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Archiv der Kategorie: Blu-ray/DVD

Ninja – Die Killermaschine: Ein Shinobi im Wilden Westen

Enter the Ninja

Von Lucas Gröning

Action // Wenn man Kinder fragt, was sie werden wollen, wenn sie erwachsen sind, kommen vermutlich viele Antworten, die sich auf die jeweils aktuelle, oder auch die historisch gewachsene Popkultur beziehen. Einige werden antworten, dass sie sich als Cowboy Schussduelle im wilden Westen liefern wollen, einige wollen ihr Schwert wie ein glorreicher Ritter für die Krone des Königs schwingen, wiederum andere wollen wie Luke Skywalker oder Rey mit einem Lichtschwert gegen die bösen Sith in den Kampf ziehen. All diese Beispiele werden durch eine spezifische Eigenschaft geeint: den Kampf. Die Anwendung von Gewalt fasziniert uns bereits in Kindertagen und diese Faszination lässt uns, einmal implementiert, für den Rest unseres Lebens wohl nicht mehr los.

Cole absolviert erfolgreich seine Ausbildung zum Ninja

Ein weiteres Beispiel für eine Figur, die sich in die vorher benannte Reihe problemlos einfügen könnte, ist der Ninja. Ich für meinen Teil war bereits als Kind fasziniert von den dunklen, vermummten Gestalten, die in der Lage sind, sich durch die Nacht zu schleichen und ihre Feinde auf die leise, unbemerkte Weise auszuschalten. Stets wohnte diesen Figuren eine mysteriöse, unergründliche Seite bei, und die eigentlichen Motive ihres Handelns blieben, wie sie selbst, im Dunkeln. Dadurch werden die im feudalen Japan entstandenen Assassinen zum einen extrem interessant, zum anderen wohnt ihren schnellen, präzisen Kampftechniken etwas unglaublich, nun ja, Cooles bei.

Vom Regisseur von „Delta Force“

Umso mehr freute ich mich auf den Film „Ninja – Die Killermaschine“ von Menahem Golan, produziert im Hause Cannon Films. Der Israeli ist vor allem bekannt für seine Regiearbeiten „Delta Force“ (1986) mit Chuck Norris und „Over the Top“ (1987) mit Sylvester Stallone sowie als einer der beiden Köpfe von Cannon Films. Für „Enter the Ninja“, so der Originaltitel, holte sich Golan erneut einen absoluten Superstar an seine Seite, der die Hauptfigur seines Filmes spielen sollte: Franco Nero. Der Italiener erlangte weltweit Berühmtheit für seine Darstellung der Figur Django in Sergio Cobuccis gleichnamigem Italowestern von 1966, der außer vielen inoffiziellen Fortsetzungen mit „Djangos Rückkehr“ (1987) auch ein offizielles Sequel nach sich zog, in welchem Nero erneut mitwirkte. Fortsetzungen hat auch „Ninja – Die Killermaschine“ zu bieten. In „Die Rückkehr der Ninja“ (1983) und „Die Herrschaft der Ninja“ (1984) übernahm jedoch nicht mehr Franco Nero die Hauptrolle, sondern ausgerechnet ein Darsteller, der im ersten Film einen der Gegenspieler des Italieners mimt: Shō Kosugi, für den „Ninja – Die Killermaschine“ das Leinwanddebüt markierte. Der Streifen war Startschuss dafür, dass sich Kosugi in den 80er-Jahren zu einem der profiliertesten Darsteller für Ninja-Filme entwickelte.

