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Das Licht am Ende der Welt – Kirk Douglas gegen alle

The Light at the Edge of the World

Von Lucas Gröning

Abenteuer // Der 1828 im französischen Nantes geborene Jules Verne gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Mit zahlreichen Beiträgen zur Weltliteratur, allen voran den Werken „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864), „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1869–70) und „Reise um die Welt in 80 Tagen“ (1873) schuf sich der Franzose ein Denkmal – er zählt zu den Begründern der Science-Fiction-Literatur. Nach seinem Tod im Jahr 1905 wurde ein letzter Roman des Autors veröffentlicht, wenn auch durch dessen Sohn Michael Verne stark überarbeitet. Das 1906 erschienene Werk trägt den Titel „Le Phare du bout du monde“, zu deutsch „Der Leuchtturm am Ende der Welt“. Der Roman verhandelt den Überfall eines Leuchtturms auf der argentinischen Insel „Isla de los Estados“ durch eine Bande von Piraten. 65 Jahre später, im Jahr 1971, folgte eine Verfilmung des Stoffes unter dem Namen „Das Licht am Ende der Welt“. Regie führte der Engländer Kevin Billington („The Rise and Rise of Michael Rimmer“, „Verletzte Gefühle“), der sich vor allem mit TV-Produktionen einen Namen gemacht hat. Die Hauptrollen des Films wurden mit zwei absoluten Stars des damaligen Hollywood-Kinos besetzt. Zum einen Golden-Globe-Preisträger Kirk Douglas („Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“, „Spartacus“) und zum anderen Oscar-Gewinner Yul Brynner („Der König und ich“, „Die glorreichen Sieben“). Was das Potenzial der Darsteller angeht, gibt es also schon mal schlechtere Voraussetzungen, um einen hervorragenden Film abzuliefern. Was der Film neben fantastischen Schauspielern hinaus noch bietet und woran er am Ende dann doch leider krankt, will ich im vorliegenden Text darstellen.

Die Leuchtturmwärter rund um Captain Moriz gehen zunächst wie üblich ihrer Arbeit nach …

Kommen wir zunächst zum Plot: Wir schreiben das Jahr 1865. Die Leuchtturmwärter Will Denton (Kirk Douglas), Captain Moriz (Fernando Rey) und der junge Felipe (Massimo Ranieri) leben auf der (fiktiven) Insel „Rocky Island“. Besonders für Will Denton bietet die Insel einen wichtigen Ort, an dem er sich von der restlichen Welt isolieren kann. Einige Jahre zuvor, inmitten des kalifornischen Goldrausches, verliebte sich die Frau seines Herzens unglücklicherweise in einen anderen Mann. Bei einem gemeinsamen Pokerspiel mit jenem Mann, bei dem dieser sehr viel Geld verlor, erschoss Will den Liebhaber seiner Herzensdame in einem Akt der Notwehr, seitdem wird er fälschlicherweise von der Justiz verfolgt. Will beschloss, dem Leben in der Zivilisation den Rücken zu kehren und ein einfaches, aber idyllisches Dasein als Leuchtturmwärter zu führen.

Die Idylle wird jedoch eines Tages unvermittelt zerstört, als ein Schiff vor der Küste der Insel anlegt. Bei einer Untersuchung des Schiffes werden die anderen beiden Wärter, Moriz und Felipe, von der Crew brutal ermordet. Es stellt sich heraus, dass es sich bei der Besatzung des Schiffes um sadistische Piraten unter ihrem Kapitän Kongre (Yul Brynner) handelt, die die Insel erobern und den Leuchtturm dazu benutzen wollen, ahnungslose Seeleute in ihre Fänge zu treiben. Will schafft es zunächst zu fliehen und er bereitet sich von einer Schlucht aus auf den Gegenschlag vor, um die Invasoren zu vertreiben. Es dauert nicht lange, bis das erste vorbeifahrende Schiff der Täuschung durch den Leuchtturm erliegt und an der Insel anlegt. Mit an Bord: Die schöne Arabella (Samantha Egger), die Dentons einstiger Liebe zum Verwechseln ähnlich sieht.

