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Archiv der Kategorie: Kino

Ridley Scott (IX): The Last Duel – Historischer Zweikampf mit aktueller Botschaft

The Last Duel

Kinostart: 14. Oktober 2021

Von Andreas Eckenfels

Historiendrama // Mit einem Zweikampf begann Ridley Scotts Regiekarriere: Für „Die Duellisten“ mit Harvey Keitel und Keith Carradine gewann er 1977 bei den Filmfestspielen von Cannes den Preis für das beste Debüt. Seitdem wurden viele weitere Kämpfe in seinen Filmen ausgefochten: Ellen Ripley gegen den Xenomorph in „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979), Rick Deckard gegen den Replikantenanführer Roy Batty in „Blade Runner“ (1982) oder Maximus gegen Commodus in „Gladiator“ (2000). Nun blickt Ridley Scott in „The Last Duel“ auf ein historisch verbrieftes Duell um Leben und Tod zurück, welches zum Ende des 14. Jahrhunderts in Frankreich stattgefunden haben soll.

Freunde werden zu Rivalen

1386 stehen sich in einer Arena der Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon) und der Junker Jacques Le Gris (Adam Driver) auf ihren Pferden in voller Rüstung mit Lanzen unter dem Arm geklemmt gegenüber. Nachdem die zwei Duellanten das erste Mal ineinandergekracht sind, springt die Handlung zurück ins Jahr 1370. Damals, so erfahren wir, kämpften der tapfere Recke Carrouges und der gebildete Le Gris, Sohn eines normannischen Gutsherrn, Seite an Seite für den französischen König. Le Gris verteidigt seinen Freund sogar vor dem Lehnsherren Graf Pierre d’Alençon (Ben Affleck), als Carrouges in finanzielle Not gerät und seine Pacht nicht zahlen kann.

Die Freunde Jean de Carrouges (l.) und Jacques Le Gris kämpfen Seite an Seite für den französischen König

Carrouges Geldsorgen und der Zwang einen männlichen Erben zu bekommen, führen dazu, dass er Marguerite (Jodie Comer) zur Frau nimmt. Die Tochter von Sir Robert de Thibouville (Nathaniel Parker) bringt eine beträchtliche Mitgift in die Ehe ein, darunter an sich auch einen Landbesitz, den sich aber zuvor schon Le Gris unter den Nagel gerissen hatte. Carrouges legt Klage ein. Doch da Graf Pierre d’Alençon im Grundstücksstreit natürlich zugunsten seiner rechten Hand Le Gris entscheidet, beginnt die Freundschaft zwischen Le Gris und Carrouges langsam zu bröckeln. Die Rivalität zwischen den zwei Männern steigert sich über die Jahre durch weitere Ereignisse immer mehr und gipfelt schließlich in einer brutalen Attacke: Als Carrouges von einer Reise nach Paris zurückkehrt, berichtet Marguerite ihm, Le Gris habe sie überraschend besucht und vergewaltigt. Obwohl Le Gris die Tat bestreitet, bleibt Marguerite bei ihrer Aussage – für die sie ihr Gatte in diesen Zeiten töten könnte.

Doch Carrouges entscheidet sich dagegen: Um die Schande von seiner Familie zu nehmen, zieht er schließlich zum Justizpalast nach Paris und bittet Charles VI. (Alex Lawther) erfolgreich um ein Gottesurteil: Ein Duell zwischen Carrouges und Le Gris um Leben und Tod soll über die Wahrheit in dem Streit entscheiden. Verliert Carrouges, muss auch Marguerite sterben – auf dem Scheiterhaufen.

