RSS

Archiv der Kategorie: Kino

X – Tödlicher Pornodreh im Hinterland

X

Kinostart: 19. Mai 2022

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Zwei Sheriffs am Schauplatz eines Massakers läuten „X“ ein. Offenbar ein Vorgriff auf kommende Ereignisse. Viel Blut ist zu sehen, von Tüchern bedeckte Leichen. Im Keller eines abgelegenen Farmhauses entdecken die Ordnungshüter etwas Entsetzliches (das dem Filmpublikum vorerst vorenthalten bleibt).

Was ist hier geschehen?

Ein kleiner Trupp Pornofilmer bricht 1979 von Houston aus ins texanische Hinterland auf, um vor provinzieller Kulisse einen Porno zu drehen. Dabei sind die aufstrebende Darstellerin Maxine Minx (Mia Goth) und ihr Freund und Produzent Wayne (Martin Henderson), Schauspielerin Bobby-Lynne (Brittany Snow) und Schauspieler Jackson Hole (Kid Cudi) sowie Regisseur RJ (Owen Campbell) mit seiner Freundin Lorraine (Jenna Ortega, „Scream“, 2022). Auf der Farm des älteren Ehepaars Howard (Stephen Ure) und Pearl (ebenfalls Mia Goth) beziehen sie das Gästehaus (das Farmhaus erkennen wir als Schauplatz des Massakers aus dem Prolog). Die Begrüßung fällt zwar eher frostig aus, aber zügig beginnt der Dreh von „The Farmer’s Daughters“.

Doppelrolle für Mia Goth

Regisseur und Drehbuchautor Ti West gelingt es tatsächlich, dem ausgelutschten Horror-Subgenre des Backwoods-Slasherfilms neue Facetten abzugewinnen. Er tut dies mit der Figurenkonstellation Maxine und Pearl, die nicht von ungefähr von ein und derselben Darstellerin verkörpert werden. Für ihre Rolle der alten Farmerin musste Mia Goth („Suspiria“, „A Cure for Wellness“) eigenen Angaben zufolge viel Zeit in der Maske verbringen: Es seien gut zehn Stunden im Make-up-Stuhl gewesen, bevor sie eine Zwölfstundenschicht am Set absolvierte, während der ihre Stylistin Sarah Rubano ihre Maske immer wieder auffrischte. So Goth Mitte April 2022 im Gespräch mit dem Horrorportal Rue Morgue.

Aufstrebender Pornostar: Maxine Minx

Pearl beobachtet Maxine von Anfang an. Die junge Frau weckt in der Älteren Begierden, die womöglich lange Zeit unterdrückt worden waren (vielleicht aber auch nicht – wer weiß das schon?). Junge und alte Sexualität werden einander gegenübergestellt, ebenso Schönheit und Verfall. Pearl ist eine tragische Figur (und mehr darf ich leider nicht über sie schreiben, das würde zu sehr in die Nähe des Spoilerns gehen). Sie wirkt fast schon grotesk überaltert, ebenso Howard, den der 1958 geborene Stephen Ure ebenfalls mit reichlich Alterungs-Maskerade verkörpert.

Tote Kuh auf der Fahrbahn verteilt

Mit fiesen Details verbreitet Ti West dräuende Stimmung. Ein Truck hat eine Kuh totgefahren, das bedauernswerte Tier hat es übel zerlegt, zu sehen in voller Splatterpracht. Die unvorsichtige Maxine nimmt ein Bad in einem Fluss (oder See), ohne zu ahnen, dass sie genau ins Beuteschema eines lauernden Krokodils passt. Vorbereitung auf die Gewalt, die unvermittelt über das Filmteam und die Leinwand hereinbricht. Diese fällt so blutig wie drastisch aus, einige Szenen schmerzen beim Zusehen. Die zuvor von der FSK avisierte 18er-Freigabe der bei uns ungeschnitten ins Kino gelangenden Fassung wäre berechtigt gewesen, aber dem Verleiher capelight pictures ist es im zweiten Anlauf sogar gelungen, eine Altersfreigabe ab 16 Jahren zu erreichen. Was hoffen lässt, dass es capelight gelingt, die FSK auch für die Heimkino-Veröffentlichung zu einer Freigabe ohne Schnittauflagen zu bewegen (bei Blu-rays und DVDs urteilt das Gremium strenger als fürs Kino). Vermutlich plant capelight ein Mediabook, zur Not eben mit SPIO-JK-Siegel. Geschnitten wird das Label den Film wohl kaum veröffentlichen, das widerspräche der bisherigen capelight-Politik. Die Sexszenen sind im Übrigen explizit, aber nicht pornografisch.

Auf geht’s!

Musik setzt der Ausnahmeregisseur sparsam ein. Sehr viele Szenen kommen völlig ohne aus. Score gibt es nur gelegentlich, ebenso diegetische Musik, etwa „Don’t Fear the Reaper“ von Blue Öyster Cult, das aus einem Autoradio ertönt. Als texanisches Hinterland hielt Neuseeland her, wo ab Februar 2021 gedreht wurde.

