RSS

Archiv der Kategorie: Blu-ray/DVD

Extremity – Geh an deine Grenzen: Terror im Spukhaus

Extremity

Von Lucas Knabe

Horror // Der Besuch einer Geisterbahn oder eines Spukhauses kann zeitweilig ein aufregendes und amüsantes Unterfangen darstellen. Man begibt sich meist zu Fuß oder auf Schienen auf den Weg durch die Attraktionen, während links und rechts mehr oder minder unliebsame Schockeffekte warten, die so manch zartbesaitetes Gemüt gehörig erschrecken. Für diejenigen, die nach solch einer Attraktion blaue Augen, Platzwunden, Knochenbrüche und ein adrenalingeladenes Zittern des eigenen Körpers verlangen, bietet das sogenannte „Haunted Entertainment“ die passende Gelegenheit, um seine Grenzen und Ängste auszuloten – kein Ort für die Therapie einer psychisch labilen Frau, sollte man meinen. Doch genau dieses Experiment wagte der begabte Regisseur Anthony DiBlasi („Her Last Will“) in seinem neuen Film „Extremity – Geh an deine Grenzen“: Er stellt die psychologischen und gewaltsamen Erfahrungen einer bereits stark traumatisierten Frau in voyeuristischer und weiterführender Weise in den Kontext.

Die „perfekte“ Kandidatin

Die junge Allison (Dana Christina) entschließt sich, den ultimativen Horror am eigenen Leib zu erfahren. Nachdem sie sich als geeignete Bewerberin erweist, fährt sie zum abgelegenen Ort des Höllen-Erlebnisses. Gemeinsam mit dem ihr bis dahin fremden Teilnehmer Zachary (Dylan Sloane) soll sie in den kommenden Stunden eine Tortur zwischen Folter und Terror bestreiten. Schnell finden sich die beiden Halb-Masochisten in einem präparierten Gebäudekomplex umringt von Dreck, Dunkelheit, beklemmender Atmosphäre und grobschlächtigen Peinigern wieder. Während das alternative Wellnessprogramm seine Register zieht, merkt man allerdings, dass die Motive Allisons, einer solchen Pein beizuwohnen, tiefgreifender sind als eine bloße Grenzerfahrung des psychisch und physisch Ertragbaren. Die sogenannte „Perdition“ versetzt die suizidale Allison zurück in die Lage des hilflosen Opfers und soll ihr im Angesicht des erlebten Terrors und der Qualen einen Kampf gegen ihre inneren Dämonen ermöglichen, welche sie seit Kindheitstagen verfolgen. Dieses selbstgewählte Behandlungsverfahren der psychischen Entgiftung bringt an Allison jedoch ungeahnte Facetten zum Vorschein, welche das Projekt ins Wanken bringen.

Ob Allison ihren Aufenthalt bereuen wird?

Der Regisseur nimmt sich dabei das reale und in Südkalifornien ansässige „McKamey Manor“ zum Vorbild. Ein Horrorhaus, das nach dem Unterschreiben einer 40-seitigen Verzichtserklärung alles bietet, was man sich unter käuflicher Folter vorstellen kann. Die kursierenden Vorher-Nachher-Selfies der Besucher sind erschreckend und stellen die tatsächliche Sinnhaftigkeit solch einer Erfahrung beträchtlich in Frage.

„Saw“ für Freiwillige

Isolation, zuckendes grelles Licht in den ansonsten dunklen und dreckigen Themen-Räumen, grobe Griffe und Schläge maskierter Personen, individuelle Foltermethoden und der eine oder andere Blutspritzer bestimmen die Schauplätze von „Extremity – Geh an deine Grenzen“. Optisch macht der Schocker einen sehr soliden Eindruck: Das Zusammenspiel von verschiedenen Lichtquellen und größtenteils guter Kameraarbeit zwischen Nahaufnahmen, Unschärfe und Handkamera erzeugt in den authentisch präparierten Schauplätzen des Films eine kuriose B-Movie-Atmosphäre, welche sich aus bekannten Elementen in unerwarteter Kombination zusammensetzt. Der künstlerischen Fantasie sind in solchen Häusern kaum Grenzen gesetzt, auch wenn der erfahrene Horrorfan schnell Anleihen aus gestandenen „Torture Porns“ erkennen kann, sei es die roboterähnliche Stimme aus dem Off der Folter-Regie, Kameraüberwachung in den einzelnen Räumen oder der maskierte Guru (Chad Rook) des Unternehmens – ein kleines rotes Dreirad konnte ich glücklicherweise nicht entdecken.

