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Archiv der Kategorie: Kino

Solo – A Star Wars Story: Der Falke und die Freundschaft

Solo – A Star Wars Story

Kinostart: 24. Mai 2018

Von Florian Schneider

SF-Abenteuer // „Die Vorgeschichten, erzählt sie werden müssen!“ Das dachten sich zumindest die Entscheider bei der Walt Disney Company. Schließlich haben sie sich 2012 die Rechte am erfolgreichsten Franchise der Filmgeschichte für schlappe 4,05 Milliarden US-Dollar einverleibt (mitsamt des Medienkonzerns Lucasfilm Ltd.), weshalb die Kuh nun auch ordentlich gemolken werden muss. Während 2016 mit „Rogue One – A Star Wars Story“ bereits die Vorgeschichte zu „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ erzählt wurde, nimmt sich der Konzern jetzt also einen der größten Helden des Star-War-Kosmos vor: den Glücksritter und Schmuggler Han Solo.

Han Solos erste große Liebe: Qi’ra

Wie bereits bei den von George Lucas realisierten Episoden I bis III lässt sich auch bei „Solo – A Star Wars Story“ trefflich darüber streiten, ob das Enthüllen aller blinden Flecke, von denen es in den Originalen (Epsioden IV bis VI) ja reichlich gibt, Sinn ergibt oder nicht sogar dem Mythos selbst schadet. Eine hohe Hürde ist es allemal.

Ziemlich beste Freunde

Harrison Ford hat der Figur des Han Solo bereits bei ihrem ersten Auftritt in „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ eine mystische Aura verliehen („Han shot first“) und dieses Niveau spielerisch bis zum Ende in „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ (2015) durchgehalten. Nun ist es an Alden Ehrenreich („Hail, Caesar!“), die Genesis des Outlaws Han Solo glaubhaft zu machen und dabei zu versuchen, dem Charisma seines weltberühmten Vorgängers einigermaßen gerecht zu werden. Dies gelingt ihm tatsächlich recht gut, auch wenn er letzten Endes natürlich zweiter Sieger bleibt.

Was heckt der infame Dryden Vos aus?

Tatsächlich lassen sich die Probleme, die ich bei der Rezeption von „Solo“ hatte, auf einer anderen Ebene verorten, nämlich bei der Geschichte selbst sowie ihrer Inzenierung. Kurz zum Inhalt: Nachdem der junge Han Solo (Ehrenreich) seine erste große Liebe Qi’ra (Emilia Clarke, „Game of Thrones“) auf dem Schrottplaneten Corellia zurücklassen musste, sinnt er auf baldige Rückkehr. Dafür will er der beste Pilot der Glaxie werden und sich mit reichlich Geld und einem eigenen Schiff ausstaffieren.

Der „Rasende Falke“ ist eines der schnellsten Schiffe der Galaxis …

Drei Jahre vergehen, bis sich Han schließlich einer Gruppe Outlaws um die Vaterfigur Beckett (Woody Harrelson) anschließt. Gemeinsam stürzen sie sich in ein gewinnversprechendes Abenteuer, bei dem Han nicht nur Qi’ra wiedersehen, sondern auch auf Lando Calrissian (Donald Glover) treffen wird – der ist Pilot eines gewissen Raumschiffs namens „Rasender Falke“. Dies alles wird überstrahlt vom Beginn der wunderbarsten Freundschaft im Star-Wars-Universum, der Freundschaft zwischen Han und dem Wookiee Chewbacca (Joonas Suotamo).

