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Archiv der Kategorie: Literatur

Quentin Tarantino: Es war einmal in Hollywood – Facts & Fiction (Buchrezension)

Es war einmal in Hollywood

Von Tonio Klein

Roman // Ja, da steht „Roman“, irgendein Genre soll’s halt sein, und das ist schon richtig so, aber gleichzeitig enthält Quentin Tarantinos Buch zahlreiche kino-essayistische Passagen. Wenn man sein filmisches Werk kennt, war dies nicht anders zu erwarten; der Mann bleibt sich treu. Die literarische Fassung seines bis jetzt jüngsten Films sehe ich mit gemischten Gefühlen; aus Gründen, die auch auf sein Kino zutreffen. Das Triviale mischt sich mit dem Erhabenen. Dagegen ist nichts zu sagen, und natürlich hat der Mann etwas, das nur gut sein kann: Leidenschaft. Und davon sehr viel. Was bei ihm oft zu einem Mangel an erzählerischer Ökonomie führt. Sagen wir es deutlich, in den Worten, die Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki für Martin Walser gewählt hat: Ein „begabter Schwätzer“ ist Tarantino. Sehr begabt sogar. Und sehr geschwätzig. Schon über „Pulp Fiction“ (1994) schrieb die Süddeutsche Zeitung sinngemäß, es sei ein Actionfilm, in dem nur geredet werde, und ein Dialogfilm, der auf einmal brutal zur Sache gehe. Die Brutalität hat Tarantino in seinem Roman verhältnismäßig weit außen vor gelassen. Ansonsten ist das ein Tarantino, wie er, pardon the pun, im Buche steht: Es mischt sich Großartiges mit elender Geschwätzigkeit – oder nein, es mischt sich eigentlich nicht, es wechselt sich ab. Damit kann das Werk nicht durchweg überzeugen und dürfte bei denen besser aufgehoben sein, die auch die Filme und Drehbücher Tarantinos mögen, und umgekehrt.

Das ganz große Ganze …

Positiv hervorzuheben ist, dass „Es war einmal in Hollywood“ eigenständig existiert. Das ist nicht eine dieser plumpen Film-Nacherzählungen, die von Schreibautomaten (das ist jetzt nicht wörtlich gemeint) nach einem Kinokassenerfolg hastig herausgehauen und mit „Der Roman zum Film!“ beworben werden. Tarantino hat sogar eine besonders markante Änderung zum Schluss vorgenommen. Im Übrigen kommen natürlich sowohl Grundgerüst als auch ein paar markante Szenen des Filmes vor, aber der Autor arbeitet offensichtlich sehr bewusst. Manche Szenen sind eins zu eins enthalten, andere werden deutlich gekürzt/ausgelassen oder verlängert/hinzugedichtet. Wieder geht es um die Hollywoodszene 1969, in der der abgehalfterte Darsteller Rick Dalton und sein Stuntdouble/Chauffeur/Freund Cliff Booth mit realen Personen in Kontakt treten (oder diesen nur beinahe begegnen), unter ihnen auch das Ehepaar Roman Polanski und Sharon Tate. Und die Charles-Manson-Sekte, welche Tate im selben Jahr ermorden sollte. Verschiedene Handlungsstränge sind nur lose miteinander verbunden. Der „Once Upon A Time …“-Buch- wie Filmtitel mag andeuten, dass man einem Märchen nicht alles glauben sollte, aber auch eine Wahrheit hinter der Lüge stecken kann. Oder aber – das wäre bei Kinofan Tarantino nicht ganz fernliegend – dass er den wohl größten Epiker des Genrefilms zitiert, Sergio Leone. Dieser hatte mit „Once Upon“-Titeln nicht irgendeine singuläre Begebenheit, sondern opernhafte Sagen erzählt: „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) und „Es war einmal in Amerika“ (1984); Ersterer heißt bei wörtlicher Titelübersetzung „Es war einmal im Westen“; von meinem Kollegen Lars Johansen (35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin) hier wunderbar besprochen. Wie dem auch sei, mit mehreren Parallelhandlungen von einer Zeit, den Typen dieser Zeit und einem Lebensgefühl erzählen, das will Tarantino. Manchmal gelingt es ihm auch.

