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Archiv der Kategorie: Kino

Lamb – Das schweigende Lamm

Lamb

Kinostart: 6. Januar 2022

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Eine Herde Pferde wird im Schneetreiben von Island von einer schwer atmenden (fürs Filmpublikum nicht zu sehenden) Kreatur aufgeschreckt. Das Wesen nähert sich auch dem Schafstall auf dem Bauernhof von María (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason). Die Eheleute führen ein beschauliches, naturverbundenes Leben in der Abgeschiedenheit.

Endlose Weite: María führt ein einfaches Leben …

Bald darauf gebiert eines der Schafe ein Junges. Kein außergewöhnliches Ereignis, das geschieht im Stall ständig, aber dieses Neugeborene weckt Marías und Ingvars Aufmerksamkeit. Sie nennen es Ada (nach ihrer verstorbenen Tochter, wie wir beizeiten erfahren) und beginnen es aufzuziehen – fast wie ein eigenes Kind.

Kein Film für Actionfans

„Mann, da passiert ja gar nichts!“ Ich höre schon Stimmen wie diese von Filmguckern, die sich über die vermeintliche Ereignislosigkeit von „Lamb“ beschweren. Und es passiert in der Tat über weite Strecken nicht allzu viel. Wir müssen uns darauf einlassen, das einfache Leben der Eheleute vor berückend schöner Naturkulisse skizziert zu bekommen. Das geschieht mit sehr sparsamer musikalischer Untermalung von Þórarinn Guðnason. Entscheidend ist, dass etwas enorm Bizarres in dieses einfache Leben Einzug hält. Was an dem Jungschaf so außergewöhnlich ist, bekommen wir erst nach etwa 35 Minuten zu sehen, weshalb ich es an dieser Stelle nicht enthüllen will (wer seine Neugier nicht zügeln kann, möge den unten eingebetteten Trailer schauen, der es in ein paar kurzen Einstellungen andeutet). Und auch in der Hinsicht muss man sich auf etwas einlassen: darauf, dass María und Ingvar die besondere Missgestaltung des Schafs nach kurzem Erstaunen wie selbstverständlich hinnehmen. Dass dies gelingen kann, ist Noomi Rapace und Hilmir Snær Guðnason zu verdanken, die dem Stoff mit unprätentiösem und ernsthaftem Spiel Wahrhaftigkeit verleihen.

… in den isländischen Bergen

Ingvars nach einiger Zeit auftauchender Bruder Pétur (Björn Hlynur Haraldsson) reagiert zwar befremdet, als er das Wesen bemerkt und erkennt, dass die Eheleute es wie ihr eigenes Kind aufziehen, arrangiert sich aber nach einer Weile damit. Seine Anwesenheit bringt gleichwohl einige Spannungen mit sich. María und Ingvar lieben einander, aber sie verharren in ihrem stets gleichförmigen Alltag. Obwohl uns am Anfang eine Radiostimme verrät, dass der Beginn des Films in der Weihnachtszeit spielt, ist nichts Weihnachtliches am Hof des Paars zu bemerken. Die beiden scheinen dem herkömmlichen Leben anderer Menschen schon entrückt zu sein.

Märchen? Fantasy? Horror? Arthouse?

Wie soll man „Lamb“ deuten? Es ist schwierig, vieles bleibt im Nebel, der auch die isländischen Berge oft einhüllt. Familie, Elternschaft, Verlust und Trauerverarbeitung sind Aspekte, die eine Rolle spielen, auch das Eindringen einer fremden Natur in ein an sich naturnahes Alltagsleben kommt zum Tragen. Und in welche Schublade soll man das Werk packen? Es trägt märchenhafte Züge, auch Fantasy wäre nicht falsch, ich habe mich aber nach einigem Überlegen aufgrund einiger Elemente für Horrordrama entschieden – wohl wissend, dass manch ein Horrorfan laut „Das ist doch kein Horror“ aufschreien wird und Leute auf der Suche nach dem üblichen Gemetzel den Film ablehnen werden. Regisseur Valdimar Jóhannsson allerdings bestritt im Interview mit „Variety“, dass es sich um einen Horrorfilm handelt, er vergab lieber das Etikett Arthouse. Das trifft sicher ebenfalls zu, aber als Rezipient bin ich ja nicht gezwungen, dem Regisseur Gehorsam zu leisten, deshalb bleibe ich bei Horror.

