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Tatort: Angriff auf Wache 08 – John Carpenter hätte seine helle Freude

Tödliche Spritztour

Tatort: Angriff auf Wache 08

Erstausstrahlung: Sonntag, 20. Oktober 2019, 20:15 Uhr, Das Erste (bis 20. April 2020 in der Mediathek verfügbar)

Von Volker Schönenberger

Krimi // Eine schwer bewaffnete Sondereinheit der Polizei stürmt ein Gebäude. Mit Maschinenpistolen im Anschlag treffen die Einsatzkräfte auf drei Typen, die gerade gepflegt eine Runde pokern. Einer der drei Spieler blickt auf seine Pistole, die auf dem Tisch liegt, doch er ist klug genug, nicht danach zu greifen. Allein, das Stillhalten nützt ihm nichts: Als ein Hund zu bellen beginnt, schrecken die Polizisten auf und eröffnen das Feuer. Im Kugelhagel sterben die drei Männer am Tisch.

Was ist Jenny zugestoßen?

Die Razzia galt Waffenhändlern, doch Beweise finden sich am Ort des Geschehens keine. Vier Gangster finden sich zusammen, stoßen mit Schnaps an und zerdrücken die Gläser in ihren Pranken, schließen mit dem Blut ihrer Wunden offenkundig einen Pakt. Der führt das schweigsame Quartett über ein paar Umwege zu einer ehemaligen Revierwache am Rande Offenbachs, fernab von besiedelten Gebieten, die zum Polizeimuseum umfunktioniert worden ist.

Dort besucht Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom Landeskriminalamt in Wiesbaden gerade seinen alten Kollegen Walter Brenner (Peter Kurth), der das Museum mit der Polizeibeamtin Cynthia Roth (Christina Große) betreut. Zu ihnen gesellt sich die Fahrer und Insassen eines Gefangenentransports, deren Fahrzeug in der Nähe einen Platten erlitten hat. Auch die verstörte Teenagerin Jenny Sibelius (Paula Hartmann) verschlägt es in die ausrangierte Revierwache. Aus heiterem Himmel eröffnen die Gangster das Feuer auf das Gebäude. Am Tag einer totalen Sonnenfinsternis beginnt eine Belagerung, die auf beiden Seiten viele Todesopfer fordern wird.

Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“

Kommt euch der Plot bekannt vor? Klingelt beim Titel etwas? Bei „Tatort: Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um eine lupenreine Hommage an John Carpenters frühen Spannungsklassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976), im Original „Assault on Precint 13“ betitelt. Ohne Übertreibung kann man es sogar als Remake bezeichnen. Ich habe keine Ahnung, was für Drogen man beim Hessischen Rundfunk eingeworfen hat, um sich so weit aus dem „Tatort“-Fenster zu lehnen und die bisweilen doch recht ausgetretenen Pfade der Krimireihe derart kaltschnäuzig zu verlassen. Aber das scheint in den bislang acht Fällen mit Ulrich Tukur als Hauptkommissar Murot Programm zu sein – ich habe zugegeben nicht alle davon gesehen. Immerhin griff schon der Vorgänger-„Tatort: Murot und das Murmeltier“ das Motiv des sich ständig wiederholenden Tages aus Harold Ramis’ Hollywood-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) mit Bill Murray und Andie MacDowell auf.

Hauptkommissar Murot sondiert die Lage

Hauptkommissar Murots Fälle sind jedenfalls angetan, den Zuschauer Otto Normalverbraucher, der sich jeden Sonntagabend nach der Tagesschau gemütlich zurücklehnt, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ zu konsumieren, nachhaltig zu verstören und zu verschrecken. Dafür locken sie womöglich ein Publikum zu der langlebigen Reihe, das mit herkömmlicher Krimikost nicht viel anfangen kann. So oder so ist Mut zu originellen Drehbüchern erst einmal lobenswert, und wenn eine solch großartige Ehrerbietung eines US-Klassikers dabei herauskommt, hat er sich auch ausgezahlt.

Hoher Wiedererkennungswert

Der mit dem Carpenter-Vorbild identische Plot der Belagerung einer stillgelegten Revierwache ist das eine, darüber hinaus hat Regisseur Thomas Stuber immer wieder direkte Verweise und Zitate in seinen zweiten „Tatort: Angriff auf Wache 08“ eingebaut. Das beginnt mit dem stimmigen Elektro-Score, der zwar nicht die Intensität des von Regisseur John Carpenter persönlich komponierten und eingespielten Soundtracks des Originals erreicht, gleichwohl zu überzeugen weiß. Wer „Assault – Anschlag bei Nacht“ kennt, wird zudem etliche Szenen wiedererkennen.

Die Situation ist mehr als brenzlig

Eine Einstellung nach der anderen erinnert im Detail an das große Vorbild, sei es der aus dem Seitenfenster des Autos ragende Gewehrlauf mit Schalldämpfer, seien es Jalousien, die von Einschüssen beschädigt werden, oder sei es ein Gewehr, das durch den Raum geworfen wird und mit dem ein paar Eindringlinge in einem schmalen Gang abgeknallt werden. Sogar der Eiswagen kommt zu seinem Recht, und der Schwerverbrecher Napoleon Wilson aus dem US-Film erhält mit dem „Kannibalen von Peine“ Rüdiger Kermann (Thomas Schmauser) ein Pendant, das „Angriff auf Wache 08“ gut zu Gesicht steht.

„Rio Bravo“ in Hessen

Natürlich ist der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ auch ein Western, stellt „Assault – Anschlag bei Nacht“ doch seinerseits John Carpenters Hommage an Howard Hawks’ „Rio Bravo“ (1959) mit John Wayne und Dean Martin dar. Allein schon die Schießereien atmen Western-Atmosphäre aus jeder Bleikugel, die irgendwo einschlägt – ob in einem Körper oder einer Wand. Für „Tatort“-Verhältnisse sind die Gewaltsequenzen beeindruckend konsequent umgesetzt, immerhin lief der Krimi in der Erstausstrahlung am Sonntagabend zur besten Sendezeit. Die beklemmende Atmosphäre der von einer geradezu amorphen Masse Unbekannter belagerten Polizisten erinnert zudem an George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968). Zwar handelt es sich bei Romeros Schocker allesamt um Zombies, die ins Haus eindringen wollen, während wir es hier mit ganz verschiedenen Personen wie Bandenverbrecher, Nazis und Islamisten zu tun haben, dennoch bleiben sie als Einheit undefiniert. Wie es einer Gang – womöglich einem Clan – von Waffenhändlern gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit derart unterschiedliche Komplizen zu rekrutieren, bleibt ungeklärt, und diese Auflösung hätte auch keinen Sinn ergeben, da es in diesem „Tatort“ keineswegs darum geht, einen oder mehrere Täter dingfest zu machen. Murot, Brenner und die anderen kämpfen schlicht ums Überleben.

Buddys aus alten Zeiten: Brenner (l.) und Murot halten zusammen

Außer den offenkundigen Anspielungen auf die genannten amerikanischen Klassiker sind für den Hollywood-affinen Filmfan diverse weitere Anspielungen auf andere bekannte US-Produktionen zu entdecken, aber die findet ihr am besten selbst. Schauspielerisch ist all das über jeden Zweifel erhaben. Ulrich Tukur gehört ohnehin zu den besten deutschen Darstellern, mit Peter Kurth hat er einen ebenbürtigen Partner an seiner Seite. Da wollten die weiteren vor der Kamera Mitwirkenden natürlich nicht zurückstecken, sodass letztlich insgesamt eine überzeugende Ensembleleistung zu Buche steht.

