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Ich, Daniel Blake – Aufrecht bleiben in den Mühlen der Bürokratie

I, Daniel Blake

Von Dirk Ottelübbert

Sozialdrama // Es ist kämpferisches Kino, Kino der Empathie, voller Zorn und Trotz, anklagend und links aus tiefster Überzeugung. Ken Loachs naturalistisch erzählte Filme verschreiben sich den Belangen – also vor allem dem Niedergang – der britischen Arbeiterklasse und künden von der steten politischen Erregbarkeit ihres Schöpfers.

Schicksalsgenossen: Daniel mit Katie und den Kids

Der Elektrikersohn aus Nuneaton in Warwickshire studierte Jura, ging mit einer Theatertruppe auf Tournee und drehte 1966 für die BBC seinen Erstling „Cathy Come Home“. Seit jeher geben seine Werke den gesellschaftlichen Verlierern ein Gesicht und eine Stimme, gleichgültig, ob in den 60ern entstanden, in der Thatcher-Ära oder während der 90er-Jahre, als die Labour-Regentschaft Tony Blairs die Tories ablöste. Von „Cathy Come Home“ und „Looks and Smiles“ über die Meisterwerke „Riff-Raff“, „Raining Stones“ und „Ladybird, Ladybird“ bis zu „My Name is Joe“ – Loach zeigt Alltagshelden, die sich abstrampeln und wehren gegen Benachteiligung, soziale Not und behördliche Willkür. Oder es zumindest versuchen.

Herzinfarkt – trotzdem keine Stütze

So einer ist auch Daniel Blake (Dave Johns). Nach einem Herzinfarkt auf Sozialleistungen angewiesen, erlebt der verwitwete Schreiner einen Spießrutenlauf durchs Behördendickicht. Trotz seiner Krankheit wird Daniel als arbeitsfähig eingestuft, bekommt die Unterstützung gestrichen. Unbeleckt im Umgang mit Computern, muss der Endfünfziger Online-Formulare ausfüllen und abschicken, ein Bewerbungstraining absolvieren und mit dem Lebenslauf in der Tasche – er hat ihn mit Bleistift hingekritzelt – Jobs suchen. Jobs, die es nicht gibt. „Danna“, wie ihn Bekannte und Nachbarn nennen, verfügt über Mutterwitz und Mut. Beides braucht er dringend, beides nutzt sich furchtbar ab während dieser unwirtlichen Winterwochen in Newcastle.

Katie wehrt sich gegen die Bevormundung

Im Jobcenter begegnet er per Zufall der alleinerziehenden Katie (Hayley Squires). Die junge Mutter, mit ihren Kindern Daisy (Briana Shann) und Dylan (Dylan McKiernan) gerade aus London hergezogen, erfährt ähnliche Kaltherzigkeit und Willkür wie Daniel. Das verbindet. Daniel versucht der Familie zu helfen, handwerkert in der Wohnung, passt auf die Kids auf. „Als Hoffnungsschimmer erscheint, wie so oft in Loachs Filmen, die Solidarität der Schwachen untereinander“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Bringt die Schicksalsgemeinschaft eine Wende, bietet sie einen Ausweg aus der Abwärtsspirale? Eher nicht.

Daniel (l.) verleiht seiner Forderung Nachdruck

Loach erzählt das alles formal streng, distanziert fast, ohne thematische Abschweifungen oder gefühlige Annäherung. Sein Hauptdarsteller Dave Johns, von Haus aus Stand-up-Comedian, fügt sich scheinbar mühelos in diese traurige Story und beeindruckt mit präzisem Spiel. Sein Daniel ist ein störrischer Fels in der Brandung der Ungerechtigkeit, die ihn am Ende überspülen wird – ein unvergesslicher Loach-Held. Einige der ergreifendsten Szenen gehören gleichwohl Katie, wunderbar verkörpert von Hayley Squires. Einmal putzt sie in ihrer heruntergekommenen Wohnung das Bad, eine Kachel bröckelt dabei ab und zerbirst. Später an diesem Abend sitzt Katie, die Kinder sind schlafen gegangen, am Treppenabsatz und beginnt zu weinen – über mehr, sehr viel mehr als die kaputte Kachel. Etwas später im Film betreten Katie, Daniel und die Kids einen Ausgaberaum mit gespendeten Lebensmitteln für Bedürftige. An einem Regal reißt Katie heimlich eine Dose Bohnen auf, stopft sich den triefenden Inhalt in den Mund und bricht dann zusammen, vor Schwäche und vor Scham. Uns drückt es dabei das Herz ab. Aber selbst diese Szene wirkt wie en passant eingefangen, die inszenatorische Beiläufigkeit schafft hier hochemotionale Dichte.

