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Archiv der Kategorie: Rezensionen

James Stewart (V): Geheimagent des FBI – Mit dem Holzhammer und doch gelungen

The FBI Story

Von Ansgar Skulme

Spionagedrama // John Michael Hardesty (James Stewart), den seine Freunde alle nur „Chip“ nennen, blickt auf eine jahrzehntelange Laufbahn als FBI-Agent zurück. Mittlerweile hat er einen Status erreicht, mit dem er Vorträge vor dem interessierten Nachwuchs halten kann. Junge Menschen blicken zu ihm auf und wollen von ihm lernen. Es gibt viel zu erzählen aus seinem Leben: von zahlreichen Begegnungen mit teils berühmten, teils weniger populären Kriminellen, von strategisch komplizierten verdeckten Ermittlungen und von im Hintergrund detailliert vorbereiteten Einsätzen. Aber auch von aufopferungsvollen Kollegen wie Sam Crandall (Murray Hamilton) oder den Entbehrungen, die der Job und die häufigen Einsatzortswechsel Hardestys Familie immer wieder abverlangten – allen voran seiner Frau Lucy (Vera Miles).

Familie Hardesty ist häufige Wohnortwechsel gewohnt

Strenggenommen ist „Geheimagent des FBI“ ein lupenreiner Propaganda-Film, der von J. Edgar Hoover höchstpersönlich vorangetrieben wurde, um Werbung für das seit 1924 von ihm geleitete FBI zu machen – das zwar bis 1935 zunächst anders hieß, aber trotzdem schon rund zehn Jahre die Handschrift von Hoover trug, ehe es schließlich den Namen FBI erhielt. Unfair allerdings wäre, Hoover vorzuwerfen, „Geheimagent des FBI“ gewissermaßen mit kühler Berechnung auf das Publikum losgelassen zu haben. Vielmehr ist durchaus glaubwürdig, dass es dem eingefleischten, stark von sich selbst eingenommenen Landesdiener Hoover tatsächlich eine durchaus emotionale Herzensangelegenheit war, einmal einen solchen Film über sein Lebenswerk zu drehen. Mag man seine Weltsicht nun teilen oder auch nicht. Beim Dreh einer Szene, in der einer der Agenten erschossen wird, soll Hoover angeblich sogar geweint haben – jedoch ist umstritten, wie sehr dies Promotionszwecken diente.

Lass das mal die Mama machen!

Betont werden muss, dass freilich versucht wurde, ein paar rückblickend sehr fragwürdige Operationen unter Hoovers Ägide in einem besseren Licht beziehungsweise als besondere Erfolge dastehen zu lassen, die sie eigentlich nicht waren. Beispielsweise ist aus heutiger Sicht kaum stichhaltig nachzuweisen, dass „Ma“ Barker wirklich das durchtriebene kriminelle Planungsgenie, dieser rücksichtslose weibliche Verbrecherleitwolf war, als der sie in die Geschichte einging. Als wahrscheinlicher gilt, dass dieses Image vom FBI um J. Edgar Hoover ersponnen wurde, um im Nachhinein die Tötung einer alten Frau rechtfertigen zu können. Die kuriose Aussage des Bankräubers Harvey Bailey, der Ma Barker gut kannte und zu ihrem Status als angebliche Drahtzieherin kommentierte, dass Ma Barker nicht einmal ein Frühstück hätte planen können, sei in diesem Zusammenhang einfach mal in den Raum gestellt. Angeblich wurde sie, wenn immer es ernst wurde, von den Kriminellen in ihrem Umfeld am besten ins Kino oder sonst irgendwie aus dem Weg geschickt. Demnach diente sie viel eher der Tarnung der Bande, als fürsorgliche Mutter im Vordergrund, die auch nicht so genau wusste, was drumherum wirklich vor sich ging, und war keineswegs das kaltherzige, durchtriebene Mannweib, das sogar die eigenen Kinder zu Verbrechen anstiftete, wie später häufig – auch in anderen Filmen – Glauben gemacht wurde. Wer weiß, in welcher Mitte genau die Wahrheit liegt.

