunkt auf die Höhe der Konkubine gehoben werden.

Sex und Gewalt

Dafür ist ein anderer Aspekt dominierend, wenn die Hauptfigur abwesend ist: die Gewalt. Immer mal wieder kommt es zu Morden, physische Verletzungen bis hin zu Kastrationen und zu gewaltsamen verbalen Auseinandersetzungen in Form von zum Beispiel Drohungen. Die verbalen Scharmützel sind dabei gar nicht so explizit, die Gewaltdarstellungen sind es durchaus. Zwar werden sie selten im Bildmittelpunkt gezeigt, die Andeutungen teilweise enorm brutaler Handlungen sind aber durchaus schwer verdaulich und begünstigen eine psychisch-angelegte Inszenierung im Kopf des Zuschauers. Diese Gewaltversprechen bilden neben den Sexszenen die größte Form der Überschreitung von Sehgewohnheiten eines Mainstream-Zuschauers und sind ästhetisch enorm spannend inszeniert. Beide Formen haben innerhalb des Films jedoch wenig mit der grundsätzlichen Lebenswelt von Hwa-yeon zu tun, deren Charakter uns als äußerst unschuldig gezeigt wird und deren Körper nur durch Zwang oder im Rahmen von erotischen Fantasien in jene expliziten Sexszenen gepresst wird. Die sexuelle Konnotation, welche die Konkubine hervorruft, entsteht vielmehr durch die bereits skizzierte Art der Inszenierung und die dadurch beim Zuschauer hervorgerufenen Fantasien. Sie ist quasi Opfer, zum einen einer sowieso innerhalb der Filmlogik von Männern geschaffenen Dorfwelt, zum anderen ist sie Opfer der Machart des Films und fungiert somit für ein sexuell aufgeladenes Publikum und eine voyeuristisch-geprägte Inszenierung des Regisseurs als Objekt der Begierde zur Befriedigung der jedem von uns innewohnenden Schaulust.

Hwa-yeon verrichtet also am Hofe ihren Dienst …

Doch diese Schaulust wird gebrochen und in dieser Hinsicht kann man „Die Konkubine“ als durchaus feministischen Film verstehen, der sich in der Tradition der britischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey und somit auch von Siegmund Freud lesen lässt. Generell ist vor allem der Psychoanalytiker hilfreich beim Lesen von „Die Konkubine“, denn das dominierende Thema des Films sind Fragen rund um Macht und wer diese ausübt. Wer hat überhaupt Macht über wen? Wie kommt man an die Macht? Braucht man für die Macht ein spezielles Amt? Führt ein Machtwechsel auch zu einer Umkehr von Täter und Opfer? Muss man die Macht für den Frieden vielleicht aufteilen? Mit all jenen Aspekten der Macht und Gewalt beschäftigt sich der Film und lädt diese Fragestellungen symbolisch teils sehr stark auf. So haben wir es natürlich mit einer ganzen Reihe von Phallussymbolen zu tun und passenderweise auch mit den bereits erwähnten Kastrationen sowie ausgerechnet mit Eunuchen, welche die Dienerschaft der Königsfamilie darstellen. Diese breite und recht eindeutige Symbolpalette führt schlussendlich zu einer recht klaren Lesart des Films und lässt tatsächlich nur wenige andere zu. „Die Konkubine“ forciert mit allen Aspekten eine Eindeutigkeit, die nur sehr schwer in eine andere Richtung zu kippen ist und seinem Publikum eine eindeutige Botschaft vermitteln soll, die dazu noch sehr demokratisch daherkommt.

