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Conan – Der Barbar: Arnie auf dem Weg zum Weltruhm

Conan the Barbarian

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Abenteuer // Ab 1932 veröffentlichte Robert E. Howard (1906–1936) im US-amerikanischen Pulp-Magazin „Weird Tales“ 17 Kurzgeschichten um den Krieger Conan der Cimmerier. Dessen Abenteuer spielten sich in einem vom Autor ersonnenen Hyborischen Zeitalter ab (auch Hyborische Welt genannt), welches Howard in einem Essay mit dem Titel „The Hyborian Age“ skizzierte. (in voller Länge im Netz zu finden). Conan erlebte später weitere Abenteuer durch andere Schriftsteller, er trat in Comics in Erscheinung und wurde Protagonist von Gesellschafts- und Videospielen, weiteren Kinofilmen und Fernsehserien.

Titos Tod

Als bekannteste Conan-Umsetzung gilt zweifellos die 1982er-Kino-Adaption „Conan – Der Barbar“ unter der Regie von „Apocalypse Now“-Drehbuchautor John Milius („Die rote Flut“). Das Drehbuch stammt von Oliver Stone, wurde aber von Milius zusammengekürzt und umgeschrieben, weil Stones Version so lang war, dass die Umsetzung das Budget gesprengt hätte. Ursprünglich war Jugoslawien als Drehort vorgesehen und die Vorproduktion war dort bereits angelaufen. Doch nach dem Tod des Staatspräsidenten Tito im Mai 1980 wirkte das Land instabil, weshalb der gesamte Tross nach Spanien umzog, zumal sich die dortige Filmindustrie in einen besseren Zustand befand als die jugoslawische. Die Dreharbeiten in Spanien fanden schließlich von Januar bis April 1981 statt.

Nach dem Untergang von Atlantis

Eine Stimme aus dem Off leitet die Saga von Conan ein: Ich will von einem Zeitalter berichten, das begann, als Atlantis im Meer versank, und das endete, als die Söhne des Aryas die Macht eroberten. Ich will erzählen von Conan, der dazu ausersehen war, in dieser Zeit der großen Abenteuer seine Stirn, hinter der sich viele Sorgen verbargen, mit der Juwelenkrone von Aquilonio zu schmücken. Ich will die Geschichte meines Herrn erzählen. Dies platziert die Handlung des Films zeitlich gemäß der Literaturvorlagen, da Robert E. Howard das Hyborische Zeitalter nach dem Untergang von Atlantis beginnen ließ.

Ab in die Sklaverei

Als Kind erlebt Conan (Jorge Sanz), wie das Dorf, in dem er lebt, von Thulsa Doom (James Earl Jones) und dessen Kriegern überfallen wird. Die erwachsenen Einwohnerinnen und Einwohner werden niedergemetzelt, und der Knabe muss mitansehen, wie sein Vater (William Smith) von Hunden zerfleischt wird und Thulsa Doom Conans Mutter (Nadiuska) mit einem Schwert köpft, das Conans Vater selbst geschmiedet hat. Die Kinder des Dorfs werden versklavt. Fortan muss der Junge tagein, tagaus eine Mühle in Bewegung halten. Die jahrelange Fronarbeit macht aus Conan (nun Arnold Schwarzenegger) einen bärenstarken jungen Mann, ein wahres Muskelpaket. Er wird verkauft, sein neuer Herr (Luis Barboo) lässt ihn Gladiatorenkämpfe austragen. Conan lernt zu kämpfen und zu töten, bleibt in zahllosen Auseinandersetzungen unbesiegt. Er wird sogar im Schwertkampf ausgebildet, lernt lesen und sein Selbst zu erkennen. Sein Drang nach Freiheit wird eines Tages erfüllt, als sein Herr ihn unvermittelt freilässt. Das Abenteuer beginnt.

Bald bildet Conan mit dem Dieb Subotai (Gerry Lopez) und der Amazone Valeria (Sandahl Bergman, „Red Sonja“, „She – Eine brutale Reise in die Zukunft“) ein Trio. Der Muskelprotz sinnt immer noch auf Rache an Thulsa Doom und dessen Hauptschergen Rexor (Ben Davidson) und Thorgrim (Sven-Ole Thorsen), die einen ominösen Schlangenkult führen.