Plädoyer wider die hartherzige Ämter-Bürokratie

Loach zeigt, wie Menschen bevormundet, gedemütigt, abgewiesen und letztlich zerrieben werden, er macht klipp und klar, dass Ämter-Bürokratie keine wirkliche Hilfestellung leistet, sondern eine Abwehrstrategie fährt. Diese kompromisslose und dabei auf genaue Kenntnis fußende Kritik an den Auswüchsen des Sozialstaats ist eine Wohltat. Und machte das Werk zumindest in Großbritannien zum Politikum: Labour-Chef Jeremy Corbyn riet der Premierministerin May, sich den Film anzusehen, um die „institutionalisierte Barbarei“ des britischen Sozialhilfesystems zu verstehen.

Bekommt er endlich, was ihm zusteht?

Überhaupt: Das demonstrative „Empört euch!“ dieses Films ist, verdammt nochmal, ganz schön viel im derzeitigen Kino, wo Verlierergeschichten in Erfolgsstorys münden, Gesetzesbeuger als Helden oder zumindest Charismatiker auftrumpfen, wo soziale Not oft nur als schrille Kulisse dient und es Milieuschilderungen so oft an Genauigkeit mangelt. „Ich, Daniel Blake“ gewann unter anderem 2016 die Goldene Palme in Cannes und stach dabei Maren Ades (zu Recht) hoch gehandelte Vater-Tochter-Geschichte „Toni Erdmann“ aus. Ein beeindruckendes Alterswerk, ein traurig aktuelles und – ja, das darf man so sagen: zutiefst anrührendes Drama. Vor einiger Zeit verkündete Ken Loach, der am 17. Juni 81 Jahre alt wird, er wolle keine Filme mehr drehen. Hoffentlich macht er noch weiter.

Veröffentlichung: 28. März 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: I, Daniel Blake
GB/F/BEL 2016
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Besetzung: Dave Johns, Hayley Squires, Sharon Percy, Briana Shann, Dylan McKiernan
Zusatzmaterial: Making-of, zusätzliche und erweiterte Szenen, Interview mit dem Regisseur, deutscher und Original-Kinotrailer, Wendecover
Vertrieb: Prokino Home Entertainment

Copyright 2017 by Dirk Ottelübbert

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Prokino Home Entertainment

 

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Das Grauen schleicht durch Tokio – Ein Blob als Warnung vor der nuklearen Katastrophe

Bijo to ekitai ningen

Von Andreas Eckenfels

SF-Horror // Es ist soweit: Erstmals in seiner bereits fast acht Jahre andauernden Geschichte schaut Anolis mit der „Galerie des Grauens“-Reihe in Richtung Fernost. Die Monsterfilme aus den 50er- und 60er-Jahren des japanischen Filmstudios Tōhō sind legendär und längst nicht nur aufs Kaijū-Genre beschränkt. Ähnlich wie das Aufkommen des Kalten Krieges in den US-Genrewerken jener Zeit prägte die japanischen Science-Fiction- und Horrorfilme die Angst vor einer realen Bedrohung: der Atombombe. Die Bilder der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki waren noch allgegenwärtig und hatten sich tief ins kollektive Bewusstsein der Bevölkerung gebrannt. Gleichzeitig waren weitere Atomtests auf abgelegenen Inseln im Pazifischen Ozean an der Tagesordnung. So ist es nicht verwunderlich, dass zahlreiche Drehbuchautoren schockierende Spekulationen über mögliche Spätfolgen der nuklearen Explosionen anstellten, um damit das Publikum in Atem zu halten.

Was ist auf dem Geisterschiff „Ryujin Maru II“ geschehen?

Allerdings war Regisseur Ishirō Honda wie viele seiner Kollegen gar nicht daran interessiert, das Thema reißerisch auszubeuten. Er wollte vielmehr den warnenden Zeigefinger erheben und daran erinnern, dass die Natur irgendwann zurückschlagen wird – sei es in Form eines Monsters wie in seinem Klassiker „Godzilla“ (1954) oder als schleimiger Flüssigmensch, wie in „Das Grauen schleicht durch Tokio“. Denn die Ursache allen Übels, das über die Menschheit kommt, bleibt immer noch der Mensch höchstselbst.

Spurlos verschwunden in Tokio

In der japanischen Hauptstadt schüttet es in Strömen – ob es saurer Regen ist? Vor einem Gebäude wartet der Gangster Uchida (Makoto Satô) in einem Auto auf seinen Kumpanen Misaki (Hisaya Itô). Als der Drogenschmuggler schließlich erscheint, gebärdet er sich plötzlich panisch. Er schreit, schießt wild um sich, rennt los und wird von einem Taxi tödlich erfasst. Aber ist er wirklich tot? Die Polizei findet keine Leiche, nur Misakis Kleidungsstücke sind am Unfallort zurückgeblieben.

