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Archiv der Kategorie: Kino

Greta – Wer nett ist, verliert?

Greta

Kinostart: 16. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Thriller // Wer wie ich aus eher ländlichen Gefilden stammt, dem wird gern eine gewisse Grund-Naivität nachgesagt – nach dem Motto „treudoof stolpern wir durch die Welt“. Dabei sind wir in der Regel einfach nur außerordentlich nett und zuvorkommend. Kommt man im Lauf seines Lebens zunehmend mit größeren Städten in Berührung, so hält dies für uns Landeier stets immer ein erhöhtes Überraschungspotenzial parat. Nicht allzu selten scheint in diesen leider das Recht des Stärkeren zu herrschen und man sollte mitunter auch mal ordentlich die Ellenbogen auspacken können. Mir persönlich reicht Hamburg da schon voll und ganz und das Leben mit den häufig recht rücksichtslosen Menschen hier bringt mich gelegentlich nah an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

„This city will eat you alive!“

Gleiches gilt wohl auch für die junge Studentin Frances McCullen (Chloë Grace Moretz, „Die 5. Welle“), die vor Kurzem erst in die Millionen-Metropole New York gezogen ist. Wobei hier zur Symbolisierung ihrer provinziellen Herkunft interessanterweise eine Großstadt wie Boston herhalten muss, aber in den USA sind die Dimensionen diesbezüglich wohl etwas anders ausgeprägt. Zusammen mit ihrer besten Freundin Erica Penn (Maika Monroe, „Independence Day – Wiederkehr“) teilt sie sich ein erstaunlich komfortables Loft. Um sich das Leben im Big Apple leisten zu können, muss sie sich für einen Großteil ihrer freien Zeit als Kellnerin in einem Sternerestaurant verdingen. Viel Zeit für weitere soziale Kontakte bleibt der schüchternen Frances daher kaum. Erschwerend hinzu kommt, das sie den kürzlichen Tod ihrer geliebten Mutter verkraften muss. Auch der extrovertierten Erica gelingt es nicht, ihre Freundin aus dem Schneckenhaus zu locken, in das sich diese verstärkt zurückzuziehen scheint.

Traurig in New York City: Die introvertierte Studentin Frances fühlt sich verloren in der großen Stadt

Als Frances eines Tages eine vergessene Handtasche in der U-Bahn bemerkt, ändert sich alles. Den nachdrücklichen Warnungen ihrer Freundin Erica zum Trotz macht sich die gute Seele auf, die Tasche ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurückzugeben. Diese stellt sich als die Klavierlehrerin Greta Hideg (Isabelle Huppert, „Elle“) heraus. Die französischstämmige und kultivierte ältere Dame wohnt einsam und zurückgezogenen in ihrem gemütlichen kleinen Häuschen in einem New Yorker Hinterhof. Nachdem ihre Tochter vor einiger Zeit zum Studieren nach Paris gegangen ist, sehnt sich Greta nach einer liebevollen Beziehung, so wie Frances dies nach dem Verlust ihrer Mutter ebenfalls tut. Die beiden einsamen Seelen finden daher schnell zueinander, eine innige Freundschaft scheint zu entstehen. Doch bald muss Frances feststellen, dass ihr Handtaschenfund weniger zufällig war als zunächst angenommen und dass sich hinter der unscheinbaren, netten Dame Greta weit mehr verbirgt. Diese lässt sich auch nicht so schnell wieder abwimmeln, wenn man ihr erst einmal die Tür ins eigene Leben geöffnet hat.

Der Fund einer damenlosen Handtasche wird Frances’ Leben nachhaltig verändern

Das der irische Regisseur Neil Jordan etwas vom Fach versteht, hat der Oscar-Gewinner (bestes Drehbuch für „The Crying Game“, 1992) hinlänglich bewiesen. Allerdings liegen die öffentlich beachteten Erfolge des mittlerweile fast 70-jährigen Filmemachers nun auch schon eine ganze Weile zurück – siehe beispielsweise auch „Interview mit einem Vampir“ (1994) und „Michael Collins“ (1996). Mit „Greta“ setzt er sich nun nach siebenjähriger Unterbrechung erstmalig wieder auf den Regiestuhl einer Filmproduktion. Und man merkt diesem Werk durchaus an, dass Jordan ein überzeugter Vertreter der alten Schule geblieben ist. Dies muss ja nun nicht zwingend ein Nachteil sein – ganz im Gegenteil –, in Bezug auf seinen Thriller um eine durchgeknallte Stalkerin im beginnenden Seniorenalter erweist es sich allerdings leider als nur bedingt förderlich.

Kaum Innovation im Thriller-Genre

So bekommen wir mit „Greta“ einen zumindest halbwegs soliden Thriller geboten, der sich etlicher etablierter Formen aus dem Genrebaukasten bedient: Mit Frances etwa einer klassischen, naiv gutherzigen wie hübschen jungen „Damsel in Distress“, in deren Alltag sich sukzessive das Grauen einschleicht, bis es zur unausweichlichen Katastrophe kommt. Ebenso vertraut Jordan auf klassische dramaturgische Inszenierungsstrategien des Suspense, indem er uns als Zuschauer stets etwas mehr wissen lässt als die bedauernswert ahnungslose junge Studentin. Wir bemerken dadurch relativ früh, dass hinter der Fassade der netten, einsamen Greta mehr lauert, und müssen fortan hilflos zusehen, wie sich unsere junge Protagonistin zunehmend in die Misere bewegt.

