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Archiv der Kategorie: TV/Streaming

Zum 100. Geburtstag von Ann Savage: Apology for Murder – Auch fremde Federn können noch fliegen

Apology for Murder

Von Tonio Klein

Thriller // Manche Stars haben das Glück oder den Fluch, mit nur einem Film oder einer Serie assoziiert zu werden. Oftmals völlig zu Unrecht – Vivien Leigh hat eben nicht nur „Vom Winde verweht“ (1939) gemacht und Peter Falk nicht nur „Columbo“ (1968–2003). Bei Ann Savage fällt einem sofort „Detour – Umleitung“ (1945) ein, der B-Film noir, der völlig zu Recht Kult ist und nicht nur in diesem Blog bereits gewürdigt wird. Während bei Falk und Leigh die Suche nach weiteren Filmen nicht schwer ist und der Fan sofort etwas wie „Endstation Sehnsucht“ (1951) oder „Eine Leiche zum Dessert“ (1976) nennen wird, muss man bei Savage schon graben. Nun gut, natürlich ist das Auffinden einer Filmografie im Internet nicht schwierig – aber was außer eben „Umleitung“ könnte etwas taugen? In „Woman They Almost Lynched“ (1953) vom angesehenen Allan Dwan rangierte sie mir zu weit hinten. Alles vor 1945 erscheint mir etwas seicht (und man möge mir verzeihen, nicht alles ausprobiert zu haben). Aber könnte „Umleitung“ nicht ein bisschen Kielwasser haben? Ja, wenigstens ein bisschen. Während mir „The Last Crooked Mile“ (1946) als Murder Mystery etwas zu glatt war und nur sporadisch Noir-Düsternis aufweist, hat „Apology for Murder“ eine ganze Wagenladung davon.

Nachdem Ann Savage als Starlet bei „Columbia“ nicht viel mehr als belanglose B-Filme machen konnte, nahm sie das Angebot der Producers Releasing Corporation (PRC) an, „Umleitung“ zu drehen. Das legendäre Poverty-Row-Studio konnte gelegentlich winzige Budgets mit ungestümer Kreativität ausgleichen, vor allem, wenn Edgar G. Ulmer Regie führte. Der inszenierte aber nur „Detour“, nicht „Apology for Murder“, den man schnell während der Postproduktion von „Detour“ noch herunterkurbelte und sogar eher und noch unscheinbarer beworben in die Kinos brachte.

Double Double Indemnity

Ist aber nicht so schlimm, jedenfalls, wenn man sich nicht auf ein zweites Wunder einstellt. Offenbar war den Produzenten halbwegs klar, dass Savage als Dreckstück, das sie in „Umleitung“ ohne jeglichen Femme-fatale-Glamour war, ein zweites Mal zünden konnte. Und das kann sie. Wobei jeder sich fragen muss, wie übel er es „Apology for Murder“ nimmt, ein reichlich unverschämtes Rip-off von Billy Wilders Film noir „Frau ohne Gewissen“ (1944) zu sein, im Original „Double Indemnity“ betitelt. Wheeler Dixon berichtet in seinem Buch „Cinema at the Margins“ (2013) sogar, dass der Arbeitstitel „Strange Indemnity“ war und Paramount als Studio von „Double Indemnity“ gerichtlich gegen die Produktion trotz zwischenzeitlich geänderten Titels vorging. Die inhaltlichen Parallelen sind aber auch wirklich frappierend. Aber, liebe Paramount, wozu der Zinnober? „Frau ohne Gewissen“ ist eine Eiche, die es nicht kümmern muss, wenn eine Sau sich an ihr reibt. Ja, mehr noch: Es gereicht der Eiche zur Ehre, und die Sau ist zu unwichtig. Also Schwamm drüber, denn obwohl die beiden Werke sich nun wirklich nicht messen können: Die Sau ist eher ein kecker Bastard und als solcher nicht ohne Reiz. Wenn ein Team, dessen Talent nicht gerade den Ed-Wood-Niveauboden erreicht, von etwas sehr sehr Gutem klaut, ist das Ergebnis immer noch ansehnlich. Auch fremde Federn können noch fliegen.

