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Archiv der Kategorie: Kino

Pirates of the Caribbean – Salazars Rache: Eine letzte Fahrt – oder doch noch nicht?

Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales

Kinostart: 25. Mai 2017

Von Matthias Holm

Fantasy-Abenteuer // 14 Jahre ist es inzwischen her, dass Johnny Depp als Captain Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ gegen untote Piraten antreten musste. Der Mix aus wunderschönen Schauplätzen, interessanter Mythologie und erinnerungswürdigen Figuren war so erfolgreich, dass bis 2011 drei Sequels folgten. Doch bereits Teil drei war vielen Zuschauern zu überladen und der vierte Film war schlichtweg langweilig. Skepsis war also angesagt, als ein fünfter Teil der Saga angekündigt wurde. Statt Gore Verbinski (Teil eins bis drei) und Rob Marshall (Teil vier) übernahmen die beiden Norweger Joachim Rønning und Espen Sandberg („Max Manus“, „Kon-Tiki“) die Regie.

Jack und seine „Black Pearl“

Jack Sparrow (Johnny Depp) ging es schon mal besser: Seine Crew steht nicht unbedingt loyal zu ihm und sein Schiff, die „Black Pearl“, ist als Buddelschiff in einer Flasche gefangen. Doch als er seinen magischen Kompass gegen Rum eintauscht, kommt es noch schlimmer – so wird der böse Captain Salazar (Javier Bardem) befreit. Den hat Jack in seiner Jugend in eine Falle gelockt, seitdem sinnt sein Geist auf Rache. Zum Glück stolpert Jack über den jungen Henry (Brenton Thwaits), der auf der Suche nach dem Dreizack von Poseidon ist, der sämtliche Flüche der See aufheben kann und so auch die Geister vertreiben würde. Wie es der Zufall so will, liegt die Karte zum Dreizack in den Händen der Forscherin Carina Smyth (Kaya Scodelario), die schon Bekanntschaft mit Henry gemacht hat.

Neue Helden braucht das Land

Leider gestaltet sich diese Schnitzeljagd eher überraschungsarm. Wie die eigentliche Geschichte ausgeht und welche Wendungen sie nimmt, ahnt jeder, der schon mal einen Film gesehen hat. Doch das war nie die Stärke des „Pirates of the Caribbean“-Franchises. Natürlich liefert ein Johnny Depp als Jack Sparrow seine gewohnt gute Performance, genauso wie Geoffrey Rush als Barbossa, eine weitere Konstante der Filme. Wer jedoch angenehm überrascht, sind die beiden Neuzugänge auf der Heldenseite: Brenton Thwaites („Hüter der Erinnerung – The Giver“, „Gods of Egypt“) und Kaya Scodelario („Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth“ & „… in der Brandwüste) ergänzen einander hervorragend und spielen sich in den Dialogen immer wieder gegenseitig die Bälle zu. Henry als abergläubischer Seefahrer, der schon den einen oder anderen Kontakt mit Geistern und dergleichen hatte, und Carina, die fest an die Wissenschaft und nicht an Magie glaubt – das sind interessante Gegensätze.

Carina und Henry kommen einander näher

Über jeden Zweifel erhaben ist Oscar-Preisträger Javier Bardem („No Country for Old Men“). Im Gegensatz zu Ian McShane, der den Bösewicht des vierten Teils mimte, geht von Bardem eine konstante Bedrohung aus, wenn er zum Beispiel in seinem Hass auf Piraten skrupellos Barbossas Crew dezimiert. Einen großen Anteil am Funktionieren dieser Szenen hat auch das Figurendesign. Salazar sieht so aus, als befinde er sich ständig unter Wasser, seine Abzeichen und Haare scheinen durch die Luft zu gleiten. Dazu fehlen ihm Hautfetzen im Gesicht, was sein bedrohliches Auftreten unterstreicht.