… auch wenn noch Lando Calrissian am Steuer sitzt

Leider wird die Geschichte ohne Ecken und Kanten erzählt, ja beinahe schablonenhaft hakt Regisseur Ron Howard („Inferno“) die oben genannten Ereignisse ab – muss halt drin sein, ist es auch. Dabei kommt die Genesis Han Solos deutlich zu kurz. Die Figur wirkt von der ersten Szene an bereits fertig und muss auch im weiteren Verlauf keine gravierenden Niederschläge einstecken oder gar eine Katharsis durchlaufen. So bleibt „Solo – A Star Wars Story“ ein launiges Abenteuer, das zu unterhalten weiß, aber zu wenig Tiefe und Höhepunkte aufweisen kann. Ob dies ein grundlegendes Problem des Drehbuchs von Lawrence und Jonathan Kasdan ist oder ob die kurzfristige Neubesetzung der Regie von Chris Miller und Phil Lord durch den Hollywood-Veteranen Howard eine entscheidende Rolle gespielt hat, steht in den Sternen.

Han ist bereits begierig, den Pilotensessel einzunehmen

Der Krieg der Sterne bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung (The Phantom Menace, 1999)
Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger (Attack of the Clones, 2002)
Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith (Revenge of the Sith, 2005)
Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung (A New Hope, 1977)
Star Wars: Episode V – Das Imperium schlägt zurück (The Empire Strikes Back, 1980)
Star Wars: Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter (Return of the Jedi, 1983)
Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht (The Force Awakens, 2015)
Rogue One – A Star Wars Story (Rogue One – A Star Wars Story, 2016)
Star Wars – Die letzten Jedi (Star Wars – The Last Jedi, 2017)
Solo – A Star Wars Story (Solo – A Star Wars Story, 2018)

Endlich!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Woody Harrelson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Solo – A Star Wars Story“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Ist Beckett vertrauenswürdig?

Länge: 135 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Solo – A Star Wars Story
USA 2018
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Jonathan Kasdan, Lawrence Kasdan
Besetzung: Alden Ehrenreich, Joonas Suotamo, Woody Harrelson, Emilia Clarke, Donald Glover, Thandie Newton, Phoebe Waller-Bridge, Paul Bettany, Jon Favreau, Linda Hunt, Ian Kenny, John Tui
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2018 by Florian Schneider

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Walt Disney Studios Motion Picture Germany & Lucasfilm Ltd. All rights reserved.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2018/05/23 in Film, Kino, Rezensionen

 

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In den Gängen – Staplerballett und zarte Großmarkt-Romanze

In den Gängen

Kinostart: 24. Mai 2018

Von Volker Schönenberger

Drama // Bringen wir den unvermeidlichen Kalauer gleich zu Anfang hinter uns: In „In den Gängen“ spielen Gabelstapler eine tragende Rolle. Sie tun es in der Tat in dem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz, wo Christian (Franz Rogowski) seinen neuen Job als Regaleinräumer antritt. Einen blauen Kittel kriegt er, ein paar Kugelschreiber in die Brusttasche und einen Cutter – fertig ist die Laube. Die tätowierten Arme müssen natürlich unter langen Ärmeln verborgen bleiben, gibt ihm sein Boss gleich mit auf den Weg.

Bruno (l.) und Christian „machen 15“

Christian wird der Getränkeabteilung von Bruno (Peter Kurth) zugeteilt. Der gibt sich anfangs grantig, aber schnell zeigt sich, dass man mit ihm gut auskommen kann – vor allem, wenn es mal wieder „Ich mach 15“ heißt, dann ist Zigarettenpause angesagt. Rauchen ist im Betrieb natürlich verboten, lernt Christian sogleich. Aber da der Chef es ebenfalls tut, schert man sich wenig drum. Zur Not wird eben auf der Toilette geschmökt. Ebenfalls – streng! – verboten ist es, sich bei den Lebensmitteln mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum zu bedienen, die nun auch Christian in die Müllcontainer befördern soll. Trotzdem tut es jeder, und das mehr oder weniger auffällig. Bei solch kleinen Vergehen drückt die Marktleitung offenbar ein Auge zu, sofern ansonsten der Laden läuft.