Vorzüge …

Gier, Begehren, Femme fatale, ihr verfallener, höriger Mann, umzubringender Ehemann, ein Wagen, dessen Nichtanspringen Suspense bringt, das bleihaltige Finale mit Abgründen in den Gesichtern und Schatten/Kontrasten, die Akte der Fremd- und Selbstverletzung (beides voneinander untrennbar), der Sterbende, der noch seine Lebensbeichte zu Protokoll bringen kann: Nicht nur die großen Linien, sondern auch auffällig viele Details sind aus „Frau ohne Gewissen“ bekannt. Toni (Savage) becirct den Reporter Kenny (Hugh Beaumont), klagt vom Eheleid, dem sich nicht durch Scheidung entfliehen ließe – der selbstredend reiche Mann Harvey (Russell Hicks) müsste schon einen Unfall haben. „Oder man müsste es wie einen Unfall aussehen lassen.“

Einmal von Toni ins Gespräch gebracht, können wir dem noch zu widerstreben scheinenden Kenny dabei zusehen, wie er keine Chance hat und im Grunde nie eine hatte. Geht immer – ob abgekupfert oder nicht. Die Dialoge enthalten immerhin leicht doppelbödige Zeilen über „human interest“, womit Kenny seine Reportagen würzen möge, aber Geschäftsmann Harvey sagt: „I’m not interested in human interest.“ Dass hingegen Kennys „menschliches Interesse“ im Sinne von Empathie nur vorgeschoben ist, deutet bereits seinen in guter fatalistischer Noir-Tradition unausweichlichen (Ver-)Fall an. Und so kommt es auch. Savage ist zwar nicht auf so bemerkenswert glamourlose Weise verkommen wie in „Umleitung“, hat aber ein paar ausgesprochen überzeugende Szenen: Im Erstauftritt sehen wir zunächst nur ihren schlenkernden Unterschenkel (eine Anspielung auf Barbara Stanwycks Fußkettchen aus „Frau ohne Gewissen“?), dann zieht sie kokett und mit süffisantem Lächeln den Rock übers Knie, also nach unten. Da wahrt sie die Fassade und spielt gleichzeitig bewusst mit der Verlockung, die unter diesem Rock ist. Die Geste wird sie später umkehren, den Rock nach oben schieben – wissend, dass sie ihr Opfer gefunden hat und nun völlig mit offenen Karten spielen kann. Schließlich der Moment des Mordes: Natürlich ist es in Very-low-budget-Filmen ein beliebter Trick, einen Moment auszusparen und eine Aktion nur über die Tonspur zu suggerieren. Aber dass die Kamera dabei ohne Schnitt auf die Savage hält, gibt ihr Gelegenheit, zwar eine Reaktion, aber eine emotionale Ungerührtheit zu zeigen, die gleichzeitig fasziniert und erschaudern lässt. So geht es wohl auch Kenny …

… und kleine Abzüge in der B-Note

Der Film ist insgesamt ein typischer B- oder auch C-Film, und wenn – wie hier – nicht völlige Talentlosigkeit herrscht, geht das oft gar nicht mal schlecht. Zumindest, wenn man die richtige Erwartungshaltung hat. Womit ich nicht meine, à la „SchleFaZ“ über Trash die Häme auszukübeln, sondern einen soliden Unterhaltungsquickie zu genießen und die kleineren Macken und fehlenden Feinheiten großmütig zu verzeihen. Dann funktioniert „Apology for Murder“ wirklich gut. Erwartet aber bitte nicht annähernd die Qualität, die RKOs B-Abteilung seinerzeit unter dem Produzenten Val Lewton erreicht hat!