Salazar macht Jagd auf Jack

Ohnehin ist die Optik das größte Pluspunkt des Films. Wenn die Piraten durch eine karibische Hafenstadt fliehen oder Salazars Schiff wortwörtlich andere Segler verschlingt, ist das schlichtweg beeindruckend. Wie man es von dem Franchise aus dem Hause des Produzenten Jerry Bruckheimer dann auch gewohnt ist, gibt es Actionsequenzen, die absolut unrealistisch sind. Doch wo sich die anderen Filme in ihrem Bombast wälzten, ist sich „Salazars Rache“ stets bewusst, wie übertrieben das alles ist, und macht sich daraus das eine oder andere Späßchen.

Mal wieder eine Szene nach dem Abspann

Am besten ist der Film immer dann, wenn er die Fans des Franchises anspricht. Es gibt einige Momente, die darauf konzipiert sind, Gänsehaut zu verursachen, und die dies zuverlässig schaffen, ohne peinlich zu wirken. Als Beispiel sei Jacks Ernennung zum Captain erwähnt, bei der er verschiedene Gegenstände bekommt, die er immer noch herumträgt. Es gibt viele solche kleinen Verweise, unterlegt mit den nach wie vor großartigen Musikstücken des ersten Teils. Vor allem gelingt dem Action-Abenteuer etwas, das man ihm nicht zugetraut hätte – einen wirklich würdigen Abschluss. Wenn da nur nicht diese blöde After-Credit-Szene wäre …

Mach mal „Aaah“!

„Pirates of the Caribbean – Salazars Rache“ ist kein herausragendes Abenteuer wie der erste Teil. Und doch schafft er es, Captain Jack Sparrow und seiner Crew eine würdige letzte (oder vorletzte? Oder vorvorletzte?) Fahrt zu spendieren. Das Drehbuch hätte ruhig straffer sein können, aber sowohl die lieb gewonnen alten als auch die gelungenen neuen Figuren lassen es nie langweilig im Kino werden. Jo-hoo – und ‘ne Buddel voll Rum.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Johnny Depp sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 129 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales
USA 2017
Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg
Drehbuch: Jeff Nathanson, Terry Rossio
Besetzung: Johnny Depp, Javier Bardem, Brenton Thwaits, Kaya Scodelario, Geoffrey Rush, Kevin McNally, David Wenham, Stephen Graham
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2017 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 
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Verfasst von - 2017/05/23 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Ridley Scott (VII): Alien – Covenant: Geldmaschine mit Konstruktionsfehlern

Alien – Covenant

Kinostart: 18. Mai 2017

Von Kay Sokolowsky

SF-Horror // Drehen schlechte Regisseure schlechte Filme, ist das weder eine Überraschung noch ein Grund zum Ärger. Wenn aber einer, der’s draufhat, einen Murks abliefert, für den sich sogar Zack Snyder schämen würde, darf der Kritiker die Fassung verlieren und schimpfen. Gerade weil Ridley Scott mehrere Klassiker des modernen Unterhaltungskinos verantwortet hat, ist es eine Riesenenttäuschung, wie er sein Talent und seine Erfahrung an etwas wie „Alien – Covenant“ verschwendet.

Aber durfte man nach dem ebenso wirren wie platten „Prometheus – Dunkle Zeichen“ (2012) mehr erwarten? Natürlich. Der Kinomagier, der „Blade Runner“ und „Gladiator“ zauberte, hätte vieles wiedergutmachen können. Aber in „Alien – Covenant“ macht er es genauso schlecht wie in „Prometheus“, vielleicht sogar schlechter. Er wiederholt die dümmsten Fehler, als wären sie ihm egal. Oder als gäbe es in seinem Team niemand, der es wagt, dem Maestro zu widersprechen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Guy Pearce (l.) und Michael Fassbender simulieren ein philosophisches Gespräch

Dies wird, wie Sie wohl ahnen, ein Verriss, und ich zögere nicht, beim Schimpfen eine Menge zu verraten. Wenn Ihnen Spoiler egal sind, kann ich versprechen, es so kurz und schmerzhaft wie möglich zu machen.