Wie Mutter und Tochter? Frances (l.) freundet sich mit der einsamen Greta an

Jordans neuestes Werk hat durch diese beinahe schon sklavische Bedienung der Genrekonventionen jedoch ein Problem: Es fehlt nahezu komplett an Einfallsreichtum und nachhaltigen Überraschungen. Ist der Film filmtechnisch-handwerklich zwar durchweg top, so bleiben beinahe jede charakterliche Figurenentwicklung, überraschende dramaturgische Wendung und jeder vermeintliche Schockmoment für mit dem Genre vertraute Zuschauer komplett vorhersehbar. Bei mir blieb im Nachhinein tatsächlich nur eine einzige, längere Sequenz in Erinnerung, bei der mich der Regisseur wirklich einmal überraschen und nachdrücklich begeistern konnte. Da diese ziemlich entscheidend für die Geschichte ist, verrate ich lieber nicht, worum es geht. Aber hier ist „Greta“ tatsächlich mal sowohl handwerklich als auch inszenatorisch interessant gemacht und weiß mit einem Twist ausnahmsweise zu überraschen.

Suspension of Disbelief?

Auch mit der Logik nimmt es der irische Regisseur, der zusammen mit Ray Wright auch am Drehbuch mitgewirkt hat, in seinem Plot nicht immer allzu genau. So lassen einen die Handlungen der einzelnen Figuren häufig recht ratlos zurück, manche Verhaltensweisen dienen mit ihrer mitunter schieren Dummheit wohl einzig dem Spannungsaufbau. Ein beliebtes Stilmittel etwa auch im Horrorgenre, um Spannung in erster Linie durch nicht nachvollziehbare Handlungen der einzelnen Protagonisten zu erzeugen. Da will ich gar nicht weiter ins Detail gehen. Wer sich den Film anschaut, wird erkennen, was ich meine – es ist einfach zu offensichtlich. Kleiner Tipp: Achtet mal auf die Handlungen von Frances’ Vater (Colm Feore) und des von diesem engagierten Privatdetektivs (Stephen Rea)!

Die Theorie vom „Suspension of Disbelief“ besagt jedoch, das Zuschauerinnen und Zuschauer durchaus dazu bereit sein können, über fehlende Logik in fiktionalen Werken wohlwollend hinwegzusehen und sich auf das Gezeigte emotional einzulassen. Viele Science-Fiction-, Horror- und Fantasyfilme wären anders wohl kaum vorstellbar. Ob diese stille Übereinkunft zwischen Rezipienten und einem Werk allerdings auch bei einem maximal als mittelmäßig einzustufenden Film wie „Greta“ Früchte trägt, wage ich dagegen zu bezweifeln.

Erica stößt mit ihren Warnungen bei ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin auf taube Ohren

Das „Greta“, trotz der Überraschungsarmut sowie der oft fehlenden logischen Nachvollziehbarkeit, wenigstens im grauen cineastischen Mittelmaß anzusiedeln sein wird, verdankt der Film vor allem der tollen Besetzung seiner beiden Hauptfiguren. Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert absolviert hier auf ihre alten Tage noch einmal einen ihrer seltenen Ausflüge in amerikanische Spielfilme. Ist ihr Charakter der Greta zwar im Großen und Ganzen dann doch ziemlich überzeichnet, so gelingt es der Thriller-erfahrenen Darstellerin dennoch auf beeindruckende Weise, deren emotionalen Facettenreichtum auf die Leinwand zu bringen – von der zunächst freundlichen Klavierlehrerin, der wir aufgrund ihres kultivierten Wesens und der traurigen Einsamkeit zunächst unsere Sympathien entgegenbringen bis hin zur kaltblütigen und durchgeknallten Psychopathin, die sie eigentlich darstellt.

Gar nicht mal so nett: Greta

Chloë Grace Moretz ist wie gewohnt eine Wucht. Die junge amerikanische Schauspielerin hat mit ihren gerade einmal 22 Jahren bereits eine beachtliche Filmografie vorzuweisen. Sie beweist auch mit „Greta“ ihren ausgeprägten Hang zu Rollen in emotional wenig erbaulichen Filmen, wie sie seit ihrem Durchbruch als 12-jähriges „Hit-Girl“ im Superhelden-Action-Splatter-Spektakel „Kick-Ass“ wiederholt bewiesen hat. Ob Action, Horor oder Thriller – Filme mit Hang zum Dramatischen scheinen auf jeden Fall ihr Ding zu sein. Auch wenn ihre Figur der Frances in „Greta“ schon arg viel durchmachen muss und nur wenig Gelegenheit bekommt, sich auch mal ohne fremde Hilfe zu behaupten, so macht Moretz schauspielerisch das Beste aus ihrer vom Drehbuch ziemlich devot angelegten Rolle.

Filme, die die Welt nicht braucht?