Der aus „Getränke“ und die aus „Süßwaren“

Der schüchterne und wortkarge Christian fügt sich gut ein und packt bei den Getränkekisten fleißig an – fleißiger als Bruno allemal. Nur bei den Gabelstaplern stellt er sich anfangs nicht sehr geschickt an, weder beim Handgabelhubwagen noch beim Elektro-Deichselstapler oder gar auf Brunos Schubmaststapler. Dafür wirft er bald ein Auge auf Marion (Sandra Hüller, „Toni Erdmann“), die in den benachbarten Süßwaren-Gängen arbeitet. Auch sie findet Gefallen am „Frischling“, wie sie Christian gern neckt. Doch Bruno klärt seinen Kollegen auf: Marion ist verheiratet. Ihr Mann sei zwar nicht gut zu ihr, aber dennoch …

Regisseur Thomas Stuber („Teenage Angst“) beginnt sein Melodram aus der tristen ostdeutschen Provinz denkbar frech: Zu den Klängen des Donauwalzers („An der schönen blauen Donau“) von Johann Strauss sehen wir Gabelstapler durch die Gänge des Großmarkts huschen – ein Schelm, wer dabei an Stanley Kubricks „2001 – Odysee im Weltraum“ denkt. Später wird Stuber auch mal derber: Als Christian Unterricht nimmt, um den Staplerschein zu machen, zeigt der Lehrer seinen Schülern zur Erbauung und als abschreckendes Beispiel natürlich den legendären Kurzfilm „Staplerfahrer Klaus – Der erste Arbeitstag“. Das „In den Gängen“-Publikum bekommt daraus gar einige der heftigen Splatterszenen zu sehen.

Kurzgeschichte eines Staplerfahrers

Ansonsten zeigt sich „In den Gängen“ mit viel Einfühlungsvermögen für seine Figuren. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass Stubers Ko-Drehbuchautor Clemens Meyer selbst drei Jahre lang als Staplerfahrer in einem Großmarkt gearbeitet hat. Seine Erfahrungen dort verarbeitete er in der Kurzgeschichte, aus der er und Stuber später das Skript für „In den Gängen“ machten. Hoch anzurechnen ist es den beiden dann auch, dass sie keine einzige Nebenfigur bloßstellen und niedermachen – nicht einmal den Kollegen, der sich bei der Weihnachtsfeier vor den Toren des Großmarkts einen Heizlüfter hinstellen lässt, um sich mitten im Spätherbst nur in Unterhose bekleidet auf der Liege niederzulassen. Diese Extravaganz quittieren seine Kollegen alsbald mit einer gehörigen Dosis Deospray, und dennoch sind dort keine Knallchargen am Werk, sondern Menschen.

Der Frischling zeigt sich fleißig

Besonders viel Gefühl gibt Stuber der zarten Romanze zwischen Christian und Marion mit. Beim ersten Wortwechsel der beiden im Pausenraum lässt der Regisseur die Kamera ganz nah an Marions Gesicht heranfahren, sodass wir ihrer Mundwinkel und ihrer kleinen Ohrringe sehr gut gewahr werden. Solche Nahaufnahmen meidet Stuber ansonsten, aber in diesem kurzen Moment sollen wir Marion offenbar so nah sein, wie es Christian auch gern wäre. Der Protagonist redet nicht viel, wie Bruno gleich zu Anfang bemerkte. Das mag an seinem leichten Sprachfehler liegen, verursacht durch die Lippenspalte, die er hat – ein Merkmal, übernommen von Christian-Darsteller Franz Rogowski. Das Filmpublikum hört den neuen Mitarbeiter etwas häufiger, als das seine Kollegen tun, da seine Figur ab und zu als Stimme aus dem Off zu uns spricht.