Folglich nimmt Cole den Kampf gegen eine Vielzahl von Verbrechern auf, doch …

Nun zum Film selbst, in welchem ein gewisser Zachi Noy („Eis am Stiel“) eine Nebenrolle als „The Hook“ hat: Die Story erzählt sich relativ gradlinig und unkompliziert: Der Amerikaner Cole (Franco Nero) will unbedingt in den Rang eines Ninjas erhoben werden und muss für diese Ehre eine letzte Prüfung bestehen. Nachdem er diese erfolgreich hinter sich gebracht hat, wird er von seinem Meister, sehr zum Missfallen seines Kontrahenten Hasegawa (Shō Kosugi), zum Ninja ernannt. Hasegawa sieht Cole aufgund seiner amerikanischen Abstammung als unwürdig des Ranges eines Shinobi an. Im Anschluss verlässt Cole den Orden, um seinen alten Freund Frank (Alex Courtney) auf den Philippinen zu besuchen. Frank, mit dem Cole vor langer Zeit gemeinsam beim Militär war und dort im angolanischen Buschkrieg gekämpft hat, ist inzwischen zum Alkoholiker mutiert und lebt mit seiner Frau Mary Ann (Susan George) auf einem Anwesen. Die beiden besitzen darüber hinaus Teile des umliegenden Landes und stellen diese als Arbeitsfläche für die Einheimischen zur Verfügung. Schon bald wird Cole klar, dass das idyllische Leben trügerisch ist, denn die Schergen des Immobilienmoguls Venarius (Christopher George) tyrannisieren die Bevölkerung und versuchen alles, um Frank dazu zu bringen, ihrem Boss das Areal zu überschreiben. Nun ist es an Ninja Cole, sich dem Despoten in den Weg zu stellen. Nach einigen verherrenden Niederlagen ersucht Venarius selbst die Hilfe eines Ninjas, der sich dem Neuankömmling in den Weg stellen soll, womit die Stunde von Coles altem Rivalen Hasegawa schlägt.

Eine Orgie der Gewalt

Viele Gedanken kamen mir beim Sichten des Films in den Sinn und lange fragte ich mich, was das übergeordnete Thema von Menahem Golans Film ist. Geht es um die Macht des raubtierhaften Kapitalismus, der auch vor kriminellen Handlungen nicht zurückschreckt, um sich die Schwächsten der Gesellschaft einzuverleiben? Geht es, in diesem Zusammenhang, um das Klären von Eigentumsverhältnissen zwischen dem Großkapital und dem Kleinbürgertum? Bearbeitet der Film Fragen von Rassismus und der Zuschreibung von Identitäten aufgrund von Herkunft? Nach dem Sichten muss man sagen: Es ist all das und doch nichts davon. „Ninja – Die Killermaschine“ zieht all diese Themen auf, mal mehr mal weniger stark, weigert sich jedoch, sie konsequent zu bearbeiten. Stattdessen nimmt er eine klare Position in all diesen Bereichen ein und konzentriert die jeweiligen Gegenseiten in den Antagonisten des Films, namentlich in Venarius und seinen Schergen. Diese repräsentieren das kriminelle, bösartige, rassistische Großkapital. Folglich fällt es auch uns Zuschauern einfach, diese als Antagonisten fern jeder Ambivalenz anzunehmen und ihnen bis zum Finale nur das Schlechteste zu wünschen. Cole, Frank und Mary Ann wiederum repräsentieren die Gegenseite. Cole zieht als strahlender, die Antagonisten bekämpfender Held die Zuschauer ganz automatisch auf seine Seite, Frank wirkt mit all seinen Problemen und seiner dennoch kämpferischen Art sympathisch und Mary Ann zieht als sich um ihren Mann sorgende und kümmernde, aber dennoch emanzipierte Frau ganz automatisch die Sympathien auf sich. Diesen krassen Gegensatz und diese klare Klassifikation in Gut und Böse nutzt der Film, um der Seite der Antagonisten eine Welle der Gewalt entgegenzuschleudern, die vom Zuschauer schon fast nicht mehr hinterfragt werden kann. Dafür landete „Ninja – Die Killermaschine“ 1983 auf dem bundesdeutschen Index, 2008 erfolgt turnusmäßig nach 25 Jahren die Listenstreichung.

