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Archiv der Kategorie: Kino

Horror für Halloween (XXX): The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte: Wenn der Leichenflüsterer erzählt …

The Mortuary Collection

Kinostart: 22. Oktober 2020

Von Andreas Eckenfels

Episoden-Horror // Sein Geschäft ist der Tod – und er sieht auch ein wenig so aus wie der Tod: Montgomery Dark (Clancy Brown, „Highlander – Es kann nur einen geben“) ist der Bestatter im idyllischen Städtchen Raven’s End. In seinem Anwesen erledigt er von der Einbalsamierung über die Trauerfeier und Grabrede bis hin zur Leichenverbrennung im hauseigenen Krematorium jeden Handgriff allein. So ist es nicht verwunderlich, dass Dark nach einer Aushilfe Ausschau hält. Nach der Beerdigung eines kleinen Jungen, meldet sich mit Sam (Caitlin Custer) auch eine erste Bewerberin.

Bestatter Montgomery Dark sucht eine Aushilfe

Die selbstbewusste junge Frau macht keinen Hehl daraus, dass sie vom Bestatterwesen nicht viel Ahnung hat, sie sei aber eine schnelle Lernerin. Und so erklärt Dark der Anwärterin einen seiner wichtigsten Grundsätze: Jeder Leichnam erzählt eine Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören! Neugierig geworden will Sam natürlich unbedingt einige dieser Geschichten hören, die Dark in zahlreichen Büchern für die Nachwelt aufgeschrieben hat. Wie und unter welchen grausigen Umständen haben die Menschen, die auf seinem Tisch lagen, ihr Leben ausgehaucht?

Vier aufregende Geschichten inklusive Carpenter-Hommage

Dark, twisty and awesome! wünscht sich Sam die Geschichten, die ihr Montgomery Dark erzählen soll und die vier Erzählungen, die uns Regisseur und Drehbuchautor Ryan Spindell präsentiert, sind genau das: düster, wendungsreich und eindrucksvoll.

Sam will die Stelle übernehmen

In der ersten Geschichte erlebt Diebin Emma (Christine Kilmer) in einem Badezimmer eine Überraschung. Danach verläuft die Liebesnacht zwischen Student Jake (Jacob Elordi) und Erstsemestlerin Sandra (Ema Horvath) anders als geplant. In der dritten Erzählung überlegt Ralph (James Bachman), ob er seine todkranke Ehefrau Carol (Sarah Hay) mit Pillen, die ihm der Doktor (Mike C. Nelson) gegeben hat, von ihrem Leid erlösen soll.

Diebin Emma erlebt im Badezimmer eine böse Überraschung

Im finalen Akt hängt Ryan Spindell einfach seine bislang bekannteste Arbeit dran: den 2015 veröffentlichten Kurzfilm „The Babysitter Murders“, in dem eine Babysitterin (ebenfalls Caitlin Custer) von einem Psychopathen (Ben Hethcoat) gejagt wird. Horrorfans wissen es: „The Babysitter Murders“ war der Arbeitstitel von John Carpenters Klassiker „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978). Spindells Hommage gewann zahlreiche Preise und machte so auch sein Langfilmdebüt „The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“ erst möglich.

Zeitloser Retro-Look und ein heimeliges Städtchen

Ob „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ (1965), „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ (1982), „Katzenauge“ (1985), die „V/H/S“-Reihe (2012–2014) oder der demnächst erscheinende „Deathcember“ (2019): Horror in Episodenform hat immer Saison, krankt aber mitunter auch daran, dass unter den zahlreichen Erzählungen einige Rohrkrepierer oder Langweiler dabei sind. Bei „The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“ gibt es hingegen keinen Grund zur Klage – alle vier Kurzfilme, die in die Rahmenhandlung um den Bestatter Dark und Bewerberin Sam eingebunden sind, machen wirklich allesamt großen Spaß.

