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Archiv der Kategorie: TV

Zielfahnder – Flucht in die Karpaten: Krimi-Glanzstück nicht nur für TV-Zuschauer

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Die beiden Häftlinge wollen über die polnische Grenze fliehen

Zielfahnder – Flucht in die Karpaten

Von Simon Kyprianou

Krimi // Der rumänische Verbrecher Caramitru (Dragos Bucur) sitzt wegen diverser Verbrechen in Deutschland ein, kann aber aus dem Gefängnis ausbrechen und über Polen nach Rumänien flüchten. Die beiden Zielfahnder Landauer (Ulrike C. Tscharre) und Schröder (Ronald Zehrfeld) nehmen die Verfolgung auf, unterstützt werden sie von der rumänischen Polizei.

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Sie hängen ihre Verfolger ab und schaffen den Grenzübertritt

Dominik Grafs Krimi beginnt mit dem Ausbruch und der Flucht nach Polen. Landauer und Schröder sind Caramitru dicht auf den Fersen. Diese nächtliche Verfolgung ist so schön, so ungestüm, so schnell inszeniert, wie man es aus dem deutschen Genrekino kaum kennt. Innerhalb dieses Chaos – der hektischen Montage zwischen den Ermittlern, der Leitstelle, den Flüchtenden – inszeniert Graf diese Szene mit einem wunderbaren Gespür für Rhythmus.

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Kaum in Rumänien angekommen, gibt es bereits Ärger

Nach diesem furiosen Anfang findet der Film Ruhe, wenn die Ermittler in Bukarest ankommen und sich erst einmal in die fremde Stadt einfinden müssen. Sie tauchen ein ins Nachtleben der Stadt, um die Spuren zu finden, die Caramitru hinterlassen hat, und müssen auf die harte Tour lernen, wie gefährlich ihre Ermittlungen sind. Die beiden erhalten einen Tipp, der sie in ein kleines Dorf am Fuße der Karpaten führt. Dort will Caramitru an der Hochzeit seiner Schwester teilnehmen.

Geschichten an der Peripherie des Plots

Die Szenen im Dorf sind die schönsten im Film. Rolf Basedows Drehbuch ist wie immer fantastisch recherchiert und so kann Dominik Graf die Story einfach beiseiteschieben und eintauchen in die Hochzeitsfeierlichkeiten, die Bräuche und die Eigenheiten des Landes. Überhaupt klebt Graf wie für ihn üblich nicht fetischistisch am Plot, sondern lässt ihn oft aus dem Fokus geraten, um das Leid einzufangen, die Geschichten, die an der Peripherie der eigentlichen Geschichte stattfinden: Ein hochrangiger Polizeibeamter, den seine Leidenschaften und seine Sehnsucht zerfressen haben, eine Sekretärin, deren Liebe zu ihrem Bruder sie zur Mittäterin macht, eine alte Rumänin, die von der EU, in die sie so viel Hoffnung gesetzt hatte, bitter enttäuscht wurde. Basedows Drehbuch schaut nicht stur geradeaus, es ist der Blick nach links und rechts der dem Film Tiefe verleiht.

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Die Zielfahnder heften sich in den rumänischen Nachtclubs an Caramitrus Fersen

Die Schauspieler sind herausragend. Zehrfeld ist ja mittlerweile Stammschauspieler bei Graf und Christian Petzold, seine bullige Physis und sein sehr körperliches Spiel passen gut zu dieser Art Genrekino, wie Graf und Petzold es machen. Auch Tscharre ist sehr gut, ihre Rolle als Polizistin, deren Leben vom Schmerz der Vergangenheit entstellt wird, ist ebenfalls hervorragend geschrieben.

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Ein Tipp führt sie zur Hochzeit seiner Schwester

Das Finale auf den Gipfeln der Karpaten ist wirklich furios inszeniert. Wenn dann der Schmerz aller Figuren am größten ist, bricht der Film einfach ab und es wundert einen fast, den ARD-Abspann zu sehen. Man hat in diesem wunderbaren Genrefilm völlig vergessen, dass man öffentlich-rechtliches Fernsehen schaut.
Leider erscheint „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ vorerst nicht auf DVD, aber man kann den Film eine Woche nach seiner Erstausstrahlung in der Mediathek ansehen. Es lohnt sich.

