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Archiv der Kategorie: Blu-ray/DVD

Wolf – Er wird dich holen: Da fehlt jeder Biss

Wolf

Von Volker Schönenberger

Horror-Abenteuer // History is the truth they want you to remember. Legends are the truth they pushed too far. Myths are the truth they want you to forget. There is truth in all things. – Geschichte ist die Wahrheit, von der sie (die Mächtigen) wollen, dass du dich an sie erinnerst. Legenden sind die Wahrheit, die sie zu weit getrieben haben. Mythen sind die Wahrheit, von der sie wollen, dass du sie vergisst. In allem steckt Wahrheit. Im Anschluss an diesen philosophischen Texttafel-Einstieg sehen wir einen Jungen, der in der Wildnis mit seinem Hund spielt. Etwas weckt die Aufmerksamkeit des Vierbeiners, der in den Büschen verschwindet. Sein Herrchen folgt ihm kurz darauf. Keine gute Idee, denn etwas fällt über den Knaben her …

Was hat Liviana in Kaledonien verloren?

Wir befinden uns in der Antike. Rom vermisst vier Boten, die ins ferne Kaledonien (Schottland) entsandt wurden. Sind sie der Pest zum Opfer gefallen? Oder von den Pikten verschleppt oder gar gemeuchelt worden? Zehn Legionäre unter der Führung von Domitius (Drehbuchautor George McCluskey) und Grackus (Regisseur und Drehbuchautor Stuart Brennan) begeben sich auf die so beschwerliche wie gefahrvolle Jagd in das Gebiet jenseits des Hadrianswalls. Ein erstes Scharmützel mit den Pikten lässt nicht lange auf sich warten. Doch bald wird dem kleinen Trupp fern der Heimat klar, dass eine viel größere Bedrohung auf sie lauert.

Mehr Gelaber als Werwölfe

Einem neuen Film mit Werwölfen gebe ich gern eine Chance – die haarigen Biester sind im Horrorgenre für mein Empfinden etwas unterrepräsentiert. Dass dann sogar römische Legionäre gegen die Lykanthropen antreten, gibt „Wolf – Er wird dich holen“ einen Schuss Originalität, der Vorfreude weckt. Leider lässt der britische Vertreter die Vorfreude zügig zerplatzen. Ein Horror-Action-Kostümfilm lebt sicher nicht von Dialogen, doch hier gibt es sie im Übermaß. Sie dienen dazu, uns von der Bedrohung zu verkünden, da wir diese über weite Strecken überhaupt nicht zu Gesicht bekommen und auch nicht erahnen können. So muss denn Grackus seinen Mitstreitern und damit auch dem Filmpublikum mitteilen, dass anscheinend eine Kreatur lauert, die Spuren eines Wolfs hinterlässt, aber nur auf zwei Hinterpfoten durch den Wald stapft. Sogar den Vollmond erwähnt er, weil wir ihn nicht zu Gesicht bekommen. Ein paar stimmungsvolle Bilder gibt es immerhin, bisweilen wird ihre Atmosphäre aber von etwas zu künstlich wirkender Ausleuchtung gestört. Gedreht wurde „on location“ im schottischen Hochland, auch ein paar Kamera-Drohnen kamen offenbar zum Einsatz.

Grackus kämpft ums Überleben

Wenn viel geredet wird, passiert dafür umso weniger. Damit es nicht ganz blutarm zugeht, zeigt eine kurze Rückblende immerhin eine Schlachtenszene; sie fällt harmlos genug aus, da Wirkungstreffer von Schwertern, Speeren und Äxten nie im Bild gezeigt werden. Angst vor einer zu hohen Altersfreigabe oder mangelndes Vertrauen in Make-up und praktische Effekte? Lediglich ein paar CGI-Blutspritzer sind zu bemerken.

Gender schön und gut …

Mit Liviana (Adanna Oji), Ima (Victoria Morrison) und Salvius (Jennifer Jones) befinden sich drei Frauen unter den Legionären. Ob Regisseur Stuart Brennan und sein Ko-Drehbuchautor George McCluskey damit Gender-Gerechtigkeit in ihren Film bringen wollten? Sonderlich sinnhaft erscheint das nicht, auch wenn den Figuren jeweils eine minimale Hintergrundgeschichte hinzugedichtet wurde. Plötzlich gesellt sich sogar noch die Pikten-Kriegerin Ethnie (Sarina Taylor) zu ihnen. Authentisch wirkt das nicht gerade, aber vielleicht sollte ich bei diesem mit schmalem Geldbeutel gedrehten Streifen nicht ganz so päpstlich sein. Es war nicht zwangsläufig nur Geltungsdrang, der Brennan und McCluskey motivierte, auch als Darsteller mitzuwirken. Auch der neben Brennan zweite Produzent Mark Paul Wake übernahm eine tragende Rolle als Römer Nerva. Ein wenig augenzwinkernder Humor hätte das Gesamtpaket vielleicht positiv abgefedert, leider nimmt sich „Wolf – Er wird dich holen“ viel zu ernst.

Ist Nerva dem Tode geweiht?

Dog Soldiers“ trifft „Gladiator“ stand im Newsletter von Koch Films mit den Juli-Ankündigungen des Labels – der Satz findet sich auch auf dem Backcover des Films. Nun sind Werbe-Slogans ohnehin mit Vorsicht zu genießen, und dass „Wolf – Er wird dich holen“ das Niveau der beiden genannten Filme in einem schönen Hybrid vereint, hatte ich gar nicht erwartet. Etwas mehr hatte ich mir aber schon erhofft. Ebenfalls auf dem Backcover findet sich das Logo „New KSM“. Es handelt sich also um einen Film, den Koch mit dem 2019er-Kauf des Labels KSM hinzugewonnen hat. Das erklärt einiges, und an einer Portfolio-Erweiterung ist überhaupt nichts auszusetzen. Im Einzelfall ist dann eben mal ein Rohrkrepierer dabei.

Ein klitzekleiner Spoiler am Ende

Wenn den Kreaturen gegen Ende schließlich etwas Bildschirmzeit zugebilligt wird, bleibt zu konstatieren, dass es vielleicht besser war, sie nicht länger sehen zu müssen. Ich spoilere ihre Optik gleich etwas, wer das nicht lesen will, möge die Lektüre hier beenden – viel mehr habe ich ohnehin nicht zu sagen. Jedenfalls sind ein paar Nackedeis mit vorstehenden Zähnen nicht angetan, zu den legendären Kreaturen der Werwolf-Geschichte aufzuschließen.

Veröffentlichung: 16. Juli 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Wolf
GB 2019
Regie: Stuart Brennan
Drehbuch: Stuart Brennan, George McCluskey
Besetzung: Stuart Brennan, Mark Paul Wake, George McCluskey, Victoria Morrison, Ross Anderson, Jennifer Jones (als Jennifer Chippindale), Adanna Oji, Austin Caley, Nick Sheard, Sarina Taylor, Connor McKinley, Cole Leman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Koch Films (New KSM)

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Koch Films

 

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Das Hotel im Todesmoor – Brüderchen und Schwesterchen

Sister, Sister

Von Tonio Klein

Horrorthriller // Es ist heiß und feucht in den Sümpfen Louisianas, und das eine wie das andere macht sich Bill Condons Erstlingswerk sogleich für eine erotische Anfangssequenz zunutze. Das Bild in goldgelbe Farben getaucht, unter anderem durch jede Menge natürliche Kerzenbeleuchtung, finden sich in einem Raum neben Engelsfiguren, wenn man aufmerksam hinschaut, drei Affen. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Ein Mann und eine Frau (Jennifer Jason Leigh) haben Sex. Nicht nur in dieser Szene spiegelt sich das an Fensterscheiben vom heftigen Regen herunterrinnende Wasser auf gegenüberliegenden Wänden. Das Wasser bricht dann sogar aus allen Wänden in das Zimmer des Geschehens ein und droht die Frau zu verschlingen. Du liebe Zeit, was hat Condon schon in diese Szene für eine gleichsam schwülstige und beunruhigende Symbolik gelegt!

Etienne (l.) spricht eine Warnung aus

Und die Rechnung geht auf – jedenfalls, wenn man es gern schwülstig, heftig und hart an der Grenze des Opulent-Überladenen mag. Dies ging damals nur wenigen Zuschauern so, sodass der Film ein Misserfolg war, was Pidax eher ungeschickt zu verschweigen versucht. Also wirklich, einfach auf dem Cover aus Wikipeda zu zitieren, dass der Streifen eine dreiviertel Million Dollar eingespielt hat, wo man mit wenig Filmwissen ahnen kann, dass er bedeutend mehr gekostet hat. Nun denn, Condon wurde später zu einem angesehenen Regisseur, der sogar (indes „nur“ als Drehbuchautor) am Oscar-Abräumer „Chicago“ (2002) beteiligt war. Hier berichtet er in dem sehr hörenswerten Audiokommentar von seinen filmischen Gehversuchen, die ihm noch nicht größtmögliche Freiheit boten. So griff er beherzt zu, als man ihm die Möglichkeit bot, „irgendwas mit Horror, den Sümpfen von Louisiana und Alligatoren“ (von denen nur einer kurz hereinschnappt) zu machen. Heraus kam ein Psychothriller mit eigenwillger Kraft, der gelungen ist, aber immer aufpassen muss, dass er mit dieser ganzen Kraft auch noch laufen kann.

Beunruhigende Familienbande und Sidekicks

Charlotte (Judith Ivey) und ihre deutlich jüngere Schwester Lucy (Jennifer Jason Leigh) betreiben das im Deutschen titelgebende Hotel im Todesmoor, das genauso opulent wie in jeglicher Hinsicht versunken erscheint. Dabei fragt man sich, ob Charlotte die jüngere Schwester beschützt oder unmündig hält oder sich das eine mit dem anderen vermischt. Lucy scheint eine psychisch labile Person zu sein, die Schreckliches erlebt hat, auch schon einmal in Behandlung war und Charlotte zufolge regelmäßig eine Medizin nehmen muss. Charlotte ist so stark an die Schwester gebunden, dass sie die Hochzeit mit ihrem Verlobten Cleve (Dennis Lipscomb), dem örtlichen Sheriff, seit Jahren aufschiebt, bis er die Beziehung beenden will. Der junge Etienne (Benjamin Mouton), der in einer Holzbaracke am Sumpf wohnt und im Hotel arbeitet, hat ein Auge auf Lucy geworfen, aber darüber wacht nicht nur Charlotte mit Argusaugen. Auch der archetypische geheimnisvolle Fremde (ist er etwa der Mann aus der anfänglichen Bettszene?) betritt die Szene, als Hotelgast Matt (Eric Stoltz). Schon Alfred Hitchcock wusste, dass man einen Eindringling am besten zeigt, indem man ihn nicht erscheinen lässt, sondern er ohne Auftritt plötzlich einfach da ist – und stört, so wie das namenlose Hausmädchen in „Rebecca“ (1940). Hier nun unterbricht Matt das Knutschen Etiennes mit der gleichsam willigen wie ängstlichen Lucy. Etienne, der mit Matt am nächsten Tag eine Bootstour unternimmt, zeigt diesem auch gleich, dass man seine Lucy nicht anfasse, und richtet sein Gewehr auf Matt, bevor er einen Vogel schießt. Hinzu kommen drei Hotelgäste als Comic Relief: eine resolute ältere Frau (Anne Pitoniak) mit Tochter (Natalia Nogulich), beide in übertrieben bunter Aufmachung, und Schwiegersohn (Richard Minchenberg) als Faktotum und graue Maus, der die Koffer schleppt und sicherlich bewusst als stumme Rolle ausgestaltet ist.

Gibt Lucy sich hin …

Das alles, da trifft der Klappentext zu, lässt Reverenzen an Alfred Hitchcock erkennen; so die süffisanten und doch hellsichtigen Kommentare der Alten („Die sind verknallt“), die beim Altmeister vielleicht von Thelma Ritter gespielt worden wäre. Und natürlich die Fährten, von denen man eine liebe lange Weile nicht weiß, ob sie falsch sind. Die junge, eingeschüchterte Frau, die (vielleicht) durch eine „Medizin“ langsam vergiftet wird, wie zum Beispiel in „Berüchtigt“ (1946) und „Sklavin des Herzens“ (1949). Die unter einem Vergangenheitstrauma leidet und sich schuldig fühlt für etwas, das vielleicht ganz anders war. Jenseits dieser großen Linien gibt es auch direkte Zitate wie einen Messer-Mord, bei dem das Opfer (männlich) eher in das Messer des Täters (weiblich) hineinläuft, als es in den Leib gerammt zu bekommen. Dies war schon in „Sabotage“ (1936) eine Schlüsselszene.