Das soll nun alles aber auch nicht so harsch klingen, wie es vielleicht den Eindruck macht. Aber mit „Greta“ liefert Regisseur Jordan einen Thriller ganz nach Schema F, an dem zumindest handwerklich wenig auszusetzen ist, der durch seine Überraschungsarmut und fehlendem Einfallsreichtum jedoch weder sonderlich spannend ist, noch groß zu schockieren oder gar zu überraschen vermag – mit geringfügigen Ausnahmen. Dessen Überzeichnung einzelner Figuren und mitunter gewaltige Logiklöcher werden gerade bei einem anspruchsvollen Publikum nur wenig Begeisterungsstürme entfachen. Ein höchst durchschnittlicher, beinahe schon belangloser Film also, der es wohl nur der populären Besetzung seiner beiden Hauptrollen zu verdanken hat, überhaupt ein größeres öffentliches Interesse zu rechtfertigen.

Dass darüber hinaus auch das interessante und wichtige Thema des Stalkings nur als spannungserzeugender Aufhänger für die Story dient, sei nur am Rande erwähnt. Ich werde zumindest auch weiterhin versuchen, so freundlich wie möglich zu sein. Lasst euch nach der Sichtung von „Greta“ auch weiterhin nicht davon abhalten, verlorene Gegenstände an ihre Besitzer zurückzugeben! Nur wenn es sich dabei um ältere, frankophile Klavierlehrerinnen handelt, empfehle ich ausdrücklich, lieber Abstand zu halten oder am besten direkt Reißaus zu nehmen. Gleiches gilt aber im Prinzip auch für den Thriller „Greta“. Kann man sich diesen zwar durchaus mal anschauen, ohne komplett etwas falsch zu machen, so können mit den knapp 100 Minuten Lebenszeit bestimmt auch sinnvollere Dinge angestellt werden. Socken bügeln zum Beispiel. Ihr würdet es nicht bereuen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Jordan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Chloë Grace Moretz unter Schauspielerinnen.

Was hat Greta (l.) mit Frances vor?

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Greta
IRL/USA 2018
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Ray Wright, Neil Jordan
Darsteller: Isabelle Huppert, Chloë Grace Moretz, Maika Monroe, Colm Feore, Stephen Rea, Jane Perry, Jeff Hiller, Thaddeus Daniels, Raven Dauda
Verleih: capelight pictures

Copyright 2019 by Philipp Ludwig


Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2018 capelight pictures. All rights reserved.

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Kleine Germanen – Gefangen im braunen Teufelskreis?

Kleine Germanen

Kinostart: 9. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Gesellschafts-Doku // In welchem Umfang kann und darf man rechten Pseudointellektuellen, braunen Schreckschrauben oder völkischen Vertretern der Wutbürgerfraktion in einer Doku das Wort überlassen? Die Antwort der Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh lautet für ihr neuestes Werk „Kleine Germanen“: erstaunlich viel. Für sie stellt es jedenfalls eine Möglichkeit dar, das gefährliche Selbstvertrauen, das sich Vertreter rechter Gesinnung in den letzten Jahren aufgebaut haben, ungeschönt zu präsentieren. Die aktive Beteiligung von Rechten an einem kritischen Dokumentarfilm über eine völkische Kindeserziehung, unter Mitwirkung eines iranisch-stämmigen Regisseurs wäre bis vor Kurzem wohl noch undenkbar gewesen. Doch sie werden immer mutiger, die braunen Rattenfänger und deutschtümelnden Verschwörungstheoretiker, die sich hier dem Publikum gegenüber bewusst als brave und gutbürgerliche Mitglieder der Gesellschaft zu präsentieren versuchen.

Geistige Vordenker der Neuen Rechten? Götz Kubitschek samt Ehefrau Ellen Kositza

Die zunehmende „Charme-Offensive“ sowie die damit einhergehend schleichende öffentliche Normalisierung rechter Vertreter und ihrer Positionen etwa in Fernseh-Talkshows sieht der Regisseur Farokhmanesh als besonders gefährlich an, wie er im Presseheft zu „Kleine Germanen“ anmerkt: „Erst nehmen sie den kleinen Finger, dann die ganze Hand und irgendwann werden wir dumm aus der Wäsche gucken.“ Doch wer bei den mitunter erschreckend langen Monologen der Interviewten in seinem und Geigers neuesten Werk genau hinhört, vermag wiederholt deren wahres und gefährliches Gesicht unter der gutbürgerlichen Fassade zu erkennen. Geiger und Farokhmanesh fordern uns Zuschauerinnen und Zuschauern somit eine Menge ab. Da sie bewusst auf einen erklärenden und kommentierenden Erzähler verzichten und ihre Gesprächspartner im Film nahezu ungestört und unhinterfragt ausführlich zu Wort kommen lassen, liegt es an uns selbst, entsprechende Rückschlüsse zu ziehen. Und nur allzu häufig das dringende Bedürfnis unterdrücken zu müssen, in die Leinwand zu springen und die dortigen Protagonisten einmal besonders kräftig zu schütteln. Nicht gerade einfach, wenn diese zum Beispiel über Absurditäten wie die angeblichen Verbote urdeutscher Schlemmerträume wie Schweinshaxe oder Saumagen schwadronieren, zu denen es aus vermeintlicher Rücksichtnahme auf Muslime kommen soll oder gekommen ist.