Um leise Töne, Umwege, Andeutungen ist das Krimidrama fast nie bemüht, das geht immer direkt zur Sache, da sind das Schlenkerbein, die vorgegaukelte Liebe, die Mordfantasie, schließlich der Mordplan, später der Betrug der Femme fatale sofort da. Man hat ja nicht x Drehtage, der fertige Film soll zudem in gut einer Stunde durch sein, um als Doppelprogrammfüller sein Dasein zu fristen. Also geradeaus und geradeheraus erzählt, kein Umtänzeln und Antäuschen, sondern immer sofort zur Sache, feste druff und am besten gleich in die Magengrube. Das hat nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile. Nichts für Feingeister, aber von einer archaischen Urkraft, die gerade dem Fatalistischen des Noir nicht mal schlecht ansteht.

Toni sieht den Mord, keinen Unfall!

Wobei ich es mir mit der Direktheit in der Gestaltung dann doch etwas dezenter gewünscht hätte. Da ist des Filmes Versuch, mangelnde Finesse durch Wucht zu ersetzen, nämlich ein bisschen durchsichtig, und weniger wirkungsvoll. Muss man wirklich die Musik über einen so hohen Anteil von Szenen kleistern? Man muss schon Edgar G. Ulmer sein, um etwas Vergleichbares zu können, wie sein durchgängig musikunterlegter „Die schwarze Katze“ schon 1934 zeigte, als noch niemand das machte. Hier hingegen merkt man insbesondere an den Szenenanschlüssen, dass die Musik im Nichts endet und neue Musik aus dem Nichts kommt, alles wie Konservendosen aneinandergereiht – hier sind die „Hörwerte“ wirklich plump draufgeklatscht.

Aber das verursacht – jedenfalls mir – eher ein „So machte man das eben“-Schmunzeln als ein Naserümpfen. Billige Filme, die dergestalt mal eben einen hohen Musikanteil reinbringen, sind gar nicht selten, bis hin zu Russ Meyer, der Musikern schon mal sagte, sie mögen für eine Handvoll Dollar eine Stunde lang sonstwas spielen. Nun denn. „Apology for Murder“ reicht weder an „Frau ohne Gewissen“ noch an „Umleitung“ heran, bietet aber ordentliche Unterhaltung, erhellend über Techniken und Taktiken des Billigfilms und zudem mit einer schön abgründigen und darin überzeugenden Ann Savage.

Glückwunsch, Ann Savage!

Unter welchen Voraussetzungen ihre kurze Karriere ausbaufähig gewesen wäre, lässt sich schwer sagen. Zumal ich mich vorher nicht groß mit ihrer Person beschäftigt hatte, weswegen mir verziehen sei, das Folgende von Wikipedia und der IMDb übernommen zu haben (mein Hauptberuf des Juraprofessors hat mir aber schon oft gezeigt, dass Wiki insgesamt wesentlich besser als sein Ruf ist). Nach einer gewissen Pin-up-Karriere und Fließband-Drehs von 1943 bis 1946 lichten sich die Einträge; in den 1950er-Jahren kam das Fernsehen und nach 1955 drehte sie nur noch sporadisch. Am öffentlichen Filmleben nahm sie aber noch teil, bis sie nach mehreren Schlaganfällen am 25. Dezember 2008 im Alter von 87 Jahren in Hollywood starb. „Savage“ – den Namen hatte ihr Max Reinhardt während ihrer Zeit an seiner Theater- und Filmakademie verpasst – war sie nur in wenigen Filmen. Aber die, speziell einer, sicherten ihren Ruf. Am 19. Februar 2021 wäre die in Columbia, South Carolina, als Berniece Maxine Lyon Geborene 100 Jahre alt geworden.

„Apology for Murder“ ist rechtefrei verfügbar und lässt sich ganz legal im Internet ansehen, zum Beispiel auf YouTube. Eine DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung habe ich nicht gefunden, obwohl es in einem Text auf der Seite „Film Noir of the Week“ am Ende heißt, es existiere eine. Aktuelle entsprechende Angebote dürften aber von Personen stammen, die TV-Aufzeichnungen oder Heruntergeladenes selbst auf eine Scheibe pressen, sodass die Qualität mutmaßlich ebenso wie die im Netz ist. Dort muss man die Kröte einer miesen technischen Qualität schlucken. Wer dazu bereit ist, kann Geschmack an dem Film und Ann Savage in ihm finden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ann Savage haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Länge: 67 Min. (lt. IMDb und Wikipedia) oder 64 Min. (Online-Version)
Originaltitel: Apology for Murder
USA 1945
Regie: Sam Newfield
Drehbuch: Fred Myton
Besetzung: Ann Savage, Hugh Beaumont, Russell Hicks, Charles D. Brown, Pierre Watkin, Sarah Padden, Norman Willis, Eva Novak, Budd Buster

Copyright 2021 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

 

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Medicated – Lääkekoe: Die spinnen, die Finnen!

Lääkekoe

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Nachricht aus Finnland: Vor einiger Zeit kontaktierte mich der in Helsinki lebende Heikki Kauma und fragte mich, ob ich Lust hätte, den No-Budget-Movie „Medicated – Lääkekoe“ von 2018 zu sichten und bei „Die Nacht der lebenden Texte“ zu rezensieren. Da ich ein Herz für den Undergroundfilm habe – ohne allzu viel davon zu verstehen – und sich der Plot interessant genug las, sagte ich zu. Heikki ist einer der Darsteller des Films, sein Bruder Tapio Kauma zeichnet fürs Drehbuch verantwortlich, gemeinsam mit Ville Väisänen auch für Regie, Produktion, Kamera und Schnitt, wobei Väisänen zusätzlich die Spezialeffekte und mit einigen anderen den Score schuf. Dass eine Person mehrere Aufgaben übernimmt, ist im Undergroundsektor ja gang und gäbe, ebenso wie die Tatsache, dass die Beteiligten vor diesem ihrem ersten Langfilm ein paar Kurzfilme erschaffen hatten.

Eine mysteriöse Substanz

Ein Mann mit einer Tasche betritt ein verfallenes Haus, zur Sicherheit zückt er zuvor noch seine Pistole. Im Innern trifft er auf einen anderen Bewaffneten (Ville Väisänen), nach einem kurzen Wort- kommt es zum Feuergefecht. Die Tasche wechselt den Besitzer. Sie enthält einen Behälter mit einer Substanz, die offenbar für ein medizinisches Experiment benötigt wird.

Es beginnt bleihaltig

Der bei seinem Bruder Kartsa (Regisseur Tapio Kauma) verschuldete Korppainen (ebenfalls Tapio Kauma) wird von diesem zur Teilnahme an besagtem Experiment genötigt. Er sucht die Klinik auf und lässt sich das Serum verabreichen. Daraufhin erscheint ihm in Visionen die uralte böse Wesenheit Hal’Migure. Zurück in der Realität, verfolgen ihn plötzlich sonderbare Gestalten, die ihm nach dem Leben trachten – mühsam kann er sich ihrer erwehren. Zurück in der Klinik trifft er auf Niklas (Heikki Kauma), der hinter dem Experiment zu stecken scheint. Oder ist alles ganz anders?

Schein oder Sein?

„Medicated – Lääkekoe“ funktioniert recht gut als Mischung aus Psychothriller und Horrordrama, lässt das Publikum lange darüber im Unklaren, welche Ereignisse sich im Kopf von Korppainen und welche in der Realität abspielen. Womöglich spielt sich einiges auch in einer für den Protagonisten verzerrten Realität ab.

Korppainen erlebt Surreales

Wie fast immer bei Undergroundfilmen muss man sich als Hollywood-Hochglanz- oder zumindest professionelle Produktionen gewöhnter Filmgucker darauf einlassen, dass sich vieles auf laienhaftem Niveau abspielt. Aber da ich weiß, dass zumindest ein paar meiner Leser damit umzugehen wissen oder sogar selbst bereits an deutschen Underground-Produktionen mitgewirkt haben, wird es sicher einige unter ihnen geben, die an „Medicated – Lääkekoe“ Interesse finden. Und das hat das Werk auch verdient.

CGI-Masken

Etwas Blut fließt, meist Kunstblut (im Gegensatz zu am Computer eingefügtem), am Ende splattert es sogar gehörig, das dann mit viel Rechner-Unterstützung. Die CGI-Effekte haben mir nicht durchweg gefallen, hier erkennt man doch arg deutlich das nicht vorhandene Budget. Speziell bei Korppainens Angreifern – weshalb überhaupt schwingen sie Schwerter? – wurde mit Rechnerhilfe das Gesicht verzerrt, was gar nicht mal so gut aussieht. Hier wären handgemachte Masken vielleicht die bessere Wahl gewesen. Vielleicht mangelte es an Know-how, solche zu fertigen, aber an sich stelle ich mir vor, dass man im Umfeld jemanden findet, der etwas davon versteht. Ein paar Green-Screen-Sequenzen sieht man die Art der Entstehung ebenfalls an, aber irgendwie passt das auch zur Absurdität, die sich bisweilen in die Story einschleicht. Man sagt, der Finne habe einen eigentümlichen Humor. Das kann ich nach Sichtung von „Medicated – Lääkekoe“ bestätigen.

Wat? Wer bist du denn?

Der Soundtrack ist generisch, aber effektiv und nervt nicht – ein positiver Aspekt. Ebenso das Sounddesign, speziell bei den Schießereien hat mir der Ton gut gefallen. Die Actionszenen haben zudem ein gutes Timing innerhalb der einen Stunde, die der Film dauert. Die eine oder andere Wendung treibt die Handlung bis zu einem finalen Twist voran, sodass keine Langeweile aufkommt. 60 Minuten sind für einen herkömmlichen Spielfilm zwar kurz, im Undergroundsektor aber stattlich, da ziehen sich andere Produktionen schon mal sehr in die Länge. „Medicated – Lääkekoe“ hat im Übrigen im Januar 2019 bei den Skulle Awards von Indie Horror Online eine Trophäe als „Best Feature Film“ gewonnen. Das ist nun nicht der renommierteste Filmpreis, und es wurden denkbar viele Filme prämiert, aber ich will es doch erwähnt haben.

Zu sehen bei YouTube

Man spürt den Elan, mit dem alle Beteiligten bei der Sache waren – im Underground ohnehin der Regelfall, denn weshalb sollte man sonst die Mühe auf sich nehmen, wenn nicht aus Leidenschaft? Reich und berühmt wird man als Undergroundfilmer sicher nicht. Obwohl – auch Peter Jackson („Der Herr der Ringe“) hat seine ersten filmischen Fußstapfen im Underground hinterlassen. Eine Karriere wie der Neuseeländer prophezeie ich Tapio Kauma und Ville Väisänen nicht, aber die ist ja auch außergewöhnlich. Jedenfalls haben die beiden es verdient, dass ihnen zum einen auch mal jemand etwas Geld für den Dreh eines weiteren Films zur Verfügung stellt und zum anderen Underground- und Independentfilm-Interessierte sich „Medicated – Lääkekoe“ zu Gemüte führen. Wer Lust bekommen hat, kann den Film in voller Länge bei YouTube schauen. Finnisches Original mit englischen Untertiteln – das kriegt Ihr doch hin, oder?

Kartsa kann nichts entstellen

Veröffentlichung: 19. September 2018 bei YouTube

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Finnisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Lääkekoe
Internationaler Titel: Medicated
FIN 2018
Regie: Tapio Kauma, Ville Väisänen
Drehbuch: Tapio Kauma
Besetzung: Tapio Kauma, Ville Väisänen, Heikki Kauma, Viljami Packalen, Jussi Nousiainen, Vesa Väisänen, Veli-Pekka Väisänen, Alex Barck, Niko Hill, Annie Bird, Otto Hirvonen, Alper Aykut Sari, Harri Kankaanpää
Produktion: Cala Company

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Filmplakat: © 2018 Cala Company

 

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Ghul – Der Dämon im Folterknast

Ghoul

Von Volker Schönenberger

Horror-Miniserie // Ghule sind in diversen Mythologien anzutreffen. Sie gelten gemeinhin als Leichenfresser und führen in aller Regel Übles im Schilde. Sie sind Dämonen aus dem arabischen Raum und hielten erst mit der Verbreitung der Märchen aus Tausendundeiner Nacht auch in westlichen Mythen Einzug.

Indien als Polizeistaat

Strike the deal with your blood. And out of the smokeless fire the Ghul will come. Ein mit Blut besiegelter Pakt beschwört aus rauchlosen Feuer den Ghul herauf. So weit, so unheilvoll – mit diesen Worten beginnt der indische Dreiteiler „Ghul“, dessen weltweite Verbreitung sich 2018 Netflix gesichert hat. In der nahen Zukunft haben religiöse Konflikte Indien in Aufruhr versetzt. Die Regierung hat zur Terrorismusbekämpfung die Spezialeinheit National Protection Squad (NPS) ins Leben gerufen und interniert Regimegegner, religiöse Fanatiker und vermeintliche oder tatsächliche Terroristen in einer der vielen Verwahr- und Verhöreinrichtungen, die eigens dafür errichtet worden sind.

Terrorist Ali Saeed wird gefoltert

Die junge Muslima Nida Rahim (Radhika Apte) lässt sich von ihrem intellektuellen Vater (S. M. Zaheer) zur Militärakademie fahren. Danach schwärzt sie ihn aufgrund seiner liberalen Ansichten an – er wird verhaftet. Nida wird zur Verhörspezialistin ausgebildet und – weil sie bei den erweiterten Verhörmethoden die beste Kursteilnehmerin war – in den Gefängniskomplex Meghdoot 31 versetzt, einen ehemaligen Atombunker. Oberstleutnant Sunil Dacunha (Manav Kaul) freut sich über seine neue Rekrutin, mit der er womöglich besondere Pläne hat. Ihre unmittelbare Vorgesetzte Major Laxmi Das (Ratnabali Bhattacharjee) hingegen äußert gegenüber Dacunha, Nida zu misstrauen. Kurz nachdem sie ihren Dienst in der Einrichtung angetreten hat, wird der berüchtigte Terrorist Ali Saeed (Mahesh Balraj) eingeliefert. Doch mit ihm ist auch etwas anderes eingetroffen …

Dystopischer Horrortrip

Da haben die Inder aber einen außergewöhnlichen Genre-Hybrid abgeliefert. Mit Ausnahme einiger kleiner Details gibt sich die erste „Ghul“-Episode „Aus dem rauchlosen Feuer“ als düstere Knast-Thriller-Dystopie, die von Anfang an zu fesseln vermag. Natürlich weiß das Publikum allein schon aufgrund des Serientitels, dass es sich um Horror handelt, auch ein kurzer Prolog inklusive des oben von mir erwähnten Blutpakts verrät das. Ansonsten aber zeichnet die erste Folge Indien als autoritären Polizeistaat, in welchem Kritiker mundtot gemacht werden und Folterkeller den Status ganz normaler staatlicher Einrichtungen haben.

Nida Rahim gerät an ihre Grenzen und darüber hinaus

In der zweiten Episode treten bei der Belegschaft vermehrt Albträume auf, sie trägt dann auch den Titel „Die Albträume werden beginnen“. Rund um den neuen Häftling Ali Saeed ereignet sich Beunruhigendes, sodass schließlich der schlimmste aller Folterknechte auf den Terroristen losgelassen wird: Faulad Singh (Surender Thakur).

Erst Spielfilm, nun Dreiteiler

Mit insgesamt 139 Minuten hat der Dreiteiler eine Länge, mit der er problemlos als Spielfilm durchgehen könnte, zumal in dem Fall ja auch zwei Abspänne entfallen würden. Ursprünglich war die Produktion wohl auch auf einen Spielfilm ausgelegt, doch als Netflix ins Boot kam, wurde das Konzept überarbeitet. Fürs Publikum ist das von untergeordneter Bedeutung, da „Ghul“ von Anfang an als Streaming-Serie verfügbar war und niemand eine Woche auf die nächste Folge warten musste wie beim linearen Fernsehen. Der Spannungsbogen hätte in einem Einteiler nicht besser funktioniert.

Frische Gesichter für unsere Breiten

Ein Vorteil von Produktionen hierzulande nicht ganz so präsenter Filmnationen kommt hier zum Tragen: unverbrauchte Gesichter. Schauspielerisch überzeugt das, auch wenn zugegeben nicht alle Figuren große Herausforderungen an die Besetzung stellen. Speziell Radhika Apte hat mir aber gut gefallen – sie spielte im selben Jahr auch in Michael Winterbottoms Thriller „The Wedding Guest“ an der Seite von Dev Patel. In „Ghul“ macht ihre Figur die größte Wandlung durch, muss sie doch nach und nach erkennen, dass der Staat, an den sie glaubt, ihren Einsatz nicht zu würdigen weiß. Dass ihr größter Dienst für diesen Staat – der Verrat an ihrem Vater – gleichzeitig ihr größtes persönliches Opfer darstellt, macht es für Nida umso schwerer.

Kein Sonnenstrahl erhellt die Düsternis

Horror und Kritik an möglicherweise drohenden polizeistaatlichen Auswüchsen gehen in dem Dreiteiler eine prima funktionierende Symbiose ein. In Verbindung mit der Düsternis des Settings stellt sich im Verlauf der einen Hauch schleppend inszenierten ersten Episode dann doch Hochspannung ein, die bis zum Finale der letzten Folge „Offenbare ihre Schuld, friss ihr Fleisch“ nicht mehr endet. Mit Ausnahme weniger Sequenzen zu Beginn und am Ende der Serie spielt sich die gesamte Handlung in den fensterlosen Räumen von Meghdoot 31 ab. Für ein Kammerspiel ist zu viel Bewegung in der Story, aber „Ghul“ soll ja gar keines sein. Ein beklemmendes Gefühl der Enge stellt sich dennoch ein, dafür sorgt das Setdesign mit den dunklen Knast-Räumlichkeiten, in die mangels Fenstern niemals ein Sonnenstrahl fällt.

Auf „Ghul“ folgt „Vetala“

Der in Mumbai tätige britische Drehbuchautor und Regisseur Patrick Graham hat mit dem titelgebenden Ghul eine wie erwähnt eher im Arabischen beheimatete Schauergestalt in Indien eingesetzt. Für sein Nachfolgeprojekt hat er sich dann auch mal bei der indischen Mythologie bedient: Die Untoten-Miniserie „Vetala“ (2020) läuft ebenfalls exklusiv bei Netflix. Bei ihr wie auch bei „Ghul“ waren koproduzierend die Amerikaner Blumhouse im Boot.

Insgesamt hätte ich mir etwas mehr vom Ghul gewünscht. Dessen Potenzial wird leider gerade zum Finale hin nicht ganz ausgereizt, hier wäre „Viel hilft viel“ die optimale Devise gewesen. So endet der Dreiteiler weniger exzessiv als erhofft, geht aber immer noch als so ungewöhnlicher wie sehenswerter Horrortrip ins Ziel.

Die drei Episoden:

1. Aus dem rauchlosen Feuer (Out of the Smokeless Fire, 44:47 Min.)
2. Die Albträume werden beginnen (The Nightmares Will Begin, 44:17)
3. Offenbare ihre Schuld, friss ihr Fleisch (Reveal Their Guilt, Eat Their Flesh, 49:36)

Veröffentlichung: 24. August 2018 bei Netflix

Länge: 139 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Hindi, Hindi (Audiodeskription)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch, Hindi
Originaltitel: Ghoul
IND 2018
Regie: Patrick Graham
Drehbuch: Patrick Graham, Kartik Krishnan, Sarang, Sathaye
Besetzung: Radhika Apte, Manav Kaul, Rohit Pathak, Ratnabali Bhattacharjee, Sunil Soni, Kailash Kumar, Harry Parmar, Bajrangbali Singh, S. M. Zaheer, Mahesh Balraj, Surender Thakur
Streaming-Plattform: Netflix

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2018 Netflix

 

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