… und wie man sich dabei verzetteln kann

Aber nicht immer! Viel zu stark wird der Autor Opfer seiner eigenen Leidenschaft und Brillanz, kann er nicht an sich halten. Die Zeiten, in denen sich mutige Lektoren trauten, auch einmal massive Kürzungen durchzudrücken, sind wohl vorbei. Ob es jemand im vorliegenden Falle wenigstens versucht hat, vermag ich nicht zu sagen, aber es hätte dem Werk gutgetan. Der Roman ist phasenweise ein so enervierendes wie angeberisches und vor allem im krassen Übermaß dargebotenes Namedropping. Da können Leser wie Bolle staunen, mit wem sich Tarantino so alles beschäftigt hat und wie er die Männer (und wenige Frauen) in der Kinogeschichte durchaus überzeugend einordnet, aber sich auch fragen, was das in einem Roman zu suchen hat. Das alles darf er natürlich; es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Roman nicht mit essayistischen Betrachtungen zu vermischen ist. Es führt aber zu Problemen. So bleibt der Erzählfluss mitunter arg auf der Strecke; zwei Beispiele: Cliffs Betrachtungen über das europäische (Fellini, Truffaut) und asiatische Kino (Kurosawa) scheinen in Wahrheit diejenigen des Autors zu sein; kann er machen, hält aber auf und wäre als separater Text besser. Und wenn Tarantino anlässlich Ricks bevorstehender Gastrollen-Szenen in einer Westernserie enervierend lange die ganze Hintergrundgeschichte dessen beschreibt, wovon diese Serie handelt, hat man endgültig den Eindruck: Er stellt hier einen ganzen Mythos dar, der die USA geprägt hat und auch antike Tragödien prägt, universelle Gültigkeit der einzigen, ersten und letzten Dinge, und das passt einfach nicht zwischen zwei Buchdeckel. Zumindest dann nicht, wenn er, wie hier, dies nicht mit seiner Erzählung verbindet, sondern abrupt mal eben nebenbei (aber sehr lange) einfließen lässt. Kleiner Schwenk zu meinem Hauptberuf, dem eines Juristen: Im Referendariat lernt man die Technik der Stoffsammlung und Stoffordnung, um als Richter einen Lebenssachverhalt in den Griff zu bekommen; Letzteres ist Tarantino tief misslungen. Und zwar, obwohl ihm auch in solchen Phasen immer wieder bestechende Sentenzen gelingen. Aber insgesamt habe ich oft auf Schnelllesemodus umgeschaltet.

Darf Tarantino schludern?

