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Archiv der Kategorie: Kino

Clint Eastwood (XXV): Der Fall Richard Jewell – Held oder Täter?

Richard Jewell

Kinostart: 25. Juni 2020

Von Philipp Ludwig

Drama // Anfang März 2020 besuchte ich die Hamburger Pressevorführung von „Der Fall Richard Jewell“. Dass es sich hierbei um meinen auf längere Sicht wohl letzten Kinobesuch handeln würde, konnte ich dabei natürlich nicht ahnen. Trotz sich bereits damals zumindest in Ansätzen andeutender Coronakrise.

Als Schauspieler und Regisseur groß: Clint Eastwood

Clint Eastwood hat sich als herausragender Schauspieler über Jahrzehnte hinweg einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis gleich mehrerer Generationen redlich verdient. Auch als Regisseur zeigt er seit vielen Jahren nun schon sein großartiges Talent auch für die Arbeit hinter der Kamera. Filme wie „Letters from Iwo Jima“ (2007) oder „Gran Torino“ (2008) waren für mich persönlich zumindest wahre filmische Ausnahmeerlebnisse. Den Stil von Eastwood zeichnet vor allem seine präzise Schnörkellosigkeit aus. In seinen Filmen erfolgen keine großen Experimente. Rasante Kamerafahrten, visuelle und auditive Tricks oder innovative Erzählstrategien sucht man in der Regel vergebens. Gerade diese klassische Art und Weise der Inszenierung, stringent und ohne viel kreativen Schnickschnack eine Geschichte zu erzählen, muss in den häufig viel zu hektischen Filmen unserer Zeit gewiss kein Nachteil sein. Ganz im Gegenteil. Wenn man einen von Eastwood gemachten Film besucht, weiß man in der Regel, was einen erwartet. Und wird für gewöhnlich auch nicht enttäuscht.

Richard Jewell (M.) hat alles unter Kontrolle

Ein weiteres Merkmal der Arbeit des Regisseurs Eastwood ist sein herausragendes Gespür für die Besetzung von Rollen sowie sein Umgang mit seinen Darstellerinnen und Darstellern. Selbst aus renommierten Haudegen des Geschäfts vermag der Altmeister besondere Leistung herauszukitzeln. Nicht umsonst schwärmt etwa eine unangefochtene Schauspielgröße wie Tom Hanks in höchsten Tönen von seiner früheren Zusammenarbeit mit Eastwood, wie er unter anderem in der populären britischen Talkshow „The Graham Norton Show“ anmerkt. Dennoch ist der Mensch Clint Eastwood natürlich nicht frei von Kontroversen. Der konservative und patriotisch veranlagte Unterstützer der Republikaner verkörpert nicht nur in seinen prägendsten Rollen das Bild eines „weißen Mannes“, das in dieser Form eigentlich schon längst nicht mehr zeitgemäß erscheint. Auch in seinen Filmen schimmert wiederholt ein Stück zu sehr die persönliche Meinung des Regisseurs durch, die trotz all seiner künstlerischen Genialität nicht immer vollends begrüßenswert ist. Gleichwohl – es ist seine Meinung, und er hat jedes Recht, sie zu verkünden.

Clint Eastwood: Liebhaber des „Alltagshelden“?

Clint Eastwood verdankt seinen Ruhm als Schauspieler in erster Linie seiner prototypischen Verkörperungen zahlreicher einsamer Helden und Rächer. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich auch als Regisseur auf die Geschichten von kleinen und großen Helden des Alltags konzentriert. In seinem neuesten, auf wahren Begebenheiten beruhenden Werk widmet er sich nun dem tragischen Fall von Richard Jewell (Paul Walter Hauser, „I, Tonya“). Der dickliche Außenseiter macht im ersten Moment jedoch nicht einmal ansatzweise den Eindruck eines mutigen Helden, hatte von klein auf aber dennoch nur einen Wunsch: Polizist zu werden. Mit der Gesetzestreue nimmt es der mittlerweile 33-Jährige, der immer noch bei seiner Mutter wohnt, allerdings ein wenig zu genau. So verlor er nicht nur recht schnell seine Anstellung als Deputy beim örtlichen Sheriffbüro – auch in zahlreichen weiteren Beschäftigungen als Sicherheitsmann kommt es wiederholt zu Vorfällen, bei denen er es mit der Pflichterfüllung sowie der Auslebung seiner Autorität ein wenig übertreibt, sodass er anschließend vor die Tür gesetzt wird.

