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Archiv der Kategorie: Kino

Cash Truck – Gier ist die Wurzel allen Übels

Wrath of Man

Kinostart: 29. Juli 2021

Von Florian Schneider

Actionthriller // Die Abschaffung des Bargelds ist ein aktuell viel diskutiertes Thema, bei dem sicherlich Befürworter als auch Gegner jede Menge guter Argumente haben. Die Protagonisten in Guy Ritchies neuestem Streich dürften sich diesbezüglich wohl in einem Dillema befinden: Zum einen ist die Arbeit als Geldtransportfahrer in Los Angeles finanziell recht einträglich, zum anderen kann sie leider auch sehr schnell existenzgefährdend werden, denn viele böse Buben werfen ein Auge auf die Millionen von Dollars, die täglich durch die Stadt transportiert werden müssen. Dies müssen zwei Mitarbeiter der Security-Firma auch gleich zu Beginn von „Cash Truck“ am eigenen Leibe erfahren. Aus der Innenperspektive des Geldtransporters erleben wir einen brutalen Überfall, der die beiden Geldschützer und einen Zivilisten das Leben kosten wird.

Mit „H“ ist nicht gut Kirschen essen

Besagter Überfall wird noch mehrfach Thema des Films sein und in mehreren Rückblenden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden. Es ist wohl nicht zuviel verraten, dass die Motivation der Hauptfigur, eines gewissen Harry „H“ (Jason Statham), bei der geschädigten Security-Firma anzuheuern, mit dem Überfall in Verbindung steht. Unter Harrys tatkräftiger Mithilfe verwandelt sich „Cash Truck“ unaufhaltsam in ein bleihaltiges Actiongewitter mit ziemlich hohem Body Count. Für ein komplexes Handlungsmuster, wie es Ritchie noch in „The Gentlemen“ (2019) gewoben hatte, bleibt da keine Zeit. Immerhin sind die Perspektivwechsel recht gelungen geraten.

Der übermenschliche Antiheld

Figuren wie „H“ kennt man aus Action-Filmen der 80er und deren postmodernen Renaissance zur Genüge: Es sind gnadenlos überzeichnete Helden oder Antihelden, die durch ihre Überlegenheit etwas Eindimensionales haben, oft schablonenhafter sind als die menschlicher wirkenden Nebenfiguren. Die Katharis besteht in der Regel aus blutiger Rache an allen Beteiligten, die, meist zu Beginn des Films, beim Helden einen Leidensdruck erzeugt haben. Sie selbst wirken unantastbar, zumindest unaufhaltsam bei der Erbringung der Reiningungsleistung. Diese Vorhersehbarkeit kann trotzdem, falls gut gemacht, sehr unterhaltsam sein, allerdings werde ich auf weitergehendes Nacherzählen verzichten, um die wenigen Wendungen im Handlungsverlauf und die spärlich auftretenden Charakterzeichnungen nicht zu spoilern.

Nachdem „H“ bei der Security-Firma als Mitarbeiter angeheuert hat …

Die Schlichtheit der Geschichte ist auch dehalb kein Störfaktor, da Ritchie seinen Rache-Reißer mit ordenlich Starpower, einer virtuosen Kamera- und Schnittarbeit und einem gelungen Soundtrack unterlegt. So dürfen neben Ritchies Lieblingsschauspieler Statham unter anderem Scott Eastwood („Herz aus Stahl“), Holt McCallany („Shot Caller“) und Josh Hartnett („Pearl Harbor“) ihren Hut in den Ring werfen. In einer kleinen Nebenrolle hat Andy Garcia („Die Unbestechlichen“) einen gelungenen Auftritt.