Mitdenken zwingend erforderlich

Ist es zwar lobenswert und immer wieder ein schönes Gefühl, von Filmemachern als intelligenter Rezipient respektiert zu werden – ganz ohne Risiko ist das in diesem Fall gewiss nicht. Auch wenn die Äußerungen der rechtsaußen angesiedelten Interviewpartner mitunter bestürztes Kopfschütteln hervorrufen werden, so wissen diese doch stets ganz genau, wie weit sie gehen können, was sie wirklich offen sagen dürfen und was nicht. Doch wer genau hinhört, wenn diese über ihre eigenen Kindheitserinnerungen und die Erziehungsmethoden ihrer Eltern und Großeltern sprechen sowie zu ihren Ansichten zu Themen wie „Heimat“ oder „deutscher Identität“ und vor allem über ihre Vorstellungen zur Erziehung der eigenen Kinder fabulieren, kann sich ihren bestürzend gefestigten Überzeugungen aus einer kruden Weltanschauung keinesfalls verschließen. Da können sie auch noch sehr versuchen, diese in warme Worte zu verpacken. Wenn dieser Gedankengang schlussendlich beim Publikum erreicht wird, dann haben die Filmemacher mit „Kleine Germanen“ eines ihrer Ziele immerhin erreicht: Selbstentlarvung rechten Gedankenguts statt gesteuerter Vorführung. Wer dies intellektuell jedoch nicht für sich erreichen kann (oder will), für den bergen die getätigten Aussagen leider doch die Gefahr, für bare Münze genommen zu werden – gerade, da die allzu offensichtlich fragwürdigen und skandalträchtigen Aussagen am Ende eben doch ausbleiben.

Ein Traum von Heimat-Idyll: Elsa auf einer Wanderung mit ihrem Großvater

Als Gegenpol fungieren daher weitere Gesprächspassagen mit einigen Experten zum Thema Rechtsextremismus und insbesondere den vielfältigen Erscheinungsformen sowie den Gefahren rechtsradikaler Kindeserziehung. Diese unterlegen aus dem Off zahlreiche Aufnahmen von rechten Aufmärschen, völkischen Ferienlagern sowie inszenierten Szenen mit spielenden Kindern auf einem Spielplatz. Gerade letztgenannte sorgen, auch dank entsprechender musikalischer Untermalung, für einen zusätzlichen empathischen Zugang. Führen sie uns doch die naive Unbekümmertheit von Kindern und deren hohe Schutzbedürftigkeit nochmals deutlich vor Augen, die im Zusammenhang mit dem Thema der Einflussnahme rechten Gedankenguts auf die Kindeserziehung natürlich zusätzliche Wirkung entfalten kann.

Großen Umfang nehmen in „Kleine Germanen“ zudem animierte Trickfilmsequenzen ein, welche die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte einer jungen Frau präsentieren, die in den „Genuss“ einer solchen rechtsextremen Kindeserziehung kam und unter den Folgen zu leiden hat. Gerade diese Sequenzen (die als erzählerischer roter Faden des Dokumentarfilms dienen) sind es, die emotional besonders berühren und die Aussagen der braunen Gesprächspartner erst so richtig in ihr „rechtes“ Licht zu rücken vermögen. Werden hier doch die Auswirkungen einer braun gefärbten Erziehung und somit der Teufelskreis von Ursache und Wirkung auf emotionale Weise intensiv dargestellt.

Bewährtes Duo bei der Arbeit

Geiger und Farokhmanesh haben mit „Teheran Tabu“ (2017) als Produzenten bereits bewiesen, dass sie dem dokumentarischen Animationsfilm zugeneigt sind. Das filmische Werk über das restriktive Leben junger Iranerinnen und Iraner in Teheran wurde damals sogar bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Ihren Erfahrungen mit dem Genre ist es daher wohl zu verdanken, dass wir auch in ihrem neuesten, erneut äußerst politischen Dokumentarfilm „Kleine Germanen“ eine so traurige wie wahre Geschichte präsentiert bekommen. Diese basiert auf den Erfahrungen einer Frau, mit der die beiden Filmemacher zahlreiche Gespräche geführt haben, ohne sie dabei selbst jemals zu Gesicht zu bekommen. Da sie auch im Film aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben will, bekommen wir die berührende Geschichte einer Kindheit im Zeichen brauner Erziehungsmethoden in Form eines Trickfilms geboten.

Animierte Dokumentarfilme bieten eine hervorragende Möglichkeit, um persönlich Erlebtes darzustellen, von dem es etwa keine visuellen Aufzeichnungen gibt. Insbesondere, wenn es sich dabei um traumatische oder belastende Erlebnisse handelt. Bei deren filmischer Rückbetrachtung die betroffenen Personen zwar darüber berichten, aber ebenso lieber in der Geborgenheit der Anonymität bleiben wollen. Zudem zeigen sie durch ihren Charakter als Grenzgänger zwischen Fakten und Fiktion nicht nur besonders anschaulich den allen Dokumentarfilmen stets innewohnenden, konstruktiven Abbild-Charakter des Realen – sie bieten durch ihre gestalterischen Freiheiten zudem Potenzial, um Zuschauerinnen und Zuschauer emotional an eine wahre Geschichte zu binden. Seit bahnbrechenden Erfolgen wie „Waltz with Bashir“ (2008) erfreut sich das Genre auch hierzulande wieder einer großen Popularität beim geneigten Publikum.