Mystischer Nebel verhüllt die Geheimnisse von Mutter Natur

Regisseur Valdimar Jóhannsson schrieb auch am Drehbuch mit. Für ihn stellt „Lamb“ nach einem Kurzfilm seinen ersten Langfilm dar. Zuvor war er als Techniker und Elektriker an Film- und Serienproduktionen beteiligt, auch internationalen Produktionen, wenn Dreharbeiten in Island stattfanden, etwa 2012 bei „Game of Thrones“ und 2014 bei „Noah“. Bei „Rogue One – A Star Wars Story“ (2016) und jüngst der bei Amazon Prime zu streamenden Produktion „The Tomorrow War“ (2021) agierte er als Techniker für die Spezialeffekte.

In Cannes und Sitges prämiert

Beim Fantasy Filmfest im Oktober 2021 lief „Lamb“ in der Regiedebüts vorbehaltenen „Fresh Blood“-Sektion. Im Rennen um den Fresh Blood Award landete das Werk aber auf keinem der ersten drei Plätze, Hinweis darauf, dass es nicht unbedingt zugänglich geraten ist. Drei Monate zuvor in Cannes, wo „Lamb“ seine Welturaufführung erlebte, gab’s aber immerhin den Preis „Un Certain Regard“ für besondere Originalität. Die ist ihm auch nicht abzusprechen. Noch besser lief es beim Internationalen Festival des fantastischen Films im katalanischen Sitges: Dort wurden „Lamb“ als bester Film und Hauptdarstellerin Noomi Rapace als beste Schauspielerin geehrt, obendrein verlieh ihm die Kritikerjury des Festivals den Citizen Kane Award fürs beste Regiedebüt. Verdiente Lorbeeren, dennoch widerstrebt es mir, eine vorbehaltlose Empfehlung auszusprechen. „Lamb“ ist in seiner Unnahbarkeit alles andere als Mainstreamkost. Er mag einem Publikum gefallen, dass auf der Suche nach außergewöhnlichen Stoffen ist und beispielsweise auch die schwedisch-dänische Produktion „Border“ (2018) zu würdigen weiß.

Ingvar und María führen eine wortkarge, aber innige Beziehung

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Noomi Rapace haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Die liebevollen Augen einer Mutter

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Lamb
ISL/SWE/POL 2021
Regie: Valdimar Jóhannsson
Drehbuch: Sjón, Valdimar Jóhannsson
Besetzung: Noomi Rapace, Hilmir Snær Guðnason, Björn Hlynur Haraldsson, Ingvar Sigurdsson, Ester Bíbí Ásgeirsdóttir, Arnþruður Dögg Sigurðardóttir, Theodór Ingi Ólafsson, Sigurður Elvar Viðarson
Verleih: Koch Films

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2022 Koch Films

 

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Videospielverfilmungen (XVII): Resident Evil – Welcome to Raccoon City: Zurück zu den Umbrella-Ursprüngen

Resident Evil – Welcome to Raccoon City

Kinostart: 25. November 2021

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Nun ist die Katze aus dem Sack! Wer geglaubt hat, „Resident Evil – The Final Chapter“ (2016) sei tatsächlich der letzte Film aus dem Universum dieser Videospiele, wird mit dem bereits 2017 angekündigten und weltweit um den Ersten Advent 2021 herum in die Kinos kommenden „Resident Evil – Welcome to Raccoon City“ eines Besseren belehrt. Insofern verhält es sich damit ähnlich wie bei „Freitag, der 13. Teil IV – Das letzte Kapitel“ (1984), der im Original ebenfalls den Zusatz „The Final Chapter“ enthielt. Ein gewichtiger Unterschied immerhin: Während es sich bei dessen Nachfolger „Freitag der 13. – Ein neuer Anfang“ (1985) um eine lupenreine Fortsetzung handelt, bekommen wir es bei „Welcome to Raccoon City“ mit einem sogenannten Reboot zu tun. Die Geschichte wird also völlig neu aufgezäumt. Und, liebe Fans der Realfilmreihe – Ihr müsst nun ganz tapfer sein: Milla Jovovich ist nicht dabei!

Basierend auf den ersten beiden Spielen

Von Oktober bis Dezember 2020 in der kanadischen Provinz gedreht (ein paar Nachdrehs gab’s im darauf folgenden Mai), basiert die Handlung des Films auf den ersten zwei Teilen der Videospielreihe – passend zum diesjährigen Jubiläum des 25. Jahrestags der Veröffentlichung des ersten Spiels. Beide genießen unter Gamern Klassikerstatus als überaus fesselnde und beängstigende Horror-Actionabenteuer. Da ich sie nie gezockt habe, kann ich nicht ermessen, wie werktreu die Kino-Adaption ausgefallen ist. Ein Blick auf die deutschen Wikipedia-Einträge der Spiele „Resident Evil“ (1996) und „Resident Evil 2“ (1998) offenbart immerhin viel inhaltliche Nähe. Zudem tauchen auch die wichtigsten Protagonistinnen und Protagonisten auf.