Low Fantasy

Zugegeben: Man sieht „Conan – Der Barbar“ seine literarische Herkunft aus der sogenannten Low Fantasy an. Diese wird zutreffend auch „Sword and Sorcery“ (Schwert und Magie) genannt, wer dem nun gar nichts abgewinnen kann, wird diesen Filmklassiker der 80er-Jahre müde belächeln. Es verleitet auch zum Schmunzeln, Arnie treuherzig durch die fantasievollen Kulissen und prächtig in Szene gesetzten spanischen Landschaften stapfen oder reiten zu sehen. Sein Conan bleibt dabei recht wortkarg, was wohl nicht zuletzt daran lag, dass sein breiter steirischer Akzent nicht allzu sehr zur Geltung kommen sollte. Der Österreicher nutzte dem Vernehmen nach die Gelegenheit, sich von seinen ungleich erfahreneren Darstellerkollegen James Earl Jones und Max von Sydow (Kurzauftritt als König Olric) Schauspieltipps geben zu lassen. Zur Vorbereitung hatte er monatelang hart trainiert. Für Schwarzenegger war die Titelrolle des Conan ein großes Ausrufezeichen auf dem Weg zum Weltruhm als einer der größten Stars Hollywoods überhaupt (Weltruhm als einer der erfolgreichsten Bodybuilder hatte er ja bereits). Dass er dafür seine erste von bis heute neun Nominierungen für die Goldene Himbeere als schlechtester Schauspieler erhielt, wird er verschmerzen. Apropos Awards: Sandahl Bergman erhielt für ihre Rolle der Valerie 1983 nicht nur von der Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films einen Saturn Award als beste Schauspielerin, sondern auch von der Hollywood Foreign Press Association einen Golden Globe als bester neuer weiblicher Star.

Soundtrack von Basil Poledouris

Geredet wird generell nicht allzu viel, umso mehr Bedeutung erhält der aus klassischem Orchester und vielköpfigem Chor zusammengestellte Score, der viele Stimmungs- und Tempowechsel entscheidend prägt. Heutzutage kommen ja viele Hollywood-Blockbuster nahezu ohne musikalische Pausen aus (was gelegentlich nervt), das war nach meiner Erinnerung in den 80er-Jahren noch nicht so. Hier schon, und es nervt nicht, sondern passt perfekt, da ausgesprochen zielgerichtet und pointiert eingesetzt. Die Filmmusik von Basil Poledouris hat sogar einen eigenständigen Wikipedia-Eintrag. Der Komponist war bereits in der Storyboard-Phase der Vorproduktion in die Entstehung des Films eingebunden.

Gekämpft, getötet und gestorben wird ausgiebig, und das dank Schwertern, Äxten, mächtigen Hämmern und Pfeilen sehr blutig, bemerkenswert für einen Blockbuster, der ein vielköpfiges Publikum anlocken soll. In dem aus diversen Kulturen, Ländern, Mythen und Sitten zusammengesponnenen Sammelsurium eines Fantasy-Universums herrschen eben raue Sitten. Das vielköpfige Publikum kam so oder so zusammen: Weltweit spielte das Werk mehr als das Dreifache seines Budgets von 20 Millionen Dollar ein. Bei der zeitgenössischen Filmkritik stieß es auf durchwachsene Resonanz, in der Rückschau hat sich der Blick auf den Film deutlich gebessert. Die damals gelegentlich zu bemerkende Unterstellung faschistoiden Gedankenguts scheint vom Tisch. Für mich ist „Conan – Der Barbar“ ohnehin Eskapismus in Reinkultur, dem ich keinen gesellschaftlichen oder politischen Subtext unterstellen mag. Gleichwohl mangelt es etwas an Augenzwinkern.

Aus Conan wird Kalidor und Kull

Nach einiger Zeit krönte er sich selbst zum König. Doch das ist eine andere Geschichte. Mit diesen Worten endet „Conan – Der Barbar“ in der deutschen Synchronisation. Die englische Originalfassung ist da schon etwas deutlicher: And this story shall also be told. Zu deutsch: Und diese Geschichte soll ebenfalls erzählt werden. In Richard Fleischers Fortsetzung „Conan – Der Zerstörer“ (1984) wurde sie allerdings nicht erzählt, denn darin wird der Barbar keineswegs zum König. Womöglich wäre sie im dritten Teil der als Trilogie (oder mehr) geplanten Reihe erzählt worden, doch zu „Conan – Der Eroberer“ kam es nicht mehr, weil es Arnie in andere schauspielerische Gefilde zog. Stattdessen wurde das Drehbuch umfunktioniert, sodass viel später „Kull – Der Eroberer“ (1997) in die Kinos kam. Erwähnt sei in dem Kontext auch Richard Fleischers „Red Sonja“ (1985) mit Brigitte Nielsen in der Titelrolle und Arnold Schwarzenegger als Held Kalidor. Ursprünglich sollte es sich dabei auch um Conan handeln, aus lizenzrechtlichen Gründen wurde die Figur aber umbenannt.