Es geht immer um Macht

Das sind mit Sicherheit die positiven Seiten von „Die Konkubine“. Der Film ist inszenatorisch nicht brilliant, aber sehr gut, er vermittelt eine klare und ideologisch (zumindest aus meiner Perspektive) positive Botschaft und ist mit seiner Thematisierung von Machtverhältnissen in einer Gesellschaft auch aktuell noch voll im Trend – gerade wenn es um die Berücksichtigung feministischer Theorie und der Psychoanalyse geht. Es gibt jedoch auch ein bisschen was zu meckern. Zwar vermittelt das Drama eine sehr klare Botschaft und hat mit den Machtfragen ein klares übergeordnetes Thema, jedoch werden diese Aspekte dem Zuschauer quasi ins Gesicht gedrückt und im Film sogar im Rahmen von Monologen und Dialogen erwähnt. So gibt es einen Dialog zwischen zwei langjährigen Eunuchen, an dessen Ende einer der beiden mehrfach sagt: „Immer geht es um die Macht.“ Das ist eine Zeile (und es gibt noch mehrere dieser Art), die sich indirekt an den Zuschauer richtet, wobei dieser das Thema bis dahin eigentlich bereits verstanden haben sollte. Kim Dae-seung vertraut hier seinem Publikum leider zu wenig und lässt auch nicht den Raum, tatsächlich noch eine andere Lesart in „Die Konkubine“ zu finden als die von ihm anvisierte. Vor diesem Hintergrund haben wir es vielleicht mit einer demokratischen Botschaft zu tun, aber nicht unbedingt mit einem demokratischen Film, da ein solcher zwingend den Glauben an einen mündigen und selbstständig denkenden Zuschauer in sich tragen sollte.

… zu dem auch das Zeugen eines Kindes für den König gehört

Der zweite größere Kritikpunkt hat indirekt mit dem ersten zu tun, denn die Klarheit, mit welcher der Film seinen Punkt transportiert, führt dazu, dass die Rezipienten jene interessanten Aspekte der vorgetragenen Themen recht schnell kognitiv herausarbeiten können. Das Problem ist, dass ab diesem Zeitpunkt gerade einmal die Hälfte von „Die Konkubine“ abgelaufen ist. Der Rest des Films besteht lediglich aus einer Aneinanderreihung von Szenen, welche die aufgeworfenen Themen zwar vertiefen, besonders nennenswerte neue Aspekte, die man sich nicht selbst denken kann, bleiben jedoch aus. So entsteht schnell eine Langeweile, welche der Film durch die angesprochenen Gewalt- und Sexszenen zu unterbrechen versucht, was aber nur mit Mühe gelingt. Dennoch ist „Die Konkubine“ mehr als sehenswert, denn man bekommt ein spannendes Drama, welches durchaus intelligent durch seine Handlung führt und die angesprochenen Themen in famoser Weise bearbeitet. Im Booklet des Mediabooks finden sich außer dem angesprochenen Genrediskurs auch kurze Porträts von Regisseur Kim Dae-seung sowie den Darstellern Cho Yeo-jeong und Kim Dong-wook. DVD, Blu-ray und Mediabook von „Die Konkubine“ können im Onlineshop von capelight pictures geordert werden.

Alle als „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Sung-won hat ein Auge auf die Konkubine geworfen

Veröffentlichung: 30. Juli 2021 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Hoo-goong: Je-wang-eui cheob
KOR 2012
Regie: Kim Dae-seung
Drehbuch: Hwang Yoon-jung, Kim Dae-seung, Kim Mi-jung
Besetzung: Cho Yeo-jeong, Kim Dong-wook, Kim Min-joon, Park Ji-young, Jo Eun-ji, Park Cheol-min
Zusatzmaterial: Trailer, 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Lucas Gröning

Szenenfotos & 3er-Packshot: © 2021 capelight pictures

 

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Werewolves of the Third Reich – Die glorreichen Bastarde und die Nazi-Lykanthropen

Werewolves of the Third Reich

Von Volker Schönenberger

SF-Horror-Action // Ich mag Werwölfe. Gegenüber Vampiren und Zombies sind die haarigen Kreaturen etwas unterrepräsentiert, weshalb ich mich stets freue, Filme zu finden, die bei „Die Nacht der lebenden Texte“ die Werwolf-Rubrik vergrößern. Sie dürfen auch gern aus den Niederungen des Horrorsektors auftauchen, und wenn es um „Werwölfe des Dritten Reichs“ geht, besteht sogar Hoffnung auf ein trashiges Schenkelklopfer-Vergnügen. So viel sei schon jetzt verraten: Die Hoffnung erfüllt sich nicht so recht.