Vom Regisseur von „In den Gängen“

Auf Regisseur Thomas Stuber bin ich erstmals 2018 aufmerksam geworden: Sein in einem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz angesiedeltes Drama „In den Gängen“ mit Franz Rogowski und Peter Kurth hatte es mir sehr angetan – und nicht nur mir, wie diverse Auszeichnungen belegen, darunter zwei Preise bei der Berlinale. Bei „Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um seinen zweiten „Tatort“ nach „Verbrannt“ (2015) mit Wotan Wilke Möhring. Wie schon bei „In den Gängen“ schrieb Stuber das Drehbuch zusammen mit dem Schriftsteller Clemens Meyer, der in „Angriff auf Wache 08“ auch eine Nebenrolle erhielt: Er spielt den Radiomoderator Ecki, der ab und zu das Tagesgeschehen kommentiert.

Hoffnung für den deutschen Genrefilm

Der 1981 in Leipzig geborene Thomas Stuber bringt frischen Wind in die deutsche Fernseh- und Kinolandschaft. Mit „Tatort: Angriff auf Wache 08“ empfiehlt sich der Regisseur für weitere Aufgaben im Bereich der Genrefilme. Daran mangelt es in Deutschland ja durchaus ein wenig – vielleicht nicht an Talenten mit Genre-Affinität, wohl aber an deren Förderung.

Auch Cynthia Roth wird angeschossen

Ich habe ab der Jahrtausendwende berufsbedingt als Filmredakteur einer Fernsehzeitschrift jahrelang jeden „Tatort“ und jeden „Polizeiruf 110“ gesehen und das ebenso noch eine Weile nach Beendigung meiner Tätigkeit getan. Mittlerweile bin ich davon etwas abgekommen, weshalb der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ bei der Erstausstrahlung im Oktober 2019 an mir vorbeigegangen ist. Als ich aber erfuhr, es handle sich um eine Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“, kannte ich kein Halten mehr, da ich John Carpenter im Allgemeinen und diesen Thriller aus seiner Frühzeit als Regisseur im Besonderen sehr schätze. Die nachträgliche Sichtung hat sich gelohnt, für mich gehört die Folge zu den Höhepunkten der Reihe. Und weil sie bis 20. April 2020 in der Mediathek des Ersten geschaut werden kann, lag es nah, die Episode den Leserinnen und Lesern von „Die Nacht der lebenden Texte“ nachdrücklich ans Herz zu legen.

Wie lange halten die Eingeschlossenen durch?

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK
Originaltitel: Tatort: Angriff auf Wache 08
D 2019
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Mayer, Thomas Stuber
Besetzung: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Christina Große, Peter Kurth, Thomas Schmauser, Paula Hartmann, Sascha Nathan, Clemens Meyer
Produktion: Hessischer Rundfunk

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 HR / Bettina Müller

 

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Weil du mir gehörst – „Das ist ja wie bei uns!“

Anni gerät zwischen die Fronten ihrer Eltern Julia und Tom

Weil du mir gehörst

Ausstrahlung: Mittwoch, 12. Februar 2020, 20:15 Uhr, Das Erste (bis 12. Mai 2020 in der Mediathek zu finden, auch als Hörfassung)

Von Volker Schönenberger

Dieser Film liegt mir sehr am Herzen, weshalb mein Text darüber ausgesprochen lang ausgefallen ist. Ich hoffe, dass interessierte Leserinnen und Leser dennoch bei der Stange bleiben. Für bei dem Thema Unkundige erscheinen mir einige Erläuterungen sinnvoll. Diese habe ich als Fußnoten untergebracht, im Text mit Nummern in Klammern markiert, um den Lesefluss nicht vollends zu zerstören. Obendrein finden sich ab dem sechsten Absatz Spoiler, daher hoffe ich, dass schon die ersten fünf Absätze euch motivieren, „Weil du mir gehörst“ zu schauen; diese sind als Rezension und Ankündigung ausreichend, auch wenn ich viele Details erst später bewerte. Vor dem ersten Spoiler folgt noch einmal eine Warnung, lest also unbesorgt los!

Drama // Die achtjährige Anni (Lisa Marie Trense) sitzt im Büro eines Familienrichters (Rainer Laupichler) und wird von ihm zu ihrem Verhältnis zu ihrem Vater befragt. Sie äußert, Angst vor ihm zu haben. Weil er jähzornig ist. Stur und egoistisch. Das weiß ich genau. Und er schlägt die Mama. Mich auch. Anni zeigt eine Schnittwunde in ihrer Handfläche, die er ihr mit einem Messer beigebracht habe. Das Mädchen fährt schwere Geschütze auf: Ich hasse ihn. (…) Ich will meinen Vater nicht mehr sehen. Nie mehr. Ich wünschte, er wäre tot. Wenn Sie jetzt bestimmen, dass ich wieder zu ihm muss, bringe ich mich um.

Mutter hintertreibt den Umgang

Ein Jahr zuvor sieht das ganz anders aus: Annis Vater Tom (Felix Klare) pflegt ein inniges Verhältnis zu seiner Tochter. Auch mit Toms neuer Lebensgefährtin Jenny (Marie Collet) und deren Tochter Mia versteht sich Anni gut. Eine Bilderbuch-Patchwork-Konstruktion in Karlsruhe, möchte man meinen – wäre da nicht Annis Mutter Julia (Julia Koschitz), Toms Ex-Frau. Dass sie auch an Annis Papa-Wochenenden ständig mit ihrer Tochter telefonieren muss, stellt noch das kleinste Übel dar. Nach und nach zeigt sich: Die alleinerziehende Julia hat die Trennung nicht überwunden und nimmt Tom das Ende der Ehe nach wie vor übel. Folge: Sie hintertreibt den Umgang, sabotiert Wochenenden, bei denen Anni an sich bei Tom sein sollte, und tut alles, um ihre Tochter von deren Vater zu entfremden.

Das „Parental Alienation Syndrome“

Eine Tochter, die angibt, ihren Vater zu hassen und lieber tot zu sein, als bei ihm sein zu müssen – da muss der Kerl wohl ein übler Geselle sein. Am Ende einer, der Frau und Kind schlägt oder noch Schlimmeres mit seinem Nachwuchs anstellt. Mitnichten! „Weil du mir gehörst“ thematisiert ein Phänomen, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als es derzeit auch hierzulande leider bekommt: die Eltern-Kind-Entfremdung (1), im Englischen Parental Alienation Syndrome (PAS) genannt.

„Weil du mir gehörst“ beschreibt, wie ein Kind quasi „lernt“, ein Elternteil herabzuwürdigen und abzulehnen, weil das andere Elternteil gegenüber dem Nachwuchs Stimmung gegen den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin macht, das Kind geradezu indoktriniert (2). In diesem fiktiven Fall handelt es sich um eine Mutter als Täterin, und aufgrund gesellschaftlicher Strukturen und Haltungen dürften in der Tat mehrheitlich Mütter die Täterinnen sein (ohne dass ich das prozentual benennen kann), keinesfalls jedoch soll dies Väter davon freisprechen. Es war höchste Zeit, dass sich ein zur besten Sendezeit ausgestrahlter Fernsehfilm des Themas Eltern-Kind-Entfremdung annimmt, und jetzt schon sei angeführt: Das im Auftrag des Südwestrundfunks produzierte TV-Drama „Weil du mir gehörst“ hat das Thema auf qualitativ herausragende Weise umgesetzt und stellt sowohl das Phänomen als auch dessen Begleiterscheinungen vorzüglich dar. Auch den Darstellerinnen und Darstellern spreche ich durch die Bank ein großes Lob aus. Ich kann nur jeder und jedem, die oder der sich auch nur ein wenig für familiäre Belange und Trennungsprobleme interessiert, nachdrücklich die Sichtung ans Herz legen – entweder am 12. Februar um 20:15 Uhr im Ersten oder bereits jetzt und bis zum 12. Mai 2020 online in der Mediathek. Vielleicht werdet ihr bei der einen oder anderen Szene denken, das könne doch gar nicht sein, das sei sicher übertrieben dargestellt. Ich versichere euch: Das ist nicht der Fall. Mit Eltern-Kind-Entfremdung beschäftige ich mich intensiv seit mehr als fünf Jahren, erstmals ist mir der Begriff ein paar Jahre früher begegnet. Aus vielen Erfahrungen Betroffener weiß ich: All das, was der kleinen Anni wiederfährt, wiederfährt permanent etlichen Kindern im wahren Leben.