Die schauspielerischen Höhepunkte beschränken sich auf die Hauptdarstellerin Dana Christina, welche sich getrieben von Folter und ihren Dämonen zwischen Verzweiflung, Angst, Schmerz und Wut aufhält. Der restliche Cast wirkt recht ersetzbar, auch wenn mit Chad Rook („Planet der Affen – Survival“) ein erfahrener Schauspieler installiert wurde, welcher jedoch als suspekter Anführer keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ebenso misslingt der Stilbruch, welcher nach circa 75 Minuten eher schlecht als recht innerhalb des Horrorgenre von Psycho zu Splatter umschlägt. Zwar wird Gore-Fans im Finale mittels handgemachter Effekte eine Prise Entschädigung gegönnt, doch abseits dessen verspielt der Film durch ungeschickte Inszenierung und einem an den Haaren herbeigezogenen Twist die psychoanalytische Konstruktion seiner Hauptdarstellerin, welche den Höhepunkt des Films darstellt.

Dramaturgisches Understatment

Durch das Setting und die versatzstückartige Aufklärung der Beweggründe und Ziele Allisons, gelingt es „Extremity – Geh an deine Grenzen“ ansatzweise, die Tür zu einer Metaebene und dekonstruierenden Selbstreferenzialität zu öffnen, indem er selbst die Fragen „Warum tut man sich sowas an?“, „Was steckt hinter den ,Perditions‘ in Film und Realität?“ und „Wie kann Horror entstehen?“ aufwirft und partiell beantwortet. Ein bisher von mir nicht genanntes und cleveres Element des Regisseurs leistet zur Beantwortung dieser Fragen einen wichtigen Beitrag: Während Allisons Aufenthalt ist auch ein unabhängiges japanisches Reporterteam (Ami Tomite, Yoshihiro Nishimura) vor Ort, das einen Blick hinter die Kulissen werfen darf. Dieses Reporterteam trägt durch investigativen Journalismus dazu bei, die Wirren des Horrorhauses und die Motive der Mitarbeiter zu erhellen. Inwieweit man diese Erkenntnisse allerdings auf die Realität übertragen kann, ist fragwürdig. Ferner besteht immer wieder reger Kontakt zwischen Allison und Chad. Die Dialoge ergründen die inzestuöse Vergangenheit Allisons und bestätigen durch schemenhafte Rückblenden ihre wahren Ängste. Parallel dazu gelingt es dem Film, selbstreferenziell die aktuellen Ängste und Methoden des Horrorgenres am eigenen Werk skizzenhaft darzustellen, ähnlich den „Scream“-Filmen der 90er-Jahre.

Vertauschte Rollen: Allison ist am Drücker

Trotz dieser interessanten Denkansätze, fern des Mainstreams, verzettelt sich der Film in den Untiefen der Horror-Subgenres und ist weder ein echter Psycho-Horrorfilm, knallharter Splatterstreifen oder Terrorfilm noch ein gelungenes Konglomerat aus jenen. Es fehlen außer dem atmosphärischen Setting auch Spannung, Brutalität und Stringenz, die Filme wie „Martyrs“, „Hostel“, „Saw“ und „High Tension“ brillant ausreizen, denn genau zwischen diesen Filmen versucht sich „Extremity – Geh an deine Grenzen“ mit seinem kritischen Plot einzuordnen. Rob Zombies „Haus der 1000 Leichen“ sei als Referenz ebenfalls genannt. Mutige Bestrebungen und die Aktualität der darin verflochtenen Thematik reichen allerdings nicht aus, um bei diesem experimentellen und hierzulande ungeschnitten mit FSK-18-Freigabe versehenen Film von einem echten Geheimtipp zu sprechen.