Student Jake freut sich aufs Vorspiel

Dies liegt daran, dass Ryan Spindell allen Geschichten einen einheitlichen, zeitlos-wirkenden Retro-Look spendiert hat. Obwohl jede Erzählung in einem anderen Jahrzehnt angesiedelt ist, werden die Zuschauer und die Zuschauerinnen nicht durch wechselnde Optiken aus der Handlung gerissen. Im Schauplatz Raven’s End fühlt man sich schnell heimisch, denn der Ort wirkt lebendig und erinnert mit seinen Straßen, Geschäften, dem kleinen See samt Bootsanleger, den Hügeln und dem Wald wahrscheinlich nicht ganz zufällig an Stephen Kings bevorzugtes Städtchen Castle Rock. Die detailverliebte Ausstattung versprüht in allen Folgen zusätzlich einen nostalgischen Charme.

Mit morbiden Humor und Körperflüssigkeiten

Auch mit dem Aufbau eines Episoden-Horrors kennt sich Ryan Spindell bestens aus: Natürlich hebt er sich die besten Geschichten bis zum Schluss auf – und wenn nach den ersten zwei Erzählungen Sam etwas enttäuscht sagt, diese seien doch recht durchschaubar und liefen immer nach dem gleichen Motto ab, dass kleine Sünden stets bestraft werden, kommentiert sie hier auch selbstreflexiv auf einer Metaebene die Gedanken des Publikums. Doch das ist durchaus von Ryan Spindell beabsichtigt. Ihm geht es nicht um den schnellen Schock, er stellt das Erzählen in den Vordergrund und da ist es doch egal, ob man vorher weiß, „wer“ in den sauren Apfel beißt – dass „wie“ ist eben entscheidend.

Ralphs Gattin ist nicht mehr ganz die Alte

Überhaupt setzt Ryan Spindell weniger auf Grusel, sondern auf Humor – und der ist von der morbiden Sorte. Vergleiche zur TV-Serie „Geschichten aus der Gruft“ (1989–1996) kann man hier ebenso ziehen, wie auch zu Peter Jacksons guten alten „Braindead“-Zeiten. Das Blut strömt zwar nicht in Fontänen in die Höhe, gespart wird mit dem roten Lebenssaft oder auch anderen Körperflüssigkeiten dennoch nicht – dabei sind ein Großteil der Effekte offensichtlich in Handarbeit entstanden. Auch bizarre Momente und clevere Wendungen hat „The Mortuary“ zu bieten – ich will nicht spoilern, aber ich denke, die Idee für das Ende der Studentengeschichte ist eine Kuriosität, die man so noch nicht auf der Kinoleinwand gesehen hat. Allein der Gedanke daran verursacht auch später auf jeden Fall noch leichtes Unwohlsein.

Lasst Euch also überraschen von dieser Ansammlung an düsteren, wendungsreichen und sehr aufregenden Bestatter-Geschichten. „The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“ ist das perfekte Gruselvergnügen für Halloween – und für jede andere Jahreszeit.

Ein Killer geht um

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Mortuary Collection
USA 2019
Regie: Ryan Spindell
Drehbuch: Ryan Spindell
Besetzung: Clancy Brown, Caitlin Custer, Christine Kilmer, Jacob Elordi, Ema Horvath, Jennifer Irwin, Mike C. Nelson, James Bachman, Sarah Hay, Ben Hethcoat
Verleih: capelight pictures

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2020 capelight pictures

 

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Horror für Halloween (XXIX): The Beach House – Am Strand hört dich niemand schreien! Der Horror des Klimawandels

The Beach House

Kinostart: 22. Oktober 2020

Von Lucas Gröning

Horror // Ein Strandhaus dürfte für viele von uns als sehr idyllischer Ort verstanden werden. Es ist wohl eine romantische Fantasie, in einem solchen Anwesen einige schöne Tage zu verbringen. Das Meer direkt vor der Tür, wunderschöne Dünen rundherum und der weiche Sand an den Füßen – eine wundervolle Vorstellung. Mit der Idealisierung eines solchen Szenarios dürfte es allerdings vorbei sein, wenn man sich einmal Jeffrey A. Browns Langfilmdebüt „The Beach House – Am Strand hört dich niemand schreien!“ ansieht, welcher in Kürze den Weg in die Lichtspielhäuser findet. Der Film behandelt die Geschichte eines jungen Paares, welches einige Urlaubstage in einem solchen Paradies verbringen möchte, sich jedoch mit unheimlichen Ereignissen konfrontiert sieht. Brown bedient sich dabei einiger Elemente, die man so auch in anderen Werken des Genres bereits oft gesehen hat. Auch stellen die hier bearbeiteten Themen in vielerlei Hinsicht Reverenzen an absolute Klassiker aus dem Segment des Unheimlichen dar. „The Beach House“ ist jedoch auch mehr als die Kombination häufig verarbeiteter Versatzstücke, stellt der Film die hier aufgeworfenen Tropen doch in den Kontext einer modernen Gesellschaft der aktuellen Zeit und verschafft sich durch diese Aktualität eine nicht zu unterschätzende Relevanz. Was genau damit gemeint ist, will ich im folgenden Text erläutern.

Eine altbekannte Idylle

Das erwähnte junge Paar, bestehend aus Emily (Liana Liberato) und Randall (Noah Le Gros), will seinen Traumurlaub in einem Strandhaus an einem nicht näher definierten Ort verbringen. Sie kommen also ins Haus, zeigen sich verliebt und verbringen direkt einige Stunden im Bett miteinander. Bei den folgenden Gesprächen zeichnen sich bereits Differenzen zwischen beiden hinsichtlich der gemeinsamen Zukunftsplanung ab. Während bei dem beruflich recht erfolglosen Randall der Traum von einem klassischen Eheleben vorzuherrschen scheint, will sich die Chemiestudentin Emily zunächst auf ihre Karriere konzentrieren. Ein klassisch-bürgerliches Leben schreckt sie ab und dementsprechend manifestiert sich ein Wunsch nach Emanzipation bereits in diesen ersten Szenen.

Emily und Randall wollen eine romantische Zeit im Strandhaus verbringen

Nach einiger Zeit geht Emily hinunter ins Wohnzimmer und in die Küche. Sie stellt fest, dass sich in der Spüle dreckiges Geschirr befindet, zugleich findet sie einen vollgepackten Kühlschrank vor. Es stellt sich heraus, dass das Ferienhaus bereits von einem älteren Ehepaar bewohnt wird, bei dem es sich um Freunde der Eltern Randalls handelt. Das Ehepaar, bestehend aus Mitch (Jake Weber) und Jane (Maryann Nagel), erweist sich als äußerst freundlich und nach anfänglichem Unbehagen verbingen die vier einen angenehmen Abend zusammen. Lediglich dieser wunderschön anzusehende, dennoch enorm unheimliche Nebel zwischen den sich unweit des Strandes befindlichen Bäumen stört die abendliche Idylle und soll sich in der Folge als der Anfang einer Reihe von Gefahren für die neu formierte Gemeinschaft herausstellen.

Der idyllische Ort entpuppt sich bald als äußerst gefährlich, denn …

An der Inszenierung dieser Einführung fällt zunächst die Darstellung des Strandhauses als Ort der Idylle enorm auf. Eben jene vorher benannten Dünen, das Wasser des Meeres und die sich leicht mit dem Wind bewegenden Gräser werden von den ersten Einstellungen auf Film gebannt. Auch das zunächst unheimliche erste Aufeinandertreffen zwischen den Paaren sowie das vorherige Streitgespräch zwischen Emily und Randall werden alsbald negiert. Spätestens das gemeinsame Rauchen von Marihuana sorgt für eine Festsetzung des Hauses als sicheren Ort der Eintracht. Die hier zur Schau gestellte Etablierung eines idyllischen Ortes ist dabei ein bewährtes Kennzeichen zahlreicher Klassiker des Horrorgenres. Beispiele seien an dieser Stelle John Carpenters Werke „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978) und „Die Fürsten der Dunkelheit“ (1987) sowie Wes Cravens „Nightmare – Mörderische Träume“ (1984). Aber auch in Hybriden, die sich dem Horrorgenre in gewisser Weise annähern, findet diese Etablierung eines scheinbar unschuldigen Ortes statt – beispielsweise in David Lynchs Serie „Twin Peaks“ (1990–2017). Die Folge dieser Einführungen sind dann zumeist Brechungen mit dem bis dato Gesehenen. So fungieren Michael Myers und Freddy Krueger als Agenten zur Demaskierung einer durch und durch bürgerlichen, festgefahrenen und nur scheinbar unschuldigen Gesellschaft, genauso wie der Mord an Laura Palmer die Schattenseiten des idyllischen Ortes Twin Peaks zum Vorschein bringt.

… gefährliche, schwer definierbare Wesen stellen sich den Menschen entgegen

Interessanterweise steuert auch „The Beach House“ sehr lange auf eine generelle Kritik am bürgerlichen Leben und der damit verbundenen Ideologie einer fertigen und idyllischen Welt zu. Trotz der scheinbaren Harmonie zwischen den beiden Paaren schimmert das unterschiedliche Denken der Generationen und der damit verbundene Konservatismus der Älteren entgegen dem Progressivismus der Jüngeren immer wieder mal durch. So lehnt Mitch das Rauchen von Marihuana anfangs ab und auch hinsichtlich Randalls beruflicher Unsicherheit offenbart sein Blick zum Teil Verständnislosigkeit. Jedoch folgen auf jedes Anbahnen eines Konflikts stets das Auflösen in Wohlgefallen und gegenseitiges Verständnis zum Wohle der Hamonie. Was hier gezeigt wird, ist eine vollkommen apolitische Gemeinschaft, welche für den Erhalt der Eintracht jeden Funken eines Konflikts im Keim erstickt. Symptomatisch dafür ist das ständig zur Schau getragene Lächeln von Mitch. Auch wenn diesem stets etwas Gruseliges, Unangenehmes und Künstliches anhaftet, so scheint von Janes Ehegatten nie eine wirkliche Gefahr auszugehen. Seine Erscheinung transportiert jederzeit auch ein Gefühl der Wärme und einen rundum positiven Blick auf das Leben und andere Menschen. Nicht umsonst wiederholt er mehrmals im Film den Satz „Everything is fine“, auch wenn wir ihm das als Rezipienten eines Unterhaltungsfilms im Horrorsegment nicht glauben können. Eine Kritik am bürgerlichen, unpolitisch anmutenden Leben schwingt also stets mit, sie wird jedoch nicht durch einen der Protagonisten, einen humanoiden Mörder oder Ähnliches vorgenommen.

Was ist mit dem Wasser?

Eine entscheidende Rolle spielt das Wasser. Mehrmals signalisieren die Protagonisten durch ihre Gestik, dass sich das den Leitungen entnommene Wasser seltsam anzufühlen scheint. Es wirkt fast greifbar und seine Konsistenz weist eher etwas Weiches und Schleimartiges auf. Dementsprechend findet eine Veränderung der gegebenen Lebensumstände der Menschen statt. Irgendetwas da draußen scheint anders als bisher zu laufen, was sich auch später in dem deutlich an John Carpenters „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980) angelehnten Nebel manifestiert. Bei Carpenter jedoch diente der Nebel dazu, die gutbürgerliche Ideologie der Kleinstadt aufzudecken und die unmenschlichen Verbrechen hinter deren Wohlstand offenzulegen. In „The Beach House“ jedoch gibt es keine Verbrechen im sauberen Mikrokosmos des gutbürgerlichen Lebens. Vielmehr ist es das Unpolitische als Resultat eines auf Konsens und Einheit ausgelegten Zusammenseins, was hier kritisiert wird. Mit anderen Worten: Alles soll genauso weitergehen, Hauptsache wir streiten uns nicht. Das ist eine fatale Ideologie, denn sie zerstört den Prozess der Auseinandersetzung und somit auch den Raum für tiefgreifende politische Veränderungen.