Kurz vor Raccoon City

In einem Prolog im von William Birkin (Neal McDonough) geführten Waisenhaus von Raccoon City lernen wir die jungen Geschwister Claire (Lauren Bill) und Chris Redfield (Besetzung nicht bekannt) kennen. Die Haupthandlung setzt an einem regnerischen Abend Ende September 1998 ein. Claire Redfield (nun Kaya Scodelario, „Maze Runner“-Reihe) befindet sich als Anhalterin in einem Truck auf dem Weg nach Raccoon City im Mittleren Westen der USA ein, doch noch vor ihrer Ankunft ereignet sich auf der Landstraße Beunruhigendes. Am Ziel eingetroffen, sucht sie das Haus ihres Bruders Chris (nun Robbie Amell) auf, der in Raccoon City als Polizist arbeitet.

Das Grauen im Mittleren Westen

Die Kleinstadt im Mittleren Westen vegetiert vor sich hin, seit der Pharmakonzern Umbrella Corporation seine Zentrale dort abgezogen hat. Chris ist Teil des STARS (Special Tactics and Rescue Service) Alpha-Teams innerhalb des von Chief Brian Irons (Donal Logue) geleiteten Raccoon Police Departments. Zu dem kleinen, von Enrico Marini (Sammy Azero) geleiteten Trupp gehören unter anderem Jill Valentine (Hannah John-Kamen) und Albert Wesker (Tom Hopper). Als Neuling findet sich Leon S. Kennedy (Avan Jogia) in der Polizeirevierwache ein. Er ist kaum vorbereitet auf das Grauen, das kurz darauf entfesselt wird.

Das STARS Alpha-Team rückt aus und …

Bei Kennern der Spielereihe dürfte sich angesichts der oben erwähnten Namen ein Gefühl der Vertrautheit einstellen. Es werden nicht die einzigen bekannten Figuren bleiben. Obendrein sind zwei wichtige Orte der Spiele zentrale Handlungsschauplätze von „Resident Evil – Welcome to Raccoon City“: zum einen die Raccoon Police Station aus „Resident Evil 2“, zum anderen das Spencer Mansion aus dem ersten Spiel.

Mal wieder Jump-Scares

Der Film fährt eine mächtige Tonkulisse auf, die das Publikum spürbar in die Kinositze drückt. Das ist teils positiv zu sehen, da die eindrucksvollen Geräusche und dissonanten Klangfolgen der Musik mächtig Atmosphäre mit sich bringen, mal in dräuender Ruhe, mal mit lautstarker Kraft; als etwas störend habe ich diverse Jump-Scares empfunden, da dieses im modernen Mainstream-Horrorkino arg beliebte Stilmittel mittlerweile wie ein altbekannter Taschenspielertrick wirkt.

… dringt ins Spencer-Anwesen ein

Ähnlich zwiespältig fällt auch mein Urteil über die vorherrschende Düsternis aus: Sie macht manche Einstellung etwas unübersichtlich und schwer zu erkennen, auf der anderen Seite gehört sie einfach dazu. Es ist dunkel, es ist Nacht, es regnet – das macht die Atmosphäre aus. Und aus dem Dunkel kommt die Bedrohung in Gestalt unterschiedlicher Kreaturen. Grausig entstellte lebende Tote stellen dabei lediglich die Vorhut dar. Der Videospielherkunft entsprechend steigert sich das Kreaturendesign im Verlauf, bis hin zu einem „Bosskampf“, der allerdings etwas schnell sein Ende findet. Dass mal ein Schlüssel benötigt wird, der sich dann auch anfindet, kommt ebenfalls aus den Videospielen, da es darin in Rätseln oft darum geht, Durchgänge zu finden oder Türen zu öffnen.

Für Fans der bisherigen „Resident Evil“-Realfilme?

Wer die bisherige „Resident Evil“-Realfilmreihe mag und mit dem Fehlen von Milla Jovovich gut leben kann, müsste auch an „Resident Evil – Welcome to Raccoon City“ Gefallen finden. Die Ereignisse des neuen Films verlaufen völlig unabhängig von der Geschichte um die von Jovovich verkörperte Alice, die in den Spielen ohnehin nicht vorkommt. Alice und ihr Schicksal waren in sechs Filmen zweifellos zu Ende erzählt, aber es gehört eben zu den Automatismen des Kinos, dass man große Franchises nicht einfach enden lässt, wenn die Entscheidungsträger in den Produktionsfirmen den Eindruck gewinnen, die Kuh lasse sich weiter melken. Immerhin positiv, dass nun mehr Nähe zu den Ursprüngen der Spieleserie gesucht wurde.

Cop Chris Redfield ist auf sich allein gestellt

Mit dem englischen Regisseur Johannes Roberts („47 Meters Down“-Filme) wurde ein aufs Horrorgenre spezialisierter Filmemacher verpflichtet, der auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet. Diese Erfahrung merkt man „Resident Evil – Welcome to Raccoon City“ an, als Schocker funktioniert Roberts’ Regiearbeit gut, auch wenn er es sich wie erwähnt mit Jump-Scares ab und zu etwas einfach macht. Ebenso gerät speziell im ersten Drittel die Einführung der Figuren recht simpel. Auffällig viel erfahren wir aus Dialogen, die sehr darauf zugeschnitten wirken, dem Publikum Wissen zu vermitteln.

Beim Abspann nicht gleich aufspringen!

Auch die Handlung fällt nicht besonders komplex aus, recht zügig wird deutlich, dass es ums Überleben geht. Die Komplexität der Umbrella-Machenschaften bleibt angedeutet, das „Resident Evil“-Universum wird nur angetastet. Nur logisch angesichts dessen, dass „Resident Evil – Welcome to Raccoon City“ den Auftakt eines völlig neuen filmischen Erzählstrangs bildet. Eine Cliffhangerszene kurz nach Einsetzen des Abspanns dient dafür als Appetithäppchen.

Grauenvoll oder mitleiderregend? Oder beides?

Nach meiner Einschätzung wird der Film von vielen Kritikern womöglich eher unterdurchschnittlich eingestuft werden – ein paar von mir aufgeschnappte, sehr abfällige Gesprächsfetzen nach Ende der Hamburger Pressevorführung bestätigen dies. Ganz so abfällig sehe ich das nicht, als Popcorn-Horrorkino hat „Resident Evil – Welcome to Raccoon City“ seine Momente. Produktions-, Set- und Kreaturendesign befinden sich auf solidem Niveau. Aber natürlich haben wir es mit einem reinen Marketingprodukt zu tun, das seitens des Studios nicht einer erzählerischen Vision folgend konzipiert wurde, sondern um ein anspruchsloses Publikum mit bewährter Kost zum Kauf des Kinotickets zu verleiten. Dass Johannes Roberts als kreativer Hauptverantwortlicher versucht hat, seine erzählerische Version einzubringen, ist davon unbenommen. Das Gespür für die Vorlagen, die er zweifellos gut kennt, will ich ihm ohnehin nicht absprechen. Insofern zielt seine Arbeit auch auf Fans der Spielereihe ab, die deren Geist in den sechs vorherigen Realfilmen vermissten.

Das „Resident Evil“-Franchise setzt sich fort

Wer innovatives Horrorkino sucht, wird hier sicher nicht fündig werden. Aber das gilt für die große Mehrheit moderner, auch erfolgreicher Horrorfilme. Viele Fans des Genres sind überhaupt nicht an innovativen Stoffen interessiert. Und zugegeben: Den Stempel „Bewährtes“ kann man auch positiv sehen. Ob die mit „Resident Evil – Welcome to Raccoon City“ startende neue Realfilmreihe quantitativ an die sechs Vorgänger oder an die vier zwischen 2000 und 2017 produzierten Animationsfilme herankommen wird, lässt sich heute nicht mal annähernd abschätzen. Qualitativ fällt der Auftakt gegenüber den Vorgängern jedenfalls nicht ab, hat vielleicht sogar einen kleinen Vorteil aufgrund der größeren Nähe zu den Spielen. Wer weiß, worauf er sich einlässt, und kein sensationelles Erlebnis erwartet, möge sich unbesorgt die Eintrittskarte kaufen. Wer derlei Franchises aus grundsätzlichen oder anderen Erwägungen ablehnt, möge vom Kinobesuch absehen.

Sowohl Videospielverfilmungen als auch die Filme der „Resident Evil“-Reihe haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Johannes Roberts sind unter Regisseure zu finden, Filme mit Kaya Scodelario in der Rubrik Schauspielerinnen.

Leon S. Kennedy (l.) und Claire Redfield dringen vor

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Resident Evil – Welcome to Raccoon City
D/KAN 2021
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Johannes Roberts
Besetzung: Kaya Scodelario, Robbie Amell, Hannah John-Kamen, Neal McDonough, Tom Hopper, Donal Logue, Avan Jogia, Avaa Blackwell, Stephannie Hawkins, Lily Gao, Marina Mazepa, Nathan Dales, Chad Rook, Josh Cruddas, Janet Porter, Dylan Taylor, Sammy Azero, Holly de Barros, Lauren Bill
Verleih: Constantin Film Verleih GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Filmplakate & Szenenfotos: © 2021 Constantin Film Verleih GmbH

 

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Gunpowder Milkshake – Frauenpower im kernigen Killerkostüm

Gunpowder Milkshake

Kinostart: 2. Dezember 2021

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Um ihre halbwüchsige Tochter Sam (Freya Allan, „The Witcher“) zu schützen und aus der Schusslinie zu nehmen, ließ die Profikillerin Scarlet (Lena Headey, „Game of Thrones“) sie 15 Jahre zuvor mir nichts, dir nichts in einem Diner sitzen, in welchem sich die beiden sonst gern mit zwei Strohhalmen einen Milchshake teilten. Ihr Auftraggeber Nathan (Paul Giamatti, „Das Morgan Projekt“) nahm die Teenagerin unter seine Fittiche und bildete sie ebenfalls zur Auftragsmörderin aus. Nathan gehört dem mysteriösen Syndikat an, das nur als „Firm“ bekannt und gefürchtet ist.

Abschied

Mittlerweile hat sich Sam (nun Karen Gillan, Nebula eine der „Guardians of the Galaxy“) in ihrem tödlichen Gewerbe zur Besten der Besten entwickelt. Doch als ein Auftrag aus dem Ruder läuft, findet sie sich plötzlich selbst als Gejagte wieder und muss obendrein die achtjährige Emily (Chloe Coleman) beschützen. Gut, dass wie aus dem Nichts Sams Mutter Scarlet auftaucht.

Nathan hat Sam zur Auftragsmörderin ausgebildet

Liebe Herren der Schöpfung, Ihr müsst jetzt ganz stark sein: Diese Damen zeigen uns Kerlen nicht zu knapp, wo der Hammer hängt. Da müssen reihenweise gestandene Mannsbilder Federn oder gar ihr Leben lassen. Die Frauenpower beschränkt sich dabei nicht nur auf das formidable Mutter-Tochter-Gespann, die Handlanger der Firm sowie einer konkurrierenden Organisation bekommen es auch noch mit den drei nicht minder schlagkräftigen Bibliothekarinnen Florence (Michelle Yeoh, „Fearless“), Anna May (Angela Bassett, „Black Panther“) und Madeleine (Carla Gugino, „Elizabeth Harvest“) zu tun. Die von dem Trio geführte Bibliothek erweist sich als ganz besondere Stätte der Bildung, lasst euch überraschen!

Die junge Killerin will die kleine Emily beschützen

Vielleicht begebe ich mich auf dünnes Eis, aber visuell fühlte ich mich bisweilen an die Filme von Wes Anderson erinnert, speziell „Moonrise Kingdom“ (2012) und „Grand Budapest Hotel“ (2014). Das gilt für die Farbgebung mit ihrem Mut zu kräftigen Tönen ebenso wie für die sehr durchdacht wirkende, geradezu geometrische Linienführung. Achtet mal darauf, wie oft Fluchtpunktperspektiven zu bemerken sind! Der seit Anfang der 1960er-Jahre aktive Kameramann Michael Seresin hat viele namhafte Produktionen in seiner Filmografie, zuletzt beispielsweise „Planet der Affen – Survival“ (2017) und „Planet der Affen – Revolution“ (2014). 2004 fungierte er bei „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ als Director of Photography, obendrein war er Stamm-Kameramann von Alan Parker, etwa bei „Angel Heart“ (1987) und „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (1980). Ein echter Könner seines Fachs, und das bringt er in „Gunpowder Milkshake“ ein.

In dieser Bibliothek möchte man kein Buch verspätet zurückgeben

Der Actionthriller suhlt sich nicht nur in seiner visuellen Kraft, sondern auch in exzessiver Gewalt. Es geht blutig zu! Die FSK-18-Freigabe fürs Kino kommt nicht von ungefähr. Hier wird geballert und gestochen, getreten und geschlagen, dass es kracht! Das ist zwar augenzwinkernd und mit schwarzem Humor inszeniert, aber eben auch drastisch und comichaft überzeichnet. Dem Ideenreichtum sind dabei keine Grenzen gesetzt, wenn ich etwa an die Frage denke, wie man wohl mit gelähmten Armen an einer Schießerei und Messerstecherei teilnimmt.

Mutter und Tochter wieder vereint

So eignete sich „Gunpowder Milkshake“ vorzüglich als Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfests 2021, bevor er in Deutschland auch einen flächendeckenden Kinostart zugestanden bekommt. Gut so! Die Story wird angesichts des unbedingten Willens zum Style und zu überbordender Action dabei gelegentlich zur Nebensache, ausgesprochen komplex fällt sie ohnehin nicht aus. Das muss ja kein Nachteil sein und ist es hier auch überhaupt nicht. Für eine ausgesprochen feministische Botschaft reicht das natürlich nicht aus, aber das muss es ja gar nicht. Frauen haben das Heft in der Hand, und starke Schauspielerinnen haben wirklich starke Haupt- und Nebenrollen in einem Actionfilm erhalten, das ist positiv.

Mit diesen …

Die Handlung spielt sich übrigens in einer nicht näher benannten Metropole ab, für die als Drehort Berlin herhielt. Auch im Studio Babelsberg in Potsdam entstanden etliche Aufnahmen. In diversen Ländern kam „Gunpowder Milkshake“ gar nicht erst ins Kino. So hatte sich Netflix die Exklusivrechte für Kanada, die USA, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland gesichert, wobei es in den Vereinigten Staaten immerhin eine limitierte Kinoauswertung gab.

… Frauen ist …

Der israelische Regisseur und Ko-Drehbuchautor Navot Papushado machte erstmals 2010 mit dem Horrorfilm „Rabies – Big Slasher Massacre“ auf sich aufmerksam. Drei Jahre später lieferte er mit „Big Bad Wolves“ einen „grotesken Folter-Bastard“ ab (um meine damalige Überschrift über meiner Rezension zu zitieren). Beide liefen seinerzeit beim Fantasy Filmfest, so schließt sich mit „Gunpowder Milkshake“ als Eröffnungsfilm 2021 der Kreis. Nach einem fünfminütigen Segment im Anthologie-Horrorfilm „The ABCs of Death 2“ (2014) legte Papushado als Filmemacher aus mir nicht bekannten Gründen eine siebenjährige Schaffenspause ein, um nun mit seiner dritten vollwertigen Regiearbeit „Gunpowder Milkshake“ fulminant zurückzukehren. Für die internationale Produktion standen ihm erstmals ein größeres Budget und eine überaus namhafte Besetzung zur Verfügung.

… nicht gut …

Der Actionthriller bereitet viel Freude und hat die große Leinwand verdient. Eine Fortsetzung ist bereits bestätigt. Sie ergibt auch Sinn, weil das Universum von „Gunpowder Milkshake“ und die ominöse Firm das hergeben. Tatsächlich endet der Film rund und ohne Cliffhanger, aber offen genug, um diverse Möglichkeiten für ein Sequel zu eröffnen. Auch ein Prequel ist denkbar. Über das Personal des zweiten Teils vor und hinter der Kamera gibt es noch keine Informationen. Erfreuen wir uns einstweilen an „Gunpowder Milkshake“. Platzhirsch Keanu Reeves mit seiner „John Wick“-Reihe wird als der charmante Gentleman, der er ist, kein Problem mit dieser starken weiblichen Konkurrenz haben.

… Kirschen …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Angela Bassett, Karen Gillan, Carla Gugino, Lena Headey und Michelle Yeoh haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Paul Giamatti unter Schauspieler.

… essen

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: Gunpowder Milkshake
F/D/USA 2021
Regie: Navot Papushado
Drehbuch: Ehud Lavski, Navot Papushado
Besetzung: Karen Gillan, Lena Headey, Michelle Yeoh, Angela Bassett, Carla Gugino, Paul Giamatti, Chloe Coleman, Joanna Bobin, Freya Allan, Ed Birch, Ralph Inseon, Adam Nagaitis, David Zimmerschied, Samuel Anderson, Mai Duong Kieu, Michael Smiley
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Plakate: © 2020 Studiocanal SAS. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2021/11/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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