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Am Ende der Worte – Wenn der Polizeifunktionär „entsetzt“ ist

Am Ende der Worte

Ausstrahlung: 20. November 2022, 20:15 Uhr, 3sat, 15. November 2022, 22:00 Uhr, NDR

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Der Film besteht aus einer Aneinanderreihung von Vorurteilen gegen die Polizei. Wir können den Film nicht empfehlen. So Lars Osburg, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Hamburg in einer am 15. November 2022 bei Facebook veröffentlichten Stellungnahme. Gefolgt von: Ich bin enttäuscht und entsetzt! Ui, da fühlt sich aber jemand auf den Schlips getreten! Wenn der Gute da mal nicht den Streisand-Effekt außer Acht gelassen hat. Mich jedenfalls hat diese Kritik erst recht neugierig gemacht.

Laura tritt der Bereitschaftspolizei bei

Im Zentrum der Handlung von „Am Ende der Worte“ steht Laura (Lisa Vicari), die nach Abitur und einem abgebrochenen Jurastudium gerade ihre Ausbildung an der Polizeischule absolviert hat. Sie ist damit in die Fußstapfen ihres Großvaters getreten. Nun beginnt die 24-Jährige aus einem Vorort von Bremen ihre Laufbahn bei der Bereitschaftspolizei Hamburg – mit durchaus hehren Idealen: Ich will den Menschen helfen, die sich selbst nicht helfen können. So äußert sie gegenüber ihrem Boss Hauptkommissar Keller (André Hennicke), der ihr zur Einstimmung gleich einen vor der Roten Flora von einer Bordsteinplatte zerschmetterten Einsatzhelm präsentiert (die Rote Flora ist ein Autonomes Zentrum im Hamburger Schanzenviertel, das der hanseatischen Law-and-Order-Fraktion lange Zeit ein Dorn im Auge war).

Zwischen Langeweile und Eskalation

Schnell bekommt die junge Frau mit, dass Alkohol in der Truppe zum guten Ton gehört. Auf die Frage, wie der Job so sei, erwidert ihr neuer Kollege Tom (Daniel Michel): Komplette Langeweile oder halt totale Eskalation. Mit ihm und weiteren Kolleginnen und Kollegen kommt sie einigermaßen gut klar, etwa Lupus (Ludwig Trepte), dem sie bei ihrer ersten Einsatzfahrt unterstellt ist. Lupus hat eigene Vorstellungen über die Vorschriften im Dienst und legt diese schon mal nach seinem Ermessen aus, um einen Einsatz erfolgreich zu gestalten. Gleich am ersten Tag lernt Laura bei einer überraschenden Konfrontation zudem die in Deutschland nur geduldete Syrerin Amila (Meryem Ebru Öz) kennen, zu der sie langsam eine fast freundschaftliche Beziehung aufbaut. Nach und nach gestalten sich die Einsätze brenzliger. Nachdem ihr Großvater gestorben ist, berichtet Laura beim Kuchen auf der Trauerfeier von ihren Erfahrungen der ersten Monate: Gewaltfähigkeit – ich glaub’, das war das Erste, was ich lernen musste.

Lupus hat seine eigene Sicht der Vorschriften

Angesichts der harschen Worte des GdP-Funktionärs mag es verwundern, wie unspektakulär und sogar differenziert „Am Ende der Worte“ die Bereitschaftspolizei charakterisiert und ihren Dienstalltag beschreibt. Fast hätte man nach Lars Osburgs Kritik erwarten können, dass die Hundertschaft, der sich Laura anschließt, als Horde gewaltgeiler Hooligans in Uniform porträtiert wird, die nur darauf aus sind, Linke und Ausländer zu vertrimmen, aber das trifft es überhaupt nicht. Hier werden junge Leute gezeigt, die nach mehr oder minder ausgiebiger Vorbereitung in die Lage versetzt werden, das Gewaltmonopol des Staats auszuüben und damit mal anständig, mal weniger anständig klarkommen. Über allem steht der Korpsgeist. Man muss sich blind auf den anderen verlassen können, ob draußen auf der Straße oder anschließend bei der Aufarbeitung und Protokollierung, wenn ein Einsatz aus dem Ruder gelaufen ist. Und auch hier durchbricht „Am Ende der Worte“ das gängige Klischee, wenn nämlich am Ende bei einer Gerichtsverhandlung der Korpsgeist gerade nicht aufrechterhalten wird. Da möchte man Herrn Osburg süffisant fragen, ob es ihn womöglich gestört habe, dass diese bedingungslose Loyalität bei der Bereitschaftspolizei-Einheit im Film eben nicht um jeden Preis gilt.