Vom Regisseur von „The Sacrament“

„X“ erzählt auch etwas übers Filmemachen, etwa wenn RJs Freundin Lorraine plötzlich auf den Gedanken kommt, an „The Farmer’s Daughters“ mitzuwirken und RJ dies mit dem Argument verhindern will, man könne die Story nun nicht mehr ändern. Sein Motiv ist natürlich Eifersucht, weil er nicht will, dass seine Freundin vor der Kamera Sex mit Jackson hat. Aber es führt doch zu einer kurzen Debatte, in der sogar Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960) herangezogen wird. Und natürlich verbreitet Ti West auch gehörigen Retro-Charme. Der Schöpfer so bemerkenswerter Horrorfilme wie „The House of the Devil“ (2009), „The Innkeepers – Hotel des Schreckens“ (2011) und „The Sacrament“ (2013) kennt sein Genre aus dem FF und weiß die Versatzstücke des Backwoods-Slashers einzusetzen.

Frostige Begrüßung durch Farmer Howard (l.)

„X“ entstammt dem Produktionsstudio A24, dem wir so außergewöhnliche Horrorfilme wie „The Witch“ (2015), „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018) und „Midsommar“ (2019) verdanken. Seine Weltpremiere feierte der Film im März 2022 beim South by Southwest Film Festival im texanischen Austin. In Deutschland eröffnete „X“ im März und April die Fantasy Filmfest Nights – eine so würdige wie verdiente Platzierung. Ti West erweist sich einmal mehr als hochinteressanter Horrorregisseur, der alte Genreströmungen aufgreit und daraus etwas Neues erschafft. Das weckt Vorfreude auf das bereits abgedrehte Prequel „Pearl“, in dem Mia Goth ihre Rolle der alten Lady erneut verkörpert. Dem Entertainmentportal IndieWire erzählte West im März 2022, er versuche die Geschichte zu einer Trilogie auszubauen. Abschließend sei der Filmtitel erläutert (was keinen Spoiler darstellt): „X“ bezieht sich auf das rechtlich nicht geschützte Filmfreigabezertifikat X-Rating, das in den USA ab den 1970er-Jahren verstärkt mit Pornofilmen assoziiert wurde.

Auf zum fröhlichen Pornodreh!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ti West haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Mia Goth unter Schauspielerinnen.

Es wird düster

Länge: 105 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: X
USA/KAN 2022
Regie: Ti West
Drehbuch: Ti West
Besetzung: Mia Goth, Jenna Ortega, Brittany Snow, Kid Cudi, Martin Henderson, Owen Campbell, Stephen Ure, James Gaylyn, Simon Prast, Geoff Dolan, Matthew J. Saville, Bryony Skillington
Verleih: capelight pictures

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat & Szenenfotos: © 2022 capelight pictures, Fotos auch: Christopher Moss

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Zum 65. Geburtstag von Daniel Day-Lewis: There Will Be Blood – Die Schauspielkunst eines Giganten

There Will Be Blood

Von Volker Schönenberger

Drama // Er ist fürwahr ein Gigant. Werden die größten Schauspieler der vergangenen Jahrzehnte diskutiert, fällt zügig der Name Daniel Day-Lewis. Das liegt nicht nur, aber auch an den Oscars: Für seine Hauptrollen in „Mein linker Fuß“ (1989), „There Will Be Blood“ (2007) und „Lincoln“ (2012) trug er den Academy Award von dannen, so viele wie bei den Männern nur noch Walter Brennan und Jack Nicholson (bei beiden waren anders als bei Day-Lewis auch Nebenrollen-Oscars darunter). Bei den Frauen war einzig Katharine Hepburn mit vier Trophäen erfolgreicher, Ingrid Bergman, Frances McDormand und Meryl Streep sind mit drei Schauspielerinnen-Oscars ebenso erfolgreich wie Day-Lewis, wobei McDormand als Produzentin von „Nomadland“ (2020) sogar noch den Oscar für den besten Film abgeräumt hat.

Bühnenzusammenbruch als Hamlet

Es versteht sich von selbst, dass der am 29. April 1957 im Londoner Stadtteil Greenwich geborene Daniel Day-Lewis zahlreiche weitere bedeutsame Filmpreise gewonnen hat, darunter zwei Golden Globes und vier British Film Academy Awards (BAFTA Awards). Seine Filmografie erweist sich dabei mit nur 30 Einträgen als recht überschaubar. Klasse statt Masse ist definitiv Day-Lewis’ Devise gewesen. Seine Laufbahn begann er beim Theater, parallel zum Film blieb er der Bühne bis 1989 treu, als er während einer Aufführung von „Hamlet“ in London als Titelheld einen Nervenzusammenbruch erlitt. Seitdem hat er nie wieder Theater gespielt, was er verschmerzen konnte, da nun erst seine erfolgreichste Phase im Film ihren Anfang nahm, beginnend mit seiner Rolle des spastisch gelähmten Malers und Schriftstellers Christy Brown im Biopic „Mein linker Fuß“.