Vom VEB Fernverkehr nahtlos in den Großmarkt

„In den Gängen“ zeigt einen Mikrokosmos von Kolleginnen und Kollegen. Dass Christian Interesse an Marion hat und sie an ihm, bekommen die anderen schnell mit. Es gibt ein wenig Gerede, aber keine Häme, denn grundsätzlich hält man zusammen. Hier geht es um Beziehungen, dann aber auch um die Arbeitswelt und die Bedingungen im Niedriglohnsektor, wo das Höchste der Gefühle nach Feierabend ein Bierchen darstellt und man sich ansonsten in seine triste Wohnung in der Plattenbausiedlung oder sein im Verfall begriffenes Häuschen zurückzieht. Die Wende wird Thema – Bruno und seine Kollegen derselben Altersklasse waren vormals am selben Ort im VEB Fernverkehr als Lkw-Fahrer tätig und wurden später nahtlos in den Großmarktbetrieb übernommen. Speziell Bruno vermisst die Straße, wie er Christian einmal beim Bier verrät. Doch alles lässt er nicht aus sich heraus, wie sich eines Tages zeigt. Vereinsamung fordert ihren Tribut.

Auffällig: Die Themen Migration und Fremdenfeindlichkeit kommen überhaupt nicht vor. Obwohl gerade bei Anlernjobs viele ungelernte Kräfte mit Migrationshintergrund eingesetzt werden (zumal deren Ausbildungen hierzulande oft nicht anerkannt werden), sind sie „In den Gängen“ nicht anzutreffen. Der Film ist im Hier und Heute angesiedelt, die Handlung könnte sich aber auch kurz nach der Jahrtausendwende abspielen. Weshalb Meyer und Stuber diese Themen so konsequent umschiffen, berichtete mir der Regisseur auf Nachfrage: Es sei ihnen eine Erzählschicht zu viel gewesen. Eine legitime Haltung. „In den Gängen“ ist rund, so wie er ist, und nimmt sich Zeit für die Themen, an denen Meyer und Stuber dafür nun mal lag.

Marion aus den Süßwaren hat es ihm angetan

Wir haben es mit einem Ensemblefilm zu tun, in dem jede einzelne Figur treffend porträtiert ist, und doch stechen Peter Kurth, Sandra Hüller und Franz Rogowski heraus – verständlich, da auf ihnen der Fokus liegt. Dem erfahrenen Peter Kurth („Herbert“, „Good Bye, Lenin“) konnte Thomas Stuber natürlich blindlings vertrauen, und auch der 2006 bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären für „Requiem“ prämierten Sandra Hüller gelingt es scheinbar mühelos, ihrer Marion mit feinen Nuancen Profil zu verleihen, sie an uns zu binden und doch auf Distanz zu halten.

Shooting Star Franz Rogowski

An Franz Rogowski („Victoria“, 2015) schließlich werden der deutsche Film und die deutschen Bühnen in den kommenden Jahren kaum noch vorbeikommen. Auf der Berlinale 2018 war er außer in „In den Gängen“ auch in Christian Petzolds Flüchtlingsdrama „Transit“ zu sehen. Rogowski wurde dort als Shooting Star geehrt. „In den Gängen“ selbst erhielt auf dem Festival in der Bundeshauptstadt den Gilde-Filmpreis und den Preis der ökumenischen Jury. Nicht wenige hätten Stubers Drama auch den Goldenen Bären gegönnt, aber der ging schließlich an den Experimentalfilm „Touch Me Not“ der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie. An der Klasse von „In den Gängen“ ändert das nichts.

Abschließend ein Wort in eigener Sache: Für mich war es faszinierend, mit der Beschäftigung mit „In den Gängen“ zwei meiner derzeitigen Tätigkeiten miteinander verbinden zu können: mein Dasein als Filmblogger und meine Arbeit für die Jungheinrich AG im Bereich der Sozialen Medien. Dass es ausgerechnet Jungheinrich-Stapler sind, die in Thomas Stubers Drama durch die Gänge kurven, ist reiner Zufall – jedenfalls habe ich damit nichts zu tun. An meiner Einordnung von „In den Gängen“ als feinfühliges und lakonisches Kleinod des deutschen Kinos hätte es aber auch nichts geändert, wären es Gabelstapler eines anderen Herstellers gewesen. Erlaubt mir die Freude daran. Und auf das nächste Projekt von Thomas Stuber und Clemens Meyer können wir uns auch freuen. Die beiden arbeiten bereits daran, wie mir der Regisseur verriet.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franz Rogowski sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Endlich darf Christian den Schubmaststapler lenken