J. Edgar First

Am Set war die Hierarchie klar geregelt: J. Edgar Hoover überwachte die Produktion des Films persönlich oder durch Mittelsmänner, wählte James Stewart persönlich für die Hauptrolle aus, veranlasste einen Nachdreh einer Szene, weil ihm ein einziger Statist nicht zusagte, schritt auch darüber hinaus wiederholt ein, wenn ihm Inhalte nicht gefielen, und stellte kontinuierlich zwei FBI-Agenten für das Set ab, die aufpassten, was vor sich ging und gegebenenfalls natürlich auch als Berater taugten. Als Vorlage diente das Buch „The FBI Story“ von Don Whitehead aus dem Jahr 1956, auf dessen Cover in den Film-Credits zudem grafisch Bezug genommen wird. Doch ein mit „FBI Story“ betitelter Roman aus dem Jahre 1950, aus der Feder eines unter dem Namen „The Gordons“ firmierenden Autoren-Ehepaares wurde schließlich Gegenstand eines Rechtsstreits, der zugunsten des Schreiberpärchens ausging. Was so eine Buchvorlage oder auch zwei oder drei am Ende des Tages noch an inhaltlicher Relevanz haben, wenn sich jemand wie J. Edgar Hoover sowieso ständig in die Produktion mischt und gewissermaßen das Druckmittel benutzt, dass ohnehin niemand noch mehr „aus erster Hand“ berichten kann als er selbst als Chef der Organisation, von der der Film handelt, ist allerdings so eine Sache. Zumal Hoover auch sehr unliebsam werden konnte, wenn man sich ihm in den Weg stellte – und als FBI-Chef natürlich über reichhaltige Möglichkeiten verfügte, jemandem das Leben schwer zu machen. Das Sammeln von Informationen über hohe Tiere, welches gegebenenfalls in Erpressung selbiger mündete, zeigte sich hierbei als erstaunlich salonfähig. Nicht einmal vor dem Regisseur des Films, Mervyn LeRoy, machte Hoover mit derartigen Mätzchen Halt. Er setzte ihn unter Druck und machte deutlich, wenn nötig mit Dreck um sich werfen zu wollen, ehe er „Geheimagent des FBI“ schließlich so gebogen hatte, dass er ihn fürs Kino abzusegnen bereit war – obwohl beide eigentlich privat befreundet waren, was auch glaubwürdig ist, da LeRoy den Vertrauensjob andernfalls wohl kaum bekommen hätte.

Auf Waffen muss das FBI eine Weile warten – aber dann …

Somit kann man letztlich im Umkehrschluss die Frage stellen, ob es nicht umso bemerkenswerter ist, dass es selbst J. Edgar Hoover nicht gelungen ist, diesen Film so richtig unfreiwillig komisch oder einfach völlig unglaubwürdig und somit schlicht kaputt zu machen? Denn „Geheimagent des FBI“ ist über mehr als zwei Stunden ein durchaus unterhaltsamer, bunter und spannender Genre-Mix mit wenigen einigermaßen großen Rollen, dafür aber sehr vielen verschiedenen Akteuren, die das Werk abwechslungsreich halten. Ein Film, bei dem das Erzähltempo und die Zahl der Schauplatzwechsel für die doch recht lange Distanz einfach sehr gut getroffen wurden. Ein Film, den ich sogar als recht kurzweilig bezeichnen würde, was bei über 140 Minuten Laufzeit kein Selbstläufer ist. Und ein Film, der visuell schön altmodisch angelegt wurde, die Vorzüge atmosphärisch ausgeleuchteter Studioaufnahmen als Ersatz für das Drehen im Freien schön zur Geltung bringt und genauso viel Spaß macht wie LeRoys wenig später, mit Frank Sinatra und Spencer Tracy in den Hauptrollen, erschienener bunter Abenteuerstreifen „Der Teufel kommt um vier“ (1961), der filmästhetisch die eine oder andere nette Gemeinsamkeit mit „Geheimagent des FBI“ aufweist.