Auch Ralf Moeller war schon Conan

Eine Serie „Conan, der Abenteurer“ mit Ralf Moeller als Conan kam 1997 und 1998 nicht über die üblichen 22 Folgen einer Staffel hinaus. Erwähnt sei außerdem „Conan“ (2011) von Marcus Nispel („Michael Bay’s Texas Chainsaw Massacre“) mit Jason Momoa („Justice League“) in der Titelrolle. Im Original mit „Conan the Barbarian“ exakt wie der Schwarzenegger-Vorgänger von 1982 betitelt, ist der Film jedoch nicht als Remake anzusehen, da sich die Story aus anderen Conan-Erzählungen von Robert E. Howard speist (gesehen habe ich ihn bislang aber nicht). Wie der Stand bei der Anfang 2018 angekündigten Conan-Streamingserie und dem seit langer Zeit geplanten Kinofilm „The Legend of Conan“ ist, entzieht sich meiner Kenntnis; dass man lange nichts davon gehört hat, spricht dafür, dass beide Vorhaben den Weg alles Irdischen gegangen sind. Arnies „Conan – Der Barbar“ kann all das ohnehin nichts anhaben. Mit dem heutigen Blick wirkt das Fantasy-Abenteuer zwar etwas cheesy, es ist und bleibt aber ein wuchtiger 80er-Klassiker.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Milius haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit James Earl Jones, Arnold Schwarzenegger und Max von Sydow unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 3. November 2016 als Blu-ray im FuturePak, 15. März 2012 als Blu-ray, 14. Januar 2004 und 31. August 2001 als DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Conan the Barbarian
USA/MEX/SP 1982
Regie: John Milius
Drehbuch: John Milius, Oliver Stone, nach Vorlagen von Robert E. Howard
Besetzung: Arnold Schwarzenegger, James Earl Jones, Sandahl Bergman, Gerry Lopez, Max von Sydow, Ben Davidson, Sven-Ole Thorsen, Cassandra Gava, Mako, Valérie Quennessen, Luis Barboo, William Smith, Nadiuska
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Arnold Schwarzenegger & John Milius, Making-of: „Conan Unchained“, entfallene Szenen & Special Effects, Bildergalerien, Originaltrailer
Label/Vertrieb: Concorde Video

Copyright 2022 by Volker Schönenberger
Untere Packshots: © Concorde Video

 

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The Northman – Erst die Hexe, dann der Leuchtturm, nun der Wikinger

The Northman

Kinostart: 21. April 2022

Von Volker Schönenberger

Historien-Abenteuer // Man braucht einen Master-Abschluss in der Geschichte der Wikinger, um bei diesem Film überhaupt etwas zu verstehen. Dies schrieb ein Besucher einer der Testvorführungen von „The Northman“, wie Regisseur Robert Eggers im Gespräch mit der Zeitschrift „The New Yorker“ berichtete. Nach meinem Besuch der Hamburger Pressevorführung des Films und ohne Kenntnis der Unterschiede zwischen der in die Kinos gelangenden Schnittfassung und der Testvorführungsfassung kann ich beruhigend konstatieren: So schlimm ist es nicht! Die nicht den Erwartungen des Produktionsstudios New Regency Productions entsprechenden Reaktionen des Testpublikums verlangten Eggers aber offenbar einiges ab – eben die Anfertigung einer neuen Schnittfassung. Derlei Einflussnahme durch das Produktionsstudio war sicher Neuland für den Indie-Arthouse-Filmemacher. Nun bekomme er Sätze zu hören wie Wenn das nicht „Gladiator“ oder „Braveheart“ wird, sind wir gefickt! Auch hier kann ich beruhigend konstatieren: So schlimm ist es nicht! Bei allem Respekt vor den Qualitäten von Ridley Scotts Rom-Abenteuer und Mel Gibsons Schottland-Ausflug – mit beiden hat „The Northman“ nicht allzu viel zu tun.