Nach den Ereignissen im Centennial Park wird er zum gefragten Medienstar

Nachdem er daher mal wieder seinen Job als Wachmann in einem College verloren hat, heuert er im Sommer 1996 als Sicherheitsmann bei dem Event des Jahres an: den Olympischen Spielen! Für das in seiner Heimatstadt Atlanta stattfindende Großereignis wurde im Centennial Park extra ein großes Festivalgelände für Konzerte und zahlreiche weitere Veranstaltungen eingerichtet. Eines Abends erfolgt für das stets gut besuchte Gelände eine Bombendrohung. 30 Minuten gibt der anonyme Anrufer den Sicherheitsbehörden, einen versteckten Sprengsatz zu finden. Richard Jewell gelingt das tatsächlich, er verhindert somit eine Katastrophe.

Der Held gerät unter Verdacht

Innerhalb weniger Stunden wird der bis dato so unscheinbare Richard zum strahlenden Helden einer ganzen Nation und gefragten Medienstar. Doch bald lenkt FBI-Agent Tom Shaw (Jon Hamm, „Mad Men“) den Verdacht auf den die Aufmerksamkeit ein wenig zu sehr liebenden Richard. Nachdem zudem Details aus dessen Vergangenheit und über die etwas überzogenen Auslebungen seines Sicherheitswahns bekannt werden, wird der zunächst gefeierte Held schnell zum Hauptverdächtigen des Anschlags. Neben seiner Mutter Bobi (Kathy Bates, „The Highwaymen“) kann dieser nur noch auf den streitlustigen und bislang nur wenig renommierten Anwalt Bryan Watson (Sam Rockwell, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) hoffen, der ihm trotz zunächst schier aussichtsloser Lage zur Seite steht. Wird es ihnen gelingen, Richards Unschuld zu beweisen? Dazu muss aber vor allem der allzu obrigkeitstreue Möchtegernpolizist verstehen, dass die Ermittler ihm nicht nur nicht helfen wollen, sondern erst recht nicht seine „Kollegen“ sind. Keine einfache Angelegenheit.

FBI-Agent Tom Shaw traut dem Helden nicht

Die eingangs beschriebenen Vorzüge von Eastwoods Filmen zeigen auch in „Der Fall Richard Jewell“ voll und ganz ihre Wirkung. Das Werk überzeugt insbesondere durch seine ruhige und chronologisch stringente Erzählweise. Eastwood nimmt sich angenehm viel Zeit, um uns in den eigenwilligen Charakter Jewells und dessen Lebenswelt einzuführen, ohne dabei in die narrativen Gefahren von Längen oder Langeweile zu geraten. Überzeugen kann der Regisseur vor allem mit der in Echtzeit inszenierten Bombensuche und anschließend versuchten Entschärfung im Centennial Park. Die dabei herrschende Anspannung gerade beim Sicherheitspersonal überträgt sich gekonnt bis in den Kinosaal. Aber auch die kurze Zeit, in der Richard als Held gefeiert wird, und die anschließenden, umfassenden Ermittlungen des FBI sowie der ermüdende Kampf gegen Windmühlen des „Teams Jewell“ werden nicht nur umfassend, sondern stets spannend durchleuchtet.

Der endgültige Durchbruch für Paul Walter Hauser?