Einmal Eintopf mit allem, bitte!

Diese „FBI Story“ mischt in episodenhafter Erzählstruktur Schauplätze und Figuren des Neo-Westerns, in dem bereits Autos fahren, aber noch von alteingesessenen Indianern berichtet wird, mit Stil- und Handlungselementen des Kriegsfilms, des exotischen Abenteuerfilms, des Familienmelodrams, des Gangsterfilms und natürlich des Spionage- und Agentenfilms. Zudem lässt James Stewart in der Hauptrolle auch den Humor beileibe nicht zu kurz kommen. J. Edgar Hoover war es bei der Besetzung besonders wichtig, einen so positiv wirkenden Star als Zugpferd zu haben. Die implizite Botschaft „Beim FBI kannst du alles machen, was du als kleiner Junge immer werden wolltest!“ bringt der Film dementsprechend recht gut an den Mann. Egal ob man nun Agenten, Soldaten, Polizisten, Dschungel-Abenteurer oder Cowboys und Indianer zum Kinderfasching oder auch später noch besonders gern mochte, dürfte „Geheimagent des FBI“ das Kind im Manne doch bei etlichen erreichen und damit auch über einen konsequenten Mangel an Objektivität in der Handlung erfolgreich hinwegtäuschen. Hier wird am Ende eben gut gemachtes Popcorn-Kino als eine Art Wochenschau-Tatsachenbericht mit Schauspielern verkauft, was natürlich albern ist, aber an den Schau- und Unterhaltungswerten des Films nichts ändert.

Chips bester Freund Sam Crandall will ihn nicht vom FBI weglassen

Nicht zuletzt beweist der Regisseur Mervyn LeRoy, der schon mit Projekten wie „Der kleine Caesar“ (1931), „Ich bin ein entflohener Kettensträfling“ (1932), „Madame Curie“ (1943) und „Quo Vadis“ (1951) Meilensteine der Filmgeschichte erschaffen hatte, einmal mehr, dass er zu den am wenigsten auf irgendein Genre festgelegten großen Hollywood-Regisseuren der damaligen Zeit zählte und ebenso episch wie spannend auch über lange Laufzeiten erzählen konnte, praktisch egal welchen Stoff man ihm vorlegte. Angefangen bei einem fesselnden Intro, das in „Geheimagent des FBI“ schon fast die halbe Miete ist, wenn es darum geht, den Zuschauer zu gewinnen – und das sehr klug mit dem Einsatz der eröffnenden Credits abgestimmt ist. Aus heutiger Sicht steht LeRoy etwas im Schatten von Namen wie William Wyler, John Ford, Cecil B. DeMille, Howard Hawks, Billy Wilder und John Huston – zu Unrecht!

Pidax schließt mal wieder Lücken

Man hätte ja fast meinen können, dass zumindest von John Wayne und James Stewart nunmehr so ziemlich jeder Film, wenigstens der 50er-Jahre, auch in Deutschland auf DVD erschienen ist. Doch diese Rechnung ist zumindest schon einmal ohne ihre Propaganda-Streifen – und ein paar andere Filme – gemacht. Ob es Zufall ist, dass dem hiesigen Publikum bisher gerade John Waynes Anti-Kommunisten-Entgleisung „Marihuana“ und James Stewarts Pro-Hoover-Statement „Geheimagent des FBI“ vorenthalten wurden? Wenn ja, dann zumindest ein großer. Beide Filme eint die Gemeinsamkeit, dass sie unterhaltsam und filmästhetisch ansehnlich sind, wenn man ihre Intentionen ausblendet, was bei Waynes „Marihuana“ durch die deutsche Synchronfassung erleichtert wird und bei Stewarts „Geheimagent des FBI“ ein Stück weit durch die Kürzungen in der deutschen, gegenüber der rund 20 Minuten längeren englischsprachigen Fassung. Wobei es auch nicht so ist, dass die in der deutschen Fassung geschnittenen Szenen allesamt besonders pathetisch sind. Doch gekürzt ist der Film automatisch weniger episch, da weniger lang, und somit fällt auch die Glorifizierung des FBI automatisch ein wenig harmloser aus.