Wildwest auf den Philippinen

Neben dem Zuschauer ist es auch der Staat, der die dort herrschenden Konflikte nicht hinterfragt. Im Gegensatz zum Zuschauer nimmt er jedoch nicht einmal mehr eine klare Position ein, er enthält sich dem laufenden Konflikt gänzlich. Die Länderein auf den Philippinen werden so zu einem unkontrollierten, gesetzlosen Raum, in dem stattdessen das Recht der Stärkeren gilt. In gewisser Weise erinnert die dargestellte Welt an den Wilden Westen, der sich ebenfalls durch eine teils rechtsfreie Zone auszeichnet, womit eine direkte Referenz an die Schauspielkarriere von Hauptdarsteller Franco Nero gegeben ist. Gerade der von ihm verkörperte Cole versucht, anstelle des Staates die Ordnung wiederherzustellen und der unkontrollierten Macht der Tyrannei Einhalt zu gebieten. In dieser Rolle des klassisch-westlichen Helden macht Nero einen hervorragenden Job, eine allzu große Herausforderung wird an ihn jedoch nicht gestellt. Er gibt den sympathischen Strahlemann, verhaut die bösen Jungs und spendiert dem Zuschauer ab und an ein paar ganz witzige One-Liner. Lediglich in den Passagen, in denen Nero tatsächlich in das Kostüm eines Ninjas schlüpft und mit der Eleganz eines Shinobi gegen die heraneilenden Feinde kämpft, fremdelt er mit seiner Rolle. Es sind Passagen, die charakterlich so gar nicht zu Neros eigener Existenz als Darsteller, aber auch nicht zu seinem generell sehr an einen Cowboy angelehnten Charakter passen wollen. Die geistliche, nachdenkliche, und in sich gekehrte Identität als Shinobi tut sich schwer damit, sich mit der zu vereinbaren, die Cole repräsentiert, wenn er als Zivilbürger unterwegs ist. Die dadurch entstehende Unglaubwürdigkeit ist die wohl größte Schwäche des Films.

… bald stellt sich ihm sein alter Feind Hasegawa in den Weg

Es bleibt nicht die einzige. Die Kulissen sind teilweise recht lieblos und detailarm gestaltet, die Bilder zeugen in den meisten Fällen von wenig Innovation und die Dialoge wirken in weiten Teilen schon recht trashig. Wenn man allerdings in der Lage ist sich auf diesen trashigen Charakter einzulassen, wird man mit „Ninja – Die Killermaschine“ recht viel Spaß haben können. Wer sich sich allerdings auf die Suche nach einem ernsten Ninja-Film mit glaubwürdigen Darstellern, vielschichtigen Figuren und vielleicht auch spektakulären Actionsequenzen begibt, ist bei Golans Werk an der falschen Adresse.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2019 und 22. Mai 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Enter the Ninja
Alternativtitel: Die Rache des Ninja
USA 1981
Regie: Menahem Golan
Drehbuch: Dick Desmond
Besetzung: Franco Nero, Susan George, Shô Kosugi, Christopher George, Alex Courtney, Will Hare
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow
Label 2019: HanseSound
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Studio Hamburg Enterprises

 

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A Tale of Two Sisters – Grandios-merkwürdiges Horror-Meisterwerk

Janghwa, Hongryeon

Von Lucas Gröning

Horrordrama // „Das ist alles merkwürdig. Das Haus ist merkwürdig und auch diese Frau ist merkwürdig.“ Es sind Sätze, die die junge Soo-mi Bae (Lim Soo-jung) zu ihrer jüngeren Schwester Soo-yeon Bae (Moon Geun-young) sagt und die die Situation der beiden in Kim Jee-wons Horrorfilm „A Tale of Two Sisters“ zum einen passend zusammenfassen und zum anderen nicht einmal im Ansatz dessen gerecht werden, wohin sich dieses Meisterwerk des koreanischen Kinos mit fortlaufender Spielzeit hin entwickelt. Im Jahr 2003 erschienen, war dieser Film der erste koreanische Horrorfilm, der es in die US-amerikanischen Kinos schaffte. Zahlreiche Lobpreisungen seitens der Journaille sowie Auszeichnungen folgten. So gewann das Horrordrama beim Filmfestival Fantasporto im Jahr 2004 den Preis für den besten Film. Regisseur Kim Jee-woo, der auch das Drehbuch schrieb und später unter anderem mit „A Bittersweet Life“ (2005) und „I Saw the Devil“ (2009) sowie seinem US-Ausflug „The Last Stand (2013) mit Arnold Schwarzenegger für Aufsehen sorgen sollte, wurde für seine Regiearbeit ausgezeichnet. Auch seine Darsteller, die in ihren folgenden Filmen wohl nie wieder so gut waren und im Anschluss an „A Tale of Two Sisters“ lediglich in weitgehend kleineren Produktionen auftraten, räumten fleißig Preise ab. Lim Soo-jung bekam beim Fantasporto Filmfestival für ihre Darstellung den Preis als beste Nebendarstellerin. Darüber hinaus gewann Soo-jung beim Pusan International Film Festival 2003, sowie bei den Blue Dragons Awards desselben Jahres den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin. Yum Jung-ah wiederum gewann für ihre Darstellung beim Brussels International Fantastic Film Festival 2004 den Silbernen Raben. Jede Menge toller Schauspielleistungen sehen wir also in diesem Film, doch diese sollen bei Weitem nicht alles gewesen sein, was „A Tale of Two Sisters“ großartig macht.