Erzählmuster à la Akira Kurosawa

Angeblich soll dies der letzte offiziell dokumentierte gerichtliche Zweikampf seiner Art in Europa gewesen sein. Nach jahrelanger Recherche hatte der US-Autor und Mittelalterexperte Eric Jager die wahre Geschichte in „The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France“ 2004 in Romanform veröffentlicht. Matt Damon und Ben Affleck übernahmen in Ridley Scotts mitreißender Verfilmung nicht nur tragende Rollen, erstmals seit ihrem mit dem Oscar-gekrönten Skript für „Good Will Hunting“ (1997) schrieben beide auch gemeinsam wieder das Drehbuch. Um der weiblichen Perspektive auf den Fall gerecht zu werden, engagierten sie zusätzlich Nicole Holofcener („Can You Ever Forgive Me?“, 2018) als Unterstützung hinzu.

Graf Pierre d’Alençon fördert den belesenen Jacques Le Gris

Die Autoren bedienen sich dabei eines alten Drehbuchkniffs, der seit Akira Kurosawas „Rashomon – Das Lustwäldchen“ (1950) weit verbreitet ist: Die Geschichte ist in drei Kapitel unterteilt. Wie bei einer Zeugenbefragung erfahren wir zunächst Jean de Carrouges’ Sicht auf die Ereignisse, die zu dem Konflikt führten, anschließend folgt die Perspektive von Jacques Le Gris, zuletzt ist Marguerite an der Reihe. Somit bekommen die Zuschauer und Zuschauerinnen mehrmals die gleiche Geschichte erzählt. Obwohl sich einige Passagen zwangsläufig wiederholen, kommt keine Langeweile auf: Es sind die kleinen, aber feinen Unterschiede in den Aussagen, die für Spannung sorgen und zuvor gefasste Meinungen verschieben. Zudem ist der authentische Blick auf das mittelalterliche Rechtssystem höchst interessant – Jager konnte für seinen Roman die originale, handgeschriebene Akte mit den juristisch gültigen Zeugenaussagen einsehen, die dank des im 14. Jahrhundert benutzten robusten Pergaments sehr gut erhalten und klar leserlich waren.

An Originalschauplätzen gedreht, verströmen die epischen Bilder zusammen mit den Kostümen und der Ausstattung mittelalterliches Flair durch und durch. Wer bei „The Last Duel“ ein großes Schlachtenepos erwartet hat, wird aber etwas enttäuscht werden. Das Drama steht hier mehr als die Action im Vordergrund – allerdings: Wenn im Finale das letzte Duell ausgefochten wird, geschieht dies mit solch brachialer Gewalt und enormer Intensität, dass einem der Atem stockt. Da werden Erinnerungen an die Kämpfe aus Ridley Scotts „Gladiator“ wach.

Parallelen zu #metoo

Was der Geschichte von „The Last Duel“ für ein modernes Publikum die nötige Relevanz verleiht, ist nicht der Streit der beiden Männer, sondern die Rolle von Marguerite de Carroughes. Sie wird zur eigentlichen Heldin der Handlung, nicht die tapferen Rittersleute. In einer Zeit, als Frauen über keinerlei Rechte verfügten und nur als Gebärmaschinen sowie für den Triebabbau der Männer dienten, fasste sie den Mut, nicht zu schweigen – trotz des hohen Risikos, von ihrem Ehemann wegen Untreue getötet oder für immer öffentlich gebrandmarkt zu werden. Hier werden unübersehbare Parallelen zur #metoo-Bewegung gezogen – selbst heutzutage werden Frauen leider noch stigmatisiert, wenn sie ihre Stimmen wegen sexuellen Missbrauchs erheben. Dass es zwischen mächtigen Männern eine Art „Schweigegelübde“ bei solchen Taten gibt, wird im Film durch die Beziehung von Graf Pierre d’Alençon und Jacques Le Gris demonstriert, die sich für ihre Gelüste gern mal die Frauen teilen. Zudem will Jean de Carrouges mit dem damals schon veralteten Brauch des Gottesurteils nur seinen eigenen Namen reinwaschen und seine Ehre wieder herstellen. Das Schicksal seiner Ehefrau ist ihm relativ egal – Hauptsache sie bringt ihm einen männlichen Nachkommen auf die Welt.