Länge: 125 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: In den Gängen
Internationaler Titel: In the Aisles
D 2017
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber, nach Clemens Meyers Kurzgeschichte
Besetzung: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, Henning Peker, Ramona Kunze-Libnow, Andreas Leupold, Gerdy Zint, Steffen Scheumann, Michael Specht
Verleih: Zorro Film / 24 Bilder

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Filmplakat & Trailer: © 2018 Zorro Film / 24 Bilder, Fotos: © 2018 Sommerhaus Filmproduktion

 

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Deadpool 2 – (K)ein Familienfilm

Deadpool 2

Kinostart: 17. Mai 2018

Von Lutz R. Bierend

SF-Action // Als „Deadpool“ 2016 antrat, um mit viel tiefsitzender Respektlosigkeit gegen das alteingesessene Helden-Franchises des Marvel Cinematic Universe die Leinwand zu erobern, hatten die Verantwortlichen bei Marvel und Twentieth Century Fox nicht allzu viel Vertrauen in die Publikumstauglichkeit des vorher nur als Schurke in „X-Men Origins – Wolverine“ aufgetretenen Mutanten. Lächerliche 58 Millionen stellten sie Ryan Reynolds und seinen Koproduzenten als Budget zur Verfügung, um diese ungewöhnlich blutige Marvelgeschichte umzusetzen. Ein Einspielergebnis von 780 Millionen Dollar später war es nur eine Frage der Zeit, wann Reynolds seinen knackigen Arsch ein zweites Mal in rote Spandexhosen quetscht.

Kommt zornig aus der Zukunft, um seine Familie zu retten: Cable

Nun ist es soweit. Wade Wilson alias Deadpool darf seine wenig superheldenhaften Rachegelüste und seine manchmal auf angenehme Weise pubertär wirkende Zerstörungswut erneut ausleben. Diesmal muss er ein Team aus Mutanten zusammenstellen, um den jungen Mutanten Russell „Firefist“ (Julian Dennison) vor dem Terminator-artigen Zeitreisenden Nathan Summers alias Cable (ein herrlich grimmiger Josh Brolin) zu schützen. Keine einfache Aufgabe angesichts all der technischen Gimmicks, die Cable aus der Zukunft mitbringt. Besonders wenn die Superfähigkeit der einzigen kompetenten Mitstreiterin seiner neugegründeten, gendergerechten Superheldenriege X-Force das Glück ist. Richtig gelesen, Neena Thurman alias Domino (Zazie Beetz) hält das Glück in ihren Händen, um es zu manipulieren. Aber zum Glück wird Deadpool auch von den meisten der in Teil 1 lieb gewonnen Figuren unterstützt.

Kopf ab!

Wer befürchtet, dass der zweite Teil aus kommerziellen Gründen mehr Zugeständnisse an die amerikanische Prüfstelle MPAA macht, der sei beruhigt: Spätestens wenn die Eröffnungssequenz „Rambo II“ wie eine Disneygeschichte wirken lässt und der rote Rächer einen frisch abgetrennten Kopf per Roundhousekick durch den Raum fliegen lässt, weiß das Publikum: Dies ist eher ein Film, den sich Männer allein ansehen werden – wäre da nicht der „John Wick“-Moment: Für alle Actionfilm-Unkundigen: Das ist der Moment, bei dem aufgrund eines dramatischen Ereignisses der Einsatz exzessiver Gewalt selbst der überzeugtesten Kriegsdienstverweigererin als einzig sinnvolle Lösung erscheint. Bei „John Wick“ ist dieser Zeitpunkt gekommen, als der verzogene Russenjunge den armen Welpen tötet. Von da an hätte selbst meine zartbesaitete Frau es akzeptabel gefunden, wenn Keanu Reeves die gesamte Russenmafia mit einem Gurkenhobel häutet. Passenderweise haben die Produzenten von „Deadpool 2“ – wie uns die wieder einmal namensbefreite Vorspannsequenz informiert – für den Regiestuhl jenen Mann gewonnen, „der John Wicks Welpen umgebracht hat“ (auch wenn David Leitch seinerzeit bei seinem Debüt „John Wick“ noch nicht als Regisseur genannt werden durfte). So liefert also auch „Deadpool 2“ diesen Moment, der die Gewaltorgie legitimiert und damit auch den Kinobesuch mit Freundin möglich macht, auch wenn Ryan Reynolds wieder wie eine verbrannte Pizza aussieht und er eher mit humoristischen als mit Womanizerqualitäten punkten muss.

Professor Xavier bekommt sein Fett weg

War „Deadpool“ schon ein Füllhorn an Respektlosigkeit und Witzen auf der Metaebene, bei der die vierte Wand nur Makulatur war, so hat der Erfolg die Macher ermutigt, in dieser Hinsicht eine Schippe draufzulegen. Es scheint fast unmöglich, all die Witze über Patrick Stewart, die Gender-Issues seiner X-Men, das „Fatshaming“ von Superhelden und die Minderwertigkeit von Ryan Reynolds’ Heimat Kanada beim ersten Mal komplett mitzubekommen. Während der Vorgänger bei all der sinnlosen Gewalt seinem Versprechen gerecht wird, ein Liebesfilm zu sein, wird „Deadpool 2“ seinem Versprechen gerecht, ein Familienfilm zu sein – trotz all der abgetrennten Körperteile, herrlich choreografierten Kampfsequenzen und einem Schimpfwortkanon, der allein schon in den USA eine Freigabe ab 17 gerechtfertigt hätte.

Das Glück an Deadpools Seite

Für Ryan Reynolds schien es auf jeden Fall ein dringendes Anliegen gewesen zu sein, mit „Deadpool 2“ seine frühere Rollenwahl in Superheldenfilmen vergessen zu machen. Deadpool ist sehr erfolgreich darin, die eine oder andere Timeline im Marvel oder DC-Universum zu korrigieren: Auch wenn die IMDb neben „Deadpool 3“ auch schon einen eigenständigen „X-Force“-Film angekündigt hat, mag man sich kaum vorstellen, was hier noch als Steigerung aus dem Hut gezogen werden kann. Ryan Reynolds hat allerdings auch angezweifelt, dass es einen dritten Teil geben wird.

Wolverine ziert sich noch

Hugh Jackman wiederum hat dem von Ryan Reynolds gewünschten Superhelden-Merger mit Wolverine und Deadpool vorerst eine Absage erteilt. Nun ja, in „Deadpool 2“ hat man sich ganz gut mit einem kurzen Wolverine-Cameo zu helfen gewusst. Wir schauen mal, wo ihn seine neue Familie noch so hinführt. Im Sequel hat man auf jeden Fall viel richtig gemacht, um alte Fans zu halten und den einen oder anderen neuen Fan zu gewinnen.

Es kommt nicht nur aufs Aussehen an

Fans des ersten adipösen Superhelden der Filmgeschichte sei der neuseeländische Überraschungserfolg „Wo die wilden Menschen jagen“ („Hunt for the Wilderpeople„, 2016) empfohlen. Darin schlägt sich Firefist-Darsteller Julian Dennison mit einem grimmigen Sam Neill auf der Flucht vor dem Jugendamt durchs neuseeländische Unterholz – das tut der im Oktober 2002 in Neuseeland geborene Nachwuchsstar auch da schon sehr überzeugend. Das ist dann auch mal ein Familienfilm mit adäquater Altersfreigabe.

Auch gern mal ungehalten: Deadpool

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Josh Brolin und Ryan Reynolds sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Deadpool 2“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Deadpool 2
USA 2018
Regie: David Leitch
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick, Ryan Reynolds
Besetzung: Ryan Reynolds, Josh Brolin, Julian Dennison, Zazie Beetz, Morena Baccarin, Brianna Hildebrand, Bill Skarsgård, T. J. Miller, Rob Delaney,Terry Crews, Lewis Tan
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Twentieth Century Fox

 

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