Hat ihr Vater Anni verletzt?

Ab dem kommenden Absatz nehme ich mir die Freiheit, wesentliche Handlungselemente von „Weil du mir gehörst“ zu beschreiben, sprich: Ich spoilere, und zwar massiv. Wer den Film ungespoilert schauen will, möge mit der Lektüre dieses Textes nach Beendigung dieses Absatzes erst im Anschluss an die Sichtung fortfahren. Ich halte das Drama zwar auch dann für sehenswert genug, wenn man dessen Entwicklung und sogar den Ausgang kennt, will aber niemandem die Freude am Spannungsbogen nehmen. Wobei „Freude“ ein relativer Begriff ist – „Weil du mir gehörst“ macht gewiss keine Freude, sondern wühlt auf und macht betroffen, gar sprachlos. Speziell Elternteile, die gegen Entfremdung von ihren Kindern ankämpfen müssen, sich von ihnen bereits entfremdet fühlen oder sie gar ohne gravierendes Eigenverschulden überhaupt nicht mehr zu sehen bekommen, werden so viel wiedererkennen, dass es mitunter schwer erträglich ist. „Das ist ja wie bei uns!“ könnte ein häufiger Gedanke sein, der eine oder andere Kloß mag im Hals entstehen, die eine oder andere Träne fließen. Und dabei ist der Film alles andere als rührselig inszeniert.

Ab hier wird kräftig gespoilert

Drehbuchautorin Katrin Bühlig hat sorgfältig recherchiert und wichtige Bestandteile und Begleiterscheinungen der Eltern-Kind-Entfremdung präzise herausgearbeitet. In einer Stellungnahme zu „Weil du mir gehörst“ gibt sie an, den ehemaligen Familienrichter Jürgen Rudolph als Berater gewonnen zu haben. Ihm kommt das Verdienst zu, dass sich an manchen deutschen Amtsgerichten die Haltung findet, Eltern müssten in Umgangs- und Sorgerechtsstreitfällen gemeinsam an außergerichtlichen Beratungen mit dem Ziel der Einigung teilnehmen (3). Dies findet sich in einer Szene gegen Ende, wenn der Richter Julia und Tom während einer Verhandlung vor dem Oberlandesgericht zu außergerichtlicher Mediation verdonnert. Im Weigerungsfalle riskieren beide vieles: Der Richter kündigt an, Julia das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Anni zu entziehen, sofern sie weiterhin den Umgang sabotiert und nicht an den Beratungssitzungen teilnimmt. Sollte Tom meinen, die Beratung nicht nötig zu haben, werde sein Antrag auf Umgang mit Anni zurückgewiesen.

Aussetzung des Umgangs?

In derselben Szene thematisiert der Richter die Aussetzung des Umgangs für einen gewissen Zeitraum: Der Verfahrensbeistand (4) hatte vorgeschlagen, der Umgang zwischen Vater und Tochter solle für drei Monate entfallen. Das Jugendamt stieß ins gleiche Horn, wollte sich aber auf keine präzise Dauer festlegen, sondern sprach sich für „eine unbestimmte Zeit“ aus. Julias Anwalt Wolters (Jochen Hägele) schließlich hatte beantragt, den Umgang für die längste mögliche Dauer von zwei Jahren auszusetzen. Unabhängig davon, dass der Richter keinem der Vorschläge gefolgt ist, muss man sich das einmal vorstellen: Julia hat den Umgang von Anni mit ihrem Vater so sehr unterlaufen und auf derart böswillige Weise bei ihrer Tochter Stimmung gegen ihren Vater gemacht (dazu später mehr), dass diese tatsächlich nicht mehr zu ihm will, und alles, was einigen Verfahrensbeteiligten dazu einfällt, ist, den Umgang vollständig auszusetzen. Glaubt ihr das nicht? Lasst euch versichern: Genau das passiert an bundesdeutschen Familiengerichten immer wieder! An dem einen Amtsgericht mehr, an dem anderen weniger – da gibt es große Unterschiede in der Rechtsprechung. Wie soll eine Eltern-Kind-Entfremdung rückgängig gemacht werden, wenn der Vater sein Kind gar nicht mehr sieht? Wird sie dadurch nicht im Gegenteil zementiert? Zwei Fragen, die anscheinend nicht immer eine Rolle spielen.

Zur Darstellung der Gerichtsverfahren in „Weil du mir gehörst“ ist anzuführen, dass diese gegenüber der Realität etwas verkürzt inszeniert worden sind. Ich halte das aus dramaturgischen Gründen für völlig legitim, schreibe dennoch etwas zu den Auslassungen: So fehlt völlig der Aspekt, dass Richter in der Regel bestrebt sind, keinen Beschluss (5) zu fassen, sondern eine Einigung zwischen Mutter und Vater herbeizuführen, die dann als verbindlich gilt, weil sie richterlich protokolliert wurde. Dies erreichen Richter mittels mehr oder weniger sanften Drucks, der bisweilen auch mal die Grenze zur Nötigung ausreizt (6). Ebenfalls nicht zur Sprache kommt im Film das Mittel des Ordnungsgelds (7) bei Vergehen gegen eine gerichtliche Umgangsvereinbarung. Und auch den Aspekt der Unterhaltszahlungen klammert „Weil du mir gehörst“ vollständig aus (8).

Die Mutter haut mit dem Kind ab

Als Tom eines Tages Anni bei Julia zum Umgang abholen will, stellt er entsetzt fest: Die Wohnung ist aufgelöst. Er braucht Wochen, um den neuen Wohnsitz von Mutter und Tochter zu erfahren, und hat in dieser Zeit keinerlei Kontakt zu Anni – Julia ist mit dem Mädchen nach Bitburg gezogen, in die Nähe ihrer Eltern. Tom kennt zwar die Anschrift seiner Ex-Schwiegereltern, es gelingt ihm aber auf diesem Wege nicht, den Aufenthaltsort seiner Tochter festzustellen. Stellt euch vor, ihr habt wochenlang keine Ahnung, wo sich euer Kind befindet! Ein gruseliger Gedanke, aber Julia kennt gegenüber Tom keine Hemmungen. Dass Anni ihren Vater vermisst – sekundär, das wird sich schon legen, zur Not mit etwas Bestechung: Du kannst jeden Tag nach der Schule zum Reiterhof. Kaum vorstellbar? Im Gegenteil! Eine Mutter, die den Wunsch hegt, mit ihrem Kind in eine andere Stadt zu ziehen, und bei gemeinsamem Sorgerecht fürchtet, dass der Vater dem widerspricht (was sein gutes Recht ist), wird von ihrem Rechtsbeistand womöglich den Rat bekommen: „Tun Sie es! Schaffen Sie Tatsachen, bevor am alten Wohnsitz ein Gerichtsverfahren zum Aufenthaltsbestimmungsrecht anhängig ist!“ Dann nämlich funktioniert das Wegziehen nicht mehr. (9) Julias Anwalt vermittelt seiner Mandantin sogar eine vermeintliche Psychologin, die nach einer Anhörung von Anni ein Gefälligkeitsgutachten erstellt, welches Tom als Übeltäter zeichnet. Kaum zu glauben, aber das kommt in Deutschland tatsächlich vor.

