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Maria Stuart, Königin von Schottland – Eine Klage über vergebene Möglichkeiten

Mary Queen of Scots

Kinostart: 17. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Historiendrama // Einsam wartet Maria Stuart (Saoirse Ronan) in einer mit schummrigem Licht erfüllten Zelle auf ihr unausweichliches Schicksal. Eine Stundenkerze zittert in ihren letzten Zügen auf ihrem abgebrannten Stummel, da kommt auch schon ein Wärter und informiert die ehemalige Monarchin, für sie sei es nun „an der Zeit“. Erhobenen Hauptes und gefasst macht sie sich, ganz in Schwarz gekleidet, auf den Weg zu ihrer Hinrichtung. Dort angekommen, wirkt es, als würde sie den mit Menschen dicht gefüllten Saal wie durch die Hintertür betreten – die ihr den Rücken zuwendenden Schaulustigen bemerken ihre Ankunft zunächst kaum. Über allem thront die leicht erhobene Bühne samt Henker und Schafott, die Maria unweigerlich vor Augen führt, dass sie nun tatsächlich am Ende ihres so kurzen wie ereignisreichen Lebens angekommen ist.

Die 18-jährige Maria Stuart erreicht die Küste Schottlands …

Für mit latenter Spoiler-Phobie ausgestattete Filmgucker startet „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als hartes Brett – beginnt der neueste Historienfilm zum Leben der ehemaligen schottischen Königin doch direkt mit seinem beziehungsweise ihrem Ende. Aber bei Filmen über tatsächliche Ereignisse sind Zuschauerinnen und Zuschauer mit Kenntnissen der Materie natürlich zwangsläufig gespoilert. Bevor auch diese ihr endgültiges Ende aber tatsächlich bezeugen können, werden wir zunächst zurückgeworfen an die Strände Schottlands. Dort beobachten wir die Ankunft der damals achtzehnjährigen Maria in ihrer Heimat, in der sie ihren rechtmäßig angestammten Platz auf dem Thron einnehmen will.

… doch was erwartet die junge Monarchin in ihrer Heimat?

Als überaus geschichtsinteressierter Mensch und weiterhin begeisterter Liebhaber der britischen Inseln – das tragische Brexit-Desaster mal außen vor gelassen – stellt die historische Figur der „Mary, Queen of Scots“ (1542–1587) für mich persönlich seit langer Zeit eine besonders faszinierende und hochinteressante Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte dar. So war ich beispielsweise erst im vergangenen Oktober im wahrlich beeindruckenden Stirling Castle, wo sie im Alter von wenigen Monaten zur Königin von Schottland gekrönt wurde, sodass mich die Pressevorführung der neuesten Verfilmung ihrer spannenden Lebensgeschichte natürlich besonders interessierte. Vor allem, wenn man sich zudem auch noch dessen hervorragende Besetzungsliste anschaut. Warum mich der Film trotz all dieser guten Vorzeichen meinerseits dennoch nicht richtig überzeugen konnte? Lest selbst!

Ein wenig Geschichtskunde

Im Säuglingsalter von gerade einmal sechs Tagen als Thronfolgerin ihres verstorbenen Vaters Jakob/James V. bereits zur Königin von Schottland ernannt, wird sie zu ihrem eigenen Schutz schon bald nach Frankreich gebracht – zu groß ist vor allem die Gefahr durch den großen Nachbarn England. Dessen König Heinrich/Henry VIII. weiß um den Anspruch der Stuarts auch auf den englischen Thron und will deren Schwäche nun ausnutzen, um diesen ein für allemal zu beenden. Ihre Kindheit und den Großteil ihrer Jugend verbringt Maria daher am Hof des französischen Königs. Nach der Heirat mit dessen Erben, dem Dauphin, mit 16 Jahren ebenfalls Königin von Frankreich und dessen plötzlichen Ableben drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag schon verwitwet, kehrt sie schließlich in ihr Heimatland zurück, um dort ihre rechtmäßige Rolle als Herrscherin anzutreten.