Von ihrem Opa lernt Elsa schon früh, was „wahres Deutschsein“ zu bedeuten hat

Elsa wächst in den 1970er-Jahren auf. Da ihre Eltern sehr viel arbeiten, übernimmt die Erziehung hauptsächlich ihr Großvater. Der Alt-Nazi hat dabei klare Vorstellungen davon, wie ein deutsches Kind aufzuwachsen hat. Hierzu zählen auch Kriegsspielchen, bei denen seine Enkelin den als „Bolschewiken“ verkleideten Großvater erschießen muss und zur Belohnung mit den entsprechenden Nazi-Abzeichen behangen wird. Ob Hitler-Gruß oder „Mein Kampf“-Lektüre – Elsa muss alles mitmachen und stellt aufgrund ihrer kindlich-naiven Liebe zum Opa dessen Weltbild nicht in Frage. Auch nicht, wenn ihr dieser stets Angst vor diesen scheinbar so schrecklich bösartigen Juden macht, die sie als monströse, rattenähnliche Erscheinungen sogar bis in ihre Träume verfolgen – auch wenn sie selbst noch nie einen dieser angeblich so bösen jüdischen Mitmenschen zu Gesicht bekommen hat. Ihre geliebten amerikanischen TV-Cartoons werden ihr als „Feindpropaganda“ verboten und bei den langen Wanderungen durchs heimatlich-malerische Alpenidyll sind auch dicke Blasen an den Füßen für den knallharten Großvater kein Grund zum Jammern. Ein deutsches Mädel kennt schließlich keinen Schmerz, oder?

Die großväterliche Erziehung trägt ihre Früchte: die jugendliche Elsa im Kreis ihrer neuen Kameraden

Besonders dramatisch wird die Lage für Elsa ab den 1980ern, in denen sie sich als Jugendliche zunehmend radikalisiert. So hält sie sich oft bei Versammlungen einer rechtsextremen Partei auf und schmiert ihrer Lehrerin auch schon mal antisemitische Parolen an die Tafel, nachdem sie von deren jüdischem Hintergrund erfahren hat. Endgültig verloren scheint sie, als sie auf den besagten Versammlungen den ebenso charismatischen Hetz-Redner wie auch gewalttätigen Choleriker Thorsten kennenlernt und sich unsterblich in ihn verliebt. Auf brutale gemeinsame Jagdzüge auf Migranten folgen bald die Hochzeit und der Umzug in eine ländlich-völkische Dorfgemeinschaft. Kann sich Elsa jemals wieder aus dem braunen Sumpf befreien? Oder ist sie aufgrund der seit Kindesalter erfolgten großväterlichen Indoktrination hoffnungslos verloren?

Wohin wird der eingeschlagene braune Weg Elsa in Zukunft führen?

Mit Hilfe des Motion-Capturing-Verfahrens werden in „Kleine Germanen“ die Bewegungen echter Darstellerinnen und Darsteller in animierter, stilisierter Form widergegeben. Der Animationsstil der Trickfilmpassagen erinnert dabei stark an Richard Linklaters „Waking Life“. Die stetig leicht auf den Figuren erfolgenden Oberflächenbewegungen machen das Schauen zu Anfang des Films zumindest ein wenig gewöhnungsbedürftig. Auf mich wirkte es daher zunächst eher abschreckend und ich fürchtete bereits in den ersten Minuten der Pressevorführung erhöhtes Migränerisiko. Doch gewöhnte ich mich dann doch recht schnell an diesen stets etwas nervös wirkenden Animationsstil, spätestens, wenn einen die packende Geschichte der jungen Elsa auf ihrem Weg in den braunen Abwärtsstrudel zunehmend emotional abholt. Insbesondere, wenn später auch noch deren Kinder – die künstlerisch begabte, feinfühlige Marrit sowie der geistig zurückgebliebene Hermann – zur Welt kommen und die weiteren Entwicklungen mit ihrem sich stetig radikalisierenden Ehemann Thorsten wahrlich auf kein gutes Ende schließen lassen.

Braunes Gruselkabinett

Erschwert also bereits der gewöhnungsbedürftige Animationsstil den Einstieg in den Film, so trifft dies vor allem auf die gerade zu Beginn sehr präsenten Interviewpassagen mit den Vertretern der rechten Szene zu. Auch für das von mir beschriebene Gefühl einer androhenden Migräne ist deren schier unerträgliche Selbstherrlichkeit in ihren wirren Ausführungen nicht immer zwingend förderlich. Geiger und Farokhmanesh versammeln in „Kleine Germanen“ aber auch eine besonders skurrile wie fragwürdige Ansammlung an Protagonisten. Götz Kubitschek etwa, der einer im Presseheft des Films zu findenden Äußerung Farokhmaneshs zufolge vor gar nicht allzu langer Zeit noch keine Probleme damit zu haben schien, einen Gartenzwerg mit Hakenkreuz im Regal zu präsentieren. Zusammen mit seiner Ehefrau Ellen Kositza gilt der Verleger und Publizist als vermeintliches intellektuelles Aushängeschild der Neuen Rechten. Die mehrfachen Eltern vermögen daher auch auf besonders beeindruckend verschwurbelte Art und Weise – samt dekorativem, akademisch angehauchtem Bücherregal im Hintergrund – ihre Theorien von einer vermeintlichen deutschen Werte- und Kulturtradition sowie völkischen Identität und deren gewünschte wie geförderte Weiterreichung an die eigenen Kinder zu erzählen.