Die vielleicht größte Schwierigkeit ist, dass man in einem Roman, auch in einem biografischen, so wie in jeder erzählenden Kunstform selbstverständlich lügen darf oder etwas milder formuliert: den Faktencheck nicht so genau nehmen muss. Das geht aber nur so lange gut, wie jemand nicht durch die schiere Masse der Betrachtungen über reale Personen und Filme den Eindruck erweckt, er sei ein wandelndes Lexikon und das Genannte werde schon stimmen. Am besten ist Tarantino immer dann, wenn er erkennbar Fakten und Fiktion mischt. Zum Beispiel nennt er kurz einen fiktiven Tarantinofilm, in dem die fiktive „Trudi“ später mitgespielt habe (in der Handlungszeit ein kluger bis neunmalkluger Kinderdarsteller, der Rick und uns – wie schon im Film – tief beeindruckt). Hübsche Spekulationen auch bei zahlreichen Interaktionen oder Fast-Begegnungen zwischen Rick und realen Personen aus dem Filmgeschäft. Jenseits dessen, wo der Autor das Gedenkanspielende offenlegt, wirft er uns aber viel zu oft Bröckchen über reale Personen hin, bei denen die Romanform von Lästigem wie einem Fußnotenapparat befreit. Beispielsweise wird an einer Stelle behauptet, in Jean Harlows Haus seien sowohl ihr Ehemann, der Regisseur Paul Bern, als auch sie gestorben. Nein, Bern war Drehbuchautor, und Harlow starb im Krankenhaus. Auf S. 211 wird der Regisseur Otto Preminger als „Nazi-Drecksack“ bezeichnet, was zwar als Meinungsäußerung (aus Cliffs Perspektive) gewertet werden kann und darauf anspielt, dass er am Set ein echter Brüllaffe gewesen sein soll. Gleichwohl ist dies ein billiges Klischee, da der Mann, ein Jude österreichischer Herkunft, stramm gegen die Nazis gewesen war (auch wenn man nicht um den Eindruck herumkommt, er habe sie lustvoll gespielt, wie etwa in Billy Wilders „Stalag 17“, 1953). Bern/Harlow: Erbsenzählerei vielleicht, und sollte Mr. Tarantino dies irgendwann tatsächlich mal lesen, lacht er sich mutmaßlich ins Fäustchen, dass einem Klugscheißer (ihm) ein noch schlimmerer Klugscheißer (ich) auf den Leim gegangen ist. Dennoch frage ich mich, was von alldem zu halten ist, wenn man Fehler an den Stellen findet (ohne sie gesucht zu haben), an denen man sich auskennt. Was wird’s da noch so für faule Eier geben? Mitunter auch Meisterliches – wenn etwa Sharon Tate und Roman Polanski sich seinen „Rosemarys Baby“ (1968) im Kino ansehen und sie bemerkt, wie er mit einer von ihr zuvor angezweifelten Einstellung alle in seinen Bann zieht. 600 Personen gucken synchron zur Seite, weil sie etwas tun wollen, das nicht gehen kann, aber die Kinomagie ausmacht: Polanski hatte Mia Farrows Gesicht halb hinter einem Türspalt verborgen, das Publikum möchte die vierte Wand durchbrechen und hinter das Geheimnis der Tür schauen. Das sind Momente, in denen man weiß, dass der Kinobesuch mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgedacht ist, aber man „Rosemarys Baby“ sofort wieder sehen und speziell diese Szene ergründen möchte. Eine Meisterschaft des Kinos wie des Romans; leider ist der Anteil solcher Perlen zu gering.

F*ckt euch, Sprache und Lektorat

Immerhin, das deutlich zu lange Buch ist wegen seiner unkomplizierten Sprache flott wegzulesen. Es hat den typischen Tarantino-Sound, in dem ultracoole Ansprachen auch mal in einen ultrakurzen Mord münden können (Cliff ist nämlich ein Killer auch hinter der Kamera, Rick nur davor). Das ist Geschmackssache, auf jeden Fall unnachahmlich, dafür ist er schon mit seinen Filmen berühmt geworden. Ob er dermaßen auf die Sahne hauen muss, dass auf einer halben Seite (S. 272) zwanzigmal (!) „ficken“ steht, ist indes fraglich und übertrieben wie so vieles. Eine aufgesetzte „Hey, f*ick Dich, political correctness“-Attitüde, zudem in einer mal wieder völlig überflüssigen Rückblenden-Episode im Dialog zwischen Cliff und einem französischen Zuhälter. Die Übersetzung kann nichts dafür, denn der Ami flucht nun mal unter enervierender Dominanz des Vierbuchstabenwortes „f***“, welches oft auch im asexuellen Zusammenhang mit dem deutschen F-Wort übersetzt wird. Hier nicht! Auf S. 272 ist tatsächlich Sex gemeint. Auch im Übrigen haben Lektorat und Korrektorat recht ordentlich gearbeitet, was man beispielsweise an der korrekten Verwendung vom eingedeutschten Plural „Ladys“ bei gleichzeitigem korrekten Englisch in „Ladies’ Night“ bemerkt (S. 286). Lediglich, dass es nicht „etwas, was“, sondern „etwas, das“ heißt, müsste man den Verantwortlichen mal erklären.