… oder leistet sie Widerstand?

Bei alldem gelingen Condon lange, dialoglose Sequenzen, die von einer zwar nicht innovativen, aber versierten Montage leben. Der Film ist „im Schneideraum gemacht“, wenn etwa des Nachts alle Personen sich betten, die Alte noch einmal an den Kühlschrank geht, ein Hund auch was vom Kuchen abhaben will. Tür, Flur, Hund, Frau, Schatten, Hund … minutenlang geht das so, und das Grausame wird in unserem Kopf geschehen. Bis es lange Zeit später eine der Protagonistinnen entdeckt und die Kamera auf den Suspense die Surprise folgen lässt; mit einer zoomlosen schnellen Schnittfolge bis heran an ein Auge. Brian De Palma hat so gearbeitet, in „Teufelskreis Alpha“ (1978), und auch eine Badewannenszene erinnert an ihn: immer wieder Wasser, nicht nur das des heftigen Regens, auch das des „Abwaschens“ wie beim Blut von „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ (1976). Und im allerdings späteren „Femme Fatale“ (2002) war einer Frau eine volle Badewanne das Tor zu einer anderen Welt, zu einem anderen Leben. Hier nun ist es das Tor zur Vergangenheit und damit die Chance – für Lucy, für uns – zu begreifen, was wirklich geschehen war, vor Jahren. Ob das Wasser der Sümpfe dieses Geheimnis schlucken konnte oder wieder ausspucken wird?

“Sister, Sister“ und „Brother, Brother“

Das wird durchaus aufgelöst werden, und es sei angedeutet, dass Matt ein Bruder-Geheimnis hat, welches Spiegelbild zum Schwester-Geheimnis ist. Überhaupt, komplementär zur Wasser-Symbolik steht der kunstvolle und kluge Einsatz von Spiegeln. Sie lassen die beiden Frauen zweigeteilt erscheinen oder das Böse, Verdrängte durch einen Spiegel kommen, so wie durch die Wasseroberfläche des Regenfilms, der Badewanne und natürlich der Sümpfe, die alles Mögliche widerspiegeln. Da geht Condon in die Vollen und am Ende vielleicht ein bisschen zu weit. Lucy hat bereits relativ früh in einer mit schauerlichem Ernst vorgetragenen Geistervision das psychologische Horror-Element vorweggenommen, das sich Bahn brechen wird. Indem ihre Geister am Ende Gestalt annehmen, geht ein Stück des Zaubers verloren. Insgesamt aber immer noch ein faszinierender Film, der funktioniert, wenn man sich auf seine ganz spezielle Atmosphäre einzulassen bereit ist.

Der Golf ist ganz dicht – aber Matt?

Leider kann das Bild der DVD nicht so ganz überzeugen, wobei zu dem Feuchtwarmen von Gegend und Befindlichkeiten ein allzu scharfes Bild gar nicht passen würde. Aber dass die Farben mitunter arg zerlaufen und man Streifen und Flecken sieht, die in Endlosschleife langsam anschwellen und wieder verschwinden, ist dann doch nicht der intendierten Stimmung geschuldet.

Veröffentlichung: 20. Mai 2020 als DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Sister, Sister
USA 1987
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Ginny Cerrella, Joel Cohen, Bill Condon
Besetzung: Eric Stoltz, Jennifer Jason Leigh, Judith Ivey, Dennis Lipscomb, Anne Pitoniak
Zusatzmaterial: Audiokommentar Bill Condon, entfernte Szenen, Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Zum 100. Geburtstag von Andrew V. McLaglen: Der Weg nach Westen – Auf dem Oregon Trail