Im Fahrwasser des New British Cinema

In der 80er-Jahren begründeten Regisseure wie Mike Leigh, Ken Loach, Stephen Frears und Neil Jordan das sogenannte New British Cinema, dem oftmals ein schonungsloser Blick auf die Auswirkungen des neoliberalen Thatcherismus gemein war. Guy Ritchie („Bube Dame König grAS“) und Danny Boyle („Kleine Morde unter Freunden“) übernahmen in den 90ern die Fackel und entzündeten damit ein postmodernes Potpourri aus skurillen Komödien sowie Action- und Horrorfilmen. Die sozialen Probleme der Inselnation dienen dabei oft nur als Hintergrund des ironischen und schwarzhumorigen Spiels. Auch in „Cash Truck“ sind die Protagonisten in einer dystopischen Umgebung gefangen und treiben ziellos durch ihren Alltag. Die Gier nach Geld und Reichtum ist reiner Selbstzweck, denn es gibt in dieser posthistorischen Welt keine Ideale mehr, für die die Dollar genutzt werden könnten. Leider bleibt auch für hedonistische Großtaten zu wenig Zeit, wenn „H“ bereits die Waffe im Anschlag hat.

… beschützt er die Geldtransporte und seine Kollegen …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Guy Ritchie haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Scott Eastwood, Andy García und Jason Statham unter Schauspieler.

… und lehrt den bösen Jungen das Fürchten

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Wrath of Man
GB/USA 2021
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Guy Ritchie, Marn Davies, Ivan Atkinson
Besetzung: Jason Statham, Holt McCallany, Josh Hartnett, Scott Eastwood, Andy García, Deobia Oparei, Laz Alonso, Raúl Castillo, Chris Reilly
Verleih: Studiocanal

Copyright 2021 by Florian Schneider
Szenenfotos & Filmplakat: © 2021 Studiocanal

 

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Fast & Furious 9 – Ist Blut dicker als Wasser?

F9 – The Fast Saga

Kinostart: 15. Juli 2021

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Beinahe hätte ich unter diesem Text doch wieder den Trailer eingebettet, aber zur Sicherheit habe ich ihn mir vorher gründlich angeschaut. Lasst euch gesagt sein: Meidet ihn! Der Trailer nimmt die eine oder andere Überraschung vorweg. Auch wenn das „Fast & Furious“-Franchise nie für herausragende Story-Entwicklungen und clevere Wendungen berühmt war, fand ich während meines Besuchs der Pressevorführung des neunten Teils der Saga einige Aha-Effekte durchaus erbaulich. Und am erbaulichsten fallen sie eben dann aus, wenn man das Erlebnis erst während des Kinobesuchs hat. Im Trailer stellen sie eher ein Ärgernis dar.

Auch auf dem Lande sind Dom und Letty stets wachsam

Sehr genau nachgedacht habe ich darüber, welche Szenenfotos ich einbauen und Figuren nebst ihrer Darsteller/innen ich hier nennen will. Insofern bin ich zuversichtlich, in meiner Rezension Spoiler zu vermeiden. Unvermeidbar ist natürlich die Nennung von Dominic „Dom“ Toretto (Vin Diesel) und Letty (Michelle Rodriguez). Die beiden haben sich mit Doms Sohn Brian (doppelt besetzt mit Isaac und Immanuel Holtane) auf dem Lande so gemütlich wie ereignislos eingerichtet. Mit der Ereignislosigkeit hat es ein Ende, als Ramsey (Nathalie Emmanuel), Roman (Tyrese Gibson) und Tej (Chris „Ludacris“ Bridges) auftauchen, drei Mitglieder der „Familie“.

Im Einsatz gerät die Familie mal wieder unter Beschuss

Ihr alter Strippenzieher Mr. Nobody (Kurt Russell) hat dem Team eine Videobotschaft mit einem Hilferuf geschickt. Klar, dass sich Dom und Letty nicht lange bitten lassen (Dom lehnt tatsächlich anfangs ab, an Vorhersehbarkeit kaum zu überbieten). Kurz darauf finden sich alle fünf bei einer wilden Verfolgungsjagd in irgendeinem lateinamerikanischen Staat wieder, bei der sie unversehens auf einen starken neuen Gegenspieler treffen: Jakob (Wrestling-Topstar John Cena).