Ein Tänzchen im Nachtclub

Inspector Tominaga (Akihiko Hirata) untersucht den Fall und vermutet zunächst einen Bandenkrieg in der Unterwelt Tokios. Auch Misakis Freundin, die Nachtclubsängerin Chikako Arai (Yumi Shirakawa), gerät ins Visier der Ermittlungen. Doch bald häufen sich Nachrichten über weitere spurlos verschwundene Personen in der Metropole. Die Polizei steht vor einem Rätsel: Zeugen wollen zuvor eine schleimartige Masse und ein grün leuchtendes Wesen gesehen haben. Wissenschaftler Dr. Masada (Kenji Sahara) sieht bald eine Verbindung zu dem Geisterschiff „Ryujin Maru II“, welches im Südpazifik treibt. Dessen Besatzung ist ebenfalls nicht mehr auffindbar …

Das nukleare Schicksal der „Glücklicher Drache V“

Bevor das Geschehen in die Straßen von Tokio wechselt, beginnt Honda seinen Film mit der Einstellung eines riesigen Atompilzes. Darauf folgen Zeitungsschlagzeilen, die berichten, dass im Pazifischen Ozean ein Nukleartest durchgeführt worden ist, dem ein Fischkutter – das besagte Geisterschiff – wohl zu nahe gekommen ist. Das Schicksal ist von den Drehbuchautoren wohl nicht zufällig gewählt. 1954 wurde das Fischerboot „Glücklicher Drache V“ samt Besatzung kontaminiert, obwohl sie etwa 150 Kilometer von dem nuklearen Testareal entfernt waren. Dies beweist, wie ernsthaft sich Honda des Themas annahm.

Inspector Tominaga (l.) rätselt: Nur die Kleidung der Opfer bleibt zurück

Diese Ernsthaftigkeit überträgt sich auch auf die Geschichte und ihre Figuren. Honda vermischt Elemente aus dem Gangster-, Horror- und Science-Fiction-Film gekonnt zu einer düsteren Vision. Dabei erstrahlt „Das Grauen schleicht durch Tokio“ als eine der ersten Tōhō-Produktionen überhaupt in bunten Farben und Cinemascope. Für Auflockerung sorgen die Gesangseinlagen von Nachtclubsängerin Chikako, die allerdings zusammen mit einigen Dialogszenen für etliche Längen im Mittelteil sorgen. Hatten dies die amerikanischen Verleiher ebenfalls bemerkt und deswegen diese Szenen für die internationale Fassung drastisch gekürzt?

Der „Blob“ lässt grüßen

Etwa sieben Minuten fehlen im Gegensatz zur japanischen Langfassung. Beide sind auf der 2-Disc-Edition von Anolis enthalten. Damals nicht synchronisierte Szenen sind im Original belassen und mit deutschen Untertiteln versehen. Vergleicht man die beiden Fassungen – einen ausführlichen Schnittbericht gibt es hier – haben die Straffungen dem Film zumindest in Teilen durchaus gutgetan. Allerdings fielen auch einige Sequenzen der Schere zum Opfer, in denen der Tōhō-Spezialeffekte-Meister Eiji Tsuburaya sein Können demonstriert: So wurde etwa die Tötung einer Frau durch das Flüssigmonster entfernt, da sie damals als zu grausam eingestuft wurde. Auch die Miniatur des brennenden Hafens von Tokio wurde dem internationalen Publikum bisher vorenthalten. Bei Tsuburayas Glibbermonster schießen natürlich sofort Parallelen zum amerikanischen „Blob – Schrecken ohne Namen“ (1958) mit Steve McQueen in den Kopf. Dass einer bei dem anderen die Idee kopiert hat, dürfte allerdings auszuschließen sein. Beide Filme entstanden etwa zur gleichen Zeit.

Misakis Freundin Chikako gerät ins Visier der Ermittlungen

Im großen Finale wird noch einmal ordentlich an der Spannungsschraube gedreht. Bei der Jagd nach dem Flüssigmonster durch die Kanalisation von Tokio werden sogar Erinnerungen an „Der dritte Mann“ (1949) wach. Anolis ist es zu verdanken, dass diese Tōhō-Genrestück den deutschen Fans erstmals ungeschnitten präsentiert wird. Die zwei von höchstem Fachwissen zeugenden Audiokommentare und das Booklet runden die sechste Veröffentlichung der „Die Rache der Galerie des Grauens“-Reihe hervorragend ab.

Die Filme der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“:

01. Der Fluch des Dämonen (Night of the Demon / Curse of the Demon, 1957)
02. Planet der toten Seelen (War of the Satellites, 1958)
03. Schrei, wenn der Tingler kommt (The Tingler, 1959)
04. Ausgeburt der Hölle (The Beast with a Million Eyes, 1955)
05. Im Sumpf des Grauens (The Alligator People, 1959)
06. Das Grauen schleicht durch Tokio (Bijo to ekitai ningen, 1958)
07. Angriff der Riesenkralle (The Giant Claw, 1957)
08. ???
09. ???
10. ???

Veröffentlichung: 17. März 2017 als 2-Disc-Edition (Blu-ray und DVD)

Länge: 87 Min. (Japanische Langassung, Blu-ray), 82 Min. (amerikanische/deutsche Kinofassung, Blu-ray), 79 Min. (Japanische Langfassung, DVD), 76 Min. (amerikanische/deutsche Kinofassung, DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch, Englisch (nur amerikanische/deutsche Kinofassung)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bijo to ekitai ningen
JAP 1958
Regie: Ishirō Honda
Drehbuch: Takeshi Kimura, Hideo Unagami
Besetzung: Yumi Shirakawa, Kenji Sahara, Akihiko Hirata, Eitarô Ozawa, Koreya Senda, Makoto Satô, Hisaya Itô, Machiko Kitagawa
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner, Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer, Deutscher Kinotrailer. Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 16-seitiges Booklet geschrieben von Jörg M. Jedner, Wendecover
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Anolis Entertainment GmbH

 

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Arrival – Wie kommuniziert man mit Aliens?

Arrival

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Übergroße Raumschiffe verteilen sich an verschiedenen Orten rund um den Globus – da war doch was?! Nun, mit Roland Emmerichs patriotischem Alien-Radau „Independence Day“ von 1996 hat Denis Villeneuves „Arrival“ ansonsten nur wenig gemein. Wir haben es vielmehr mit einer hochintelligenten Vision eines Erstkontakts zu tun, die tiefgründige Fragen über das Wesen von Kommunikation und Sprache in den Fokus stellt.

Sie sind da!

In den USA ist ein abgelegenes Gebiet in Montana der Ort, wo sich eins der einige hundert Meter großen, wie ein sonderbares längliches Ei geformten Raumschiffe platziert. Elf andere der unbekannten Flugobjekte landen unter anderem in Großbritannien, Russland, China und Japan, aber auch Grönland, Pakistan und Sierra Leone. Ein Muster ist nicht erkennbar. Der US-Offizier Colonel Weber (Forest Whitaker) bittet zwei Wissenschaftler um Hilfe bei der Kontaktaufnahme: die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) und den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner). Über einen Schacht können die beiden in regelmäßigen Abständen ins Raumschiff eindringen, wo sie mit zwei Außerirdischen in Kontakt treten, die aufgrund ihrer sieben Tentakel als „Heptapoden“ bezeichnet werden. In mühevoller Kleinarbeit versuchen beide Seiten, den Gegenübern ihre Form der Sprache verständlich zu machen. Banks und Donnelly zeigen Texttafeln, während die beiden Aliens aus ihren Tentakeln eine tintenähnliche Substanz absondern, mit der sie ausgefranste kreisrunde Zeichen an die Scheibe zeichnen, die Menschen und Außerirdische voneinander trennt. Nach und nach dechiffriert Sprachwissenschaftlerin Louise diese Zeichen.

Die Sapir-Whorf-Hypothese

Sprache formt das Denken. Demnach wirkt sich eine Sprache elementar auf die Wahrnehmung der Realität der sie Sprechenden aus. Sie beeinflusst somit die Entwicklung dieser Sprachgemeinschaft. Diese sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese nimmt in „Arrival“ zentralen Raum ein. Können wir Deutsche überhaupt bis ins letzte Detail verstehen und ins Deutsche übersetzen, wie ein Engländer die Welt wahrnimmt? Gar ein Chinese? Oder ein Aborigine im australischen Busch? Wie soll es uns dann gelingen, die Sprache einer intelligenten Alien-Art zu übersetzen, die von weit her auf die Erde gekommen ist? Dr. Louise Banks gelingt es, und die Sprache der Außerirdischen birgt einige Überraschungen. Grrr – ich hätte an der Uni mehr Linguistik-Seminare besuchen sollen, so jedoch beende ich meine Ausführungen dazu lieber hier. Lasse sich nur niemand davon abhalten, dass ein Film Linguistik thematisiert. Das geschieht behutsam und klug und jederzeit nachvollziehbar, auch für Laien. Linguistik-Profis mag einiges etwas zu simpel erklärt sein, aber die lassen hoffentlich Gnade vor Recht walten. Dafür gibt es wunderbare Details, etwa, dass die beiden Aliens, mit denen Louise und Ian kommunizieren, Abbott und Costello getauft werden, benannt nach den beiden US-Komikern, die einst einen brillanten Baseball-Sketch um sprachliche Missverständnisse geschaffen haben – Näheres dazu ist bei Wikipedia zu finden.

Colonel Weber hat Louise Banks (Amy Adams) und Ian Donnelly um Hilfe gebeten

Zu den Überraschungen gehören auch Louises Erinnerungen – oder Visionen? – an ihre als junge Frau gestorbene Tochter, die den Film einleiten. Was es damit auf sich hat, wird erst spät klar, weshalb es an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden soll. Während weltweit die Wissenschaftler mühsam mit den Besuchern aus dem All kommunizieren, werden die Aliens gleichzeitig von Politikern und Militärs mehr und mehr als Bedrohung empfunden, erst recht, als Louise eine Botschaft übersetzt, die das Wort „Waffe“ zu enthalten scheint. Statt zu kooperieren, entfernen sich die Länder der Erde weiter voneinander, eine militärische Auseinandersetzung bahnt sich an.

Es geht mehr um Sprache als um Zeit und Raum

Wie Christopher Nolans großer Science-Fiction-Wurf „Interstellar“ (2014) hat auch „Arrival“ einen familiären Aspekt, der die epische Science-Fiction auf eine persönliche Ebene herunterbricht. Doch anders als Nolan verzichtet der kanadische Regisseur Denis Villeneuve bei „Arrival“ darauf, mehr physikalische Thesen in den Raum zu stellen als nötig. Ihm geht es um Kommunikation, um Sprache, nicht um Theorien zu Zeit und Raum – auch wenn diese bei der Dechiffrierung der Alien-Sprache dann doch zu ihrem Recht kommen.

Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen

Für sieben Oscars nominiert, darunter die als bester Film, für die Regie und das adaptierte Drehbuch, hat es am Ende nur für den Academy Award für den besten Tonschnitt gereicht. Favoriten der 2017er-Verleihung waren ohnehin andere, sieben Nominierungen für einen Science-Fiction-Film sind bemerkenswert genug. Die Anerkennung bei Kritikern wie Publikum ist „Arrival“ auch so sicher, und das völlig zu Recht.

Science-Fiction mit Tiefe

„Arrival“ basiert auf der mehrfach ausgezeichneten Kurzgeschichte „Geschichte deines Lebens“ des amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellers Ted Chiang. Villeneuve hatte schon seit einiger Zeit den Wunsch gehabt, einen Science-Fiction-Film zu drehen. Nun darf er gleich noch einmal im Genre ran: „Blade Runner 2049“ ist abgedreht und befindet sich in der Post-Produktionsphase. Der deutsche Kinostart ist für den 5. Oktober angesetzt. Mit dem formidablen „Arrival“ hat Denis Villeneuve die Erwartungshaltung für das „Blade Runner“-Sequel in große Höhen geschraubt. Er ist auch für die Neuverfilmung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ („Dune“, 1984) nach dem Roman von Frank Herbert im Gespräch, hat also offenbar Genreblut geleckt. Gut so! Bei allem Unterhaltungswert, der Emmerichs „Independence Day“ nicht abzusprechen ist, beweist doch Villeneuves „Arrival“, wie intelligente und relevante Science-Fiction auszusehen hat.

Was bedeuten die Zeichen der Außerirdischen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Denis Villeneuve sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Amy Adams in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Jeremy Renner und/oder Forest Whitaker in der Rubrik Schauspieler.

Was bedeuten die Zeichen der Irdischen?

Veröffentlichung: 27. März 2017 als Limited Edition Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Arrival
USA 2016
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Eric Heisserer, nach der Erzählung „Story of Your Life“ von Ted Chiang
Besetzung: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg, Mark O’Brien, Tzi Ma, Abigail Pniowsky, Julia Scarlett Dan, Jadyn Malone,
Zusatzmaterial: „Xenolinguistik: Arrival verstehen“, „Akustische Signatur: Das Sounddesign“, nur Blu-ray: „Eternal Recurrance (Ewige Widerkehr): Die Filmmusik“, „Nichtlineares Denken: Der Bearbeitungsprozess“, „Der Grundsatz von Zeit, Erinnerungen & Sprache“
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshots: © 2017 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

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