Veröffentlichung: 2. Mai 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Extremity
KAN 2018
Regie: Anthony DiBlasi
Drehbuch: David Bond, Rebecca Swan (als Scott Swan)
Besetzung: Chad Rook, Dana Christina, J. LaRose, Dylan Sloane, Ashley Smith, Chantal Perron, Paul Braaten, Mark Kandborg, Kensely Andries, Cam Damage
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Tiberius Film

Werbeanzeigen
 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Alfred Hitchcock (XII): Ich beichte – Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt, oder?

I Confess

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Priester Michael Logan (Montgomery Clift) nimmt einem ihm bekannten Bediensteten (O. E. Hasse) die Beichte ab. Als dieser ihm eröffnet, einen Mord begangen zu haben, gerät Logan in einen enormen Gewissenskonflikt, da er aus religiösen Gründen verpflichtet ist, das Beichtgeheimnis zu bewahren, auch wenn er die Tat verurteilt. Zudem ist ihm infolgedessen keine glaubhafte Kommunikation mit den polizeilichen Ermittlern möglich, denn auf ihre Fragen muss er oft ausweichend reagieren. Inspektor Larrue (Karl Malden) findet heraus, dass in der Nähe des Tatortes ein wie ein Priester gekleideter Mann gesehen wurde. Sofern Logan das Opfer kannte und ein Motiv für die Tat hatte, droht ihm eine höllische Zwickmühle.

„Ich beichte“ war ein Herzensprojekt von Alfred Hitchcock, der das zugehörige Theaterstück „Nos deux consciences“ („Our Two Consciences“, übersetzt: „Unsere zwei Gewissen“) von Paul Anthelme in den 30er-Jahren gesehen hatte. Die Bühnenfassung gilt als Rarität – über die bisherigen Produktionen ist eher wenig bekannt. Den Dreharbeiten unter Hitchcocks Regie ging eine der längsten Vorbereitungsphasen seiner Karriere voraus. Angeblich arbeiteten zwölf Autoren über einen Zeitraum von acht Jahren an einem Drehbuch, ehe der Meister schließlich zufrieden war. Auch Hitchcock selbst und seine Frau Alma, nach der im Film die Frau des Mörders benannt wurde, sollen ein Treatment erarbeitet haben. „Ich beichte“ kam beim Publikum allerdings nur mittelmäßig an und wurde für Sir Alfred daher zu einer enttäuschenden Erfahrung.

Trotzdem Anklang gefunden

Hitchcock schrieb den vergleichsweise geringen Erfolg des Films beim Publikum rückblickend unter anderem der Abwesenheit des für ihn sonst so typischen Humors zu. Ihm war das Ergebnis, aus der Distanz einiger Jahre betrachtet, zu bierernst. Dennoch fand der Film sein Publikum und genoss etwa bei Vertretern der Nouvelle Vague große Beliebtheit, woran auch der Aspekt des für Hitchcock ungewöhnlichen Stils sicher einen gewissen Anteil hatte. „Ich beichte“ dürfte auf sie inspirierend gewirkt haben, denn neben der für Hitchcock ungewöhnlich streng gehaltenen, sachlich-präzisen Erzählstruktur sind einige interessante Kamera-Ideen für etliche Cineasten von spannendem Interesse, so etwa die Einnahme der Perspektive des Priesters Logan für kurze Momente – in Form von Point-of-View-Shots – oder der lange, zunächst aus großer Distanz gefilmte Abgang des Täters. Einige Außenaufnahmen fallen obendrein durch eine recht naturbelassen wirkende Ausleuchtung auf – eine Abkehr von typischen Ästhetiken des klassischen Studio-Films, wenn man so will.