„Nazi-Wolf“ im „Hipster-Pelz“? Martin Sellner, Identitäre Bewegung Österreich

Zu ihnen in die Runde gesellt sich Martin Sellner als Gesicht und Sprecher der Identitären Bewegung Österreichs, der kürzlich aufgrund seiner mutmaßlichen Verbindungen zum Attentäter von Christchurch öffentlich in Bedrängnis geraten ist. Dazu Sigrid Schüßler, die als frühere NPD-Funktionärin und Pegida-Anhängerin ihre öffentlichkeitswirksame Rolle als gerichtlich belangte Provokateurin sichtlich zu genießen scheint. Ebenso Ricarda Riefling, NPD-Politikerin und Vorsitzende der Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF) – übrigens diejenige, die sich um die Zukunft des deutschen Saumagens so große Sorgen macht. Einzig der rechte Aussteiger Alexander Lingner vermag es, bei den visuell sichtbaren Interviewpartnern auch kritische Töne zu rechten Ansichten und Erziehungsmethoden verlauten zu lassen.

„Pegida-Schreckschraube“ mit sichtlicher Freude an der öffentlichen Provokation: Sigrid Schüßler

In Zeiten, in denen die Rechten bedauernswerterweise immer mutiger und offen aus ihren dunklen Löchern gekrochen kommen, gelingt Geiger und Farokhmanesh mit „Kleine Germanen“ daher ein wichtiger filmischer Beitrag. Insbesondere, da sie sich mit den Fragen nach braunen Erziehungsmethoden und deren Auswirkungen auf die schutzbedürftigsten Mitglieder unserer Gesellschaft beschäftigen – ein Thema, das bislang viel zu selten Präsenz in der Öffentlichkeit erhält. Mit ihrer Wahl, Vertreter der rechten Szene ausführlich zu Wort kommen zu lassen, ohne diese bewusst vorzuführen, bietet ihr Werk jedoch auch Anlass zur Kritik. Ebenso aufgrund gewisser provokativer Darstellungen in den animierten Sequenzen, wenn beispielsweise in Elsas Traumsequenzen Thor als germanischer Superheld rattenähnliche Juden bekämpft und diese abschließend gar ins Kaminfeuer stößt. Auch ihre These von dem undurchdringbaren Teufelskreis bestehend aus rechter Erziehung mit automatischer Übernahme und Weitergabe braunen Gedankengutes an die jeweils folgenden Generationen dürfte als erklärender Grund für eine rechtsradikale Weltanschauung gewiss für Diskussionen sorgen.

Ein wichtiger Film zur richtigen Zeit?

Die Filmemacher fordern uns als Zuschauer zum Denken auf, um die einzelnen Bausteine ihres Dokumentarfilms angemessen verknüpfen zu können. Es ist absolut wünschenswert, wenn sie mit ihrem Anliegen, einen öffentlichen Diskurs über ein wichtiges Thema zu initiieren, erfolgreich sind. Von rechtsaußen ist es bislang erstaunlich ruhig geblieben – ein Zustand, der sich nach der anstehenden Premiere sowie daher eventuell erhöhter Besucherresonanz des Dokumentarfilms natürlich durchaus noch ändern kann. Gemäß dem Grundsatz, es gebe keine schlechte Aufmerksamkeit außer gar keiner Aufmerksamkeit, nutzen diese schließlich mittlerweile jede noch so kleine Möglichkeit, sich öffentlich zu echauffieren und als Opfer der „Gutmenschen“ und „Lügenpresse“ zu stilisieren.

Wenn man sich auf die in „Kleine Germanen“ auferlegte intellektuelle Herausforderung, ebenso wie auf den zunächst leicht gewöhnungsbedürftigen Animationsstil sowie die ausführlichen braunen Interviewbeiträge einlässt, dann erwartet einen ein äußerst interessantes und emotionales Werk, das mit seinen tiefen Einblicken in rechte Gedankenwelten in der Lage ist, sowohl zu informieren als auch zu verstören. Ich kann daher nur empfehlen, diesem spannenden und berührenden Dokumentarfilmprojekt eine Chance zu geben. Auch, wenn man die meiste Zeit das Bedürfnis verspürt, die Hand zur Faust zu ballen, oder der schieren Fassungslosigkeit anheimfällt.

Thor – Superheld in den Träumen kleiner Germanen?

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Kleine Germanen
D/A 2019
Regie: Frank Geiger, Mohammad Farokhmanesh
Drehbuch: Frank Geiger, Mohammed Farokhmanesh
Mitwirkende: Götz Kubitschek, Ellen Kositza, Martin Sellner, Ricarda Riefling, Sigrid Schüßler, Alexander Lingner
Experten: Dr. Gudrun Heinrich (Universität Rostock), Prof. Dr. Michaela Köttig (Universität Frankfurt), Bernd Wagner (EXIT-Deutschland), Alice Blum (Universität Gießen), Judith Götz, Andreas Peham, Verena Fabris,
Verleih: Little Dream Verleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 brave new work, Little Dream Entertainment. All rights reserved.

 

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Friedhof der Kuscheltiere (2019) – Wie viele Leben hat eine Katze?

Pet Sematary

Kinostart: 4. April 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Es wird so sein wie bei vielen Neuverfilmungen: Manche Fans von Mary Lamberts 1989er-Regiearbeit „Friedhof der Kuscheltiere“ lassen darauf als Klassiker nichts kommen und werden deshalb der erneuten Umsetzung von Stephen Kings Romanvorlage nichts abgewinnen können. Andere, die für den Horror-Zeitgeist und die Optik der späten 80er-Jahre nur ein müdes Lächeln übrig haben und modernen Sehgewohnheiten frönen, werden womöglich begeistert sein. Wer zu differenzierter Betrachtung in der Lage ist, kann allerdings an beiden Versionen seine Freude haben, so viel sei schon hier verraten (und natürlich kann man an beiden Versionen kritikwürdige Aspekte finden). Klar ist: Die modernisierte Fassung des Regisseurs-Duos Kevin Kölsch und Dennis Widmyer („Starry Eyes“) bietet im Fahrwasser von „Es“ (2017) Mainstream-Horror, der insbesondere Fans von Franchises wie „Conjuring – Die Heimsuchung“ und „Insidious“ gefallen kann. Wer auf der Suche nach dem nächsten extremen Terrorfilm ist, möge weitersuchen.

Von Haustieren und Kuscheltieren

Beiden Filmen kann nicht angelastet werden, dass „Pet“ fälschlicherweise als „Kuscheltier“ übersetzt wurde – dafür trägt der deutsche Verleger des Romans die Verantwortung. Zu seiner Entschuldigung sei angeführt, dass sich „Friedhof der Haustiere“ deutlich unspektakulärer liest. Angemerkt sei, dass meine letzte Lektüre des Romans ewig lange zurückliegt und auch meine jüngste Sichtung der Erstverfilmung sicher nicht in diesem Jahrtausend war. Aber ich vertrete ohnehin die Haltung, dass auch eine Literaturverfilmung erstmal nur für sich funktionieren muss und nicht verpflichtet ist, die Vorlage „adäquat“ umzusetzen, was immer das bedeuten mag. Und dass ein Remake angetan ist, den Status der Erstverfilmung als Klassiker anzukratzen, wie manche Remake-Verächter anscheinend glauben – ein absurder Gedanke.

Der Eingang zum „Pet Sematary“

Zur Story: Familie Creed hat dem Stress der Großstadt Boston Adieu gesagt und zieht ins beschauliche Ludlow im ländlichen Maine. Dort hat Louis Creed (Jason Clarke) eine Stelle als Arzt der Universität angeboten bekommen und angenommen. Er und seine Frau Rachel (Amy Seimetz) haben ein ansehnliches Haus erworben. Dort donnern zwar häufig schwere Trucks die Straße entlang, das riesige Grundstück inklusive großem Waldgebiet entzückt die Familie aber sehr. Im Gehölz entdeckt Tochter Ellie (Jeté Laurence) einen eigentümlichen Friedhof, auf dem offenbar nur Haustiere begraben liegen, wie ihr der alte und verwitwete Nachbar Jud Crandall (John Lithgow) erklärt. Passend dazu findet sich in kindlicher und fehlerhafter Schrift die Bezeichnung PET SEMATARY auf einem Holzschild (den deutschen Trailern nach zu schließen, wird auf hiesigen Kinoleinwänden FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ohne Fehler auf dem Schild zu lesen sein).

Familie Creed richtet sich behaglich ein

Schnell hat sich die Familie inklusive Ellies kleinem Bruder Gage (Hugo und Lucas Lavoie) und Hauskatze Church eingelebt, doch ein gutes Stück hinter dem Friedhof der Haustiere, abgetrennt durch eine nur mühsam überwindbare Barrikade aus Stämmen, Ästen und Geröll, befindet sich eine weitere Grabstätte – und die hütet ein düsteres Geheimnis. Steht das Gebiet unter dem bösartigen Einfluss des Wendigo, jener Kreatur aus der indianischen Mythologie?

Ellie erkundet den Haustierfriedhof

Ein dräuender Score trägt dazu bei, die Spannungsschraube in die Höhe zu drehen, obwohl die gelegentlichen Jump-Scares etwas vorhersehbar daherkommen – einige Szenen lassen erahnen, dass wir uns in wenigen Momenten erschrecken sollen. Ebenfalls erahnen lässt sich drohendes Unheil, das nennt sich Suspense und ist in diesem Fall überaus effektiv inszeniert. Wir ahnen ein sich ankündigendes Unheil, erst recht, wenn wir Romanvorlage oder Erstverfilmung kennen, doch wann und wie genau es eintreten wird, erfahren wir erst bei Eintritt des tragischen oder bösartigen Ereignisses. Das macht eine große Qualität von „Friedhof der Kuscheltiere“ (2019) aus. Schauspielerisch bewegt sich all das auf anständigem Niveau, auch die Thematisierung eines Kindheitstraumas von Rachel Creed.

