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Archiv der Kategorie: Literatur

Ein Kessel Bondes: Siegfried Tesches Buch „007 – Ein Quantum Humor“

007 – Ein Quantum Humor. Skurriles Wissen und lustige Fakten aus 60 Jahren James Bond

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Siegfried Tesche ist ein Kenner der Welt des 007 und hat schon mehrere Bond-Bücher verfasst. Nun geht er es anekdotisch an und beschert uns ein kurzweiliges Lesevergnügen; so soll es auch sein. Mission erfüllt! Und selbst, wer sich passabel oder sogar sehr gut auszukennen meint, wird noch das eine oder andere Mal überrascht. Zudem ist das Buch optisch weitgehend sehr ansprechend gelungen (dass im Fettdruck ein Schrifttyp verwendet wird, bei dem sich das kleine t kaum vom l unterscheidet, stört indes). Farbige Bilder aus einem reichen Schatz nicht nur des Autors umfassen die Darsteller-Urgesteine, fremdsprachige Plakate, freizügige Parodien und sogar ein „Freddy Krueger“-Plakat (Schlitzer-Ikone der „Nightmare on Elm Street“-Horrorreihe ab 1984) im Bond-Look.

Ausgewogen, akkurat und vor allem: nicht nur „Eon“-Bonds!

Den Anfang bilden Anekdoten zu den einzelnen Filmen, bei denen neben der Vielfalt und – soweit aus dem Stand zu überprüfen – Faktentreue zwei Dinge positiv auffallen: Erstens bedient Tesche die älteren und jüngeren Fans wie Filme gleichwertig, und zweitens hat er sich bei der Frage, wie man die Bond-Filme jenseits der Eon Productions behandelt, sehr gut entschieden: Die Firma, die nun unter der Ägide von Gründertochter Barbara Broccoli mit eiserner Hand Image und Rechte pflegt wie kontrolliert, versucht ganz gern, vergessen zu machen, dass es mit „Casino Royale“ (Fernsehfassung 1954), einem weiteren „Casino Royale“ (Ulk-Fassung 1967) und vor allem „Sag niemals nie“ (1983) noch drei insoweit echte Bonds gab, als Rechte an Vorlagen des Romanautors Ian Fleming bestanden. Sie entstammten aber Konkurrenzfirmen. Tesche würdigt „Sag niemals nie“ wie jeden anderen Bond auch (und benennt daher korrekt Sean Connerys Bond-Einsätze mit sieben statt sechs), den Ulk-Casino-Royale eher am Rande und den TV-Film gar nicht. Dies dürfte am ehesten ihrer Bedeutung entsprechen.

Querbeet – und manchmal zeigen, was eine Harke ist

In weiteren Kapiteln geht es unter anderem um des Autors Faible für die Autos und Boote der Filme, aber auch um – natürlich – 007 und die Damenwelt, die besten Sprüche der Darsteller und sonstigen Beteiligten, Querverbindungen zur Realität: So hat die „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA), Auslandsabteilung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit („Stasi“), laut deren langjährigem Leiter Markus Wolf den Blick erst mal auf Bond-Filme gelenkt, wenn sie ihre Spitzeln etwas über ferne Länder zu lehren gedachte. Schön ist, dass das Mielke-Zitat „Ich liebe doch alle, alle Menschen“ nicht wie so oft falsch als „Ich liebe euch doch alle“ wiedergegeben wird.

Aber Tesche ist nicht nur Faktennenner, sondern hat auch eine feine Ironie, mit der er dies alles präsentiert und damit de facto kommentiert – ohne sich als Bewerter aufzudrängen. Einen persönlichen, aber darin weitgehend unsichtbaren Schreibstil muss man erst mal hinbekommen. Und wenn er davon in seltenen Fällen abweicht, geschieht dies offenbar bewusst, denn dann bekommen gezielt bestimmte Personen ihr Fett weg: Unter dem Stichwort „Größenwahn“ (1 bis 3) ist nachzulesen, was Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Ralf Möller über „Bond und ich“ zu sagen haben. Mit der Formulierung, das „Til-Schweiger-Double“ Schweighöfer habe nach einer Trickfilm-Synchronisation „zu viel an der Kunststoffwelt geschnuppert“ (S. 112), lehnt sich der Autor am weitesten aus dem Fenster, ist aber gleichzeitig (jedenfalls bezüglich Letzterem) originell. Und weist Schweiger noch einen Fehler nach; der hatte gesagt, Australier dürften nie einen Bond spielen – was George Lazenby aber in „James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969) durfte.