Der Drehbuchautor George Tabori wiederum war von Hitchcock etwas enttäuscht, weil er sich mehr unterschwellige Anspielungen auf die McCarthy-Ära erhofft und für das Skript vorgesehen hatte. Immerhin ging es hier um einen Menschen, der hartnäckig und einschüchternd von Autoritäten verhört wird, aber die Wahrheit nicht zu verraten vermag. Dass Hitchcock kein besonders politischer Mensch war und auf das Ziehen derartiger Parallelen gern verzichtete, musste Tabori schließlich hinnehmen.

Eine Stimmung des Sonderbaren

Erstaunlicherweise scheint bisher eher wenig über den Einfluss von Dimitri Tiomkins Musik auf den kommerziellen Misserfolg des Films gesprochen worden zu sein. Diese ist sehr komplex, was keinen Zweifel an der außergewöhnlichen Begabung dieses Komponisten lässt, der musikalisch immer ein wenig Exot im klassischen Hollywood war. Aber ich versehe seine Musik zu „Ich beichte“ durchaus mit dem Prädikat „schwer“, wenn nicht „schwierig“. Die Musik allein entscheidet natürlich nicht über den Erfolg eines Films. Daran jedoch, dass „Ich beichte“ einen sicherlich recht steifen Beigeschmack mit sich schleppt, hat die Art und Weise wie Tiomkin das Bildmaterial musikalisch interpretierte und auflud, ganz erheblichen Anteil. Die Musik ist einfach nicht griffig, wirkt manchmal auch ein wenig hektisch bis sprunghaft und hat etwas Hochtrabendes an sich. Das in Kombination mit einem ungewöhnlich spielenden Hauptdarsteller und einem ungewöhnlich inszenierenden, sich ausprobierenden Hitchcock, ist ein bisschen viel auf einmal und führt zu dem Effekt, dass der Film bierernst und manchmal auch etwas pseudo-artifiziell herüberkommt. Es wird nicht final zu klären sein, aber ich bin überzeugt, dass der Film mit Musik von beispielsweise Miklós Rózsa oder Bernard Herrmann besser funktionieren würde und vom Publikum besser angenommen worden wäre. Leider entstand „Ich beichte“ kurz vor Herrmanns Hitchcock-Phase.

Hitchcock aber schoss sich hinsichtlich der Personalien, wie des Öfteren mal, primär auf seinen Star als angeblichen Problemfaktor ein. Diesmal also das Opfer: Montgomery Clift. Jener war „Method Actor”, eine Technik, die Hitchcock nur schwer nachvollziehen konnte und auf die er sich auch nicht völlig einzulassen vermochte. Es prallten zwei Welten aufeinander: Ein Typ Regisseur mit sehr klaren Vorstellungen, der sagen wollte, wo es langgeht, die Bilder quasi schon vorab im Kopf hatte, und ein Schauspieler, der auf maximale Einfühlung in seine Rolle und intuitives, gefühlsmäßiges Spielen setzen wollte. Wenn der Schauspieler also zu einem Schluss kommt, wie er sich in einer Szene real verhalten würde, und es so spielen will oder nach Gefühl improvisiert, der Regisseur ihm dann aber sagt, dass er es so machen soll, wie er will und beispielsweise in die Richtungen blicken soll, die er vorgibt, steht man fortlaufend vor einem Dilemma nach dem anderen. Dazu gesellte sich der Faktor, dass Clift während der Dreharbeiten zu diesem Film häufig alkoholisiert oder mit einem Kater am Set erschien – dass dies nicht unbedingt Hitchcocks Vertrauen in seinen Star stärkte, ist nachvollziehbar.