Das Unausgesprochene

Kommen wir nur kurz zur Story, denn viel sollte man tatsächlich nicht wissen, bevor man sich entschließt, „A Tale of Two Sisters“ anzusehen: Die Geschwister Soo-mi Bae und Soo-yeon Bae kehren nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt zurück in ihr altes Zuhause. Neben den Geschwistern leben dort ihr Vater (Kim Kap-soo) und ihre Stiefmutter (Yum Jung-ah). Schnell kommt es zu Spannungen innerhalb der Familie, besonders die Beziehung der autoritären, auf Ordnung bedachten Stiefmutter zu den Kindern gestaltet sich als schwierig und bietet Nährboden für Konflikte. Der Vater indes wirkt seltsam abwesend und hat es schwer, eine Beziehung zu seinen Mitmenschen aufzubauen. Es wird schnell klar: Irgendetwas Unangenehmes, Unausgesprochenenes trennt die verschiedenen Parteien voneinander, und nur langsam wird dem Zuschauer offenbart, welch dunkle Geheimnisse die Familie umgeben.

Zwei Schwestern kehren nach langer Zeit nach Hause zurück

Fortan werden wir auf eine unheimliche Reise mitgenommen, deren Ende, so viel sei vorweggenommen, bis zum letzten Frame des Filmes und darüber hinaus ungewiss bleibt. Kim Jee-woons Regiearbeit führt uns quer durch die Geschichte des Horrorfilms und zitiert fleißig einige der größten Werke des Genres. So finden wir unter anderem Anleihen von „Der Exorzist“ (1973), „Shining“ (1980), „Poltergeist“ (1982) und „Ju-On“ (2002). Diese Referenzen verkommen jedoch nicht zum reinen Selbstzweck, vielmehr entsteht in „A Tale of Two Sisters“ etwas vollkommen Neues und Eigenständiges, das auch 16 Jahre nach seinem Release immer noch zu fesseln weiß und über die komplette Laufzeit von fast zwei Stunden eine ungeheure Spannung aufrechterhält. Hinzu beeinflusste der Film auch spätere Horrortrips wie „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018) oder „Ich seh, ich seh“ (2014) merklich und schaffte es so selbst in den erlesenen Kreis zitierwürdiger Werke.

Ein Meisterwerk

Auch abseits der Referenzen auf andere Filme bietet „A Tale of Two Sisters“ genügend Eigenständigkeit, um auch ohne Kenntnis der großen Vorbilder ein Erlebnis zu bieten. Wie bereits erwähnt ist es die unglaubliche Spannung, die den Film ausmacht und dem Zuschauer kaum Raum zum Durchatmen lässt. Eine omnipräsente Bedrohung umkreist die Protagonisten und nie kann man sicher sein, dass die Gefahr nicht einige Meter weiter um die Ecke wartet. Doch wer sind überhaupt die Protagonisten? Mehrmals schlägt der Film Haken in verschiedene Richtungen, lässt uns unsere Auffassung und unsere Sehgewohnheiten hinterfragen, und immer wieder fühlen wir dadurch mit Figuren der Geschichte mit, die wir wenige Minuten zuvor noch abgrundtief gehasst haben. Wer ist hier gut und wer ist böse? Wer ist hier eigentlich in Gefahr? Von wem oder was geht die Gefahr überhaupt aus? War diese Szene überhaupt Teil der Wirklichkeit? Was ist überhaupt wahr und was ist Fiktion? Wenn es real ist, wessen Realität folge ich gerade? Und wenn es Fiktion ist, wessen Fiktion bin ich gerade gefolgt? All diese Fragen stellt der Film und lässt uns am Ende mit nur wenigen Antworten, aber sehr vielen Gedanken zurück. All das zeigt Kim Jee-won zudem in unglaublich schönen, bis ins Detail perfekt komponierten Bildern, die durch ihre Anordnung zum einen ästhetisch wertvoll wirken, zugleich aber extrem unterkühlt und oftmals übertrieben artifiziell, sodass ihnen stets etwas überidisch Unheimliches innewohnt. All dies wird mit einem äußerst beklemmenden Soundtrack garniert und heraus kommt einer der besten Horrorfilme seit der Jahrtausendwende.