”Das wär dem andern nie passsiert.“

Dergestalt durchbricht George Lazenby als Nicht-mehr-Connery-Bond die vierte Wand, als eine Frau die Biege macht, statt zum Dank, dass er sie vor Bösewichten gerettet hat, das Bett mit ihm zu teilen. Auch ein Bond ist nicht perfekt, aber es gibt die Vorstellung davon. Und mit meiner Vorstellung von Perfektion deckt sich das Buch auch nicht so ganz, wobei schwer zu sagen ist, ob jeweils Autor oder Verlag die Schuld tragen. Das Lektorat ist anständig, aber nicht makellos. MS WORD kann immer noch nicht Wörter trennen, die auf -einander enden, und setzt ein „Ausei-nandersetzungen“ (S. 41). Der Klassiker: Olympische Spiele werden zur „Olympiade“ (S. 29), also der Zeit zwischen Olympischen Spielen. „Die Welt ist nicht genug“ wird einmal vom Jahre 1999 ins Jahr 2009 verlegt (S. 136, sonst korrekt). „Sag niemals nie“ (1983) wird zu einem Film von 1984 erklärt – übrigens ist der Film, für den Kim Basinger anschließend Kurzhaarschnitt trug, was den Bond-Nachdreh erschwerte (S. 45), Blake Edwards’ „Frauen waren sein Hobby“ (1983). Die Erwähnung von Russ Meyers Film „Null Null Sex“ (1968) als Beleg für eine Parodie (S. 117) ist reichlich hergesucht, da es sich hier um einen billigen deutschen Titel-Etikettenschwindel handelt: Der Film, im Original „Finders Keepers, Lovers Weepers!“, hat mit einem Geheimagenten nichts zu tun. Für wirklich verrutscht, mindestens aber extrem missverständlich halte ich eine sicherlich so nicht beabsichtigte Aussage jenseits James Bonds. Dass die LDPD (Liberal-Demokratische Partei Deutschlands) ein „Vorläufer der späteren FDP“ sei (S. 113 f.), erweckt den Eindruck, die FDP sei aus der DDR-Blockpartei hervorgegangen. Es gab sie aber in Westdeutschland schon parallel zur ostdeutschen LDPD, in der – daher die Erwähnung – der später vor allem als Außenminister bekannte FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher die Mitgliedsnummer 4/007 hatte.

Soviel Wasser in den Wodka Martini muss sein, aber gut gerührt, pardon, geschüttelt ergibt das immer noch einen äußerst schmackhaften Drink.

Autor Siegfried Tesche

Autor: Siegfried Tesche
Originaltitel: 007 – Ein Quantum Humor
Deutsche Erstveröffentlichung: 26. August 2021
141 Seiten
Verlag: Lappan Verlag in der Carlsen Verlag GmbH
Preis: 12 Euro (Hardcover)

Copyright 2021 by Tonio Klein

Autorenfoto und unteres Cover: © 2021 Lappan Verlag

 

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Blake Edwards (IV): Sam Wasson: A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards (Buchrezension)

A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Man kann schon den Titel nicht übersetzen: A Splurch in the Kisser – ein XXX in die Schnauze. „Splurch“ heiße, ich musste nachschlagen, etwas, das genauso klinge wie eben „splurch“, also ein Comic-Wort, das neben den Sprechblasen steht, wie etwa knuff, puff, zack, boing. Wie klingt das Auftreffen einer Torte auf ein Gesicht? Genau: splurch. Sam Wasson zeigt dann auch gleich auf dem Cover die tortenverkleisterten Gesichter aus Blake Edwards’ „Das große Rennen rund um die Welt“ (1965). Der Autor hat ganz offensichtlich ein Faible für Wortspiele – es ist beispielsweise die Rede vom „vice president“ eines Studios, bei dem „vice“ zu betonen sei, also „Laster“. Aber er nimmt sowas auch ernst, wählt „splurch“ sehr bewusst als Teil des Buchtitels und erklärt sehr genau, was er meint, nämlich eine Art Denkzettel, den es bei Filmen Blake Edwards’ häufig auf so slapstickhafte wie hintersinnige Weise gibt. Und übrigens, „slapstick“, darin stecke doch wörtlich „schlagen“ (to slap) und „stick“, also Stock. Ja, Wasson hat natürlich recht und legt das eigentlich Naheliegende, aber oftmals Übersehene dar: Slapstick war und ist, so es ihn noch gibt, ein brutaler, körperbetonter Witz, bei dem mehr als nur die Schminke durch Torten kaputtgeht. Rutscht mal auf einer Bananenschale aus, fallt in einen Gully … oder seht einen Blake-Edwards-Film, in dem als Running Gag einem Mann nacheinander alle Finger gebrochen werden („Der rosarote Panther kehrt zurück“, 1975) oder ein enttäuschter Auftraggeber einem glücklosen Detektiv den eh schon bei einem Einsatz gebrochenen Finger noch einmal mit dem Hammer zertrümmert („Victor/Victoria“, 1982). „Topping the topper“ hat Edwards’ Vorbild, der mit seinen Stan-und-Ollie-Filmen großgewordene Komödienregisseur Leo McCarey, das Prinzip des Überbietens in Wiederholungen genannt.