Unabhängig davon ist es Clift aber recht gut gelungen, die außergewöhnliche Situation lebendig zu machen, in der sich der Priester befindet. Da ist eine stetige Anspannung gepaart mit einer unfassbaren inneren Ruhe, vermischt mit zu erahnender großer Angst in dieser Figur, die im permanenten Konflikt mit sich selbst steht, über den gesamten Film hinweg. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Handlung wirkt zudem recht lückenlos, beinahe wie in Echtzeit erzählt, was die bedrückende Last auf seinen Schultern noch spürbarer macht. Man ist fast pausenlos damit konfrontiert, wie der Priester sein Wissen um die Wahrheit regelrecht in sich hineinfressen muss und wie er dies mit erstaunlicher Fassung trägt. Man kann nur erahnen, was wirklich in ihm vorgeht, sieht aber stetig, dass es in ihm arbeitet und arbeitet, er es aber alles herunterschluckt – mit beeindruckender Konsequenz. Immer wieder scheint es, als bräche er gleich unter der Last zusammen oder in Tränen aus, aber er setzt dem Credo „In der Ruhe liegt die Kraft!“ ein Denkmal und lässt sich im Beisein anderer einfach nichts Handfestes anmerken, auch nicht durch Mimik oder Gestik. Er nimmt hin und steckt ein; egal wie schlecht es um ihn steht und welches Schicksal droht, bleibt er loyal gegenüber seinem Glauben und dem, der sich ihm anvertraut hat. Man kommt nicht recht an ihn heran. Da ist etwas Distanziertes, etwas Abwesendes, wohl durch den Schmerz, den er empfinden muss, der fast mehr ist, als ein Mensch ertragen kann. Und doch, trotz dieses Gefühls von Distanz, fühlt man sich diesem Logan sehr verbunden.

Die üblichen Verdächtigen

Montgomery Clift verbrachte in Vorbereitung von „Ich beichte“ eine Woche in einem Mönchskloster und ließ sich auch während Drehs noch von einem der Mönche beraten, die er dort kennengelernt hatte. Am Set hatte er seine Schauspiellehrerin dabei, auf die er deutlich mehr hörte als auf Hitchcock. Seinen Schauspielkollegen fehlte es, wie Hitchcock, an Rückkopplung mit ihm, da er seine Rolle primär im Dialog mit seiner Lehrerin entwickelte und sich nach seinen Szenen meist als erstes von ihr eine Meinung einholte. Die Anwesenheit der Lehrerin deutet für mich darauf hin, dass Clift bestrebt gewesen sein dürfte, überzeugend und professionell, in ihn gesetzte Erwartungen ihrerseits zu erfüllen. Unter diesen Umständen völlig unreflektiert fortwährend besoffen oder verkatert am Set aufzutauchen, erscheint mir als eine zu einfache Sichtweise, die mich nicht vollständig überzeugt. Ich halte es stattdessen für möglich, dass Clift versucht haben könnte, durch den stabilen Alkoholkonsum während der Drehphase eine gewisse besonders ungewöhnliche Wirkung der Abwesenheit und äußerlichen emotionalen Distanziertheit vor der Kamera zu bestärken, da sich seine Figur emotional am absoluten Limit bewegt und das über mehr als eine Stunde Film am Stück hinweg. Ein unausgesprochener Ansatz bei der Einfühlung in die Rolle könnte außerdem gewesen sein, dass er davon ausging, der Priester könne diese Anspannung nur ertragen haben, indem er sie mit Alkohol betäubte, was letztlich nur subtil angedeutet werden konnte, wenn der Schauspieler selbst alkoholisiert war und anders im damaligen Kino bei so einem Film keinen Platz vor der Kamera hätte finden können. Sollte das der Gedanke gewesen sein, ist aber auch klar, dass die Methode nicht offiziell zugegeben werden konnte.

Das sind Spekulationen und Erklärungsansätze, da auch Interpretation Teil der Filmkritik und -wissenschaft sein kann, aber an die Theorie, dass Clift sich abends volllaufen ließ, in dem Wissen, am nächsten Morgen dennoch gut vor seiner Lehrerin dastehen zu wollen, glaube ich jedenfalls in der Form nicht. Das ist mir zu widersprüchlich. Dass er dennoch wahrscheinlich ein darüber hinausgehendes Alkoholproblem hatte, steht auf einem anderen Blatt. Wenn ich mich an Heath Ledger und seine Rolle als Joker in „The Dark Knight“ erinnere, ist ja auch den heutigen Generationen durchaus bekannt, wie weit Schauspieler für die Einfühlung in eine schwierige Rolle gehen können – vorbereitend sowie während der Drehphase.

