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Der Goldene Handschuh – Wo Siff und Suff regieren

Der Goldene Handschuh

Kinostart: 21. Februar 2019

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Auf der Berlinale 2004 feierte Fatih Akin mit dem Gewinn des Goldenen Bären für „Gegen die Wand“ seinen internationalen Durchbruch. Der Beginn einer eindrucksvollen Karriere für den Hamburger Regisseur, welche 2018 mit der Verleihung des Golden Globes für den besten nicht-englischsprachigen Film „Aus dem Nichts“ einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. 2019 präsentierte Fatih Akin nun im Wettbewerb der Berlinale sein neuestes Werk „Der Goldene Handschuh“, der nur wenige Tage nach der dortigen Weltpremiere auch schon in den deutschen Kinos anläuft.

Willkommen in der Vorhölle

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk erzählt Fatih Akin die Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den 1970er-Jahren in Hamburg sein Unwesen treibt. Seine Opfer gabelt der alkoholkranke Mittdreißiger in seiner Stammkneipe „Der Goldene Handschuh“ auf. Die versiffte Kiezspelunke ist Anlaufstelle für verlorene Seelen, die ihr Leben nur noch im Suff ertragen können. Bei Bier, Schnaps und Zigaretten weckt die Schlagermusik aus der Jukebox wehmütige Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Jeder der Stammgäste hat dort einen Spitznamen bekommen, sei es Doornkaat-Max (Hark Bohm), Soldaten-Norbert (Dirk Böhling) oder schlicht Anus (Simon Gorts). Da hat es Fritz Honka (Jonas Dassler) mit „Fiete“ doch wesentlich besser getroffen. Einmal, so erzählt Wirt Herbert Nürnberg (Uwe Rohde), habe ein Gast zwei Tage und zwei Nächte auf dem Hocker bewegungslos herumgehangen. Er war schon tot. Wegen des Schichtwechsels habe es niemand bemerkt. Alle dachten, der Mann habe eben nur einen gesunden Schlaf. „Der Goldene Handschuh“ ist eine Art Vorhölle, aus der höchstens Heilsarmee-Majorin Gisela (Victoria Trauttmansdorff) einen Ausweg auf Zeit bieten kann.

Fritz Honka vor seiner Stammkneipe

Da Honkas Gesicht schwer deformiert ist, hat er keine Chancen bei den Frauen. Um seine sexuellen Triebe zu befriedigen, muss er sich so zwangsweise an ältere, vereinsamte Säuferinnen wie Gerda (Margarete Tiesel) wenden, die er zunächst auf einige Gläser seines Lieblingsgesöffs Fanta-Korn einlädt, bevor er die verzweifelten Geschöpfe mit der Aussicht auf mehr Schnaps in seine verschmutzte kleine Wohnung in der Zeißstraße 74 in Hamburg-Ottensen einlädt. Wenn sie ihm dort nicht gefügig sind, gebraucht Honka auch schon mal Gewalt …

Leichenduft oder Hammelfleisch?

Erstmals hörte ich von dem wahren Fall Fritz Honka bei der von Studio Braun inszenierten Theater-Adaption des Romans, welche im Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit Charly Hübner in der Hauptrolle aufgeführt wird. Zwischen 1970 und 1974 beging Honka vier Frauenmorde. Er zersägte die Frauen, die Leichenteile versteckte er jahrelang in seiner Wohnung. Den Gestank versuchte er mit Duftspray und Wunderbäumen zu übertünchen. Wenn sich jemand über den seltsamen Geruch beschwerte, schob er diesen auf die griechischen Nachbarn, die täglich ihre fremdartigen Gerichte wie Hammelfleisch mit Knoblauch zubereiten würden. Nur durch einen Zufall wurde Honka geschnappt. Niemand hatte die Ermordeten als vermisst gemeldet. Eine unglaublich, aber wahre Geschichte.

Abscheu und Faszination

Fatih Akin führt uns ein in Honkas Welt, wo Siff und Suff regieren. Wenn man in die im Studio nachgebaute Kneipe und der detailgetreuen Wohnung mit den ausgeschnittenen Bildern von Pin-up-Girls an den Wänden reingeht, will man am liebsten rückwärts wieder raus. Die vulgäre Sprache, der Dreck, die fettigen Haare und verschwitzte Kleidung der Protagonisten sowie der Gestank, der uns im Kino zum Glück erspart bleibt, aber vorstellbar ist – all dies Elend ist schwer zu ertragen. Doch wie bei fast allen True-Crime-Geschichten entwickelt sich beim Zuschauer durch den Blick in die gesellschaftlichen und menschlichen Abgründe eine Mischung aus Abscheu, aber auch Faszination. Der schmale Grat besteht allerdings darin, das alles nicht billig ausbeuterisch darzustellen, sondern im Kontext der Erzählung. Und in dieser Hinsicht das richtige Maß zu finden, fällt Akin sichtlich schwer.

Immer am Schnacken: Wirt Herbert (l.) und Honkas Bruder Siggi (Marc Hosemann)

Fritz Honkas Gewaltausbrüche gegen Frauen zeigt Akin offen. Die Penetrationen mit dem Kochlöffel und das Zersägen der Körperteile gleich zu Beginn werden hingegen aus sicherer Distanz beziehungsweise verdeckt gezeigt. Der Horror soll hier im Kopf des Zuschauers entstehen. Wenn dann aber bei der Sägearbeit durch die Tonspur das Spritzen und Blubbern des Bluts immer lauter aufgedreht wird, wirkt es doch so wie in einem Splatterfilm. Die FSK-18-Freigabe ist auf jeden Fall gerechtfertigt. Dennoch sollte man hier keinen Skandalfilm erwarten, der irgendwelche Tabus bricht. Da war selbst der recht harmlose „The House that Jack Built“ von Lars von Trier härter, obwohl darin auch nicht allzu viel Explizites gezeigt wurde.

Honka steht im Vordergrund

Irgendwann hat man sich an den sich häufig wiederholenden Abgründen und Gewalttaten sattgesehen. Und dann bleibt von „Der Goldene Handschuh“ leider nicht viel übrig – bis auf eine starke Darbietung von Jonas Dassler, der mit seiner Maske wirklich furchterregend aussieht, und Margarete Tiesel, die durch ihr Mitwirken in „Paradies: Liebe“ (2012) von Ulrich Seidl schauspielerisch schon einige Extreme durchlitten hat und deren gedemütigter Figur Gerda man von allen noch am meisten Empathie entgegenbringt.

Ein Gläschen für Gerda in Honkas Wohnung

„Der Roman erzählt die Story einer Kneipe, wir erzählen die Story eines Serienkillers, der sich ständig in dieser Kneipe herumtreibt. Alles, was nicht irgendwie mit Fritz Honka zu tun hat oder zielsicher zu Fritz Honka führt, hatte im Film nichts verloren. Das ist im Roman anders.“ So wird Produzent Herman Weigel im Presseheft zitiert. An einer Milieustudie ist der Film also nicht interessiert, deshalb wird man mit den Trinkergesellen in der Kneipe auch nie wirklich warm. Die Männer und Frauen, die den „Goldenen Handschuh“ besuchen, dienen nur als Staffage, ab und an dürfen sie mal einen Spruch ablassen. Auch die parallel ablaufende Geschichte über die Reedereifamilie wird fast komplett fallen gelassen – sie verleiht dem Buch zusätzliche Tiefe.

Der böse Alkohol

Gleichzeitig zeigt sich durch diese Entscheidung auch das größte Probleme in Akins Werk: Er stellt Fritz Honka als triebgesteuertes Monster dar, das durch den Suff alle Hemmungen verliert und zum Mörder wird. Mehr Ebenen gibt es offenbar bei ihm nicht. Dies zeigt sich besonders, als Honka dem Suff entsagt, weil er eine feste Stelle als Nachtwächter im Shell-Gebäude gefunden hat. Als er dort bei einer Feier mit Putzfrau Helga (Katja Studt) und deren Gatten seit langer Zeit wieder Alkohol trinkt, verfällt er sofort wieder in alte Muster und wird handgreiflich. Ja ja, der böse Alkohol macht alles kaputt. Es fällt kaum ein Wort über Honkas Vergangenheit, etwa darüber, dass sein entstelltes Gesicht nicht angeboren, sondern Folge eines Verkehrsunfalls ist, in welchen er 1956 verwickelt war. Auch von seiner Heirat und seinen Söhnen wird nichts erzählt. Zwar ist es Akin hoch anzurechnen, dass er Honka nicht glorifizieren will, er lässt auch kein falsches Mitleid aufkommen und stellt keine Erklärungsversuche aus seiner Vergangenheit dar, die seine grausamen Taten in gewisser Weise legitimieren sollen. Dennoch ist das Gezeigte zu wenig, um ein ordentliches Psychogramm eines Serienmörders zu zeichnen, welcher am Rande der Gesellschaft sein Unwesen treibt.

Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt!

Länge: 110 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: Der Goldene Handschuh
Internationaler Titel: The Golden Glove
D/F 2019
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk
Besetzung: Jonas Dassler, Marc Hosemann, Adam Bousdoukos, Katja Studt, Margarete Tiesel, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Tristan Göbel, Barbara Krabbe, Dirk Böhling, Victoria Trauttmansdorff
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Auf der Berlinale-Pressekonferenz: Margarete Tiesel, Jonas Dassler, Fatih Akin und Heinz Strunk (v. l.)

Filmplakat & Fotos: © 2019 Warner Bros. Pictures Germany

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/02/19 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Green Book – Eine besondere Freundschaft: So etwas können wir gerade gut gebrauchen

Green Book

Kinostart: 31. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Tragikomödie // Mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachtet Frank „Tony Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen, „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“) eindringlich zwei leere Gläser in der Spüle seiner Wohnung, die er sich mit seiner Frau Dolores (Linda Cardellini) und seinen zwei jungen Söhnen teilt. Hat besagte Ehefrau aus diesen Gläsern doch kurz zuvor erst zwei afroamerikanischen Klempnern Wasser zum Trinken angeboten. Im Amerika der 1960er-Jahre und insbesondere der New Yorker Bronx war ein Besuch ebensolcher Handwerker wohl nicht nur Grund genug, dass die halbe Verwandtschaft zu Besuch kam, um die scheinbar schutzlose Hausfrau zu beschützen. Auch Frank lässt sich von der rassistischen Grundstimmung seiner anwesenden Verwandten und Freunde nur allzu leicht dazu verleiten, die Handwerker mit skeptischen Blicken zu bedenken und später die besagten Trinkgefäße doch lieber still und heimlich im Mülleimer zu entsorgen.

Solange die Bezahlung stimmt, ist Tony für fast jeden Job zu haben

Frank ist ein grundsolider, eher einfach gestrickter Typ und gerade deswegen im Grunde genommen ein an sich herzenssympathischer Zeitgenosse. Seinen deutlich leichter von der Zunge gehenden Spitznamen „Tony Lip“ (sein Nachname wird im Film noch einige phonetische Komplikationen verursachen) hat er sich bereits zu Schulzeiten redlich verdient – scheint der Gute doch tatsächlich in der Lage zu sein, sich mit seiner verbalen Schlagfertigkeit wirklich aus jeder Situation noch irgendwie herausquasseln zu können. In der Schule hat er es allerdings nicht über die siebte Klasse hinaus geschafft. Seine wahre Schule war die harte Realität des Lebens auf den Straßen in der New Yorker Bronx. Dort hat er nahezu jeden noch so ungemütlichen Job ausgeübt, den es für einen Italo-Amerikaner aus der Arbeiterschicht dort gibt.

Liebender Familienvater – Knallharter Türsteher

So auch seine aktuelle Beschäftigung als Türsteher im renommierten Nachtclub „Copacabana“. Bei der der kompromisslose Haudegen nicht einmal davor zurückschreckt, frevelhafte Gäste rüde aus dem Laden zu werfen, selbst wenn er von deren Mafia-Verbindungen weiß. Als das Etablissement kurz nach seiner letzten Rauswurfaktion für einige Monate wegen Renovierungsarbeiten schließen muss, bekommt Tony Wind vom Jobangebot eines gewissen „Doc“ Shirley, der für acht Wochen einen Fahrer sucht. Im Glauben, es mit einem wohlhabenden Arzt zu tun zu haben, der bestimmt gutes Geld springen lässt, macht er sich erwartungsvoll auf den Weg zum Vorstellungsgespräch. Die finanzielle Versorgung seiner Familie hat für ihn stets höchste Priorität.

Doc (r.) ist nicht der ganz der Auftraggeber, den Tony erwartet hat

Umso erstaunter ist er, als er in dessen New Yorker Luxuswohnung direkt über der berühmten Carnegie Hall als Auftraggeber nicht den von ihm erwarteten weißen Arzt vor sich hat, sondern einen weiteren Afroamerikaner (Mahershala Ali, „Moonlight“). Dieser stellt sich als „Doc“ Don Shirley vor, seines Zeichens nicht nur ein überaus gebildeter Mann, sondern auch ein außerordentlich talentierter, aufstrebender Konzertpianist. Dessen Plattenlabel will ihn auf große Konzert-Tour durch den Mittleren Westen und vor allem den Süden der USA schicken. In den 1960ern-Jahren stellt das aufgrund von Shirleys Hautfarbe ein Unterfangen dar, dass mit gewissen Risiken verbunden ist.

Der richtige Mann für den Job?

Dank seiner Fertigkeiten scheint Tony für den Job als fahrender Bodyguard perfekt geeignet zu sein. Und obwohl die grundverschiedenen Männer bereits beim Vorstellungsgespräch verbal auf Kollisionskurs gehen, bekommt er schlussendlich dennoch den Job. Tonys wichtigstes Hilfsmittel bei der anstehenden Tour: das berüchtigte „Green Book“, das Lokale und Motels auflistet, in denen auch schwarze Amerikaner willkommen sind beziehungsweise solche Herbergen, in denen ausschließlich afroamerikanische Bürgerinnen und Bürger bewirtet und untergebracht werden.

Die beiden Männer könnten in ihren Wesenszügen kaum unterschiedlicher sein

Zu Beginn des mehrwöchigen Roadtrips entsteht jedoch der Eindruck, als werde der gefürchtete, stets lauernde Alltagsrassismus gar nicht das größte Problem sein. Vielmehr scheinen die endlosen gemeinsamen Stunden im Auto für die beiden Extremcharaktere eine viel größere Herausforderung darzustellen. Wem der beiden Männer wird es schwerer fallen, mit seinem ungewohnten Mitfahrer klarzukommen?

Buddy-Komödie mit ernstem Hintergrund

Trotz des ernsten und vor allem bedrückenden historischen Hintergrunds schafft es Regisseur Peter Farrelly, dass Potenzial der gemeinsamen, kammerspielartigen Zeiten seiner beiden Protagonisten auf äußerst unterhaltsame Weise für einen überraschenderweise ausgesprochen humorvollen Film zu nutzen. Im Gegensatz zum slapstickartigen und mitunter etwas stumpfen Humor seiner ersten Regieerfolge wie „Dumm & Dümmer“ (Regiedebüt 1994) und etwa „Verrückt nach Mary“ (1998) gelingt es dem komödienerfahrenen Regisseur in „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ jedoch, dessen komödiantische Möglichkeiten mit ungemein viel Feingefühl und intelligentem Wortwitz anspruchsvoll zur vollen Entfaltung kommen zu lassen.

Der belesene Doc hält vor allem von Tonys vulgärer Sprache nicht sonderlich viel

Sein größtes Glück ist hierbei natürlich, auf zwei fantastische Hauptdarsteller setzen zu dürfen. Die hauchen den sympathischen und hochinteressanten Figuren mit ihrer Schauspielkunst nicht nur eine Menge Leben und Wärme ein, sondern harmonieren darüber hinaus auch bestens im Zusammenspiel. Viggo Mortensen verkörpert den leicht dickbäuchigen, dauerquasselnden Vielfraß Tony sprichwörtlich mit Haut und Haaren – man muss ihn als Typen einfach gern haben. Einen wie „Tony Lip“ wüsste wohl jeder gern als Beschützer an seiner Seite. Seine dennoch mitunter etwas rüde anmutenden Verhaltensweisen, sein ausgeprägter Straßenslang – all das steht im krassen Gegensatz zum stets zugeknöpften und außerordentlich bedacht agierenden Doc Shirley.

Finden Sie es eigentlich gut, wie Sie reden?

Für den kann es derzeit kaum einen besseren Darsteller geben als Mahershala Ali. Kann er doch zum wiederholten Male durch seine Fähigkeit zur Darstellung von vornehmlich zurückhaltend und verschlossen agierenden Charakteren überzeugen, deren wenige aber umso imposantere Gefühlsausbrüche durch sein kraftvolles Spiel dadurch umso beeindruckender wirken. Erneut weise ich darauf hin, auch diesen Film nach Möglichkeit in der englischsprachigen Originalfassung zu schauen. Nicht nur wegen des von Mortensen präsentierten, großartigen New Yorker Slangs. Ein beachtlicher Teil der Komik des Films beruht auf Tonys vermeintlichen sprachlichen Defiziten sowohl in Aussprache als auch Grammatik und Inhalt – zumindest in den Augen von Doc Shirley, der dies seinen Fahrer nur zu gern und wiederholt wissen lässt. Inwiefern das in der deutschen Fassung gleichwertig umgesetzt werden kann, kann ich nicht beurteilen.

Nichtsdestotrotz müssen sie sich miteinander arrangieren

Doch schlägt „Green Book“ notwendigerweise auch immer wieder ernste Töne an. Das Thema Rassismus wird trotz all der zahlreichen, humorvollen Momente sowie der feinen Komik immer wieder mit allem nötigen Ernst und Respekt angemessen in Erinnerung gerufen. Gerade die humorigen Elemente sowie die zunehmende Freundschaft, die sich zwischen den so unterschiedlichen Protagonisten entwickelt, sind als Gegengewicht zur Ernsthaftigkeit mancher Sequenzen eine ausgesprochen gute Wahl. Wird hierdurch der Rassismus doch vor allem als das entlarvt, was er ist: eine himmelsschreiende Dummheit, ohne nachvollziehbare Grundlage, ohne Recht auf Existenz. Gerade Tony ist durch seine manchmal etwas einfach anmutende, naive Art als Figur besonders gut in der Lage, die Absurdität hinter dem „Konzept“ einer rassistischen Weltanschauung im Lauf der Geschichte immer stärker herauszustreichen. Dadurch legt er bei seinen Gegenübern deren fehlende argumentative Basis für deren auf Vorurteilen basierendes Weltbild schonungslos offen.

Ein Mann, bereit sich zu ändern

Tonys zunächst noch bestehender latenter Rassismus, der in seiner anfänglichen Glasbeseitigungsaktion zum Ausdruck kommt, entspringt ein Stück weit auch seinem mangelnden Wissen von der Welt außerhalb der Bronx. Ist er doch mitunter beinahe schon von einer kindlichen Überraschung befallen, wenn er etwa feststellen muss, dass sich Doc überhaupt nicht so verhält, wie „seine Leute“ es doch eigentlich tun würden – zumindest in Tonys Vorstellung, versteht sich. Seine gemeinsame Zeit mit dem Pianisten versetzt ihn in die Lage, zu lernen, dass die Welt nicht immer die zu sein scheint, die sie in ihrer tückischen Einfachheit manchmal zu sein vorgibt. Und insbesondere Tonys Frau Dolores profitiert dabei besonders von der intellektuellen Nachhilfe durch Doc.

Tonys Ehefrau Dolores ist von der ungewohnt poetischen Seite ihres Mannes überrascht und berührt

Besonders tragisch angelegt ist dagegen die Figur des Doc als verlorene, einsame Seele zwischen den Welten. Trotz seiner begnadeten Talente am Klavier und seiner guten Bildung – von den meisten „Weißen“ wird er dennoch nie als einer der „Ihren“ angesehen. Wohingegen er, im feinen Anzug und mit entsprechender Attitüde, in den heruntergekommenen Motels „seiner Leute“ ebensowenig Anschluss findet. Dass Doc darüber hinaus auch noch homosexuell zu sein scheint, macht die ganze Sache für ihn erst recht nicht einfacher.

Doc hingegen scheint nirgends so wirklich dazuzugehören

Aber auch der daher verständlicherweise zurückhaltend agierende Doc ist wiederum in der Lage, dank Tonys Unbedarftheit ganz andere Facetten des Lebens kennenzulernen und seinem „wahren Ich“ vielleicht ein Stück weit näherzukommen. Umso toller wirkt die Beobachtung der filmischen Entwicklung dieser wunderbaren Freundschaft, in der beide Männer zunehmend voneinander zu lernen verstehen und ihre Ressentiments überwinden können.

Auf der Bühne ist er jedoch ganz in seinem Element

Die Geschichte wirkt umso großartiger, wenn man sich deren Echtheit vor Augen führt: Bis ins hohe Alter waren die realen Vorbilder eng miteinander befreundet und starben nur wenige Monate voneinander. Interessanterweise hat Tonys Sohn Nick Vallelonga dann auch am Drehbuch der filmischen Umsetzung dieser berührenden Freundschaft mitgewirkt, der in der amerikanischen Filmwelt bereits vielfältige Erfahrungen sammeln konnte – unter anderem als Schauspieler („GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“) sowie Regisseur („Stiletto“). Für eine gewisse Authentizität ist in „Green Book“ also gesorgt – und auch den titelgebenden Reiseführer hat es leider tatsächlich gegeben.

Ein Film, den wir gerade gut gebrauchen können

Der populäre US-Komiker Seth Myers hat in seiner Late-Night-Show ein Segment mit dem Titel „The Kind of Stories We Need Right Now“, in der er besonders skurrile und vor allem positive Meldungen aus aller Welt vorstellt und somit ein Gegengewicht zu dem Irrsinn aus Trumps Präsidentschaft zu setzen versucht, mit dem er sich ansonsten mehrheitlich beschäftigt. In diesem Sinne kann man auch „Green Book“ durchaus als einen Film betrachten, den man aufgrund seiner positiven Botschaft und Feel-Good-Movie-Attitüde gerade in der heutigen Zeit gern anschauen mag. Denn der im Film behandelte Rassismus sowie die rüde wie stumpfsinnige Ablehnung gegenüber Fremden allgemein ist gewiss kein Relikt der hier behandelten Zeit. Ganz im Gegenteil, sind die Ewiggestrigen doch nahezu überall auf dem Vormarsch, wie es scheint – zumindest muss man sie und ihre Ansichten leider wieder zunehmend wahrnehmen.

Trotz seiner Berühmtheit muss der Pianist schmerzhaft feststellen, dass er nicht überall willkommen ist – Tony (r.) versteht die Welt nicht mehr

Wenn man bei „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ zumindest mal nach etwas Anlass zur Kritik Ausschau halten will, dann lässt sich anführen, dass dieser positive Grundtenor und die Moral von der Geschichte mitunter ein klein wenig zu dick aufgetragen sind. Ebenso wie die manchmal etwas zu offensichtlichen Entwicklungen der beiden Hauptfiguren und ihrer Freundschaft. Dies wäre allerdings wirklich die berühmte Nadel im Heuhaufen eines rundum gelungenen Filmwerks. Denn geht es hier doch weniger um die Frage, ob Tony und Doc zu Freunden werden, sondern vor allem darum, auf welche Weise dies geschieht. Der Weg ist das Ziel – und dieser bietet ein höchst unterhaltsames Filmerlebnis. Die zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen bei hochklassigen Preisverleihungen sind gerechtfertigt – allein fünf Nominierungen bei den anstehenden Oscar-Verleihungen, Golden Globes für Drehbuch, als bester Film (Musical/Komödie) und Mahershala Ali, unverständlicherweise als Nebendarsteller. Gelingt doch nicht nur ein gelungener künstlerischer Spagat zwischen einer Vielzahl an Genres wie Komödie, Historienfilm, Biopic und Roadmovie – auch die Balance zwischen intelligentem Humor und ernsten Tönen ist durchweg gelungen. Obwohl es neben dem Grund zum Lachen auch immer wieder Grund zum Weinen und Ärgern gibt – das Lachen überwiegt. Schaut euch „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ selbst an, ich kann die Tragikomödie nur wärmstens empfehlen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Viggo Mortensen sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Ziemlich beste Freunde: Doc (l.) und Tony

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Green Book
USA 2018
Regie: Peter Farrelly
Drehbuch: Peter Farrelly, Brian Hayes Currie, Nick Vallelonga
Besetzung: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Don Stark, Brian Stepanek, Sebastian Maniscalco, Iqbal Theba, Dimiter D. Marinov, Mike Hatton, Tom Virtue, Paul Sloan
Verleih: Entertainment One Germany

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Trailer & Szenenfotos: © 2018 Entertainment One Germany

 

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