Der vermeintliche Witwer und sein Sohn …

Als Method Actor hat sich Daniel Day-Lewis seinen Rollen stets mit Haut und Haaren verschrieben, was ihn wohl auch sehr wählerisch machte und seine kurze Filmografie erklären mag. Einen anderen Grund dafür nannte er selbst im Februar 2008 in einem Interview während der Promotion-Tour zu Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ (2007): Wenn ich mich längere Zeit von der Arbeit fernhalte, liegt das an meinem eigenen Rhythmus, und der ist nun mal von Faulheit geprägt. In meinem Leben gibt es auch andere Dinge zu tun. (…) Wenn ich mein Arbeitstempo erhöhen würde, dann würde ich die Freude an der Arbeit verlieren. Eine bewundernswerte Einstellung, die man sich als berufstätiger Mensch natürlich leisten können muss. Ein hervorragend bezahlter Schauspieler der A-Liga kann das (das sei ohne jeden Neid festgestellt und Day-Lewis von Herzen gegönnt).

Ruhestand nach „Der seidene Faden“

Dass er seine Schauspielkarriere 2017 nach seiner Hauptrolle als Londoner Modeschöpfer in Andersons Drama „Der seidene Faden“ an den Nagel hing, ist bedauerlich, aber konsequent. Wenn er nun mal das Gefühl hatte, schauspielerisch alles gesagt zu haben, ist der Ruhestand für einen Method Actor folgerichtig. Seine Glanztaten bleiben uns ja erhalten. Man denke nur an seine intensive Verkörperung des Justizirrtums-Opfers Gerry Conlon im IRA-Drama „Im Namen des Vaters“ (1993) von Jim Sheridan und seine beängstigende Darstellung des Gangsterbosses „The Butcher“ („Der Metzger“) in Martin Scorseses gewalthaltigem Historienkrimi „Gangs of New York“. Am 29. April 2022 feiert Daniel Day-Lewis seinen 65. Geburtstag. An sich für einen Schauspieler kein Anlass, in Rente zu gehen (man denke nur an Clint Eastwood), aber die Entscheidung nötigt Respekt ab.

… geben sich auch schon mal als Wachteljäger aus, wenn es der Sache dient

„There Will Be Blood“, für den der Gute seinen mittleren Oscar, den ersten Golden Globe, den dritten BAFTA Award und etliche andere Preise gewann, gehört auch zu den Meisterwerken, die man immer wieder schauen kann (auch wenn ich gestehen muss, dass es sich bei der Sichtung anlässlich dieser Würdigung um meine erste handelt). Die Handlung setzt im Jahr 1898 in New Mexico ein. Day-Lewis spielt Daniel Plainview, der ein einsames Leben führt und in einer abgelegenen Mine nach Silber schürft. Bei einem Sturz im Schacht bricht er sich das Bein, doch mit eiserner Willenskraft gelingt es ihm, sich samt seines Silberfundes aus der Grube emporzuarbeiten und in den nächsten Ort zu schleppen, wo er seinen Claim sichert, der ihm als Entdecker das Recht verschafft, auf öffentlichem Grund Bodenschätze zu gewinnen.

Vom Erdöl in Kalifornien

Vier Jahre später hat der nach seinem Beinbruch humpelnde Plainview auf Erdöl umgesattelt und beschäftigt sogar einige Angestellte. Als einer von ihnen von einem herabstürzenden Balken erschlagen wird, adoptiert Plainview dessen Sohn (als Baby gespielt von den Zwillingsbrüdern Harrison und Stockton Taylor). 1911 stellt er den Waisenjungen sogar als seinen Partner H. W. Plainview (nun Dillon Freasier) vor. Als vermeintlicher Witwer gewinnt er das Vertrauen argloser Grundbesitzer, unter deren Boden er Erdölvorkommen vermutet, und lässt sich gegen eine geringe Gewinnbeteiligung der Leute die Förderrechte überschreiben. Gerade erst ist er in Signal Hill im Los Angeles County auf Öl gestoßen (tatsächlich wurde das unter dem Ort befindliche gewaltige Long Beach Oil Field erst 1921 entdeckt – dort wird bis heute Öl gefördert), da erhält er Besuch von Paul Sunday (Paul Dano). Der verlangt 500 Dollar für einen Tipp, berichtet von Erdöl auf der Ranch seiner Eltern und zieht von dannen.

Wenn Öl so verbrennt, muss viel davon vorhanden sein

Plainview besorgt sich eine Camping-Ausrüstung und wandert mit seinem Sohn los. Auf der Sunday-Ranch eingetroffen, täuscht er der Familie vor, Wachteln jagen zu wollen. Als sich Pauls Zwillingsbruder Eli (erneut Paul Dano) zeigt, sind Vater und Sohn Plainview ob der Ähnlichkeit verblüfft, verraten aber nicht, Paul zu kennen. Der überaus religiöse Eli durchschaut die Absichten des „Oil Man“ Plainview dennoch schnell und mischt sich ein, als dieser Elis Vater Abel Sunday (David Willis) die Ranch für einen Apfel und ein Ei abluchsen will. Und während es Daniel Plainview mit List und wohlklingenden Verheißungen einer reichen Zukunft gelingt, sein Unternehmen in der Gegend als Ölförderbetrieb zu verankern, etabliert sich Eli als Prediger der Gemeinde und Widersacher des Öl-Tycoons.