Hitchcock jedenfalls blieb einmal mehr auf dem Ansatz hängen, dass er am liebsten einen Star verpflichtet hätte, mit dem er bereits zusammengearbeitet hatte. Dass im Kontext von Hauptdarstellern, mit denen er unzufrieden war, dann Namen üblicher Verdächtiger fallen, die er eigentlich lieber für den jeweiligen Film gehabt hätte, ist bei Hitchcock keine Seltenheit. Cary Grant lehnte die Hauptrolle in „Ich beichte“ allerdings ab und Laurence Olivier wurde vom Studio abgelehnt – auch James Stewart war im Gespräch, doch den Zuschlag erhielt Montgomery Clift, der dann von vornherein unter dem Damokles-Schwert spielen musste, aus Hitchcocks Sicht bestenfalls die C-Lösung für die Rolle gewesen zu sein. Was seine Besetzungspolitik bei Hauptrollen anging, war Hitchcock aus meiner Sicht etwas festgefahren und ein Freund der berühmten „Nummer sicher“. Dass Hitchcock nicht immer die Stars bekam, die er zwar wollte, weil er sie schon einmal erfolgreich in Szene gesetzt hatte, woraufhin er sich dann aber Absagen einhandelte oder mit einem Veto seiner Geldgeber leben musste, hat ihn zweifelsohne vor einer gewissen Eintönigkeit in seinem Gesamtwerk bewahrt. Was die Besetzung von Hauptrollen angeht, war es vermutlich manchmal gut, dass Hitchcock gewissermaßen vor sich selbst beschützt wurde. Oder sind Cary Grant, James Stewart und eine Handvoll ihrer Kollegen etwa doch die Antwort auf alle Fragen des Kinos? Wer weiß.

Auf Blu-ray noch ausstehend

Da es sich bei „Ich beichte“ um einen Film der Warner Brothers handelt, ist die Veröffentlichungssituation in Deutschland für Hitchcock-Verhältnisse zum Glück wenig chaotisch. Die Einzel-DVD wurde im Rahmen von Hitchcock-Boxen mit Warner-Filmen neu aufgelegt, aber ein mehrfaches Wechseln der veröffentlichenden Labels, sodass man den Faden zu verlieren droht, welches denn nun die beste Veröffentlichung hinsichtlich Bonus oder aber Bildqualität oder aber Sprach- und Synchronfassungen ist, bleibt uns so bisher zum Glück erspart. Eine Blu-ray gibt es von dem Film in Deutschland bislang noch nicht. Da wird früher oder später vermutlich etwas am Markt passieren. Vielleicht lässt sich bei dieser Gelegenheit dann auch das überschaubare Bonusmaterial ein wenig aufstocken, das zwar nette Standards bietet, aber trotzdem etwas dünn aufgestellt ist.

Die deutsche Synchronfassung punktet unter anderem damit, dass O. E. Hasse, der bis dato neben seiner Karriere vor der Kamera auch bereits rege als deutscher Synchronsprecher für internationale Kollegen aktiv gewesen war, in „Ich beichte“ mit seiner eigenen Stimme zu hören ist. Seine gut durchdachte schauspielerische Darbietung unter Hitchcocks Regie hätte es verdient gehabt, weit mehr Hollywood-Rollen nach sich zu ziehen. Er hatte das Format, um in derselben Liga mitzuspielen wie später andere deutschsprachige Schauspieler der Marke Gert Fröbe, Oskar Werner, Curd Jürgens oder Maximilian Schell.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Montgomery Clift in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. November 2004 als DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch (beide auch für Hörgeschädigte) sowie Dänisch, Finnisch, Portugiesisch, Hebräisch, Norwegisch, Schwedisch, Tschechisch, Griechisch, Ungarisch, Polnisch, Türkisch
Originaltitel: I Confess
USA/KAN 1953
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: George Tabori & William Archibald, nach einem Theaterstück von Paul Anthelme
Besetzung: Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, Brian Aherne, O. E. Hasse, Roger Dann, Dolly Haas, Charles Andre, Judson Pratt, Ovila Légaré
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Dokumentation, Wochenschaubericht über die Premiere
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot: © 2004 Warner Home Video, Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Friedhof der Kuscheltiere 2 – Das Grauen ist zurück in Ludlow