Ebenso zeigt sich in „Der Fall Richard Jewell“ Clint Eastwoods Gespür für die optimale Besetzung und seine hervorragende Schauspielerführung am Set. Allen voran erlebt der bislang oft unterschätzte Paul Walter Hauser hier seine absolute Glanzstunde. Der war bislang eher als Nebendarsteller bekannt, speziell als latent dämlich angehauchter Comic Relief in Erfolgsfilmen wie „I, Tonya“ (2017) oder „Blackkklansmen“ (2018). In seiner ersten großen Hauptrolle verfällt er auch als Richard Jewell zunächst in sein daher zu erwartendes Darstellermuster, um dann mit zunehmender Laufzeit ein beeindruckendes darstellerisches Talent zu offenbaren. Ebenso schafft er es mit seiner schrulligen Interpretation von Jewell, für den einen oder anderen bitter benötigten Lacher in dem ansonsten so ernsten Stoff zu sorgen. Mit hervorragenden Darstellerinnen und Darstellern wie dem großartigen Oscar-Preisträger Sam Rockwell, die für ihre Rolle von Jewells Mutter für einen Oscar nominierte Kathy Bates, Jon Hamm oder auch Olivia Wilde („The Lazarus Effect“) ist „Der Fall Richard Jewell“ zudem bis in die Nebenrollen hinein vorzüglich besetzt.

Richards Mutter Bobi beobachtet den Medienandrang vor ihrem Haus

Doch leider ist auch Eastwoods neuester Streich nicht gefeit vor dessen persönlichen Fehlern. So steht sich der Altmeister mit seinen eigenen Ansichten gelegentlich selbst im Weg, wodurch auch der eigentlich durchweg gute Eindruck von „Der Fall Richard Jewell“ etwas leidet. So zeigt sich zum Beispiel Eastwoods implizierte Ablehnung gegenüber staatlichen Institutionen in einer ziemlich überzogenen Dämonisierung des FBI und dessen Ermittlern, die selbst vor der Unterwäsche oder kostbaren Tupperware von Jewells Mutter keinen Halt machen.

Auch führt seine grundlegende Ablehnung gegenüber den Medien zu einer zwar im Grunde berechtigten, aber mitunter gleichfalls überzogen wirkenden Medienschelte. Gerade die Medienkritik brachte dem Regisseur bislang den meisten Ärger ein. Dies liegt insbesondere an seiner filmischen Interpretation der realen Journalistin Kathy Scruggs (Wilde), die Eastwood einen Großteil des Films als besonders verachtenswerte Ausgabe ihres Berufsstandes inszeniert. So scheint diese in ihrem Karrierewahn nicht nur ohne Empathie oder so etwas ähnlichem wie eine menschliche Seele ausgestattet zu sein – sie schreckt auch nicht vor Einbrüchen und Sexdiensten zurück, um an Informationen zu gelangen. Hiermit soll Eastwood nicht nur dem historischen Vorbild unrecht tun, im Zeitalter vom „woke“-Gedanken und „#metoo“ sorgte zudem insbesondere das alte Klischee der „Frau bietet ihren Körper zum Wohl der Karriere an“ zu Recht für einige öffentliche Empörung.

Richards letzter Freund? Der streitlustige, frühere Karriereanwalt Watson Bryant

Ist man als Zuschauerin oder Zuschauer bereit, über diese teilweise problematischen Einschübe des Regisseurs hinwegzusehen, erwartet einen mit „Der Fall Richard Jewell“ rundum solide Eastwood-Kost. Der handwerklich und erzählerisch bestens inszenierte Film kann vor allem aufgrund der herausragenden Schauspielleistungen überzeugen. Er funktioniert zudem als Mahnmal für unsere gegenwärtige Zeit, in der Menschen nicht nur durch die etablierten, sondern insbesondere die umfangreichen sozialen Medien nur allzu schnell vorverurteilt und gesellschaftlich geradezu vernichtet werden. Nicht auszudenken, Richard Jewell hätte sich auch noch mit den Folgen eines massiven Internetmobs auseinandersetzen müssen. Doch auch so hatte die unvergleichliche emotionale Tour de Force für das reale Vorbild üble Folgen, starb dieser doch nur wenige Jahre später am 29. August 2007 an Herzversagen. Er wurde gerade einmal 44 Jahre alt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kathy Bates unter Schauspielerinnen, Filme mit Sam Rockwell in der Rubrik Schauspieler.

Doch wird sich der eigenwillige Mandant überhaupt helfen lassen?

