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Archiv der Kategorie: Kino

Mile 22 – Jagd nach dem Atomwaffenmaterial

Mile 22

Kinostart: 13. September 2018

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Die gute Nachricht zuerst: Mark Wahlberg („Alles Geld der Welt“) hat in diesem Jahr Dwayne Johnson („Baywatch“) als bestbezahlter Schauspieler abgelöst. Nichts gegen den während seiner Wrestling-Karriere als „The Rock“ bekannten Johnson, aber wenn jemand, der mehr darauf achtet, dass seine Filme eine Freigabe ab zwölf bekommen (bzw. das US-Äquivalent dazu), als dass sie ihm schauspielerisch etwas abverlangen, zum erfolgreichsten Action-Star aufsteigt, dann sagt das schon viel über den Zustand des heutigen Kinos aus. Action ist immerhin ein Genre, welches Männer wie Clint Eastwood, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger und Mel Gibson geprägt haben. Mark Wahlberg hingegen hat schon vor langer Zeit mit „Jim Carroll – In den Straßen von New York“ (1995) und „Boogie Nights“ (1997) bewiesen, dass er als Charakterdarsteller überzeugen kann. Ebenso hat er 2006 in Martin Scorseses „Departed – Unter Feinden“ gezeigt, dass er auch Bad-Ass-Dialoge unkitschig und oscarnominierungswürdig über die Leinwand bringt. Insofern fühlt sich die Welt wieder etwas gerechter an, wenn jemand, der der FSK mit „The Big Hit“ (1998) und „Shooter“ (2007) ebenso den Angstschweiß auf die Stirn treibt wie dem Publikum und bei dem die Selbstironie wie in „Die etwas anderen Cops“ (2010) wirklich ironisch wirkt und nicht wie mangelndes Talent, jetzt den Status als „Wealthiest Hollywood Star Alive“ hat. Gerecht werden will er diesem nun mit dem von ihm auch mitproduzierten „Mile 22“.

Söldner statt Soldaten

Nachdem Tom Cruise diesen Sommer mit dem sechsten Teil seiner Black-Ops-Saga „Mission: Impossible – Fallout“ die unterhaltsame Kintopp-Variante jener Elite-Agenten, die im Schattenreich zwischen Diplomatie und Krieg agieren, in die Kinos brachte, will uns „Mile 22“ etwas über die echten Männer der „dritten Option“ erzählen – jene Menschen, die das Schreckgespenst jedes Bürgerrechtlers sind: staatlich subventionierte Söldner, die immer dann von der Politik ins Spiel gebracht werden, wenn die Diplomatie nicht weiter weiß und ein offiziell erklärter Krieg etwas über das Ziel hinausschießen würde. Jene Männer, von deren Existenz im Zweifelsfall keiner etwas wissen will.

Alice Kerr hat einen Tipp erhalten

Zur Einleitung erleben wir, wie dieses Overwatch-Team von „Mutter“ Bishop (John Malkovich) und James Silva (Mark Wahlberg) vorgeht – mit größer Präzision und unter Einsatz von Hightech-Gadgets. In einem amerikanischen Vorort soll ein verdächtiges Haus infiltriert werden. Gelenkt von Bishop und seiner Überwachungs-Crew soll Silvas Team einen Unsicherheitsherd beseitigen. Wo die Präzision der technischen Aufklärung versagt, müssen die Waffen sprechen, und so endet die Aktion in einem Blutbad, welches glücklicherweise fast nur auf Seiten der überraschten Russen Opfer bringt. Das Gebäude war ein Safe-Haus des russischen Geheimdienstes (FSB). Warum das jüngste Opfer, welches Silva eiskalt auf der Flucht tötet, gerade einmal 18 Jahre alt war, will am besten niemand fragen, und da die Presse die Geschichte glaubt, dass wohl konkurrierende FSB-Zellen einander umgebracht haben, fragt auch niemand weiter nach.

Angst vor schmutzigen Atombomben

16 Monate später ist man irgendwo in einer asiatischen Großstadt mit wichtigeren Fragen beschäftigt. Gesucht wird verschwundenes Caesium, welches ausreicht, um genug schmutzige Atombomben herzustellen, um sechs Flecken dieser Welt für lange Zeit unbewohnbar zu machen. Eine Razzia basierend auf dem Tipp von Silvas Kollegin Alice Kerr (Lauren Cohan, „The Walking Dead“) erweist sich als Sackgasse. Außer ein paar Gemälden und einigen Kisten Sturmgewehren findet sich nichts. Aber am nächsten Tag taucht Alices Informant Li Noor (Iko Uwais) in der Botschaft auf. Dabei hat er eine verschlüsselte und sich innerhalb weniger Stunden selbst zerstörende Festplatte. Darauf ist der Ort des verschwunden Caesiums verzeichnet, und für die Zusage von Asyl in den USA erklärt sich Li Noor bereit, das Passwort für die Entschlüsselung preiszugeben. Sobald er in einem Flugzeug Richtung Amerika sitzt, will er es rausrücken.

Wenn Li Noor mit bloßen Händen tötet, wird es blutig

Zuerst glaubt man ihm nicht, schließlich hat sein Tipp die erfolglose Razzia ausgelöst. Als jedoch eine Delegation des indonesischen Geheimdienstes die Herausgabe von Li Noor verlangt und sich zwei Krankenpfleger als Killerkommando erweisen, welche den Informanten beseitigen wollen, geht man auf seine Forderung ein. Silva und sein Team bekommen den Auftrag, Li Noor zu einem Flughafen in 22 Meilen Entfernung von der Botschaft zu eskortieren. Ein US-Flugzeug kann dort für zehn Minuten landen. Das Zeitfenster ist also äußerst knapp bemessen, und 22 Meilen können sehr weit sein, wenn man von einer Gruppe paramilitärischer, zu allem entschlossener Geheimdienstler gejagt wird.

Eingespieltes Team: Peter Berg und Mark Wahlberg

Boston“ (2016), „Deepwater Horizon“ (2016), „Lone Survivor“ (2013) – nach drei auf Tatsachen basierenden Filmen, die Peter Berg zuletzt mit Mark Wahlberg gedreht hat, wollte der Regisseur diesmal einfach etwas Spaß haben und einen simplen Actionfilm drehen. Nicht nur die Besetzung des indonesischen Überläufers Li Noor mit dem Indonesischen Martial- Arts-Spezialisten Iko Uwais deutet an, was ihm als „Spaß“ vorschwebte. Schließlich hat Uwais in „The Raid“ (2011) gezeigt, wie man sich ganz allein unterhaltsam in einem nibelungenartigen Kampf durch eine Übermacht an Schurken prügelt. Das funktionierte wunderbar als Action-Trip, selbst ohne dass dafür ein dramaturgisch ausgefeiltes Drehbuch und überzeugend gezeichnete Figuren benötigt wurden. „The Raid 2“ (2014) hielt diese Messlatte und fügte sogar eine echte Story hinzu.

Hightech-Unterstützung: „Mutter Bishop (2. v. l.) mit seinen Hackern

„Mile 22“ ist leider mehr als 22 Meilen von diesem Unterhaltungsfaktor und der Qualität der Zweikampfinszenierung entfernt. Auch wenn sich Mark Wahlberg und sein Team alle Mühe geben, überzeugende Soziopathen mit Lizenz zum Töten abzugeben, und man das eigentliche Potenzial des Casts erahnt, wirken doch einige Einzeiler schon im Original sehr aufgesetzt. Was damit dann in der Synchronisation geschieht, mag man sich kaum vorzustellen – in der Pressevorführung wurde die Originalfassung gezeigt. Der deutsche Trailer lässt auf jeden Fall Schlimmes befürchten.

Auf den Spuren von Jason Bourne

Ein weiteres Manko ist die technische Umsetzung: Seit Paul Greengras im dritten Teil der „Bourne“-Reihe die Schnittfrequenz auf zwei Sekunden gesenkt hat, scheinen hektischer Schnitt und wacklige Kamera für minderbegabte Regisseure heutzutage ein Allheilmittel zu sein, um Authentizität zu suggerieren. Was dabei gern übersehen wird, ist: Greengras ist fähig genug, mit seinen schnellen Schnitten die menschliche Wahrnehmung zu imitieren und den Zuschauer somit mitten in die Action zu verpflanzen und mit seinen Akteuren mitfiebern zu lassen. Bei „Mile 22“ wirkt es eher willkürlich und auf Dauer etwas nervig. Außerdem wirkt die Darstellung des Überwachsungsapparates in den „Bourne“-Filmen wesentlich authentischer und bedrohlicher, wenn etwa die globale Telefonüberwachung Echelon anhand des Wortes „Blackbriar“ demonstriert wird, lange bevor Edward Snowden seine Dokumente geleakt hat. Bei „Mile 22“ wirkt all das ein wenig weichgespült und unreflektiert, wie in einer Fernsehserie, wo die Überwachung natürlich nur dafür genutzt wird, um schlechte Menschen davon abzuhalten, Böses zu tun.

James und Alice sind noch einmal davongekommen

Ist „Mile 22“ also eine schlechte Wegmarke für Mark Wahlberg als frischgebackener Topverdiener? So weit will ich nicht gehen. Der Actionthriller hat seine unterhaltsamen Momente, die Scheidungsgeschichte von Lauren Cohans Charakter Alice Kerr hat durchaus etwas Berührendes, vor allem weil hier mal die Rollen getauscht werden und auch eine Frau in diesem männlich dominierten Geschäft ihre Probleme hat, eine gute Mutter zu sein. Vor allem wenn die Trennungseltern-Software, mit der die Kommunikation zu Ex und Kind verläuft, immer wieder schmerzhaft daran erinnert, dass sie ihre Aggression nicht im Griff hat.

Fortsetzung folgt?

Auch das doch sehr originelle Ende stimmt etwas milder, vor allem weil es Aussicht auf eine etwas komplexere „Auge um Auge“-Rache-Fortsetzung gibt. Für einen Kinoabend bietet „Mile 22“ aber leider doch etwas zu wenig. Als Film für einen netten Videoabend mit Kumpels, wenn die Frauen ihren „Sex and the City“-Marathon fortsetzen, eignet sich der Actionthriller gut, dafür ist Iko Uwais’ Martial-Arts-Einsatz ansehnlich genug.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Peter Berg sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Mark Wahlberg in der Rubrik Schauspieler.

James (l.) und Li Noor haben einen gefährlichen Weg vor sich

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Mile 22
USA 2018
Regie: Peter Berg
Drehbuch: Lea Carpenter
Besetzung: Mark Wahlberg, Lauren Cohan, Iko Uwais, Ronda Rousey, John Malkovich, Poorna Jagannathan, Lauren Mary Kim, Terry Kinney, Sam Medina
Verleih: Universum Film

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Universum Film

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Andreas Dresen (II): Gundermann – Liedermacher, Baggerfahrer, Stasi-Spitzel und Familienvater

Gundermann

Kinostart: 23. August 2018

Von Anja Rohde

Musikdrama // Gundermann? Kenn ich nicht. Gerhard Rüdiger „Gundi“ Gundermann, DDR-Liedermacher und Musiker? Nie gehört. Kann daran liegen, dass akustisches Gitarrengeklampfe mit deutschen Texten absolut nicht zu meinen favorisierten Musikrichtungen gehört. Aber der Macher dieses Blogs weiß, wie er mich ins Kino kriegt: „Es gibt einen neuen Film von Andreas Dresen, und Axel Prahl spielt auch mit.“ – „Ok, mach ich!“

Und dann: Bäm! In nur wenigen Minuten zieht mich die Geschichte in ihren Bann. Gerhard Gundermann (Alexander Scheer): ein Baggerfahrer, der Lieder schreibt. Ein Idealist, der in die Partei eintritt, weil er das Leben der Menschen um sich herum verbessern will. Ein Mann, der liebt, ein Mann, der leidet, ein Mann, der redet und singt und Fehler macht.

Hemd, Hosenträger, Kassenbrille: Gundermanns Markenzeichen

Diesen Gundermann hat es wirklich gegeben. Und auch wenn Drehbuchautorin Laila Stieler und Regisseur Andreas Dresen nicht die ganze Geschichte erzählen und auch mal etwas dazuerfinden, wird dieser zerrissene Mensch in so vielen Facetten lebendig, dass mich ein zweistündiger Film über einen mir unbekannten DDR-Liedermacher fesselt und tief berührt. Und warum? Weil Andreas Dresen das kann.

Armee, Bergbau, Musik

1955 in Weimar geboren, verbringt Gerhard „Gundi“ Gundermann seine Kindheit und Jugend in Hoyerswerda, dem Zentrum des Lausitzer Kohlereviers zwischen Dresden und Cottbus. Abitur, Studium an der Offiziershochschule, Exmatrikulation (er weigert sich, ein Loblied auf den General mitzusingen). Anstellung als Hilfsarbeiter im Braunkohlebergbau, dann Aufstieg zum Maschinist für so genannte Tagebaugroßgeräte (die größten Bagger, die man sich vorstellen kann).

Schon in dieser Zeit ist er Texter und Schlagzeuger der Band „Brigade Feuerstein“. Nach deren Auflösung folgen ab 1986 erste Soloauftritte mit Gitarre und Gesang. Die Arbeit als Baggerfahrer und sein Alltag liefern Gundi die Ideen für seine Songs, die sich oft mit dem Leben der einfachen Menschen, mit Umweltproblemen oder seiner Heimatstadt Hoyerswerda beschäftigen.

In der Baggerkanzel textet Gundi in sein Diktiergerät

In der Wendezeit um 1989 und 1990 mischt er sich aktiv in die Ereignisse des politischen Umbruchs ein. 1992 gründet er die Band „Seilschaft“, mit der er bis 1998 spielt und unter anderem als Support bei Konzerten von Bob Dylan und Joan Baez auftritt. Mit der Album-Tournee „Einsame Spitze“ 1992 zusammen mit der Band „Silly“ erreicht Gundermann erstmals eine größere Öffentlichkeit.

Neben seiner musikalischen Karriere arbeitet Gundermann immer parallel als Baggerfahrer. Er tut das bewusst, um sich seine Unabhängigkeit von der Musikindustrie zu bewahren. Die jahrelange Doppelbelastung durch Schichtarbeit und Konzerte fordert ihren Tribut. Am 21. Juni 1998 stirbt Gerhard Gundermann im Alter von nur 43 Jahren an einer Gehirnblutung.

Idealbesetzung: Alexander Scheer

„Ich spiel’ dir den mit allem, was ich habe“, soll Alexander Scheer an Andreas Dresen getextet haben, als er den ersten Gundermann-Song hörte. Und das tut er dann auch. Alexander Scheer ist Gundermann. Äußerlich mit Frisur, Kassenbrille und Zahnprotese; die Stimme, der Dialekt und die Bewegungen wie der echte Gundermann, innerlich mit Poesie, Humor, Zerrissenheit und wilden Gedanken. Ich lasse es Andreas Dresen sagen: „Was [Alexander Scheer] beim Casting abgeliefert hat, war so schlagend, dass es nicht den geringsten Zweifel daran gab, dass er Gundermann sein wird. Mit dieser Entscheidung bin ich noch immer extrem glücklich. Es geht nicht so sehr um die Porträt-Ähnlichkeit, die er zweifelsohne erreicht. Alexander Scheer hat selbst etwas vom Feuer, das die Figur ausmacht. Er brannte auf eigene Weise für den Film und besitzt eine unglaubliche Begabung als Schauspieler, die Fähigkeit, völlig in eine Figur hineinzukriechen und sie von innen zu greifen. Hier kommt noch die Musikalität hinzu. Man darf nicht vergessen, dass Alexander alle Filmsongs selbst singt und Gitarre dazu spielt.“ Genau so ist es.

Perfektes Team: Alexander Scheer und Andreas Dresen

Nicht nur der Spagat zwischen Schichtarbeit im Bergbau und Musikkarriere macht Gundermann aus, wir lernen zwei weitere Lebensthemen Gundermanns kennen: die Liebe zu Conny (wunderschön!) und die Arbeit für die Stasi (mies!).

Liebe, Leben, Spitzelei

Jahrelang ist Gundi in Conny (großartig: Anna Unterberger) verliebt, und am Ende kriegt er sie. Ihr Mann und Vater ihrer ersten beiden Kinder tauscht gutmütig Wohnung und Ehebett mit Gundi. Viel später kommt eine gemeinsame Tochter zur Welt. Und auch wenn Gundi seine Angebetete sein Leben lang liebt, lässt er sie doch oft mit den häuslichen Aufgaben allein, zu viel Zeit fordern die Arbeit und die Auftritte: „Ich würde gern mein Glück finden, ohne an deinem rumzufressen.“ Conny steht ihrem Mann jedoch immer zur Seite, auch in der schweren Phase, als Gundi sich seiner Stasi-Vergangenheit stellen muss.

In Gundis kleiner Küche fliegen auch mal die Tassen

Natürlich ist Gundi in der Partei. Er ist Arbeiter und der Meinung, als Parteimitglied die Missstände im Bergbau und speziell in seinem Revier bearbeiten zu können. Am Ende wird er wegen „unerwünschter eigener Meinung“ ausgeschlossen – und will immer noch nicht gehen: „Das [Parteibuch] geb ich nicht her! Genauso wenig wie meine Gesinnung!“

Vaterfigur Axel Prahl als Stasi-Anwerber

Als ein Führungsoffizier des Ministerium für Staatssicherheit (da ist er endlich: Axel Prahl!) Gundi als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ anwirbt, sagt er zu – wieder, weil er denkt, damit die Welt verbessern zu können, im Auftrag des Kommunismus, den er als einzig richtiges System für sich erklärt hat. Ist das naiv? Ohne Spitzeldienste auch nur im Geringsten in Ordnung zu finden, denke ich, dass man Gundermann keine Böswilligkeit unterstellen kann. Er war jung, er dachte, er täte das Richtige. Später kommt natürlich der Katzenjammer, als er erkennt, dass er einfach einen Haufen Mist über seine Freunde und Arbeitskollegen erzählt hat.

Stasi-Mitarbeit und Aufarbeitung

Der Film springt zwischen zwei Zeitebenen: Wir sind dabei, wie Gundi Anfang der 90er-Jahre Freunde besucht, die er früher im Auftrag der Staatssicherheit bespitzelt hat. Wie er gar nicht mehr weiß, was er alles erzählt hat. Wie er sich nicht entschuldigen kann, da ihm klar ist, es sind die anderen, die verzeihen müssen. Wie er dann erfährt, dass am Ende sogar er von einem seiner Freunde ausspioniert wurde. Wir erleben die Reaktion seiner Band, der er es erzählt, und die des Publikums, als er sich bei einem großen Konzert als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter outet.

Wir sind aber auch in den Anfängen dabei: in den ersten Stunden seiner Bergbau-Karriere, bei den ersten musikalischen Auftritten, bei den ersten Auseinandersetzungen mit den Parteigenossen und bei der Anwerbung durch die Stasi. Wir sehen, wie jung und widersprüchlich dieser Mann ist, welche Fragen ihn umtreiben und wie er immer wieder das, was er sieht und fühlt, in sein kleines Diktiergerät spricht, dass er beim Baggerfahren dabei hat – und daraus dann die großen Songs schreibt, die die Menschen berühren.

Für immer: Gundi und Conny

Zu Hause, wieder in den 90er-Jahren, quälen ihn innere Konflikte und Schuld. Ein Mann voller Poesie, Liebe und Leidenschaft, und dann ein fieser Stasi-Spitzel? Beim Essen am Küchentisch fragt Gundi unvermittelt seine Frau: „Schämst du dich für mich?“ und heult dann los. Man möchte ihm verzeihen – und die meisten seiner Fans taten dies auch.

Was lange währt …

Zwölf Jahre trugen Dresen und Stier die Idee „Gundermann“ mit sich herum, bis der Film fertig war. Die widersprüchliche, vielschichtige Persönlichkeit des wohl berühmtesten Baggerfahrers der DDR und Nachwende-Zeit ließ sie nicht los. Kein Wunder, ist Gundermann doch eine klassische Dresen-Figur. Ein bisschen Held, ein bisschen Verlierer, ein bisschen Täter, ein bisschen Opfer. Am Ende doch liebenswert. Eingebettet in den Alltag eines Landes, das es nicht mehr gibt – und das, nicht zu vergessen, auch das Geburtsland Andreas Dresens ist.

Großes Konzert nach großem Geständnis

Das letzte Gundermann-Zitat geht raus an Blogbetreiber Volker, zum Dank, dass er mir diesen Film zur Rezension anbot: „Alle Lieder, die ich schreiben wollte, singt schon der Boss.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andreas Dresen sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 128 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Gundermann
D 2018
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Besetzung: Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Thorsten Merten, Eva Weißenborn, Milan Peschel, Bjarne Mädel, Peter Sodann
Verleih: Pandora Film Medien GmbH

Copyright 2018 by Anja Rohde

Filmplakate: © 2018 Pandora Film Verleih, Szenenfotos: © 2018 Peter Hartwig / Pandora Film

 

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The Darkest Minds – Die Überlebenden: Oops! They Did It Again

The Darkest Minds

Kinostart: 16. August 2018

Von Paula Bierend

SF-Thriller // Hollywood bleibt in Recycling-Laune: „Die Tribute von Panem“, „Die Bestimmung“, nun „The Darkest Minds – Die Überlebenden“ – sie alle erzählen von einer jungen Heldin, die plötzlich anders ist als alle anderen und somit der Schlüssel ist für die Tür in eine bessere Welt. Der Verantwortung und ihrer Aufgabe fühlt sie sich nicht gewachsen und zweifelt an sich selbst. Doch ihr Team steht hinter ihr (natürlich inklusive einer großen Liebe), und gemeinsam können sie dann wohl doch alles schaffen.

Nur Auserwählte überleben

Die Prämisse dieser „Auserwählten“-Geschichte: Eine geheimnisvolle Krankheit tötet alle Kinder und diejenigen, welche die Pandemie überleben (kreativ „die Überlebenden“ genannt) entwickeln übernatürliche Kräfte – es gibt fünf Gruppen: Die Grünen erweisen sich als hochintelligent, die Blauen haben telekinetische Fähigkeiten, die Goldenen manipulieren Elektrizität, die Roten tun ebensolches mit Feuer und die seltensten und die am meisten gefürchteten Orangenen können die Gedanken und Handlungen anderer Menschen beeinflussen.

Liam befreit sich und andere Camp-Insassen

Ruby (gut und facettenreich gespielt von Amandla Stenberg) ist die junge Heldin von „The Darkest Minds – Die Überlebenden“. Gemeinsam mit drei Verbündeten (Harris Dickinson, Skylan Brooks, Miya Cech) kämpft sie gegen die böse Regierung unter Präsident Snow … Verzeihung: Gray (Bradley Whitford, erinnert optisch mehr an Präsident Snow als Donald Sutherland, der jene Rolle trotzdem großartig ausfüllte). Die Regierung sperrt die Überlebenden in Camps ein und zwingt die vielversprechendsten unter ihnen in die Armee. Was die Eltern dazu sagen, bleibt offen. Die Regierung füttert sie offensichtlich mit Lügen über ein Heilmittel, das bereits den Sohn des Präsidenten kuriert hätte. Alle vier Hauptfiguren sind aus ihren Camps geflohen und suchen nach einem sicheren Ort. Doch gibt es den überhaupt? Niemandem kann vertraut werden, alle sind Feinde, als einzige Lösung erscheint es, die Regierung auszuschalten …

Im Fahrwasser der „Tribute von Panem“

Wer die Romane der „Die Tribute von Panem“-Reihe (erschienen zwischen 2008 und 2010) oder „Die Bestimmung“ (2011) verschlungen hat, den wird der Trailer von „The Darkest Minds – Die Überlebenden“ zweifellos ansprechen, auch wenn er von dem 2012 in den USA veröffentlichten ersten Band der Reihe nichts gehört hat – in deutscher Übersetzung ist der Roman seit 2014 lieferbar. Die Kino-Umsetzung ist aber eher enttäuschend. Es handelt sich um die Adaption des ersten Teils einer fünfbändigen Reihe, und danach hat sich der Film auch stark angefühlt. „The Darkest Minds – Die Überlebenden“ wirkt wie ein langer Prolog, der notwendig ist, um die folgende Geschichte zu verstehen.