Pet Sematary II

Von Andreas Eckenfels

Horror // Some stories just won’t stay dead. Mit diesem Slogan hätte man auch die Neuverfilmung des Stephen-King-Bestsellers bewerben können, doch der Spruch war bereits für die 1992 entstandene Fortsetzung verwendet worden. Mit einem US-Einspielergebnis von inflationsunbereinigten 57 Millionen US-Dollar rangiert „Friedhof der Kuscheltiere“ in den USA noch heute auf Platz 5 der erfolgreichsten Adaptionen nach Werken des Horrormeisters. In Deutschland gruselten sich mehr als 1,7 Millionen Kinozuschauer vor dem Schrecken, welcher Familie Creed widerfuhr. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood der unsterblichen Geschichte ein zweites Kapitel hinzufügen würde. Es dauerte dann auch nur drei Jahre.

Begräbnis mit Folgen

Der 13-jährige Jeff (Edward Furlong) muss mit eigenen Augen mit ansehen, wie seine Mutter (Darlanne Fluegel) bei einem Unfall am Set zu Tode kommt. Das Begräbnis der berühmten Schauspielerin findet in ihrem Heimatort Ludlow im US-Bundesstaat Maine statt, wo auch Jeff mit seinem Vater Chase (Anthony Edwards) ihr Sommerhaus frisch bezieht. Der Tierarzt will mit dem Umzug seinem traumatisierten Sohn einen Neustart ermöglichen. Doch der Junge hat es schwer in der Schule. Besonders von Rabauke Clyde (Jared Rushton) und seinen Kumpels wird er immer wieder tyrannisiert. Dafür freundet sich Jeff mit Außenseiter Drew (Jason McGuire) an, der von seinem verhassten Stiefvater Gus (Clancy Brown), dem Sheriff des Örtchens, regelmäßig schikaniert wird. Als Gus eines Nachts Drews geliebten Hund Zowie erschießt, hilft Jeff seinem trauernden Freund dabei, das Tier auf einem mystischen Indianerfriedhof zu begraben. Tatsächlich bewahrheitet sich die Legende, die in der Kleinstadt herumspukt: Zowie kehrt aus dem Reich der Toten zurück. Der Beginn grausamer Ereignisse …

Stephen King wendet sich ab

Nach dem Erfolg des Erstlings wurde Mary Lambert auch für den zweiten Teil mit der Regie betraut. Sie sprach sich dafür aus, dass sich die Fortsetzung auf Ellie, die Tochter der Familie Creed, konzentriert. Doch im fertigen Film ist nur kurz das verbarrikadierte Creed-Haus zu sehen und wird ebenfalls nur kurz über das Schicksal der Familie gesprochen. Paramount wollte lieber einen männlichen Protagonisten und fand ihn in Newcomer Edward Furlong, der gerade durch sein Debüt in „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ Bekanntheit erlangt hatte. Laut Produzent Ralph S. Singleton wollte Stephen King diesmal nicht, dass sein Name im Zusammenhang mit dem Film genannt wird.