The Way West

Von Volker Schönenberger

Western // In Independence im US-Staat Missouri rüstet sich 1843 ein Siedlertreck für den Weg auf dem Oregon Trail nach Westen. Ziel: das fruchtbare Willamette Valley in Oregon. Für die so beschwerliche wie gefährliche 1.800-Meilen-Strecke heuert der Ex-Senator William Tadlock (Kirk Douglas) den besten Führer an, den er kriegen kann: Dick Summers (Robert Mitchum), der sich anfangs noch gesträubt hat. Unter den vielen Parteien befinden sich auch der Farmer Lije Evans (Richard Widmark) mit seiner Frau Rebecca (Lola Albright) und dem gemeinsamen 16-jährigen Sohn Brownie (Michael McGreevey) sowie die frischverheirateten Johnnie und Amanda Mack (Michael Witney, Katherine Justice), die jedoch keine glückliche Beziehung führen. So geht er nur zu gern darauf ein, als ihn die junge Mercy McBee (Sally Field) anflirtet.

Eine zünftige Rauferei unter Kerlen geht immer

Der verwitwete Treck-Boss Tadlock, der seinen Sohn (Stefan Arngrim) dabei hat, entpuppt sich schnell als harter Schinder, der die Menschen unbarmherzig antreibt und keinen Widerspruch duldet. Schon bei der ersten Flußüberquerung kommt es zu einem Todesfall, als ein Mann ertrinkt, nachdem sein Planwagen umkippte.

Eingespieltes Team: Regie und Kamera

Für die schönen Landschaftsaufnahmen des „on location“ gedrehten Pionier-Abenteuers zeichnete als Kameramann der Western-Experte William H. Clothier verantwortlich. Elfmal arbeitete er mit Regisseur Andrew V. McLaglen zusammen, darunter bei „McLintock!“ (1963), „Der Mann vom großen Fluss“ (1965), „Rancho River“ (1966) und „Chisum“ (1970).

Heikle Flussdurchquerung

Die Starpower funktioniert: Douglas, Mitchum und Widmark sind mit Elan bei der Sache, ihre Figuren treiben Handlung und Konflikte voran. „Der Weg nach Westen“ gibt sich mal optimistisch und fröhlich, mal überwiegen höchst dramatische Entwicklungen. Schillerndste Figur ist der von Kirk Douglas differenziert verkörperte Treck-Chef Tadlock, der als unnachgiebiger Sturkopf kein Sympathieträger ist, aber Mitgefühl weckt und letztlich eine tragische Gestalt ist. Der Plot des Trecks durch gefährliche Wildnis bedingt, dass nicht alle Mitfahrenden und -reitenden das Ziel erreichen werden, das daraus resultierende Bangen darum, wer es denn schaffen möge, dürfte den Großteil des Publikums bei der Stange halten. Der Treck wirkt zwar insgesamt weniger mühsam, als es ein solches Unterfangen Mitte des 19. Jahrhunderts vermutlich war, aber größtmögliche Authentizität war wohl auch nicht die Absicht der Macher.

Erstsichtung vor langer Zeit im TV

Ich habe den Western erstmals irgendwann vor etwas mehr oder etwas weniger als 40 Jahren im Fernsehen geschaut, danach einige Jahre später noch das eine oder andere Mal. Meine nun erfolgte vielleicht vierte Sichtung zum Zweck dieser Rezension ist sicher die erste im noch jungen Jahrtausend und hat mir wieder Freude bereitet. Das reicht mir bei einem Kintopp-Western klassischer Schule auch völlig aus.

Rebecca merkt: Ihr Gemahl hat einen über den Durst getrunken

Gleichwohl fällt auf, wie völlig unbeeinflusst vom Italowestern „Der Weg nach Westen“ daherkommt, war doch der schmutzige kleine Bruder des US-Westerns bereits ein paar Jahre erfolgreich, sodass sein Einfluss durchaus bis (New) Hollywood reichte. Offenbar konnte sich Regisseur Andrew V. McLaglen davon erfolgreich freimachen; und das so sehr, dass er bei der Inszenierung der Bedrohung durch Indianer – hier: Krieger der Sioux – auf deren eindimensionale Charakterisierung zurückgriff, die im klassischen US-Western seit jeher gang und gäbe war. Kein Geringerer als John Ford hatte allerdings bereits drei Jahre zuvor mit „Cheyenne“ („Cheyenne Autumn“) sehr kritische Töne über den Umgang der Weißen mit den der amerikanischen Ureinwohnern gefunden. „Der Weg nach Westen“ Kameramann William H. Clothier war für die Kamera von „Cheyenne“ seinerzeit für den Oscar nominiert worden.