Üble Nummer mit dem Telefon

Um zusätzlich zum Wegzug auch Annis telefonischen Kontakt zu Tom zu unterbinden, greift Julia zu einem perfiden Trick: Sie blockiert Toms Eintrag in Annis Handy, behauptet, Papa habe eine neue Telefonnummer, und schenkt Anni zur Feier des Umzugs ein neues Smartphone: Hier siehst du Papas neue Nummer. Auf Annis besorgte Frage, ob Papa die Nummer habe, erwidert Julia: Na klar hat Papa die Nummer, die hab ich ihm sofort gegeben. Na klar hat Papa die Nummer nicht, und die angeblich neue Nummer von Tom führt zu einem weiteren Handy, das sich Julia zugelegt hat, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass die Mutter jederzeit die Kontrolle darüber hat, wie oft ihre Tochter versucht, den Vater zu erreichen. Wem läuft es da nicht kalt über den Rücken? Unglaubwürdig? Von wegen. Mir ist beispielsweise ein verbürgter Fall bekannt, in welchem im Kindeshandy unter dem Eintrag „Papa“ die Nummer des Vaters durch die Nummer des Stiefvaters ersetzt worden ist. Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt.

Nach der Scheidung bleibt das Verhältnis von Anni und Tom zunächst liebevoll

Nachdem Tom endlich herausgefunden hat, wo Julia und Anni leben, begeht er gegen den Rat seiner Anwältin den Fehler, dorthin zu fahren. Väter (oder Mütter in gleicher Situation) begehen in solchen Auseinandersetzungen zwangsläufig Fehler. Sie stehen enorm unter Druck, weil ihnen das Liebste genommen wird, und oft müssen sie bei Abwägungen von Für und Wider zwischen Teufel und Beelzebub oder Pest und Cholera entscheiden, weil so oder so das Kind leidet. Es kommt zur Konfrontation der Ex-Eheleute – mit bösen Folgen für Tom und Anni: Julia nutzt ein kurzes Handgemenge – keine (!) Gewalttat Toms – aus, ruft die Polizei und erwirkt gegen ihn zügig eine dreimonatige Kontaktsperre. In dieser Zeit lassen sich Entfremdungsversuche komfortabel weiter betreiben, und eine besonders bösartige Variante fällt Julia ein: In die Zeit der Kontaktsperre fällt ein lange geplanter Familienurlaub Toms nach Lanzarote, zu dem er selbstverständlich auch Anni mitnehmen wollte. Notgedrungen fliegt er ohne sie, hat nicht mal Gelegenheit, seiner Tochter zur erklären, weshalb sie nicht mitfliegen kann. Und Julia? Die lässt ihre Tochter im Glauben, sie werde mit ihrem Vater, Jenny und Mia in den Urlaub fliegen. Am vermeintlichen Abreisetag bringt sie Anni sogar zum Haus des Vaters. Dass der mit seiner Frau und Stieftochter längst traurig abgereist ist, wusste Julia natürlich. Annis Enttäuschung ist riesig. Spätestens jetzt hat sie gar keine andere Wahl mehr, als ihren Vater abzulehnen. Mütterliches Verhalten geht kaum finsterer.

Eins ist jederzeit klar: Julia liebt ihre Tochter und würde alles für sie tun – mit der gewichtigen Ausnahme, dass sie sich nicht zu bindungsförderlichem Verhalten in der Lage sieht, sprich: Es ist ihr unmöglich, die Bindung von Anni zu ihrem Vater zu fördern. Stattdessen tut sie das Gegenteil, zeigt bindungsblockierendes Verhalten in Reinkultur. Beim Zusehen denkt man sich: Wie kann das sein? Julia sieht doch ganz deutlich, wie traurig Anni anfangs ist, wenn sie ihren Vater nicht sieht und ihn telefonisch nicht erreicht. Dieses Verhalten tritt dann auf, wenn Elternteile nicht in der Lage sind, gegenüber ihrem Ex-Partner die Paar-Ebene zu verlassen und auf die Eltern-Ebene zu wechseln. Julia trägt Tom nach wie vor das Scheitern der Ehe nach: Er hat sie für Jenny verlassen. Wie sauber oder unsauber sich Tom tatsächlich verhalten hat, erfährt das Publikum von „Weil du mir gehörst“ nicht, es ist für die Handlung auch irrelevant, weil Tom ein liebevoller und vorbildlicher Vater ist (10). Auch spielt die geradezu mythische Überhöhung der Mutterschaft in unserer Gesellschaft nach wie vor eine Rolle, sodass manch alleinerziehende Mutter wie Julia womöglich zu der irrigen Annahme neigt, sie könne den Verlust des Vaters schon kompensieren (11).

Kontakt mit anderen Betroffenen

Manche Väter geben schließlich auf. Sie sind seelisch zermürbt, durch jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen am Rande des finanziellen Ruins, haben keine Kraft mehr, können es auch nicht mehr ertragen, ihr Kind leiden zu sehen. Einen solchen Vater trifft Tom, der in seiner Verzweiflung Kontakt zu anderen von Eltern-Kind-Entfremdung betroffenen Vätern sucht. Eine tieftraurige kurze Szene, welche das ganze Elend dieses Schicksals verdeutlicht. Die Selbstmordrate solcher Väter ist hoch (12).

Die Hilflosigkeit des Vaters

Besonders gelungen dargestellt: Toms Hilflosigkeit. Er kann stets nur reagieren, nie agieren, merkt das auch und verzweifelt daran. Wer je in dieser Situation war, kann das exakt nachfühlen. Auch an seiner Beziehung zu Jenny geht der Kampf um Anni nicht spurlos vorüber. Sie will ihm helfen, ohne faktisch viel tun zu können, als für ihn da zu sein, er will sie nicht noch mehr hineinziehen. Völlig klar: Da kommt es auch mal zum Streit – das ist glaubwürdig und mit gebotener Zurückhaltung inszeniert. Wer gut aufpasst, wird recht früh im Film auch eine ganz kurze Szene bemerken, in der ein einziges Mal die Problematik der Stiefmutter zum Tragen kommt: Julia betrachtet in einem Sozialen Netzwerk in Toms Profil Fotos von ihm, Anni, Jenny und Mia. Es gefällt ihr offenkundig nicht, was sie dort sieht: Anni fühlt sich wohl. Besonders ein Foto von Anni nur mit ihrer Stiefmutter und ihrer Stiefschwester scheint auf Julia zu wirken. Ein Aspekt mütterlicher Eifersucht auf eine vermeintliche Nebenbuhlerin im Herzen der Tochter, der vielleicht größeren Raum verdient hätte, aufmerksamen Zuschauerinnen und Zuschauern aber nicht entgehen wird.

Doch Julia spielt gegenüber ihrer Tochter ein falsches Spiel

Zwei weitere Figuren will ich noch erwähnen: die beiden Großmütter. Julias Mutter Elvira (Teresa Harder) unterstützt ihre Tochter nach Kräften beim Versuch, Tom aus dem Leben der Tochter zu verbannen. Toms Mutter Heidi (Monika Lennartz) hingegen hat keine Chance als Oma: Zur abschließenden Verhandlung vor dem Oberlandesgericht darf sie ihren Sohn zwar begleiten, aber ihr Versuch, nach Monaten die Enkeltochter im Flur des Gerichtsgebäudes mal wieder in die Arme zu schließen oder auch nur zu begrüßen, ist zum Scheitern verurteilt. Sie muss allein im Wartebereich ausharren; von Anni, die bei den Großeltern mütterlicherseits sitzt, trennen sie lediglich zehn Meter, und doch ist Oma Heidi ihrer Enkelin so fern. Auch dies ist nur eine kurze Szene, doch sie demonstriert auf feinfühlige Weise die Auswirkungen, die Entfremdungsmechanismen auf völlig Unschuldige haben. Ein Kollateralschaden. Gelegentlich stößt man beim Austausch mit Gleichgesinnten auch auf Großeltern, die ihre Enkelkinder seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Eine Lobby haben sie nicht. Und auch in Bezug auf die beiden im Film porträtierten Großmütter väter- und mütterlicherseits gilt: Manchen Betroffenen wird hier ein „Das ist ja wie bei uns!“ entfahren.