Racial Profiling

Bei der Auflösung einer illegalen Party verlangt Lupus natürlich ausgerechnet von dem Gast die Papiere, den er aufgrund von dessen Aussehen für einen Ausländer hält – und damit für verdächtig. Racial Profiling nennt sich dieses Vorgehen, das gegen den Gleichheitsgrundsatz von Artikel 3 des Grundgesetzes verstößt. Über Verbreitung und Häufigkeit von Racial Profiling bei der Polizei kann man streiten, nicht jedoch darüber, dass es vorkommt. Im Falle von „Am Ende der Worte“ ist es klar erkennbar ein einzelner Polizist – eben Lupus –, der so vorgeht, wenn auch von seinen Kollegen gebilligt oder zumindest geduldet. Zu keinem Zeitpunkt kommt allerdings der Eindruck auf, das sei übliches Vorgehen à la Wir ziehen immer erst die Ausländer raus, womöglich gar von der Führung legitimiert. Wer behauptet, die Bereitschaftspolizistinnen und -polizisten würden allesamt als Rassisten gebrandmarkt werden, liegt falsch. Der Film ist eine Aneinanderreihung von Vorurteilen und Klischees über die Polizei, die die GdP Hamburg in aller Deutlichkeit zurückweist. Ein Polizeifunktionär kann zurückweisen, was er will, auch wenn seine Vorwürfe ins Leere führen. Nicht das Problem des Films, wenn sich GdP-Mann Osburg eine anheimelnde Porträtierung seines Berufsstands wünscht, wie sie in fiktiven Fernsehformaten wie „Großstadtrevier“ (seit 1984) und „Notruf Hafenkante“ (seit 2007) zu beobachten ist, um nur zwei Beispiele zu nennen, die Polizeiarbeit in Hamburg zeigen. Apropos „Notruf Hafenkante“: Dort spielt von Anfang an Fabian Harloff mit, wenn auch nicht als Polizeibeamter, sondern als Notarzt. In „Am Ende der Worte“ hat er einen kurzen Auftritt als Beamter des Landeskriminalamts, der sich zu Recht darüber echauffiert, dass ein vorschnelles Eingreifen von Lupus und den anderen gegen Drogendealer eine monatelange Observation zunichte gemacht hat.

Nach getaner Arbeit

Selbst Lupus, der sich nach und nach als Antagonist entpuppt, ist keinesfalls ein gewaltgeiler Rassist, sondern er will gute Polizeiarbeit leisten. Das, was er unter guter Polizeiarbeit versteht, und mit den Mitteln, die er für richtig hält, auch wenn sie nicht immer von den Vorschriften abgedeckt werden. Ihm gegenüber steht die Hauptfigur Laura, bei der deutlich wird, dass sie über Umwege zur Polizei gekommen ist. Sie folgt Idealen, merkt aber im Einsatz, dass diese mit den Mitteln des Gewaltmonopols schwer einzulösen sind.