König Aurvendil kehrt siegreich heim …

Die Corona-Pandemie mit ihren Verzögerungen und verschärften Sicherheitsauflagen hievte das Budget des Films von schon nicht geringen 65 Millionen auf stattliche 90 Millionen Dollar. Eine üppige Summe für einen Filmemacher, der mit seinen bisherigen Kino-Regiearbeiten „The Witch“ (2015) und „Der Leuchtturm“ (2019) zwar beeindruckt, aber nicht gerade Mainstream-kompatibel vorgelegt hatte. Als Berater wirkte der englische Archäologe Neil Price an der Produktion von „The Northman“ mit, Inhaber einer Professur am Institut für Archäologie und Alte Geschichte der Universität Uppsala (Schweden). Der Historiker äußerte sich enthusiastisch (siehe oben erwähnten, in seiner ganzen Länge überaus lesenswerten Text in „The New Yorker“): Das ist wie ein Traum für mich. Ich bezweifle, dass ich jemals wieder jemandem begegne, der dafür ein solches Auge und Interesse hat wie Robert. So Price über den Filmemacher.

Des brandschatzenden Königs Heimkehr

Die Handlung von „The Northman“ setzt im Jahr 895 nach Christus im Nordatlantik ein: König Aurvandil (Ethan Hawke) und sein Bastard-Halbbruder Fjölnir (Claes Bang) kehren von einem erfolgreichen Beutezug ins kleine Inselreich Hrafnsey zurück – zurück in die Arme seiner treu ergebenen Gemahlin Königin Gudrún (Nicole Kidman). Doch der auch Rabenkönig und Kriegsrabe genannte Aurvandil ist verwundet – ein Gegner hat seine Leber im Kampf schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das macht dem Regenten seine Sterblichkeit bewusst, und mit einem von Heimir, dem Narren (Kurzauftritt für Willem Dafoe) ausgeführten Ritual will er seinen minderjährigen Sohn Amleth (Oscar Novak) auf die Last der Königswürde vorbereiten. Doch diese Last wird der Knirps nie tragen müssen: Kurz darauf muss Sohnemann mit ansehen, wie sein Vater von Meuchelmördern niedergestreckt wird. Als Rädelsführer entpuppt sich ausgerechnet Aurvandils Bruder Fjölnir, Amleths Onkel. Der ordnet konsequenterweise sofort an, auch seinen Neffen zu entleiben. Mit Müh und Not gelingt Amleth die Flucht, während Fjölnir die Früchte seiner ruchlosen Tat genießt und die verwitwete Königin Gudrún zu seiner Frau macht.

… und lässt sich feiern

Jahre später (wir schreiben nun wohl das Jahr 914) ist aus Amleth (Alexander Skarsgård) ein stattlicher Recke geworden. Von einer anderen Wikingersippe großgezogen, hat er sich zum unbezwingbaren Kämpfer entwickelt, der sich auf den Raubzügen seines Clans als so furcht- wie gnadenlos hervortut. Doch nie hat er seinen Schwur vergessen, den Vater zu rächen, die Mutter zu retten und Fjölnir zu töten. Im Anschluss an eine erfolgreiche Plünderung erfährt Amleth, dass sich sein Onkel mittlerweile auf Island niedergelassen hat. Mit einer (etwas konstruiert und nicht gerade plausibel wirkenden) List gelingt es Amleth, sich dorthin einzuschiffen. Die Gelegenheit zu blutiger Vergeltung naht …

Von Amletus über Hamlet zu Amleth

Amleth? Wer bei dem Namen an William Shakespeares berühmte Tragödie „Hamlet“ denkt, liegt völlig richtig, denn die vom dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus überlieferte altdänische Sage von Amletus diente dem britischen Barden als Inspiration seines Bühnenstücks. Amleths filmischer Vater König Aurvandil beruht demnach auf Aurvandill, einer Nebenfigur der altisländischen Sagensammlung Edda, bei Saxo Grammaticus Amletus’ Vater Horwendillus. Robert Eggers arbeitete die Sage mit vielen Freiheiten zusammen mit dem Isländer Sjón zu einem Drehbuch um. Der Lyriker und Romanautor Sjón hatte zuletzt am Drehbuch des isländischen Horrordramas „Lamb“ (2021) mit Noomi Rapace mitgeschrieben und ist in der Vergangenheit als Songtexter für Björk in Erscheinung getreten (Björk wiederum hat in „The Northman“ einen Kurzauftritt als blinde Seherin).