Das Beste kommt zum Schluss

Was wirklich stark ist, ist das Schlusskapitel; es ist nur völlig unmöglich, diesen Eindruck zu begründen, ohne die Katze aus dem Sack zu lassen. Gesamteindruck: mittelprächtig, aber manchmal eben auch prächtig. Dem überbordenden und in seiner Coolness prätentiösen Tarantino möchte man manchmal zurufen, dass sein Mitteilungsdrang dasjenige übersteigt, was der Leser wissen will. Sein Kino um das Kino, und jetzt sein Roman um das Kino, kommt in die Nähe künstlerischer Onanie, oder mit den Worten eines Gedichts von Peter Hammerschlag: „Mensch, bleibe, was du bist: Onanist.“ Andererseits wären das Kino und nun auch die Literatur dann ärmer.

Autor: Quentin Tarantino
Originaltitel (2021): Once Upon A Time in Hollywood
Deutsche Erstveröffentlichung: 8. Juli 2021
415 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Preis: 25 Euro (gebunden), 19,99 Euro (Kindle)

Copyright 2022 by Tonio Klein
Cover: © 2021 Kiepenheuer & Witsch

 

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Ein Kessel Bondes: Siegfried Tesches Buch „007 – Ein Quantum Humor“

007 – Ein Quantum Humor. Skurriles Wissen und lustige Fakten aus 60 Jahren James Bond

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Siegfried Tesche ist ein Kenner der Welt des 007 und hat schon mehrere Bond-Bücher verfasst. Nun geht er es anekdotisch an und beschert uns ein kurzweiliges Lesevergnügen; so soll es auch sein. Mission erfüllt! Und selbst, wer sich passabel oder sogar sehr gut auszukennen meint, wird noch das eine oder andere Mal überrascht. Zudem ist das Buch optisch weitgehend sehr ansprechend gelungen (dass im Fettdruck ein Schrifttyp verwendet wird, bei dem sich das kleine t kaum vom l unterscheidet, stört indes). Farbige Bilder aus einem reichen Schatz nicht nur des Autors umfassen die Darsteller-Urgesteine, fremdsprachige Plakate, freizügige Parodien und sogar ein „Freddy Krueger“-Plakat (Schlitzer-Ikone der „Nightmare on Elm Street“-Horrorreihe ab 1984) im Bond-Look.

Ausgewogen, akkurat und vor allem: nicht nur „Eon“-Bonds!

Den Anfang bilden Anekdoten zu den einzelnen Filmen, bei denen neben der Vielfalt und – soweit aus dem Stand zu überprüfen – Faktentreue zwei Dinge positiv auffallen: Erstens bedient Tesche die älteren und jüngeren Fans wie Filme gleichwertig, und zweitens hat er sich bei der Frage, wie man die Bond-Filme jenseits der Eon Productions behandelt, sehr gut entschieden: Die Firma, die nun unter der Ägide von Gründertochter Barbara Broccoli mit eiserner Hand Image und Rechte pflegt wie kontrolliert, versucht ganz gern, vergessen zu machen, dass es mit „Casino Royale“ (Fernsehfassung 1954), einem weiteren „Casino Royale“ (Ulk-Fassung 1967) und vor allem „Sag niemals nie“ (1983) noch drei insoweit echte Bonds gab, als Rechte an Vorlagen des Romanautors Ian Fleming bestanden. Sie entstammten aber Konkurrenzfirmen. Tesche würdigt „Sag niemals nie“ wie jeden anderen Bond auch (und benennt daher korrekt Sean Connerys Bond-Einsätze mit sieben statt sechs), den Ulk-Casino-Royale eher am Rande und den TV-Film gar nicht. Dies dürfte am ehesten ihrer Bedeutung entsprechen.

Querbeet – und manchmal zeigen, was eine Harke ist

In weiteren Kapiteln geht es unter anderem um des Autors Faible für die Autos und Boote der Filme, aber auch um – natürlich – 007 und die Damenwelt, die besten Sprüche der Darsteller und sonstigen Beteiligten, Querverbindungen zur Realität: So hat die „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA), Auslandsabteilung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit („Stasi“), laut deren langjährigem Leiter Markus Wolf den Blick erst mal auf Bond-Filme gelenkt, wenn sie ihre Spitzeln etwas über ferne Länder zu lehren gedachte. Schön ist, dass das Mielke-Zitat „Ich liebe doch alle, alle Menschen“ nicht wie so oft falsch als „Ich liebe euch doch alle“ wiedergegeben wird.