Eine Geschichte von Gut und Böse

Die Story ist dabei recht geradlinig durcherzählt und hält sich nie lange mit Nebensächlichkeiten auf. Selbst kleine Randnotizen, die zu Beginn Erwähnung finden und auf den Zuschauer zunächst redundant wirken, werden im späteren Verlauf aufgegriffen und erhalten wichtige Bedeutungen. Somit kann man von einer gut strukturierten Geschichte sprechen, die das Potential hat, Spannung aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Warum das trotzdem nur in Ansätzen gelingt, soll später erläutert werden. Fahren wir zunächst mit den Motiven fort: Davon bietet das Abenteuer eine Vielzahl, genau wie viele Fragen beispielsweise um das Thema Religion. Im Zentrum der Geschichte steht dabei der Kampf zwischen Gut und Böse. Captain Moriz sagt an einer Stelle, für viele Seefahrer sei das Erblicken des Leuchtturms gleichzusetzen mit dem Erblicken Gottes, also der Verkörperung des absolut Guten im christlichen Sinne. Diesem „Guten“ wird eine sadistische Piratencrew als Verkörperung des Bösen entgegengestellt.

… doch wenig später überfallen Piraten den Leuchtturm

Die Seeräuber zeichnen sich dabei nicht nur durch ihre bösartigen Taten aus, sondern auch durch ihre Grausamkeit. So werden nahezu sämtliche ihrer Handlungen von diabolischem Grinsen oder Lachen begleitet, womit der reine Genuss an der größtenteils sinnlosen Gewalt zum Ausdruck gebracht wird. Leider wird dieser Aspekt zu selten durch schockierende Bilder unterstützt. Beim Sichten des Filmes habe ich, an einer recht frühen Stelle, genau ein Bild gesehen, das mich für einen kurzen Moment ein klein wenig geschockt und sprachlos zurückließ. Dieser Moment funktionierte zum einen im Kontext zum bis dato Gesehenen, zum anderen durch das Überraschungsmoment, und zu guter Letzt durch die hier verwendete Bildästhetik. Plötzlich saß ich wie gefesselt im Stuhl und war gespannt auf nächste Momente dieser Art – doch es kamen keine. So viel sich der Film in dieser einen Szene getraut hatte, so wenig traute er sich leider in der Folge. Einen ähnlichen Moment gab es zwar an späterer Stelle noch einmal, durch die hohe Vorhersehbarkeit entstand hier jedoch nicht im Ansatz die Wirkung der vorangegangenen Szene.

Hinfort mit der Logik

Der fehlende Mut zu mehr schockierenden Bildern dieser Art bleibt dabei leider nicht die einzige Schwäche des Films. An viel zu vielen Stellen offenbaren sich krasse Logiklücken, die die meisten Zuschauer irritiert zurücklassen dürften. Warum beispielsweise Denton auf einem offenen Felsen, umzingelt von der gesamten Piratencrew, fliehen kann, ohne dass ihn jemand, mit Ausnahme von Oberbösewicht Kongre verfolgt, bleibt das Geheimnis von Drehbuchautor Tom Rowe oder Regisseur Kevin Billington. Auch wenn sich Denton später, für alle eigentlich klar sichtbar, hinter einem Felsen versteckt und von keinem aus einer Kolonne vorbeiziehender Seeäuber entdeckt wird, kommen einige Fragen auf. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte an vielen Stellen zu sehr vom Zufall gelenkt und vorangetrieben wird. Das kann man im Sinne einer christlich-religiösen Interpretation zwar als göttliche Fügung betrachten, eher kommt jedoch der Verdacht auf, dass sich die Verantwortlichen an diesen Stellen zu wenige Gedanken um einen sinnvollen Vortrag der Geschichte gemacht haben. Das geht leider zu Lasten der Spannung in einer ansonsten dramaturgisch recht gut aufbereiteten Story. Um die Spannung während des Films trotzdem zu gewährleisten, setzt „Das Licht am Ende der Welt“ auf häufig eingesetzte musikalische Untermalung. In Passagen, in denen Denton beispielsweise vor einer Horde Piraten flieht oder in denen er in den Erinnerungen an seine ehemalige Geliebte schwelgt, tragen diese spürbar und sinnvoll zur Unterstützung der Szenen bei. An anderen Stellen, beispielsweise der ersten Begegnung zwischen Denton und Kongre, wirken sie jedoch deplatziert und aufgesetzt.

Man könnte an „Das Licht am Ende der Welt“ noch viel kritisieren. Ein Großteil der Dialoge wirkt hölzern und viele Handlungen von Denton und anderen sind nur schwer nachvollziehbar. Häufig sind die Szenen nicht ansatzweise so gut geschrieben und inszeniert, dass sie das große Potential ausnutzen könnten, das man mit den Darstellern rund um Kirk Douglas und Yul Brynner am Set hatte. Zusätzlich ist festzustellen, dass beide ebenfalls nicht ihre besten Leistungen abgeliefert haben. Das alles ist sehr schade, verfügt der Stoff doch über großes Potenzial und man kann sich durchaus ausmalen, was „Das Licht am Ende der Welt“ für ein toller Film hätte werden können. Was bleibt, ist ein Abenteuer, das in der Lage ist, für kurzweilige Unterhaltung zu sorgen und dabei durchaus Spaß zu machen, wenn auch teilweise unfreiwillig.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Yul Brynner und Kirk Douglas sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Nur selten nehmen die Seeräuber Gefangene

Veröffentlichung: 9. August 2019 als DVD

Länge: 123 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Light at the Edge of the World
USA/SP/LIE 1971
Regie: Kevin Billington
Drehbuch: Tom Rowe, nach dem Roman „Der Leuchtturm am Ende der Welt“ von Jules Verne
Besetzung: Kirk Douglas, Yul Brynner, Samantha Egar, Jean-Claude Drouot, Fernando Rey, Renato Salvatori, Massimo Ranieri, Aldo Sambrell, Tito García, Víctor Israel, Antonio Rebollo, Luis Barboo, Tony Cyrus, Raul Castro, Oscar Davis
Zusatzmaterial: Wendecover, Trailershow
Label: Pidax Film
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Pidax Film

 

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Tausendundeine Nacht – Warum ernst, wenn’s auch verrückt geht?

A Thousand and One Nights

Von Ansgar Skulme

Fantasy-Abenteuer // Im kunterbunten Bagdad aus Tausendundeiner Nacht unterhält Aladdin (Cornel Wilde) Tag für Tag, Jung und Alt mit seinem Gesang – vor allem die Damen lieben den Burschen. Indes nutzt sein Freund Abdullah (Phil Silvers) das Durcheinander zwischen den Marktständen, um sich mit geschickten Diebeshandgriffen die Taschen zu füllen. Wenn es darauf ankommt, ist Aladdin aber derjenige, der sogar zu weitaus waghalsigeren Abenteuern bereit ist. So lässt er es sich nicht einmal nehmen, sich in sie Sänfte der Prinzessin Armina (Adele Jergens) zu schleichen und den Schleier zu lüften, hinter dem sich das Gesicht verbirgt, das niemand sehen darf – mag der Spaß nun unter Todesstrafe stehen oder auch nicht. Ihr riskanter Lebensstil bringt Aladdin und Abdullah gern in Situationen, in denen es verdammt schnell um Leben und Tod geht, überstürzte Flucht und das Verbergen in abgelegenen Verstecken die letzten Auswege sind. Für den Hexenmeister Kofir (Richard Hale) sind die beiden Abenteuerlustigen ein gefundenes Fressen, um an die von ihm ersehnte Wunderlampe zu gelangen, für die er zwar Leben zu riskieren bereit ist, aber nicht sein eigenes.

Nach dem Erfolg der aus dem Vereinigten Königreich in die USA gelangten Produktion „Der Dieb von Bagdad“ (1940) versuchte sich Hollywood bald selbst an farbenfrohen Technicolor-Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“. Den Grundstein legte Universal Pictures mit „Arabische Nächte“ (1942) und fütterte dieses Subgenre des Abenteuer- und Fantasy-Films bis weit in die 50er-Jahre hinein mit Regelmäßigkeit. Auch andere Studios wollten ihren Teil vom Kuchen – MGM sprang mit „Der Kalif von Bagdad“ (1944) auf den Zug auf, RKO mit „Sindbad, der Seefahrer“ (1947). Am meisten jedoch schöpfte Columbia Pictures den Windschatten von Universal aus, mit Filmen wie „Der rote Falke von Bagdad“ (1951), „Abu Andar, Held von Damaskus“ (1952) und „Zaubernächte des Orients“ (1953).

Neue Impulse mit frechen Ideen

„Tausendundeine Nacht“ (1945) markierte Columbias standesgemäßen Technicolor-Einstand im Genre von Aladdin, Sindbad, Scheherazade, Ali Baba, Harun ar-Raschid und Jaffar, dem Genre der Sultane, Großwesire, Zauberer, schönen Prinzessinnen und Lampengeister, zwischen Bagdad, Basra, Damaskus und Samarkand. Ein Film, der gewissermaßen das gesamte Genre von vornherein im Titel trägt und deswegen geradezu dazu verdammt war, ein Meilenstein zu werden. Ob „Tausendundeine Nacht“ seinem vielversprechenden Namen gerecht wird, liegt natürlich im Auge des Betrachters, aber eindeutig festzuhalten ist, dass dieser Film sich insofern von seinen Vorgängern seit 1940 abhebt, als er die bonbonfarbene Technicolor-Orientwelt weitaus spaßbetonter und augenzwinkernder zum Leben erweckt als man das bis dato gewohnt war. Humorvoll gezeichnete Figuren und Szenen machten den Tausendundeine-Nacht-Film zwar auch schon zuvor immer wieder aus, jedoch war „Tausendundeine Nacht“ im Grunde das erste Technicolor-Orientabenteuer, bei dem Spaß und Gags, trotz einiger für Kinder sicher recht gruseliger Szenen, absolut im Vordergrund stehen. Das beginnt bereits mit dem einleitend eingeblendeten flapsigen Text und damit, dass Phil Silvers den ganzen Film über mit einer Brille umherläuft, obwohl dieses Hilfsmittel in der gezeigten Epoche eigentlich gar nichts verloren hat. Aus der Not, dass Silvers extrem kurzsichtig war und ohne eine Brille nicht arbeiten konnte, machte man also eine Tugend und sich einen Spaß daraus – zumal der talentierte, heute etwas im Schatten seiner mit vielen Hauptrollen in dieser Epoche berühmt gewordenen Komiker-Kollegen stehende Silvers ohnehin für Gags zuständig und nicht umsonst in einer großen Rolle besetzt worden war.

Damit nicht genug, ließ man aus der Lampe eine bildhübsch anzuschauende und von Evelyn Keyes überaus sympathisch verkörperte junge Dame mit grellem rotem Haar als guten und sich schnell verliebenden Geist auftauchen. Eine sehr amüsante Figur, die sich von ihren Freunden schlicht „Babs“ statt Dschinni nennen lässt, deren ehrliche Liebe zum Helden aber durchaus auch mit einer gewissen berührenden Würde und Verletzlichkeit vermittelt wird und dem ansonsten im positiven Sinne recht überdrehten Film seine wärmsten Momente beschert. Allein die Darbietungen von Evelyn Keyes und Phil Silvers sind für „Tausendundeine Nacht“ mehr als die halbe Miete. Die beiden fangen die leider stellenweise recht hölzernen Auftritte von Cornel Wilde und Adele Jergens mehr als gut auf. Dann ist da noch Rex Ingram, der in „Der Dieb von Bagdad“ den Lampengeist gespielt hatte und hier als gigantisch großer Wächter der Lampe erneut auftritt – und zwar in geradezu identisch aussehender Kostümierung. Nicht die einzige ziemlich direkte Hommage an die 1940 erschienene Produktion der Korda-Brüder: Ähnlichkeiten zu „Der Dieb von Bagdad“ fallen schon bei der Einführung des Helden und seines treuesten Gefährten im Umfeld des belebten Marktes, zudem natürlich der Präsenz einer Diebesfigur in einer zentralen Rolle sowie der Prinzessin auf, die niemand sehen darf, und die viel Zeit, umgeben von Dienerinnen im Garten, nahe des Palastes, verbringt. Auch der Zauberer Kofir weckt mit seinen finsteren Blicken und düsteren Fähigkeiten Erinnerungen – an Conrad Veidt als Jaffar.