Des Königs Vertrauter: Narr Heimir

Wer bei Wikinger-Epen eher auf launig-bunten Hollywood-Kintopp à la Richard Fleischers „Die Wikinger“ (1958) mit Kirk Douglas und Ernest Borgnine hofft, wird mit „The Northman“ womöglich ein böses Erwachen erleben. Wenn man Robert Eggers’ dritten Kinofilm unbedingt in einem Koordinatensystem der Wikingerfilme verorten will, dann vielleicht irgendwo zwischen Nicolas Winding Refns so elegischem wie meditativem „Walhalla Rising“ (2009) mit Mads Mikkelsen und dem Action-Abenteuer „Northmen – A Viking Saga“ (2014) von Claudio Fäh, das allerdings vielen nicht gefallen hat (mir schon). Letztlich ist „The Northman“ ein eigenständiges Werk, bei dem es hilft, wenn man „The Witch“ und „Der Leuchtturm“ und somit die Handschrift von Robert Eggers kennt.

Lässt Rachsucht Raum für die Liebe?

Protagonist Amleth kennt einzig Kampf, Tod und Düsternis. Seine ganze Willenskraft setzt er für seinen Vergeltungsplan ein (wobei offen bleibt, was ihn all die im Film übersprungenen Jahre angetrieben hat, als er keinen Anlass zu der Annahme hatte, jemals eine Gelegenheit zur Rache zu erhalten). Ins Wanken gerät er auch dann nicht, als er während der Überfahrt nach Island die verschleppte Olga aus dem Birkenwald (Anya Taylor-Joy, „The Witch“) kennenlernt und sich zwischen beiden ganz langsam zarte Gefühle entwickeln. Aber es bringt ihn schon zum Nachdenken, dass nach und nach die Hoffnung aufkommt, mit ihr eine wie auch immer geartete Zukunft zu haben. Später erfährt er von Umständen, die ihn in einen großen Zwiespalt geraten lassen. Alexander Skarsgård („Godzilla vs. Kong“) verkörpert das nuanciert und mit großer Präsenz. Sein Amleth hat sich zu einem echten Nordmann entwickelt, der nicht viel Federlesens macht und sich an Beutezügen und dem Niedermetzeln argloser Dörfler beteiligt, weil es das ist, was er kann. Mitleid und moralische Bedenken sind ihm fremd, dennoch taugt er als Identifikationsfigur (auch wenn ich kein Bedürfnis verspüre, Schwert und Axt zu schwingen). Filmkritiker Peter Debruge von „Variety“ warf dem Hauptdarsteller in seiner Rezension vom 11. April 2022 vor, es mangle ihm an Charisma, um einen Film dieser Dimension zu tragen, aber damit tut er Stellan Skarsgårds Sohn Alexander meines Erachtens Unrecht. Amleths Persönlichkeit und sein vordergründig simples Dasein als von Rachsucht Getriebener müssen „The Northman“ gar nicht allein tragen, auch wenn der Filmtitel den Fokus auf ihn legt. Nicht nur verfolgen wir den Weg dieses Nordmanns, wir beobachten auch seine Welt, in kleinen Details und kurzen Szenen sogar das Alltagsleben. Über weite Strecken will der wortkarge Amleth außerdem unauffällig bleiben, um nicht aufzufliegen. Überbordendes Charisma wäre hier kontraproduktiv. Sein gestählter Körper ist da fast schon zu viel des Guten. Um diese beeindruckende Muskulatur zu entwickeln, sicherte sich Skarsgård die Dienste des renommierten Fitnesscoaches Magnus Lygdback, der den Schauspieler auch schon vor den und während der Dreharbeiten von „Legend of Tarzan“ (2016) trainiert hatte. Im Übrigen gilt Alexander Skarsgård als eine der treibenden Kräfte hinter „The Northman“, zu dessen Produzententeam er ebenso wie Robert Eggers auch gehört. Dem Vernehmen nach hatte Skarsgård die Idee zur Story. Er gehörte übrigens zum festen Ensemble der Vampirserie „True Blood“ (2008–2014) und trug dort den Namen Eric Northman.

