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Archiv der Kategorie: Literatur

David Renske: Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films (Buchrezension)

Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films

Von Volker Schönenberger

Film-Sachbuch // Eigentlich peinlich: Obwohl ich in den 1980er-Jahren Teenager war und damals auch den Actionfilm in mich aufsog, war mir Cirio H. Santiago (1936–2008) bislang kein Begriff. Der philippinische Regisseur hatte ab Mitte der 1950er-Jahre Filme in seiner Landessprache (Tagalog oder Filipino) inszeniert. Ab den 1970ern profitierte seine Auftragslage davon, dass diverse US-Produktionsfirmen Santiagos Heimat als kostengünstigen Drehort entdeckten. So arbeitete der Filmemacher unter anderem auch mit dem Produzenten Roger Corman zusammen, etwa für „Savage“ (1973), „TNT Jackson“ (1974), „Angelfist“ (1993) und „Kill Zone“ (1993). Mit räudiger Action wie „Ein Mann wird zum Killer“ (1978) und „Hells Angels in Vietnam“ (1989) bereicherte er auch bundesdeutsche Videothekenregale.

Was ist Action-Gülle?

Der Filmkenner David Renske hat eine Monografie über diesen fleißigen Regisseur verfasst, die Creepy*Images und die Wicked Vision Distribution GmbH in Kooperation herausgegeben haben: „Cirio H. Santiago – Unbekanner Meister des B-Films“ bringt uns einen Regisseur näher, der sich für US-Produzenten in diversen Subgenres des Actionfilms getummelt hat (ich zitiere die Rückseite des Buchs): Blaxploitation, Namploitation, Action-Gülle, Endzeit-Action. Ich gestehe: Das Genre Action-Gülle war mir bislang unbekannt.

Renske beginnt sein reichhaltig bebildertes Buch im Anschluss an sein Vorwort mit einem „Filmverrückt auf Philippines – Das Leben des Herrn S.“ betitelten zwölfseitigen Text. Darin lässt er nicht nur die Biografie Cirio Hermoso Santiagos Revue passieren, sondern liefert den Leserinnen und Lesern auch einen Abriss über das philippinische Kino.

Roger Corman!

Den zweiten Teil des Buchs hat David Renske „Verdammt lang‘ her – Gespräche über Herrn S.“ betitelt. Auf 40 Seiten finden sich neun Interviews, die der Autor allesamt für das Buch geführt hat. Dabei sind US-Schauspielerinnen und Schauspieler, ein Australier (Richard Norton), ein philippinischer Stuntman und Statist sowie als bekanntester Name der oben bereits erwähnte Produzent Roger Corman, der sich sogar als Patenonkel eines der Kinder des philippinischen Filmemachers zu erkennen gibt. Cirio H. Santiago genoss den Ruf eines liebenswürdigen Menschen, die Interviewten bestätigen dies. Sehr lebendige Gespräche, die uns teilweise direkt an den Dreh versetzen.

Es folgt ein vierseitiges Gespräch von 2006 mit Cirio H. Santiago selbst, bevor mit dem vierten Kapitel „Fließband-Filme – Die Regie-Arbeiten des Herrn S.“ der umfangsreichste Abschnitt des Buchs beginnt: Nach einer kurzen Einführung stellt DR Santiagos 43 westliche Regiearbeiten vor, in der Regel jeweils auf einer Länge von zwei Seiten. Unter uns: Der eine oder andere Rohrkrepierer wird sich zweifellos unter diesen Filmen befinden. Aber damit können wir Fans niedrig budgetierter Actionfilme ja umgehen. David Renske bestätigte mir auf Nachfrage, dass es zeit- und kostenintensiv war, all diese Filme aufzutreiben. Diese Rezensionen sind nicht in filmanalytischer Elfenbeinturm-Schreibe verfasst, sondern beschreiben die Filme auf sehr lebendige Weise. Jedenfalls machen die Texte Lust, den einen oder anderen Streifen anzutesten. Wenn auch nicht jeden …

Eine anschließende Auflistung der Filmografie von Cirio H. Santiago rundet das Buch ab. Sie enthält nicht nur seine Regiearbeiten, sondern auch seine Drehbücher und Produktionen. Ganz am Ende führt David Renske seine Quellen auf.

Respekt vor so viel Mut, ein Buch über einen asiatischen Auftrags-Regisseur für kostengünstig produzierte westliche Genrefilme zu veröffentlichen. Trotz meiner persönlichen Verbindung zu Wicked Vision habe ich keine Ahnung, inwiefern die Herausgeber vorher die Marktchancen ihres Nischenprodukts abgewogen haben. So oder so ist das Unterfangen zu loben, denn Veröffentlichungen wie diese bewahren das Filmerbe – und ja: Auch von US-Produktionsfirmen in Fernost billig heruntergekurbelte Actionstreifen sind bewahrenswertes Filmerbe.

Fanboy Quentin Tarantino

Cirio H. Santiago starb am 26. September 2008 im Alter von 72 Jahren an Lungenkrebs. Ein Jahr zuvor hatte er beim „Cinemanila“-Filmfestival in der philippinischen Hauptstadt Manila einen seiner berühmtesten Fans kennenlernen dürfen: einen gewissen Quentin Tarantino (dessen Videotheken-Vergangenheit ja bekannt ist). Der beabsichtigte, weitere westliche Regiearbeiten Santiagos zu finanzieren oder zu produzieren. Dessen Tod machte diesen Plänen leider einen Strich durch die Rechnung. Nun hat der philippinische Filmemacher mit David Renskes „Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films“ immerhin in Buchform ein Denkmal gesetzt bekommen. Für Santiagos Fans und Fans des Actiongenres der Videotheken-Ära eine Pflichtanschaffung, und ich hoffe, dass sich dafür generell Filmfreunde interessieren, die über den Tellerrand ihrer filmischen Vorlieben hinausschauen und gern fremdes Terrain erkunden. Buch und Regisseur haben es verdient. Man merkt auf jeder Seite, dass der Autor dem Segment der billigen Actionfilme der Videotheken-Ära wohlwollend gegenübersteht. Alles andere wäre auch absurd, denn weshalb sollte man sonst ein solches Buch schreiben? Es kann im Übrigen im Online-Shop von Wicked Vision direkt bezogen werden.

Autor: David Renske
Originaltitel: Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films
Deutsche Erstveröffentlichung: 1. September 2020
178 Seiten
Herausgeber: Creepy*Images / Wicked Vision Distribution GmbH
Preis: 17,50 Euro

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Promotion-Motiv & untere Buchabbildung: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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Clint Eastwood (XXVII): Alexander Kluy: Clint Eastwood. 100 Seiten (Buchrezension) – Jedes Buch hat seinen eigenen Klang

Clint Eastwood. 100 Seiten

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Und jede Waffe hat ebenfalls ihren eigenen Klang, worauf Alexander Kluy nicht nur in einer Kapitelüberschrift („Die Sechziger“) hinweist, sondern auch mit einer für die „100 Seiten“-Reihe so typischen Infografik (S. 50 f.): Welche Knarre feuert in welchem Film? Muss man nicht wissen, macht aber Spaß. Und so hat das Büchlein ebenfalls seinen ganz eigenen Klang, was nicht einfach ist. Eastwoods Werk ist reichhaltig, umspannt mehr als ein halbes Jahrhundert, und ein Ende ist nicht abzusehen. Zudem ist über den Künstler schon viel gesagt worden, beispielsweise in dem so reich bebilderten wie gut betexteten Pracht-Doppelband „Das große Clint Eastwood Buch“ (sic!) von Tobias Hohmann, das zu Unrecht in Kluys Lektüretipps fehlt. Das wird schwierig auf 100 Seiten. Literweise Sekt in einer Piccoloflasche?

Auf Ihre Nase können Sie sich heutzutage nicht mehr verlassen? Doch!

Das geht tatsächlich, und man kann Kluy nicht vorwerfen, dass er im Schnelldurchlauf durch die Filme geht. Dass er sie chronologisch statt thematisch abhandelt, ergibt Sinn, weil sie Querverbindungen, aber auch eine Entwicklung aufzeigen. So hat der Autor meinen Gedanken, ob man nicht beispielsweise die fünf „Dirty Harry“-Filme auch als Block behandeln könnte, schnell zerstreut, denn: Während die ersten beiden Fortsetzungen noch ein Schrei nach Fanfutter waren, ist der vierte Film nach größerer Zeitpause, unter Eastwoods eigener Regie und mit ganz anderen Akzenten entstanden. Und solche Dinge kommen in dem Buch vor. Kluy hat Ahnung und ist Fan zugleich; immer ein schwieriger Spagat, aber man merkt, dass er damit zurechtkommt. Er hat, wie ein Dirty Harry oder der Reporter-Dirty-Harry aus „Ein wahres Verbrechen“ (1999), den richtigen Riecher, und zwar von Anfang an. Er eröffnet launig mit einem Eastwood-Quiz von babyeinfach bis schwer (und ich dachte von mir, da mache mir keiner was vor, aber das ist schon ganz schön knifflig), um dann ein paar Dinge über das Werk im Allgemeinen zu sagen. Hierbei trifft er den richtigen Ton und verdichtet ein Mammutwerk auf das Wesentliche. Eastwood ist klassischer „Geschichtenerzähler“, er ist uramerikanisch (was hier die USA meint, Amerika ist ja eigentlich ein Kontinent), er lässt sich nicht auf grenzwertige Polit-Aussagen reduzieren, die aber nicht verschwiegen werden. Und er lässt „uns in seine Abgründe blicken, die nicht die seinen allein sind.“ Dieses Georg-Seeßlen-Zitat, welches ich immer schon sehr treffend fand und selbst bei der einen oder anderen Rezension eingebaut habe, taucht früh auf (S. 5 f.) und sagt viel über den Meister aus, nicht nur die Ballerfilme betreffend.

Kontinuität und Weiterentwicklung

Zudem wichtig: Eastwood ist ein ökonomisch arbeitender Filmemacher, der sich mit einem festen Team umgibt. Auch dies früh zu sagen, ist gut und wichtig, kann es doch das eine oder andere Missverständnis beseitigen. Beispielsweise hatte Billy Wilder einmal über sein letztes Werk, „Buddy, Buddy“ (1981), gesagt, dass Clint Eastwood in der Rolle des Killers ideal gewesen wäre – eine Hauptrolle, die Walter Matthau an der Seite Jack Lemmons gespielt hatte. Irrtum, Billy: Den hättest du nie bekommen! Eastwood machte schon damals nur noch seine eigenen Filme, auch wenn der Regisseur anders hieß – bei Wolfgang Petersens „In the Line of Fire – Die zweite Chance“ (1993) bringt indes jeder das ein, was er am besten kann. Die Klammer zu diesem Aspekt schließt sich, wenn man sich gegen Ende des Buches (S. 97) abgelehnte Rollen ansieht. James Bond, ernsthaft? Aber auch Charley Varrick, den 1973 dann Walter Matthau unter der Regie von Don Siegel in „Charley Varrick – Der große Coup“ spielte. Ein Beleg für etwas anderes, das ebenfalls zu Recht in dem Buch thematisiert wird: Eastwood hat immer zugesehen, sich weiterzuentwickeln. Nach vier Zusammenarbeiten mit Don Siegel war erst mal Tapetenwechsel statt des großen Coups angesagt. Nach den drei „Dollar“-Italowestern von Sergio Leone ebenfalls, als er die Rolle des „Mundharmonika“ in „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) ablehnte.

Viel Inhalt – auf einer Handvoll Seiten

Nachdem Kluy die Kino-Kleinstrollen und die Serie „Tausend Meilen Staub“ („Rawhide“, 1959–1965) gewürdigt hat, geht es nach Europa und zu dem so überraschenden wie kometenhaften Aufstieg des Stars, aber auch des Genres Italowestern, was Kluy angemessen mitwürdigt. Sogar der auf den ersten Blick nicht naheliegende US-Edelwestern „Mein großer Freund Shane“ (1953) wird – nicht nur hier – in Bezug genommen, was angesichts des Mythischen der Hauptfigur hervorragend passt. Das Pistolenwirbeln nach getaner Arbeit, das der Fremde nach seinem ersten Schießeinsatz in „Für eine Handvoll Dollar“ (1964) zeigt, scheint sogar eine direkte Reverenz an eine entsprechende Szene Shanes zu sein. Nur dass der Fremde in „Für eine Handvoll Dollar“ so wortkarg sei, hätte Kluy nicht mitzukolportieren brauchen. Es finden sich darin doch ausgedehnte sardonische Monologe wie die „Ihr habt mein Muli beleidigt“-Rede am Anfang – und am Ende das Gequatsche, dass Rocco ihn nicht umlegen könne (als der Fremde einen Schutzpanzer im Wortsinne unter dem Poncho trägt).

Eigenwilligkeit und Fairness

Dann geht’s durch die Jahrzehnte, nicht ohne einen weiteren wichtigen Aspekt zu treffen, dem Eastwood immer verbunden war – den Jazz. Dass der Leser nicht in jedem Fall mit den Wertungen des Autors einverstanden ist, liegt in der Natur der Sache; Geschmäcker sind eben verschieden. Für mich definitiv erfreulich, dass sich Kluy überhaupt was traut, statt fließbandartig banale Inhaltsangaben zu liefern. Da muss ich nun durch, dass er „Ein wahres Verbrechen“ (1999) nicht mag, in dem Eastwoods Part ganz interessante Querverbindungen zu anderen Rollen hat: ein „Dirty Harry“ mit Reporter-Notizblock, der sich gegen alle Wahrscheinlichkeit auf seine Nase verlässt; ein Loner, der trotz Frauengeschichten den Film mit dem Spruch „Der Weihnachtsmann reitet allein“ beenden muss. Nein, den nimmt mir keiner. Anders bei „Rookie – Der Anfänger“ (1990): Das ist tatsächlich ein schwacher Film, den nach meiner Kenntnis nur der französische Autor Noël Simsolo vehement verteidigt, bei dem Kluy aber wie ich nicht versteht, warum Latinos als Deutsche besetzt sind. Das Gute ist nun, dass sich Kluy rundheraus weigert, stumpf in den Chor der Verächter einzustimmen und auf den schon am Boden liegenden Hund einzuprügeln. Er ist durchaus bemüht, noch in einem kurzen Abschnitt auf positive Ansätze hinzuweisen, die sich beispielsweise auch in einem an Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“ (1945) erinnernden Kindheitstrauma des von Charlie Sheen gespielten Buddys Eastwoods äußern (S. 72): „Leicht zu übersehen ist, dass allen Figuren etwas verlorengegangen oder für sie nicht mehr erreichbar ist. Die Frau, die Liebe, der Lebenstraum, auch die Gegenwart (Pulovski [Eastwoods Figur] repariert alte Motorräder). Unter all der Lautstärke von Explosionen und Verfolgungsjagden liegt Trauer.“ Hier ist der Autor so hellsichtig wie fair.

Manchmal trügt die Nase doch

Was das Gesamturteil ein wenig trübt, sind vermeidbare Fehler. Als jemand, der von Berufs wegen (als Professor und auf dem Weg dorthin) viel geschrieben hat und schreibt sowie die Tücken von der Arbeit für „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ und für diesen Blog kennt, möchte ich nicht allzu kleinlich sein. Irgendwas passiert immer und ist nach dem zehnten Gegenlesen noch drin, da nehme ich mich natürlich nicht aus. Allein, es ist doch ein wenig viel. Entgegen S. 7 arbeitet Eastwood ab „The Mule“ (2018) mit anderen als den genannten drei langjährigen Kameramännern, und das Buch ist auf dem Stand des Nachfolgefilmes „Der Fall Richard Jewell“ (2019) (den der Autor bei Drucklegung mutmaßlich aber nur ankündigen und noch nicht gesehen haben konnte). „The Eiger Sanction“ (1975) heißt nicht „Im Angesicht des Drachen“ (S. 47), sondern „Im Auftrag des Drachen“ – da war vielleicht der James-Bond-Titel „Im Angesicht des Todes“ (1985) im Hinterkopf. Nelson Mandela, den Morgan Freeman in Eastwoods „Invictus – Unbezwungen“ (2009) spielt, wurde nicht 1992 (S. 86), sondern 1994 zum Präsidenten Südafrikas gewählt. Clints Tochter Allison Eastwood spielte nicht 1979 (S. 89), sondern 1984 in „Der Wolf hetzt die Meute“ (korrekt: S. 62). Die 1972 Geborene wäre ansonsten wohl kaum so abgeklärt bei der Frage des kleineren Film-Bruders gewesen: „Papa, was ist ein Ständer?“ Das alles kann passieren – und selbst Dirty Harry weiß (angeblich) nicht, ob schon fünf oder sechs Schuss raus sind. Ein anderes Kaliber ist, dass der Titelfigur in „Bronco Billy“ (1980) ein Filmtod angedichtet wird (S. 56). Der Autor hat erkennbar alle Filme nicht nur gesehen, sondern genau studiert. Er weiß, dass das falsch ist, und seine Aussage widerspricht auch der isoliert gesehen richtigen, dass es den Filmtod der Eastwoodfigur nur dreimal gab: „Betrogen“ (1971), „Honkytonk Man“ (1982) und „Gran Torino“ (2008). Manchmal sieht auch derjenige, der sich zu gut auskennt, den Wald vor lauter Bäumen nicht – es mag an der auch von Kluy zu Recht herausgestellten Nähe Bronco Billys zum „Honkytonk Man“ gelegen haben. Schade, aber menschlich. Dem an sich sehr guten Buch ist eine zweite Auflage zu wünschen, die sich um so etwas kümmert.

Fazit und Ausblick

Es liegt ein so persönliches wie unterhaltsames wie kenntnisreiches Buch vor, das zwar ein etwas genaueres Lektorat verdient hätte, aber äußerst empfehlenswert ist. Wobei, den Wunsch nach einer zweiten Auflage betreffend: Das wird schwierig, über den geeigneten Zeitpunkt zu entscheiden, und wir wollen Eastwood ja nun nicht den Tod wünschen. Er wird wohl weiterarbeiten, solange es geht. Wie seinem Kollegen und dem späteren NRA-Präsidenten Charlton Heston die Waffe, so nimmt man Eastwood die Regieklappe „only from my cold, dead hands“. Wobei Eastwood die Klappe und den „Action!“-Ruf (Letzteres erwähnt auch Kluy) überhaupt nicht braucht. In der Ruhe liegt die Kraft. Freuen dürfen wir uns schon mal auf „Cry Macho“ (2021), laut der IMDb bereits in der Postproduktion. Nach allem, was man so lesen kann, ein Stoff, bei dem man sich niemand anderen als den alten Haudegen vorstellen kann, der auch wieder als Schauspieler mitwirkt. Ein Neo-Western und Roadmovie, in dem ein Ex-Rodeo-Star (Eastwood) sich mit einem jungen Mann auf die Reise von Mexiko nach Texas begibt und durch die Lebenshilfe, die er gibt, auch selbst erlöst wird. Wer dächte da nicht an die ungleichen Paare wie Eastwood und seine Ersatztochter Hilary Swank („Million Dollar Baby“, 2004), seinen Ersatzenkel Bee Vang („Gran Torino“) oder an den Todeskandidaten Isaiah Washington („Ein wahres Verbrechen“), mit dessen Rettung die Eastwoodfigur auch sich selbst rettet? Wer dächte nicht an die Americana, die Wide Open Spaces, die Diners und Pinten auf dem Lande, die niemand so elegisch filmt wie Eastwood, beispielsweise in „Bronco Billy“ und seinem tragischeren Zwilling „Honkytonk Man“, aber selbst noch im Kriegsfilm „Flags of Our Fathers“ (2006), wo der amerikanische Ureinwohner Ira Hayes (Adam Beach), obschon Kriegsheld, dort kein Bier bekommt? Es bleibt also spannend. Das Buch steigert die Vorfreude auf Kommendes und macht Lust auf das Wiedersehen des Bisherigen. Ja, ja, ja – „Der Mann, der niemals aufgibt“ (1977) übrigens wunderschön in seiner märchenhaften Übertreibung gewürdigt.

Autor: Alexander Kluy
Originaltitel: Clint Eastwood. 100 Seiten
Deutsche Erstveröffentlichung: 12. Februar 2020
100 Seiten
Verlag: Reclam
Preis: 10 Euro (ebook: 7,99 Euro)

Copyright 2021 by Tonio Klein
Untere Coverabbildung: © 2020 Reclam

 

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Wieland Schwanebeck: James Bond. 100 Seiten (Buchrezension) – „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich 007 heiß’.“

James Bond. 100 Seiten

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // So endet ein Nonsens-Gedicht von Robert Gernhardt, doch der schlaue Fuchs hatte bekanntlich oft einen Hintersinn. Ein interessanter Aspekt des vorliegenden Büchleins ist, dass es auf eine Paradoxie hinweist: Jeder erkennt den angeblich geheimen Agenten, selbst wenn dieser die Identität eines anderen vorgibt. Bond als Japaner in „Man lebt nur zweimal“ (1967) sieht unmöglich aus, und (so das kluge Beispiel des Autors) der schnöselige „Mr. Smythe“, den Roger Moore in „Im Angesicht des Todes“ (1985) gibt, ist alles, bloß keine Tarnung. Aber starten wir am Anfang …

001: Ich bewundere Ihr Glück, Mr. …

… und da schenkt mir Wieland Schwanebeck ein ganz besonderes Vergnügen, wenngleich das Glück des Agenten Zufall mitgespielt hat. Dreh- und Angelpunkt der Magie und des Sich-Einlassens auf jede Menge Logiklöcher ist ihm nämlich die Eröffnungsszene von „Der Spion, der mich liebte“ (1977), und das war zwar nicht sein, aber mein erster Bond – wie ein erstes Mal, nur dass man ungezwungener darüber sprechen kann. Die Szene steht in der Tat noch immer für die unwahrscheinliche Magie, und wer sich beim Brosnan-Relaunch beschwert hat, dass Bond in der Eröffnungssequenz von „Goldeneye“ (1995) auf einmal fliegen könne, hat das Prinzip nicht begriffen. Schwanebeck bringt konsequenterweise früh und im Zusammenhang mit der „Der Spion …“-Szene den Begriff „Märchen“ ins Spiel. Also: Es war einmal … ein schillernder Vertreter der britischen Oberschicht, der neben Kinderbüchern auch einen Geheimagenten erdachte, dessen Abenteuer bald verfilmt wurden, erkennbar von Anfang an als Reihe konzipiert. So geht es in 007 (!) Kapiteln zunächst über einen Prolog zu Entstehung und Baukastenelementen der Reihe. Es ist – und das wird durchgängig so bleiben – ein Glücksfall, wie Schwanebeck mit dem Reclam-Format der „100-Seiten-Reihe“ umgegangen ist, mit der der Verlag vielleicht auf Allgemeinbildungsserien wie die französische Reihe „Que sais-je?“ („Was weiß ich?“) schielt. Bei bisher rund 80 Bänden etwas, woran ich mich auch noch bei völlig anderen Sujets versuchen werde. Ist der Versuch doch höchst lobenswert, einer Buchreihe ein Profil zu geben, bei gleichzeitig extremer Themenvielfalt. Wenn das durchgängig so hervorragend gelingt wie im vorliegenden Band, kann man Reclam nur beglückwünschen. So merkt man Schwanebeck eine sehr gelungene Mischung an, gibt es doch über Bond bereits ein breites Spektrum von eher platten Fan-Büchern bis zu üppigem Stoff des so gnadenlosen wie exzellenten Marketings der EON Productions, also der Gesellschaft, die das Bond-Franchise verwaltet und fortführt. Sogar eine sehr ernstzunehmende, an Lacan angelehnte Psychoanalyse Bonds (Andreas Jacke) existiert. Hat Schwanebeck da überhaupt noch einen Platz? Ja, hat er!

002: Bezüge und Querverweise

Das Buch ist amüsant, aber nie platt geschrieben, und man merkt, dass der Verfasser sich auskennt. Zudem hat Schwanebeck eine im positiven Sinne eigenwillige und persönliche Herangehensweise. Kurze Einsprengsel, wie er zu Bond kam, lenken nicht vom Substanziellen ab, hat doch – siehe oben – jeder Fan sein persönliches und oft aufschlussreiches Bond-Initiationserlebnis. Querverweise zu (nicht nur film-)kulturellen Phänomenen sind auch dann interessant und nicht hergesucht, wenn sie den Leser nicht so sehr überzeugen; der Autor geht da neue Wege, ohne zu straucheln. Kastrationssymbolik sieht er nicht nur in offensichtlichen Szenen wie derjenigen mit dem Laserstrahl in „Goldfinger“ (1964), sondern auch in kurzen Spaß-Momenten wie dem in „Octopussy“ (1983), wo Bond, die MP feuernd, das Treppengeländer herunterrutscht und noch schnell den Geländerkopf abschießen muss, damit das nicht ein schmerzhaftes Ende nimmt. Bonds Tarnung als verklemmter Wappenkundler bei zehn Superfrauen in „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ (1969) in Beziehung setzen zu Tony Curtis’ falschem Millionär bei einer (aber was für einer) Superfrau in Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ (1959): wirklich überzeugend und für mich auch neu. Dito der auf den ersten Blick nicht naheliegende Vergleich des Fallen-Hauses aus „Skyfall“ (2012) mit „Kevin – Allein zu Haus“ (1990). Die Verbindung von „König Salomons Diamanten“ (Buch wie Verfilmungen) zum Plot und Grace Jones’ Rolle in ihm in „Im Angesichts des Todes“ (1985): vielleicht etwas weit hergeholt, aber alles andere als Blödsinn. So muss ein Buch sein, nicht abgehoben, aber auch nicht anbiedernd auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner!

003 Filme braucht der Mime …

Auch wenn zehn Euro für so ein schmales Bändchen viel erscheinen mag (wer die gelben Heftchen noch aus der Schule kennt, reibt sich die Augen), geht Qualität vor Quantität. Auf den 100 Seiten wird nämlich eine Fülle von Informationen, Spaß, erhellenden und persönlichen Ansichten geboten, die auch und gerade dann von Gewinn sind, wenn man sie nicht teilt. Mit vielem wie der „Dreier-Regel“ bin ich aber weitgehend einverstanden, und sowas ist gerade bestechend, wenn man noch nicht darauf gekommen war, sich nach dem Lesen aber sagt, dass das was für sich hat. Konkret: Alle, die den Agenten häufig gespielt haben, kamen im dritten Auftritt – zusammen mit dem Gesamtfilm – bei dem an, was die Serie ausmacht; danach ging’s mit einem Overkill bergab: die Verspieltheit eines „Feuerball“, 1965, der im Gigantismus seinen Vorgänger krampfhaft übertreffen wollende „Moonraker“, 1979, der Quatsch eines unsichtbaren Autos in „Stirb an einem anderen Tag“, 2002, immerhin nicht mehr BMW. Bei Craig bin ich etwas anderer Ansicht als Schwanebeck.

004: … und drei Frauen braucht Bond. Zudem absurde Mordanschläge und Schurken-Handlanger

Hinzu kommen Aspekte wie das zeitgeschichtliche Umfeld, vom Kalten Krieg (der insbesondere den Romanautor Ian Fleming sehr geprägt hat) bis natürlich zum Frauenbild. Drei pro Film ist die (nicht immer eingehaltene) Baukastenregel, und die Damen hießen früher gern mal Honey, Pussy, Kissy, Plenty, Miss Goodnight oder Octopussy. Am Wandel kam die Serie irgendwann nicht vorbei und hier gelingt es dem Autor, modern und kritisch zu sein, ohne in verkrampfte Political Correctness zu verfallen. Zudem kennt er auch Hommagen und Parodien (was nicht immer einfach auseinanderzuhalten ist) und verweist auf Woody Allen und Austin Powers, wobei Letzterer nicht nur beim Sexismus des frühen Bond, sondern auch bei anderen Aspekten hervorragend passt. Beispielsweise gibt „Austin Powers – Das Schärfste, was Ihre Majestät zu bieten hat“ (1997) einen wunderbaren Kommentar zu den absurd schwierigen und darum stets misslingenden Versuchen ab, mit denen Bond ins Jenseits befördert werden soll („Knall ihn einfach ab“, meint Dr. Evils Sohn). Oder dazu, dass man sich einmal fragen kann, ob die Heerscharen von Technikern, die dem Superschurken an abgelegenen Orten Gigantisches bauen, eigentlich Freunde und Familie haben und wie sie denen ihren Job erklären. Beides greift Schwanebeck auf, bei Letzterem nennt er auch Austin Powers, bei Ersterem vermute ich, dass die Seitenbegrenzung ihm eine Beschränkung auferlegt hat. Zudem ist lobenswert, dass er auch die Bonds nicht liegenlässt, die insoweit „echt“ sind, als Verfilmungsrechte bestanden, die aber nicht von den Produzenten der Hauptreihe zu verantworten sind. Dass er „Sag niemals nie“ (1983) etwas niedriger hängt als ich – geschenkt. Dass er „Casino Royale“ (1966) noch in seiner monströsen, angeberischen Beklopptheit (der mitspielende Woody Allen ist in seiner Autobiografie übrigens derselben Ansicht) etwas abgewinnen kann, indem er die dortige Idee, jeder (!) sei Bond, einfach mal ernstnimmt und auf die „offizielle“ Serie bezieht – faszinierend.

005: Kontinuität, Wandel oder Anachronismus? Analyse und Bewertung

Ist Bond nun alterslos oder wird er alt? Fleming konnte das wegen seines frühen Todes nicht beantworten. Die Filme bekennen sich zum Anachronismus und Bond ereilt nicht, wie der Autor das in einem den Märchencharakter genial unterstreichenden Querverweis nennt, der Fluch von Peter Pan und Wendy. Zunächst macht Bond aktuelle Zeitgeschichte als steter Strahlemann mit (Kalter Krieg, 1974 Energiekrise in „Der Mann mit dem goldenen Colt“, 1983 Nachrüstungsdebatte in „Octopussy“, 1995 Zusammenbruch der Blöcke in „Goldeneye“). Und in den Craigs muss Bond erst zu Bond (und Moneypenny erst zu Moneypenny) werden, obschon die Plots in der Gegenwart spielen. All das kommt auch im Buch augenzwinkernd vor; zudem scheut sich Schwanebeck nicht vor Gesamtbewertungen der Filme der einzelnen Darsteller – wieder in genau der richtigen Mischung mit einer Eigenwilligkeit, die zum Glück nicht so apodiktisch daherkommt, wie das gelegentlich bei Filmrezensionen von Andreas Kilb (Frankfurter Allgemeine Zeitung) auftritt.

006: Glaubst Du, es hat mir Spaß gemacht? Was ich getan habe, habe ich für Königin und Vaterland getan.

Bei der Darstellung von Hintergründen gelingen dem Autor immer wieder Bezüge zwischen Fiktion und Realität, wobei ein popkulturelles Phänomen von solch weltweitem Erfolg, wie es Bond ist, stets beides ineinanderfließen lässt, bis man nicht mehr weiß, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Am Interessantesten ist dies vielleicht, wenn Schwanebeck auf Ihre Majestät höchstselbst zu sprechen kommt, und zwar auch auf die in der Wirklichkeit, die ja an Bond als nationaler Institution weder vorbeigehen konnte noch wollte. Nicht nur „Gold und Silber vergeht, Schweinsleder besteht“ (so nach meiner Erinnerung Bond-Produzentenlegende Albert R. Broccoli), sondern Königin und Vaterland sind Konstanten für Bond und die Filme in einer sich wandelnden Welt. Und, auch dies ein Thema des Buches, konstant ist sogar noch erstaunlich vieles zwischen den frühen Filmen und den Craigs, wo man selbst im „Bourne“-inspirierten Schnittgewitter von „Ein Quantum Trost“ (2008) noch genug Elemente findet, um sagen zu können: Das ist kein Actionfilm wie alle anderen.

007: Nobody does it better!

Und Schwanebecks Buch ist keines wie alle anderen. Ein Glücksgriff, bei dem Autor und Verlag sicherlich gewusst haben, dass eher diejenigen zu ihm greifen, die Fans sind oder zumindest schon eine gewisse Ahnung haben. Das Ganze ist in seinen Anspielungen und Zitaten einigermaßen voraussetzungsvoll geschrieben. Aber doch immer so, dass hier nicht der Autor den Leser zum Insiderkumpel macht und alle anderen ausschließt. Er erklärt genug, um die unerklärten Sahnebonbons nicht angeberisch erscheinen zu lassen, bei denen es den Leser kaum stören kann, wenn er sie nicht alle punktgenau zuordnen kann. Ein paar Fotos und Infografiken sowie eine herrliche Perscheid-Karikatur, wie Bond Pussy Galore in „Goldfinger“ (1964) zähmt (und nach vertretbarer Lesart „umpolt“), runden den hervorragenden Eindruck ab. Erstere sind nie Film-Standbilder (von denen üppig illustrierte Fanbücher auch schon genug haben), sondern Bilder aus der realen Welt, die aber zeigen, wie sich Realität und Fiktion vermischen, wenn etwa Craig (oder Bond?) und Königin Elizabeth II. einander treffen. Oder wenn bei Madame Tussauds alle sechs Bond-Darsteller (ohne Barry Nelson aus der Casino-Royale-Fernsehfassung von 1954 und ohne Woody Allen, David Niven und Peter Sellers aus dem Ulk-Casino-Royale von 1966) ein Gruppenbild abgeben. Die Infografiken kombinieren nützliches und unnützes (aber spaßiges) Wissen und zeigen bei einem Quiz auch dem, der sich gut auszukennen meint (und ehrlicherweise hatte ich das auch von mir gedacht), seine Grenzen.

008 – wird mich ersetzen, wenn ich nicht noch den Schluss schreiben darf

Spaß und viele Erkenntnisse – dass ich gern noch viel mehr gelesen hätte (beispielsweise über den herrlichsten, weil unverschämtesten Nachahmer „Operation ‚Kleiner Bruder‘“, 1967), ist kein Nachteil, lädt der Band doch geradezu dazu ein, ihn im Kopf weiterzuschreiben. Mehr und besserer Bond auf 100 Seiten geht nicht. Zudem ist das Buch sehr gut lektoriert. Lediglich ein Verstoß gegen die Regel „Wer ‚brauchen‘ ohne ‚zu‘ gebraucht, braucht ‚brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen“ ist mir aufgefallen (S. 60); der vermutete Fehler des zusammengeschriebenen „ähnlichsehen“ (S. 59) ist laut Duden keiner. Wieder was gelernt. Aber vielleicht ist mein Korrektorenblick auch übertrieben, so wie sich nur Oberlehrer darüber aufregen, dass in den technisch doch sonst so perfekten Bonds bis mindestens 1995 („Goldeneye“) grottenmiese Rückprojektionen auftauchen. Tja, dann bin ich halt Oberlehrer, denn mich stört das tatsächlich. Am Buch aber nichts, es verdienst das höchste Lob.

Autor: Wieland Schwanebeck
Originaltitel: James Bond. 100 Seiten
Deutsche Erstveröffentlichung: 12. Februar 2021
100 Seiten
Verlag: Reclam
Preis: 10 Euro (ebook: 7,99 Euro)

Copyright 2021 by Tonio Klein
Untere Coverabbildung: © 2021 Reclam

 

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