Dort kommt es zu Spannungen mit der Stiefmutter

Ich kann mich nur wiederholen: „A Tale of Two Sisters“ ist ein Meisterwerk und eine Sichtung, am besten jedoch mehrere, soll an dieser Stelle dringendst empfohlen werden. Welch ein Glück dass capelight pictures den Film kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht hat. Die gewohnt sorgfältig produzierte Edition enthält den Film als Blu-ray und DVD. Im 24-seitigen Booklet selbst findet sich der großartige Text „Hakenschlagen – Der bekannte Fremde Kim Jee-woon“ von Lucas Barwenczik, in dem die Biografie, die Ideologie hinter der Auswahl der Filme des Regisseurs und dessen Filmografie allgemein beleuchtet wird. Darüber hinaus bietet der Text eine Themenanalyse der bisherigen Werke von Kim Jee-woon und gibt Einblick in dessen Arbeitsweise. Zusätzlich finden sich auf den Datenträgern zahlreiche Extras. So kann man den Film mit Audiokommentaren des Regisseurs und der Darstellerinnen anschauen. Außerdem finden sich dort ein Making-of, entfallene Szenen, Interviews mit den Darstellern, eine Analyse der Erzählstruktur des Films durch den Regisseur, ein Interview mit selbigem, in dem er über die Faszination Horrorfilm ganz im Allgemeinen spricht, ein Kommentar eines Psychiaters zu den Vorkommnissen im Film, ein Video in denen die Beteiligten Erinnerungen an die Dreharbeiten preisgeben und zu guter Letzt ein Trailer zum Film. Bemerkenswert, dass „A Tale of Two Sisters“ hierzulande erst jetzt auf DVD erscheint – sowohl als Teil der Mediabook-Edition als auch als Einzel-DVD. Die deutsche Erstveröffentlichung von 2014 beschränkte sich auf die Blu-ray. Seinerzeit hat übrigens „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Matthias Holm dem Werk bereits eine Rezension angedeihen lassen.

Die Situation droht allmählich zu eskalieren

29. November 2019 als Limited 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 23. Januar 2014 als Blu-ray

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Janghwa, Hongryeon
KOR 2003
Regie: Kim Jee-won
Drehbuch: Kim Jee-won
Besetzung: Lim Soo-jung, Moon Geun-young, Yum Jung-ah, Kim Kap-su, Lee Seung-bi, Park Mi-Hyun
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur und Darstellerinnen, entfallene Szenen, Making-of, Interviews mit den Darstellern, Analyse der Erzählstruktur von Regisseur Kim Jee-won, Kim Jee-won über die Faszination des Horrorfilms, Erinnerungen an die Dreharbeiten, Der Film aus der Sicht eines Psychiaters
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2014: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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Anna – Matroschka Nikita

Anna

Von Lars Johansen

Actionthriller // Relativ am Anfang des Films verkauft die Titelfigur Anna (Sasha Luss) Matroschkas auf einem Markt. Bekanntermaßen sind das die russischen Figuren aus Holz, die sich öffnen lassen und in denen immer neue Matroschkas stecken. Irgendwann bist du bei der letzten angelangt und wenn du sie in einer Reihe aufstellst, steht dort immer die gleiche Figur, nur eine kleiner als die andere. Vielleicht kann man so am ehesten Luc Bessons Arbeiten der vergangenen Jahre beschreiben. „Lucy“ (2014) ist eine actionorientierte und gut choreografierte Science-Fiction-Variation von „Nikita“ (1990), ohne dessen Niveau zu erreichen. Die Verfilmung einer damals 50 Jahre alten Comicserie (die bei uns als „Valerian und Veronique“ veröffentlicht wurde) „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (2017) ist die kindgerechte Fassung von „Das fünfte Element“ (1997), der von der gleichen Vorlage sehr stark beeinflusst war. Und „Anna“ ist erneut „Nikita“ mit Elementen von den nicht von Besson, aber nahezu zeitgleich gedrehten „Atomic Blonde“ (2017) und „Red Sparrow“ (2018).