Einzigartig und doch vergleichbar

„Weil du mir gehörst“ erzählt eine fiktive Geschichte. Jeder Fall einer strittigen Elternschaft, in der es zu Eltern-Kind-Entfremdung kommt, ist einzigartig in den spezifischen Ereignissen. Was all diese Fälle eint, sind Strukturen und Verhaltensmuster. Es mag kaum Fälle geben, in denen eine Mutter (oder ein Vater) mit dem Handy der Tochter exakt den gleichen Schindluder wie Julia betrieben hat, aber wenn man sich unter Betroffenen umhört, wird man massig Berichte hören, wie das Handy des Kindes auf ähnliche oder andere Weise manipuliert worden ist. Das meine ich mit „Das ist ja wie bei uns!“ Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran, dass viele Betroffene etliche Verhaltensmuster wiedererkennen werden.

Beeindruckend gespielt

Hauptdarsteller Felix Klare ist mir vornehmlich als „Tatort“-Ermittler im Stuttgarter Strang der Krimireihe bekannt. Seinem Tom habe ich in jedem Moment jede seiner Regungen abgenommen, besonders das Gefühl der Ohnmacht. Dessen Antagonistin Julia jagt einem Angst ein, die Österreicherin Julia Koschitz spielt sie mit einer bravourösen Mischung aus Eiseskälte und – gegenüber Anni – Herzenswärme. Julia ist eine gebrochene Figur. Vermutlich von vornherein nicht mit dem größten Selbstwertgefühl ausgestattet, hat es sie mental völlig aus der Bahn geworfen, von Tom verlassen worden zu sein. Nach außen wahrt sie den Schein, doch wenn die Kamera sie fokussiert, wird deutlich, wie es in ihr arbeitet. Das vermittelt Koschitz auf treffliche Weise. Anni-Darstellerin Lisa Marie Trense beeindruckt ebenfalls. Das Mädchen aus Hamburg ist seit 2015 als Schauspielerin fürs deutsche Fernsehen aktiv. Ich hoffe (glaube das aber auch), sie wurde während der Dreharbeiten zu „Weil du mir gehörst“ anständig betreut – der Stoff ist harter Tobak, gerade für ein Kind.

Zurück bleibt eine zerstörte Kinderseele

„Weil du mir gehörst“ endet offen, mit einem leichten Hoffnungsschimmer und elend gleichermaßen: Anni darf/muss wieder zu ihrem Vater. Er freut sich auf sie, doch sie zieht sich umgehend in ihr Kinderzimmer zurück. Wird es dem Mädchen und seinem Vater gelingen, die Fesseln der Entfremdung abzustreifen? Wir erfahren es nicht. Was wir wissen: Das Mädchen hat Schaden an der Seele erlitten, der sich nicht heilen lässt. Annis Urvertrauen in ihre Eltern und damit auch in ihre eigene Identität ist unwiderbringlich zerstört.

Denkanstoß in der Debatte

Zum Ende erlaube ich mir, erneut Drehbuchautorin Katrin Bühlig zu zitieren: Wenn wir es schaffen, dass sich auch nur eine Mutter oder ein Vater in unserem Film wiedererkennt und ihr Verhalten danach ändert – wenn wir es schaffen, dass sich auch nur ein Familienrichter in Zukunft nicht von der (manipulierten) Aussage des Kindes „Ich hasse meine Mutter oder meinen Vater“ blenden lässt, sondern genau das hinterfragt – wenn wir es schaffen, dass das unmittelbare Umfeld eines zerstrittenen Elternpaares auf ihre Nächsten einwirkt, weil sie durch unseren Film sensibilisiert worden sind – dann hätten wir alles erreicht, was wir mit diesem Film wollten … Ihr und natürlich ebenso Regisseur Alexander Dierbach gilt mein großer Respekt, sich der Eltern-Kind-Entfremdung derartig feinfühlig und verantwortungsvoll genähert zu haben. Ein wichtiger Beitrag zur Debatte um Veränderungen im Familienrecht und zu Veränderungen in den Köpfen.

Abschließend ein Hinweis: Wie jede Filmbetrachtung habe ich auch diesen Text so objektiv wie möglich und so subjektiv wie nötig verfasst. Diesmal mag ich noch etwas subjektiver geschrieben haben als bei einer beliebigen Horrorfilm-Rezension, die ich ja auch gern erstelle. Vielleicht sind mir auch mal die Pferde durchgegangen, und vielleicht habe ich einiges anders dargestellt als es andere Kenner der Materie getan hätten. Ganz wichtig: Ich bin juristischer Laie, all meine rechtlichen Einschätzungen stehen unter diesem Vorbehalt. Ich gehe davon aus, dass diesen Text wenigstens ein paar Menschen lesen werden, die sich ebenso gut wie ich oder deutlich besser als ich mit dem Thema auskennen. Sollte ich irgendwo grob danebenliegen, korrigiert mich gern per Kommentar. Sofern etwas euch tendenziös erscheint, widersprecht mir. Höfliche Kommentare ohne persönliche Attacken schalte ich gern frei.

Eine verliert ganz sicher: Anni

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK entfällt
Originaltitel: Weil du mir gehörst
D 2020
Regie: Alexander Dierbach
Drehbuch: Katrin Bühlig
Besetzung: Julia Koschitz, Felix Klare, Lisa Marie Trense, Marie Collet, Teresa Harder, Lutz Blochberger, Monika Lennartz, Jochen Hägele, Jule Gartzke, Theresa Berlage, Anja Nejarri
Produktion: FFP New Media, im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR)

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2020 SWR / FFP New Media GmbH,
Bild 1 & 2 auch: © Martin Valentin Menke,
Bild 3 & 5 auch: © Bernd Spauke, Bild 4 auch: © Jürgen Holland

Fußnoten:

(1) Die kindliche Ablehnung eines Elternteils aufgrund von dessen Verhaltensweisen wie Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Desinteresse fällt nicht unter Eltern-Kind-Entfremdung, und darum geht es weder in dem Film noch in diesem Text. Nach wie vor gibt es Kritik am und Ablehnung des Parental Alienation Syndrome. So wird argumentiert, es gebe speziell Vätern im Sorgerechtsstreit Handhabe, von ihren Verfehlungen abzulenken, um womöglich von ihnen verursachte Entfremdung des Kindes der Mutter in die Schuhe zu schieben – ein Aspekt, der nicht von der Hand zu weisen ist, an der grundsätzlichen Existenz von Eltern-Kind-Entfremdung durch das Betreuungselternteil (meist die Mutter) aber nichts ändert. Eine Kontroverse gibt es auch um den wissenschaftlichen Status des Syndroms und die Frage, ob es als psychische Störung und Krankheit in entsprechende Verzeichnisse aufgenommen werden soll.

(2) In aller Regel liegt die Täterschaft beim betreuenden Elternteil, das Umgangselternteil ist das zweite Opfer – nach dem Kind, dessen Seele beschädigt wird. Wer sein Kind lediglich zu Umgängen sieht, hat allein zeitlich kaum die Möglichkeit, es nachhaltig gegen das Elternteil einzunehmen, bei dem es lebt. Da Trennungskinder auch heute mehrheitlich hauptsächlich bei ihren Müttern leben, sind es zwangsläufig mehrheitlich Mütter, die Eltern-Kind-Entfremdung betreiben, wobei sich logischerweise auch Väter als Täter finden – wir sind ja keine besseren Menschen.