Marguerite will nicht schweigen

Wenn man bedenkt, dass Matt Damon und Ben Affleck zu Beginn ihrer Karrieren stark von Harvey Weinstein profitiert haben und gefördert wurden – unter anderem wurden „Good Will Hunting“, „Dogma“ (1999) und „Der talentierte Mr. Ripley“ (1999) von dessen Firma Miramax produziert beziehungsweise verliehen –, kann man „The Last Duel“ fast als reumütiges Entschuldigungsschreiben der beiden Hollywood-Stars interpretieren. Vielleicht haben sie sich zur Buße deshalb auch solche schrägen – wenn auch historisch wohl korrekten – Frisuren für ihre Figuren auferlegt.

Ridley Scott und die Frauen

Betrachtet man die Filmografie von Ridley Scott sind solche selbstbewussten Frauenfiguren, die in typische Männerrollen schlüpfen oder sich gegen Männer behaupten, nicht ungewöhnlich: Die schon erwähnte Ellen Ripley gilt nicht umsonst als eine der ersten weiblichen Actionheldinnen der Filmgeschichte. Im gefloppten „Die Akte Jane“ (1997) will Demi Moore als Soldatin als erste Frau bei den US Navy SEALs aufgenommen werden – hartes Ausbildungsprogramm und Glatze inklusive. Dann ist da natürlich das Roadmovie „Thelma & Louise“ (1991) mit Susan Sarandon und Geena Davis, die sich als Freundinnen gegen die Unterdrückung durch die Männerwelt auflehnen. Zudem startet am 25. November Scotts „House of Gucci“ in den Kinos, in welchem Lady Gaga als Patrizia Reggiani das Modehaus Gucci zum Wanken bringt.

Gott soll sie richten!

In diese Riege passt Marguerite de Carroughes bestens hinein, hervorragend verkörpert von Jodie Comer, die dank ihrer Leistung in der grandiosen schwarzhumorigen Thrillerserie „Killing Eve“ nun den Sprung nach Hollywood geschafft hat, zuletzt in „Free Guy“ (2021). Auch Ridley Scott setzt erneut auf das Talent der Britin und besetzte sie neben Joaquin Phoenix in seinem kommenden Napoleon-Biopic „Kitbag“. Die Dreharbeiten sollen Anfang 2022 beginnen. Ach, ja. Danach will der aktuell 83-jährige Ridley Scott wirklich noch „Gladiator 2“ drehen, wie er in einem Interview bekräftigte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ben Affleck, Matt Damon, Adam Driver, Zeljko Ivanek und Michael McElhatton unter Schauspieler.

Das Duell auf Leben und Tod beginnt

Länge: 152 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Last Duel
USA/GB 2021
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Matt Damon, Ben Affleck, Nicole Holofcener
Besetzung: Matt Damon, Ben Affleck, Jodie Comer, Adam Driver, Harriet Walter, Alex Lawther, Zeljko Ivanek, Michael McElhatton, Marton Csokas, Nathaniel Parker, Serena Kennedy
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Filmplakat & Trailer: © 2021 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany,
Fotos: © 2021 20th Century Studios, Fotos 1, 3 & 4: Patrick Redmond, Foto 2: Jessica Forde

 

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James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben: Heldenerlösung

No Time to Die

Kinostart: 30. September 2021

Von Florian Schneider

Agenten-Abenteuer // Zum Kinostart von „James Bond 007 – Spectre“ hatte ich 2015 geschrieben: „Da ist er nun also, der voraussichtlich letzte Bond-Film mit Daniel Craig. Warum es meiner Meinung nach sogar mit Sicherheit sein letzter sein wird, sollte am Ende dieses Textes klar geworden sein.“

Die Liebe zur schönen Madeleine trägt tragische Züge

Tja, ich habe mich geirrt, auch wenn es beinahe sechs Jahre gedauert hat, bis sich mein Irrtum im Kino offenbarte. Trotzdem freue ich mich, denn „Keine Zeit zu sterben“ ist zum Glück rundum gelungen und reiht sich nahtlos in die beinahe makellose Reihe (mit Ausnahme des blutleeren zweiten Teils „Ein Quantum Trost“) mit Daniel Craig als Doppelnull-Agent ein. Doch wie kam es 2015 zu meiner kühnen Behauptung und warum ist die erfolgte Widerlegung in meinen Augen so gelungen? Die Antwort liegt tatsächlich in der Hauptfigur selbst begründet und eben nicht in der narrativen und strukturellen Form der bisherigen Quadrologie. Denn wo die ersten vier Filme mit Daniel Craig einen Genre-immanten Bogen spannen konnten zwischen einer klassischen bis hin zu einer postmodernen (und damit abschließenden) Erzählweise, fokussiert sich „Keine Zeit zu sterben“ auf die Entwicklung des Helden selbst. Seine Befreiung aus dem repetitiven Narrativ des unbesiegbaren Helden, der sich Film für Film den wechselnden Bösewichten stellt und dabei ein Bond-Girl nach dem anderen vernascht, ohne nachhaltig Glück, Zufriedenheit und vor allem Erlösung zu finden, ist zentrales Element des letzten Teils der damit zur Pentalogie erweiterten Reihe.

Der Ruhestand ist nicht von Dauer

Um seine innere Entwicklung zu einem würdigen Abschluss zu bringen, muss Bond (Daniel Craig) erst einmal aus dem Ruhestand zurückkehren. Nach den Ereignissen in „Spectre“ hat Bond den Dienst quittiert und eine Beziehung mit der Französin Madeleine Swann (Léa Seydoux) begonnen. Mit dem legendären silbernen Aston Martin DB5 (dem berühmtesten Bond-Auto, das seinen ersten Auftritt 1964 in „Goldfinger“ hatte) reisen die beiden durch Italien. Die Liebe ist groß und unter den Klängen des Bond-Klassikers „ We Have All the Time in the World “ blicken die beiden Liebenden einer rosigen Zukunft entgegen.

Wilde Hatz im Aston Martin

Doch für das perfekte Glück müssen sie sich einander öffnen und ihre tiefsten Geheimnisse offenbaren. Bond leidet immer noch unter dem Verlust seiner großen Liebe Vesper Lynd (siehe „Casino Royale“) und Madeleines Vergangenheit birgt eine Verbindung sowohl zur verbrecherischen Geheimorganisation Spectre als auch zu dem mysteriösen Lyutsifer Safin (Rami Malek), der vorerst nur als Erzfeind von Spectre in Erscheinung tritt. Als Bond sich allein zum Grab von Vesper begibt, um Abschied zu nehmen und ins Reine zu kommen, tappt er in eine Falle von Spectre-Anführer Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz), seiner beim MI-5 inhaftierten Nemesis. Bond und Madeleine entkommen nur knapp dem Tod, doch Bond fühlt sich verraten und verlässt Madeleine.

James Bond hat sich scheinbar endgültig zur Ruhe gesetzt

Fünf Jahre später kreuzen sich allerdings die Wege des Ex-Agenten und der Schönheit erneut und eine klassische Bond-Story beginnt. Bei dieser geht es natürlich um nichts weniger als um die Rettung der Welt. Sowohl der MI-5 mit seinem Leiter M (Ralph Fiennes), Blofeld mit Spectre, Lyutsifer Safin als auch die CIA unter Felix Leiter (Jeffrey Wright) jagen einer Superwaffe namens „Herkules“ nach und halten Bond und seine Nachfolgerin beim MI-5 (Lashana Lynch) ordentlich auf Trab. Mit von der Partie ist auch der Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencik), der mit seiner Amoralität und seinem Doppelspiel wie ein postmodernes Zitat des Programmierers Boris Grishenko (Alan Cumming) aus „GoldenEye“ wirkt.