In space no one can hear you honk

Das Raumschiff „Covenant“ ist unterwegs zu einem fernen Sternsystem. Auf dem Planeten Origae-6 wollen sich 2.000 Kolonisten eine neue Welt erobern. Während sie und die Schiffscrew im Tiefkühlschlaf liegen, wacht der Android Walter (in einer Doppelrolle: Michael Fassbender) über die Mission. Am 5. Dezember 2104 gerät die „Covenant“ in die Ausläufer einer Sternexplosion und kann nur knapp vor der Vernichtung bewahrt werden. Der Kapitän (bloß in Rückblenden zu sehen und heute wahrscheinlich froh drum: James Franco) verbrennt (sic!) in seiner Kühlbox, Dutzende andere Menschen werden gleichfalls Opfer der Havarie.

Während der Reparaturarbeiten erreicht ein verrauschtes Funksignal die „Covenant“: Um eine Sonne, die nur wenige Wochen Flugzeit entfernt ist, scheint ein wahrer Garten Eden zu kreisen. Gegen den energischen Rat der Ersten Offizierin Daniels (schwer erträglich: Katherine Waterston) beschließt der neue Käptn Oram (stark überfordert: Billy Crudup), die Quelle des Signals anzusteuern.

Ein schöner Platz zum Sterben

Der fremde Planet sieht aus wie der Milford Sound in Neuseeland, also sehr romantisch und grün. Allerdings gibt es dort kein tierisches Leben, allein der Wind sorgt für Geräusche. Wie es bei jahrelang gedrillten Astronauten üblich ist, die außerdem akademische Kenntnisse in Biologie, Chemie, Medizin und dergleichen Zeug haben, kommt der Expeditionstrupp der „Covenant“ gar nicht auf die Idee, das Terrain in Schutzanzügen zu erkunden. Wie jedem guten Ami genügen ihnen fette Wummen als Lebensversicherung.

Und so kommt, was in einem „Alien“-Film kommen muss: Befruchtung (in der neuesten Variante eher eine Bestäubung), rasend schnelle Schwangerschaft, Kaiserschnitt von innen. Es entspringt ein seltsam Mittelding aus Mensch und Alien, der „Neomorph“, nicht unähnlich der Kreatur, die in Jean-Pierre Jeunets „Alien – Die Wiedergeburt“ so albern wirkte. Mehrere Metzgereieffekte und viele unfassbar dumme Entscheidungen später werden die Trottel der „Covenant“ von einem mysteriösen Kapuzenkuttenträger – scheinbar – gerettet.

„Black Hawk Down“, Weltraumversion

Er führt sie in eine Stadt der Toten. Jene Außerirdischen, die ihren ersten Auftritt in „Prometheus“ hatten, waren einst dort zu Hause, doch überdauert haben von ihnen nur verkohlte Kadaver. Derweil versuchen die auf der „Covenant“ verbliebenen Raumfahrer vergebens, Kontakt mit den Kameraden aufzunehmen. Wie es im Handbuch für miese SF-Filme steht, ist das Expeditionsteam während eines schweren Ionensturms losgezogen. Nur so lassen sich Funk- und dramaturgische Löcher rechtfertigen.

Der Kuttenmann gibt sich als David zu erkennen, als jener Android also, der in „Prometheus“ damit nervte, für Lawrence of Arabia in der Rolle des Peter O’Toole zu schwärmen. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls lüftet Offizierin Daniels, wiederum einige Tote und manch hirnrissige Handlung später, das Geheimnis um die Nekropole – anschließend muss sie alles geben, um die sinistren Pläne von David zu durchkreuzen.