Aber Tesche ist nicht nur Faktennenner, sondern hat auch eine feine Ironie, mit der er dies alles präsentiert und damit de facto kommentiert – ohne sich als Bewerter aufzudrängen. Einen persönlichen, aber darin weitgehend unsichtbaren Schreibstil muss man erst mal hinbekommen. Und wenn er davon in seltenen Fällen abweicht, geschieht dies offenbar bewusst, denn dann bekommen gezielt bestimmte Personen ihr Fett weg: Unter dem Stichwort „Größenwahn“ (1 bis 3) ist nachzulesen, was Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Ralf Möller über „Bond und ich“ zu sagen haben. Mit der Formulierung, das „Til-Schweiger-Double“ Schweighöfer habe nach einer Trickfilm-Synchronisation „zu viel an der Kunststoffwelt geschnuppert“ (S. 112), lehnt sich der Autor am weitesten aus dem Fenster, ist aber gleichzeitig (jedenfalls bezüglich Letzterem) originell. Und weist Schweiger noch einen Fehler nach; der hatte gesagt, Australier dürften nie einen Bond spielen – was George Lazenby aber in „James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969) durfte.

”Das wär dem andern nie passsiert.“

Dergestalt durchbricht George Lazenby als Nicht-mehr-Connery-Bond die vierte Wand, als eine Frau die Biege macht, statt zum Dank, dass er sie vor Bösewichten gerettet hat, das Bett mit ihm zu teilen. Auch ein Bond ist nicht perfekt, aber es gibt die Vorstellung davon. Und mit meiner Vorstellung von Perfektion deckt sich das Buch auch nicht so ganz, wobei schwer zu sagen ist, ob jeweils Autor oder Verlag die Schuld tragen. Das Lektorat ist anständig, aber nicht makellos. MS WORD kann immer noch nicht Wörter trennen, die auf -einander enden, und setzt ein „Ausei-nandersetzungen“ (S. 41). Der Klassiker: Olympische Spiele werden zur „Olympiade“ (S. 29), also der Zeit zwischen Olympischen Spielen. „Die Welt ist nicht genug“ wird einmal vom Jahre 1999 ins Jahr 2009 verlegt (S. 136, sonst korrekt). „Sag niemals nie“ (1983) wird zu einem Film von 1984 erklärt – übrigens ist der Film, für den Kim Basinger anschließend Kurzhaarschnitt trug, was den Bond-Nachdreh erschwerte (S. 45), Blake Edwards’ „Frauen waren sein Hobby“ (1983). Die Erwähnung von Russ Meyers Film „Null Null Sex“ (1968) als Beleg für eine Parodie (S. 117) ist reichlich hergesucht, da es sich hier um einen billigen deutschen Titel-Etikettenschwindel handelt: Der Film, im Original „Finders Keepers, Lovers Weepers!“, hat mit einem Geheimagenten nichts zu tun. Für wirklich verrutscht, mindestens aber extrem missverständlich halte ich eine sicherlich so nicht beabsichtigte Aussage jenseits James Bonds. Dass die LDPD (Liberal-Demokratische Partei Deutschlands) ein „Vorläufer der späteren FDP“ sei (S. 113 f.), erweckt den Eindruck, die FDP sei aus der DDR-Blockpartei hervorgegangen. Es gab sie aber in Westdeutschland schon parallel zur ostdeutschen LDPD, in der – daher die Erwähnung – der später vor allem als Außenminister bekannte FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher die Mitgliedsnummer 4/007 hatte.

Soviel Wasser in den Wodka Martini muss sein, aber gut gerührt, pardon, geschüttelt ergibt das immer noch einen äußerst schmackhaften Drink.