Doch der Geheimdienst Ihrer Majestät in Gestalt von M (l.) beordert den Helden wieder in den aktiven Dienst

Doch der neue Bond ist kein Vertreter der Postmoderne, sondern vielmehr klassische Tragödie, bei der die Auseinandersetzung mit den inneren Dämonen und den äußeren Widersachern in eine Katharsis mündet, die schließlich dem Helden die Hoffnung auf Reinigung und Erlösung bringt.

Zitate von Aston Martin bis hin zu aller Zeit der Welt

Die Zitierfreude allerdings, die man bereits beim Vorgänger erleben durfte und die ein Charakteristika seiner Postmodernität ist, tritt auch bei „James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“ zu Tage. Neben dem erwähnten Bond-Song und mehreren Aston-Martin-Modellen erleben wir beispielsweise mit Lyutsifer Safin einen Protagonisten, der wie eine Mischung aus Dr. No und Zao (Rick Yune aus „Stirb an einem anderen Tag“) wirkt und auch das Finale des Films in einer alten Militäranlage auf einer verlassenen Insel im Pazifik lässt die Erinnerung an „James Bond jagt Dr. No“ aufleben, das erste Bond-Abenteuer aus dem Jahr 1962. Es schließt sich also in vielerlei Hinsicht der narrative Kreis der langlebigen Erfolgsreihe.

007 in seinem Element

Apropos Bond-Song: Der Einsatz der Melodie von „We Have All the Time in the World“ ist das vielleicht stärkste Zitat aus dem Bond-Kosmos. Geschrieben von John Barry und Hal David und gesungen von Louis Armstrong kam er in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ als Liebeslied zu Ruhm und Ehren. Es ist nicht nur der einzige Film der Reihe mit George Lazenby als 007, sondern auch derjenige, bei dem James Bond heiratet, nur um am Ende durch ein Attentat Blofelds sogleich zum Witwer zu werden. Damit gibt der Song das eigentliche Thema des nun aber wirklich letzten Bonds mit Daniel Craig in der Hauptrolle unüberhörbar vor: die Liebe!

Auch 007 (sic!)

Nun aber genug verraten, den „James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“ sollte auf jeden Fall mit einer gewissen Ahnungslosigkeit hinsichtlich der Handlung genossen werden, sonst droht der The-Sixth-Sense-Effekt und das wäre wirklich bedauerlich.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ana de Armas, Naomie Harris und Léa Seydoux haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Daniel Craig, Ralph Fiennes, Rami Malek, Christoph Waltz und Ben Whishaw unter Schauspieler.

Auch Erzfeind Blofeld ist noch aktiv

Länge: 163 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: No Time To Die
GB/USA 2021
Regie: Cary Joji Fukunaga
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade, Cary Joji Fukunaga, Phoebe Waller-Bridge
Besetzung: Daniel Craig, Ana de Armas, Christoph Waltz, Rami Malek, Léa Seydoux, Ralph Fiennes, Ben Whishaw, Naomie Harris, Lashana Lynch, Jeffrey Wright, Billy Magnussen, Rory Kinnear
Verleih: Universal Pictures International Germany

Copyright 2021 by Florian Schneider

Filmplakat & Trailer: © 2021 Universal Studios. All rights reserved.
Szenenfotos: © 2021 DanjaQ, LLC and MGM. All rights reserved. Foto-Credit: Nicola Dove

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2021/09/30 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Das Haus – Wenn das Eigenheim zu smart wird

Das Haus

Kinostart: 7. Oktober 2021 (am 2. Oktober auch auf dem Filmfest Hamburg)

Von Volker Schönenberger

SF-Politthriller // Ganz schön smart! Das titelgebende Haus des Thrillers geht schon als Villa durch und ist vollständig vernetzt und automatisiert. Nähern sich seine Bewohner, die Eheleute Johann (Tobias Moretti) und Lucia Hellström (Valery Tscheplanowa), setzt es sich in Gang und bereitet alles vor. Türen gehen selbsttätig auf, die Saugroboter haben ihre Arbeit bereits erledigt, die Überwachungsanlagen laufen, alles funktioniert über Sprachsteuerung. Beim Duschen muss man gelegentlich etwas nachjustieren: Wärmer! Wärmer!