Die Polizistin trifft auf die Syrerin Amila

Überhaupt Gewalt: Wer mitbekommt, wie manche Polizistinnen und Polizisten im Einsatz bei linken Demonstrationen und Fußballspielen ihr Gewaltmonopol aus- und überreizen, kann über die in „Am Ende der Worte“ dargestellte Gewaltbereitschaft einzelner Mitglieder der gezeigten Hundertschaft nur müde lächeln. Hier traut sich der Film viel zu wenig, was ganz besonders bei einem Einsatz rund um eine offenbar heikle Demonstration deutlich wird: Er wird überhaupt nicht gezeigt! Eben noch sitzen die Einsatzkräfte gut gelaunt in ihren Mannschaftswagen und vertreiben sich die Zeit mit einer bescheuerten Wette (igitt!), dann kommt der Marschbefehl, alle setzen ihre Helme auf, nehmen sich Schild und Schlagstock – und Schnitt, wir sehen sie nach wohl anstrengendem Tun erschöpft beisammensitzen. Da haben Drehbuchautorin Lena Fakler und Regisseurin Nina Vukovic aber schön den Schwanz eingezogen. Auf diese Weise kann man natürlich nicht einmal das umstrittene Pfefferspray thematisieren, das manch Unschuldiger gern mal in die Fresse gesprüht bekommt (und das gar nicht mal so selten sogar die Zahl der verletzten Polizistinnen und Polizisten in die Höhe treibt – dann nämlich, wenn es so vehement in der Luft verteilt wird, dass die eigenen Kolleginnen und Kollegen in die Pfefferspray-Wolke hineinrennen). Schade drum, hier wurde eine Chance verpasst (die dem Hamburger GdP-Vize sicher den Schaum vor den Mund getrieben hätte).

Erst in Hof, dann in Braunschweig

„Am Ende der Worte“ feierte seine Premiere Ende Oktober 2021 auf den Hofer Filmtagen und wurde wenige Tage später auch beim Internationalen Filmfestival von Braunschweig gezeigt. Die Fernsehpremiere erfolgte am 15. November 2022, nicht unbedingt prominent platziert an einem Dienstag um 22 Uhr. Auch die kurz darauf folgende Ausstrahlung zur besten Sendezeit 20:15 Uhr bei 3sat am Sonntag, 20. November, ist denkbar unglücklich gewählt – in direkter Konkurrenz zu einem „Tatort“ im Ersten, mithin für dieselbe Zielgruppe. Das hat „Am Ende der Worte“ fürwahr nicht verdient, auch wenn das Krimidrama nicht angetan ist, jenseits von Gegreine eines Polizeifunktionärs eine seriöse Debatte über die Bereitschaftspolizei und das Wesen des Gewaltmonopols auszulösen. Es ist bis zum 30. Dezember 2022 in der Mediathek des Ersten verfügbar und geht beim 3sat-Publikumspreis 2022 ins Rennen.

Ein fataler Einsatz für Laura und Lupus

Wir sind uns der Kunstfreiheit bewusst und wollen diese auch in keiner Weise in Abrede stellen. Allerdings gibt es ausdrücklich keine Empfehlung der GdP Hamburg, sich diesen Film anzusehen. So enden die Ausführungen des Gewerkschaftsfunktionärs Osburg über „Am Ende der Worte“. Immerhin löblich, dass er das Grundrecht der Kunstfreiheit kennt und zu würdigen weiß. Letztlich besteht seine Kritik aus Platitüden, die dem vergleichsweise harmlosen Krimidrama in keiner Weise gerecht werden und sich auf eins reduzieren lassen: Mimimi!

Die Nachwuchspolizistin muss Farbe bekennen – nur welche?

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Audiodeskription für Blinde und Sehgeschädigte
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Am Ende der Worte
D 2022
Regie: Nina Vukovic
Drehbuch: Lena Fakler
Besetzung: Lisa Vicari, Ludwig Trepte, Meryem Ebru Öz, Pascal Houdus, Natalie Thiede, Fabian Harloff, André Hennicke, Daniel Michel, Ibrahim Al-Khalil, Caroline Junghanns, Konstantin-Philippe Benedikt, Jens Weiser, Annalena Haering, Ulrike von Gawlowski
Produktion: klinkerfilm Production UG / Norddeutscher Rundfunk

Copyright 2022 by Volker Schönenberger
Plakat: © 2022 klinkerfilm Production UG / Norddeutscher Rundfunk,
Szenenfotos auch: © 2022 Alena Sternberg

 

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Infinity – Unbekannte Dimension: Rätselvolle Zeitschleifen-Science-Fiction aus dem Lockdown

Infinitum – Subject Unknown

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Zu Beginn von „Infinity – Unbekannte Dimension“ erläutert Dr. Charles Marland-White (Ian McKellen) vom Forschungszentrum Wytness, alles habe mit dem berühmten Professor Aaron Ostergaard (Conleth Hill) und dessen Entdeckung des Paraversums begonnen. Ostergaard ist Geschäftsführer von Wytness und ergänzt, im Paraversum herrsche seit vielen Jahren Krieg.

