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Michael Cimino (II) / Clint Eastwood (XVII): Die Letzten beißen die Hunde – Rumtreiber auf Raubzug

Thunderbolt and Lightfoot

Von Simon Kyprianou

Krimikomödie // Schaut man die Filme von Michael Cimino, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, Cimino verstehe sich als Chronist der jüngeren Geschichte der USA: In seinem berüchtigten Western „Heaven‘s Gate“ (1980) beleuchtet er die Entstehung der modernen Gesellschaft; mit „Die durch die Hölle gehen“ (1978) dreht er einen Heimatfilm über den Vietnamkrieg; in „Im Jahr des Drachen“ (1985) und „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974) erforscht er die Spätfolgen und gesellschaftlichen Auswirkungen jenes Krieges.

Schule abgerissen, Beute futsch

Der Dieb Thunderbolt (Clint Eastwood) und der Rumtreiber Lightfoot (Jeff Bridges) treffen sich zufällig, als Thunderbolt von seinen alten Kumpanen (George Kennedy, Geoffrey Lewis) verfolgt wird, die er um die Beute eines früheren Raubzugs betrogen hat. Lightfoot hilft ihm bei der Flucht, die beiden werden Freunde. Gemeinsam wollen sie die Beute des Raubzugs aus Thunderbolts Versteck – einer alten Schule – holen, aber das Gebäude wurde mittlerweile abgerissen, das versteckte Geld ist futsch. So irren die beiden Freunde mehr oder weniger ziellos durchs Land, immer verfolgt von den geprellten Komplizen. Als diese die beiden schließlich stellen, beschließen die vier, trotz gegenseitiger Feinseligkeiten einen neuen Diebeszug zu machen.

Ciminos Film lässt sich strukturell ebenso frei treiben wie seine beiden Protagonisten, die ziellos und ohne Perspektive durch das Land streunen und nach einem Nutzen, nach einem Sinn suchen. Zuerst ist „Die Letzten beißen die Hunde“ ein bizarres Roadmovie ohne genaues Ziel, dass sich dann plötzlich und unerwartet zum hochspannenden Heist-Film wandelt.

Die US-Gesellschaft nach Vietnam

Ein Jahr nach dem Abzug der amerikanischen Truppen aus Vietnam entstanden, bilden der Krieg und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Spannungen den Hintergrund, vor dem Ciminos orientierungslose Figuren existieren. Es fällt auf, dass es dem Filmemacher oft um Männer geht, die nach dem Krieg orientierungslos weiter existieren. Am Ende von „Die Letzten beißen die Hunde“ sagt Lightfoot im Auto nach dem (mehr oder weniger) geglückten Raub zu Thunderbolt: „You know … you know somethin‘? I don’t think of us as criminals, you know? I feel we accomplished something. A good job. I feel proud of myself, man. I feel like a hero.“ Die Gesellschaft hatte keinen Nutzen, keine Aufgabe mehr für sie, für ihre ganze Generation übrig, also haben sie eine neue Aufgabe für sich gefunden. Durch das erfolgreich über die Bühne gebrachte Verbrechen lässt Cimino seinen Figuren Stolz und Würde zukommen.

Cimino inszeniert sein Regiedebüt – zuvor hat er die Drehbücher zu „Lautlos im Weltraum“ (1972) und „Dirty Harry II – Callahan“ (1973) geschrieben – erstaunlich souverän, obwohl er vor allem narrativ einige Wagnisse eingeht – zu nennen ist etwa der plötzliche Genre- und Tempowechsel. Eastwood – dem Cimino laut eigener Aussage seine Karriere verdankt – äußerte einmal, Cimino müsse das Drehbuch in halluzinatorischem Zustand geschrieben haben, aber Cimino gelingt es, in seiner Inszenierung alle Teile seiner Geschichte zusammenzufügen. Ein starkes Debüt.

Noch keine deutsche Blu-ray

In Deutschland ist „Die Letzten beißen die Hunde“ bislang nur auf DVD erschienen – singularisiert als „Den Letzten beißen die Hunde“. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Cimino oder Clint Eastwood sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Bridges in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 7. Mai 2007 und 30. Juni 2003 als DVD

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Originaltitel: Thunderbolt and Lightfoot
USA 1974
Regie: Michael Cimino
Drehbuch: Michael Cimino
Besetzung: Clint Eastwood, Jeff Bridges, Geoffrey Lewis, George Kennedy, Gary Busey, Catherine Bach, Jack Dodson, Roy Jenson
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Packshots: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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Don Siegel (VI) / Clint Eastwood (XVI): Flucht von Alcatraz – Die Sehnsucht nach Freiheit

Escape from Alcatraz

Von Simon Kyprianou

Knast-Thriller // „Flucht von Alcatraz“ ist die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood und gleichzeitig auch einer der letzten Filme die Siegel gedreht hat – seine Karriere beginnt bereits Mitte der 40er-Jahre, dauert 1979 also schon stolze 35 Jahre an. Mit „Flucht von Alcatraz“ zeigt sich Siegel am Ende dieser langen Laufbahn als ausgereifter und stilsicherer Handwerker und präsentiert extrem elegant und ökonomisch erzähltes Spannungskino.