Dass ausgerechnet die Natur zur größten Gefahr der Figuren avanciert, ist dabei kein Zufall, denn auch in aktuellen politischen Diskussionen hisichtlich der klimatischen Veränderungen unseres Planeten erleben wir diese Ausrichtung auf Konsens bis hin zum Negieren irgendeiner Diskussion. Entweder werden eben jene Veränderungen zugunsten des Lebens in einer bunten, perfekten Fantasiewelt geleugnet oder es findet das Versprechen zum Handeln statt, ohne dass den Versprechen reale politische Handlungen folgen. Bei letzterem Szenario, dem wohl verbreitetsten, sehen wir dabei durchgängig das Erkennen einer Ernstlage und ein immer wieder reproduziertes Beschwichtigen der beteiligten politischen Kräfte. Damit einher geht das Suggerieren von Einigkeit, nur um eine Diskussion um die Veränderungen unserer Lebensweise gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die tiefgreifenden Veränderungen im Zuge der Klimakatastrophe werden damit allerdings trotzdem nicht aufgehalten, vielmehr bietet diese Handlungslosigkeit das Potenzial zur Rückeroberung des besetzten Raumes durch die Natur. Dies ist die Kernbotschaft von Jeffrey A. Browns Film und es spricht auch für sein Werk, dass er einen durch zahlreiche Ferienhäuser zum Urlaubsparadies pervertierten Strand als Schauplatz seiner Geschichte aussucht. Diese Bestimmung verstärkt nochmals den Eindruck eines im Wachstumsrausch immer mehr für sich beanspruchenden Menschengeschlechts, welches keine Rücksicht mehr auf die natürlich gegebenen Lebensumstände nimmt.

Phasenweise wundervoll

„The Beach House“ kann somit als kluger Debattenbeitrag zur aktuellen Kommunikationskultur hinsichtlich real existierender politischer Fragen betrachtet werden. Aber auch filmisch hat Jeffrey A. Browns Werk einiges zu bieten. Phasenweise finden sich wundervolle, symbolisch enorm aufgeladene Aufnahmen, in denen die Regie eine hohe Kompetenz hinsichtlich der Kamerarbeit und gegen Ende vor allem im Spiel mit der Farbpalette aufzeigt. In diesen Szenen ist „The Beach House“ enorm stark, jedoch sind diese Momente leider zu selten. Gerade im ersten Drittel lässt der Film sehr lange auf den ersten wirklich beeindruckenden Shot warten, wirklich schön wird er erst mit dem Ausklang des ersten gemeinsamen Abends der Protagonisten. Dann allerdings entfaltet sich der Horror in all seiner Pracht und sorgt für ein ästhetisch ansprechendes Erlebnis.

Kann Emily der Gefahr entrinnen?

Außer dem künstlerisch wenig hervorstechenden ersten Drittel hat der Film ein paar weitere Schwächen, nämlich das mit etlichen unglaubwürdigen Dialogen angereicherte Drehbuch und die teils dürftigen Darstellerleistungen – eine Kritik, von welcher jedoch der fantastische Jake Weber ausgenommen sein soll, der mit dem liebenswürdigen und zugleich unheimlichen Ehemann Mitch einen vielschichtigen, ambivalenten und dadurch faszinierenden Charakter geschaffen hat. Abgesehen von jenen Kritikpunkten erwartet die Kinozuschauer jedoch ein intelligenter Horrorfilm, welcher sich klassischer Genremotive bedient, sie für die Bearbeitung eines spezifischen, aktuellen politischen Themas umkodiert und den Rezipienten in Verwandtschaft zu Ari Asters „Midsommar“ (2019) vor allem den Horror des helllichten Tages präsentiert. Den in diesem Text genannten Filmen kann Jeffrey A. Browns Debüt, vor allem auf künstlerischer Ebene, nicht das Wasser reichen. Sehenswert, vor allem aufgrund des Themas, ist „The Beach House“ aber in jedem Fall.