Horror vacui

Den Rest sollten Sie selbst sehen, es ist der Teil mit den besten Actionszenen. Die leider nicht rausreißen können, was insgesamt in den zähen zwei Stunden von „Alien – Covenant“ an Schmierentheater, Heckmeck und Bedeutungshuberei veranstaltet wird. Die Fallhöhe vom ersten „Alien“-Spielfilm hinab zu dieser Nullnummer ist astronomisch. Ridley Scott brauchte 38 Jahre, um sie zurückzulegen. Über sein geniales Horrorstück von 1979 sagt der Regisseur heute: „Ich habe ‚Alien‘ in gewisser Weise immer für ein B-Movie gehalten, ein richtig gut gemachtes.“ O ja, das war es! „Alien – Covenant“ hingegen ist bloß Trash, obschon kein billiger. Die Produktionskosten sollen sich auf 111 Millionen Dollar belaufen. So viel kann es kosten, ein Nichts herzustellen.

Ziemlich spektakulär: die Stadt der Toten

Immerhin sieht man, wo das Geld geblieben ist. Die Sets und Artefakte, die Chris Seagers designt hat, sind von atemberaubender Größe und Exotik. Das Riesenraumschiff „Covenant“ gleichwie die Nekropole auf dem Alien-Planeten zählen zum Besten an erfundener Welt, was seit „Avatar“ in SF-Filmen bestaunt werden konnte. Die CGI ist solide gefertigt, die Make-up-Abteilung darf bei den Splatter-Einlagen zünftig die Sau rauslassen, und Ridley Scotts Hauskameramann Dariusz Wolski gelingt es, die düsteren Szenen so auszuleuchten, dass noch in den Schatten der Schatten etwas zu erkennen bleibt.

Nicht alle Brustschmerzen sind ein Herzinfarkt. Leider

Die enorme Könnerschaft des Regisseurs erweist sich in den technischen Aspekten von „Alien – Covenant“ allemal. Umso frustrierender wirkt die Fahrlässigkeit, mit der Scott den großen Rest behandelt – das Drehbuch, die Logik, die Schauspielerei, den Sinn vons Janze. Der erschließt sich nämlich bloß den härtesten „Alien“-Fans, also jenen Geeks, denen ein Facehugger hier und ein platzender Brustkorb da für die Illusion genügen, einem Gruselfilm (mit SF-Dekor) beizuwohnen. Wenn denn in diesem Streifen irgendwas gruselig wäre!

„Ridleys Motto lautete: ‚Wir werden einen harten Film mit R-Rating machen und viel Rotwein brauchen‘ – Rotwein ist ein anderes Wort für Filmblut.“ Das berichtet Mark Huffam, einer der Produzenten, und er fährt fort: „Wir wollen, dass den Leuten die Hosen schlottern.“ Aber den Leuten dreht sich allenfalls der Magen um vor all dem verspritzten Vino. Ridley Scott verwechselt Horror mit Ekel, physischen Terror mit psychologischem Grauen, und diese Verwechslung ist unter der Würde und dem Format eines Meisters seiner Klasse. Ein R-Rating ist leicht zu haben, viel schwerer jedoch, einen filmischen Albtraum zu inszenieren, in dem die Angst der Protagonisten zu unserer Angst wird. Und genau das gelingt Scott in „Alien – Covenant“ nicht.

Letzte im Sigourney-Weaver-Ähnlichkeitswettbewerb: Katherine Waterston

Denn seine Figuren sind von geradezu empörender Flachheit – am Reißbrett skizziert, durch die Klischeemühle gedreht, in Schablonen verpackt. Es wird grässlich viel geheult und gebrüllt, aber diesen hyperhysterischen Typen, zumal der „Heldin“ Daniels, diesem Hybridklon aus Warrant Officer Ripley und G. I. Jane, nimmt der mündige Zuschauer kein einziges Gefühl ab. Diese Schreihälse erregen kein Mitleid, sondern nerven bloß mit ihrem Geflenn und Augenrollen. Egal wie qualvoll sie enden (Scott lässt dem sadistischen Teil seiner Fantasie viel zu freien Lauf) – eine Identifikation findet nicht statt, weil diese Figuren im Kälteschlaf menschlicher und lebendiger wirken als aufgetaut.