„Inglourious Basterds“ in trashig

„Werewolves of the Third Reich“ setzt im Deutschen Reich des Jahres 1944 mit einer Szene ein, die mir klar von Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009) inspiriert erscheint, genauer: von der Szene in der Taverne. Hier ist es „Mad Dog“ Murphy (Lee Bane), der in einer Kneipe hinter den feindlichen Linien ein paar Drinks kippt. Als ein SS-Offizier die Pinte betritt, kommt es zu einem Gespräch auf des Messers Schneide, an dessen Ende eine kurze Schießerei entbrennt. Weil ein Kamerad ihn einmal zu oft „Mad Dog“ genannt hat, schießt Murphy diesem kurzerhand eine Kugel ins Bein. Drehbuchautor und Regisseur Andrew Jones versucht sich in dieser Szene an ausgefeilten Dialogen, aber selbstredend geht ihm das Talent eines Quentin Tarantino dafür ab. Bemerkenswert genug für einen Trash-Film ist das allemal.

Die „Bitch of Buchenwald“

Auch in der Folge wird viel geredet, womöglich viel zu viel für den geneigten Trash-Fan. In der nächsten Szene stellt sich die blonde Nazi-Aufseherin Ilsa Koch (Suzie Frances Garton) ein paar KZ-Häftlingen vor, zu denen ihr Ruf als „Bitch of Buchenwald“ bereits vorgedrungen ist. Sie ist offenbar an medizinischen Experimenten beteiligt, die Häftlinge sind Probanden wider Willen. Einen von ihnen mit einer auffälligen Tätowierung schickt sie anderswo hin – wir ahnen, weshalb.

Kurzauftritt Adolf Hitler

Nächste Szene – Adolf Hitler (Oliver Fritz) persönlich, im Gespräch mit Doktor Josef Mengele (Neville Cann). Das Kriegsglück hat sich für die Nazis gewandelt, nun sind Geheimwaffen gefragt – etwa neuartige Kreaturen, zwischen Mensch und Wolf, die Mengeles Experimente hervorbringen sollen.

Die Handlung springt munter hin und her. Irgendwann sind wir bei einem Lkw der US Army angelangt, auf dem sich Murphy, sein Kumpel Billy „The Butcher“ (Derek Nelson) sowie „Fighting Joe“ Kane (Darren Swain) und „Reckless“ Reggie Brown (Kwame Augustine) befinden. Das Quartett steht wegen Insubordination unter Arrest, die vier sollen in ein US-Militärgefängnis überführt werden. Einen Überfall durch Nazis später sind sie in Freiheit und beschließen, zusammenzubleiben, um sich fortan ihrer Lieblingsbeschäftigung zu widmen: Nazis zu töten.

Die Eheleute Koch und Mengele

Mittlerweile haben wir erfahren, dass Doktor Mengele und Ilsa Koch miteinander verheiratet sind. Dass das in Wahrheit nicht der Fall war und die beiden einander womöglich nie begegnet sind, verbuchen wir unter künstlerischer Freiheit. Da haben sich schon ganz andere die Historie nach eigenem Ermessen zurechtgebogen. Der Einbau von Ilsa Koch darf als kleine Hommage an den berüchtigten Exploitation-Klassiker „Ilsa, She Wolf of the SS“ (1974) gewertet werden. Und immerhin übernahm Andrew Jones aus der Biografie der echten Ilse (!) Koch ihren Ruf, Affären nicht abgeneigt zu sein: Mengeles Gemahlin vergnügt sich gern mit dem SS-Offizier Becker (Francesco Tribuzio), was ihn für den Forscher zum perfekten Kandidaten für den ersten Werwolf macht. Da sind wir dann auch endlich bei den titelgebenden Kreaturen. Eine satte Stunde geht ins Land, bevor es zur ersten Verwandlung kommt. Bald darauf treffen die vier renitenten US-Soldaten am KZ ein, sodass nun endlich etwas Leben in die Bude kommt.

Dialoge, Dialoge, wir wollen Dialoge! Selten einen derart gesprächslastigen Trash-Film gesehen. Andrew Jones ist zweifellos großer Fan von Quentin Tarantino und hat dann auch begriffen, dass Dialogregie eine von dessen Stärken ist. Nicht begriffen hat Jones leider, dass dies nicht seine eigene Stärke ist. Das heißt nicht, dass man als Zuhörer hier befürchten muss, Ohrenkrebs zu bekommen – Trash-Erprobte haben schon ganz anderes durchlitten; die Texte der vier coolen Amis haben mir sogar einigermaßen gefallen; die Zeilen der Nazis fallen demgegenüber stark ab. Durch die vielen Unterhaltungen schleichen sich einige Längen ein, die den einen oder anderen Trash-Fan mittendrin zur Aufgabe zwingen könnten. Ihnen entgeht in dem Fall ein Showdown, der mit ein paar Faustkämpfen und Schusswechseln aufwartet. Mehr wäre hier mehr gewesen, das hätte sich Jones von seinem Vorbild Tarantino abgucken sollen.