(3) Wer sich etwas mit strittigen Elternschaften in Trennungssituationen befasst hat, wird den Namen kennen. Jürgen Rudolph gilt als Experte auf dem Gebiet der Eltern-Kind-Entfremdung, auf seine Initiative geht das sogenannte Cochemer Modell zurück, das er 1992 als Familienrichter am Amtsgericht Cochem installiert hat.Verkürzt skizziert: Zusammenführung aller beteiligten Parteien und Institutionen mit dem strengen Fokus auf außergerichtliche Konfliktbeilegung und Mediation.

(4) Verfahrensbeistände sind Personen, die vom Gericht als Interessenvertreter der Kinder beigeordnet werden – davon ausgehend, dass die Anwälte der Mutter und des Vaters lediglich die Interessen ihrer Mandantinnen und Mandanten verfolgen, nicht jedoch die Interessen des Kindes. Oft handelt es sich um Juristen, auch Psychologen oder Sozialpädagogen kommen als Verfahrensbeistand in Frage, wobei es keine bundesweit festgelegten Qualifikationskriterien gibt.

(5) An deutschen Familiengerichten gibt es keine Urteile, sondern Beschlüsse.

(6) Ein Beispiel für das Ausreizen der Grenze zur Nötigung: Wer von der Richterin oder dem Richter vor die Wahl gestellt wird, dem Wegzug seines Kindes aus dem vormals gemeinsamen Wohnort zuzustimmen oder im Falle einer Weigerung das Aufenthaltsbestimmungsrecht als Teil des Sorgerechts zu verlieren, hat tatsächlich keine Wahl, weil der Wegzug so oder so geschehen wird und die Ablehnung größere Nachteile mit sich bringt. Im Weigerungsfalle und dem damit einhergehenden Verlust des Aufenthaltsbestimmungsrechts steht zwar der Weg zum Oberlandesgericht offen, aber bis es in der höheren Instanz zum Verfahren kommt, lebt das Kind bereits eine ganze Weile am neuen Wohnort, das Argument des Erhalts dessen sozialen Umfelds hat sich zum Bumerang verkehrt, weshalb es sehr unwahrscheinlich ist, dass das OLG die Rückführung des Kindes anordnet.

(7) Besteht eine gerichtliche Umgangsvereinbarung, in der als Mittel zur Durchsetzung des Umgangs Ordnungsgeld und sogar Ordnungshaft genannt sind, kann das Amtsgericht bei Zuwiderhandlungen gegen die Vereinbarung gegenüber der zuwiderhandelnden Partei ein Ordnungsgeld verhängen. Verweigert das Betreuungselternteil beispielsweise ein Umgangswochenende, kann das Umgangselternteil beantragen, dem anderen Elternteil ein Ordnungsgeld aufzuerlegen (wobei es natürlich Gründe gibt, die den Umgangsausfall rechtfertigen). Dies sind bei Erstverstößen in der Regel vergleichsweise geringe Beträge von vielleicht einhundert bis zu wenigen hundert Euro, im Wiederholungsfalle erhöhen die Richter die Strafsätze bis zum in der Vereinbarung festgelegten Maximalbetrag, der durchaus 25.000 Euro betragen kann. Mir ist nicht bekannt, ob deutsche Richter solchen Anträgen bei eindeutigen Verstößen stets folgen oder sie gemäß ihres Ermessensspielraums auch mal ablehnen. Auch weiß ich nicht, ob es Richter gibt, welche die maximale Höhe des Ordnungsgelds ausreizen. Ein Richter, der einer Mutter wegen Umgangsvereitelung Haft verordnet, dürfte die große Ausnahme sein. Ein Ordnungsgeldantrag ist natürlich nicht geeignet, zur Befriedung des Konflikts beizutragen, aber das Umgangselternteil hat in solchen Fällen oft keine andere Wahl. Gewöhnt sich das Betreuungselternteil daran, mit Umgangsvereitelung durchzukommen, gibt es ja keinen Grund, daran etwas zu ändern. In jedem Fall verlieren die Kinder, das tun sie bei strittiger und hochstrittiger Elternschaft immer.

(8) Das Thema Kindesunterhalt auszuklammern, geschah nach meiner Vermutung aus zwei Gründen: Zum einen hätte es zusätzliche Handlungsstränge notwendig gemacht, wenn sich das Paar auch noch um den Betrag streitet, den Umgangselternteil Tom monatlich als Kindesunterhalt für Anni an Julia zu zahlen hat – das hätte den Rahmen eines anderthalbstündigen Films gesprengt; zum anderen sind im deutschen Familienrecht Sorgerecht und Umgang auf der einen sowie Unterhalt auf der anderen Seite vollständig voneinander abgekoppelt. Geld spielt zwar immer eine Rolle, aber für die Frage des Umgangs sind Unterhaltszahlungen rechtlich völlig irrelevant.

(9) Nun muss man als Rechtsanwalt im Familienrecht natürlich einigermaßen abgebrüht sein, um derlei unmoralische Ratschläge zu erteilen, aber letztlich hat ein Anwalt einzig die Interessen seiner Mandantin im Blick zu haben, und wenn dieses Interesse nun mal darin liegt, das Kind vom Vater zu entfernen … Obwohl ich sicher bin, dass viele Anwälte ethische Maßstäbe zur Grundlage ihrer Arbeit ansetzen, wird es bindungsblockierenden Müttern (oder Vätern) nicht schwerfallen, einen juristischen Beistand zu finden, der keine Skrupel hat, etwas rigorosere Tipps zu geben. Gerade für alleinerziehende Mütter gibt es Verbände, die dafür berüchtigt sind, ihre Mitglieder mit Rat und Tat explizit väterfeindlich zu unterstützen (alleinerziehende Väter werden als Feigenblatt ebenfalls aufgenommen). Dass das gleichzeitig enorm kindesfeindlich ist – wen kümmert’s? Wenn sich sogar die Spitze des Bundesfamilienministeriums lächelnd mit Vertreterinnen solcher Verbände fotografieren lässt, kann das wohl so schlimm nicht sein.

(10) Sollten dies hier Väter in Trennungssituationen lesen, bei denen die Mutter ihres Kindes die Beziehung beendet hat und sie sogleich wieder einen neuen Mann an ihrer Seite hatte: Hütet euch davor, euch vor Eltern-Kind-Entfremdung sicher zu sein! Auch wenn eure Ex-Frau wieder einen neuen Partner hat und mit ihm glücklich wirkt – sobald ihr irgendwann nach geraumer Zeit selbst wieder eine Frau in euer Leben lasst, wird es brandgefährlich, erst recht, wenn euer Kind die Stiefmutter in sein Herz schließt. Mütterliche Eifersucht kann einiges anrichten. Zudem erhöht die Existenz des neuen Partners und Stiefvaters die Gefahr enorm, weil die Mutter eure Entsorgung vor sich selbst damit rechtfertigen kann, dass sie einen Ersatzvater installiert hat.