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Richard Jewell
USA 2019
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Billy Ray, nach Vorlagen von Marie Brenner, Kent Alexander und Kevin Salwen
Besetzung: Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Olivia Wilde, Kathy Bates, Jon Hamm, Brandon Stanley, Ryan Boz, Charles Green, Mike Pniewski, Ian Gomez
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 

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Hager – Halluzinatorischer Indie-Mindfuck

Hager

Von Volker Schönenberger

Psychothriller // Bei einer Drogenrazzia verschwindet der Kriminalpolizist Julius Schweitzer (Battle-Rapper Cris Kotzen) spurlos. Der Einsatz galt einer neuartigen Droge namens Abaddon, kurz auch ABD genannt, die schwere Halluzinationen auslöst. Die Ermittler Till Hager (Philipp Droste) und Daniel Eichborn (David Garzón Bardua) werden auf den Fall angesetzt. Während Letztgenannter angesichts der Bedeutung des Auftrags und der damit verbundenen Gehaltserhöhung ganz beglückt ist, befindet sich Hager gerade in einer Lebenskrise. Bald will er seine Freundin Sara Weidel (Jenny Christina Conrads) heiraten, doch er ist skeptisch, ob er wirklich sein Leben mit ihr verbringen will, und hat nebenbei eine Geliebte (Aline Adam). Dass der verschwundene Kollege Schweitzer der Ehemann von Hagers Schwester Maria (Anna Heidegger) ist, macht das Ganze nicht einfacher.

Zivilfahnder Hager landet …

Nicht einfach gerät „Hager“ auch fürs Publikum. Die von mir skizzierte Handlung lässt sich noch einigermaßen problemlos erfassen, doch dann verlieren wir uns in verfremdeten, delirienden Bildern – als hätten sich Filmemacher und Publikum gemeinsam auf einen Abaddon-Trip begeben. Manch fragmentarische Szene konnte ich kaum der Story zuordnen, gleichzeitig enthielten diese Sequenzen Hinweise, das Rätsel zu entwirren. Aber ob mit all diesen Hinweisen ein Gesamtbild entsteht, das uns eine schlüssige Erklärung liefert – ich weiß nicht recht. Mir ist nicht mal bei jeder Szene klar geworden, ob sie real in der Geschichte stattgefunden hat oder im Drogenrausch herbeihalluziniert worden ist – sei es als Erinnerung oder als Fantasie. So oder so ist „Hager“ kein Film für Menschen, die am Ende jedes Detail erklärt bekommen haben müssen.

Die Droge Abaddon – der Engel des Abgrunds

Nähern wir uns dem Rätsel anhand des Namens der Droge: Abaddon lautet der Name einer biblischen Figur, die in Verbindung zum Totenreich Scheol steht. Von einem „Engel des Abgrunds“ ist die Rede, der den Namen Abaddon trage – im Griechischen Apollyon. Wo ist der Bezug zu „Hager“? Die Droge im Film entführt anscheinend diejenigen Konsumenten, die nicht reinen Herzens sind, in ihre persönliche Hölle. Aber was hat das zu bedeuten? „Hunderttausend heulende Höllenhunde!“ möchte man da frei nach Kapitän Haddock fluchen.

… in seinem persönlichen Fiebertraum

Ganz am Ende entpuppt sich gar ein Taxifahrer mittels Einblendung auf dem Rückspiegel als Charon, der mystische Fährmann des Todes. Und dann haben wir noch die von der Rapperin Nura Habib Omer gespielte Gesprächstherapeutin, deren Name erst gegen Ende eingeblendet wird und auf Dantes Göttliche Komödie verweist: Malacoda heißt sie, und so lautet in Dantes Hauptwerk der Name des Führers der zwölf Dämonen im Inferno, der Malebranche. Einige Einblendungen, womöglich als Kapitelüberschriften von „Hager“ interpretierbar, sind wohl auch Zitate aus der Göttlichen Komödie. Seltsam? Aber so steht’s geschrieben …

Was befindet sich hinter dieser Tür?

Es passt gut ins Bild, dass der in Berlin lebende österreichische Regisseur Kevin Kopacka ein erfolgreicher Kunstmaler ist, dessen malerisches Werk ebenfalls vor surrealer Rätselhaftigkeit strotzt. Da ich Malerei zwar mag und auch Kopackas Gemälde ansprechend finde, diesbezüglich aber ein gepflegter Banause bin, unterlasse ich es besser, weitere Bezüge zwischen Kopackas beiden Kunstformen Filmemachen und Malen herzustellen. Versucht euch selbst daran!