Zu wenig Screentime für die Werwölfe

Tricks und Maske befinden sich auf bewährtem Trash-Niveau. Das gilt für das CGI-Blut der diversen Kopfschüsse ebenso wie für die Fratzen der insgesamt nur zwei Werwölfe, die man nur deshalb als solche erkennt, weil der Film sie im Titel nennt. „Werevolves of the Third Reich“ wird viele zu Recht enttäuschen, die sich ein zünftiges Trash-Spektakel erhoffen. Der markige Titel und das Aufeinandertreffen von vier Nazi-Hassern mit Frau Koch und Herrn Mengele versprechen viel mehr, als Regisseur Andrew Jones am Ende einlöst. Das gilt erst recht bezüglich der Werwölfe, die denkbar kurz in Erscheinung treten. Zu einem bedeutsamen Vertreter der Naziploitation wird sich das Werk wohl nicht entwickeln. Ich bin auf eine nur schwer erklärbare Weise dennoch nicht enttäuscht. Zum einen verspreche ich mir von Trash-Filmen sowieso nie besonders viel; zum anderen finde ich die dialogverliebte Herangehensweise ungewöhnlich genug, sodass sich „Werewolves of the Third Reich“ immerhin etwas vom üblichen Trash-Einerlei abhebt – wenn auch nicht qualitativ, so doch in puncto Originalität. Wer im deutschen Handel nicht fündig wird, möge sich nicht wundern – der Streifen ist hierzulande nie erschienen. In den USA und im Vereinigten Königreich gibt es ihn auf DVD.

Veröffentlichung (USA): 5. Dezember 2017 als DVD
Veröffentlichung (GB): 19. Februar 2018 als DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Werewolves of the Third Reich
GB 2017
Regie: Andrew Jones
Drehbuch: Andrew Jones
Besetzung: Lee Bane, Darren Swain, Derek Nelson, Kwame Augustine, Neville Cann, Annabelle Lanyon, Francesco Tribuzio, Jared Morgan, Patrick O’Donnell, Suzie Frances Garton, Lee Mark Jones, Oliver Fritz
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb USA: Alliance Entertainment
Label/Vertrieb GB: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Packshots: © Alliance Entertainment (l.), Sony Pictures Entertainment

 

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Planet des Grauens (1956) – Science-Fiction von vorgestern über übermorgen

World Without End

Von Andreas Eckenfels

SF-Abenteuer // Keine Verbindung mehr mit „XRM“! Auf der Erde des Jahres 1957 macht man sich Sorgen: Der Kontakt zu den vier US-Raumfahrern John Borden (Hugh Marlowe), Dr. Eldon Galbraithe (Nelson Leigh), Herbert Ellis (Rod Taylor) und Henry Jaffe (Christopher Dark) ist kurz vor dem geplanten Anflug auf den Mars abgebrochen. Tatsächlich spielen die Instrumente an Bord der „XRM“ verrückt, das Raumschiff nimmt plötzlich eine rasende Geschwindigkeit auf und die Besatzung wird bewusstlos. Als die vier Männer wieder erwachen, finden sie sich auf einer verschneiten Bergspitze wieder. Das Raumschiff ist nicht mehr zu gebrauchen. Nach dem beschwerlichen Abstieg stellen sie bald fest: Sie sind auf der Erde gelandet! Aber wo sind all die Menschen und Städte hin?

Gleich darauf droht Gefahr: Erst müssen sich die Gestrandeten riesenhafter Spinnen erwehren – zum Glück hat man noch ein paar Revolver im Gepäck –, dann werden sie von Mutanten angegriffen. Auf der Flucht können sich die Männer in eine Höhle retten, in der sich eine Tür befindet, die sich automatisch öffnet und hinter ihnen wieder schließt. Eine Stimme befiehlt ihnen, ihre Waffen abzulegen. Gesagt, getan, wenn auch widerwillig. Dann geben sich ihre Gastgeber zu erkennen. Deren Anführer Timmek (Everett Glass) erklärt: Es ist das Jahr 2508! Sie sind die Nachfahren der letzten Menschen. Ein Atomkrieg im 22. Jahrhundert hatte fast die gesamte Erdenbevölkerung ausgelöscht, einige wenige konnten sich unter die Oberfläche retten und bauten dort eine Hightech-Stadt auf. Aufgrund der Radioaktivität hat sich seit Jahrhunderten kaum mehr jemand nach oben getraut. Diese ist zwar inzwischen so gut wie verflogen, aber die Mutanten bleiben eine ständige Bedrohung. John Borden und seine Männer beschließen, den Unterirdischen beim Kampf gegen die Mutanten zu helfen, damit sie auf der Erdoberfläche ein neues Leben beginnen können. Aber schaffen es die Astronauten auch, ihr Raumschiff wieder flottzukriegen und in ihre Zeit zurückzureisen?