Mein Gott, ist das beziehungsreich

Offensichtlich gab es für die Herstellung von „Alien – Covenant“ keinen einzigen Grund als den, aus einem höchst erfolgreichen „Franchise“ noch die letzten Taler zu wringen. Ridley Scott behauptet zwar, von anderen Dingen bewogen worden zu sein. Er will eine Erklärung liefern, woher die unbezwingbaren Aliens stammen, wie sie sich im Kosmos verbreiten konnten, usw. Doch ein „wissenschaftlich“ erklärtes Ungeheuer ist schon keins mehr, und die Genealogie, die hier vorgelegt wird, passt nur mit halb zugedrückten Augen zu dem, was wir aus den frühen „Alien“-Filmen kennen.

Scott tappt in die gleiche narrative Falle, in die George Lucas bei den „Star Wars“-Prequels geriet: Ein fiktiver Kosmos muss sich organisch entwickeln und wachsen wie ein Baum. Die erfundene Welt retrograd zu verändern bedeutet, an den Wurzeln herumzusägen und die besten Früchte verfaulen zu lassen (man verzeihe die Metapher).

Gollums großer Bruder? Nein, der Neomorph

Weil Ridley Scott besser als jeder Kritiker weiß, dass „Alien – Covenant“ keinen künstlerischen Wert hat, versteckt er die Banalität und Schludrigkeit der Story hinter jeder Menge Anspielungen. Scott bedient sich bei allem, was gut und teuer ist im großen SF-Film – in der Eingangssequenz zum Beispiel bei „2001“, in einigen Szenen auf der „Covenant“ bei Tarkowskis „Solaris“, außerdem finden sich Travestien auf „Matrix“, „Dr. Seltsam“, „Gravity“, „Ex Machina“ und „Terminator 2“, to name a few.

Übers blanke Namedropping kommt Ridley Scott in diesen Bildern mit Fußnote leider nicht hinaus: Er zeigt, wie geschickt er kopieren kann, doch nicht, warum er es tut. Vielleicht will er den Kollegen auf die Schultern klopfen, sich als ebenbürtig in die Brust werfen? Obwohl er das nicht nötig hat, er zählt ja längst zu den Großen. Vielleicht, wer weiß, sollen diese Hinweise auf ältere Meisterwerke bloß eine ironische Verfremdung ins Spiel bringen. Dafür freilich hatte Mr. Scott nie ein Händchen, so was sollte er besser den Kollegen Tarantino und Whedon überlassen.

Die meisten Zitate und Anspielungen – es sind Aberdutzende – beziehen sich allerdings auf die „Alien“-Serie selbst. Für bedingungslose Fans dieses „Franchises“ dürfte es ein Fest sein, die Szenen zu identifizieren, die Ridley Scott originalgetreu nachgestellt hat. Schon dafür werden sie den Film mindestens dreimal gucken und Scott hochjubeln. Er hat für all die Innuendi aber auch einen erzählerischen Grund. Da Scott mit „Alien – Covenant“ die allgemein verbindliche Schlüsselstory zum „Alien“-Kosmos liefern will, sind seine, wenn man mag, Neuinterpretationen älterer Szenen recht hilfreich, um der gesamten Reihe zumindest den Schein innerer Geschlossenheit zu verleihen.

Kein Szenenbild aus „Aliens“

Die nicht eben subtil vorgetragene Selbstreferentialität geht jedoch selbst einem alten Bewunderer Scotts wie mir schnell auf den Senkel. Sie wirkt auch, neudeutsch zu labern, kontraproduktiv. Vor lauter halben und doppelten Zitaten vergisst der Regisseur völlig, eine originelle, packende Geschichte zu erzählen. Zweimal wird aus dem mitreißenden Score zitiert, den Jerry Goldsmith einst für „Alien“ schuf. Beim Erklingen dieser großartigen Musik, der suggestivsten, die Goldsmith je komponiert hat, wird besonders deutlich, wie lichtjahrweit der alte und der neue Film voneinander entfernt sind, wie unnötig und peinlich „Alien – Covenant“ neben dem alten Meisterstück wirkt.

Als ich 2014 „Exodus – Götter und Könige“ sah, meinte ich, dass Scott diese eitle Routine, dass er so viel Lustlosigkeit, Brutalität und Zynismus niemals überbieten könne. Dies war ein Irrtum. Nichts an „Alien – Covenant“ ist berührend, nichts an diesem Film beängstigend außer der Vorstellung, Ridley Scott könnte fortan nur mehr seelen- und, trotz aller Rotweinkleckerei, blutlose Geldmaschinen zusammenschrauben. Davor graut mir wahrlich.

Ahnen bereits die Reaktion der Kritiker: Michael Fassbender und Carmen Ejogo

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden, Filme mit Michael Fassbender in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Alien – Covenant
USA/AUS/NZ/GB 2017
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Besetzung: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Nathaniel Dean, James Franco, Guy Pearce, Noomi Rapace
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Twentieth Century Fox

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2017/05/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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King Arthur – Legend of the Sword: All Hail the King

King Arthur – Legend of the Sword

Kinostart: 11. Mai 2017

Von Matthias Holm

Fantasy-Action // Es wird immer wieder gesagt, das Blockbuster-Kino stecke in einem kreativen Loch. Für originelle Filmstoffe gibt es kaum Geld, viel lieber quetscht man aus Vorlagen ganze Franchises, produziert Remakes von europäischen oder fernöstlichen Filmen oder bedient sich an Material, das man gefühlt tausendfach auf der Leinwand gesehen hat. Einer dieser Stoffe ist die Artus-Sage um die Ritter der Tafelrunde. Ob als Historien-Film im Bruckheimer-Bombast-Gewand („King Arthur“), als Disney-Zeichentrickfilm („Die Hexe und der Zauberer“) oder als Romanze im Mittelalter („Der erste Ritter“), die Geschichten rund um das magische Schwert Excalibur sind fest in der Popkultur verankert – „Excalibur“ lautet übrigens der Titel einer sehr gelungenen 1981er-Umsetzung von John Boorman. Wie soll man da noch einen frischen Blickwinkel auf das Thema haben? Ganz einfach: Man setzt Guy Ritchie („Sherlock Holmes“) ans Drehbuch und in den Regiestuhl.

Wer holt das Schwert aus dem Stein?

England durchlebt düstere Zeiten. Der König Vortigern (Jude Law) konnte den Thron nur durch Intrigen gegen seinen Bruder Uther (Eric Bana) besteigen und unterjocht sein Volk. Doch eines Tages sinkt der Meeresspiegel und enthüllt das magische Schwert Excalibur. Nur der Sohn des wahren Königs, der während Vortigerns Putsch entkommen konnte, ist in der Lage, das Schwert aus dem Stein zu ziehen. Doch Arthur (Charlie Hunnam) hat gar nicht so viel Lust darauf, König zu sein, er will lieber in Frieden leben. Eine Gruppe von Freiheitskämpfern rund um eine Magierin (Astrid Bergès-Frisbey) muss also noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten.

Arthur zieht Excalibur aus dem Stein

Vor Beginn des Films sollte man sich als Zuschauer einer Sache klar sein. Mit dem Ursprungsstoff hat Guy Ritchies Artus-Version nur einige Namen gemeinsam. Statt sich groß mit Erklärungen oder Vorgeplänkel aufzuhalten, wird man direkt in den Kampf um Camelot geworfen, denn der böse Zauberer Mordred (Rob Knighton) beansprucht das Königreich für sich. Kennern der Artus-Sage rollen sich bereits hier die Fußnägel hoch. Und wer in dieser Auftaktsequenz überfordert ist, sollte gar nicht erst weiter gucken. Bald greifen Elefanten, groß wie Hochhäuser, eine schmale Brücke an, während Eric Bana als König Uther in den Kampf reitet. Das ist bombastischer Quatsch, sieht aber beeindruckend aus.