Kostenlos im Netz zu schauen

Nicht zuletzt scheint sich der Regisseur auch auf David Lynchs verstörendes Werk „Lost Highway“ (1997) zu beziehen, aber da meine einzige Sichtung viel zu lange zurückliegt, kann ich dazu nichts Erhellendes beitragen. „Hager“ markiert Kopackas Langfilm-Regiedebüt und bildet nach den Kurzfilmen „Hades“ (2015) und „Tlmea“ (2016) gleichzeitig den Endpunkt einer Trilogie. Im ersten Quartal 2020 war das Psychodrama in einigen – wenigen – deutschen Kinos gezeigt worden. Ob eine Veröffentlichung auf Blu-ray oder DVD geplant ist, entzieht sich meiner Kenntnis, aber mittlerweile kann der Film kostenlos auf dem Online-Portal sowie dem YouTube-Kanal von „Netzkino“ angeschaut werden. Es lohnt sich.

Eine Therapeutin stellt Fragen

Der deutsche Film lebt! Wem „Hager“ ge- oder missfallen wird, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen, dafür ist der Film zu eigenwillig. Aber so soll Independent-Kino auch sein – sich nicht um Erwartunghaltung scherend einer ganz eigenen Vision folgen und etwas Neues erschaffen. Das ist Kevin Kopacka gelungen. „Mindfuck“ nennen manche das heutzutage wohl. Wer sich von meiner Verwirrung angesprochen fühlt und deutschen Indies und Underground-Filmen sowieso gern eine Chance gibt, möge alle Hoffnung fahren lassen und sich „Hager“ zu Gemüte führen. Aber nicht zu viel von den Halluzigenen naschen! Am Ende bleibt Ihr noch in eurer eigenen Hölle stecken, und das wollen wir doch nicht.

Wohin führt Hagers Weg?

Länge: 78 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Hager
D 2020
Regie: Kevin Kopacka
Drehbuch: H. K. DeWitt, Kevin Kopacka
Besetzung: David Garzón Bardua, Frederik von Lüttichau, Kevin Kopacka, Nura Habib Omer, Aline Adam, Clara Westhoff, Jürgen F. Schmid, Cris Kotzen, Philipp Droste, H. K. DeWitt, Philip Grüneisen, Jenny Christina Conrads, Anna Heidegger, Iman Rezai, Melanie Pechstein
Produktion/Verleih: Crossbones GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Plakate & Trailer: © 2020 Crossbones GmbH

 

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Onward – Keine halben Sachen: Was wäre, wenn …?

Onward

Kinostart: 5. März 2020

Von Philipp Ludwig

Computertrick-Fantasykomödie // Was wäre, wenn sich Frodo Beutlin auf Google Maps verlassen hätte, an der Grenze zu Mordor aber der Handyempfang flöten gegangen wäre? Wenn Jon Snow die Pflege seines Instagram-Profils (#iknownothing) dem beschwerlichen Kampf gegen den Nachtkönig vorgezogen hätte? Oder Geralt von Riva sich nicht seiner Bestimmung widmen würde, als Hexer Monster zu jagen, um lieber auf YouTube seine Routine-Videos zu perfektionieren? Als nerdaffiner, dem Fantasy-Genre in Buch, Film und Videospiel zugeneigter Mensch habe ich mich immer mal wieder bei der Frage erwischt, was wohl gewesen wäre, hätte auch in Mittelerde oder Westeros der technische Fortschritt Einzug gehalten.

Die Lightfoots – sieht so eine ganz normale Elfenfamilie aus?

In gewisser Weise wirkt es schon ein wenig komisch. Da haben wir Welten, in denen allerlei skurrile Geschöpfe und schwer greifbare Kräfte wie die Magie allgegenwärtig sind – einen wirklichen technischen Fortschritt gibt es aber selbst in Hunderten, gar Tausenden von Jahren nicht zu beobachten. Natürlich stellt gerade dies einen entscheidenden Erfolgsgaranten des Genres dar, als Gegenentwurf zu unserer eigenen hektischen und fortschrittshörigen Gegenwart. Ein Hoch auf den Eskapismus. Die kreativen Köpfe der Pixar Studios um Autor und Regisseur Dan Scanlon („Die Monster Uni“) haben sich in ihrem neuesten Animationsstreich „Onward – Keine halben Sachen“ auf filmische Weise genau dieser „Was wäre wenn?“-Fragestellung angenähert. Ob sie dabei an großartige Klassiker aus der langen Erfolgsgeschichte des Studios wie „Wall-E“, „Die Monster AG“ oder die „Toy Story“-Reihe anknüpfen können?

Vom Gegenentwurf zum Partner

Durch bahnbrechende Animationsfilme konnte sich Pixar seit den 1990ern nicht umsonst als größter Konkurrent der Trickfilmgiganten aus dem Hause Disney hervortun. Entgegen der oft allzu moralisch und kitschig angehauchten Disney-Produktionen gelang es den Pixar-Filmen auf ansprechende Weise, verschiedene Aspekte unter einen Hut zu bringen. So bieten ihre meist ausgesprochen intelligenten Werke Anknüpfungspunkte für Jung und Alt. Sei es durch eine vordergründig putzige Inszenierung und den meist hintergründigen Humor mit zahlreichen Anspielungen auf andere Werke der Popkultur – oder durch ihre Behandlung feinfühliger und tiefgründiger Themen des Lebens. Ein filmischer Meilenstein wie „Wall-E“ etwa ist mir in meinem medienwissenschaftlichen Studium in gleich drei Seminaren als analytisches Referenzobjekt über den Weg gelaufen. Ob im Philosophieseminar als Diskussionsgegenstand zu Fragen rund um das Thema der „Personal Identity“ oder im Drehbuchseminar als Beispiel, wie man einen nichtmenschlichen Helden durch den Schreibprozess „menschlich“ werden lässt – das Werk hat deutlich mehr zu bieten als nur die rührende Liebesgeschichte eines niedlichen Müllsammlers. So bieten Pixar-Filme in der Regel nicht nur viel Grund zum Lachen (und mitunter Weinen), sondern sie regen dankenswerterweise stets zum Nachdenken an. Kein Wunder also, dass sich Disney auch diesen Konkurrenten nach bereits anfänglicher enger Zusammenarbeit mittlerweile auch offiziell „einverleibt“ hat.

Der schüchterne Ian (l.) und sein stets auf sein Bauchgefühl vertrauender Bruder Barley

„Onward – Keine halben Sachen“ wirft uns in eine prototypische fantastische Welt. Hier gibt es alles, was das Fantasy-Herz begehrt: Gandalfeske Zauberer bekämpfen monströse Drachen. Tapfere Reckinnen und Recken bestehen Abenteuer aller Art. Elfen leben friedlich neben Zwergen, Meerjungfrauen und Trollen. Majestätische Einhörner fliegen durch die Lüfte. Auch für den Komfort wird gesorgt. Zumindest, wenn sich ein Magier dazu erbarmt, einem ein kleines Feuerchen zu entzünden oder die Hütte zu erwärmen. Doch irgendwie sind es die Bewohner dieser Welt satt, für derlei Bequemlichkeiten stets auf die Hilfe der Zauberer angewiesen zu sein oder den komplizierten Umgang mit der Magie selbst zu erlernen. Vor allem als sich herumspricht, dass es jemanden gelungen ist, etwas viel Bequemeres zu erfinden: die Glühbirne. Da die verheißungsvollen Versprechungen von Technik und Elektrizität auch für magiegewohnte Lebewesen einfach zu verlockend sind, ist der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten.

Fantasy im Smartphone-Zeitalter

Zeitsprung: New Mushroomton ist eine moderne mittelgroße Stadt, ausgestattet mit allerlei Hightech-Schnickschnack wie Smartwatches und Navis. Magie oder Zauberer sucht man hier vergebens. Elfen arbeiten jetzt mitunter als Buchhalter, einst vor Kraft strotzende Zentauren als lauffaule Polizisten und die ehemals majestätischen, nun verwahrlosten Einhörner giften sich in den Straßen gegenseitig beim Müllfressen an. Auch die einst gefürchteten Drachen nehmen mittlerweile eher die Rolle von zahmen Schoßhündchen ein. Dort leben die jungen Elfen-Brüder Ian und Barley Lightfoot mit ihrer alleinerziehenden Mutter. An seinem 16. Geburtstag wird der schüchterne Ian von Existenzängsten geplagt und fragt sich, wer er eigentlich einmal im Leben sein will. Zu gern würde er sich den Rat seines als umgänglich bekannten, von allen geliebten Vaters wünschen. Doch leider starb der kurz vor Ians Geburt an einer tödlichen Krankheit. Ians großer Bruder Barley hingegen interessiert sich mehr für die nächste Quest in einem Abenteuer-Brettspiel. Sowieso scheint der tollpatschig veranlagte, aber liebenswerte Nerd einer der letzten zu sein, der sich noch für die spannende Historie einer einst so besonderen Welt interessiert.

Ian lässt ungeahntes Talent hervorblitzen

Zum Geburtstag erhält Ian ein lang gehütetes Geschenk seines toten Vaters, das seine Mutter ihm erst zum 16. Geburtstag überreichen durfte: einen alten Zauberstab samt Zauberspruch! Dieser soll helfen, den Verstorbenen einmalig für einen letzten gemeinsamen Tag zurückzuholen. Erstaunlicherweise zeigt Ian tatsächlich Ansätze eines magischen Talents. Dumm nur, dass der für den komplizierten Zauberspruch existenzielle Part des Stabes – ein Phönixstein – während der noch etwas ungelenken Magieeinlage des Anfängers zerbricht. Um den Vater, von dem aufgrund des Missgeschicks leider nur der (immerhin quicklebendige) Unterleib beschworen wurde, zu vervollständigen, wird rasch Ersatz benötigt. Die Zeit läuft, denn in 24 Stunden wäre selbst dieser halbe Vater endgültig für alle Zeit verloren. Es beginnt für die beiden Brüder eine aufregende Quest, die sie vor allerlei Herausforderungen stellen wird. Da trifft es sich für Ian natürlich gut, mit Obernerd Barley und dessen reichhaltigem Erfahrungsschatz den richtigen Partner an der Seite für ein zünftiges Abenteuer zu haben. Oder etwa nicht?

Eine Ode an die Nerds

Der animationsfilmerfahrene Dan Scanlon und sein Team bieten in den knapp hundert Minuten Laufzeit von „Onward – Keine halben Sachen“ eine gehörige Menge Abwechslung. So handelt es sich in erster Linie um eine liebenswerte Parodie des Fantasy-Genres ebenso wie eine Liebeserklärung an ausgeprägtes Nerdtum. Man merkt an der Qualität der Witze sowie der Liebe zu den einzelnen Figuren und Anspielungen auf Filme, Bücher und Spiele des Genres, dass die Macher selbst eine gewisse Nerdigkeit besitzen dürften. Ihr Werk lässt sich somit als Hommage an all die Leseratten, Filmfreaks und Brettspielhelden da draußen verstehen, statt sich beispielsweise auf ihre Kosten über sie lustig zu machen.

Seine magischen Fertigkeiten reichen zunächst jedoch nur für eine unvollständige Beschwörung

„Onward – Keine halben Sachen“ bietet aber viel mehr als das. Der Animationsfilm enthält weitere Elemente populärer Genres, etwa des Coming-of-Age-Films und des Roadmovies. Ebenso werden auf tiefgründige und emotionale Weise existenzielle Themen des Lebens behandelt. Sei dies die schwierige Frage nach der eigenen Identität oder der Umgang mit dem schmerzlichen Verlust nahestehender Menschen. Durch das obskure Gedankenexperiment, die Auswirkungen technischer Entwicklungen auf eine magische Welt auf amüsante Weise durchzuspielen, bietet sich darüber hinaus auch großes Potenzial zu einer sozialkritischen Betrachtung unserer der Technik verfallenen Gesellschaft. So ist zum Beispiel eine einst gefürchtete und legendäre Mantikora Corey als zahm gewordene Gastronomin eines Familienschnellrestaurants gegenwärtig eher über eine kaputte Karaokemaschine und damit verbundene negative Bewertungen im Internet besorgt. Ebenso droht die Begegnung mit einer nicht zu unterschätzenden Bikergang aus dem Ruder zu laufen, bestehend aus winzigen, Lederjacken tragenden und vollbärtigen Feen mit rosa Flügelchen. Mehr verrate ich an dieser Stelle nicht, seht selbst! Der technische Fortschritt scheint sich für die einst so fabelhaften Bewohner von New Mushroomton aber nicht nur als Segen herausgestellt zu haben, zumindest, was ihre sie einst kennzeichnende Fabelhaftigkeit betrifft.