Dr. Charles Marland-White erklärt

Szenenwechsel: Jane (Tori Butler-Hart) erwacht geknebelt und an einen Stuhl gefesselt in einem schäbigen Raum. Sie kann sich von den Fesseln befreien, hat aber keine Ahnung, wo sie sich befindet und wie sie in diese missliche Lage geraten ist. Beim Blick durchs Fenster bemerkt sie merkwürdige Phänomene. Nach einem Lichtblitz erwacht sie erneut an Ort und Stelle, wieder gefesselt und geknebelt. Mal hört sie Schüsse, mal Stimmen, die über sie zu reden scheinen. Was geht hier vor?

Was geht in der Welt vor?

Matthew und Tori Butler-Hart produzierten ihren Independent-Science-Fiction-Film „Infinitum – Subject Unknown“, so der Originaltitel, während des ersten Corona-Lockdowns in England 2020. Die beiden Eheleute übernahmen dabei etliche Aufgaben selbst. Hauptdarstellerin Tori zeichnet beispielsweise auch fürs Produktionsdesign verantwortlich, während ihr Ehemann Matthew die Regie übernahm und die Kamera führte. Dabei handelte es sich schlicht um eine iPhone-Kamera, wie es 2018 bereits Steven Soderbergh mit „Unsane – Ausgeliefert“ gehandhabt hatte.

Was weiß Wytness über die Zeitschleife?

Dieses Vorgehen sieht man „Infinity – Unbekannte Dimension“ natürlich an. Der Film wirkt sehr reduziert, über weite Strecken ist Jane die einzige Person, die wir zu sehen bekommen. Erst nach und nach bemerkt sie, offenbar in einer Zeitschleife gelandet zu sein. Dass sie immer wieder in ihrer gefesselten und geknebelten Ausgangssituation landet, scheint aber kein Automatismus zu sein, sondern das Werk höherer Mächte. Ein Briefumschlag liefert ihr einen Hinweis aufs Forschungszentrum Wytness, und sie versucht, dorthin zu gelangen.

Jane weiß nicht, was ihr widerfahren ist

Wytness hat sich der Quantenphysik verschrieben, und dieses überaus komplexe naturwissenschaftliche Feld dürfte die große Mehrzahl der Filmgucker überfordern (mich allemal), sodass man damit nach Herzenslust über Zeitschleifen, Parallelwelten und andere Phänomene und Thesen fabulieren kann. In kleinen Details erhalten Jane und damit auch das Filmpublikum Hinweise darauf, was vorgehen mag.

Jedenfalls nichts Gutes

Während der ersten halben Stunde wirkt das Geschehen zwangsläufig sehr repetitiv, da es sich eben mehrfach wiederholt. Wenn es Jane schließlich gelingt, das Haus zu verlassen, kommt mit schönen Bildern aus der Grafschaft Oxfordshire – wo gedreht wurde – Abwechslung ins Spiel. Wird sie dann doch wieder zurückbefördert, überspringen die Bilder die ersten Abschnitte ihres sich wiederholenden Weges, wie wir das auch aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) kennen. „Infinity – Unbekannte Dimension“ schlägt aber nicht nur aufgrund seiner Ernsthaftigkeit einen anderen Pfad ein als der Zeitschleifenkomödienklassiker mit Bill Murray und Andie McDowell, denn Jane begegnet sogar – aber lassen wir das.