Wilde Hatz in Mittelamerika

Wenig überraschend: Die Werte der Familie und insbesondere der Zusammenhalt innerhalb dieser spielen eine gewohnt wichtige Rolle. Diesmal sogar mehr und anders als sonst, denn ein Prolog, der in späteren Rückblenden immer wieder aufgegriffen wird, führt uns zu einen Autorennen im Jahr 1989, wo wir den jungen Dominic Toretto (Vinnie Bennett) kennenlernen.

Letty fackelt nicht lange

Einmal mehr spielt die modernste Technik eine große Rolle, und da wir gewöhnliches Filmpublikum davon wenig verstehen, kann man uns viel vormachen, was beispielsweise die erst im Vorvorgänger „Fast & Furious 7“ (2015) zur Familie gestoßene Nathalie Emmanuel („Game of Thrones“) als Ramsey weidlich auskostet. Objekt der Begierde der Guten wie der Bösen ist diesmal eine Gerätschaft, die in den falschen Händen eine globale Katastrophe bis hin zum Zusammenbruch der Staaten oder Gesellschaften zur Folge hätte. Ohne Superlative kommt die „Fast & Furious“-Reihe bekanntermaßen nicht aus. Die Familie muss sich erneut mit Cyberterroristin Cipher (Charlize Theron) herumplagen, und Dom trifft mehr oder minder zufällig wieder auf Magdalene „Queenie“ Shaw (Helen Mirren), die wir aus „Fast & Furious 8“ (2017) und dem Spin-off „Fast & Furious – Hobbs & Shaw“ (2019) kennen. Glanzleistungen in puncto Schauspielkunst und Dialogregie werden nicht geboten, speziell diverse Einzeiler sind eher zum Haareraufen. Aber das kennen wir ja von der Reihe. Ein paar humorige Sprüche lassen schmunzeln. Ob das unfreiwillige Komik ist, sei dahingestellt.

Hans und Klärchen? Nein – Roman (l.) und Tej

Gedreht wurde an internationalen Stätten bereits 2019. Weshalb der Film je nach Land erst im Mai, Juni und Juli 2021 in die Kinos kam und kommt, dürfte bekannt sein – ein Tipp: Es beginnt mit C. Die Handlung führt mal wieder rund um den Erdball. Auf Schauplätzen in Amerika, Europa und Asien werden erwartungsgemäß massig schnittige und weniger schnittige Autos fachgerecht geschrottet. Die Devise lautet hier ebenso erwartungsgemäß: Mehr ist mehr. Wer meinte schon in „Fast & Furious 8“ seien Naturgesetze wie die Schwerkraft außer Kraft gesetzt worden, wird sich in der Fortsetzung die Augen reiben, wie man diverse Actionsequenzen aus dem achten Teil diesbezüglich locker toppen kann. Verraten sei, dass in einigen Szenen diesmal auch Magnetismus eine wichtige Rolle spielt. Das was dabei herauskommt, spottet allerdings jeder Wahrscheinlichkeit, was auch für die Schwerkraft gilt, die bald darauf auf ganz andere Weise zum Tragen kommt.

Mit Ramsey (l.) als Beifahrerin drückt Letty auf die Tube

Ihr merkt schon: Justin Lin („Star Trek – Beyond“) macht auch in seiner fünften „Fast & Furious“-Regiearbeit keine Logik-Gefangenen und legt an Action eine Schippe drauf, auch wenn das kaum möglich schien. Fans der Reihe bekommen das, was sie sich erhoffen, weshalb „Fast & Furious 9“ sein Publikum in den Kinosälen vermutlich finden wird, sofern Corona die Kapazitäten nicht abwürgt (erste Zahlen aus Übersee deuten einen Hit an). Wer die Reihe bislang mit Missachtung straft, bekommt keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Mir hat das Spektakel mit seiner Vielzahl unterschiedlicher Fahrzeuge am Boden – und einiger in der Luft – gefallen. Ein „Guilty Pleasure“, zu dem ich stehe. Für Blockbuster mit hohen „Production Values“ wie diesen wurde der Ausdruck „Over the Top“ ersonnen.

Welche Absichten verfolgt Jakob?