(11) Das Fehlen einer solchen Überhöhung der Vaterrolle in unserer Gesellschaft lässt vom Vater betriebene Eltern-Kind-Entfremdung sogar noch bösartiger erscheinen: Wer damit aufwächst, die Mutter sei das Elternteil schlechthin, der Vater eben nur Nummer zwei, und dennoch dem eigenen Kind die Mutter nimmt, müsste wissen, dass er Übles anrichtet. Mütter hingegen finden eher eine Rechtfertigung für das Abservieren des Vaters, eben weil ihnen von der Gesellschaft suggeriert wurde, sie seien das Elternteil schlechthin. Tatsächlich hat das Kind zur Hälfte Anteile der Mutter, zur Hälfte Anteile des Vaters. Ihm zu suggerieren, eine dieser Hälften sei schlecht, stellt unabhängig vom Geschlecht des betreffenden Elternteils einen zerstörerischen Eingriff in die Identität des Kindes dar. Das gesellschaftliche Bild von Mutter- und Vaterrolle ist ein überaus gewichtiger Aspekt in der Gemengelage strittiger Elternschaft, zu dessen ausführlicher Erörterung mir aber die Kenntnisse fehlen. Es würde auch den Rahmen dieses Textes sprengen.

(12) Manche dieser Väter nehmen am Ende ihr Kind, die Ex-Partnerin oder beide mit in den Tod, was mit dem etwas zynisch anmutenden Begriff erweiterter Suizid benannt wird. Eine monströse Reaktion auf erlittenes Unrecht, und selbstverständlich haben viele durch Väter begangene erweiterte Suizide ganz andere Ursachen.

 
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Verfasst von - 2020/02/04 in Film, Rezensionen, TV

 

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Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen: Und führe uns nicht in Versuchung!

Hauptdarstellerin Verena Altenberger bespricht sich mit Regisseur Dominik Graf

Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen

Ausstrahlung: Sonntag, 8. Dezember 2019, 20:15 Uhr, Das Erste

Von Volker Schönenberger

TV-Krimi // Zehn Grimme-Preise, ein Bayerischer und ein Deutscher Filmpreis – Dominik Graf gehört zweifelsohne zu den profiliertesten und versiertesten Regisseuren Deutschlands, auch wenn er derlei Zuschreibungen ungern vernimmt und Auszeichnungen skeptisch gegenübersteht. Dabei hat er sich von Anbeginn seiner Karriere dem Genrefilm verschrieben – Action, Krimi und Thriller sind sein Metier, und stets fügt er dem Ganzen eine gehörige Portion Drama hinzu. Seit Mitte der 1970er-Jahre aktiv, feierte Graf 1988 mit „Die Katze“ mit Götz George, Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig und Ralf Richter einen ersten Achtungserfolg im Kino. Zwei Jahre zuvor hatte er mit dem Schimanski-„Tatort: Schwarzes Wochenende“ erstmals die große deutsche Krimireihe um eine Folge bereichert – bis 2017 folgten drei weitere „Tatort“-Episoden. Aus seiner Filmografie lassen sich viele Empfehlungen aussprechen, genannt seien noch die flirrende Ausbrecherjagd „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ (2016), der herausragende Russenmafia-Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) und der Actionthriller „Die Sieger“ (1994) mit Herbert Knaup, Katja Flint, Hannes Jaenicke, Meret Becker und Heinz Hoenig, seinerzeit an den Kinokassen gescheitert und von Graf selbstkritisch missbilligend beurteilt, erst 2019 mit der Aufführung des Director’s Cuts bei der Berlinale rehabilitiert.

Polizeioberkommissarin Eyckhoff muss Farbe bekennen

Zum „Polizeiruf 110“ stieß Graf spät: 2005 inszenierte er für den Bayerischen Rundfunk die brillante Episode „Der scharlachrote Engel“ (als Ermittler: Michaela May und Edgar Selge), ein heftiges Stalking- und Vergewaltigungsdrama mit Nina Kunzendorf und Martin Feifel. Es folgten die nicht minder sehenswerten „Polizeiruf 110“-Beiträge „Er sollte tot“ (2006), „Cassandras Warnung“ (2011) und „Smoke on the Water“ (2014). Graf blieb für die Reihe dem Bayerischen Rundfunk und dem Schauplatz München treu, nun hat er mit „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ den zweiten Fall der Münchner Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) inszeniert. Eyckhoff trat erstmals in der von Florian Schwarz gedrehten Folge „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ in Erscheinung, die erst im September 2019 im Ersten ausgestrahlt worden war.

Abhöraktion gegen Börsenkriminelle

Gleich zu Beginn sehen wir Eyckhoff in einer Verhörsituation – als Verhörte. Die Haupthandlung entfaltet sich somit als Rückblende, umklammert vom Bericht der Ermittlerin. Sie und ihr Team sind darauf angesetzt worden, die Büroräume von Reiko Fastnacht (Michael Zittel) abzuhören. Der Geschäftsführer von Safe Pack Energy wird des illegalen Börsenhandels verdächtigt – Insidergeschäfte, um es zu präzisieren. Die Technik ist zügig installiert, Eyckhoff, Polizeioberkommissar Wolfgang Maurer (Andreas Bittl), zwei weitere Kollegen und eine Kollegin gehen in der Nähe des Unternehmens in Lauerposition. Schnell erfahren die Ermittler, dass die Aktie des Energie-Anbieters MTT im Begriff ist, einen gehörigen Sprung nach oben zu machen. Das weckt die Gier der unterbezahlten Polizisten, man beschließt, selbst zu investieren. Maurer sowie Roman Blöchl (Robert Sigl), Meryem Chouaki (Berivan Kaya) und Tobias Rast (Dimitri Abold) weihen ihren Kumpel und Ex-Kollegen Heinz „Calli“ Callum (Sascha Maaz) ein, der Frührentner beleiht sogar sein Erbe, um MTT-Aktien zu kaufen. Einzig Eyckhoff beteiligt sich nicht, was weniger an moralischen Erwägungen liegt als daran, dass es ihr schlicht an Geld mangelt, das sie investieren könnte. An Tag X steigt die Aktie tatsächlich im Sekundentakt. Doch dann geht schief, was nur schiefgehen kann, und bald liegen bei den Ermittlern die Nerven blank. Eyckhoff sieht sich derweil genötigt, in Kooperation mit Lukas Posse (Wolf Danny Homann) von der Börsenaufsicht gegen ihr eigenes Team zu ermitteln.

Eine Kostümparty gerät zur …

Ein kleines Stück vom riesigen Kuchen der Finanzwelt und der Wertpapiergeschäfte mit ihren vielen dubiosen Geschäftspraktiken abzuzweigen – wer von derlei Versuchungen frei ist, werfe den ersten Stein. In Zeiten von Dividendenstripping-Machenschaften wie den Cum-ex- und Cum-Cum-Geschäften erscheint mir da ein aufgrund illegaler Erkenntnisse getätigter Aktienkauf mit ein paar zusammengekratzten Kröten fast schon als Kavaliersdelikt. Nicht falsch verstehen, es bleibt ein krimineller Akt, der völlig zu Recht verfolgt wird. Aber Dominik Graf und sein Drehbuchautor Günter Schütter (zu ihm später mehr) inszenieren die Straftat der Strafverfolger natürlich ohne erhobenen Zeigefinger. Hier geht es nicht in erster Linie darum, ein Verbrechen und dessen Täter zu zeigen, sondern eine bei oberflächlicher Betrachtung verschworen wirkende kleine Gemeinschaft zu porträtieren, deren Zusammenhalt auf eine so schwierige Probe gestellt wird, dass sie zwangsläufig daran zerbricht.

Das große Ego eines kleinen Staatsanwalts

Der Regisseur lässt uns den kleinen Trupp anhand eines ausgiebig gezeigten polizeilichen Kostümfests gut kennenlernen. Man feiert und säuft gern gemeinsam, so viel wird schnell deutlich. Diese pulsierenden Sequenzen verlangen gerade zu Beginn Aufmerksamkeit ab, um die Figuren einzuordnen und das eine oder andere Detail zu erfassen, das Graf uns präsentiert und womöglich später noch wichtig wird. Weshalb bekommt ein „großes Ego eines kleinen Staatsanwalts“ Bedeutung? Nur Geduld, wir erfahren es schon. Lineares Storytelling sieht anders aus, und das wird all jene befremden, die mehr aus Gewohnheit sonntagabends das Erste einschalten, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ wegzuschauen.