Johann Hellström verliert seinen Job

Auf einer kleinen Insel gelegen, lässt sich das Haus nur per Wassertaxi erreichen. Die Versorgung erfolgt über einen Kurierdienst, der seine Bestellungen bisweilen direkt vom Kühlschrank erhält. Das hier ist der sicherste Ort der Welt. So äußert es Lucia Hellström, die als Rechtsanwältin arbeitet. Wenn sie sich da mal nicht irrt. Johann Hellström ist Journalist (in einem Deutschland der nahen Zukunft, auch wenn die Insel nach schwedischer Schäre aussieht, wo auch gedreht wurde – die Redaktion liegt in Hamburg, wie gelegentlich zu erkennen ist). Mit seinem jüngsten großen Artikel ist er einigen Mächtigen auf die Füße getreten. Seine Arbeit wird öffentlich als Fälschung diskreditiert, er selbst erhält ein Berufsverbot auferlegt. Chefredakteur Joachim Paschke (Hans-Jochen Wagner) ist gezwungen, seine „Edelfeder“ Hellström zu entlassen. Die Wahl steht kurz bevor, und es steht zu befürchten, dass die rechtspopulistische Partei künftig allein regieren kann und das nutzen wird, Gesetze zur inneren Sicherheit weiter zu verschärfen und Bürgerrechte weiter einzuschränken. Lucia und Johann ziehen sich in ihr Haus zurück, das langsam ein Eigenleben zu entwickeln scheint.

Mal Politthriller, mal Science-Fiction, kaum mal beides

Mit Ausnahme einiger weniger Szenen in der Hamburger Redaktion spielt sich das gesamte Geschehen von „Das Haus“ im titelgebenden Gebäude und dessen nächster Umgebung ab. Das Haus ist stylish-modern eingerichtet, hat große Panorama-Fensterfronten, einen Keller, Pool, Sauna. Setdesign und Ausstattung fügen sich gut in die Story ein und tragen zur kühlen, nicht gerade farbenfrohen Atmosphäre des Films bei. Er erweist sich als Kombination aus Politthriller und Science-Fiction, doch leider gelingt es Regisseur Rick Ostermann („Wolfskinder“) nicht, diese beiden Elemente zu einer schlüssigen Einheit zu verbinden. Das ist umso bedauerlicher, als das Geschehen letztlich darauf hinausläuft, aber nicht ankommt, sodass ich als Zuschauer am Ende zwangsläufig unbefriedigt zurückblieb. Es reicht auch nicht für eine Aussage über Fluch und Segen moderner Kommunikationstechnik. Am Ende werden Motivation und Verhalten des Hauses offenbart, aber ich hätte die Szene fast als unbedeutend abgetan, habe sie noch einmal angeschaut und die Auflösung achselzuckend hingenommen.

Der Starjournalist und seine Ehefrau Lucia wollen zur Ruhe kommen

Hat das Haus ein eigenes Bewusstsein entwickelt? Oder wird es von jemandem gesteuert? Die Frage muss am Ende jeder für sich selbst beantworten. Einen visuellen Hinweis für die erste These bekommen wir mittels einer roten Lichtquelle geliefert, die mit der Filmgeschichte vertraute Zuschauer/innen für plump halten mögen, andere für versteckt: Die Leuchte erinnert sicher nicht zufällig an das Kameraauge von HAL 9000, dem Computer des Raumschiffs „Discovery“ in Stanley Kubricks epochalem Science-Fiction-Kunstwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968). Über das Agieren des Computers im Haus der Hellströms will ich nichts weiter ausführen, da das ein – wenn auch nicht allzu großer – Spoiler wäre. Es trägt jedenfalls zur Spannungskurve bei, gerät am Ende allerdings vorhersehbar. Unbesorgt erwähnen kann ich aber die als Terroristen gejagten Layla Kolter (Lisa Vicari) und Alexander Roesch (Max von der Groeben), die nach einiger Zeit auf der Suche nach einem Unterschlupf bei den Hellströms vor der Tür stehen.