Paul Dano stellt sich Daniel Day-Lewis

Respekt, Paul Dano! Sich schauspielerisch in einigen Szenen mit dem großen Daniel Day-Lewis zu messen, ist eine Herausforderung, vor der manch einer vielleicht zurückschrecken würde (obwohl es für jeden Darsteller mit einem Funken Ehrgeiz Motivation genug sein sollte). Und Dano macht das gut! Sein Potenzial bewies er später unter anderem in „Love & Mercy“ (2014), dem Biopic über den Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson, und „Swiss Army Man“ (2015), einer skurril-grotesken Tragikomödie um einen Schiffbrüchigen und einen von Daniel „Harry Potter“ Radcliffe verkörperten Leichnam mit Dauerblähungen. In „There Will Be Blood“ liefert sich Dano einige intensive Szenen mit Daniel Day-Lewis (dass diese mich aufgrund ihrer religiösen Schlagseite etwas befremden, liegt an meiner grundsätzlichen Haltung zur Religion und ist nicht Dano anzulasten).

Das Inferno muss gestoppt werden

Geld allein macht nicht glücklich! Eine Binsenweisheit, keine Frage, und ganz sicher lässt sich „There Will Be Blood“ nicht darauf reduzieren. Aber sie spielt doch hinein, und nicht zu knapp. Glücklich wirkt Daniel Plainview zu keinem Zeitpunkt, selbst auf der Höhe seines Erfolges nicht. Dabei liegt ihm viel an seinem Ziehsohn, und er könnte seine beträchtlichen Möglichkeiten dafür einsetzen, ihm und sich einfach ein gutes Leben zu bereiten. Aber das gelingt ihm nicht, ob aus dem Wunsch, immer mehr Geld zu scheffeln, oder aus einem Arbeitsethos heraus. In einer schmerzhaften Szene täuscht er dem nach einem Unfall gehörlosen Jungen im Eisenbahnabteil kurz vor der Abfahrt vor, ein Wort mit dem Schaffner wechseln zu wollen, um tatsächlich den Zug zu verlassen – Plainviews Mitarbeiter Fletcher (Ciarán Hinds in nur wenigen Szenen unter Wert) soll H. W. fortbringen, in ein Internat. Als der Junge bemerkt, dass der Mann, den er für seinen Vater hält, nicht ins Abteil zurückkehren wird, ist es zu spät. Ist Daniel Plainview böse? Er tut Böses, sogar sehr Böses. Aber wir lernen ihn auch anders kennen, immerhin. Auch wenn er sicher stets zu viel arbeitet, ist er dem Ziehsohn über Jahre doch ein fürsorglicher Vater. Und als er mitbekommt, dass Abel Sunday seine mit H. W. befreundete Tochter Mary (Sydney McCallister) körperlich züchtigt, wenn sie nicht betet, stellt er das ohne jeden Aufwand ab. Eine zwiespältige Figur ist dieser Daniel Plainview also. Am Ende ist er gebrochen, zerbrochen, natürlich. Man konnte es zuvor ahnen: Ein glücklicher Lebensabend im Ruhestand wird ihm nicht beschieden sein.

Daniel Day-Lewis ist Daniel Plainview

Was soll man sagen oder schreiben über diese Schauspielkunst, das nicht schon gesagt oder geschrieben wurde? Daniel Day-Lewis verkörpert Daniel Plainview nicht, er ist Daniel Plainview – mit jeder Faser seines Körpers (sicher stand das seinerzeit zum Kinostart von „There Will Be Blood“ wörtlich oder sinngemäß auch schon anderswo geschrieben). Plainview stellt seine Absichten über alles, lässt damit Moral und letztlich die Gesellschaft hinter sich. Um das zu visualisieren, braucht Daniel Day-Lewis keine großen Gesten oder Taten. Der intensive, bisweilen stechende Blick des Getriebenen reicht da völlig aus.

John Huston und Upton Sinclair

Regisseur Paul Thomas Anderson zufolge diente ihm John Hustons Klassiker „Der Schatz der Sierra Madre“ (1948) als Inspiration für seine Arbeit an „There Will Be Blood“. Inhaltlich bediente er sich bei Upton Sinclairs 1926/1927 erstveröffentlichtem Roman „Oil!“, in Deutschland 1927 unter dem Titel „Petroleum“ und 2013 in Neuauflage als „Öl!“ erschienen. Anderson hat aber geäußert, lediglich die ersten etwa 150 Seiten des mehr als 500 Seiten dicken Buchs für den Film verwendet zu haben. Eine der Hauptfiguren des Romans wiederum basiert auf dem US-Ölmagnaten Edward L. Doheny, der somit als Vorbild für Daniel Plainview gesehen werden kann.

Score vom Radiohead-Gitarristen Johnny Greenwood

„There Will Be Blood“ kommt in vielen Szenen ohne jede musikalische Untermalung aus. Zwischendurch unterbrechen immer wieder die teils dissonanten Tonfolgen der Originalmusik des Radiohead-Gitarristen Johnny Greenwood die Stille. Sie durchdringen das Publikum geradezu und verstärken die eigentümliche Stimmung von „There Will Be Blood“, die sich schwer greifen lässt. Einiges stößt uns ab, insbesondere im Verhalten von Daniel Plainview; und dennoch entfaltet das Geschehen eine Sogwirkung, die zu keinem Zeitpunkt auch nur von einem Anflug von Humor durchbrochen wird. Ein unbequemes Werk, aber in jedem Moment sehenswert, da kein Detail zufällig wirkt, sei es das völlige Fehlen jeglicher Dialoge in der Anfangsviertelstunde oder die Rätselhaftigkeit bezüglich der Zwillingsbrüder Paul und Eli Sunday (Paul tritt nur ein einziges Mal in Erscheinung, als er Daniel Plainview den Tipp verkauft, und bis zum Ende des Films fragen wir uns, ob es ihn überhaupt gibt oder Eli ihn nur vorgetäuscht hat, erhalten darauf aber keine endgültige Antwort).

Eli Sunday ist ein echter Prediger geworden

Die zahlreichen Preise hat sich „There Will Be Blood“ verdient, nicht nur die bereits erwähnten für Daniel Day-Lewis, sondern beispielsweise auch der Oscar für Paul Thomas Andersons Stamm-Kameramann Robert Elswit und die beiden Silbernen Bären der Berlinale 2008 für Regisseur Anderson und die Musik Johnny Greenwoods (im Wettstreit um den Goldenen Bären unterlag „There Will Be Blood“ dem brasilianischen Krimidrama „Tropa de Elite“). Auch an den Kinokassen stellte sich Erfolg ein – sein Budget von 25 Millionen Dollar verdreifachte der Film.

Inspiriert von uralten Fotos

Blu-ray und DVD sind hierzulande problemlos zu finden, wobei die Blu-ray-Veröffentlichungen in puncto Bonusmaterial etwas üppiger bestückt zu sein scheinen. Die 25-minütige Stummfilm-Doku „The Story of Petroleum“ beispielsweise stammt von 1923 und gibt einen feinen Einblick in die Frühzeit der Erdölförderung. Ebenso interessant ist das viertelstündige Featurette „15 Minuten Inspiration“, das eine Vielzahl zeitgenössischer und noch älterer Abbildungen inklusive einiger Bewegtbilder aus dieser Ära der Erdölgewinnung in den USA enthält. Sehr sehenswert, weil diese Aufnahmen als – genau – Inspiration für die visuelle Umsetzung des Sujets und des Zeitkolorits dienten. Und so wirkt „There Will Be Blood“ auch optisch wie aus einem Guss. Meisterhaft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Thomas Anderson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Paul Dano, Daniel Day-Lewis und Ciarán Hinds unter Schauspieler.

Glücklichsein ist keine Option

Veröffentlichung: 3. Mai 2012 als „Blu Cinemathek“-Blu-ray im Digipack mit Schuber, 19. Januar 2012 als DVD im Steelbook, 22. November 2011 als DVD, 22. September 2011 als Blu-ray, 7. August 2008 als Blu-ray und DVD

Länge: 158 Min. (Blu-ray), 152 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: There Will Be Blood
USA 2007
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson, nach Motiven von Upton Sinclairs Roman „Öl!“
Besetzung: Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Ciarán Hinds, Dillon Freasier, Paul F. Tompkins, Sydney McCallister, David Willis, James Downey, Hope Elizabeth Reeves, Kevin J. O’Connor, Harrison Taylor, Stockton Taylor
Zusatzmaterial: „15 Minuten Inspiration“, nicht in allen Veröffentlichungen: „Die Geschichte des Öls“ (26 Min.), zusätzliche Szenen (12 Min.), Trailer, Teaser, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal, Arthaus, Miramax, Buena Vista

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & untere Packshots: © Studiocanal, Arthaus, Miramax, Buena Vista

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

The Northman – Erst die Hexe, dann der Leuchtturm, nun der Wikinger

The Northman

Kinostart: 21. April 2022

Von Volker Schönenberger

Historien-Abenteuer // Man braucht einen Master-Abschluss in der Geschichte der Wikinger, um bei diesem Film überhaupt etwas zu verstehen. Dies schrieb ein Besucher einer der Testvorführungen von „The Northman“, wie Regisseur Robert Eggers im Gespräch mit der Zeitschrift „The New Yorker“ berichtete. Nach meinem Besuch der Hamburger Pressevorführung des Films und ohne Kenntnis der Unterschiede zwischen der in die Kinos gelangenden Schnittfassung und der Testvorführungsfassung kann ich beruhigend konstatieren: So schlimm ist es nicht! Die nicht den Erwartungen des Produktionsstudios New Regency Productions entsprechenden Reaktionen des Testpublikums verlangten Eggers aber offenbar einiges ab – eben die Anfertigung einer neuen Schnittfassung. Derlei Einflussnahme durch das Produktionsstudio war sicher Neuland für den Indie-Arthouse-Filmemacher. Nun bekomme er Sätze zu hören wie Wenn das nicht „Gladiator“ oder „Braveheart“ wird, sind wir gefickt! Auch hier kann ich beruhigend konstatieren: So schlimm ist es nicht! Bei allem Respekt vor den Qualitäten von Ridley Scotts Rom-Abenteuer und Mel Gibsons Schottland-Ausflug – mit beiden hat „The Northman“ nicht allzu viel zu tun.