Autor Siegfried Tesche

Autor: Siegfried Tesche
Originaltitel: 007 – Ein Quantum Humor
Deutsche Erstveröffentlichung: 26. August 2021
141 Seiten
Verlag: Lappan Verlag in der Carlsen Verlag GmbH
Preis: 12 Euro (Hardcover)

Copyright 2021 by Tonio Klein

Autorenfoto und unteres Cover: © 2021 Lappan Verlag

 

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Blake Edwards (IV): Sam Wasson: A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards (Buchrezension)

A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Man kann schon den Titel nicht übersetzen: A Splurch in the Kisser – ein XXX in die Schnauze. „Splurch“ heiße, ich musste nachschlagen, etwas, das genauso klinge wie eben „splurch“, also ein Comic-Wort, das neben den Sprechblasen steht, wie etwa knuff, puff, zack, boing. Wie klingt das Auftreffen einer Torte auf ein Gesicht? Genau: splurch. Sam Wasson zeigt dann auch gleich auf dem Cover die tortenverkleisterten Gesichter aus Blake Edwards’ „Das große Rennen rund um die Welt“ (1965). Der Autor hat ganz offensichtlich ein Faible für Wortspiele – es ist beispielsweise die Rede vom „vice president“ eines Studios, bei dem „vice“ zu betonen sei, also „Laster“. Aber er nimmt sowas auch ernst, wählt „splurch“ sehr bewusst als Teil des Buchtitels und erklärt sehr genau, was er meint, nämlich eine Art Denkzettel, den es bei Filmen Blake Edwards’ häufig auf so slapstickhafte wie hintersinnige Weise gibt. Und übrigens, „slapstick“, darin stecke doch wörtlich „schlagen“ (to slap) und „stick“, also Stock. Ja, Wasson hat natürlich recht und legt das eigentlich Naheliegende, aber oftmals Übersehene dar: Slapstick war und ist, so es ihn noch gibt, ein brutaler, körperbetonter Witz, bei dem mehr als nur die Schminke durch Torten kaputtgeht. Rutscht mal auf einer Bananenschale aus, fallt in einen Gully … oder seht einen Blake-Edwards-Film, in dem als Running Gag einem Mann nacheinander alle Finger gebrochen werden („Der rosarote Panther kehrt zurück“, 1975) oder ein enttäuschter Auftraggeber einem glücklosen Detektiv den eh schon bei einem Einsatz gebrochenen Finger noch einmal mit dem Hammer zertrümmert („Victor/Victoria“, 1982). „Topping the topper“ hat Edwards’ Vorbild, der mit seinen Stan-und-Ollie-Filmen großgewordene Komödienregisseur Leo McCarey, das Prinzip des Überbietens in Wiederholungen genannt.

Spaß am Rande des Nervenzusammenbruchs

All dies kommt in dem exzellenten Buch vor, das trotz erhellender Eckdaten keine Biografie ist, sondern eher eine Detailanalyse der Filme Edwards’, die aber auch in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Wie gesagt, der eigenwillig verspielte Schreibstil ist nie Selbstzweck und wirkt darum erhellend und originell statt angeberisch. Wasson sieht Edwards zu Recht als „auteur“, was ja vielleicht bei einem Drehbuchautor und Regisseur nicht ganz einfach ist, der a) eine veritable Fahrstuhlkarriere hingelegt hat, und b) als Komödienregisseur bekannt ist, aber weit mehr gemacht hat. Wassons Verdienst ist es, in allem ein geschlossenes Ganzes zu sehen, keine „Oh, der kann auch Drama und Thriller“-Ausreißer. Er nimmt Slapstick ernst und sieht im Ernsten das Komische, oder zumindest das Aberwitzige. Der Witz ist blutig und das Harte ist mitunter von so absurder Ausweglosigkeit, dass man es – auch dies ein Edwards-Motto – weglachen möchte, weil man sonst den Schmerz nicht mehr aushält („breaking the pain barrier“). Damit wird der Autor Edwards voll und ganz gerecht, der auch privat oft am Rande des Wahnsinns stand und sein Leben mitunter nur als Abfolge von galligen Pointen ertragen konnte. Wasson geht auf alles ein: die mehr oder minder reinen Komödien bis 1965 (mit vorherigen Ausflügen zum Alkoholdrama und zum Thriller), das Nachdenklichere, welches noch Komik-Elemente hat, den epischen Western „Missouri“ (1971), den tiefen Fall des Regisseurs. Hierbei analysiert er auch, warum Edwards und allgemeine Hollywood-Umbrüche ab Ende der 1960er-Jahre wie Öl und Wasser sein mussten.

Es folgte das Comeback mit Slapstick aus der Inspektor-Clouseau-Reihe. Und schließlich ab 1979 („10 – Die Traumfrau“) eine Reihe mal brachial komischer, mal galliger, mal zärtlicher Filme um Männer in der (nicht immer, aber oft auch sexuellen) Identitätskrise. In dieser Zeit bis 1991 ist vieles unterbewertet; Wasson lobt auch nicht alles über den grünen Klee, aber nimmt es ernst. Und weist neben vielem anderen darauf hin, dass gar nicht selten, auch in den Komödien, der Tod eine wichtige Rolle spielt. Clouseau, so sehr die späteren Filme an Peter Sellers’ Abwesenheit leiden, ist in der Narration nicht totzukriegen, der geprellte Regisseur in Edwards’ in Ansätzen autobiografischer Hollywood-Abrechnung „S.O.B. – Hollywoods letzter Heuler“ (1981) schon. Und obwohl Remake von François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“ (1977), kann man sich keinen trockeneren, beiläufigeren, Edwards-typischeren Tod als den von Burt Reynolds (untypische Rolle!) in „Frauen waren sein Hobby“ (1983) vorstellen. Schließlich „Switch – Die Frau im Manne“ (1991), der letzte der Reihe, den Wasson zusammen mit „Skin Deep – Männer haben’s auch nicht leicht“ (1989) als Rückkehr zur Hochform feiert, in dem der Tod gleichzeitig Bewährung und Erlösung ist – ein schöner Abschluss. Aber auch für den danach entstanden, allgemein als schwach geltenden „Der Sohn des rosaroten Panthers“ (1993) hat Wasson nicht nur Häme übrig.

Kleine Schwäche, sehr viele Stärken

Leider kümmert sich der Autor fast nur um die Kinofilme. Er lässt zum Beispiel die Broadway-Aufzeichnung von „Victor/Victoria“ (1995), Edwards letzten Film, weg. Gleiches gilt für seinen ziemlich guten Fernsehfilm „Peter Gunn – Privatdetektiv“ (1989). Der einzige Schwachpunkt. Ansonsten meinungsstark, kenntnisreich, analytisch scharf, anspruchsvoll, aber durch sehr originellen Schreibstil auch unterhaltsam. Gut in Details, nie das große Ganze vernachlässigend, und noch in den zum Teil gescheiterten Filmen, von denen Edwards einige hatte, etwas Wichtiges erkennend, ohne sie blind zu loben. Ein Muss für alle, die nicht nur Fans sind, sondern das Werk auch tiefgreifend studieren wollen, ohne dass der Spaß und die Emotionen verlorengehen.

Der Preis und die Verfügbarkeit des bislang nicht ins Deutsche übersetzten Buchs mögen hierzulande schwanken. Er lag am 27. August 2021 bei etwa 15 Euro für die elektronische und etwa 24 Euro für die Hardcoverversion, was angesichts der unten angegebenen offiziellen Dollarpreise vor allem bei Ersterem recht günstig ist. Ganz offensichtlich steht die von der renommierten Filmhistorikerin Jeanine Basinger herausgegebene Buchserie Wesleyan Film für Qualität, sodass Interessierten auch ein Blick auf die anderen Titel empfohlen sei.

Autor: Sam Wasson
Herausgeberin der Serie „Wesleyan Film“: Jeanine Basinger
Originaltitel (2009): A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards
371 Seiten
Verlag: Wesleyan University Press
Preis (kann schwanken): 30 US-Dollar (Hardcover), 23,99 US-Dollar (elektronisch)

Copyright 2021 by Tonio Klein
Cover: © 2009 Wesleyan University Press

 

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