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Beach House
USA 2019
Regie: Jeffrey A. Brown
Drehbuch: Jeffrey A. Brown
Besetzung: Liana Liberato, Noah Le Gros, Jake Weber, Maryann Nagel, Michael Brumfield, Matt Maisto, Steven Corkin, Dan Zakarija, Veronica Fellman
Verleih: Koch Films

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Koch Films

 

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Horror für Halloween (I): Peninsula – Zurück auf die Halbinsel der Zombies

Train to Busan 2

Kinostart: 8. Oktober 2020

Traditionen wollen gepflegt werden, daher widmen wird uns bei „Die Nacht der lebenden Texte“ auf dem Weg zu Halloween 2020 einmal mehr dem filmischen Horror, hier ohnehin immer wieder gern genommen. Vom heutigen Herbstbeginn bis zum 31. Oktober werden einige meiner Autoren und ich euch wieder ausgesuchte Genrebeiträge vorstellen. Wir hoffen, dass alle dem Horrorgenre offen gegenüberstehenden Leserinnen und Leser auf die eine oder andere Neu- oder Wiederentdeckung stoßen. Vom großen Klassiker bis zum kleinen Geheimtipp wird die Bandbreite groß sein. In gewohnter Manier werde ich auch ein paar Gewinnspiele mit der einen oder anderen Preziose dazwischenschieben, ganz am Ende wird es womöglich wieder etwas üppiger.

Von Volker Schönenberger

Incheon ist verwüstet worden

Horror // Ob es aus Marketing-Sicht die richtige Entscheidung des deutschen Verleihs war, als Filmtitel „Peninsula“ zu wählen? Der Originaltitel „Train to Busan 2“ ist zwar auch nicht das Gelbe vom Ei, da überhaupt kein zweiter Zug nach Busan fährt; mit dem englischen Wort Peninsula – für Halbinsel – wird aber vermutlich eine nennenswerte Zahl an Kinogängerinnen und -gängern nichts anfangen können. Schon gut, ich weiß ja, dass „Peninsula“ auf der Koreanischen Halbinsel spielt – das tun allerdings viele koreanische Filme. Ebenso spielen viele italienische Filme auf einer Halbinsel.

Aber bevor ich mich in Nebensächlichkeiten verliere, lieber zum Film: Vier Jahre nach dem Ausbruch der Zombie-Invasion in Südkorea – siehe „Train to Busan“ (2016) – fristen der ehemalige Soldat Jung-seok (Gang Dong-won) und sein Schwager Chul-min (Kim Do-yoon) ein armseliges Dasein als Geflüchtete in Hongkong. Jung-seoks Schwester und ihr Sohn – Chul-mins Familie – waren auf dem Fluchtschiff gestorben, weil ein Infizierter die Seuche mit an Bord gebracht hatte. Ein Gangsterboss macht den beiden ein Angebot, das sie nicht ablehnen können: Mit zwei anderen sollen sie per Schiff nach Südkorea zurückkehren und dort einen Lkw finden, der eine große Ladung Banknoten enthält.