Plagiat von „Die Zeitmaschine“?

„Planet des Grauens“ galt Mitte der 1950er-Jahre als eines der Prestige-Projekte für die Produktionsfirma Allied Artists, die dem Image des Billig-Studios entfliehen wollte. Dem Film wurde ein höheres Budget als üblich zur Verfügung gestellt, es wurde in Farbe sowie im Cinema-Scope-Format gedreht und auch die Laufzeit war mit knapp 80 Minuten etwa 10 bis 20 Minuten länger als die üblichen „B“-Movies zu dieser Zeit.

Schon einige Jahre vor seinem Durchbruch mit „Die Zeitmaschine“ (1960) durfte Rod Taylor (1930–2015, „Die Vögel“) hier eine Reise in die Zukunft unternehmen. Und auch sonst gibt es einige Verweise zum berühmten Roman von H. G. Wells (1866–1946) – so viele, dass die Erben des Autors sogar eine Klage gegen die Macher von „Planet des Grauens“ anstrengten. Tatsächlich lässt sich konstatieren, dass in dem Science-Fiction-Abenteuer von Regisseur und Drehbuchautor Edward Bernds (1905–2000) neben der Zeitreise-Thematik auch die Herrschaftsverhältnisse vorkommen, im Vergleich zum Wells-Klassiker räumlich aber umgedreht worden sind: Während bei Bernds die Mutierten, im Film „Bestien“ genannt, die Erde beherrschen und die Menschen unter der Erde leben, gibt’s im Roman die unterirdischen Morlocks, welche die oberirdischen Eloi als Nahrung vorhalten. Ob das für einen Plagiat-Vorwurf ausreicht?

Gummispinnen greifen an!

Die Spezialeffekte wirken heute doch schon mehr als antiquiert, dennoch charmant-nostalgisch: Das Raumschiff ist bei den Flugaußenaufnahmen ziemlich platt und flattert herum wie aus Pappe gebaut – und wenn man die „furchterregenden“ Riesen-Gummispinnen sieht, mit denen die vier Männer kämpfen müssen, kann man sich ein Lachen nicht verkneifen. Die Viecher hätten auch in ein Machwerk von Ed Wood bestens hineingepasst. Immerhin sind die Masken der „Bestien“ recht gut gelungen und weitgehend abwechslungsreich – sie sehen aus wie Steinzeitmenschen inklusive Pelzbekleidung, die meisten von ihnen sind Zyklopen, haben aber keine übergröße Statur.

Von der Hightech-Welt der Unterirdischen, in der um die 2.000 Menschen leben sollen, sieht man leider reichlich wenig. Ein paar Wohnräume und ein großer Saal – das war’s! Für die futuristischen Designs wurde eigens der peruanische Pin-up-Zeichner Alberto Vargas (1896–1982) engagiert, dessen Einfluss man besonders an den Kostümen erkennen kann.

Fragwürdiges Weltbild

Die Grundgeschichte des Science-Fiction-Abenteuers könnte auch aus einer „Raumschiff Enterprise“-Folge stammen. Während die Kultserie zehn Jahre später auf Diversität und Völkerverständigung setzte, ist die Geschichte von „Planet des Grauens“ allerdings sehr stark in ihrer Zeit verwurzelt. Das Weltbild, welches transportiert wird, ist heutzutage schon als fragwürdig zu bezeichnen: Die Menschen unter der Erde wollen in Frieden leben, Waffen wurden aufgrund der Atomkatastrophe abgeschafft. Sie haben sich in ihrem Schicksal ergeben, stehen sogar vor dem Aussterben, da es nur noch wenige Kinder gibt. Also ist der erste Gedanke der Neuankömmlinge, dass sie die primitiven „Bestien“ oben besiegen müssen, um so die Herrschaft zurückzuerobern, um im Anschluss die „Wilden“ zu zivilisieren. Natürlich geht das nur mit Waffengewalt, die als einzige Lösung angeboten wird. An eine Kommunikation zwischen den Kulturen wird kein Gedanke verschwendet. Die Männer werkeln auch sogleich am Waffenbau und blasen kurzerhand mit einer selbst entwickelten Bazooka zum Angriff auf die „Bestien“.