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Auf den ersten Blick scheint Caramitru gefasst …

Dominik Graf bei „Die Nacht der lebenden Texte:

Die Katze (1988)
Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel (2005)
Polizeiruf 110 – Er sollte tot (2006, geplant)
Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung Warnung (2011)
Polizeiruf 110 – Smoke on the Water (2014)
Die geliebten Schwestern (2014)
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (2016)

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… aber es kommt zum Showdown in den Karpaten – und der Verbrecher ist gerüstet

Veröffentlichung: 19. November 2016 als TV-Premiere im Ersten, in der Mediathek abzurufen bis 26. November 2016

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: –
Originaltitel: Zielfahnder – Flucht in die Karpaten
D 2016
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Besetzung: Ronald Zehrfeld, Ulrike C. Tscharre, Dragos Bucur, Radu Banzaru, Arved Birnbaum, Hanno Friedrich, Axel Moustache, Victoria Sordo, Leni Speidel, Eugen Pirvu

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos: © 2016 WDR, Thomas Kost

 

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Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel: TV-Krimi in Kinoformat

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Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel

Gastrezension von Simon Kyprianou

TV-Krimi // Dominik Graf („Die Katze“) ist seit Jahrzehnten ein standhafter Held im deutschen Kino und Fernsehen. Begonnen hat seine Karriere am Anfang vom Ende der Hochzeit der Generation des deutschen Autorenfilms, von dem er sich immer schon klar distanzieren wollte. Genre war das Stichwort und dem Konzept ist er bis heute treu geblieben. So ist Graf ein notwendiger Fels in der Brandung, er macht fernab von Genreverklemmtheit, schnarchigen TV-Filmen und der Berliner Schule ganz eigene, aufregende Filme.

Dreimal „Polizeiruf 110“ von Dominik Graf in einer Box

Zu seinen größten Werken zählen drei Episoden der altbekannten Krimireihe „Polizeiruf 110“: „Cassandras Warnung“ (sein bester Film), dann noch „Er sollte tot“ und „Der scharlachrote Engel“, letztgenannte beide mit Edgar Selge und Michaela May als Ermittlerduo. Diese drei Folgen wurden nun liebevoll in einer äußerst erfreulichen Box veröffentlicht. An dieser Stelle soll es um „Der scharlachrote Engel“ gehen.

Die junge Floriane Engelhard (Nina Kunzendorf), hoffnungslos verliebt in ihren verheirateten Chef, verdient sich mit Online-Strip-Livestreams ein wenig Geld dazu. Einer ihrer Kunden (Martin Feifel) bricht bei ihr ein und vergewaltigt sie. Die Hauptkommissare Jo Obermaier (Michaela May) und Jürgen Tauber (Edgar Selge), der sich selbst ein wenig in Floriane verliebt, ermitteln den Täter zwar rasch, vor Gericht leugnet der aber alles und behauptet, die Vergewaltigung sei nur Teil eines sexuellen Spiels.

Figuren wie im New Hollywood

Graf inszeniert seine Figuren so wuchtig, unberechenbar und tiefschürfend wie die Figuren des New Hollywood, das er so vergöttert. Hier fangen die Menschen ganz plötzlich an zu weinen, zu lachen, zu singen und zu tanzen, die Figuren haben Freiraum. Selge als einarmiger Kommissar Tauber ist eine Wucht. Seine in sich gekehrte, schweigsame Bedrohlichkeit und seine aufrichtige und zutiefst unschuldige Zuneigung zu Floriane treiben den Film unaufhaltsam an, der beinahe mehr Drama denn Thriller ist.

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Tauber fühlt sich zum Opfer hingezogen

Nina Kunzendorf, die leider viel zu selten zu sehen ist, spielt hier ihre allerbeste Rolle, anmutig sexy und zerbrechlich stark als in sich Verlorene.

Inszenatorische Freiheit statt Einheitsbrei

Graf lässt seiner Regie freien Lauf, keine Grenzen oder Beschränkungen, so weit weg wie nur irgend möglich vom sonntagabendlichen Einheitsbrei. Er inszeniert einen filmischen Rausch aus irrem Klamauk, atmosphärischer Suspense, schillernder Erotik, tragischer Komik, zärtlicher Liebe und tief sitzender Gewalt, so verdichtet und schnell im Wechsel, dass man kaum hinterherkommt.

Die Wohnung von Engelhard, in der ein großer Teil des Films spielt, wird als klaustrophobischer, beinahe schon realitätsferner Albtraum inszeniert, in diesen Szenen atmet der Film gar puren Horror. Die großartigen Dialoge lassen die innere Verlorenheit von Floriane spürbar werden, ihre ins Leere gehende Liebe, ihre Hoffung auf Erlösung. Eine derart komplexe Figur sieht man selten in Sonntagabend-Krimis.

Grafs „Polizeiruf 110“-Folgen sind erstklassiges Kino im Fernsehen, die Veröffentlichung ist mehr als erfreulich.