Jooni ist misstrauisch

Die Landung im Hafen von Incheon gelingt dem Quartett problemlos. Ein fahrtüchtiges Auto ist schnell gefunden, und der kleine Trupp setzt sich in Bewegung, um in der verwüsteten Stadt nach dem Lastwagen zu suchen. Im Dunkel der Nacht gelingt es den vieren, Begegnungen mit Untoten zu vermeiden. Der Lkw ist schnell gefunden, doch dann stellt sich heraus: Sie sind nicht allein. Die Miliz „Unit 631“ unter Captain Seo (Koo Gyo-hwan) und seinem brutalen Sergeant Hwang (Kim Min-Jae) beherrscht das Gebiet, wobei Hwang die Zügel mehr in der Hand hält als sein Vorgesetzter. Chul-min gerät in Gefangenschaft. Jung-seok findet sich unversehens im Auto der beiden minderjährigen Schwestern Jooni (Re Lee) und Yu Jin (Lee Ye-won) wieder. Weil die ältere Jooni einen heißen Reifen fährt, gelingt ihnen die Flucht.

Gleiches Inferno, neue Protagonisten

„Train to Busan“ war 2016 ein echtes Horror-Highlight im Zombie- oder Infiziertengenre und gewann dem arg ausgelutschten Untoten-Genre ein paar neue Facetten ab. Regisseur Yeon Sang-ho lieferte im selben Jahr gleich ein sehenswertes Anime-Prequel hinterher: „Seoul Station“. Bei der Fortsetzung „Peninsula“ setzte er sich ebenfalls auf den Regiestuhl. Es gibt allerdings kein Wiedersehen mit Figuren aus dem Erstling, die Handlung folgt neuen Personen, spielt aber im selben Universum.

Lasset die Spiele beginnen!

Herausgekommen ist ein enorm tempo- und actionreicher Zombie-Reißer. Die Frage, ob er dem Vorgänger das Wasser reichen oder ihn gar übertreffen kann, lässt sich allerdings deutlich verneinen. „Train to Busan“ behandelte anhand einer zufällig zusammengewürfelten Gruppe von ums Überleben kämpfenden Menschen durchaus auch gesellschaftliche Fragen, das Prequel „Seoul Station“ wartete gar mit ganz offenkundiger Systemkritik auf. „Peninsula“ hingegen setzt fast ausschließlich auf die Actionkarte. Emotional und tiefgründig wird es lediglich ein wenig im individualmoralischen Feld, doch dazu später mehr.

Grüße an „Mad Max“

Hatte „Train to Busan“ noch eine Handschrift, die die südkoreanische Produktion von Hollywood abgrenzte, so bedient sich „Peninsula“ dafür umso mehr der Versatzstücke des westlichen Kinos. Mehrfach kommt es zu rasanten Auto-Verfolgungsjagden, die teilweise etwas unübersichtlich geraten und bei denen trotz Dunkelheit allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit (eines Unfalls) getrotzt wird. Speziell zum Finale erinnert das gerade mit den aufgemotzten Fahrzeugen der Verfolger sehr an die „Mad Max “-Filme – zugegeben australische Produktionen, aber doch dem westlichen Actionkino zuzurechnen. Das ist rasant und eine Weile packend, jedoch hätte jede Verfolgungsjagd eine Winzigkeit kürzer inszeniert werden können, weil es irgendwann repetitiv wirkt, wenn noch eine Kurve und noch eine Kurve mit gekonntem Drift-Manöver genommen wird. Dass dabei reihenweise Infizierte über den Haufen gefahren werden, versteht sich von selbst.

Chul-min muss ums Überleben kämpfen

Im befestigten Areal der Unit 631 lässt Sergeant Hwang Gefangene in eine Arena treiben, um dort zwei Minuten lang Infizierte auf sie zu hetzen – es darf gewettet werden, wer überlebt. Derlei Lustbarkeiten in endzeitlichen Szenarien kennen wir nicht erst seit „The Walking Dead“ (im vom „Governor“ beherrschten Woodbury), auch „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ hatte sie schon 1985 zu bieten („Zwei Mann geh’n rein, ein Mann geht raus!“). Sie beruhen letztlich alle auf dem „Panem et circenses“-Prinzip der alten Römer, nach welchem man den Pöbel mit Brot und Spielen ruhigstellen kann.