Liam, Chubs, Zu und Ruby (v. l.) suchen nach einem sicheren Ort

Der Film hat an sich alle Aspekte einer guten Teenie-Dystopie. Die Gruppe junger Helden, die böse Regierung bzw. Organisation, der obligatorische Plottwist zum Ende und ein tatsächlich recht herzzerreißendes Ende („Find Me“ von Sigma featuring Birdy wurde hier perfekt eingesetzt). Doch es fehlt das gewisse Extra, der „Wow“-Effekt. Es war alles so perfekt nach Rezept gekocht, das fast nichts Unerwartetes passiert. Ab einem bestimmten Punkt ist alles vorhersehbar. Das mag an der Unerfahrenheit der südkoreanischen Regisseurin Jennifer Yuh Nelson liegen, die zuvor lediglich vier Folgen der TV-Serie „Spawn“ sowie die Computertrickfilme „Kung Fu Panda 2“ und „Kung Fu Panda 3“ inszeniert hatte, welche zugegeben recht erfolgreich waren.

Amandla Stenberg überzeugt als Ruby

An Amandla Stenbergs Spiel ist nichts auszusetzen, sie fängt die Unschuld des Charakters sehr gut ein, und trotz der deutschen Synchronisation hat sie es geschafft, mich zu rühren. Doch die Art und Weise, wie die Geschichte verläuft, lässt stark daran zweifeln, dass man gerade tatsächlich einem Menschen dabei zusieht, wie er all das durchlebt. Egal was passiert, Ruby macht weiter als sei nichts geschehen. Wer so ein Camp durchlebt, trägt Narben davon, das hätte mehr thematisiert werden müssen. Alles scheint an Ruby vorbeizuwabern, ohne einen Effekt auf ihr Denken und Tun zu haben – abgesehen davon, dass sie niemandem vertraut und sich aus Angst vor ihren Fähigkeiten nicht anfassen lassen will (was im Verlauf immer unglaubhafter wird, denn es gibt vermehrt Körperkontakt). Es fehlen die moralische Tortur, die Grauzonen, die Echtheit, es fehlt einfach die Menschlichkeit in der Geschichte.

Die frisch Verliebten genießen einen Moment des Friedens

Nichtsdestotrotz bietet der Film ordentliche Unterhaltung. Er wurde halt nach dem altbekannten, gut funktionierenden Erfolgrezept gemacht, um Jugendliche und auch den einen oder anderen Erwachsenen ins Kino zu bekommen. Der prologartige Charakter macht tatsächlich neugierig auf den zweiten Teil, auch wenn zu hoffen ist, dass die Macher daraus mehr herausholen und dieser Jugend-Dystopie Besonderheit einhauchen. Insofern funktioniert die Geldmaschine Hollywoods also.

Empfehlung: „The Young Elites“

Abschließend ein Lektüretipp: Wer eine originelle Variante dieser klassischen „Auserwählten“-Geschichte lesen will, dem sei die „The Young Elites“-Reihe von Marie Lu ans Herz gelegt. Die Romane erzählen eine sehr ähnliche Geschichte wie „The Darkest Minds – Die Überlebenden“, nur dass diese in einer eher mittelalterlichen Gesellschaft spielt, wesentlich interessantere Charakterentwicklungen darstellt und nicht mit dem simplen „Der Auserwählte rettet die Welt“-Plot aufwartet. Marie Lu lässt alles sehr real und menschlich werden, weil sie auch in die menschlichen Abgründe der Helden schaut. Dieses Buch ist eine der wenigen Teenager-Dystopien bei denen sich nicht das Gefühl „Been there, done that“ einschleicht und die auch Erwachsene fesseln kann.

Es kommt zum Showdown

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Darkest Minds
USA 2018
Regie: Jennifer Yuh Nelson
Drehbuch: Chad Hodge, nach einem Roman von Alexandra Bracken
Besetzung: Amandla Stenberg, Harris Dickinson, Miya Cech, Skylan Brooks, Mandy Moore, Bradley Whitford, Gwendoline Christie, Patrick Gibson, Mark O’Brien, Wallace Langham, Golden Brooks
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2018 by Paula Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Twentieth Century Fox

 

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