Ritchies Markenzeichen

Wenn dann der eigentliche Plot rund um Arthur ins Rollen kommt, spielt Ritchie seine Stärken voll aus. Da gibt es zum Beispiel hektische Schnitte, die perfekt zum fantastischen Score von Daniel Pemberton gesetzt sind. Auch läuft die Erzählung nicht streng linear ab, manche Szenen vom Beginn des Films werden erst gegen Ende komplett gezeigt. Damit steht und fällt auch das gesamte Erlebnis. Wenn man mit diesem Brimborium nichts anfangen kann, wird man keinen Spaß an „King Arthur – Legend of the Sword“ haben.

Vortigern will immer mehr Macht

Apropos Spaß – Jude Law scheint es eine diebische Freude gemacht zu haben, den Bösewicht zu geben. Als getriebener Schurke ist er ein Antagonist, wie er im Buche steht, Gewissensbisse hat er kaum. Wenn Vortigern doch mal zweifelt, wird das durch die Aussicht auf mehr Macht schnell weggewischt. Das zeigt sich auch in den Kostümen. Denn hier wird der Begriff Schwarz-Weiß-Malerei wörtlich genommen. Während Arthur, der von Charlie Hunnam sympathisch dargestellt wird, die gesamte Zeit über helle Kleidung trägt, tritt Vortigern mit seinen Schergen immer vollständig in Schwarz auf. Subtilität ist nun mal keine Stärke des Films.

Die Magierin hilft Arthur

Leider gibt es jedoch auch einige Punkte, bei denen sich Ritchie verzettelt. Bei der Pressevorführung gab es vor allem in dunklen Aufnahmen in den Hintergründen starkes Filmkorn. Ob das ein Stilmittel ist oder ein Fehler, spielt keine Rolle – zusammen mit den eher mittelmäßigen 3D-Effekten schlägt das stark auf die Augen. Außerdem gibt sich der Film zwar sehr dreckig, aber sobald es zu den Kämpfen kommt, bleibt kein Blut an den Schwertern kleben. Das führt zu einem Bruch mit der eigentlich düsteren Grundstimmung, hier hätte der Mut zu einer höheren Altersfreigabe gutgetan.

Gelangweilte Zauberin

Auch die Darsteller abseits von Law und Hunnam sind nicht sonderlich lobenswert. Eric Bana und Djimon Hounsou liefern gewohnte Kost ab, ohne nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Astrid Bergès-Frisbey hingegen wirkt als Magierin, die Arthur leiten soll, so gelangweilt, dass man sich fragt, wieso der Protagonist auf diese Dame hören sollte. Und so eindrucksvoll die Kriegselefanten und manche magischen Kräfte auch aussehen, sobald Arthur die Macht von Excalibur einsetzt, sieht es einfach so aus, als ob nicht eine reale Person dem unbarmherzigen Schwert ausgesetzt wird, so offensichtlich ist die Herkunft aus dem Computer.

Zwar weder Ritter, noch eine Tafelrunde, aber ein Anfang

„King Arthur – Legend of the Sword“ ist ein roher Film, dem sein Macher einen unnachahmlichen Stempel aufdrückt. Das sorgt für einigen frischen Wind im Fantasy-Genre. Allerdings gibt es auch einige Kleinigkeiten, die einem ungehemmten Spaß im Weg stehen. Das größte Problem aber: Die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Für den Erfolgsfall sind bereits sechs weitere Projekte in Planung, die das Ganze zu einem „Ritter der Tafelrunde“-Filmuniversum machen sollen – diese Figuren kommen in diesem Film dann auch deutlich zu kurz. Und das bräuchte „King Arthur – Legend of the Sword“ eigentlich nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jude Law sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: King Arthur – Legend of the Sword
USA/AUS 2017
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Joby Harold, Guy Ritchie, Lionel Wigram
Besetzung: Charlie Hunnam, Jude Law, Eric Bana, Djimon Hounsou, Astrid Bergès-Frisbey, Aiden Gillen, Freddie Fox, Craig McGinlay, Tom Wu
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Warner Bros. Entertainment GmbH

 

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