Auch das Frauenbild ist eher von vorgestern, ein latenter Sexismus schwingt ständig in den Dialogen mit. So bekommt Rod Taylor als Herbert von einer der Damen zu hören, nachdem er oberkörperfrei nach einer Dusche herumspaziert: Donnerwetter, haben sie aber Muskeln, viel mehr als unsere Männer. Worauf er schelmisch antwortet: Tja, ich habe in meiner Jugend schon viel arbeiten müssen, weil ich zu dämlich war und von der Schule flog, ein typischer Muskelprotz ohne Gehirn. Während die männlichen Unterirdischen zum Großteil steril sind und bereits ein hohes Alter haben, sind die Frauen jung und vital – warum wird nicht erklärt – und froh über jede Art von Abwechslung. Bald können sich die Astronauten nicht mehr vor den Flirtversuchen erwehren – und wollen es auch nicht.

Und plötzlich kommt es, wie es kommen muss: Eifersucht, was es bei dem pazifistischen Volk wohl seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat, macht sich bei dem Ratsmitglied Mories (Booth Colman) breit. Dann wird auch noch jemand mit einem Revolver erschossen. So schnell ist die Gesellschaft zurück in längst vergessene Verhaltensweisen. Das haben die vier Männer aus den 1950ern ja prima hinbekommen …

Kurioser Oscar-Fauxpas

Es fällt schwer, über die reaktionäre Handlung von „Planet des Grauens“ hinwegzusehen, denn hinterfragt wird das Verhalten nicht. Aber wie gesagt: Der Film ist ein Produkt seiner Zeit, leidlich unterhaltsam ist das Werk dennoch und verfügt für das Genre über ordentliche Schauspielerleistungen. Hugh Marlowe hatte mit „Der Tag, an dem Erde stillstand“ (1951) bereits in einem weitaus fortschrittlicheren Science-Fiction-Meisterwerk mitgespielt. Rod Taylors Durchbruch sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Dagegen hätte man von Edward Bernds, der in den 1930ern als Tontechniker an vielen Frank-Capra-Werken beteiligt war, eine weniger plakative Herangehensweise erwarten können. Immerhin hatte er gemeinsam mit Elwood Ullman 1957 für das Skript zur Komödie „High Society“ eine Oscar-Nominierung erhalten. Allerdings nur durch einen kuriosen Fauxpas: Die Academy-Mitglieder wollten die Nominierung eigentlich an John Patrick für dessen Arbeit an dem Bing-Crosby-Musical „Die oberen Zehntausend“ vergeben, der im Original ebenfalls „High Society“ heißt. Es kam schlicht zu einer Verwechslung! Die Oscar-Jury entschuldigte sich bei Bernds und Ullman und die Nominierung wurde zurückgezogen. Anschließend drehte Bernds mit „Raumrakete X 7“ (1958) und „In den Krallen der Venus“ (1958) – mit einem Auftritt von Zsa Zsa Gabor – zwei weitere Science-Fiction-Filme, in letzterem nutzte er auch Sets und Modelle aus „Planet des Grauens“. 1959 inszenierte Bernds „Die Rückkehr der Fliege“ (1959) mit Vincent Price, für das er auch das Drehbuch beisteuerte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Rod Taylor haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Juli 2017 als Blu-ray, 10. Juni 2016 als DVD in der „Jules Verne – Meisterwerke“-Box, 26. Juni 2015 als DVD

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: World Without End
USA 1956
Regie: Edward Bernds
Drehbuch: Edward Bernds, Shawn Smith
Besetzung: Hugh Marlowe, Nancy Gates, Nelson Leigh, Rod Taylor, Lisa Montell, Shawn Smith, Christopher Dark, Everett Glass
Zusatzmaterial: Original-Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Endless Classics
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Unterer Packshot: © 2017 Endless Classics

 
 

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