Fizz and Ginger Films

Das Ehepaar Butler-Hart führt seit 2009 gemeinsam die kleine Independent-Produktionsfirma Fizz and Ginger Films, die außer einigen Kurzfilmen unter anderem auch die Komödie „Miss in Her Teens“ (2014) mit Ian McKellen und den Mysterythriller „The Isle“ (2018) mit Conleth Hill hervorgebracht hat. Hill kennen wir als glatzköpfigen Eunuchen Lord Varys in der Serie „Game of Thrones“, über Ian „Gandalf“ McKellen muss wohl nicht mehr viel geschrieben werden. Bemerkenswert, die beiden in dieser kleinen Produktion zu sehen, wenn auch denkbar kurz in reinen Interviewsequenzen, die Hill und McKellen aufgrund der damaligen Coronaregeln womöglich selbst gedreht haben.

Und wieder gefesselt

Während der Abspann läuft, lohnt sich der Blick auf den Abschnitt „Books Featured in the Film“, wo Werke wie „Quantum Physics: A Beginner’s Guide“, „Asimov’s New Guide to Science“ und „Practical Guide to Astral Projection – The Out of Body Experience“ genannt sind. Ob ihre Lektüre letzten Aufschluss über die Handlung von „Infinity – Unbekannte Dimension“ gibt? Es bleiben Fragen offen, erst recht angesichts des abrupten Endes. Nun ist es völlig legitim, wenn ein Film final nicht auf Teufel komm raus alles erklärt hat, aber ein wenig fühlte ich mich doch im Regen stehen gelassen. Dennoch belegt das Werk, dass die Corona-bedingte Isolation bei manchen Menschen die Kreativität sprudeln ließ. Beim Boston Science Fiction Film Festival wurde es 2021 folgerichtig mit dem Feature Film Award als bester Indie-Film prämiert.

Irgendwann gelingt ihr die Flucht

Auf der Webseite von Fizz and Ginger Films findet sich der Hinweis, „Infinitum – Subject Unknown“ sei ein Begleitfilm zu der in Entwicklung befindlichen Fernsehserie „Infinitum“ und einer für 2023 zur Veröffentlichung geplanten Graphic Novel. Das erklärt die unfertige Wirkung des Films. „Infinity – Unbekannte Dimension“ weckt durchaus Lust, tiefer in das Universum einzutauchen, das die Butler-Hart-Eheleute ersonnen haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ian McKellen haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die Verwirrung steigt

Veröffentlichung: 4. November 2022 als Blu-ray und DVD, 20. Oktober 2022 als Video on Demand

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Infinitum – Subject Unknown
GB 2021
Regie: Matthew Butler-Hart
Drehbuch: Tori Butler-Hart, Matthew Butler-Hart
Besetzung: Tori Butler-Hart, Ian McKellen, Conleth Hill, Wendy Muir Hart, Chris Hart, Holly Dale Spencer, Ben Lee, Graham Butler
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2022 Tiberius Film

 

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Horror für Halloween (XIV): Prey (2022) – Vor den Fußstapfen von Arnie

Prey

Von Volker Schönenberger

Vor langer Zeit, so heißt es, kam ein Ungeheuer hierher.

SF-Horror-Action // Die junge Naru (Amber Midthunder) vom Volk der Comanchen will unbedingt Jägerin werden wie ihr großer Bruder Taabe (Dakota Beavers). Mit ihrem Stamm lebt sie im Jahr 1719 christlicher Zeitrechnung in den nördlichen Great Plains Nordamerikas. Als sie meint, am Himmel das Zeichen des Donnervogels zu erblicken, hält sie die Zeit für ihre Prüfung gekommen. Als Taabe und einige andere Jäger aufbrechen, um den vermissten Puhi (Samuel Marty) zu suchen, begleitet Naru den kleinen Trupp, weil Taabe ihre Fähigkeiten als Heilerin und Spurenleserin schätzt. Sie entdecken den aus einigen Wunden Blutenden und bereiten seinen Transport zurück ins Lager vor. Taabe bleibt zurück, um den Puma zu erlegen, der Puhi verletzt hat. Als Naru auf dem Heimweg eine tote und gehäutete Schlange entdeckt, verlässt sie mit dem Jäger Paaka (Corvin Mack) die anderen und sucht Taabe wieder auf, weil sie erkennt, dass nicht nur ein Puma in der Gegend auf der Jagd ist.