Marias Cousine: Elisabeth I., Königin von England

Mit ihrer Ankunft an den Stränden Schottlands setzt nun auch „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als Erzählung von Marias Lebensgeschichte ein. Hier sieht sich diese im Zentrum einer außerordentlich undurchschaubaren politischen Lage, gespickt mit Intrigen, fragwürdigen Loyalitäten und teils purer Ablehnung. Insbesondere der protestantischen schottischen Kirche unter Führung des wortgewaltigen John Knox (David Tennant, „Broadchurch“) ist sie als Katholikin und Frau ein Dorn im Auge. Und auch die Loyalitäten ihrer engsten Verbündeten, wie etwa ihrem Halbbruder, dem Earl of Moray (James McArdle), der als Regent in Marias Abwesenheit über Schottland herrschte, wie auch ihrem Leibwächter, dem Earl of Bothwell (Martin Compston), sind mehr als fraglich. Ebenso wie die zahlreichen Heiratsgesuche an die heißbegehrte, mächtige Witwe, sodass die junge Königin von Beginn an um den Erhalt ihrer Macht und ihre Krone kämpfen muss und dafür auch vor einem Bürgerkrieg nicht zurückschreckt.

Hat stets das Ohr der mächtigen englischen Herrscherin: William Cecil

Auch in England regt sich zunehmend Widerstand gegen die junge Monarchin. Denn den Beratern der protestantischen Machthaberin Königin Elisabeth/Elizabeth I. (Margot Robbie) ist deren Cousine Maria als Katholikin ebenfalls nicht geheuer – hat Elizabeth doch zu Hause schon genug Ärger im nach der Reformation stetig drohenden Bürgerkrieg mit den dortigen Katholiken am Hals. Ebenso wirkt der weiterhin bestehende rechtmäßige Anspruchs der Stuarts auf die englische Krone angesichts der Kinderlosigkeit Elizabeths in den Augen der machtvollsten Mitglieder des englischen Adels umso bedrohlicher – allen voran ihrem engsten Vertrauten, William Cecil (Guy Pearce, „Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen“).

Nachdem Maria mit ihrem zweiten Ehemann, dem undurchschaubaren Wendehals Lord Darnley (Jack Lowden, „Dunkirk“) ihren Sohn Jakob/James zur Welt gebracht hat, wird sie nach einer Reihe weiterer, mitunter erneut durch England gelenkter Intrigen und Aufstände schlussendlich zum Verzicht ihrer Krone zugunsten ihres Sohns gezwungen. Maria muss aus Schottland fliehen und steht als Gefangene Englands fortan unter dem Schutz Elizabeths, die ihrer Cousine prinzipiell mit Respekt und Wohlwollen gegenübersteht – auch wenn sich die beiden Monarchinnen wohl niemals persönlich begegnet sind und ihre Kommunikation allein auf umfangreichen Briefwechseln beruht. Nach etwa 18 Jahren kann Elizabeth dem Druck ihres Adels jedoch nicht mehr länger widerstehen, da die unter Hausarrest stehende Maria vermutlich zum wiederholten Male in ein Mordkomplott gegen sie verwickelt war. Am 9. Februar 1587 wird sie daher schließlich doch hingerichtet, nach Ablegen ihres schwarzen Überkleides ganz in Rot gekleidet, der Farbe der Märtyrer. Nachdem auch Elizabeth einige Jahre später kinderlos stirbt, wird Marias Sohn James VI. als erster Monarch rechtmäßig gleichzeitig sowohl zum König von England als auch von Schottland gekrönt – das Vereinigte Königreich ward geboren.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reden sie noch heute

Wie man sieht, im Leben Maria Stuarts war einiges los. Aufgrund der hohen Bekanntheit ihrer Lebensgeschichte und vor allem ihres uns gewissen Endes ist die Herausforderung, einen spannenden wie auch interessanten Film zu erzählen, daher umso gewaltiger. Insbesondere, da diese bereits in der Vergangenheit zahlreich verfilmt wurde – genannt seien beispielhaft John Fords „Maria von Schottland“ (1936) mit Katharine Hepburn in der Titelrolle, „Das Herz der Königin“ (1940) von Carl Froelich mit Zarah Leander in der Rolle der Regentin und Charles Jarrots „Maria Stuart, Königin von Schottland“ (1971) mit Vanessa Redgrave. Eine der größten Schwächen des ambitionierten Historiendramas liegt im sperrigen Skript von Beau Willimon begründet. Als Showrunner und Mitentwickler der Netflix-Erfolgsserie „House of Cards“ ist dieser kein unbeschriebenes Blatt und hat sein Talent bereits eindrucksvoll bewiesen. Leider hat er sich für sein Drehbuch zu „Maria Stuart, Königin von Schottland“ dazu entschlossen, die umfangreichen und höchst undurchschaubaren, mehrere Jahre umfassenden historischen Ereignisse größtenteils durch schier unzählige Dialoge erklären zu wollen.

Komprimiertes „House of Cards“ vor historischer Kulisse – kann das gutgehen?

Vergleichbar mit „House of Cards“, haben wir es zudem nicht nur mit einer Fülle an Figuren, sondern ebenso mit einer noch größeren Portion an Intrigen, Verschwörungen und wechselnden Loyalitäten zu tun. Was bei einer Serie mit einem Umfang mehrerer Staffeln natürlich super funktionieren kann, ist bei einer auf knappe zwei Stunden gepressten Filmhandlung jedoch äußerst riskant. Und selbst wenn man mit den historischen Ereignissen einigermaßen vertraut ist, fällt es mitunter doch schwer, bei der Vielzahl an handelnden Figuren und der unübersichtlichen, permanent wechselnden politischen Lage sowie der großen Zeitspanne stets den Überblick zu behalten. Den langatmigen und zu oft einfach sperrig geschriebenen Dialogen daher immer mit dem nötigen Interesse zu folgen, fällt mit zunehmender Dauer des Films leider enorm schwer.

Trotz vieler Widerstände gibt sich Maria kämpferisch …

Dies liegt nicht zuletzt an der Inszenierung von Regisseurin Josie Rourke – seit 2012 vor allem als künstlerische Leiterin des Donmar Warehouse in London bekannt. Die renommierte englische Theaterregisseurin gibt hier ihr Spielfilmdebüt. Ihre Herkunft aus dem Theater schimmert durch die Dialoglastigkeit des Drehbuchs daher besonders oft hervor, was ja kein Nachteil sein muss. Aufgrund der Komplexität des Stoffes und all den damit verbundenen Problemen des schwächelnden Skripts macht die häufig starre, theaterlastige Inszenierung das Seherlebnis dann zusätzlich aber bedauerlicherweise auch nicht wirklich besser. Trotz immer wieder durchscheinender, guter Ansätze und toller Momentaufnahmen kommt der Film somit leider nur selten wirklich in Fahrt. Dass Rourke auch in der Lage ist, tolle Filmbilder und -szenen zu entwickeln, beweist sie dennoch wiederholt eindrucksvoll. Vor allem den heimlichen Star des Films, die beeindruckenden Landschaften Schottlands und Nordenglands setzt sie gleich mehrfach wundervoll in Szene – ein Kompliment gilt hier auch der tollen Kameraarbeit von John Mathieson („Gladiator“).

… und schreckt auch vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurück

Auf die mittlerweile von einigen Historikern als Kritikpunkte geäußerten, mitunter bestehenden historischen Ungereimtheiten will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Sollte doch Historiendramen, als Gratwanderer zwischen Wirklichkeit und Fiktion ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit zugestanden werden, sofern zumindest die Essenz der Vergangenheitsdarstellung stimmt. Bezogen auf zwei Dinge will ich dennoch mein Unverständnis äußern: Bei gegenwärtigen Historienfilmen nehme ich einen Trend wahr, allzu oft krampfhaft unseren gegenwärtigen Zeitgeist auf frühere Epochen übertragen zu wollen. „Maria Stuart, Königin von Schottland“ treibt dies mitunter nahezu auf die Spitze, ist doch beispielsweise Lord Randolph, Elisabeths Botschafter in Schottland, mit dem dunkelhäutigen Darsteller Adrian Lester besetzt worden. Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich stehe mit ganzem Herzen für eine moderne, offene, gleichberechtigte, freie und vor allem von Diversität geprägte Gesellschaft ein. Ich verstehe aber nicht den Ansatz, dieses Konzept auch dem England des 16. Jahrhunderts unbedingt aufstülpen zu müssen, wo die Welt nun einmal leider noch gänzlich anders aussah. Rourke macht dies übrigens ganz bewusst, da sie, wie sie selbst sagt, einen weiteren von „Weißen dominierten“ Historienfilm vermeiden wollte. Finde ich ihren Grundgedanken natürlich an sich nicht verkehrt, so sollte man meiner Meinung nach doch bei den grundlegenden historischen Begebenheiten bleiben. Die Vergangenheit war nun einmal, wie sie war – ob es einem nun gefällt oder nicht. Es mag aber natürlich sein, dass ich hier ein wenig zu kleinlich bin. Was meint ihr? Hinterlasst gern eure Meinungen dazu in den Kommentaren.

Königinnen in einer männerdominierten Welt

Gleiches gilt für die Bewerbung von „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als ein Werk über zwei starke Frauen, die ihrer Zeit in einer patriarchalen Gesellschaft voraus waren – so beeindruckend die Tatsache weiblicher Herrscherinnen in einer von Männern absolut dominierten Welt auch sein mag. Sie waren weder feministische Aktivistinnen, die sich dieses Recht mühevoll erkämpft haben, da sie dies in erster Linie durch Thronfolge erhielten, noch jemals in der Lage, sich wirklich aus der Umklammerung der zeitgenössischen männlichen Dominanz zu befreien. Im Gegenteil, diese waren stets darauf aus, die Monarchinnen schnellstmöglich zu verehelichen und auf männlichen Nachwuchs eben dieser zu hoffen, damit sich wieder die „Normalität“ einstellen würde. Dennoch haben beide Herrscherrinnen es natürlich auf imposante Weise geschafft, ihre Duftmarken in der Geschichte zu hinterlassen. Gerade Elisabeths lange Herrschaft gilt bis heute als eines der Goldensten Zeitalter Englands. Umso erstaunlicher wirken auf mich dann auch die dieser bis heute ungemein populären wie geachteten Monarchin im Film mitunter in den Mund gelegten Worte. Begründet sie hier, bei einem einzigen fiktiven Zusammentreffen der beiden Cousinen, ihre Bewunderung gegenüber Maria doch vor allem in deren Schönheit sowie ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. Und nicht etwa mit deren Vehemenz, ihre Position trotz aller Widerstände behaupten zu wollen – auch wenn Maria da zugegebenermaßen natürlich leider nicht sonderlich erfolgreich war.

Saoirse Ronan – einfach königlich

Genug der Kritik, denn „Maria Stuart, Königin von Schottland“ hat auch einiges an positiven Aspekten zu bieten. Neben den tollen Landschaften ist ein weiteres Prunkstück des Films natürlich eine absolut beeindruckende schauspielerische Besetzungsliste. Überstrahlt wird der namhafte Cast insbesondere durch die wunderbare Saoirse Ronan als Maria Stuart. Nicht nur durch die optische Ähnlichkeit stellt sie eine absolute Traumbesetzung dar, denn wie die irisch-amerikanische Schauspielerin diese Rolle mit Leben ausfüllt und mit ihrer Präsenz jede Szene förmlich an sich reißt, ist wahrlich phänomenal – eine wirklich tolle Leistung und ein wahrer Hochgenuss, dabei zusehen zu dürfen. Nach „Lady Bird“ dürfte sie damit innerhalb kürzester Zeit erneut Hoffnungen auf den einen oder anderen renommierten Preis haben. Einfach toll!

Die ebenfalls großartige Margot Robbie („I, Tonya“) steht ihr in nichts nach – auch wenn das Drehbuch ihrer Elisabeth leider nur wenige Szenen zugesteht und sie statt einer Neben- schon fast zu einer Randfigur sowie Stichwortgeberin degradiert wird. Die Momente, die wir mit der berühmten englischen Monarchin im Film verbringen dürfen, meistert Robbie mit außerordentlicher Bravour. Ebenso lässt sich der restliche, eher männlich dominierte Cast mehr als sehen. Seien es die bekannten Gesichter Guy Pearce, David Tennant und Jack Lowden oder eher unbekannte Darsteller, von denen vor allem James McArdle als wiederholt die Seiten wechselnder Halbbruder der schottischen Königin Eindruck hinterlässt. An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass in der Pressevorführung dankenswerterweise die Originalfassung des Films gezeigt wurde und die schauspielerischen Leistungen insbesondere durch die hier präsentierte, wundervolle dialektische Vielfalt der englischen Sprache nochmals profitieren konnten. Wie das in der deutschen Fassung den gleichen Effekt erzeugen soll, kann ich daher über den unten verlinkten Trailer hinaus nicht erahnen. Wie soll man einen sprachlich so gesegneten Darsteller wie David Tennant synchronisieren?

Zwei Königinnen zum Trotz – die Geschicke werden in erster Linie von Männern gelenkt

Wer meine bisherigen Texte verfolgt hat, mag das eine oder andere Mal meine ausgeprägte Liebe zur Filmmusik bemerkt haben. Auch in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ stellt diese ein wahres Highlight dar. Komponiert von niemand geringerem als Max Richter („Shutter Island“) für mich persönlich vielleicht sogar eines der zentralen Highlights dieses Films, das neben der Hauptdarstellerin am meisten Eindruck bei mir hinterlassen hat – habe ich mich doch über die vergangenen Monate zu einem Fan des Stils des deutschen Komponisten entwickelt, der in jüngster Vergangenheit etwa auch bei „Werk ohne Autor“ zu überzeugen wusste. Insbesondere beim variationsreichen musikalischen Thema für die Hauptfigur Maria gelingt es ihm auf beeindruckende Weise, sowohl majestätische, jugendlich-leichte als auch verletzliche Töne zu einer musikalischen Untermalung zu kombinieren, die dieser tragischen Figur in all ihren Facetten gerecht wird. So ist es neben Ronan und Robbie insbesondere Max Richter zu verdanken, dass der Film auch immer mal wieder den Rahmen bekommt, den er eigentlich verdient. Dazu muss ich anmerken, dass ich erst beim Abspann erfahren habe, dass es sich bei dem Komponisten um Richter handelt, sodass ich den Soundtrack zuvor vollkommen unvoreingenommen als herausragend empfunden habe.

Wie lange kann Elisabeth ihre geachtete Kontrahentin vor dem Lauf der Geschichte schützen?

An kaum einer anderen Stelle des Films verbinden sich dessen positive Aspekte dann auch so gekonnt wie in der imposanten Einstiegssequenz. Nachdem bereits der Start mit dem bedrückend dargestellten Gang Marias zum Richtblock außerordentlich gelungen ist, übertrifft Regisseurin Rourke dies mit der anschließenden Inszenierung von deren erstmaliger Ankunft an der Küste Schottlands sogar. Hier verbinden sich alle positiven Einzelstücke zu einem beeindruckenden Seh- und Hörerlebnis: die Präsenz und die schauspielerische Kraft von Saoirse Ronan, der Ritt samt ihres Gefolges durch die imposante Landschaft der Berge Schottlands, getragen von der majestätischen musikalischen Untermalung Max Richters – nach diesen ersten Minuten saß ich beeindruckt, erwartungsvoll und beinahe schon frohlockend in meinem Kinosessel und erfreute mich ein ums andere Mal an meinem Kritikerdasein.

Da war mehr drin

Leider werden diese filmischen Lichtblicke in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ danach nur noch viel zu selten erreicht. Stattdessen verlor ich aufgrund der Vielzahl an zähen Dialogstafetten irgendwann tatsächlich häufig einfach das Interesse daran, was denn nun eigentlich auf der Leinwand passiert. So muss ich leider konstatieren, dass Josie Rourke mit ihrem Werk bei mir keinen sonderlich bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Auch wenn er seine tollen Momente hat und daher auch trotz viel Leerlauf immer noch sehenswert ist – bei den herausragenden Möglichkeiten kann man daher leider nur von einer vertanen Chance auf großes Kino sprechen. Schade.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Guy Pearce sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das Schicksal meint es nicht gut mit der schottischen Monarchin

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Mary Queen of Scots
GB 2018
Regie: Josie Rourke
Drehbuch: Beau Willimon, nach einer Vorlage von John Guy
Musik: Max Richter
Besetzung: Saoirse Ronan, Margot Robbie, Guy Pearce, David Tennant, James McArdle, Jack Lowden, Gemma Chan, Adrian Lester, Brendan Coyle, Joe Alwyn, Martin Compston, Maria-Victoria Dragus, Ismael Cruz Cordova
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH,
Szenenfotos: © 2018 Focus Features LLC. All rights reserved.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/01/14 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Silent Movie – Mel Brooks’ Stummfilm-Verrücktheit

Silent Movie

Von Lutz R. Bierend

Komödie // Dem jüngeren Publikum ist der Name Mel Brooks vermutlich eher aufgrund der „Star Wars“/SciFi-Persiflage „Spaceballs“ von 1987 bekannt. Mit „Robin Hood – Helden ins Strumpfhosen“ (1993) und „Dracula – Tot aber glücklich“ (1995) unternahm der Filmemacher in den 90ern zwei weitere mehr oder weniger lustige Versuche, berühmte Kinovorlagen durch den Kakao zu ziehen. Wenn man dieses späte Œuvre des Regisseurs Mel Brooks betrachtet, mag man es kaum glauben, dass dieser Mann in den 70ern nicht nur ein erfolgreicher, sondern auch außerordentlich lustiger Komiker und Regisseur war. Er ist bekannt für das Zitat „Ich bin der einzige Jude, der jemals einen Dollar mit ‚Hitler verdient hat“, denn nicht nur hat ihm sein Debüt „Frühling für Hitler“ („The Producers“) 1969 seinen ersten und einzigen Oscar eingebracht (bestes Drehbuch) und ihn als Komödien-Regisseur etabliert, auch war die Musicalversion, die er von diesem Stoff 2001 am Broadway herausgebracht hat, das erfolgreichste Musical seit dreißig Jahren: Die Bühnenversion war für 15 Tonys (den Broadway-Oscar) nominiert, von denen sie zwölf gewonnen hat (mehr als jedes andere Musical zuvor), und lief dort sechs Jahre in Folge. Dass „Frühling für Hitler“ in Deutschland kein Erfolg war, lag wohl vor allem am deutschen Filmtitel und dem in Deutschland verständlicherweise etwas verkrampfteren Umgang mit Komödien, die sich über den GröFaZ lustig machen.

Der Schöne und das Biest: Vilma Kaplan soll Mel Funn das Herz brechen

Insofern erfreulich, dass sich Pidax Film Mel Brooks’ früherem Werk angenommen hat und „Mel Brooks’ letzte Verrücktheit – Silent Movie“ in einer neu gemasterten Version auf den Markt bringt. Mit „Silent Movie“ erstellte Mel Brooks eine Hommage an die Helden der Stummfilmzeit, die in den frühen Tages des Kinos mit Slapstick die Massen amüsierten.

Stummfilmer erwacht nach 40 Jahren aus dem Koma

Der Film erzählt die Geschichte von Mel Funn, einem alten Stummfilm-Regisseur, der nach 40 Jahren aus dem alkoholbedingten Koma erwacht und sein altes Studio mit der neuesten Idee zu überzeugen versucht: einem Stummfilm. „Slapstick is Dead!“, wird ihm entgegengeworfen, und erst als er verspricht, die größten Stars der 70er für diesen Film zu engagieren, beginnen die Registerkassen vom Boss von „Big Pictures“ zu klingeln, denn das Studio befindet sich in finanzieller Not. In einer Zeit, in der sich das Fernsehen zu einer großen Konkurrenz entwickelt hat, braucht fast jedes der großen Studios eben endlich mal wieder einen echten Kassenschlager.

Fast prophetisch: Popcorn in der Mülltonnenportion

„Silent Movie“ erzählt, wie Mel Funn eben diese Stars zur Mitarbeit an seinem Stummfilm überredet, und der Cast des Films liest sich wie ein Who’s Who der 70er-Jahre-Stars: Burt Reynolds, Paul Newmann, James Caan, Liza Minelli und Anne Bancroft sowie der französische Pantomime Marcel Marceau, der paradoxerweise als einziger Darsteller überhaupt etwas sagt: ein einziges Wort, was „Silent Movie“ einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde einbrachte – für die wenigsten gesprochenen Zeilen in einem Tonfilm.
Doch mit der Besetzung der Stars ist es für Mel Gunn nicht getan, denn die bösartige Investorengemeinschaft „Engulf & Devour“ (in der deutschen Synchronisation: „Gierschlund und Raffke“) hat sich vorgenommen, das strauchelnde Studio aufzukaufen und setzt daher alles daran, die Premiere des Stummfilms zu verhindern.

Slapstick inspiriert von wahren Begebenheiten

Mel Brooks lebt sein Faible für Absurditäten und Slapstick voll aus, und er gibt vielen Stars der Stummfilmära Gelegenheit, noch einmal ihr Talent in Szene zu setzen. Ironischerweise basiert „Silent Movie“ quasi auf einer wahren Geschichte. Zwar lag Mel Brooks nicht 40 Jahre im Koma, aber als er mit seiner Idee, eine Hommage an Harold Lloyd und Buster Keaton zu drehen, bei Twentieth Century Fox vorstellig wurde, wollte man ihn vor die Tür setzen. Das Studio hatte gerade finanzielle Probleme und wollte sich nicht von so einer absurden Geschichte die Bilanz verhageln lassen. Zwar hatte Mel Brooks 1974 mit „Frankenstein Junior“ und „Der Wilde Wilde Westen“ zwei der erfolgreichsten Fox-Filme des Jahres beigesteuert, aber einen Stummfilm? In den 70ern? Das Unternehmen Gulf and Western Industries hatte ein paar Jahre zuvor schon Paramount übernommen, obwohl es nichts von Film verstand, und tatsächlich waren solche Firmen auch an einer Übernahme der Fox-Studios interessiert und lieferten das Vorbild für „Engulf and Devour“ im Film. Erst als Mel Brooks versprach, er würde für diesen Film große Stars ranschaffen, gab Fox das Okay, und siehe da: „Silent Movie“ wurde ein Erfolg.

Beim Who’s Who der 70er-Jahre-Stars darf Liza Minnelli nicht fehlen

Mel Brooks muss ein sehr überzeugender Verhandlungspartner gewesen sein, denn er schwört, dass keiner seiner Stars mehr als 300 Dollar Tagesgage haben wollte. Auch wenn man damals von Millionengagen heutiger Tage weit entfernt war, lag das weit unter den üblichen Stargagen. Es schien allen doch ein zu verlockender Spaß zu sein, in der eigenen Identität aufzutreten und mit ihren Starklischees zu kokettieren. Anne Bancroft (damals schon mit Brooks verheiratet) als ewige Mrs. Robinson, die sich von sechs jungen Kerlen gleichzeitig den Hof machen lässt, Burt Reynolds, der zu dieser Zeit eher als harter Mann im Kino zu sehen war, spielt sich so ironisch selbstverliebt, dass sich kein Karikaturist getraut hätte, ihn so überzogen darzustellen. Die beste Szene hat sich wohl Paul Newman herausgepickt: Mit seiner Verfolgungsjagd im elektrischen Rollstuhl durfte er seiner Leidenschaft für den Motorsport frönen.

Unterschätzt: „Das Leben stinkt“

„Silent Movie“ ist voller absurder Ideen – die absurdesten sind in der Endfassung sogar noch rausgeschnitten worden – und legendärer Szenen. Wenn der deutsche Titel von „ Mel Brooks’s letzter Verrücktheit“ spricht, ist das übrigens fast prophetisch zu verstehen, denn „Silent Movie“ ist der letzte Film von Mel Brooks, der sich nicht darauf beschränkte, die Filmgeschichte zu persiflieren, und leider muss man sagen, dass seine Persiflagen selten auf dem Niveau der ZAZ-Filme wie „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ (1980), „Top Secret“ (1984) oder „Die nackte Kanone“ (1988) liegen. Einzige Ausnahmen: seine Hitchcock-Hommage „Höhenkoller“ (1977) und die 1991 weit unter Wert gelaufene Komödie „Das Leben stinkt“, die sein Talent in einer originären Geschichte ahnen lässt.

Bedauerlicherweise hat Pidax Film bei dieser Neuveröffentlichung mit den Extras gegeizt. Während die US-Blu-ray ausführlich über die Entstehungsgeschichte und die historischen Vorbilder des Slapsticks informiert, muss man sich bei der Neuauflage mit einer Bildergalerie und dem Trailer begnügen. Das lässt eine Empfehlung der DVD schwerfallen, Auch wenn die Komödie selbst sicher zu den amüsantesten Mel-Brooks-Filmen zählt.

In Ritterrüstung die Kantine zerlegen – wem würde das keinen Spaß machen?

Veröffentlichung: 23. November 2018 und 3. Juli 2003 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Silent Movie
USA 1976
Regie: Mel Brooks
Drehbuch: Mel Brooks, Ron Clark, Rudy De Luca, Barry Levinson
Besetzung: Mel Brooks, Marty Feldman, Dom DeLuise, Sid Caesar, Harold Gould, Ron Carey, Bernadette Peters, Carol Arthur, Liam Dunn, Fritz Feld, Chuck McCann, Liza Minnelli, Burt Reynolds, James Caan, Anne Bancroft, Marcel Marceau, Paul Newman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailer, Wendecover
Label: Pidax Film (2018), Twentieth Century Fox Home Entertainment (2003)
Vertrieb 2018: Al!ve AG

Copyright 2019 by Lutz R. Bierend
Szenenfotos & Packshot: © 2018 Pidax Film

 

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Jean-Claude Van Damme (XX): The Bouncer – Falschgeld im Stripclub

Lukas

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Einst arbeitete Lukas (Jean-Claude Van Damme) als Bodyguard in Südafrika, doch nach dem Mord an seiner Frau ist er nach Belgien zurückgekehrt. Um seine achtjährige Tochter Sarah (Alice Verset) zu versorgen, schlägt er sich als Türsteher einer Disco durch. Nach einem Zwischenfall mit einem renitenten Gast wird er gefeuert. Er erhält aber die Chance, als Türsteher im Stripclub von Jan Dekkers (Sam Louwyck) anzufangen. Das Bewerbungsverfahren gestaltet sich rabiat: „Der Letzte, der noch steht, bekommt den Job“, so Dekkers’ rechte Hand Geert (Kevin Janssens). Lukas erhält den Job.

Das Augenmerk von Lukas gilt …

Der Vorfall in der Disco holt ihn jedoch schnell ein: Lukas wird von Ermittlern abgefangen und zu deren Chef Zeroual (Sami Bouajila) gebracht, der ihn unter Druck setzt. Dekkers sei groß im Falschgeld-Geschäft aktiv, Lukas soll Zeroual als V-Mann mit Informationen versorgen.

… einzig seiner Tochter Sarah

Ab und zu explodiert in „The Bouncer“ auch die Action, so etwa in erwähntem Auswahlverfahren für den Job im Stripclub. Insgesamt kommt der Film des französischen Regisseurs und Produzenten Julien Leclercq aber als ruhiger Neo-noir-Thriller daher. Die Kamera setzt dabei überzeugend in düsteren Bildern Jean-Claude Van Damme als Antihelden in den Fokus. Der belgische Actionstar spielt das angemessen reduziert, sein „Bouncer“ (englisch für Türsteher) sorgt sich in erster Linie um seine Tochter und tut das in seinen Möglichkeiten stehende, um die schwierige Situation unbeschadet zu überstehen und weiterhin für Sarah da sein zu können. Eine sich anbahnende Beziehung mit der Stripclub-Angestellten Lisa (Sveva Alviti) ist da zweitrangig. Allerdings macht sich das Fehlen eines starken Antagonisten bemerkbar.

Aufschwung im Karriereherbst von Jean-Claude Van Damme

Jean-Claude Van Damme hat mit einigen im Karriereherbst lieblos in Osteuropa heruntergekurbelten Streifen natürlich auch einige Stinker in der Filmografie – das verbindet ihn mit diversen in den 80er-Jahren groß gewordenen Actionstars. Er scheint aber die Kurve ganz gut gekriegt zu haben. Seine Martial-Arts-Einlagen reduziert das Karate- und Bodybuilding-Ass mittlerweile altersbedingt etwas, das geht auch völlig in Ordnung. Ab und zu zeigt er sein körperliches Können dann aber doch. Löblich, dass ihm Drehbuch und Regie wie im Falle von „The Bouncer“ schauspielerisch nicht mehr abverlangen, als er leisten kann, so bleibt sein Lukas glaubwürdig. Ein humorfreier, trotz einiger Wendungen schnörkelloser Actionthriller, der sich nicht allzu weit von Genrestandards absetzt, aber ausreichend genug, um als so erfreulicher wie erfrischender Beitrag in Van Dammes Filmografie ins Ziel zu gehen. Auf diesem Niveau darf der Belgier gern noch eine Weile abliefern.

Der Türsteher hält sich fit

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jean-Claude Van Damme sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Zeroual verpflichtet ihn für einen heiklen Job

Veröffentlichung: 6. Dezember 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Lukas
F/BEL 2018
Regie: Julien Leclercq
Drehbuch: Jérémie Guez
Besetzung: Jean-Claude Van Damme, Sveva Alviti, Sami Bouajila, Sam Louwyck, Kaaris, Kevin Janssens, Alice Verset, Dimitri „Vegas“ Thivaios, Carlos Schram, Catherine Haduca
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Constantin Film
Vertrieb: Highlight

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2018 Constantin Film

 

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