„Ich bin nicht Nikita, kapiert?“

Unschwer ist zu erkennen, dass man immer wieder bei dem beinahe 30 Jahren alten „Nikita“ landet, der nicht nur ein direktes amerikanisches Remake, sondern auch mindestens zwei aus Hongkong, diverse Imitate aus aller Welt und gleich zwei Fernsehserien (1997–2001; 2010–2013) nach sich zog. Die Geschichte handelt von einer drogensüchtigen jungen Frau, die nach einem Polizistenmord im Knast landet, von einer obskuren Regierungsorganisation befreit, für tot erklärt und zu einer Auftragsmörderin ausgebildet wird. Der Film wurde damals von der Kritik verrissen, entwickelte sich aber zu einem gigantischen Publikumserfolg und tatsächlich wahren Kultfilm. Er wirkte stilbildend für das Actionkino der 90er und erzählte eine neue, unverbrauchte Geschichte, die zur Abwechslung einmal eine starke Frau in den Mittelpunkt stellte, welche als Actionheldin mit gebrochener Biografie überzeugte. Wenn dann noch eine Ikone wie Jeanne Moreau als Lehrmeisterin mitwirkt, schlägt das gleichzeitig den Bogen zur französischen Filmgeschichte.

Luc Besson und die Frauen

Seit „Nikita“ spielen häufig solche starken Frauenfiguren eine wichtige Rolle in Bessons Kino-Universum. Auffallend oft werden diese von sehr jungen Frauen gespielt, manchmal auch ehemaligen Models, die bei ihm zum ersten Mal in größeren Rollen auftreten. Oftmals werden sie dann auch noch seine Partnerinnen im Leben, sodass der Eindruck entsteht, seine Filmarbeit mit ihnen gehe weit über eine reine Arbeitsbeziehung hinaus. Dieses geradezu Obsessive vermag intensive Filmerlebnisse zu erzeugen, wie zum Beispiel bei „Johanna von Orleans“ (1999), in dem seine Ehefrau Milla Jovovich so stark spielte, wie es ihr danach nie wieder gelingen sollte. Kennengelernt hatte er die damals Elfjährige zwölf Jahre zuvor beim Dreh für einen Werbespot von L’Oréal. Mit der dreizehnjährigen Natalie Portman drehte er 1994 „Léon – Der Profi“, in dem sie zur Killerin wird. Immer wieder sind es im wahrsten Sinne des Wortes männermordende Kindfrauen, die er hier einsetzt.

Rosa Klebb

„Anna“ ist die etwas verschachtelt erzählte x-te Variation dieses Themas. Für das russische Model Sasha Luss ist es ihr zweiter Filmauftritt nach einer Minirolle in Bessons „Valerian …“. Sie ist eine drogensüchtige junge Russin, die Ende der 80er-Jahre versucht, sich in Moskau durchzuschlagen. Der KGB macht ihr ein Angebot, das sie nicht abschlagen kann und sie wird zu einem männermordenden Mannequin in Mailand, Moskau und dem Rest der Welt. Als die CIA ihr auf die Schliche kommt, muss sie in der Wendezeit von 1989 zwischen den beiden Weltmächten lavieren. Sie soll sogar den Chef des KGB ermorden. Das klingt nicht nur nikitaesk, das ist es auch, ganze Handlungsstränge werden repetiert, aus dem fehlenden Ausgang beim ersten Auftrag im Original wird eine ungeladene Waffe in „Anna“. In beiden Fällen muss die Heldin unerwartet improvisieren. Helen Mirren spielt die Jeanne-Moreau-Rolle als völlig aus der Zeit gefallene Version von Lotte Lenyas Rosa Klebb in „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963). Man wartet fast auf eine Giftspitze im Schuh. Luke Evans auf russischer und Cillian Murphy auf amerikanischer Seite teilen sich die Ausbilderrolle, die in „Nikita“ mit Tchéky Karyo besetzt worden war. Ihr Freund und Liebhaber im Alltag ist hier zu einer Modelkollegin geworden, mit der sie eine homosexuelle Beziehung zu haben scheint, die aber keine große Rolle für die Handlung spielt, was der Dramatik nicht unbedingt bekommt.