Häftling Frank Morris …

In den ersten Szenen sieht man, wie der Verbrecher Frank Morris (Clint Eastwood) in der Nacht mit einem Boot nach Alcatraz gebracht wird. Die letzten Szenen des Films zeigen, wie er und seine Kumpane die Insel über das Meer verlassen – erneut des Nachts; über ihr Schicksal danach erfahren wir nichts. Auch über den Verbleib der realen Vorbilder, auf deren Geschichte „Flucht von Alcatraz“ beruht, ist nichts bekannt. Dazwischen liegen 107 Minuten präzise ausgearbeitetes Spannungskino, angetrieben von der existentialistischen Sehnsucht nach Freiheit.

Das menschenverachtende System Alcatraz

Das Drehbuch von Richard Tuggle – er hat auch Eastwoods Film „Der Wolf hetzt die Meute“ geschrieben – skizziert behutsam ein gelungenes Figurenensemble, das keine Figur zum bloßen Stichwortgeber degradiert. Jede Figur besitzt ihre eigene Geschichte, und der Plan zur Flucht ergibt sich ganz organisch aus dem Zusammentreffen dieser Geschichten und Schicksale. Siegel zeigt den Gefängnisalltag und zeichnet Alcatraz als menschenunwürdiges Gefängnissystem unter der Leitung eines eiskalten Direktors, seine Empathie gehört zweifellos den Insassen, die sich gegen ein solches System zur Wehr setzen. Trotzdem ist sein Stil nüchtern und angenehm unsentimental.

… zieht in Alcatraz ein …

Clint Eastwood ist der ideale Darsteller für die Rolle des Alcatraz-Häftlings, eben weil er ein extrem physischer Darsteller ist und Gefängnisfilme immer auch Körperkino sind – das Kino der eingesperrten, beengten, ihrer Möglichkeiten beraubten Körper, der unter großer körperlicher Anstrengung vollzogene Ausbruch bedeutet das Zurückgewinnen des eigenen Körpers. Die körperlichen Anstrengungen die für den Ausbruch nötig sind – die Stunts sind hervorragend und offenbar von den Schauspielern zu großen Teilen selbst ausgeführt – sind also an sich schon eine Befreiung.

Eine Blume in der San Francisco Bay

Die detailliert gezeigte und entschleunigt dargestellte, aber immer von effektiven Spannungsmomenten durchsetzte Ausbruchsplanung und insbesondere die Durchführung der Flucht in der letzten halben Stunde erinnern an das Kino Jean-Pierre Melvilles, insbesondere an die sich fast in kompletter Stille vollziehende Einbruchssequenz aus „Vier im roten Kreis“. Am Ende bleibt von den Ausbrechern nur eine Blume, die in der Bucht von San Francisco im Meer herumtreibt, alles andere ist ungewiss. „Flucht von Alcatraz“ gehört zu Siegels besten Filmen, sicher auch schön im Double Feature mit John Frankenheimers wunderbarem „Der Gefangene von Alcatraz“ von 1962.

… und muss sich im Knastalltag behaupten

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Clint Eastwood und/oder Don Siegel sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden – auch Eastwoods Schauspielarbeiten.

Veröffentlichung: 3. Januar 2013 als Blu-ray, 4. Februar 2003 als DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch
Originaltitel: Escape from Alcatraz
USA 1979
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Richard Tuggle, nach einer Vorlage von J. Campbell Bruce
Besetzung: Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Roberts Blossom, Paul Benjamin, Larry Hankin
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Paramount (Universal Pictures)

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2013 Paramount (Universal Pictures)

 

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Hard Target 2 – Menschenjagd im Dschungel von Myanmar

Hard Target 2

Von Volker Schönenberger

Action // In einer fernöstlichen Ortschaft werden zwei Männer von zwei Motorradfahrern durch enge Gassen gehetzt. Einer der beiden Flüchtenden bekommt unvermittelt von einem dritten Jäger zwei Pfeile aus einer Armbrust in den Körper gejagt. Ein weiterer Jäger mit Armbrust taucht auf, dem verbleibenden Opfer bleibt kaum noch ein Ausweg …

Baylor (r.) schlägt sich mit illegalen Kämpfen durch

Orts- und Zeitsprung – sechs Monate zuvor in Las Vegas: Wes „The Jailor“ Baylor (Scott Adkins) steigt zu einem Mixed-Martial-Arts-Kampf gegen seinen guten Freund und langjährigen Trainingspartner Jonny „Solid Gold“ Sutherland (Troy Honeysett) in den Ring. Doch der Abend endet tragisch; noch im Ring erliegt Jonny seinen Verletzungen. Gebrochen zieht sich Wes aus dem Profisport zurück. Sechs Monate später lebt er in einer heruntergekommenen Hütte in Bangkok, trinkt zu viel und hält sich mit illegalen Faustkämpfen über Wasser. Nach einem dieser Kämpfe nimmt der zwielichtige Aldrich (Robert Knepper) Kontakt zu ihm auf. Er sei Boxpromoter und biete Baylor einen großen Kampf in Myanmar für üppiges Salär. Am Ort des Geschehens eingetroffen, erfährt Baylor, was es tatsächlich mit dem Wettkampf auf sich hat: Er ist Jagdbeute einiger gelangweilter Gesellen mit zu viel Geld und zu wenigen Skrupeln. Mit einem Gürtel voller Rubine – sein Honorar im Erfolgsfall – und einer Wasserflasche muss er die Flucht in Richtung thailändische Grenze antreten. Auf den Fersen sind ihm unter anderen die reiche Großwildjäger-Erbin Sofia (Rhona Mitra), der Stierkämpfer Esparto (Adam Saunders), Aldrich selbst sowie sein Assistent Madden (Temuera Morrison). Um unbehelligt zu bleiben, hat sich Aldrich die Dienste des korrupten Militärs von Myanmar gesichert. Im Dschungel trifft Baylor auf die junge Tha (Ann Truong).

Die reiche Erbin Sofia und …

1993 debütierte John Woo („The Killer“, „Bullet in the Head“) mit „Harte Ziele“ in Hollywood, und trotz „Im Körper des Feindes – Face/Off“ (1997) und „Mission: Impossible 2“ gilt das Jean-Claude-Van-Damme-Vehikel vielen als Woos bester Hollywoodfilm. Anfang der 90er war es noch möglich, einen Actioner wie „Harte Ziele“ mit viel Aufwand ins große Kino zu bringen. „Hard Target 2“ hat diese Möglichkeit nicht, die Fortsetzung ist dem Direct-to-DVD-Markt für B-Action vorbehalten. Wobei von Fortsetzung an sich nicht die Rede sein kann, schon eher von Remake: Beide Filme verbindet außer dem Titel lediglich das Motiv der von einem skrupellosen Verbrecher organisierten Menschenjagd.

Mit Actionstar Scott Adkins

Regisseur Roel Reiné („Dead in Tombstone“) verlegte die Handlung von New Orleans in den fernöstlichen Dschungel. Mit Scott Adkins („Universal Soldier – Day of Reckoning“, „The Expendables 2“, „Doctor Strange“) verpflichtete er einen der derzeit angesagtesten B-Movie-Actionstars. Um Adkins herum bringen Rhona Mitra („Shooter“, „Underworld – Aufstand der Lykaner“) und Temuera Morrison („Die letzte Kriegerin“, „Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger“) zusätzliche Prominenz ins Spiel. Dem markanten Gesicht von Robert Knepper („Die Tribute von Panem – Mockingjay (1)“ nebst Fortsetzung) wiederum begegnet man oft in TV-Serien wie „Prison Break“ und „iZombie“.

… der Stierkämpfer Esparto gehen auf die Jagd

Diese illustre Schar schmückt einen explosiven Actionthriller, der trotz seiner eindeutigen Verortung im B-Sektor Hochglanz-Atmosphäre verströmt. Der mal hämmernde, mal dräuende Elektro-Score treibt die Jagd-Handlung vorzüglich voran. Die Story ist simpel und schnörkellos, mehr braucht’s zur Inszenierung brutalen Krawalls auch nicht. Roel Reiné erfindet das Actionrad nicht neu, setzt die Versatzstücke aber gekonnt ein, bei uns ungeschnitten mit FSK-18-Freigabe versehen. So soll moderne B-Action aussehen.

Auf der Flucht begegnet Baylor Elefanten und der jungen Tha

Veröffentlichung: 10. April 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hard Target 2
USA 2016
Regie: Roel Reiné
Drehbuch: Matt Harvey, Dominic Morgan, George Huang
Besetzung: Scott Adkins, Amarin Cholvibul, Thira Chutikul, Rhona Mitra, Temuera Morrison, Robert Knepper, Ann Truong, Geoffrey Giuliano, Adam Saunders, Troy Honeysett
Zusatzmaterial: „A Fighting Chance – Behind the Scenes of Hard Target 2“ (5:13), „Into the Jungle – On Location of Hard Target 2“ (2:25), „Hard Target 2 – Through the Lens“ (2:43), Thrill of the Hunt“ (3:13), deleted shots montage (1:59), deleted scenes (10:04), Trailer, Bildergalerie
Vertrieb: KSM GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 KSM GmbH

 

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