Was Naru am Himmel sah, war nicht der Donnervogel, sondern ein Raumschiff, das einen außerirdischen Jäger in der Gegend abgesetzt hat. Bald schon werden sich die Wege der Comanchen-Geschwister und des Predators (Dane DiLiegro) kreuzen.

Die Heilerin Naru …

Grimmig, blutig, rau – „Prey“ (2022) führt das „Predator“-Franchise auf herausragende Weise in ein neues Zeitalter. Wenn auch in ein zurückliegendes – die zweite Kino-Regiearbeit von Dan Trachtenberg nach „10 Cloverfield Lane“ (2016) fungiert als Prequel zu John McTiernans „Predator“ (1987) mit Arnold Schwarzenegger. Wenn Taabe zu seiner Schwester Wenn es blutet, können wir es töten sagt, frohlockt das Herz des „Predator“-Fans (so er denn solche Zitate als Hommage genießen kann). Die Vorgeschichte zollt diesem großen Actionklassiker der 1980er-Jahre auch insofern Tribut, als sie sich ebenfalls ausschließlich in der Wildnis abspielt – der Dschungel Mittelamerikas dort, die Wälder der Großen Ebenen Nordamerikas hier.

… will Jägerin werden

Survival-Abenteuer zeichnen sich oft nicht gerade durch komplexe Storys aus. Es geht eben schlicht ums Überleben, eine Wendung stellt es schon dar, wenn die Figuren gelegentlich zwischen den Rollen Jäger und Beute hin und her wechseln. Das gilt auch für „Prey“, zumal der Film letztlich die Geschichte von „Predator“ in ein neues Gewand kleidet. Aber es spricht überhaupt nichts gegen eine Story, die auf einen Bierdeckel passt, wenn sie derart fesselnd und bildgewaltig inszeniert worden ist wie einst bei „Predator“ und nun bei „Prey“. Gedreht wurde von Februar bis September 2021 in der Region um Calgary in der kanadischen Prärieprovinz Alberta. Kameramann Jeff Cutter, für Regisseur Dan Trachtenberg auch schon bei „10 Cloverfield Lane“ in der Funktion aktiv, fängt die Landschaft in faszinierenden Bildern ein, lässt die Comanchin Naru und ihre Mitstreiter geradezu mit dem Wald verschmelzen.

Die Belange der Comanchen

For the Comanche Nation and Juanita Pahdopony – diese Widmung für das Volk der Comanchen und die genannte Dame findet sich im Abspann. Juanita Pahdopony war eine Angehörige der Comanchen und Kulturschaffende ihres Volks. Sie war für „Prey“ in der Vorproduktionsphase beratend tätig, starb aber am 21. August 2020 noch vor Beginn der Dreharbeiten. Als Produzentin des Films fungierte Jhane Myers. Für die Angehörige des Volks der Comanchen und der Blackfoot-Stammesgruppe gleichermaßen stellt „Prey“ die erste große Aufgabe als Produzentin dar. Für kulturelle Belange der indigenen Völker im Film ist sie seit einigen Jahren aktiv, hatte beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit fürs „Native Community Engagement“ von Mel Gibsons „Apocalypto“ (2006), Gore Verbinskis „Lone Ranger“ (2013), Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (2016) und Taylor Sheridans „Wind River“ (2017) übernommen. Ihr Wirken als Produzentin von „Prey“ spricht dafür, dass die Darstellung des Volks der Comanchen authentisch geworden ist – genau das ist ja ihr Anliegen. Dafür erhielt der Film auch Lob, etwa von Brad Curran bei Screen Rant. Die Kleidung der Comanchen sowie ihre Tipi-Siedlung seien nah dran an deren Gegenstücken im realen Leben. Auch der im Film gezeigte Jagdstil sei akkurat, ebenso die Feindseligkeit, die die Comanchen von den französischen Siedlern erfahren hätten (was auch auf andere europäische Siedlergruppen zutreffe).

Stolze Jäger und Krieger: die Comanchen

Das gilt ebenso für das Genderthema: Die traditionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen der Comanchen unterscheidet sich offenbar gar nicht mal so sehr von der in unserer westlichen Gesellschaft. Da wie dort musste sich eine Frau, die in eine Männerdomäne vordringen will, mit Widrigkeiten und Widerstand herumplagen. Das strebt ja auch Naru an, die den „Männerberuf“ der Jägerin ergreifen will. Ihr Bruder unterstützt sie im Rahmen seiner Möglichkeiten sogar – die innige Beziehung der sich gleichwohl nicht immer einigen Geschwister gehört ohnehin zu den starken Elementen von „Prey“.

Naru wittert die Gefahr

Das Thema Gender führt zwangsläufig zum Thema Diversität: Ein „Predator“-Film mit einer Frau als Heldin, noch dazu Angehörige eines später ausgebeuteten, vertriebenen und marginalisierten Volkes – da sahen manche Filmfans am Horizont den Untergang des Abendlandes heraufziehen (vielleicht nicht ganz so heftig wie bei den unsäglichen „Winnetou“- und „Arielle“-Debatten). Aber wer sich so von seiner Anti-„Woke“-Haltung blenden lässt, lässt sich dann eben auch einen großen Filmgenuss entgehen. Selbst wenn man unterstellt, dass Disney mit der Diversitätsoffensive etwas über die Stränge schlägt (was auch erst mal zu belegen wäre, sonst bleibt es behauptet), so ist doch am Beispiel von „Prey“ eindeutig zu konstatieren: Diversität gibt starke Storys her! „Prey“ hat als Survival-Horror eine simple, aber starke Story zu bieten und setzt eine starke Heldin in den Fokus. Mehr davon! Angesichts dessen, dass Diversität in Bezug auf starke Frauenfiguren und die Berücksichtigung von Minderheiten im Film im Allgemeinen und in Hollywood im Besonderen über viele Jahrzehnte kleingeschrieben wurde (und zwar ganz klein!), ist es nur recht und billig, dass mittlerweile verstärkt Filme produziert wurden, die das krumme Bild zumindest etwas gerade rücken.

Die junge Frau muss sich verbergen

Dieses Ansinnen spiegelt sich konsequenterweise auch in der Besetzung wider: Die 1997 in der zur Navajo Nation Reservation gehörigen Gemeinde Shiprock im US-Staat New Mexico geborene Hauptdarstellerin Amber Midthunder („Hell or High Water“) gehört zum indigenen Volk der Assiniboine und ist eine Bürgerin der Fort Peck Indian Reservation. Dakota Beavers, der Narus Bruder Taabe verkörpert, hat ebenfalls indigene Wurzeln (neben anderen), desgleichen weitere Darstellerinnen und Darsteller, etwa Michelle Thrush, die Narus und Taabes Mutter Aruka spielt. Die Kanadierin ist eine Cree und Aktivistin für die kanadischen indigenen Völker, die sogenannten First Nations.

Ikone des Horrors und der Science-Fiction: der Predator

Zum Predator: Er ist ein starkes Monster der Filmgeschichte, seit seinem ersten Auftritt als Antagonist Arnold Schwarzeneggers eine Ikone. Und „Prey“ zeigt ihn einmal mehr in seiner ganzen Pracht, wenn auch spät im Film und konsequenterweise mit etwas zurückgenommener Technik. Immerhin liegen zwischen dem „neuen“ Predator von „Prey“ im Jahr 1719 und dem „alten“ in „Predator“ mehr als 250 Jahre. Nur logisch, dass die Predatoren der älteren, aber viel später spielenden Filme technisch moderner ausgerüstet sind als der Predator der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Lobenswert, dass darauf geachtet wurde. Solche durchdachten Details gibt es einige, man achte zum Beispiel darauf, dass die oben erwähnte Klapperschlange den Predator trotz seiner Unsichtbarkeitstechnik offenbar wahrnimmt. Das kann sie, weil sie über ein Grubenorgan verfügt, mit dem sie Infrarotstrahlung und Temperaturunterschiede wahrnimmt, was sie mit dem Predator sogar gemeinsam hat.

Doch so leicht lässt sie sich nicht zur Beute machen

Manche finden stets ein Haar in der Suppe. So wurde an Naru von einigen kritisiert, sie könne gewisse Fähigkeiten und Erkenntnisse gar nicht gewinnen, weil sie als Angehörige eines Naturvolks weit von jeder technisierten Zivilisation aufgewachsen sei. Als Beispiel wird etwa angeführt, wie sie sich zusammenreimt, dass der Predator seine Gegner aufgrund ihrer Körpertemperatur zu lokalisieren in der Lage ist – Naru bemerkt, dass die Kreatur einen Menschen mit herabgesenkter Temperatur offenbar übersieht. Das mag in der Tat eine Fähigkeit Narus sein, die sie womöglich nicht haben kann. Aber bemerken wir derlei fast schon übermenschliche Talente nicht seit jeher bei nahezu allen Actionstars der Filmgeschichte?

Und wehrlos ist Naru schon mal gar nicht

„Prey“ gelangte ab Anfang August 2022 in vielen Ländern gleichzeitig ins Streaming. In den USA beispielsweise über den Streamingdienst Hulu, an dem der Disney-Konzern eine Mehrheitsbeteiligung hält. In anderen Ländern, darunter auch Deutschland, kann „Prey“ über den per Kindersicherung geschützten Disney+-Kanal Star gestreamt werden, das auch in deutscher Synchronisation. Die Originalsprachfassung ist Englisch, zusätzlich entstand nach Ende der Dreharbeiten auch eine Comanche-Sprachfassung, bei der die Darstellerinnen und Darsteller ihre Rollen selbst synchronisierten. Trotz nicht immer lippensynchroner Tonspur ist diese Sprachfassung die bestmögliche, da sie einen authentisch wirkenden Film adäquat intoniert. Es ist im Übrigen das erste Mal, dass ein Film eine Comanche-Tonspur erhalten hat.

Der Predator mal sichtbar

Auf diese Weise setzt „Prey“ das „Predator“-Franchise in formidabler Manier fort. Finale und Abspann halten die Möglichkeit einer Fortsetzung offen, die sich ebenfalls im 18. Jahrhundert abspielt. Sogar ein Prequel zu „Prey“ scheint im Bereich des Möglichen zu liegen. Klar, solche Franchises dienen vornehmlich dem Zweck, Fans der Vorgänger anzusprechen und so mit erwartbaren Einnahmen kalkulieren zu können. Wenn das aber auf so herausragende Weise geschieht wie in diesem Fall, lasse ich mir das gern gefallen. Und „Prey“ schlägt letztlich einen so eigenständigen Weg ein, dass die Produzenten womöglich gar nicht mal so sehr auf die Zielgruppe der „Predator“-Fans geschielt haben, sondern ein neues Publikum gewinnen wollten. Das mag von Erfolg gekrönt sein. So oder so wird es Zeit, auch mal wieder „Predator“ mit Arnie als Endgegner des Titelhelden zu bewundern.

Taabe und Naru wappnen sich zum letzten Kampf

Veröffentlichung: 5. August 2022 als Video on Demand bei Disney+

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Comanche u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: Prey
USA 2022
Regie: Dan Trachtenberg
Drehbuch: Patrick Aison
Besetzung: Amber Midthunder, Dakota Beavers, Dane DiLiegro, Stormee Kipp, Michelle Thrush, Julian Black Antelope, Stefany Mathias, Bennett Taylor, Mike Paterson, Nelson Leis, Tymon Carter, Skye Pelletier, Harlan Blayne Kytwayhat, Corvin Mack, Samuel Marty, Ginger Cattleman, Corvin Mack
Zusatzmaterial: Trailer, Film als Comanche Version
Label/Vertrieb/Kanal: Disney+

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Plakatmotiv: © 2022 20th Century Studios

 

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