Der Vater hat wenig Zeit, aber seine Kinder brauchen ihn trotzdem

Allerdings muss man natürlich auch sehen, dass die Lobhudelei aus heutiger Sicht ohnehin kaum noch den gewünschten Anklang finden wird. Ein eindimensionales, angestaubtes Loblied auf das FBI in den falschen Hals zu bekommen und bierernst für bare Münze zu nehmen, dürfte dem heutigen deutschen Publikum erheblich schwerer fallen als einen anti-kommunistischen Hetzfilm wie „Marihuana“ als Alternative für irgendwas aufzufassen, der mit seinen ursprünglichen Intentionen heute sicher immer noch genügend stammtischaffine Fürsprecher fände. So gesehen ist es zu begrüßen, dass Pidax diese moralisch sicher streitbare, aber künstlerisch und mit Blick auf Spannung und Unterhaltungswert vollauf sehenswerte „FBI Story“ endlich aus der Mottenkiste gekramt hat – und in der ungekürzten Version, mit untertitelten Szenen sowie den üblichen Pidax-Extras für rare Klassiker veröffentlicht.

Die Stimme in Berlin verloren

Die deutsche Synchronfassung bietet übrigens die Besonderheit, dass hier nicht Siegmar Schneider als Stimme von James Stewart zu hören ist, der vor allem in Filmen von 1953 bis 1958 beinahe exklusiv für Stewart im Einsatz war, aber auch schon vorher in berühmten Western wie „Winchester 73“ (1950) und „Meuterei am Schlangenfluss“ (1951). Von 1959 bis 1961 klafft allerdings eine kurze Lücke, ehe Schneider ab 1962 dann bis weit in die 70er-Jahre hinein wieder regelmäßig zum Einsatz kam – und vereinzelt auch noch darüber hinaus. Von den Hitchcock-Filmen „Vertigo“ (1958) und „Cocktail für eine Leiche“ (1948) gibt es sogar jeweils zwei Synchronfassungen, in denen Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist – die erste aus den 50ern bzw. 60ern und die letzte in beiden Fällen aus den 80ern –, wobei von „Vertigo“ heute kurioserweise die dritte Synchronfassung am bekanntesten ist, in der man nicht Siegmar Schneider, sondern Sigmar Solbach („Dr. Stefan Frank“) hört. Wie paradox Synchron manchmal sein kann, zeigt sich zudem daran, dass von dem Western „Der gebrochene Pfeil“ (1950) wiederum zwar auch zwei Synchros existieren, wobei aber nicht einmal die zweite Fassung mit Schneider für James Stewart aufwartet – was natürlich mit dem Stimmalter des Sprechers gegenüber dem Zeitpunkt des Filmdrehs begründet werden kann, das bei den verspäteten Hitchcock-Synchros allerdings auch kein Hindernis war.

Auch beim FBI wird immer Nachwuchs benötigt

Als Ersatz in der Phase, als die 50er gerade von den 60ern abgelöst wurden und Siegmar Schneider, aus mir nicht gänzlich bekannten Gründen, plötzlich mehrfach nicht für James Stewart besetzt wurde, fungierten Hans Nielsen, Wolfgang Lukschy und im vorliegenden „Geheimagent des FBI“ Friedrich Schoenfelder, der seine Sache ziemlich gut macht und sich eng an das manchmal stimmlich – nicht nur in dieser Rolle von James Stewart – durchaus schräge Original zu halten versucht. Auffällig ist, dass auch in dem kurz vorher entstandenen Warner-Film „Lindbergh – Mein Flug über den Ozean“ (1957) nicht Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist, sondern stattdessen Peter Pasetti, was seinerzeit gewissermaßen der erste Bruch zur Kontinuität seit Jahren war. Das lässt sich in dem Fall allerdings damit erklären, dass man „Geheimagent des FBI“ und „Lindbergh“ in München synchronisieren ließ, während die Stewart-Filme mit Siegmar Schneider standardmäßig in Berlin aufgenommen wurden – im Verlauf der 60er kam Schneider dann in Berlin auch bei Warner für James Stewart zum Einsatz. Die anderen drei Filme aus dem Fenster von 1959 bis 1961, in denen Siegmar Schneider neben „Geheimagent des FBI“ nicht zu hören ist, wurden allerdings nicht von Warner, sondern Columbia verliehen, und in Filmen dieses Verleihs hatte man Schneider auch schon zuvor durchaus für Stewart besetzt – zudem entstanden diese Synchronfassungen 1959, 1960 und 1961 alle drei in Berlin. Wodurch genau sich hier Schneiders Abwesenheit erklären lässt, bleibt für mich offen. Erfreulich, dass danach der Weg zurück gefunden wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Miles haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Spaß muss sein – sonst wird der Verbrecherjäger-Alltag trist

Veröffentlichung: 11. Oktober 2019 als DVD

Länge: 142 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für die nicht synchronisierten Szenen
Originaltitel: The FBI Story
USA 1959
Regie: Mervyn LeRoy
Drehbuch: Richard L. Breen & John Twist, nach einer Vorlage von Don Whitehead
Besetzung: James Stewart, Vera Miles, Murray Hamilton, Larry Pennell, Diane Jergens, Joyce Taylor, Buzz Martin, Nick Adams, Paul Genge, Victor Millan
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5204
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Szenenfotos © 2019 Pidax Film

 

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Horror für Halloween (XVII): Ted Bundy – Das Wüten des Serienkillers

Ted Bundy

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Ted Bundy (1946–1989) zählt zu den berüchtigsten Serienmördern in der Geschichte der USA. Seine Opfer vergewaltigte er, nachdem er sie in seine Gewalt gebracht hatte, anschließend erwürgte oder erschlug er sie, um sie anschließend zu zerstückeln. Einige der meist jungen Frauen biss er auch – ein paar Morde konnten ihm aufgrund zahnärztlicher Gutachten nach Prüfung der Bissspuren nachgewiesen werden. Nach seiner Verhaftung gelang ihm zweimal die Flucht. 1978 erstmals zum Tode verurteilt, gelang es ihm und seinen Anwälten, die Vollstreckung jahrelang hinauszuzögern. In dieser Zeit heiratete er und wurde sogar Vater, bevor er am 24. Januar 1989 im Florida State Prison auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Offiziell hatte er 30 Morde gestanden, die tatsächliche Zahl seiner Opfer ist unbekannt und wird auf 60 bis mehr als 100 geschätzt.

Von 1986 bis 2019 mehrfach verfilmt

Die erste Spielfilm-Umsetzung von Ted Bundys Wüten datiert von 1986: In „Alptraum des Grauens – Nachts wird er zur Bestie“ („The Deliberate Stranger“) von Marvin J. Chomsky spielte Mark Harmon den Serienkiller. In der jüngsten Verfilmung „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ (2019) von Joe Berlinger ist Zac Efron als Ted Bundy zu sehen. Ähnlich wie Berlingers Umsetzung hält sich „Ted Bundy“ (2002) vergleichsweise eng an die bekannten Fakten.

Von Beginn an wird deutlich, dass Ted Bundy (Michael Reilly Burke) ein sonderbarer Zeitgenosse ist, als er nach dem Aufstehen vor dem Spiegel posiert und freundliche Grüße trainiert – gepaart allerdings mit ein paar Grimassen. Der Jurastudent fährt einen gelben VW Käfer, arbeitet in der Telefonseelsorge und erfreut sich am Anblick seiner attraktiven Kommilitoninnen. Gern beobachtet er des Abends auch Frauen durch ihre Fenster, holt sich dabei einen runter. Mit seiner Freundin Lee (Boti Bliss) hat er zwar Sex, doch er bevorzugt es etwas rauer, was mit ihr nicht zu machen ist. Bald reichen ihm Voyeurismus und Blümchensex nicht mehr aus …

Der Trick mit dem Gipsarm

Matthew Bright („Freeway“) inszeniert das Wüten Ted Bundys in nüchternen Bildern, zeigt uns den Serienmörder als spießig wirkenden Zeitgenossen, den manche Mutter einer Tochter im Twen-Alter womöglich gern als Schwiegersohn hätte. Weil er aussieht, als könne er kein Wässerchen trüben, gelingt es Ted mit Gipsarm ausgestattet, Frauen um Hilfe zu bitten und in sein Auto zu locken. Was er dann mit ihnen anstellt, bekommen wir zwar nicht exploitativ, aber doch deutlich zu sehen. Bald häufen sich die Nachrichten vermisster und tot aufgefundener Frauen in diversen US-Staaten.

Sein Verhältnis zu Lee ist aufgrund seiner sexuellen Vorlieben zwiespältig, fast scheint sie ihm hörig zu sein. Besonders gruselig fand ich eine Szene, in der sie ihm dann doch endlich mal gefügig ist. Ein paar Szenen lösten aufgrund arg leichtsinnigen bis dummen Verhaltens einiger Frauen Stirnrunzeln aus, aber die Intelligenz der Menschen ist eben auch nach unten offen. Der Soundtrack wechselt häufig die Stimmung, mal gibt es dramatischen Score zu hören, mal verspielt-alberne Klänge bis hin zu Gedudel, gut zur Inszenierung passend. Angesichts der gezeigten Gnadenlosigkeit des Serienkillers läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Die Realität erweist sich einmal mehr als grausamer als jede Fantasie, das bildet „Ted Bundy“ sehr gut ab. Dazu passen auch die intensiven Bilder der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl inklusive der dafür notwendigen Vorbereitung des Delinquenten (Stichwort Windel etc.) – keine angenehmen Szenen, aber wirkungsvoll.

Make-up-Effekte von Tom Savini

Als erster den inhaftierten Ted Bundy verhörenden Detective in Salt Lake City ist Make-up-Effekte-Papst Tom Savini („Zombie“) zu sehen, der auch für die blutigen Effekte des Films zuständig war. Dennoch sollten Splatterfans kein überbordendes Gemetzel erwarten, der Horrothriller ist näher am Drama dran als an der Exploitation – das ist als Positivum zu werten. Michael Reilly Burke trägt den Film in der Titelrolle schauspielerisch fast allein, da der Fokus jeder Szene auf ihm liegt. Das erledigt er ganz hervorragend. Bei den Dreharbeiten hatte Burke bereits knapp zehn Jahre Schauspielerfahrung im Fernsehen auf dem Konto. Zu großer Starpower hat es nie gereicht, aber er ist bis heute aktiv und mit Gastauftritten in vielen TV-Serien gut beschäftigt. Horrorfans haben ihn vielleicht 2009 in „The Collector“ und 2018 in „Slender Man“ wahrgenommen.

Beim animierten Menü der bislang meines Wissens einzigen deutschen DVD-Veröffentlichung hat der Layouter voll danebengegriffen. Ein Ted Bundy im Unterhemd begrüßt uns vor waberndem blauen Hintergrund (ein Ausschnitt der ersten Szene des Films) – fürchterlich. Immerhin liegt der Film ungeschnitten und in solider Qualität vor, kommt aber ohne deutsche oder englische Untertitel daher. In Deutschland war „Ted Bundy“ zuvor lediglich beim Fantasy Filmfest im Kino zu sehen gewesen. Es ist aber ohnehin kein Film, der die große Leinwand braucht, seine Frösteln erzeugende Wirkung entfaltet er auch im Heimkino. Im Zeitalter der Blu-ray darf es beizeiten ruhig eine Neuauflage sein, zumal die DVD nicht mehr lieferbar ist. Wer harten Horrorthrillern mit realistischem Bezug jenseits der Exploitation etwas abgewinnen kann, dürfte an „Ted Bundy“ Gefallen finden.

Ich kann’s einfach nicht glauben. Ich war jahrelang mit ihm zusammen, aber ich hab nie gewusst, was er wirklich für ein Mensch war … Wer war das eigentlich? Wer war Ted Bundy? So Teds Freundin Lee gegen Ende – ebenso wie die Namen seiner Opfer wurde auch ihr Name für den Film geändert. Die Szenen mit Lee gestalten „Ted Bundy“ noch eindrucksvoller als der Horrorthriller ohnehin ist.

Veröffentlichung: 18. März 2004 als DVD

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Ted Bundy
GB/USA 2002
Regie: Matthew Bright
Drehbuch: Stephen Johnston, Matthew Bright
Besetzung: Michael Reilly Burke, Boti Bliss, Julianna McCarthy, Jennifer Tisdale, Michael Santos, Annalee Autumn, Steffani Brass, Samantha Tabak, Meadow Sisto, Eric DaRe, Melissa Schmidt, Deborah Offner
Zusatzmaterial: Biografie von Ted Bundy, Originaltrailer, Bildergalerie, Trailershow
Label/Vertrieb: E-M-S

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Horror für Halloween (XVI): Class of Nuke ’em High – Neben dem Kernkraftwerk geht’s rund

Class of Nuke ’em High

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Manche Cineasten rümpfen die Nase, aber unter Trash- und Exploitationfans genießt die im Staat New York ansässige Independent-Filmschmiede Troma Entertainment Kultstatus – und das ausgelutschte „Kult“ ist hier einmal berechtigt. Das Unternehmen wurde 1974 von den Produzenten und Regisseuren Lloyd Kaufman und Michael Herz gegründet, gehört. Zu den bekanntesten Werken aus dem Hause Troma gehört „Atomic Hero“ („The Toxic Avenger“, 1985) um einen chronischen Loser, der aufgrund radioaktiver Verseuchung zum Superhelden mutiert. Auch die ein Jahr später entstandene Horrorkomödie „Class of Nuke ’em High“ thematisiert die Bedrohung durch nukleare Kontamination. Es war die Zeit, in welcher der Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania im März 1979 und die
Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 der Welt die Gefahren der Nutzung der Kernkraft vor Augen führten, was sich zwangsläufig auch im Film niederschlug, und das eben nicht nur in ernsthaften Dramen wie „Das China-Syndrom“ („The China Syndrome“, 1979), sondern auch in der Exploitation. Für „Class of Nuke ’em High“ setzte sich Troma-Gründer Kaufman einmal mehr selbst auf den Regiestuhl, den er sich in diesem Fall mit Richard W. Haines teilte.

It could contaminate the whole town.

That’s not so bad.

Hm – ob „Halb so wild“ die passende Antwort auf die Befürchtung ist, dass die ganze Stadt radioaktiv verseucht werden könnte? Im Kernkraftwerk von Tromaville (!) in New Jersey kommt es zu einem nuklearen Zwischenfall. Einem Bedenkenträger erwidert Kraftwerks-Leiter Finley (Pat Ryan) unwirsch: I don’t give a wet fart what you think. („Ich gebe einen feuchten Furz darauf, was Sie denken“.) Derlei Dialoge geben von Anfang an den derben Ton von „Class of Nuke ’em High“ vor.

Mikrowellen sind gefährlich!

Die in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks gelegene Highschool von Tromaville bekommt die Auswirkung des radioaktiven Lecks umgehend zu spüren: Als ein Schüler verseuchtes Wasser trinkt, erleidet er daraufhin einen grausamen Tod. Finley lenkt von seiner Anlage ab, indem er darauf hinweist, der Schüler habe daheim gleich zwei Mikrowellenöfen (!) stehen.

Die vormaligen Mitglieder der „Honour Society“ der Highschool sind bereits vor einiger Zeit zu aufmüpfigen und brutalen Punks mutiert – Folge der Nähe zum Kernkraftwerk? Jedenfalls terrorisiert die Gang, die sich passenderweise „Cretins“ nennt, seitdem ihre Mitschüler. Ein Kraftwerksarbeiter verkauft ihnen Marihuana, das er auf dem Werksgelände anbaut. Super Idee: Die „Cretins“ verkaufen die Joints als „Atomic High“ weiter. Vielleicht aber doch keine so super Idee …

„Class of Nuke ’em High“ bedient ein paar Klischees aus Highschool-Szenarien von Teenie-Komödien, das aber auf dermaßen überkandidelte Weise, dass es eine wahre Freude ist. Das geht selbstverständlich mit eher laienhafter Schauspielkunst einher. Zwar haben einige spätere Stars wie Kevin Costner und Samuel L. Jackson in der Frühzeit ihrer Karrieren in Troma-Produktionen mitgewirkt, hier jedoch tritt niemand in Erscheinung, den wir später in prominenteren Rollen bemerkt hätten.

Verstrahlung kann sonderbare Folgen haben

Zwar sind die Auswirkungen nuklearer Kontamination bis hin zur Strahlenkrankheit und zum Tod weitgehend bekannt, das muss im Trash-Sektor aber niemanden hindern, hemmungslos bizarre Mutationen, derbste Hautausschläge und fiese Wesensveränderungen herbeizufantasieren. In „Class of Nuke ’em High“ ist all dies zu beobachten. Die Schülerinnen und Schüler – ob verstrahlt oder nicht – rennen bisweilen wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend. Und wenn das gerade erst geborene Monster zügig zu stattlicher Größe herangewachsen ist, kennt das ausgelassene und tödliche Treiben endgültig kein Halten mehr.

„Class of Nuke ’em High“ hatte einige Fortsetzungen zur Folge, die ich nicht gesehen habe. Es gibt ohnehin zu viele Filme, ich muss mir nicht jedes Franchise vollständig zu Gemüte führen. Vermutlich sind die Sequels ähnlich überdreht wie der Erstling, der seinen Kultstatus als Troma-Highlight und Exploitation- und Trash-Klassiker völlig zu Recht genießt. 1992 indiziert, wurde der Streifen 2016 von der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen. Neuveröffentlichungen lassen aber auf sich warten. Ob die zuvor erschienenen ungeprüften Hartboxen und Mediabooks von ’84 Entertainment zu erschwinglichen Preisen lieferbar sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir reicht meine 2-Disc Edition mit Blu-ray und DVD aus dem englischen Hause Arrow Video, die in puncto Bild- und Tonqualität sowie Bonusmaterial gewohnt vorbildlich abgeliefert hat und im Booklet einen interessanten Text über den Troma-Gründer Lloyd Kaufman enthält.

Veröffentlichung: 14. Mai 2012 als DVD in limitierter kleiner und großer Hartbox (je drei Covervarianten), 23. September 2015 als limitiertes 3-Disc Ultimate Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs) und als Blu-ray in limitierter großer Hartbox (zwei Covervarianten)

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Class of Nuke ’em High
USA 1986
Regie: Richard W. Haines, Lloyd Kaufman (als Samuel Weil)
Drehbuch: Richard W. Haines, Mark Rudnitsky, Lloyd Kaufman, Stuart Strutin
Besetzung: Janelle Brady, Gil Brenton, Robert Prichard, Pat Ryan, James Nugent Vernon, Brad Dunker, Gary Schneider, Théo Cohan, Gary Rosenblatt, Mary Taylor, Anthony Ventola, Arthur Lorenz, Lauren Heather McMahon
Zusatzmaterial u. a.: Audiokommentar mit Lloyd Kaufman, Originaltrailer, Vollbild-Fassung, Interviews mit den Darstellern, entfernte Szenen, „Der Mann der das AKW baute“, Artworks & Photos, Tromavilla-Cafe: Highschool Losers, Aroma du Troma, PSA: Gratis & Geil, nur Blu-ray und Mediabook: Audiokommentar mit Kai Naumann und Marcel Barion, Kurzfilm „Tannenberg“ (Regie: Danilo Vogt, 15 Min.), nur Mediabook: 12-seitiges Booklet mit einem Text von Ivo Ritzer
Label/Vertrieb: ’84 Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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