Louis (r.) lässt sich von Nachbar Jud …

Da sich die Regisseure in vielen Aspekten gegenüber dem Roman werktreu zeigen, sind Parallelen zur Erstverfilmung unausweichlich. Der tödlich verunglückte Student Victor Pascow (Obssa Ahmed) sei genannt, der Louis Creed immer wieder als mahnende Vision erscheint. Teilweise zitiert die Neuverfilmung die 1989er-Version sehr deutlich, um dann doch einen Schlenker zu machen – als Stichworte seien das Skalpell und der Truck genannt, doch mehr will ich nicht verraten. Später schlägt der Film dann ganz andere Wege ein als sein Vorgänger, er hält somit auch für Kenner der ersten Umsetzung einige Überraschungen bereit. Eine zentrale Änderung gegenüber der Romanvorlage ergibt sogar absolut Sinn – wer anderswo zu viel gelesen oder gar die Trailer geschaut hat, weiß bereits, was ich meine, dennoch will ich nicht zu viel verraten. Fans der Vorlage haben bereits ungehalten reagiert, Stephen King selbst allerdings sieht das Ganze gelassen, wie man bei – Vorsicht, dort hat’s Spoiler! – IndieWire nachlesen kann. Jedenfalls bereitet das konsequente Finale erst recht Freude.

Remake oder Neuverfilmung?

Haben wir es mit einer Neuverfilmung oder mit einem Remake zu tun? Moment – ist das nicht dasselbe? Wer so denkt, muss aufpassen, dass ihm in Filmforen oder Social-Media-Filmgruppen nicht schlaue Leute über den Mund fahren. Für die gilt eine Neuverfilmung nämlich nur dann als Remake, wenn es sich nicht um eine Literaturverfilmung handelt, sondern die Erstverfilmung auf einem Originaldrehbuch beruht. Hä? Ganz recht, da gibt es feine Unterschiede, die mir in einer Diskussion um den Vergleich zweier Verfilmungen einer Story aber akademisch erscheinen. Wer sie anbringt, hat zwar genau genommen recht, sollte dies aber zuvor mit einem „Klugscheißmodus an“ ankündigen. Insofern mag das zwar eigentlich auch für beide Adaptionen dieses Stephen-King-Romans gelten, hier ist es aber so, dass die Zitate der ersten Adaption derart deutlich ausfallen, dass es meines Erachtens völlig gerechtfertigt ist, von einem Remake zu sprechen oder zu schreiben. Dass beide Versionen Unterschiede aufweisen, ist davon unbenommen.

… tiefer in den Wald führen

Bleibt die Frage: Braucht’s dieses Remake? Gegenfrage: Welchen neuen Horrorfilm braucht das Genre schon wirklich? Zu viele innovationsarme Produktionen kommen jährlich auf den Markt, da schadet ein weiterer nicht. Und Innovationen hat „Friedhof der Kuscheltiere“ (2019) in der Tat nicht zu bieten. Aber er ist auf professionellem Niveau fesselnd inszeniert. Gebraucht hätte ich ihn nicht unbedingt, habe mich jedoch anständig unterhalten gefühlt. Einigen Genrefans fehlt bei der 1989er-Version das gewisse Etwas, völlig in Ordnung, wenn sie sich auf die Neuverfilmung freuen. Vorab äußerten andere bereits ihre Enttäuschung über die FSK-16-Freigabe, die Gorehounds andeutet, wenig extremen Terror und kaum heftige Gewaltexzesse erwarten zu können. Mit dieser Vermutung liegen sie zwar richtig, aber lasst Mainstream-Horror wie diesen dann doch einfach links liegen! Er soll ein vielköpfiges Publikum ins Kino locken, nur logisch, dass die Produzenten den Gewaltgrad eher im Hinblick auf eine niedrigere Altersfreigabe ausrichteten. Wer damit und mit der mangelnden Originalität keine Probleme hat, darf sich auf eine gelungene filmische Modernisierung des Bestsellers von Stephen King freuen. Sie bringt das Genre nicht voran, fügt ihm aber auch keinen Schaden zu.

Ellie merkt: Katze Church hat sich verändert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet, Filme mit Jason Clarke und John Lithgow in der Rubrik Schauspieler. Zu Lucas Knabes Rezension der ersten Verfilmung geht es auch hier.

Ob Louis weiß, was er tut?

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Pet Sematary
USA 2019
Regie: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer
Drehbuch: Matt Greenberg, Jeff Buhler, nach einem Roman von Stephen King
Besetzung: Jason Clarke, John Lithgow, Amy Seimetz, Jeté Laurence, Obssa Ahmed, Hugo & Lucas Lavoie, Sonia Maria Chirila
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Filmplakate &, Szenenfotos: © 2019 Paramount Pictures Germany

 
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Verfasst von - 2019/04/01 in Film, Kino, Rezensionen

 

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