Barley und Ian erhoffen sich Hilfe von Corey (r.)

Obwohl insbesondere die tragische Geschichte um zwei Brüder, die alles daran setzen wollen, den Verlust ihres Vaters wenigstens für einen kurzen Moment zu negieren, für das eine oder andere feuchte Augenpaar sorgen dürfte – im Vordergrund stehen natürlich ganz klar die Lacher. Und von denen hat „Onward – Keine halben Sachen“ mehr als genug zu bieten. Da uns in der Pressevorführung dankenswerterweise die englischsprachige Originalversion gezeigt wurde: Der Film profitiert hier insbesondere durch die tollen Sprecher Tom Holland (Ian) und Chris Pratt (Barley). Gerade Pratts stimmliche Darbietung als dauerquasselnder und einfach rundherum liebenswerter Tollpatsch Barley ist ein großer Spaß. Auch die zentralen weiblichen Rollen von Ians und Barleys Mutter Laurel sowie Mantikora Corey sind mit „Seinfeld“-Star Julia Louis-Dreyfus sowie Octavia Spencer („Ma“) vortrefflich besetzt.Wie sich dagegen ihre deutschen Kollegen schlagen werden, kann ich demnach nicht in Gänze beurteilen. Der unten verlinkte Trailer lässt aber auf eine gelungene Umsetzung hoffen.

Ein großer Spaß

„Onward – Keine halben Sachen“ ist trotz aller Kreativität, Gefühl und treffendem Humor allerdings kein neuer „Wall-E“ oder „Toy Story“. Um die großen Fußstapfen der imposantem Pixar-Historie vollständig auszufüllen, fehlt am Ende leider doch ein wenig der letzte Funken Genialität. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dem neuesten Werk der Animationsschmiede, die sich trotz Übernahme durch Disney viel von ihrem anarchischen Charme bewahren konnte, um einen fantastischen Spaß. Sowohl junge als auch ältere Vertreter im Publikum dürften hier viel Grund zur Freude haben, auch wenn die Kleineren wohl besser zu Hause bleiben sollten. Gerade der überaus aktive Unterleib von Papa Lightfoot könnte doch für so manche Irritationen sorgen. Trotz der zahlreichen Nerd-Anspielungen dürfte durch die abwechslungsreiche Inszenierung und thematische Vielfalt auch für diejenigen unter euch etwas dabei sein, die ansonsten weniger dem Fantasy-Genre zugeneigt sind. Insbesondere wenn man bereits an anderen Pixar-Streifen Gefallen fand. Diese Angaben sind allerdings ohne Gewähr, da ich mich in weniger nerdig veranlagte Menschen noch nie sonderlich gut hineinversetzen konnte.

Auf das Bruderpaar wartet ein großes Abenteuer

Edle Gefährten, es bleibt mir zum Abschluss daher nur, euch folgenden weisen Rat auszusprechen: Werft euch eure besten Umhänge über, strafft die Gürtel, schnürt die Stiefel und dann mit einem kräftigen „Onward!“ auf den Lippen auf zum nächsten Lichtspielhaus! Immer daran denken: Beim Zaubern stets auf die richtige Körperhaltung achten! Und provoziert auf euren Wegen möglichst keine Feen!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Octavia Spencer haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Chris Pratt unter Schauspieler.

Wird es Ian gelingen, erstmals seinen vollständigen Vater zu treffen?

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Onward
USA 2020
Regie: Dan Scanlon
Drehbuch: Dan Scanlon, Jason Headley, Keith Bunin
Originalsprecher: Tom Holland, Chris Pratt, Julia Louis-Dreyfus, Octavia Spencer, Mel Rodriguez, Tracey Ullman, John Ratzenberger, Lena Waithe, Ali Wong
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenbilder & Trailer: © 2019 Disney/Pixar. All rights reserved.

 

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