Bleibt abzuwarten, wie sich der schon legendäre Zoff zwischen Dwayne Johnson und Vin Diesel am Set von „Fast & Furious 8“ auf Besetzung und Produktion der beiden fest eingeplanten abschließenden Teile 10 und 11 auswirken wird. Topstar Johnson fehlt in „Fast & Furious 9“, und das macht sich durchaus schmerzlich bemerkbar, gehört er doch aktuell zu den größten Actionstars überhaupt. Kürzliche Interview-Äußerungen von Vin Diesel deuten immerhin an, alles sei gar nicht so schlimm gewesen – Diesel sprach gar von „tough love“. Selbst Tyrese Gibson, der öffentlich geäußert hatte, nie mehr mit Johnson drehen zu wollen, äußerte jüngst in einer Talkshow, mit diesem „reconnected in a real way“ zu sein (im Video ab 6:30 zu sehen und zu hören). Egal, ob das rein professionelle Gründe hat, um dem Franchise die bestmögliche Besetzung zu garantieren, oder derlei Versöhnungen aufrichtig gemeint sind: Einer Rückkehr von Dwayne Johnson in „Fast & Furious 10“ oder „Fast & Furious 11“ scheint also nichts mehr im Wege zu stehen. Die Familienwerte gehen eben über alles.

Einiges geht zu Bruch

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Justin Lin haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nathalie Emmanuel, Helen Mirren, Michelle Rodriguez und Charlie Theron unter Schauspielerinnen, Filme mit Vin Diesel, Tyrese Gibson, Michael Rooker und Kurt Russell in der Rubrik Schauspieler.

Körperbeherrschung galore: Dominic Toretto

Länge: 143 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: F9 – The Fast Saga
USA/THAI/KAN 2021
Regie: Justin Lin
Drehbuch: Daniel Casey, Justin Lin
Besetzung: Vin Diesel, Michelle Rodriguez, Tyrese Gibson, Chris „Ludacris“ Bridges, Nathalie Emmanuel, Charlize Theron, Helen Mirren, John Cena, Kurt Russell, Michael Rooker, Finn Cole, Anna Sawai, Lucas Black, Shad Moss, Vinnie Bennett, Isaac Holtane, Immanuel Holtane
Verleih: Universal Pictures International Germany

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2021 Universal Pictures International Germany

 

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Conjuring 3 – Im Bann des Teufels: Der Fall des Arne Cheyenne Johnson

The Conjuring: The Devil Made Me Do It

Kinostart: 1. Juli 2021

Von Andreas Eckenfels

Horror // Am 18. April 2019 starb Lorraine Warren im Alter von 92 Jahren. Seit den 1950er-Jahren war sie mit ihrem Mann Ed Warren (1926–2006) parapsychologischen Phänomenen auf die Spur gegangen. Das Paar gehörte über drei Jahrzehnte lang zu den bekanntesten Spukforschern der USA. Nach zahlreichen Einzelverfilmungen ihrer Fälle nahm 2013 mit „Conjuring – Die Heimsuchung“ ein großes filmisches Universum um die übernatürlichen Erlebnisse der Dämonologen seinen Anfang, bei der Lorraine Warren der Produktion als Beraterin zur Seite stand.

Lorraine und Ed Warren bekommen einen neuen Fall

Neben der 2016 entstandenen Fortsetzung, drei Teilen rund um die Grusel-Puppe „Annabelle“ (2014–2019) und einem weiteren Spin-off „The Nun“ (2018) wurde nun der Fall von Arne Cheyenne Johnson als Grundlage für „Conjuring 3“ ausgewählt, der in der US-Justizgeschichte für Aufsehen sorgte: Erstmals plädierte ein Angeklagter mit einem außergewöhnlichen Grund auf „Nicht schuldig“. The Devil Made Me Do It soll Arne Cheyenne Johnson gesagt haben – eine dämonische Macht habe ihn zum Mord an seinem Vermieter gezwungen.

Teuflische Verrenkungen

Während Patrick Wilson und Vera Farmiga zum vierten Mal in die Rollen des Ehepaares Ed und Lorraine Warren schlüpfen, – auch in „Annabelle 3“ (2019) waren sie dabei –, gab James Wan nach den ersten beiden „Conjuring“-Teilen nun die Regie an Michael Chaves ab, der mit seinem Langfilmdebüt „Lloronas Fluch“ (2019) bereits einen recht zahmen Horrortrip ablieferte, der trotz einiger Anspielungen nicht offiziell zur „Conjuring“-Reihe gehört. Dennoch ließ es sich James Wan schon im Vorfeld nicht nehmen, die zweite Fortsetzung gemeinsam mit Drehbuchautor David Leslie Johnson-McGoldrick („Conjuring 2“, „Orphan – Das Waisenkind“) in eine etwas andere Richtung zu lenken. So hätte man die fulminante Eröffnungssequenz, in der die Warrens einen Exorzismus am achtjährigen David Glatzel (Julian Hilliard) praktizieren, normalerweise erst im großen Finale des Films erwartet.

Mit dem Jungen stimmt was nicht!

Dass die Inszenierung der filmischen Teufelsaustreibung seit „Der Exorzist“ (1973) nicht mehr zu toppen ist, wissen auch die Macher und zollen dem Klassiker mit einer überdeutlichen Reminiszenz ihren Tribut. Einige Finessen lassen sich in den chaotischen Szenen, die sich im Haus der Familie Glatzel ereignen, aber doch finden: Der besessene David hinterlässt riesige Kratzspuren an den Wänden und vollführt außerdem eine außergewöhnlich anzusehende Alternative zum „Spider-Walk“, welchen auch die kleine Regan aus dem Director’s Cut von „Der Exorzist“ vor Neid erblassen lassen würde.

Arne Cheyenne Johnson erlebt Höllenqualen

Erstaunlich daran: Die extremen Verrenkungen, die der Junge ausführt, entstanden nicht am Computer. Wie Michael Chaves in einem Interview verriet, wurde für die Szene die Kontorsionistin Emerald Wulf verpflichtet, die zum Drehzeitpunkt gerade mal zwölf Jahre alt war. Nur das Gesicht des David-Darstellers Julian Hilliard („Spuk in Hill House“) wurde auf ihres digital einkopiert. Mit ihren Schlangenmensch-Fähigkeiten begeisterte Teenagerin Emerald auch Heidi Klum, Sofia Vergara und das Publikum der US-Show „America’s Got Talent“.

Bedingt schuldfähig

Der Exorzismus geht jedoch schief. Ed Warren erleidet durch den Dämon einen Herzinfarkt und am Ende sieht Arne Cheyenne Johnson (Ruairi O’Connor), der Freund von Davids älterer Schwester Debbie (Sarah Catherine Hook), nur einen möglichen Ausweg: Er bittet das Wesen, Davids Körper zu verlassen und stattdessen seinen eigenen zu nehmen. Das lässt sich der Dämon nicht zweimal sagen. David ist gerettet und Arne ahnt noch nicht, welche Macht nun in seinem Inneren schlummert. Während Lorraine Warren am Krankenbett ihres Mannes wacht, ersticht der eigentlich friedfertige Arne zu den Klängen von Blondies „Call Me“ seinen Vermieter. Auf frischer Tat ertappt, droht dem jungen Mann vor Gericht die Todesstrafe. Fieberhaft sucht das Ehepaar Warren nach Beweisen, dass Arne bei dem Mord nur bedingt schuldfähig gewesen ist, weil er im Bann des Dämons gestanden habe.

Geisterjäger als Detektive

Einige weitere bewusste Änderungen wurden in „Conjuring 3“ vorgenommen, um der bekannten Formel ein paar neue Facetten abzugewinnen: Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern müssen die Geisterjäger diesmal kein Spukhaus von einem Fluch befreien. Vielmehr steht die Zusammenarbeit der Warrens mit der Polizei in einem stärkeren Fokus. Die Dämonologen werden zu Detektiven, befragen Zeugen, gehen Hinweisen nach, und auch Leichen müssen untersucht werden. Parallel erfahren die Zuschauer und Zuschauerinnen, wie Arne in seiner Zelle immer häufiger durch den Dämon Höllenquallen erleidet.