Spaß am Rande des Nervenzusammenbruchs

All dies kommt in dem exzellenten Buch vor, das trotz erhellender Eckdaten keine Biografie ist, sondern eher eine Detailanalyse der Filme Edwards’, die aber auch in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Wie gesagt, der eigenwillig verspielte Schreibstil ist nie Selbstzweck und wirkt darum erhellend und originell statt angeberisch. Wasson sieht Edwards zu Recht als „auteur“, was ja vielleicht bei einem Drehbuchautor und Regisseur nicht ganz einfach ist, der a) eine veritable Fahrstuhlkarriere hingelegt hat, und b) als Komödienregisseur bekannt ist, aber weit mehr gemacht hat. Wassons Verdienst ist es, in allem ein geschlossenes Ganzes zu sehen, keine „Oh, der kann auch Drama und Thriller“-Ausreißer. Er nimmt Slapstick ernst und sieht im Ernsten das Komische, oder zumindest das Aberwitzige. Der Witz ist blutig und das Harte ist mitunter von so absurder Ausweglosigkeit, dass man es – auch dies ein Edwards-Motto – weglachen möchte, weil man sonst den Schmerz nicht mehr aushält („breaking the pain barrier“). Damit wird der Autor Edwards voll und ganz gerecht, der auch privat oft am Rande des Wahnsinns stand und sein Leben mitunter nur als Abfolge von galligen Pointen ertragen konnte. Wasson geht auf alles ein: die mehr oder minder reinen Komödien bis 1965 (mit vorherigen Ausflügen zum Alkoholdrama und zum Thriller), das Nachdenklichere, welches noch Komik-Elemente hat, den epischen Western „Missouri“ (1971), den tiefen Fall des Regisseurs. Hierbei analysiert er auch, warum Edwards und allgemeine Hollywood-Umbrüche ab Ende der 1960er-Jahre wie Öl und Wasser sein mussten.

Es folgte das Comeback mit Slapstick aus der Inspektor-Clouseau-Reihe. Und schließlich ab 1979 („10 – Die Traumfrau“) eine Reihe mal brachial komischer, mal galliger, mal zärtlicher Filme um Männer in der (nicht immer, aber oft auch sexuellen) Identitätskrise. In dieser Zeit bis 1991 ist vieles unterbewertet; Wasson lobt auch nicht alles über den grünen Klee, aber nimmt es ernst. Und weist neben vielem anderen darauf hin, dass gar nicht selten, auch in den Komödien, der Tod eine wichtige Rolle spielt. Clouseau, so sehr die späteren Filme an Peter Sellers’ Abwesenheit leiden, ist in der Narration nicht totzukriegen, der geprellte Regisseur in Edwards’ in Ansätzen autobiografischer Hollywood-Abrechnung „S.O.B. – Hollywoods letzter Heuler“ (1981) schon. Und obwohl Remake von François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“ (1977), kann man sich keinen trockeneren, beiläufigeren, Edwards-typischeren Tod als den von Burt Reynolds (untypische Rolle!) in „Frauen waren sein Hobby“ (1983) vorstellen. Schließlich „Switch – Die Frau im Manne“ (1991), der letzte der Reihe, den Wasson zusammen mit „Skin Deep – Männer haben’s auch nicht leicht“ (1989) als Rückkehr zur Hochform feiert, in dem der Tod gleichzeitig Bewährung und Erlösung ist – ein schöner Abschluss. Aber auch für den danach entstanden, allgemein als schwach geltenden „Der Sohn des rosaroten Panthers“ (1993) hat Wasson nicht nur Häme übrig.