Ob die Abstinenz des Horrorautors der Grund dafür war, dass „Friedhof der Kuscheltiere 2“ schwächer als sein Vorgänger ist, sei dahingestellt. Dafür hat King auch schon einige miesere Machwerke in Drehbuchform oder „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“ (1986) als Regisseur abgeliefert. Der Film belegt vielmehr das Klischee von Horror-Fortsetzungen, die wenige Jahre später von Wes Cravens „Scream“-Reihe clever offengelegt wurden: mehr Blut, weniger Story. Überhaupt variiert die Geschichte nur leicht, lässt aber Spannung, Atmosphäre und die emotionale Wucht des Erstlings größtenteils vermissen. Auch das Mysterium um den Indianerfriedhof wird nicht näher beleuchtet. Zudem sorgen einige Drehbuchentscheidungen für Stirnrunzeln: Warum nimmt Jeff sein Kätzchen mit in die Schule? Warum sucht sich Clyde ausgerechnet Jeff als Prügelknabe aus und warum feiern später die Gepeinigten Jeff und Drew dennoch gemeinsam mit Clyde und dessen Clique Halloween am Lagerfeuer? Das sind nur einige von vielen Fragen, die sich während der Sichtung stellen. Furlong gibt dabei mit gewohnt grimmig-traurigem Gesichtsausdruck den vom Schicksal gebeutelten Teenager. Edwards erhält wenig zu tun. 1994 nahm seine Karriere mit der Arztserie „E.R. – Emergency Room“ endgültig Fahrt auf.

Zombiepersiflage ohne Schrecken

Clancy Browns Darstellung als wiederkehrender Gus bleibt dagegen positiv wie auch negativ am stärksten im Gedächtnis. Als hünenhafter Schwertschwinger in „Highlander – Es kann nur einen geben!“ (1986) wollte er Christopher Lambert einen Kopf kürzer machen, in „Friedhof der Kuscheltiere 2“ muss Brown dagegen komplett aberwitzig und übertrieben agieren. Nach seiner Rückkehr von den Toten vergewaltigt er unnötigerweise erst mal seine Frau, bevor er am Abendbrottisch vor Jeff und Drew mit dem Essen spielt und später seinen geliebten Hasen den Hals umdreht, um sie anschließend zu häuten und roh zu verspeisen. Schrecken versprüht dieser sadistische Freak in keiner Weise. Verfügte Teil eins noch über einen ernsten Unterton, der sich einigermaßen tiefgründig mit den Themen Verlust, Trauer und Schuld auseinandersetzte, verkommt der zweite Teil zu einer relativ sinnfreien Zombiepersiflage.

Zugegebenermaßen ist Browns Gus ebenso wie einige der handgemachten Goreszenen aber auch nicht ohne Unterhaltungswert. Verbrannte Gesichter, ausgerissene Hautfetzen und eine laufende Bohrmaschine, die ins Fleisch eindringt. Da geht es für 90er-Jahre-Verhältnisse ordentlich zur Sache – und dies nach Meinung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien so heftig, dass die VHS des Films bereits 1993 indiziert wurde. Zuvor hatten sich ordentliche 529.000 Zuschauer in die deutschen Kinos gewagt. In den USA spielte die Fortsetzung 17 Millionen US-Dollar ein. Wohl zu wenig für einen dritten Aufguss. Erst mit der Neuverfilmung wurde die Geschichte 2019 wiederbelebt.

Warten auf die Blu-ray – und den Workprint

Die Indizierung hatte bis Ende 2016 Bestand. Die deutsche DVD ist nicht mehr erhältlich, laut den Angaben bei der ofdb verfügt die UK-DVD allerdings über deutschen Ton. Laut dem „X-Rated“-Magazin konnte sich 84 Entertainment bereits 2015 die Rechte für beide „Friedhof der Kuscheltiere“-Teile sichern. Teil eins wurde 2016 auf Blu-ray veröffentlicht, Teil 2 lässt leider noch immer auf sich warten. Weltweit ist bis dato keine HD-Fassung von „Friedhof der Kuscheltiere 2“ erschienen. Hoffen wir für Liebhaber des Films darauf, dass diese Lücke bald geschlossen wird und dann auch die etwa acht Minuten längere Workprint-Fassung in bestmöglicher Qualität mit an Bord ist.

Veröffentlichung: 9. Oktober 2002 als DVD

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Pet Sematary II
USA 1992
Regie: Mary Lambert
Drehbuch: Richard Outten
Besetzung: Edward Furlong, Anthony Edwards, Clancy Brown, Jared Rushton, Darlanne Fluegel, Jason McGuire, Sarah Trigger, Lisa Waltz
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: