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Archiv der Kategorie: Literatur

Blake Edwards (IV): Sam Wasson: A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards (Buchrezension)

A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Man kann schon den Titel nicht übersetzen: A Splurch in the Kisser – ein XXX in die Schnauze. „Splurch“ heiße, ich musste nachschlagen, etwas, das genauso klinge wie eben „splurch“, also ein Comic-Wort, das neben den Sprechblasen steht, wie etwa knuff, puff, zack, boing. Wie klingt das Auftreffen einer Torte auf ein Gesicht? Genau: splurch. Sam Wasson zeigt dann auch gleich auf dem Cover die tortenverkleisterten Gesichter aus Blake Edwards’ „Das große Rennen rund um die Welt“ (1965). Der Autor hat ganz offensichtlich ein Faible für Wortspiele – es ist beispielsweise die Rede vom „vice president“ eines Studios, bei dem „vice“ zu betonen sei, also „Laster“. Aber er nimmt sowas auch ernst, wählt „splurch“ sehr bewusst als Teil des Buchtitels und erklärt sehr genau, was er meint, nämlich eine Art Denkzettel, den es bei Filmen Blake Edwards’ häufig auf so slapstickhafte wie hintersinnige Weise gibt. Und übrigens, „slapstick“, darin stecke doch wörtlich „schlagen“ (to slap) und „stick“, also Stock. Ja, Wasson hat natürlich recht und legt das eigentlich Naheliegende, aber oftmals Übersehene dar: Slapstick war und ist, so es ihn noch gibt, ein brutaler, körperbetonter Witz, bei dem mehr als nur die Schminke durch Torten kaputtgeht. Rutscht mal auf einer Bananenschale aus, fallt in einen Gully … oder seht einen Blake-Edwards-Film, in dem als Running Gag einem Mann nacheinander alle Finger gebrochen werden („Der rosarote Panther kehrt zurück“, 1975) oder ein enttäuschter Auftraggeber einem glücklosen Detektiv den eh schon bei einem Einsatz gebrochenen Finger noch einmal mit dem Hammer zertrümmert („Victor/Victoria“, 1982). „Topping the topper“ hat Edwards’ Vorbild, der mit seinen Stan-und-Ollie-Filmen großgewordene Komödienregisseur Leo McCarey, das Prinzip des Überbietens in Wiederholungen genannt.

Spaß am Rande des Nervenzusammenbruchs

All dies kommt in dem exzellenten Buch vor, das trotz erhellender Eckdaten keine Biografie ist, sondern eher eine Detailanalyse der Filme Edwards’, die aber auch in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Wie gesagt, der eigenwillig verspielte Schreibstil ist nie Selbstzweck und wirkt darum erhellend und originell statt angeberisch. Wasson sieht Edwards zu Recht als „auteur“, was ja vielleicht bei einem Drehbuchautor und Regisseur nicht ganz einfach ist, der a) eine veritable Fahrstuhlkarriere hingelegt hat, und b) als Komödienregisseur bekannt ist, aber weit mehr gemacht hat. Wassons Verdienst ist es, in allem ein geschlossenes Ganzes zu sehen, keine „Oh, der kann auch Drama und Thriller“-Ausreißer. Er nimmt Slapstick ernst und sieht im Ernsten das Komische, oder zumindest das Aberwitzige. Der Witz ist blutig und das Harte ist mitunter von so absurder Ausweglosigkeit, dass man es – auch dies ein Edwards-Motto – weglachen möchte, weil man sonst den Schmerz nicht mehr aushält („breaking the pain barrier“). Damit wird der Autor Edwards voll und ganz gerecht, der auch privat oft am Rande des Wahnsinns stand und sein Leben mitunter nur als Abfolge von galligen Pointen ertragen konnte. Wasson geht auf alles ein: die mehr oder minder reinen Komödien bis 1965 (mit vorherigen Ausflügen zum Alkoholdrama und zum Thriller), das Nachdenklichere, welches noch Komik-Elemente hat, den epischen Western „Missouri“ (1971), den tiefen Fall des Regisseurs. Hierbei analysiert er auch, warum Edwards und allgemeine Hollywood-Umbrüche ab Ende der 1960er-Jahre wie Öl und Wasser sein mussten.

Es folgte das Comeback mit Slapstick aus der Inspektor-Clouseau-Reihe. Und schließlich ab 1979 („10 – Die Traumfrau“) eine Reihe mal brachial komischer, mal galliger, mal zärtlicher Filme um Männer in der (nicht immer, aber oft auch sexuellen) Identitätskrise. In dieser Zeit bis 1991 ist vieles unterbewertet; Wasson lobt auch nicht alles über den grünen Klee, aber nimmt es ernst. Und weist neben vielem anderen darauf hin, dass gar nicht selten, auch in den Komödien, der Tod eine wichtige Rolle spielt. Clouseau, so sehr die späteren Filme an Peter Sellers’ Abwesenheit leiden, ist in der Narration nicht totzukriegen, der geprellte Regisseur in Edwards’ in Ansätzen autobiografischer Hollywood-Abrechnung „S.O.B. – Hollywoods letzter Heuler“ (1981) schon. Und obwohl Remake von François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“ (1977), kann man sich keinen trockeneren, beiläufigeren, Edwards-typischeren Tod als den von Burt Reynolds (untypische Rolle!) in „Frauen waren sein Hobby“ (1983) vorstellen. Schließlich „Switch – Die Frau im Manne“ (1991), der letzte der Reihe, den Wasson zusammen mit „Skin Deep – Männer haben’s auch nicht leicht“ (1989) als Rückkehr zur Hochform feiert, in dem der Tod gleichzeitig Bewährung und Erlösung ist – ein schöner Abschluss. Aber auch für den danach entstanden, allgemein als schwach geltenden „Der Sohn des rosaroten Panthers“ (1993) hat Wasson nicht nur Häme übrig.

Kleine Schwäche, sehr viele Stärken

Leider kümmert sich der Autor fast nur um die Kinofilme. Er lässt zum Beispiel die Broadway-Aufzeichnung von „Victor/Victoria“ (1995), Edwards letzten Film, weg. Gleiches gilt für seinen ziemlich guten Fernsehfilm „Peter Gunn – Privatdetektiv“ (1989). Der einzige Schwachpunkt. Ansonsten meinungsstark, kenntnisreich, analytisch scharf, anspruchsvoll, aber durch sehr originellen Schreibstil auch unterhaltsam. Gut in Details, nie das große Ganze vernachlässigend, und noch in den zum Teil gescheiterten Filmen, von denen Edwards einige hatte, etwas Wichtiges erkennend, ohne sie blind zu loben. Ein Muss für alle, die nicht nur Fans sind, sondern das Werk auch tiefgreifend studieren wollen, ohne dass der Spaß und die Emotionen verlorengehen.

Der Preis und die Verfügbarkeit des bislang nicht ins Deutsche übersetzten Buchs mögen hierzulande schwanken. Er lag am 27. August 2021 bei etwa 15 Euro für die elektronische und etwa 24 Euro für die Hardcoverversion, was angesichts der unten angegebenen offiziellen Dollarpreise vor allem bei Ersterem recht günstig ist. Ganz offensichtlich steht die von der renommierten Filmhistorikerin Jeanine Basinger herausgegebene Buchserie Wesleyan Film für Qualität, sodass Interessierten auch ein Blick auf die anderen Titel empfohlen sei.

Autor: Sam Wasson
Herausgeberin der Serie „Wesleyan Film“: Jeanine Basinger
Originaltitel (2009): A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards
371 Seiten
Verlag: Wesleyan University Press
Preis (kann schwanken): 30 US-Dollar (Hardcover), 23,99 US-Dollar (elektronisch)

Copyright 2021 by Tonio Klein
Cover: © 2009 Wesleyan University Press

 

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35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin: Ein Spin-off in 70 Millimetern

35 Millimeter – Das Retro Filmmagazin

Von Lucas Gröning

Filmzeitschrift // 2014 gründete Jörg Mathieu die Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“, welche ausschließlich Filme aus der Zeit zwischen 1895 und 1965 behandelt. Ziel sei es gewesen, so Mathieu, der jüngeren Generation die wunderschöne Welt dieses großen und spannenden Kapitels der Filmgeschichte nahezubringen und so das filmische Erbe der Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft zu überführen. Sieben Jahre und viele Ausgaben später ist es soweit, den zeitlichen Rahmen auszuweiten und auch (zumindest etwas) jüngere Filme in die Auswahl einzubeziehen. Aus diesem Grund erschien im Mai 2021 die erste (oder „Nuller“-) Ausgabe eines Ablegers der „35 Millimeter“, nämlich das „70 Millimeter“-Magazin. Dieses neue Druckwerk beschäftigt sich mit den Jahren 1966 bis 1975 und soll den Auftakt zu einer Etablierung eines neuen Heftes als Schwestermagazin der ursprünglichen Zeitschrift darstellen, wie Chefredakteur Clemens G. Williges im Editorial des Piloten verlauten lässt. Die erste reguläre Ausgabe soll im Lauf der zweiten Jahreshälfte 2021 erscheinen, der genaue Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest. Wann immer das nächste Heft nun erscheint, man darf sich in jedem Fall auf enorm interessante Inhalte einstellen, denn bereits die Pilotausgabe des neuen Magazins ist in jeglicher Hinsicht vielversprechend, wenn auch in kleinerem Format und nicht so umfangreich wie der große Bruder.

Bewährte Kolumnen

Dabei baut die neue Zeitschrift der Retro-Cinephilen auf die bewährte Formel von informativen und analytischen, essayistischen Texten, deren Autorinnen und Autoren ihre Thesen und Feststellungen stets mit nachvollziehbaren Argumentationssträngen und Beispielen aus der Filmgeschichte unterfüttern. Die dabei vermittelten Informationen werden außerdem mit viel abwechslungsreichem Bildmaterial garniert, beispielsweise in Form von Stills aus den besprochenen Werken sowie Filmplakaten. Diese längeren Texte wechseln sich immer wieder mit Angeboten ab, die seit jeher zum festen Bestandteil jeder „35 Millimeter“-Ausgabe gehören, beispielsweise den Kolumnen, den Top 5 der Redaktion und den Rezensionen zu Blu-ray- und DVD-Veröffentlichungen von Filmen, die sich nun dem neuen Zeitraum zuordnen lassen.

Von der Nouvelle Vague zum Neuen Deutschen Film

Wie definiert sich dieser neu gewählte Zeitraum? Im Editorial des ersten Heftes ist zunächst von dem Dilemma zu lesen, durch die eigene Selbstbeschränkung nicht jene Zeit vollständig abbilden zu können, welche die Übergangsphase zwischen dem klassischem Kino zum Kino heutiger Machart kenzeichnet. Die Nouvelle Vague, der Neue Deutsche Film, Nūberu bāgu und besonders New Hollywood seien Bewegungen, die einen derart interessanten Beitrag zur Transformation der im Lichtspielhaus gezeigten Werke beitrugen, dass es an der Zeit war, den Zeitraum auszuweiten, um der vollständigen Beleuchtung dieser Entwicklungen ein Stück näher zu kommen. Den vorläufigen zeitlichen Endpunkt setzt sich die Crew rund um dieses in Deutschland wohl einzigartige Printprodukt mit dem Aufkommen der ersten Blockbuster moderner Prägung und man muss wohl nicht den Editorial-Text gelesen haben, um dabei auf den 1975 erschienenen Tierhorror-Klassiker „Der weiße Hai“ von Steven Spielberg zu kommen, einhergehend mit „Krieg der Sterne“ (1977), dem Auftakt der mittlerweile omnipräsenten „Star Wars“-Reihe.

Das alte und das neue Hollywood

Mit den ersten Beiträgen zeigt die Redaktion, dass sie auch bezogen auf die Jahre nach 1965 große Expertise und Kenntnis der Filmgeschichte vorzuweisen hat. Der erste Text beispielsweise trägt den Titel „Der Pessimismus New Hollywoods – Easy Rider, Asphalt Cowboys und lebende Tote“. Er behandelt den Übergang des klassischen Hollywoods zum New Hollywood und ist das, was man sich als rudimentärer Filmkenner auch außerhalb des „35 Millimeter“-Kosmos noch am ehesten erschließen kann und was vielleicht in Teilen schon bekannt sein mag. Hochinformativ und zu keinem Zeitpunkt langweilig präsentiert der Autor Robert Zion seinen Leserinnen und Lesern einen reichen Wissensschatz, der mit detailliertem Blick wichtige Zusammenhänge herstellt und den Leser mit jeder Zeile tiefer ins Lesevergnügen hineinzieht. Freilich handelt es sich hierbei gerade einmal um den Auftakt, doch die folgenden Texte halten das hohe Niveau. Diese richten den Blick, neben einem weiteren Abstecher in die USA, auf einzelne Aspekte des Kinos in anderen Ländern. So werden im Folgenden die Filmentwicklungen in Italien, Frankreich, Spanien, Japan, der Bundesrepublik Deutschland und Mexiko skizziert. Zugegebenermaßen war mir ein Großteil der genannten Filme (ironischerweise vor allem jene aus dem BRD-Beitrag) bis dato vollkommen unbekannt, doch umso größer wurde mit jedem gelesenen Wort das Bedürfnis, die genannten Werke unbedingt nachzuholen und nach den Sichtungen zur Lektüre zurückzukehren.

Das machte für mich bis dahin die größte Faszination an „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ aus: Dass man sich selbst als mittlerweile erfahrenerer Filmseher immer wieder mit neuen Eindrücken konfrontiert sieht, vor allem mit bis dato vollkommen unbekannten Werken, auf deren Sichtung man nach dem Lesen große Lust verspürt. Dieses Gefühl hat sich auch mit einem Blick auf die Jahre von 1966 bis 1975 in keiner Weise geändert. Es erscheint fast als Gewissheit, dass sich auch das neue Schwestermagazin mit dem Titel „70 Millimeter“ zu einem festen Bestandteil der deutschen Filmmagazin-Landschaft entwickeln wird. Das Heft besitzt in jedem Fall das Potenzial, einen ebenso großen Teil zur allgemeinen Wissensbildung rund um den neu gewählten Zeitraum zu leisten wie das bereits vom Original für die Jahre 1895 bis 1965 in beispielhafter Weise vorgeführt wurde. Hier kauft man sich als Filmliebhaber mit jeder Ausgabe wirklich ein Stück Filmbildung, wie man sie in dieser Form und auf diesem Niveau sonst wohl nur in wissenschaftlicher Fachliteratur zu erwarten hat. Man kann gespannt sein, was sich das Team von Clemens G. Williges für die ersten regulären Ausgaben einfallen lässt.

Erstausgabe bereits vergriffen

Ein Überblick über die Themen der Ausgabe 0 findet sich hier. Die gesamte Auflage war binnen kurzer Zeit restlos vergriffen, daher empfiehlt es sich, die erste reguläre Ausgabe im Online-Shop der „35 Millimeter“ zügig vorzubestellen. Es lohnt sich. „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ habe ich im Übrigen vor einiger Zeit hier ebenfalls vorgestellt.

Copyright 2021 by Lucas Gröning

 

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David Renske: Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films (Buchrezension)

Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films

Von Volker Schönenberger

Film-Sachbuch // Eigentlich peinlich: Obwohl ich in den 1980er-Jahren Teenager war und damals auch den Actionfilm in mich aufsog, war mir Cirio H. Santiago (1936–2008) bislang kein Begriff. Der philippinische Regisseur hatte ab Mitte der 1950er-Jahre Filme in seiner Landessprache (Tagalog oder Filipino) inszeniert. Ab den 1970ern profitierte seine Auftragslage davon, dass diverse US-Produktionsfirmen Santiagos Heimat als kostengünstigen Drehort entdeckten. So arbeitete der Filmemacher unter anderem auch mit dem Produzenten Roger Corman zusammen, etwa für „Savage“ (1973), „TNT Jackson“ (1974), „Angelfist“ (1993) und „Kill Zone“ (1993). Mit räudiger Action wie „Ein Mann wird zum Killer“ (1978) und „Hells Angels in Vietnam“ (1989) bereicherte er auch bundesdeutsche Videothekenregale.

Was ist Action-Gülle?

Der Filmkenner David Renske hat eine Monografie über diesen fleißigen Regisseur verfasst, die Creepy*Images und die Wicked Vision Distribution GmbH in Kooperation herausgegeben haben: „Cirio H. Santiago – Unbekanner Meister des B-Films“ bringt uns einen Regisseur näher, der sich für US-Produzenten in diversen Subgenres des Actionfilms getummelt hat (ich zitiere die Rückseite des Buchs): Blaxploitation, Namploitation, Action-Gülle, Endzeit-Action. Ich gestehe: Das Genre Action-Gülle war mir bislang unbekannt.

Renske beginnt sein reichhaltig bebildertes Buch im Anschluss an sein Vorwort mit einem „Filmverrückt auf Philippines – Das Leben des Herrn S.“ betitelten zwölfseitigen Text. Darin lässt er nicht nur die Biografie Cirio Hermoso Santiagos Revue passieren, sondern liefert den Leserinnen und Lesern auch einen Abriss über das philippinische Kino.

Roger Corman!

Den zweiten Teil des Buchs hat David Renske „Verdammt lang‘ her – Gespräche über Herrn S.“ betitelt. Auf 40 Seiten finden sich neun Interviews, die der Autor allesamt für das Buch geführt hat. Dabei sind US-Schauspielerinnen und Schauspieler, ein Australier (Richard Norton), ein philippinischer Stuntman und Statist sowie als bekanntester Name der oben bereits erwähnte Produzent Roger Corman, der sich sogar als Patenonkel eines der Kinder des philippinischen Filmemachers zu erkennen gibt. Cirio H. Santiago genoss den Ruf eines liebenswürdigen Menschen, die Interviewten bestätigen dies. Sehr lebendige Gespräche, die uns teilweise direkt an den Dreh versetzen.

Es folgt ein vierseitiges Gespräch von 2006 mit Cirio H. Santiago selbst, bevor mit dem vierten Kapitel „Fließband-Filme – Die Regie-Arbeiten des Herrn S.“ der umfangsreichste Abschnitt des Buchs beginnt: Nach einer kurzen Einführung stellt DR Santiagos 43 westliche Regiearbeiten vor, in der Regel jeweils auf einer Länge von zwei Seiten. Unter uns: Der eine oder andere Rohrkrepierer wird sich zweifellos unter diesen Filmen befinden. Aber damit können wir Fans niedrig budgetierter Actionfilme ja umgehen. David Renske bestätigte mir auf Nachfrage, dass es zeit- und kostenintensiv war, all diese Filme aufzutreiben. Diese Rezensionen sind nicht in filmanalytischer Elfenbeinturm-Schreibe verfasst, sondern beschreiben die Filme auf sehr lebendige Weise. Jedenfalls machen die Texte Lust, den einen oder anderen Streifen anzutesten. Wenn auch nicht jeden …

Eine anschließende Auflistung der Filmografie von Cirio H. Santiago rundet das Buch ab. Sie enthält nicht nur seine Regiearbeiten, sondern auch seine Drehbücher und Produktionen. Ganz am Ende führt David Renske seine Quellen auf.

Respekt vor so viel Mut, ein Buch über einen asiatischen Auftrags-Regisseur für kostengünstig produzierte westliche Genrefilme zu veröffentlichen. Trotz meiner persönlichen Verbindung zu Wicked Vision habe ich keine Ahnung, inwiefern die Herausgeber vorher die Marktchancen ihres Nischenprodukts abgewogen haben. So oder so ist das Unterfangen zu loben, denn Veröffentlichungen wie diese bewahren das Filmerbe – und ja: Auch von US-Produktionsfirmen in Fernost billig heruntergekurbelte Actionstreifen sind bewahrenswertes Filmerbe.

Fanboy Quentin Tarantino

Cirio H. Santiago starb am 26. September 2008 im Alter von 72 Jahren an Lungenkrebs. Ein Jahr zuvor hatte er beim „Cinemanila“-Filmfestival in der philippinischen Hauptstadt Manila einen seiner berühmtesten Fans kennenlernen dürfen: einen gewissen Quentin Tarantino (dessen Videotheken-Vergangenheit ja bekannt ist). Der beabsichtigte, weitere westliche Regiearbeiten Santiagos zu finanzieren oder zu produzieren. Dessen Tod machte diesen Plänen leider einen Strich durch die Rechnung. Nun hat der philippinische Filmemacher mit David Renskes „Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films“ immerhin in Buchform ein Denkmal gesetzt bekommen. Für Santiagos Fans und Fans des Actiongenres der Videotheken-Ära eine Pflichtanschaffung, und ich hoffe, dass sich dafür generell Filmfreunde interessieren, die über den Tellerrand ihrer filmischen Vorlieben hinausschauen und gern fremdes Terrain erkunden. Buch und Regisseur haben es verdient. Man merkt auf jeder Seite, dass der Autor dem Segment der billigen Actionfilme der Videotheken-Ära wohlwollend gegenübersteht. Alles andere wäre auch absurd, denn weshalb sollte man sonst ein solches Buch schreiben? Es kann im Übrigen im Online-Shop von Wicked Vision direkt bezogen werden.

Autor: David Renske
Originaltitel: Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films
Deutsche Erstveröffentlichung: 1. September 2020
178 Seiten
Herausgeber: Creepy*Images / Wicked Vision Distribution GmbH
Preis: 17,50 Euro

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Promotion-Motiv & untere Buchabbildung: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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