Kleine Schwäche, sehr viele Stärken

Leider kümmert sich der Autor fast nur um die Kinofilme. Er lässt zum Beispiel die Broadway-Aufzeichnung von „Victor/Victoria“ (1995), Edwards letzten Film, weg. Gleiches gilt für seinen ziemlich guten Fernsehfilm „Peter Gunn – Privatdetektiv“ (1989). Der einzige Schwachpunkt. Ansonsten meinungsstark, kenntnisreich, analytisch scharf, anspruchsvoll, aber durch sehr originellen Schreibstil auch unterhaltsam. Gut in Details, nie das große Ganze vernachlässigend, und noch in den zum Teil gescheiterten Filmen, von denen Edwards einige hatte, etwas Wichtiges erkennend, ohne sie blind zu loben. Ein Muss für alle, die nicht nur Fans sind, sondern das Werk auch tiefgreifend studieren wollen, ohne dass der Spaß und die Emotionen verlorengehen.

Der Preis und die Verfügbarkeit des bislang nicht ins Deutsche übersetzten Buchs mögen hierzulande schwanken. Er lag am 27. August 2021 bei etwa 15 Euro für die elektronische und etwa 24 Euro für die Hardcoverversion, was angesichts der unten angegebenen offiziellen Dollarpreise vor allem bei Ersterem recht günstig ist. Ganz offensichtlich steht die von der renommierten Filmhistorikerin Jeanine Basinger herausgegebene Buchserie Wesleyan Film für Qualität, sodass Interessierten auch ein Blick auf die anderen Titel empfohlen sei.

Autor: Sam Wasson
Herausgeberin der Serie „Wesleyan Film“: Jeanine Basinger
Originaltitel (2009): A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards
371 Seiten
Verlag: Wesleyan University Press
Preis (kann schwanken): 30 US-Dollar (Hardcover), 23,99 US-Dollar (elektronisch)

Copyright 2021 by Tonio Klein
Cover: © 2009 Wesleyan University Press

 

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35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin: Ein Spin-off in 70 Millimetern

35 Millimeter – Das Retro Filmmagazin

Von Lucas Gröning

Filmzeitschrift // 2014 gründete Jörg Mathieu die Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“, welche ausschließlich Filme aus der Zeit zwischen 1895 und 1965 behandelt. Ziel sei es gewesen, so Mathieu, der jüngeren Generation die wunderschöne Welt dieses großen und spannenden Kapitels der Filmgeschichte nahezubringen und so das filmische Erbe der Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft zu überführen. Sieben Jahre und viele Ausgaben später ist es soweit, den zeitlichen Rahmen auszuweiten und auch (zumindest etwas) jüngere Filme in die Auswahl einzubeziehen. Aus diesem Grund erschien im Mai 2021 die erste (oder „Nuller“-) Ausgabe eines Ablegers der „35 Millimeter“, nämlich das „70 Millimeter“-Magazin. Dieses neue Druckwerk beschäftigt sich mit den Jahren 1966 bis 1975 und soll den Auftakt zu einer Etablierung eines neuen Heftes als Schwestermagazin der ursprünglichen Zeitschrift darstellen, wie Chefredakteur Clemens G. Williges im Editorial des Piloten verlauten lässt. Die erste reguläre Ausgabe soll im Lauf der zweiten Jahreshälfte 2021 erscheinen, der genaue Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest. Wann immer das nächste Heft nun erscheint, man darf sich in jedem Fall auf enorm interessante Inhalte einstellen, denn bereits die Pilotausgabe des neuen Magazins ist in jeglicher Hinsicht vielversprechend, wenn auch in kleinerem Format und nicht so umfangreich wie der große Bruder.

Bewährte Kolumnen

Dabei baut die neue Zeitschrift der Retro-Cinephilen auf die bewährte Formel von informativen und analytischen, essayistischen Texten, deren Autorinnen und Autoren ihre Thesen und Feststellungen stets mit nachvollziehbaren Argumentationssträngen und Beispielen aus der Filmgeschichte unterfüttern. Die dabei vermittelten Informationen werden außerdem mit viel abwechslungsreichem Bildmaterial garniert, beispielsweise in Form von Stills aus den besprochenen Werken sowie Filmplakaten. Diese längeren Texte wechseln sich immer wieder mit Angeboten ab, die seit jeher zum festen Bestandteil jeder „35 Millimeter“-Ausgabe gehören, beispielsweise den Kolumnen, den Top 5 der Redaktion und den Rezensionen zu Blu-ray- und DVD-Veröffentlichungen von Filmen, die sich nun dem neuen Zeitraum zuordnen lassen.