Indianerwestern

Ein paar lesenswerte Gedanken über die Einordnung der sogenannten Indianerwestern hat „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Ansgar Skulme in seiner Rezension des Westerns „Zwischen zwei Feuern“ (1955) von André De Toth niedergeschrieben. Darin spielte ebenfalls Kirk Douglas die Hauptrolle.

Tadlock, Summers und Evans (v. l.) wissen um die Gefahren des Trips

Für die 1946 geborene Sally Field bot „Der Weg nach Westen“ die erste Sprechrolle in einem Kinofilm. 13 Jahre später gewann sie für die Haupt- und Titelrolle in „Norma Rae – Eine Frau steht ihren Mann“ (1979) ihren ersten Oscar, dem 1985 der zweite für ihre Hauptrolle in „Ein Platz im Herzen“ folgte – für beide Filme hatte sie auch den Golden Globe erhalten.

Sohn eines Oscar-Preisträgers

Regisseur McLaglen ist der Sohn des Schauspielers Victor McLaglen, der 1936 für seine Hauptrolle in John Fords „Der Verräter“ einen Oscar gewonnen hatte. Vater McLaglen arbeitete mehrfach mit Regielegende Ford zusammen und nahm seinen Sohn Andrew Victor wiederholt mit an den Set. Später arbeitete Andrew V. McLaglen als „Assistant Director“ unter anderem für Budd Boetticher, John Farrow und William A. Wellman und als Regisseur vorerst fürs Fernsehen, darunter die Westernserien „Gunslinger“, „Tausend Meilen Staub“, „Have Gun – Will Travel“ und „Rauchende Colts“. Seine erste große Kinoproduktion kam 1963 mit dem John-Wayne-Vehikel „McLintock!“, gefolgt von „Der Mann vom großen Fluss“ und „Rancho River“, beide mit James Stewart. Andrew V. McLaglen starb am 30. August 2014 im Alter von 94 Jahren. Am 28. Juli 2020 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Um Tadlock wird es einsam

Am Ende von „Der Weg nach Westen“ fiel mir auf, dass ich schon recht lange keinen solchen Treck-Western mehr gesehen habe. Es wurde mal wieder Zeit, behaglich daheim auf dem Sofa lassen sich die Strapazen der Treck-Teilnehmerinnen und Teilnehmer prima verfolgen, so etwa auch bei „Der große Treck“ (1930) mit John Wayne. „Der Weg nach Westen“ ist sicher nicht die Referenz dieser Pionier-Abenteuer, muss sich aber auch nicht allzu weit hinten einreihen. Wo bleibt eigentlich eine anständige Edition von William A. Wellmans „Karawane der Frauen“ (1951) mit Robert Taylor? Für weitere Sichtungstipps dieses Western-Subgenres per Kommentar bin ich dankbar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andrew V. McLaglen haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kirk Douglas, Jack Elam, Robert Mitchum und Richard Widmark unter Schauspieler.

Der Treck muss eine Wüste bewältigen

Veröffentlichung: 15. November 2018 und 27. Mai 2016 als Blu-ray und DVD, 28. September 2012 als Blu-ray

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Way West
USA 1967
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: Ben Maddow, Mitch Lindemann, nach einem Roman von A. B. Guthrie Jr.
Besetzung: Kirk Douglas, Robert Mitchum, Richard Widmark, Lola Albright, Jack Elam, Stubby Kaye, Michael McGreevey, Harry Carey Jr., Connie Sawyer, Patric Knowles, Sally Field, Sam Elliott, Stefan Arngrim
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb 2018: Concorde Home Entertainment
Label 2016: Black Hill Pictures
Vertrieb 2012: WVG Medien GmbH
Label 2012: Black Hill Pictures
Vertrieb 2012: Koch Media

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © Black Hill Pictures, Packshots: © Black Hill Pictures / Concorde Home Entertainment

 

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