Lorraine hat dunkle Visionen

Da Ed während des gesamten Films gesundheitlich angeschlagen ist, übernimmt Lorraine seine handfesten Aufgaben gleich mit, krabbelt etwa unter das Haus der Glatzels, wo sie einen okkulten Gegenstand entdeckt. Wie beide bei der Befragung des Experten Kastner (John Noble, „Fringe – Grenzfälle des FBI“) erfahren, muss das Totem menschlichen Ursprungs sein. Somit bekommt es das Ehepaar offenbar nicht nur mit einem übernatürlichen Gegner zu tun – was ebenfalls ein Novum für die Reihe darstellt. Auch Lorraines Visionen, die sie an Tatorten in Vergangenheit und Zukunft blicken lässt, erhalten mehr Raum als zuvor.

Emotionaler Fixpunkt: die Eheleute Warren

Allerdings fällt der dritte Teil der „Conjuring“-Reihe im Vergleich zu den beiden äußerst gelungenen Vorgängern etwas ab. Fans bekommen natürlich erneut eine wilde Achterbahnfahrt geboten, in dem es besonders im Finale ordentlich kracht. Aber ein beklemmendes Gruselgefühl wie in den vorigen Teilen stellt sich nur selten ein. Trotz der angesprochenen erzählerischen Neuerungen sind die Muster inzwischen zu bekannt, um noch immer bis ins Mark zu erschüttern. Auch fehlt Regisseur Michael Chaves der gewisse geniale inszenatorische Kniff, der im Gedächtnis bleibt, den ein James Wan immer wieder in seine Werke einbaut, sei es in „Saw“ (2004), seinen zwei „Insidious“-Teilen (2010/2013) bis hin zu „Fast and Furious 7“ (2015) und „Aquaman“ (2018).

Kampf gegen das Böse

Dass wir dennoch weiterhin mitfiebern, wenn auch im geringeren Maße als zuvor, liegt an der Leistung von Patrick Wilson und Vera Farmiga die als Ehepaar Warren erneut den emotionalen Fixpunkt innerhalb des „Conjuring“-Universums bilden. Diesmal erfahren wir auch in einem kurzen Rückblick, wie sich Ed und Lorraine kennengelernt haben. Ihr selbstloser Kampf gegen das Böse versprüht immer wieder die nötige Herzenswärme in der sonst so düster-kühlen Dämonenwelt.

Unterstützt eure Kinos!

Aufgrund der Veröffentlichungspolitik, die Warner Bros. für seine Filme im Jahr 2021 fährt, hatte das US-Publikum die Wahl, ob es „Conjuring 3 – Im Bann des Teufels“ auf dem Streamingdienst HBO Max oder im Kino anschaut. Hierzulande dürfen wir uns zum Glück endlich – und bis zum Erscheinen der Blu-ray ausschließlich – wieder in den Lichtspielhäusern gruseln. Als Eröffnungsfilm der diesjährigen Fantasy Filmfest Nights durfte ich das massive Sounddesign vorab im dunklen Kinosaal erleben. Ein Genuss, welchen ich lange vermisst habe und den eben nur wenige heimische Audiosysteme in voller Lautstärke leisten können – geschweige denn ein Streamingdienst. Also unterstützt wieder eure lokalen Kinos, wenn ihr euch dort sicher fühlt!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Farmiga haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Patrick Wilson unter Schauspieler.

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Conjuring: The Devil Made Me Do It
USA/GB 2021
Regie: Michael Chaves
Drehbuch: David Leslie Johnson-McGoldrick, James Wan, Chad Hayes
Besetzung: Patrick Wilson, Vera Farmiga, Ruairi O’Connor, Sarah Catherine Hook, Julian Hilliard, John Noble, Eugenie Bondurant, Keith Arthur Bolden
Verleih: Warner Bros. Entertainment Inc.

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels
Filmplakat & Szenenbilder: © 2021 Warner Bros. Entertainment Inc.

 

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