König Aurvendil kehrt siegreich heim …

Die Corona-Pandemie mit ihren Verzögerungen und verschärften Sicherheitsauflagen hievte das Budget des Films von schon nicht geringen 65 Millionen auf stattliche 90 Millionen Dollar. Eine üppige Summe für einen Filmemacher, der mit seinen bisherigen Kino-Regiearbeiten „The Witch“ (2015) und „Der Leuchtturm“ (2019) zwar beeindruckt, aber nicht gerade Mainstream-kompatibel vorgelegt hatte. Als Berater wirkte der englische Archäologe Neil Price an der Produktion von „The Northman“ mit, Inhaber einer Professur am Institut für Archäologie und Alte Geschichte der Universität Uppsala (Schweden). Der Historiker äußerte sich enthusiastisch (siehe oben erwähnten, in seiner ganzen Länge überaus lesenswerten Text in „The New Yorker“): Das ist wie ein Traum für mich. Ich bezweifle, dass ich jemals wieder jemandem begegne, der dafür ein solches Auge und Interesse hat wie Robert. So Price über den Filmemacher.

Des brandschatzenden Königs Heimkehr

Die Handlung von „The Northman“ setzt im Jahr 895 nach Christus im Nordatlantik ein: König Aurvandil (Ethan Hawke) und sein Bastard-Halbbruder Fjölnir (Claes Bang) kehren von einem erfolgreichen Beutezug ins kleine Inselreich Hrafnsey zurück – zurück in die Arme seiner treu ergebenen Gemahlin Königin Gudrún (Nicole Kidman). Doch der auch Rabenkönig und Kriegsrabe genannte Aurvandil ist verwundet – ein Gegner hat seine Leber im Kampf schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das macht dem Regenten seine Sterblichkeit bewusst, und mit einem von Heimir, dem Narren (Kurzauftritt für Willem Dafoe) ausgeführten Ritual will er seinen minderjährigen Sohn Amleth (Oscar Novak) auf die Last der Königswürde vorbereiten. Doch diese Last wird der Knirps nie tragen müssen: Kurz darauf muss Sohnemann mit ansehen, wie sein Vater von Meuchelmördern niedergestreckt wird. Als Rädelsführer entpuppt sich ausgerechnet Aurvandils Bruder Fjölnir, Amleths Onkel. Der ordnet konsequenterweise sofort an, auch seinen Neffen zu entleiben. Mit Müh und Not gelingt Amleth die Flucht, während Fjölnir die Früchte seiner ruchlosen Tat genießt und die verwitwete Königin Gudrún zu seiner Frau macht.

… und lässt sich feiern

Jahre später (wir schreiben nun wohl das Jahr 914) ist aus Amleth (Alexander Skarsgård) ein stattlicher Recke geworden. Von einer anderen Wikingersippe großgezogen, hat er sich zum unbezwingbaren Kämpfer entwickelt, der sich auf den Raubzügen seines Clans als so furcht- wie gnadenlos hervortut. Doch nie hat er seinen Schwur vergessen, den Vater zu rächen, die Mutter zu retten und Fjölnir zu töten. Im Anschluss an eine erfolgreiche Plünderung erfährt Amleth, dass sich sein Onkel mittlerweile auf Island niedergelassen hat. Mit einer (etwas konstruiert und nicht gerade plausibel wirkenden) List gelingt es Amleth, sich dorthin einzuschiffen. Die Gelegenheit zu blutiger Vergeltung naht …

Von Amletus über Hamlet zu Amleth

Amleth? Wer bei dem Namen an William Shakespeares berühmte Tragödie „Hamlet“ denkt, liegt völlig richtig, denn die vom dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus überlieferte altdänische Sage von Amletus diente dem britischen Barden als Inspiration seines Bühnenstücks. Amleths filmischer Vater König Aurvandil beruht demnach auf Aurvandill, einer Nebenfigur der altisländischen Sagensammlung Edda, bei Saxo Grammaticus Amletus’ Vater Horwendillus. Robert Eggers arbeitete die Sage mit vielen Freiheiten zusammen mit dem Isländer Sjón zu einem Drehbuch um. Der Lyriker und Romanautor Sjón hatte zuletzt am Drehbuch des isländischen Horrordramas „Lamb“ (2021) mit Noomi Rapace mitgeschrieben und ist in der Vergangenheit als Songtexter für Björk in Erscheinung getreten (Björk wiederum hat in „The Northman“ einen Kurzauftritt als blinde Seherin).

Des Königs Vertrauter: Narr Heimir

Wer bei Wikinger-Epen eher auf launig-bunten Hollywood-Kintopp à la Richard Fleischers „Die Wikinger“ (1958) mit Kirk Douglas und Ernest Borgnine hofft, wird mit „The Northman“ womöglich ein böses Erwachen erleben. Wenn man Robert Eggers’ dritten Kinofilm unbedingt in einem Koordinatensystem der Wikingerfilme verorten will, dann vielleicht irgendwo zwischen Nicolas Winding Refns so elegischem wie meditativem „Walhalla Rising“ (2009) mit Mads Mikkelsen und dem Action-Abenteuer „Northmen – A Viking Saga“ (2014) von Claudio Fäh, das allerdings vielen nicht gefallen hat (mir schon). Letztlich ist „The Northman“ ein eigenständiges Werk, bei dem es hilft, wenn man „The Witch“ und „Der Leuchtturm“ und somit die Handschrift von Robert Eggers kennt.

Lässt Rachsucht Raum für die Liebe?

Protagonist Amleth kennt einzig Kampf, Tod und Düsternis. Seine ganze Willenskraft setzt er für seinen Vergeltungsplan ein (wobei offen bleibt, was ihn all die im Film übersprungenen Jahre angetrieben hat, als er keinen Anlass zu der Annahme hatte, jemals eine Gelegenheit zur Rache zu erhalten). Ins Wanken gerät er auch dann nicht, als er während der Überfahrt nach Island die verschleppte Olga aus dem Birkenwald (Anya Taylor-Joy, „The Witch“) kennenlernt und sich zwischen beiden ganz langsam zarte Gefühle entwickeln. Aber es bringt ihn schon zum Nachdenken, dass nach und nach die Hoffnung aufkommt, mit ihr eine wie auch immer geartete Zukunft zu haben. Später erfährt er von Umständen, die ihn in einen großen Zwiespalt geraten lassen. Alexander Skarsgård („Godzilla vs. Kong“) verkörpert das nuanciert und mit großer Präsenz. Sein Amleth hat sich zu einem echten Nordmann entwickelt, der nicht viel Federlesens macht und sich an Beutezügen und dem Niedermetzeln argloser Dörfler beteiligt, weil es das ist, was er kann. Mitleid und moralische Bedenken sind ihm fremd, dennoch taugt er als Identifikationsfigur (auch wenn ich kein Bedürfnis verspüre, Schwert und Axt zu schwingen). Filmkritiker Peter Debruge von „Variety“ warf dem Hauptdarsteller in seiner Rezension vom 11. April 2022 vor, es mangle ihm an Charisma, um einen Film dieser Dimension zu tragen, aber damit tut er Stellan Skarsgårds Sohn Alexander meines Erachtens Unrecht. Amleths Persönlichkeit und sein vordergründig simples Dasein als von Rachsucht Getriebener müssen „The Northman“ gar nicht allein tragen, auch wenn der Filmtitel den Fokus auf ihn legt. Nicht nur verfolgen wir den Weg dieses Nordmanns, wir beobachten auch seine Welt, in kleinen Details und kurzen Szenen sogar das Alltagsleben. Über weite Strecken will der wortkarge Amleth außerdem unauffällig bleiben, um nicht aufzufliegen. Überbordendes Charisma wäre hier kontraproduktiv. Sein gestählter Körper ist da fast schon zu viel des Guten. Um diese beeindruckende Muskulatur zu entwickeln, sicherte sich Skarsgård die Dienste des renommierten Fitnesscoaches Magnus Lygdback, der den Schauspieler auch schon vor den und während der Dreharbeiten von „Legend of Tarzan“ (2016) trainiert hatte. Im Übrigen gilt Alexander Skarsgård als eine der treibenden Kräfte hinter „The Northman“, zu dessen Produzententeam er ebenso wie Robert Eggers auch gehört. Dem Vernehmen nach hatte Skarsgård die Idee zur Story. Er gehörte übrigens zum festen Ensemble der Vampirserie „True Blood“ (2008–2014) und trug dort den Namen Eric Northman.

Der Tod naht

Der zuvor erwähnte „Variety“-Rezensent fühlte sich hauptsächlich an Alejandro González Iñárritus Survival-Abenteuer „The Revenant – Der Rückkehrer“ (2015) erinnert, das Leonardo DiCaprio endlich den lang ersehnten Oscar eingebracht hatte. Das ist nicht von der Hand zu weisen, die kalte und grimmige Stimmung beider Filme ähneln einander. Da wir gerade bei Ähnlichkeiten sind. Ein vulkanischer Schwertkampf erinnerte mich kurioserweise an die mitreißende finale Auseinandersetzung zwischen Obi-Wan Kenobi (Ewan MacGregor) und Anakin Skywalker (Hayden Christensen) in „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“ (2005). Kurios deshalb, weil beide Filme ansonsten kaum etwas miteinander zu tun haben. Ob das Zufall ist oder Robert Eggers sich tatsächlich davon inspirieren ließ? Auch ein paar Parallelen zu John Milius’ „Conan – Der Barbar“ (1982) mit Arnold Schwarzenegger in der Titelrolle sind nicht zu übersehen, am augenfälligsten beim vom Sohn beobachteten Tod des Vaters.

Glaube und Aberglaube

Beginnend mit dem erwähnten königlichen Initiationsritual, das Aurvandil nach seiner Heimkehr mit seinem Sohn Amleth vollzieht, werden wir Zeugen einiger „heidnischer“ Riten der Wikinger. So führen die Krieger um Amleth vor ihrem Sturm auf ein Dorf der Rus einen nächtlichen Krafttanz um ein hoch loderndes Feuer aus. Glaube und Aberglaube (wo liegt eigentlich der Unterschied?) sind ohnehin von großer Bedeutung. Nicht nur Aurvandil hofft darauf, den Tod in der Schlacht zu finden, um als gefallener Krieger Einherjer in Walhall in Odins Burg Gladsheim in Asgard aufgenommen zu werden. Kurz wird auch das Christentum aufgegriffen, als christliche Sklaven einer Missetat verdächtigt werden, aber das Vordringen des christlichen Glaubens in nordische Gefilde spielt letztlich keine Rolle.

Amleth (3. v. l.) zieht furchtlos in den Kampf …

„The Northman“ ist weder Schlachtengemälde noch Kampf um ein Königreich, sondern Rachefeldzug eines Einzelnen. Die Gewalt ist brutal, ohne ins Exploitative abzugleiten. Sehr gut zu sehen an dem auf beeindruckende Weise in einem Take gedrehten Angriff aufs Dorf der Rus. Respekt vor menschlichem Leben – erst recht dem fremder Völker – ist nicht vorhanden. Die Rachegeschichte könnte schlicht sein, ist es aber nicht, weil Robert Eggers großes Interesse sowohl an seinem Protagonisten als auch an dessen meist feindseliger Umwelt demonstriert. Ob all das authentisch dargestellt ist, kann ich mangels Kenntnis der Historie nicht beurteilen, aber die bislang zu findenden Stimmen und insbesondere die oben erwähnte Aussage des Archäologen und Historikers Neil Price sprechen dafür. Letztlich zählt bei einem ja vornehmlich Unterhaltungszwecken dienenden Film ohnehin die Illusion, und in der Hinsicht ist zu vermelden: Ja, Robert Eggers verschafft uns eine Illusion über das Leben und Sterben der Wikinger, die wir gern für bare Münze nehmen, weil wir auf diese Weise tief ins Geschehen eintauchen. Dass Wikingerhelme keine Hörner haben, gehört heute glücklicherweise zum Wissensstandard der Ausstatter und Kostümdesigner von Wikingerfilmen und -serien (wer dennoch Wert darauf legt, möge ein Torfrock-Konzert besuchen). „The Northman“ erweckt den Eindruck, dass seine Macher in Ausstattung, Szenenbild und Kostümen im besten Sinne detailverliebt zu Werk gegangen sind. So erzeugt man Stimmung, die Sogwirkung entfacht und das Publikum tief in eine fremde Welt eintauchen lässt. Das geht bis hin zu einigen in Runen gehaltenen Zwischentiteln und bis hin zum Soundtrack, für den Robert Eggers die britischen Musiker Robin Carolan und Sebastian Gainsborough zur Verwendung zeitgenössischer Instrumente drängte.

Nordirland als Island

Mit seinem für „Der Leuchtturm“ bereits Oscar-nominierten Stamm-Kameramann Jarin Blaschke drehte Robert Eggers ab August 2020 in Irland und Nordirland. Ursprünglich wollte er „on location“ in Island drehen, das wäre aber zu teuer gewesen, daher wich das Produktionsteam auf die Grüne Insel aus. Die düstere Atmosphäre lässt die beeindruckenden Landschaftspanoramen etwas in den Hintergrund treten, aber die Bilder vermitteln die nordische Rauheit auch im Kinosaal auf fast schon körperlich nachfühlbare Weise (als verweichlichter Mensch der Moderne frage ich mich immer, ob die Menschen in puncto Kälteempfinden tatsächlich so abgehärtet waren, zumal sie ab und zu triefnass aus dem Wasser kommen). Mit „The Northman“ beweist Robert Eggers, dass er auch Produktionen mit großem Budget seine eigene Handschrift aufdrücken kann. Einer der interessantesten neuen Regisseure, der mit seinem dritten abendfüllenden Spielfilm die Messlatte hoch hält. Ist der Spagat zwischen Arthouse und Mainstreamkino geglückt, den Eggers gewagt hat, als er sich von New Regency Productions mit einem für seine Verhältnisse enormen Budget ausstatten ließ? Nach einmaliger Sichtung von „The Northman“ resümiere ich: Er ist es. Nicht auszuschließen, dass der Film beim zweiten oder dritten Mal noch gewinnt. Oder verliert, wir werden sehen.

Willem Dafoe als Graf Orlok?

Bleibt abzuwarten, ob ihm die Verwirklichung seines Traums gelingt, Murnaus Vampir-Meisterwerk „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) neu zu verfilmen. Jüngste Berichte von den diesbezüglichen Absichten des Regisseurs deuten an, dass es eine schwere Geburt wird. Auch wenn Originalstoffe zu bevorzugen sind, würde ich ein solches Werk begrüßen. Womöglich mit Willem Dafoe als Graf Orlok?

… und kennt keine Gnade

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Eggers haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nicole Kidman und Anya Taylor-Joy unter Schauspielerinnen, Filme mit Willem Dafoe, Ethan Hawke und Alexander Skarsgård in der Rubrik Schauspieler.

Rachsucht beherrscht ihn, aber für Olga empfindet Amleth dennoch viel

Länge: 137 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Northman
USA 2022
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Robert Eggers, Sjón
Besetzung: Alexander Skarsgård, Anya Taylor-Joy, Nicole Kidman, Ethan Hawke, Willem Dafoe, Claes Bang, Björk, Elliott Rose, Phill Martin, Eldar Skar, Olwen Fouéré, Edgar Abram, Jack Gassmann, Ingvar Sigurdsson, Oscar Novak
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2022 Universal Pictures Germany GmbH

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2022/04/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: