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Archiv der Kategorie: Kino

Horror für Halloween (XVII): Halloween Ends – Das letzte Gefecht?

Halloween Ends

Kinostart: 13. Oktober 2022

Von Andreas Eckenfels

Horror // Ich, Jamie Lee Curtis, Königin des Schreckens, Tochter von Janet Leigh und Tony Curtis, Mutter von Lindsay Lohan, schwöre hiermit unter Androhung von Meineid, dass Halloween Ends (2022) der letzte Halloween-Film sein wird, in dem ich jemals auftreten werde.

44 Jahre nach ihrem Kinodebüt in John Carpenters „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978), in welchem sie als Laurie Strode zu einer der ersten Scream Queens der Filmgeschichte zur Ikone aufstieg, unterzeichnete Jamie Lee Curtis in der Jimmy Kimmel Show diese nicht ganz ernst gemeinte Absichtserklärung – auch ohne ihren Anwalt zu konsultieren.

Laurie Strode hat ihr altes Leben hinter sich gelassen

Mit dem dritten Teil der von Regisseur David Gordon Green inszenierten neuen Trilogie will sich Curtis von ihrer Filmfigur endgültig verabschieden. Vorher muss sie als Laurie Strode aber das letzte Gefecht gegen ihren Erzfeind Michael Myers ausfechten, auf das Fans seit „Halloween“ (2018) und „Halloween Kills“ (2021) sehnsüchtig gewartet haben. Wer wird das vermeintlich finale Aufeinandertreffen für sich entscheiden? Die Überlebensexpertin oder das ultimative Böse?

Trügerische Idylle in Haddonfield

Vier Jahre nach den schrecklichen Ereignissen der Halloween-Nacht, in der Michael Myers erneut sein blutiges Unwesen trieb, ist im Leben von Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) überraschend so etwas wie Ruhe und Frieden eingekehrt. Sie wohnt gemeinsam mit ihrer Enkelin Allyson (Andi Matichak) in einem neuen Haus in Haddonfield und arbeitet an einem Buch, in dem sie ihre Erlebnisse verarbeitet. Von Michael Myers fehlt seit jener Nacht jede Spur. Ihre Angst vor dem maskierten Serienkiller, die sie jahrzehntelang begleitete, ist offenbar einer neuen Zuversicht gewichen, endlich ihr altes Leben hinter sich zu lassen.

Auch äußerlich macht Laurie eine bessere Figur als noch in der Vergangenheit. Ihre neue Frisur bemerkt Officer Frank Hawkins (Will Patton), den sie zufällig im Supermarkt trifft und mit dem sie einige freundliche Worte austauscht. Als sie an einer Tankstelle dem Außenseiter Corey Cunningham (Rohan Campbell) zu Hilfe eilt, der von einigen Halbstarken drangsaliert wird, kommt ihr die Idee, ihn mit Allyson zu verkuppeln. Der Plan gelingt: Auf einer Kostümparty in einer Bar kommen Allyson und Corey einander näher. Doch niemand ahnt, dass in dem schüchternen jungen Mann eine dunkle Macht schlummert.

Neue Figur macht unnötige Probleme

Nach einem stimmungsvollen und schockierenden Prolog (inklusive einer kleinen Hommage an John Carpenter), in dem die Zuschauer und Zuschauerinnen den tragischen Vorfall aus Coreys Vergangenheit erfahren, weshalb er von Haddonfields Einwohnern größtenteils wie Dreck behandelt, wird sowie einem kurzen „Was bisher geschah“-Zusammenschnitt präsentiert „Halloween Ends“ eine trügerische Idylle. Laurie und Allyson versuchen so gut es geht, ein nahezu normales und glückliches Leben ohne großen Groll zu führen, auch wenn besonders Laurie immer wieder daran erinnert wird, dass sie mitverantwortlich für all das Leid ist, dass die Stadt ertragen musste. Wunden können heilen, aber Narben bleiben überall zurück.

Corey ist ein Außenseiter in Haddonfield

Neben einigen wiederkehrenden Charakteren wird Corey als neue Figur in der „Halloween“-Trilogie von David Gordon Green präsentiert – und der Regisseur und die übrigen Autoren haben sich dafür entschieden, dem eigentlich freundlichen, aber leicht gestörten 21-Jährigen die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Fortan begleiten wir Rohan Campbell als Corey auf seinem dunklen Pfad, den ganzen Hass, der ihm entgegengeschlagen ist, in Wut umzuwandeln und blutige Taten folgen zu lassen. Aus dem angedachten Horrorschocker wird somit zunächst ein düsteres Psychodrama, das einen Großteil der Laufzeit einnimmt und in dem zu allem Überfluss Laurie, Allyson und auch Michael Myers nahezu zu Nebenfiguren degradiert werden.

Es handelt sich um einen radikalen erzählerischen Bruch mit den Regeln des Slasherfilms, dem man erst einmal schlucken muss. Natürlich verstehe ich Greens Intention, zu zeigen, dass das Böse unterschiedliche Formen annehmen kann. Aber wenn er seine „Halloween“-Vision vorab konzipiert hat, wovon bei so einem großen Projekt auszugehen ist, warum hat er nicht einfach in den zwei vorigen Teilen Corey mal aufkreuzen lassen, damit er dem Publikum wenigstens schon bekannt ist? Hätte es nicht einer komplett anderen Geschichte benötigt, die eben von einem Außenseiter handelt, der langsam zum Killer heranreift, statt diese Wandlung am Ende der aktuellen Trilogie zu beleuchten? Oder einfacher ausgedrückt: Warum soll ich mich für eine komplett neue Figur interessieren, wenn ich doch den Showdown zwischen Laurie und Michael Myers herbeisehne?

Schau mir in die Augen, Michael!

Apropos Michael Myers: Früh im Film kommt es zum ersten zufälligen Aufeinandertreffen zwischen ihm und Corey. Offenbar haben dem Killer die Wunden schwer zugesetzt, die ihm der Lynchmob in „Halloween Kills“ zugefügt hat: Michael Myers ist sichtlich geschwächt. Was er in den vergangenen vier Jahren getan hat, bleibt ein Mysterium, das nicht aufgeklärt wird. Hat er gemordet? Von was hat er sich ernährt? Hat er das Verstecken hinter Büschen und Bäumen geübt? Jedenfalls verschont er überraschenderweise Corey, nachdem er ihm tief in die dunklen Augen geschaut hat. Der Maskenmann scheint dabei eine tiefe Verbindung zu dem gepeinigten jungen Mann aufzubauen und das in Corey schlummernde böse Potenzial in irgendeiner Weise zu spüren. Oder rein spekulativ: Ist es eine übernatürliche Kraft, die er mit seinem Blick nun auf Corey übertragen hat? Vielleicht hat Michael Myers mit dieser Fähigkeit auch die Schüsse, Stiche und Hiebe nach seinem Amoklauf in „Halloween Kills“ überlebt? Was er im zweiten Teil ausgehalten hat, war ja übermenschlich.

Michael Myers dient fortan mehr als ein Mentor für Corey, der ihn bei seinen Morden unterstützt. Die meisten Taten werden durch Corey ausgeführt – auch eine Enttäuschung für Fans. Als Opfer sucht er sich dabei bevorzugt Menschen aus, die ihn drangsaliert oder ungerecht behandelt haben. Die Tötungsszenen sind auf gewohnt hohem Niveau – besonders den Radio-DJ trifft es hart –, aber den hohen Body Count von „Halloween Kills“ darf man diesmal nicht erwarten. Allerdings kümmert es diesmal auch nicht groß, wer das Zeitliche segnet, da die Ermordeten zum Großteil sowieso Unsympathen waren.

Fragwürdige Liebesbeziehung

Mit der erwähnten „Kraft“ wäre es auch zu erklären, dass Corey es überhaupt schafft, dass sich Allyson in ihn verliebt. Vielleicht wurde sie von ihm wie ein Vampir in Trance versetzt? Anders ist diese fragwürdige Liaison nicht zu erklären. Allyson geht von Anfang an bei ihren Avancen in die Offensive, obwohl die Krankenschwester (eine kleine Anspielung an „Halloween 2 – Das Grauen kehrt zurück“?) schon durch seine Wutausbrüche zeitig erkennen müsste, dass Corey eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde verkörpert. Klar stoßen hier zwei verwandte Seelen aufeinander, die beide viel erleiden mussten. Aber auch andere Menschen haben in Haddonfield geliebte Familienmitglieder verloren und Grausames erlebt. Fast die ganze Stadt ist durch Michael Myers traumatisiert. Da muss sie sich ausgerechnet in diesen Typen Hals über Kopf verlieben?

Verwandte Seelen: Allyson verliebt sich in Corey

Die Liebesgeschichte wirkt nicht gerade überzeugend, dient aber erzählerisch dazu, dass Allyson mit ihrer geliebten Großmutter bricht. Laurie erkennt bald, dass Corey nicht der bedauernswerte nette Kerl ist, den sie vor ein paar Jugendlichen schützen musste. Wie ein trotziger Teenager will Allyson von ihren Befürchtungen nichts wissen und plant nun doch, Haddonfield zu verlassen – was sie zu Beginn des Films noch komplett abgelehnt hatte. Ein schwerer Schlag für Laurie.

Durchwachsene Halloween-Stimmung

Die Filmmusik von John Carpenter sorgt wie immer für angenehmen Schauer, aber auch wenn die Handlung wenige Tage vor und am 31. Oktober 2022 stattfindet, kommt diesmal kaum Halloween-Stimmung auf. Zwar gibt es einige hübsche Kürbisköpfe zu bestaunen, aber die herbstliche Atmosphäre, die sonst unheilvoll mit dem heruntergefallenen Laub durch die Straßen von Haddonfield weht, wird diesmal nur sehr dezent eingesetzt.

Und nach dem recht langen Dramaabschnitt, in dem Rohan Campbell mit seinem griesgrämig aufgesetzten Gesichtsausdruck ein wenig an Hayden Christensen als Anakin Skywalker erinnert, und der unglaubwürdigen Lovestory kommt es nach einem kleinen Storytwist dann doch endlich zum großen Finale zwischen Laurie Strode und Michael Myers.

Laurie Strode vs. Michael Myers

Es gab schon einige Duelle zwischen Heldin und Antagonist: Nicht nur im Original-„Halloween“, bei dem man am Ende ein Unentschieden konstatieren kann, auch in „Halloween 2 – Das Grauen kehrt zurück“ (1981), „Halloween H20“ (1998), „Halloween – Resurrection“ (2002) und „Halloween“ (2018) trafen beide schon einmal mit unterschiedlichem Ausgang aufeinander.

Michael Myers ist zurück

Wie der Showdown diesmal ausgeht, wird natürlich nicht verraten. Nur so viel: Das fortgeschrittene Alter von Laurie Strode und Michael Myers wird durchaus in dem harten und kompromisslosen, wenn auch etwas kurzen Kampf eingebaut. Beide verfügen eben nicht mehr über die Kräfte und Reflexe, die sie noch vor 44 Jahren hatten.

Wann geht’s weiter?

Im Finale seines finalen Teils liefert David Gordon Green also dann wenigstens doch noch zufriedenstellend ab. „Halloween Ends“ kann dies aber auch nicht mehr großartig retten. Der Versuch, die Story ungewohnten Mustern folgen zu lassen, ist zwar aller Ehren wert, hätte aber besser in einem eigenständigen Film oder einem erneuten Reboot reingepasst und nicht innerhalb der Strode-Zeitlinie. Green hat mit seiner Trilogie zuvor großen Fanservice abgeliefert, da wirkt dieser Bruch völlig fehl am Platz. Ein enttäuschendes Ende.

Es ist davon auszugehen, dass Michael Myers wie jede Horrorikone wieder auf die Leinwand zurückkehren wird – mit oder ohne Laurie Strode, die dann wahrscheinlich wirklich nicht mehr von der mittlerweile 63-jährigen Jamie Lee Curtis verkörpert werden wird, die in allen Teilen mit voller Leidenschaft bei der Sache war. Man soll aber gerade im Horrorgenre niemals nie sagen. Das Franchise wird natürlich weiter gemolken werden. In sechs Jahren steht schließlich der 50. Geburtstag von Carpenters Klassiker an. Und wir Horrorfreunde werden einem nächsten und übernächsten Teil erneut entgegenfiebern.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Carpenter sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet – auch Produktionsbeteiligungen. Filme mit Jamie Lee Curtis haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Kampf auf Leben und Tod

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: Halloween Ends
USA 2022
Regie: David Gordon Green
Drehbuch: David Gordon Green, Danny McBride, Paul Brad Logan, Chris Bernier
Besetzung: Jamie Lee Curtis, Kyle Richards, Andi Matichak, Will Patton,Rohan Campbell, Candice Rose, Destiny Mone, Keraun Harris, Joey Harris, Jaxon Goldenberg, Marteen
Verleih: Universal Pictures Germany

Copyright 2022 by Andreas Eckenfels
Filmplakate & Szenenfotos: © 2022 Universal Pictures Germany

 

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Horror für Halloween (XV): Bodies Bodies Bodies – Mörderspiel im Auge des Hurrikans

Bodies Bodies Bodies

Kinostart: 27. Oktober 2022

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Nehmt das, Diversitäts-Verächter! Da beginnt „Bodies Bodies Bodies“ doch tatsächlich mit zwei miteinander knutschenden jungen Frauen, von denen eine auch noch dunkelhäutig ist. Shocking! Die beiden, das sind Sophie (Amandla Stenberg) aus gutem – um nicht zu sagen reichem – Hause und Bee (Maria Bakalova), ihres Zeichens aus Osteuropa stammende Studentin. Seit sechs Wochen ein Paar, befinden sie sich auf dem Weg zu Sophies bestem Freund David (Pete Davidson). Der hat im hochherrschaftlichen Anwesen seiner Eltern sturmfreie Bude und nutzt das für eine „Hurrikan-Party“. In der abgelegenen Gegend hat sich ein schwerer Wirbelsturm angekündigt, den die jungen Leute für ein gemütliches bis ausgelassenes Zusammensein nutzen wollen (die genaue Lage wird nicht erwähnt oder ist mir entgangen, es wird in einem Bundesstaat an der US-Ostküste sein).

Frisch verliebt: Sophie (l.) und Bee

Als das frisch verliebte Paar eintrifft, sind alle anderen Gäste bereits anwesend: Davids Freundin Emma (Chase Sui Wonders), ihres Zeichens Schauspielerin, die Podcasterin Alice (Rachel Sennott) mit ihrem neuen Freund Greg (Lee Pace), dem deutlich Ältesten in der Runde, und Jordan (Myha’la Herrold). Mit dem ebenfalls geladenen Max (Conner O’Malley) hatte sich David kurz zuvor eine Rangelei geliefert, woraufhin Max das Weite suchte. Ohnehin erscheint die Herzlichkeit der Runde recht oberflächlich, Bee fallen ein paar Misstöne auf.

Der Wirbelsturm naht

Mit den ersten Regentropfen zieht der Hurrikan auf. Die kleine Gesellschaft trinkt, tanzt, etwas Kokain ist auch im Spiel – und man beschließt nach einer Weile, „Bodies Bodies Bodies“ zu spielen, ein „Mord im Dunkeln“-Partyspiel. Nicht alle sind von der Idee angetan, da es bei vorherigen Gelegenheiten zuverlässig zu Streit geführt habe. Aber es sei! Flugs wird das Haus verdunkelt, die Opfer verbergen sich und der/die per verdecktem Losentscheid als „Mörder“ auserkorene Teilnehmer/in macht sich auf die Suche nach einem Opfer. Und während draußen der Wirbelsturm Fahrt aufnimmt, kommt es alsbald zum prognostizierten Streit. Und wenig später zu einem echten Toten …

Mit scharfem Säbel köpft Greg eine Schampusflasche

Von den angemeldeten Nutzern der Internet Movie Database haben mehr als 20.000 Personen die Durchschnittswertung 6,3 vergeben, bei Rotten Tomatoes hat „Bodies Bodies Bodies“ bei der Publikumswertung „Audience Score“ einen Wert von 69 Prozent erreicht, bei der Kritikerwertung „Tomatometer“ sogar 86 Prozent (Stand Oktober 2022). Durchaus respektable Zahlen also. Dies sei erwähnt, um zu belegen, dass die Mischung aus Murder Mystery / Whodunit und Beziehungsdrama (um nicht „Seifenoper“ zu schreiben) offenbar bei gar nicht so wenigen Rezensentinnen und Rezensenten sowie Filmfans gut ankommt. Für mich gilt das allerdings nicht! Tatsächlich war ich während des Besuchs der Hamburger Pressevorführung von „Bodies Bodies Bodies“ wiederholt versucht, aufzustehen und zu gehen. Ich blieb letztlich sitzen, um zum einen den gesamten Film beurteilen zu können und mir zum anderen einen etwaigen Twist nicht entgehen zu lassen, der den Horrorthriller womöglich aufwertet. Es sei verraten: Es gibt ihn, aber als Aufwertung taugt er nicht.

Sympathie: Fehlanzeige

Die zuerst auftretenden Bee und Sophie sind an sich recht nett, sie dienen auch als Haupt- und damit Identifikationsfiguren. Ihr Identifikationspotenzial fällt aber – zumindest für mich – nicht unbedingt groß aus, und mit zunehmender Dauer schwindet es. Die anderen sind von vornherein sowieso nur leidlich sympathisch und je mehr die Fassade bröckelte, desto unsympathischer wurden sie mir.

David will es ihm nachtun

Der Hurrikan im Hintergrund hatte das Potenzial, als Metapher für die zunehmende Dramatik und Spannung des Geschehens zu fungieren, die Intensität der Ereignisse zu visualisieren und zu verstärken. Aber ihm kommt letztlich einzig die Funktion zu, das Anwesen von der Außenwelt abzuschotten und die Partygesellschaft im Haus oder zumindest auf dem Grundstück zu halten. Da sich fast alles im Innern des Gebäudes abspielt, bekommen wir von der Kraft des Wirbelsturms kaum etwas mit. Er verursacht beizeiten einen Stromausfall, was die für das „Bodies Bodies Bodies“-Spiel gewollt herbeigeführte Dunkelheit ungewollt fortsetzt (fortan sorgen Smartphone-Leuchten für Licht), er stört die Handynetze und zerstört ein Auto (was die Frage erlaubt, weshalb sich auf dem Gelände keine anderen Autos befinden), aber das war es dann auch schon.

Eine scharfsinnige Studie?

Vielleicht bin ich zu alt, um die Beziehungsgemengelage dieser jungen Leute samt ihrer Oberflächlichkeit und letztlich auch Unehrlichkeit nachzuvollziehen. Lovia Gyarkye vom Hollywood Reporter beispielsweise schrieb im März 2022: The characters might be easy to hate because of the superficial ways they project their anxieties, but that doesn’t make what fundamentally troubles them any less real. – Die Charaktere mögen es einem aufgrund der Oberflächlichkeit, mit dem sie ihre Ängste projizieren, einfach machen, sie zu verabscheuen, das macht das, was sie tief besorgt, aber nicht weniger real. Die Rezensentin erkannte sogar eine shrewd study of root-bound friendships, hyper-individualism and betrayal in the digital age. – eine scharfsinnige Studie über tief verwurzelte Freundschaften, überdrehten Individualismus und Betrug im digitalen Zeitalter. Das mag sie so sehen, und ich will da gar nicht widersprechen. Aber es ist eben alles so uninteressant, was die jungen Menschen bei der Hurrikan-Party fühlen und durchmachen. Dass der Lack irgendwann ab ist, macht sie nicht interessanter.

Kein Spektakel für Gorehounds

„Bodies Bodies Bodies“ wird allgemein als Horrorthriller mit komödiantischen oder zumindest satirischen Elementen angesehen und vermarktet. Das trifft es auch einigermaßen, wobei die Horrorelemente hartgesottene Slasherfilm-Konsumenten nicht hinter dem Ofen hervorlocken werden. Es bleibt nicht bei dem ersten Todesopfer, doch dieses erste bleibt das einzige, bei dem der Täter oder die Täterin nicht von vornherein bekannt ist. Die übrigen Todesfälle sind somit kein Teil der „Murder Mystery“. Die Auflösung am Ende hängt natürlich mit dem Tod des ersten Opfers zusammen, das kann ich wohl verraten, ohne mir Spoilervorwürfe einzuhandeln. Sie fällt aber arg konstruiert aus, und dass es überhaupt möglich ist, mehr über den Tod zu erfahren, ist eine zusätzliche Konstruktion, die zwar denkbar ist, mich aber nicht überzeugt hat. Ein zügig aufkeimender Verdacht immerhin stellt sich als falsch heraus.

Erste US-Regiearbeit der Niederländerin Halina Reijn

Die 1975 im niederländischen Amsterdam geborene Regisseurin Halina Reijn hat sich bislang hauptsächlich als Schauspielerin einen Namen gemacht. So wirkte sie 2006 in Paul Verhoevens Kriegsdrama „Black Book“ und 2008 in Bryan Singers „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ mit. Bei der Berlinale 2007 wurde sie von der European Film Promotion als „EFP Shooting Star“ geehrt. Für ihre Rolle in der Fernsehserie „Red Light“ (2020–2021) erhielt sie beim Cannes International Series Festival 2020 mit anderen den Special Interpretation Prize und im selben Jahr beim Niederländischen Filmfestival in Utrecht das Goldene Kalb als beste Darstellerin. Reijns Regiedebüt „Instinct“ (2019) um eine Psychologin (Carice van Houten), die einem Sexualstraftäter verfällt, erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Variety Piazza Grande Award und den Swatch Art Peace Hotel Award – Special Mention beim Internationalen Filmfestival im schweizerischen Locarno sowie den Cineuropa Award und den Young Jury Prize beim Europäischen Filmfestival in Les Arcs in Frankreich.

Die Partystimmung …

Nach dem Kurzfilm „For the Birds“ (2021) markiert „Bodies Bodies Bodies“ Halina Reijns dritte Regiearbeit, die erste in den USA. Und das gleich für die Produktions- und Distributionsfirma A24, die uns solche außergewöhnlichen Werke wie „Swiss Army Man“ (2015), „The Witch” (2015), „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018), „Der Leuchtturm“ (2019), „Midsommar“ (2019) sowie jüngst „X“, „Everything Everywhere All at Once und „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ (alle 2022) in die Kinos gebracht hat. In diese illustre Schar reiht sich nun auch „Bodies Bodies Bodies“ ein, und ich wage die Prognose, dass Halina Reijns erste US-Regiearbeit keinen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen wird wie die genannten A24-Werke. Wer mit dem eklatanten Mangel an Sympathieträgern kein Problem hat, wird vielleicht zu einem weniger harschen Urteil kommen, aber Halina Reijn hat mit „Bodies Bodies Bodies“ keine Visitenkarte als heiße neue Horror- oder Thriller-Regisseurin abgegeben.

… weicht bald panischer Angst

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK noch nicht bekannt
Originaltitel: Bodies Bodies Bodies
USA 2022
Regie: Halina Reijn
Drehbuch: Sarah deLappe
Besetzung: Amandla Stenberg, Maria Bakalova, Rachel Sennott, Chase Sui Wonders, Pete Davidson, Myha’la Herrold, Lee Pace, Conner O’Malley
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2022 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

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Horror für Halloween (III): Smile – Siehst du es auch? Na klar!

Smile

Kinostart: 29. September 2022

Von Volker Schönenberger

Horror // Die Psychotherapeutin Dr. Rose Cotter (Sosie Bacon) bekommt eine neue Patientin zugeteilt. Die verstörte Laura Weaver (Caitlin Stasey) hat panische Angst vor einer Bedrohung, die ihr zufolge nur sie sehen kann (das titelgebende Lächeln spielt dabei eine bedeutende Rolle). Kurz darauf ist Laura tot, und fortan wird Rose von einer so unerklärlichen wie beängstigenden Präsenz heimgesucht.

Die Psychotherapeutin Dr. Rose Cotter muss Schreckliches mitansehen

Wer mit Horrorfilmen um dämonische Manifestationen und/oder Besessenheiten vertraut ist, wird mit dem Geschehen in „Smile – Siehst du es auch?“ keine Überraschungen erleben. Zu konventionell und in vorhersehbaren Bahnen verläuft die Handlung – das aber immerhin mit sicherer Hand inszeniert. Der Film steht in der Tradition von Werken wie „It Follows“ (2014), „Dämon – Trau keiner Seele“ (1998) mit Denzel Washington und „Der Horla – Tagebuch eines Mörders“ (1963) mit Vincent Price.

Streaming-Produktion bekommt Kinostart

Von Anfang an wird deutlich, dass das, was Laura erzählt, den Tatsachen entspricht. Fortan geht es um die Frage, ob Rose in der Lage ist, ihr unabwendbar erscheinendes Schicksal zu ändern und sich zu retten. Dabei bleiben glücklicherweise einige Aspekte und Details lange genug offen, sodass der Horrorfilm auch für besagtes Publikum mit Erfahrung interessant genug ausfällt, um es bei der Stange zu halten. Paramount hatte „Smile“ ursprünglich für den hauseigenen Streamingkanal Paramount+ produziert. Die Reaktionen nach den Testvorführungen fielen aber so positiv aus, dass das Studio den Film nun sogar in die Kinos bringt. Zu Recht!

Der Kriminalbeamte Joel sorgt sich um seine Ex-Freundin

Regisseur Parker Finn schrieb das Drehbuch zu seinem Langfilmdebüt nach der Vorlage seines Kurzfilms „Laura Hasn’t Slept“ (2020). Versiert und mit wenigen Pinselstrichen charakterisiert er die Protagonistin Rose, über die wir schnell genug wissen, sodass wir ihr auf ihrem Weg folgen können und wollen. Dass sie ein Kindheitstrauma mit sich herumträgt, macht bereits die erste Szene deutlich – es bleibt nicht selbstzweckhaft, sondern bekommt im späteren Verlauf seine Bedeutung. Rose vergräbt sich in ihre Arbeit, ihre Erinnerungen mögen sogar der Grund sein, weshalb sie eine Laufbahn als Psychotherapeutin eingeschlagen hat. Des Abends stürzt sie den entspannenden Schluck Wein etwas zu schnell herunter, was ein zumindest beginnendes Alkoholproblem andeutet.

Auf den Ex-Freund ist Verlass

Mit ihrem gutaussehenden und beruflich erfolgreichen Verlobten Trevor (Jessie T. Usher) bewohnt sie ein Haus, das Wohlstand ausstrahlt. Kurz nach dem Auftaktereignis mit ihrer Patientin Laura trifft Rose zudem auf ihren Ex-Freund Joel (Kyle Gallner), einen Kriminalbeamten, auf den sie sich in der Folge verlassen kann. All das skizziert der Regisseur sauber, kann sich dabei auf seine Hauptdarstellerin Sosie Bacon verlassen. Die Tochter von Kevin Bacon und Kyra Sedgwick vermittelt glaubhaft ihre Angst und Verletztlichkeit. Der Story fehlen stilistische oder narrative Brüche, die etwas Eigenständigkeit gebracht hätten. Das mag Finns mangelnder Erfahrung als Filmemacher geschuldet sein. Aber er kann auf „Smile“ aufbauen und bei kommenden Arbeiten etwas mehr Mut zeigen, vielleicht einen Schritt weiter gehen als andere vor ihm.

Kann Rose ihrem Schicksal entrinnen?

Der eine oder andere Kritikpunkt sei genannt: Wer keine Jump-Scares mag (so wie ich), wird ein paar Mal vielleicht mit den Augen rollen. Es sind nicht allzu viele, und sie kündigen sich an. Lautstärke für den Schockmoment bleibt ein Taschenspielertrick. Klar ist natürlich, dass jemandem, der verängstigt von einer übernatürlichen Bedrohung berichtet, die nur er sehen kann, nicht geglaubt wird. Ebenso wenig wie Rose ihrer Patientin Laura zu Beginn glaubt, glauben ihr Verlobter und ihre eigene Therapeutin Dr. Madeline Northcott (Robin Weigert) ihr, als sie selbst davon anfängt. Das müsste ihr eigentlich klar sein, gleichwohl reagiert sie mit Unverständnis, was nicht ganz schlüssig wirkt (es mag von mir etwas päpstlich sein, das kritisch zu sehen). Und in einem bestimmten Moment im Anschluss an den Kindergeburtstag von Roses Neffen Jackson (Matthew Lamb), müsste Trevor seine Verlobte an sich zwingend in die Obhut einer psychiatrischen Einrichtung geben. Er tut es nicht, weil die Story verlangt, dass Rose weiterhin in Freiheit nach einem Ausweg suchen kann – hier hätte Parker Finn besser einen anderen Weg gewählt.

Ein angenehmer Kinoabend

Aber das sind Kleinigkeiten. Größtes Manko von „Smile – Siehst du es auch?“ bleibt die Vorhersehbarkeit des Plots aufgrund des Verharrens in dämonischen Konventionen. Das Horrorgenre wärmt ja gern bewährte Zutaten auf, insofern fällt Parker Finns Regiedebüt nicht negativ auf, weil er die Materie eben offenbar kennt. Am unerwartetsten verläuft „Smile“ für diejenigen Zuschauerinnen und Zuschauer, die von Dämonen völlig unbeleckt sind. Und wer derlei Plots kennt, kann dennoch einen angenehmen Horrorabend verleben.

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Smile
USA 2022
Regie: Parker Finn
Drehbuch: Parker Finn
Besetzung: Sosie Bacon, Kyle Gallner, Robin Weigert, Caitlin Stasey, Kal Penn, Rob Morgan, Judy Reyes, Kevin Keppy, Gillian Zinser, Marti Matulis, Dora Kiss, Sara Kapner, Matthew Lamb
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakate & Szenenfotos: © 2022 Paramount Pictures Germany

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2022/09/26 in Film, Kino, Rezensionen

 

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