Entwickelt das Haus ein Eigenleben?

„Das Haus“ skizziert eine politische Zukunft, in der rechtsgerichtete Strömungen in Deutschland die Oberhand gewonnen haben und die Gesellschaft manipulieren, um einen reaktionären Staat zu errichten. Mich als Linken holt das natürlich ab, aber das empfinde ich durchaus als problematisch. Es entsteht der Eindruck, „Das Haus“ richte sich an ein Publikum, die zumindest den politischen Bestandteilen des Films sowieso zustimmen. Da der Politthriller obendrein mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde und einige Monate nach der Kinoauswertung bei Arte und im Ersten ausgestrahlt werden soll, wird er Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten als einseitig und ihrerseits manipulativ angreifen. Ein übergeordneter Kritikpunkt, der den Regisseur Ostermann und die Prouzenten nicht stören muss. Wenn es nun mal auf ihrer Agenda stand, den Film als politische Stellungnahme einzusetzen, dann ist ihnen das gelungen. Ostermann hat im Übrigen auch vier Folgen der zweiten Staffel der deutschen Fernsehserie „Das Boot“ (seit 2018) inszeniert.

Nach einer Kurzgeschichte von Dirk Kurbjuweit

Die „Das Haus“ zugrundeliegende Vorlage des preisgekrönten Journalisten und Schriftstellers Dirk Kurbjuweit ist 2020 in der Kurzgeschichtensammlung „2029 – Geschichten von Morgen“ veröffentlicht worden. Das bringt uns Aufschluss darüber, dass die Handlung offenbar im Jahr 2029 spielt. Eine weitere Erzählung aus dem Buch hat Sebastian Marka mit „Exit“ bereits 2020 fürs Fernsehen verfilmt.

Johann hat eine im Haus versteckte Maschinenpistole entdeckt

„Das Haus“ ist ein durchdacht inszenierter SF-Politthriller, der zu fesseln vermag, aber das große Problem hat, am Ende Science-Fiction und politisches Geschehen nicht vereint zu haben. Mit ganz viel gutem Willen kann man es als Metapher aufs politische Geschehen interpretieren, dass das Haus selbst in der Lage zu sein scheint, seine Bewohnerin Lucia und seinen Bewohner Johann zu manipulieren, aber das empfinde ich als arg konstruiert. Das Eigenleben des Hauses gibt auch Anlass zu Kritik an der Logik des Verhaltens der Eheleute: Wenn sie unmittelbar fürchten müssen, von der künstlichen Intelligenz aus- oder gar eingesperrt zu werden, wäre es hilfreich, dies zu verhindern. Eine Bank in die Öffnung der Terrassentür, eine Kiste auf die Haustürschwelle – man sollte denken, dass kluge Leute auf diesen Gedanken kommen. Fehlanzeige. Sie sind eben nicht smart genug, was sich ebenso über „Das Haus“ sagen lässt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tobias Moretti haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Welche Ziele verfolgen Alexander und Layla?

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Das Haus
D 2021
Regie: Rick Ostermann
Drehbuch: Patrick Brunken, Rick Ostermann, nach einer Kurzgeschichte von Dirk Kurbjuweit
Besetzung: Tobias Moretti, Valery Tscheplanowa, Lisa Vicari, Max von der Groeben, Hans-Jochen Wagner, Samir Fuchs, Daniel Krauss, Alexander Wipprecht, Verena Vorjohann
Verleih: notsold GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2021 notsold GmbH
Foto-Credits: Andreas Schlieter, Stefan Ciupek

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2021/09/21 in Film, Kino, Rezensionen

 

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