„Ihr Auftrag, Nikita.“

Immer wieder sehen wir einer Variation des besseren Originals zu. Das beginnt schon damit, dass „Anna“ in der gleichen Zeit wie „Nikita“ spielt, ohne dass dieser Zeitbezug sich wirklich herstellt. Mobiltelefone, Laptops, mobile Datenspeicher und SUVs tauchen auf, die es so zu dieser Zeit nicht gegeben hat. Dadurch bekommt die Geschichte, die eigentlich in einem sehr konkreten historischen Kontext spielt, etwas eigenartig Zeitloses, als sei es Besson vollkommen egal, wo und wann die Geschichte verortet wird. Die verschachtelte Erzählweise, die immer wieder vor und zurück springt, nutzt sich schon nach relativ kurzer Zeit ab, denn eigentlich verläuft sie immer nach dem gleichen Schema. Wir sehen eine Handlung, die uns dann mit einer Rückblende erklärt wird. Da sind wir wieder bei der Matroschka, denn in jeder Szene steckt eine andere. Leider sind die Erklärungen eher banal und lassen sich kilometerweit vorausahnen, was die Spannung beträchtlich mindert.

Ein künftiger Kultfilm?

Aber vielleicht ist es auch hier der Kritiker, der sich irrt, und ein künftiger Kultfilm wartet auf uns. Eigentlich gefällt mir die Idee sehr gut, einen Film wieder und wieder zu drehen, bis er endlich die perfekte Version seiner selbst geworden ist. Aber das Problem ist, dass Besson es zwar versucht, dabei aber von Mal zu Mal etwas mehr nachlässt, so als seien die alten Ideen aufgebraucht und die neuen nicht zu gebrauchen. Die Actionszenen sind ordentlich choreografiert, gehen aber nicht über das hinaus, was er vor 30 Jahren gemacht hat. Da haben mittlerweile andere Regisseure größere Maßstäbe gesetzt. Die politisch brisante Situation der späten 80er wird leichtfertig verschenkt und zu kleinen Privatfehden der beteiligten Personen umgedeutet. Das nimmt dem Plot die gesamtgesellschaftliche Brisanz, die er entwickeln könnte. Nun war Gesellschaftskritik nie die Stärke oder überhaupt ein Anliegen Bessons, dem es in seinen Geschichten eigentlich fast immer eher um durchschnittliche Menschen in Ausnahmesituationen ging, die über sich hinauswachsen mussten. Der Look der Filme spielte in Bessons Karriere durchgehend eine größere Rolle als der Inhalt. Das liebt oder hasst man an seinen Werken. Wenn es einen gleichgültig lässt oder gar ein wenig langweilt wie bei „Anna“, dann ist das ein Alarmsignal. Der Luc könnte ganz gut etwas neuen Input vertragen.

„Sehe ich so etwa aus wie Nikita?“

Die Qualität der Blu-ray ist sehr gut, die Extras sind knapp gehalten, gehen aber in Ordnung. Kein Pflichtkauf, aber für Besson-Enthusiasten ein energisches „Vielleicht“.

„Sag mal, bist du jetzt eigentlich Nikita oder nicht?“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Luc Besson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Helen Mirren unter Schauspielerinnen, Filme mit Luke Evans und Cillian Murphy in der Rubrik Schauspieler.

„Na gut, von mir aus: Dann bin ich eben Nikita.“

Veröffentlichung: 28. November 2019 als 4K UHD Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Anna
F 2019
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Besetzung: Sasha Luss, Helen Mirren, Cillian Murphy, Luke Evans, Lera Abova, Alexander Petrov, Nikita Pavlenko, Anna Krippa
Zusatzmaterial: Making-of-Featurettes („Die Kostüme“, „Der Restaurant-Kampf“, „Die Produktion“, „Die Verfolgungsjagd“), Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Lars Johansen

Felix Leiter

Szenenfotos & Packshot: © 2019 Studiocanal Home Entertainment

 

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