Der Tod naht

Der zuvor erwähnte „Variety“-Rezensent fühlte sich hauptsächlich an Alejandro González Iñárritus Survival-Abenteuer „The Revenant – Der Rückkehrer“ (2015) erinnert, das Leonardo DiCaprio endlich den lang ersehnten Oscar eingebracht hatte. Das ist nicht von der Hand zu weisen, die kalte und grimmige Stimmung beider Filme ähneln einander. Da wir gerade bei Ähnlichkeiten sind. Ein vulkanischer Schwertkampf erinnerte mich kurioserweise an die mitreißende finale Auseinandersetzung zwischen Obi-Wan Kenobi (Ewan MacGregor) und Anakin Skywalker (Hayden Christensen) in „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“ (2005). Kurios deshalb, weil beide Filme ansonsten kaum etwas miteinander zu tun haben. Ob das Zufall ist oder Robert Eggers sich tatsächlich davon inspirieren ließ? Auch ein paar Parallelen zu John Milius’ „Conan – Der Barbar“ (1982) mit Arnold Schwarzenegger in der Titelrolle sind nicht zu übersehen, am augenfälligsten beim vom Sohn beobachteten Tod des Vaters.

Glaube und Aberglaube

Beginnend mit dem erwähnten königlichen Initiationsritual, das Aurvandil nach seiner Heimkehr mit seinem Sohn Amleth vollzieht, werden wir Zeugen einiger „heidnischer“ Riten der Wikinger. So führen die Krieger um Amleth vor ihrem Sturm auf ein Dorf der Rus einen nächtlichen Krafttanz um ein hoch loderndes Feuer aus. Glaube und Aberglaube (wo liegt eigentlich der Unterschied?) sind ohnehin von großer Bedeutung. Nicht nur Aurvandil hofft darauf, den Tod in der Schlacht zu finden, um als gefallener Krieger Einherjer in Walhall in Odins Burg Gladsheim in Asgard aufgenommen zu werden. Kurz wird auch das Christentum aufgegriffen, als christliche Sklaven einer Missetat verdächtigt werden, aber das Vordringen des christlichen Glaubens in nordische Gefilde spielt letztlich keine Rolle.

Amleth (3. v. l.) zieht furchtlos in den Kampf …

„The Northman“ ist weder Schlachtengemälde noch Kampf um ein Königreich, sondern Rachefeldzug eines Einzelnen. Die Gewalt ist brutal, ohne ins Exploitative abzugleiten. Sehr gut zu sehen an dem auf beeindruckende Weise in einem Take gedrehten Angriff aufs Dorf der Rus. Respekt vor menschlichem Leben – erst recht dem fremder Völker – ist nicht vorhanden. Die Rachegeschichte könnte schlicht sein, ist es aber nicht, weil Robert Eggers großes Interesse sowohl an seinem Protagonisten als auch an dessen meist feindseliger Umwelt demonstriert. Ob all das authentisch dargestellt ist, kann ich mangels Kenntnis der Historie nicht beurteilen, aber die bislang zu findenden Stimmen und insbesondere die oben erwähnte Aussage des Archäologen und Historikers Neil Price sprechen dafür. Letztlich zählt bei einem ja vornehmlich Unterhaltungszwecken dienenden Film ohnehin die Illusion, und in der Hinsicht ist zu vermelden: Ja, Robert Eggers verschafft uns eine Illusion über das Leben und Sterben der Wikinger, die wir gern für bare Münze nehmen, weil wir auf diese Weise tief ins Geschehen eintauchen. Dass Wikingerhelme keine Hörner haben, gehört heute glücklicherweise zum Wissensstandard der Ausstatter und Kostümdesigner von Wikingerfilmen und -serien (wer dennoch Wert darauf legt, möge ein Torfrock-Konzert besuchen). „The Northman“ erweckt den Eindruck, dass seine Macher in Ausstattung, Szenenbild und Kostümen im besten Sinne detailverliebt zu Werk gegangen sind. So erzeugt man Stimmung, die Sogwirkung entfacht und das Publikum tief in eine fremde Welt eintauchen lässt. Das geht bis hin zu einigen in Runen gehaltenen Zwischentiteln und bis hin zum Soundtrack, für den Robert Eggers die britischen Musiker Robin Carolan und Sebastian Gainsborough zur Verwendung zeitgenössischer Instrumente drängte.

Nordirland als Island

Mit seinem für „Der Leuchtturm“ bereits Oscar-nominierten Stamm-Kameramann Jarin Blaschke drehte Robert Eggers ab August 2020 in Irland und Nordirland. Ursprünglich wollte er „on location“ in Island drehen, das wäre aber zu teuer gewesen, daher wich das Produktionsteam auf die Grüne Insel aus. Die düstere Atmosphäre lässt die beeindruckenden Landschaftspanoramen etwas in den Hintergrund treten, aber die Bilder vermitteln die nordische Rauheit auch im Kinosaal auf fast schon körperlich nachfühlbare Weise (als verweichlichter Mensch der Moderne frage ich mich immer, ob die Menschen in puncto Kälteempfinden tatsächlich so abgehärtet waren, zumal sie ab und zu triefnass aus dem Wasser kommen). Mit „The Northman“ beweist Robert Eggers, dass er auch Produktionen mit großem Budget seine eigene Handschrift aufdrücken kann. Einer der interessantesten neuen Regisseure, der mit seinem dritten abendfüllenden Spielfilm die Messlatte hoch hält. Ist der Spagat zwischen Arthouse und Mainstreamkino geglückt, den Eggers gewagt hat, als er sich von New Regency Productions mit einem für seine Verhältnisse enormen Budget ausstatten ließ? Nach einmaliger Sichtung von „The Northman“ resümiere ich: Er ist es. Nicht auszuschließen, dass der Film beim zweiten oder dritten Mal noch gewinnt. Oder verliert, wir werden sehen.

Willem Dafoe als Graf Orlok?

Bleibt abzuwarten, ob ihm die Verwirklichung seines Traums gelingt, Murnaus Vampir-Meisterwerk „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) neu zu verfilmen. Jüngste Berichte von den diesbezüglichen Absichten des Regisseurs deuten an, dass es eine schwere Geburt wird. Auch wenn Originalstoffe zu bevorzugen sind, würde ich ein solches Werk begrüßen. Womöglich mit Willem Dafoe als Graf Orlok?

… und kennt keine Gnade

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Eggers haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nicole Kidman und Anya Taylor-Joy unter Schauspielerinnen, Filme mit Willem Dafoe, Ethan Hawke und Alexander Skarsgård in der Rubrik Schauspieler.

Rachsucht beherrscht ihn, aber für Olga empfindet Amleth dennoch viel

Länge: 137 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Northman
USA 2022
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Robert Eggers, Sjón
Besetzung: Alexander Skarsgård, Anya Taylor-Joy, Nicole Kidman, Ethan Hawke, Willem Dafoe, Claes Bang, Björk, Elliott Rose, Phill Martin, Eldar Skar, Olwen Fouéré, Edgar Abram, Jack Gassmann, Ingvar Sigurdsson, Oscar Novak
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2022 Universal Pictures Germany GmbH

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2022/04/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Timerider – Das Abenteuer des Lyle Swann: Mit der Enduro in den Wilden Westen

Timerider – The Adventure of Lyle Swann

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Eigentlich nimmt Motocross-Champion Lyle Swann (Fred Ward) mit seinem Geländemotorrad gerade an der Rallye „Baja 1000“ auf der mexikanischen Halbinsel Baja California (Niederkalifornien) teil. Doch er kommt vom Kurs ab und gerät mitten in ein mysteriöses Experiment einer Gruppe von Wissenschaftlern. Folge: Er landet 105 Jahre in der Vergangenheit im Jahr 1877.

Ab in die Vergangenheit

In der Wildwest-Vergangenheit erregt Lyle mit seinem Mottorrad-Outfit und vor allem seiner Yamaha XT 500 gehörig Aufsehen. Seine erste Begegnung hat er mit einem alten Mexikaner, der sogleich vor Schreck stirbt. Nachdem Lyle im Freien an dessen Lagerfeuer übernachtet und dem Toten am nächsten Morgen ein Grab bereitet hat, trifft er auf den Ganoven Porter Reese (Peter Coyote) und dessen Spießgesellen, das Brüderpaar Claude und Carl Dorsett (Richard Masur, Tracey Walter). Das Trio nimmt ihn sogleich aufs Korn. Zum Glück naht Hilfe in Gestalt der aparten Claire Cygne (Belinda Bauer) und des Geistlichen Quinn (Ed Lauter).

Motocross in die Vergangenheit

Ein wenig zieht es sich zu Beginn. Lyle Swann rast auf seiner Enduro durch die Wüste, wechselt in die Vergangenheit, ohne es zu merken, und rast weiter durch die Wüste, bis er auf die erwähnten Schurken trifft. Bis er merkt, dass er sich nicht mehr in seiner Gegenwart befindet, vergeht eine ganze Weile, was zu dem einen oder anderen Missverständnis führt. Humor kommt nicht zu kurz, etwa wenn Porter Reese versucht, das zwischenzeitlich von ihm geraubte Motorrad in Gang zu setzen.

Porter Reese (l.) und die Dorsett-Brüder trauen ihren Augen nicht

„Timerider – Das Abenteuer des Lyle Swann“ entwickelt sich zu einem skurrilen Abenteuer, das die Anachronismen des Zeitreisenden für ein paar launige Gags einsetzt. Auf die Frage, ob sein Helm auch Patronenkugeln aushalte, erwidert Lyle, das wisse er nicht. Bei uns schießt man nicht so oft auf Motorradfahrer. Weshalb Claire den Zeitreisenden kurz nach ihrer Begegnung zu sich ins Bett holt, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Nicht, dass er unsympathisch oder hässlich wäre, aber es kommt doch recht unvermittelt. Immerhin führt das zu einer charmanten kleinen Pointe am Ende (für Neugierige: Wer die Bedeutung von Claires Nachname Cygne ermittelt, erhält eine Ahnung davon). Insgesamt fehlt es „Timerider“ etwas an Fleisch. Die Story beschränkt sich darauf, dass sich Reese Porter das Motorrad unter den Nagel reißen will und Lyle Swann es in Begleitung zweier Marshals (L. Q. Jones, Chris Mulkey) mit den Banditen aufnimmt. Keine der Figuren entwickelt großes Profil, was auch für den Titelhelden Lyle Swann gilt.

Vom Regisseur von „Bigfoot und die Hendersons“

Der in Arizona und New Mexico gedrehten Mischung aus Science-Fiction, Abenteuer und Western sieht man an, dass für die Produktion kein besonders großes Budget zur Verfügung stand. Die bescheidenen sechs Millionen Dollar Einnahmen an den Kinokassen erzielte „Timerider – Das Abenteuer des Lyle Swann“ hauptsächlich im Entstehungsland USA. Mehr Erfolg hatte Regisseur William Dear einige Jahre später mit „Bigfoot und die Hendersons“ (1987). Das Drehbuch zu „Timerider“ hatte er gemeinsam mit Michael Nesmith geschrieben, einem Gründungsmitglied von „The Monkees“. Nesmith lieferte auch den Filmsoundtrack und übernahm eine Komparsenrolle.

Claire schnappt sich Lyle erst einmal für ein Schäferstündchen

Fred Ward war damals auf dem aufsteigenden Ast, hatte danach Rollen in Philip Kaufmans „Der Stoff aus dem die Helden sind“ (1983), Mike Nichols’ „Silkwood“ (1983) und Ted Kotcheffs „Die verwegenen Sieben“ (1983). Wäre „Remo – Unbewaffnet und gefährlich“ (1985) Erfolg beschieden gewesen, hätte sich Ward womöglich zu einem größeren Star entwickelt – der Originaltitel „Remo Williams – The Adventure Begins“ deutet schon an, dass daraus eine Reihe werden sollte. Aber das Action-Abenteuer floppte an den Kinokassen, deshalb wurde nichts daraus. Immerhin übernahm Fred Ward weiterhin viele Rollen, wenn auch kaum größere. „Tremors – Im Land der Raketenwürmer“ (1990) entwickelte sich immerhin zum Kultfilm, die Horrorkomödie zeigt ihn an der Seite von Kevin Bacon.

In Deutschland nur als DVD

Obwohl „Timerider – Das Abenteuer des Lyle Swann“ in den USA bereits 2013 beim Label Shout Factory als Blu-ray erschienen ist, veröffentlicht Pidax Film das Werk hierzulande lediglich auf DVD. Im Netz finden sich Aussagen darüber, dass alle bisherigen Veröffentlichungen in irgendeiner Form unvollständig sind. Ob das auch für diese deutsche Version gilt, darüber konnte ich nichts herausfinden. Die beiden fehlenden Szenen der 2001 erschienenen US-Edition von Anchor Bay sind jedenfalls enthalten. Ein Zeitreiseklassiker wird „Timerider“ auch in bestmöglicher Schnittfassung nicht werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Fred Ward haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 6. Mai 2022 als DVD

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Timerider – The Adventure of Lyle Swann
USA 1982
Regie: William Dear
Drehbuch: William Dear, Michael Nesmith
Besetzung: Fred Ward, Belinda Bauer, Peter Coyote, Richard Masur, Tracey Walter, Ed Lauter, L. Q. Jones, Chris Mulkey, Macon McCalman, Jonathan Bahnks, Lauri O’Brien, Susan Dear, Bruce Gordon, Ben Zeller, William Dear, Tommy Leyba, Ernie Quintana, Miguel Sandoval
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur William Dear, Interviews mit Produzent Michael Nesmith und William Dear, Originaltrailer, TV-Spots, Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2022 Pidax Film

 

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