Dominik Graf bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Die Katze (1988)
Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel (2005)
Polizeiruf 110 – Er sollte tot (2006, geplant)
Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung (2011)
Polizeiruf 110 – Smoke on the Water (2014)
Die geliebten Schwestern (2014)
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (2016)

Veröffentlichung: 23. Oktober 2014 als DVD in der 3-DVD-Box „Polizeiruf 110 – Sonderedition Dominik Graf“ (inkl. der Episoden „Er sollte tot“ und „Cassandras Warnung – Director’s Cut“)

Länge: 90 Min. (Gesamtlänge der Box: 277 Min.)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel
D 2005
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter
Besetzung: Edgar Selge, Michaela May, Nina Kunzendorf, Martin Feifel, Tayfun Bademsoy
Zusatzmaterial: Interview mit Dominik Graf, Making-of
Vertrieb: EuroVideo

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Foto & Packshot: © 2014 EuroVideo

 

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Landauer – Der Präsident: Biedere Geschichtsaufarbeitung

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Landauer – Der Präsident

TV-Ausstrahlung:

Das Erste: Mittwoch, 15. Oktober, 20.15 Uhr (Wiederholung um 0.20 Uhr)

Gastrezension von Simon Kyprianou

Historiendrama // Zu Beginn des Films kehrt Kurt Landauer (Josef Bierbichler), ehemals Präsident des FC Bayern, im Jahr 1947 aus dem Exil in Genf nach München zurück. Er findet das Nachkriegsdeutschland in desolatem Zustand vor. Lange bleiben will er nicht, zu enttäuscht ist er als jüdischer Deutscher von der Geschichte. Nach New York soll die Reise gehen, sobald ein Visum da ist. Doch er kann nicht widerstehen, sich seines alten FC anzunehmen – der Verein liegt in Trümmern. Für Landauer ist das Wiederaufleben des Fußballs ein Symbol für das Wiederaufleben von Deutschland. Es soll den Menschen Kraft und Hoffnung geben. Die Hürden sind groß: Das Stadion ist kaputt, die Amerikaner verbieten Fußballspiele, die Leute sind desillusioniert, Judenhass grassiert immer noch an jeder Ecke und Geld ist sowieso keins da.

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Landauer kehrt in ein kaputtes Land zurück

Die wahre Geschichte ist unheimlich interessant – leider bleibt von ihrer Faszination im Film kaum etwas über. Deutschland in der sogenannten Stunde Null wird als völlig verharmloste Karikatur des kaputten Nachkriegsdeutschlands gezeichnet, Schrecken und Hoffnungslosigkeit werden nie sichtbar oder spürbar. Der Film zeigt zwar ein paar nachgebauteTrümmerstraßen, doch die sehen steril und künstlich aus, geradezu schreiend nach billigem Filmset. Eine lebendige, furchtbare Nachkriegshölle, ein Gebiet der Angst und der Zerstörung jedenfalls kann nicht erzeugt werden. Ständig wechselt der Film willkürlich von Farbe in Schwarz-Weiß, ohne jeglichen ästhetischen oder inhaltlichen Mehrwert (anders in Lars von Triers Meisterstück „Europa“), was auf Dauer überaus störend ist.

Trotz des schrecklichen historischen Hintergrunds wird die Geschichte beinahe ohne Fallhöhe erzählt, alle Probleme lösen sich schnell und wie von selbst, wirkliche Entbehrungen und echtes Leid werden niemals gezeigt.

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Gemeinsam will man Fußball wieder aufleben lassen

Die Geschichte wird zwar gerade-noch-so-unterhaltsam inszeniert, aber ihr ungenutztes Potential liegt schwer im Magen. Um die Gebühren tut es einem trotzdem leid. Immerhin spielt Bierbichler charismatisch gegen das maue Drehbuch und die miesen Dialoge an. „Landauer – Der Präsident“ ist ein typischer Fernsehfilm: mutlos, kraftlos und bieder inszeniert, auf ästhetischem und inhaltlichem Minimalkonsens. Dabei wäre im deutschen Fernsehen eigentlich so viel möglich – schade!

Veröffentlichung:
16. Oktober 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Landauer – Der Präsident
D 2014
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Dirk Kämper
Besetzung: Josef Bierbichler, Bernhard Butz, Markus Böker, Daniel Christensen, Eisi Gulp, Jeanette Hain, Herbert Knaup, Johannes Krisch, Andreas Lust
Zusatzmaterial: Landauer – gefeiert, verbannt, vergessen, Trailershow,
Wendecover mit alternativem Artwork
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Landauer – charismatisch gespielt von Josef Bierbichler

Fotos: © 2014 Zeitsprung Pictures GmbH
Packshot: © 2014 Studiocanal Home Entertainment / Weltkino Filmverleih GmbH

 

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