… ausgelassenen Sause

Der grandiose Ausnahme-Drehbuchautor Günter Schütter treibt mich mit seinen Ideen und szenischen Überraschungen jedes Mal wieder an wie ein Torpedo-Treibsatz. Ich muss bei ihm meine Regie-Fähigkeiten permanent neu überprüfen, dazulernen, auch dieses Mal wieder vieles anders machen. So Dominik Graf, der für „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ zum wiederholten Mal mit Schütter zusammenarbeitete, erstmals 1992 bei einer „Der Fahnder“-Folge. 1993 erneut „Der Fahnder“, 1994 „Die Sieger“, 1995 „Tatort: Frau Bu lacht“, 1997 „Der Skorpion“ (ein Favorit Grafs), dazu vier von Grafs fünf „Polizeiruf 110“-Episoden – wenn ein Regisseur und ein Drehbuchautor einander so sehr zu Höchstleistungen anstacheln wie diese beiden, hat es seine Berechtigung, von einem Dream-Team zu sprechen.

Sex und Gewalt

Was treibt einen Filmemacher wie Dominik Graf an, sein Heil in einem vermeintlich einengenden Format wie „Polizeiruf 110“ zu suchen? Er will Grenzbereiche des Erzählens tangieren, wie er in seinem Vorwort zu Prof. Dr. Marcus Stigleggers „Jenseits der Grenze – Im Abseits der Filmgeschichte“ (2019, Martin Schmitz Verlag) bekennt. In erster Linie in meinem Fall Action, in jedweder Variante, im günstigsten Fall vielleicht sogar innovativ, in jedem Fall möglichst hart, abstoßend. Bemerkenswert, wie es ihm gelingt, diesen Worten mit „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ Taten folgen zu lassen, denkt man bei einem Krimi über Insidergeschäfte an der Börse doch nicht unbedingt an Action. Wer ein wenig über Dominik Grafs Motivationen erfahren will, möge dieses Vorwort und das am Ende von Stigleggers Buch abgedruckte, 2010 geführte Gespräch der beiden lesen. Daraus scheint mir eine weitere Äußerung Grafs passend zu sein: Es gibt zwei Dinge, die mich beim Filmen und beim Schneiden am meisten interessieren. Das eine ist eine Dialogkultur, auch mit Humor, eine gewisse Smartness in Rede und Gegenrede, Sarkasmus, auch Zynismus. Selbst in den düstersten Werken muss irgend etwas von den Autoren bitte, bitte auch lustig geschrieben sein. Und das andere ist die Körperlichkeit, und da nehme ich jetzt mal die Körperlichkeit des Sexuellen und der Gewalt zusammen, weil das im Kino doch in der Praxis recht ähnliche Dinge sind. Genau das hat Graf auch diesmal wieder umgesetzt, ebenso wie: Bei jeder Art von Voyeurismus bin ich vollkommen im filmischen Bereich. Man sieht die Technik der Polizeiarbeit, es geht nur darum, dass man Leuten bei der Arbeit zusieht, die anderen Leuten zusehen. Das kommt bei meinen Polizeifilmen sehr oft vor, da gibt es ganze Sequenzen im Einsatzraum, wo man sogar die einzelnen Sätze nicht verstehen muss … Zugegeben etwas bequem von mir als Rezensent, den Filmemacher sein eigenes Werk beschreiben zu lassen, aber es passt hier so gut. Sex und Gewalt brechen sich in „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ nur punktuell Bahn, und den Sex inszeniert er einmal beiläufig (um einen Ehebrecher zu zeigen), einmal verspielt und einmal inklusive eines kurz angedeuteten Cunnilingus als Bestandteil einer Bestechung. Großartig, da stets der Story oder zumindest der Charakterisierung der Figuren dienlich. Die Gewalt als Gegenpol wirkt so schmerzhaft, wie sie es auch ist.

Als Handwerker getarnt schreitet das Team …

Fast ein wenig unfair, dem Regisseur so viel Raum zu gewähren, ohne die Hauptdarstellerin zu erwähnen, daher lassen wir Verena Altenberger zu ihrem Recht kommen. Die Gute scheint im Fernsehen erfreulich ausgelastet zu sein, spielt seit 2017 die Titelrolle in der RTL-Comedyserie „Magda macht das schon!“ und war Anfang 2019 im österreichischen Sechsteiler „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Mutter Elsie zu sehen. Ihre „Polizeiruf 110“-Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff spielt sie angenehm unaufgeregt, lässt sich mal die Butter vom Brot nehmen und dann doch wieder nicht. Eine zierliche Frau behauptet sich mit Schlagfertigkeit in der rauen Männerwelt der Polizei – das habe ich jetzt viel klischeehafter heruntergeschrieben, als Dominik Graf es inszeniert und Altenberger gespielt hat. Ein um ein ganzes Ermittlerteam herum aufgebauter Fall wie dieser funktioniert nur als Ensembleleistung, und ihre Kolleginnen und Kollegen stehen ihr in nichts nach.

Altenbergers „Polizeiruf 110“-Debüt „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ kann noch bis März 2020 in der ARD-Mediathek geschaut werden, die Folge „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ wird im Anschluss an die Erstausstrahlung dort ebenfalls zu finden sein. Jedenfalls macht sie Lust auf mehr. Ihre Premiere feierte die Folge im Übrigen am 25. Oktober 2019 bei den Hofer Filmtagen. Durchaus angemessen für den TV-Film eines Regisseurs, der Fernsehen gern wie Kino inszeniert. Oder anders: bei dem diese Abgrenzung von Fernsehen und Kino irrelevant erscheint. Mehr davon!

Nebenrolle für den Regisseur von „Laurin“

Kurz zu einer interessanten Personalie, die sich mit Roman Blöchl offenbart, Teil von Eyckhoffs Abhörteam: Robert Sigl, Regisseur des außergewöhnlichen Horrorthrillers „Laurin“ (1989) sowie vieler Filmepisoden von „Aktenzeichen XY – Ungelöst“. Sigl, hierzulande lange Zeit verkannt, aber immerhin ab und zu vom Fernsehen beschäftigt, hat aktuell drei Filme in Vorbereitung: „Golgatha“, „The Blind Room“ und „The Mandylion“. Genrefilme, zum Teil mit religiösem Bezug – interessant. Drücken wir ihm dafür die Daumen!

… zur Überwachungsaktion

Dominik Graf hat gerade den vom ZDF mitproduzierten Kinofilm „Fabian“ mit Tom Schilling in der Titelrolle abgedreht, eine Adaption von Erich Kästners „gleichnamigem Roman“, auch als „Der Gang vor die Hunde“ bekannt. Das Porträt eines Idealisten in der ausgehenden Weimarer Republik scheint mal wieder nicht unbedingt das zu sein, was das deutsche Publikum in Massen in die Lichtspielhäuser treiben wird, verspricht aber ein interessantes und außergewöhnliches Werk zu werden.

Lukas Posse von der Börsenaufsicht hat die korrupten Bullen im Visier

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Bald liegen die Nerven blank

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen
D 2019
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter
Besetzung: Verena Altenberger, Andreas Bittl, Wolf Danny Homann, Berivan Kaya, Robert Sigl, Dimitri Abold, Sascha Maaz, Ursula Gottwald, Michael Zittel, Emma Jane, Catalina Navarro Kirner, Gisela Hahn, Claudia Messner, Christian Baumann, Niklas Kearney, Silke Heise
Produktion: maze pictures GmbH, im Auftrag des Bayerischen Rundfunks

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 Bayerischer Rundfunk / maze pictures GmbH

 

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