Von der Nouvelle Vague zum Neuen Deutschen Film

Wie definiert sich dieser neu gewählte Zeitraum? Im Editorial des ersten Heftes ist zunächst von dem Dilemma zu lesen, durch die eigene Selbstbeschränkung nicht jene Zeit vollständig abbilden zu können, welche die Übergangsphase zwischen dem klassischem Kino zum Kino heutiger Machart kenzeichnet. Die Nouvelle Vague, der Neue Deutsche Film, Nūberu bāgu und besonders New Hollywood seien Bewegungen, die einen derart interessanten Beitrag zur Transformation der im Lichtspielhaus gezeigten Werke beitrugen, dass es an der Zeit war, den Zeitraum auszuweiten, um der vollständigen Beleuchtung dieser Entwicklungen ein Stück näher zu kommen. Den vorläufigen zeitlichen Endpunkt setzt sich die Crew rund um dieses in Deutschland wohl einzigartige Printprodukt mit dem Aufkommen der ersten Blockbuster moderner Prägung und man muss wohl nicht den Editorial-Text gelesen haben, um dabei auf den 1975 erschienenen Tierhorror-Klassiker „Der weiße Hai“ von Steven Spielberg zu kommen, einhergehend mit „Krieg der Sterne“ (1977), dem Auftakt der mittlerweile omnipräsenten „Star Wars“-Reihe.

Das alte und das neue Hollywood

Mit den ersten Beiträgen zeigt die Redaktion, dass sie auch bezogen auf die Jahre nach 1965 große Expertise und Kenntnis der Filmgeschichte vorzuweisen hat. Der erste Text beispielsweise trägt den Titel „Der Pessimismus New Hollywoods – Easy Rider, Asphalt Cowboys und lebende Tote“. Er behandelt den Übergang des klassischen Hollywoods zum New Hollywood und ist das, was man sich als rudimentärer Filmkenner auch außerhalb des „35 Millimeter“-Kosmos noch am ehesten erschließen kann und was vielleicht in Teilen schon bekannt sein mag. Hochinformativ und zu keinem Zeitpunkt langweilig präsentiert der Autor Robert Zion seinen Leserinnen und Lesern einen reichen Wissensschatz, der mit detailliertem Blick wichtige Zusammenhänge herstellt und den Leser mit jeder Zeile tiefer ins Lesevergnügen hineinzieht. Freilich handelt es sich hierbei gerade einmal um den Auftakt, doch die folgenden Texte halten das hohe Niveau. Diese richten den Blick, neben einem weiteren Abstecher in die USA, auf einzelne Aspekte des Kinos in anderen Ländern. So werden im Folgenden die Filmentwicklungen in Italien, Frankreich, Spanien, Japan, der Bundesrepublik Deutschland und Mexiko skizziert. Zugegebenermaßen war mir ein Großteil der genannten Filme (ironischerweise vor allem jene aus dem BRD-Beitrag) bis dato vollkommen unbekannt, doch umso größer wurde mit jedem gelesenen Wort das Bedürfnis, die genannten Werke unbedingt nachzuholen und nach den Sichtungen zur Lektüre zurückzukehren.

Das machte für mich bis dahin die größte Faszination an „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ aus: Dass man sich selbst als mittlerweile erfahrenerer Filmseher immer wieder mit neuen Eindrücken konfrontiert sieht, vor allem mit bis dato vollkommen unbekannten Werken, auf deren Sichtung man nach dem Lesen große Lust verspürt. Dieses Gefühl hat sich auch mit einem Blick auf die Jahre von 1966 bis 1975 in keiner Weise geändert. Es erscheint fast als Gewissheit, dass sich auch das neue Schwestermagazin mit dem Titel „70 Millimeter“ zu einem festen Bestandteil der deutschen Filmmagazin-Landschaft entwickeln wird. Das Heft besitzt in jedem Fall das Potenzial, einen ebenso großen Teil zur allgemeinen Wissensbildung rund um den neu gewählten Zeitraum zu leisten wie das bereits vom Original für die Jahre 1895 bis 1965 in beispielhafter Weise vorgeführt wurde. Hier kauft man sich als Filmliebhaber mit jeder Ausgabe wirklich ein Stück Filmbildung, wie man sie in dieser Form und auf diesem Niveau sonst wohl nur in wissenschaftlicher Fachliteratur zu erwarten hat. Man kann gespannt sein, was sich das Team von Clemens G. Williges für die ersten regulären Ausgaben einfallen lässt.

Erstausgabe bereits vergriffen

Ein Überblick über die Themen der Ausgabe 0 findet sich hier. Die gesamte Auflage war binnen kurzer Zeit restlos vergriffen, daher empfiehlt es sich, die erste reguläre Ausgabe im Online-Shop der „35 Millimeter“ zügig vorzubestellen. Es lohnt sich. „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ habe ich im Übrigen vor einiger Zeit hier ebenfalls vorgestellt.

Copyright 2021 by Lucas Gröning

 

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