Infizierte Raserei oder untotes Phlegma?

Immerhin originell: Bei den Untoten greift der Regisseur die alte Debatte „schlurfende Zombies vs. rasende Infizierte“ auf, indem er einfach beides zeigt. Die Tendenz geht zur Hochgeschwindigkeit, weil der Fokus ja auf Action liegt, gleichwohl bekommen wir auch die tranigen Zombies zu sehen. Völlig außer Acht lässt der Film die nahe liegende Frage, wovon sich die Untoten in den vier Jahren seit der Ereignisse von „Train to Busan“ ernährt haben. Aber zugegeben: In puncto Ernährungs- und Verdauungsfragen der Zombies gibt es kaum Filme, die dem Rechnung tragen oder dies überhaupt thematisieren. Im Zombiegenre muss man bezüglich Logiklöchern einige Augen zudrücken, so auch hier. Ich kann das, will aber als Rezensent darauf hingewiesen haben.

Wer will schon mit diesen Gesellen in die Arena steigen?

Im koreanischen Kino muss immer mit einer gehörigen Portion Pathos gerechnet werden. Gibt es überhaupt koreanische Kriegsdramen, die ohne auskommen? Auch das Horrorgenre macht davor nicht Halt. Schon bei „Train to Busan“ war das zu beobachten, hielt sich aber im Rahmen. „Peninsula“ legt davon eine ganze Schippe drauf, damit muss man umgehen können. Wenn geliebte Menschen sterben oder dem Tode nah sind, werden ihre Nächsten natürlich von Gefühlen überwältigt. Das ist schon verständlich, bekommt hier aber in ein paar Fällen etwas zu viel Raum – und der ist dann noch mit dem erwartbaren getragenen Score untermalt. Ganz dicke kommt es gegen Ende, wenn ein Aufopferungsmotiv und ein Schuld-und-Sühne-Komplex aufeinanderprallen und enorm lange offen bleibt, ob beide Figuren überleben oder draufgehen – oder nur eine der beiden.

Der frische Wind hat sich verzogen

„Train to Busan“ brachte 2016 enorm frischen Wind ins Zombiegenre. Damit kann bei einem Sequel kaum gerechnet werden, von daher will ich auch gar nicht einer Enttäuschung das Wort reden. „Peninsula“ hat gute Produktionswerte und lässt Langeweile gar nicht erst aufkommen, was mehr ist, als man vom Gros der Untoten-Schocker heutiger Tage behaupten kann. Wer die Fortsetzung als wenig innovativen Action-Reißer akzeptiert, kann sie mit Genuss schauen, und diesen Genuss habe ich während der Pressevorführung des Films auch verspürt.

Hauptsache Sergeant Hwang hat seinen Spaß

Wenn es nach Regisseur Yeon Sang-ho geht, ist nach drei Teilen noch lange nicht Schluss, wie er im August 2020 verkündete. Da es viele andere Überlebende auf der Halbinsel gebe, würde er gern die Geschichte auch dieser Menschen erzählen, auch wenn er selbst nicht unbedingt Regie führen würde. Gerüchteweise ist wie bei „Train to Busan“ auch ein Anime-Prequel in Vorbereitung. Lassen wir uns überraschen!

Jung-seok will seinen Schwager retten

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK noch nicht bekannt
Originaltitel: Train to Busan 2
KOR 2020
Regie: Yeon Sang-ho
Drehbuch: Park Joo-Suk, Yeon Sang-ho
Besetzung: Gang Dong-won, Lee Jung-hyun, Re Lee, Kwon Hae-hyo, Kim Min-Jae, Koo Gyo-hwan, Kim Do-yoon, Lee Ye-won, Daniel Joey Albright, Bella Rahim
Verleih: Splendid Film GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2020 Splendid Film GmbH

 

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