Sprung zurück in die Kindheit

Wie in vielen anderen Tausendundeine-Nacht-Filmen der 40er und 50er fällt hier überhaupt eine bis in kleine Rollen sehr spielfreudige Besetzung auf. Man hat bei diesem Genre oft das Gefühl, dass sich die beteiligten Schauspieler wie ins Schlaraffenland teleportiert oder in ihre Kindheit zurückbeförderte Glückspilze fühlen, die einen Heidenspaß bei der Sache haben. Denkbar lustig sind vor allem die Auftritte von Murray Leonard in einer kuriosen Szene mit einem echten Kamel, das herrlich trocken direkt in die Kamera schaut, während er seinem Redeschwall frönt, und von John Abbott als Schneider Ali. Auch Gus Schilling und Nestor Paiva als stockdumme Wächter am Hofe des Sultans machen Spaß. Angesichts all dessen ist es relativ überraschend, dass der böse Prinz Hadji ausgerechnet von Dennis Hoey gespielt wurde, der in den Sherlock-Holmes-Filmen mit Basil Rathbone damals regelmäßig als trotteliger Inspektor Lestrade zu sehen war. Er war hier nun also in erster Linie für die finsteren Töne zuständig – und zeigt, dass er auch das, selbst inmitten einer ansonsten überwiegend spaßig-quirlig agierenden Besetzung, trotz seines durch den tapsigen Lestrade geprägten Leinwand-Images, gut darzustellen vermochte. Eine kurze Passage, in der man ihn plötzlich wider Willen nur noch mit einer Unterhose bekleidet und im dreistesten Sinne des Wortes demaskiert sieht, gibt es aber dennoch. Seine rechte Hand spielt Philip Van Zandt („In den Kerkern von Marokko“), der zu einem charakteristischen Gesicht des Tausendundeine-Nacht-Films der 40er und 50er werden sollte, ehe er 1958, nach einer langen und sehr produktiven Karriere, tragisch mit nur 53 Jahren durch Suizid aus dem Leben schied, nachdem er sein ganzes Vermögen durch Glücksspielsucht verloren hatte.

Die Liebe ist manchmal ein Krampf

Berechtigte Oscar-Nominierungen für das beste Szenenbild in einem Farbfilm – für das unter anderem ein gewisser Frank Tuttle zuständig war, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen „Die Narbenhand“-Regisseur – und für die besten visuellen Effekte komplettieren das unterhaltsame Abenteuer. Ein bisschen unfreiwillige Komik gibt es allerdings auch: So ist Adele Jergens – bei allem Respekt – als mutmaßlich bildschönste aller Frauen, die aufgrund ihrer Schönheit niemand ohne Erlaubnis sehen darf und die aus selbigen Gründen Aladdin nicht mehr aus dem Kopf gehen will, einfach nicht glaubwürdig besetzt und überzeugt ebenso wenig schauspielerisch. Ich würde das hier auch nicht so direkt schreiben wollen, hätte ich in dem Moment, in dem Aladdin den Schleier lüftet – da ich zu der Schauspielerin auch gerade kein Gesicht vor Augen hatte – bei der Sichtung für diese Rezension nicht tatsächlich sofort selbst den Impuls gehabt mit einem kräftigen, einleitenden „Pfff ….“ auf der Zunge loszulachen und zu denken: „Jetzt nicht wirklich euer Ernst, oder?“, nach dem ganzen Aufriss der die Begegnung mit dieser Figur bis dahin schon eingeleitet hat (und der dann über den Film hinweg auch weiter gemacht wird). Adele Jergens fehlt absolut jegliches Besondere in der Rolle – das wäre nach dem ernüchternden ersten Eindruck auch immer noch schauspielerisch zu lösen gewesen, was aber nicht passiert. Am Ende versteht man als Zuschauer genauso wenig wie die verschmähte „Babs“ aus der Lampe, warum Aladdin sich ausgerechnet in diese Prinzessin so sehr verguckt hat, dass er trotz beträchtlicher Auswahl, die sich über den Film hinweg in diversen wirklich schönen Frauen offenbart, eisern in sie verschossen bleibt. Schon allein Dusty Anderson, die stattdessen die Dienerin Novira verkörpert, wäre als Prinzessin Welten überzeugender besetzt gewesen. Adele Jergens mit Ernsthaftigkeit in dieser Rolle anbieten zu wollen, ist allerdings schlichtweg ein Grund, wenn nicht der gravierendste, warum man diesen Film einem heutigen jungen Publikum, trotz vieler neckischer Gags und der ziemlich provokant angelegten, liebenswerten Frauenfigur „Babs“, die den Mädels einiger Generationen gut gefallen dürfte, nur noch schwerlich wird verkaufen können. So forsch und frech „Tausendundeine Nacht“ auch in vielen anderen Momenten ist – was den Umgang mit der Prinzessin angeht, ist dieser Film unglaublich altbacken und von einer faustdicken Staubschicht überzogen. Übrigens: Dusty Anderson, die als Novira insofern fehlbesetzt ist, als sie die bessere Prinzessin gewesen wäre, wird am 17. Dezember 2019 zwar nicht 1001, allem Anschein nach aber immerhin stattliche 101 Jahre alt. Sie lebt offenbar schon lange zurückgezogen und ihre Filmkarriere ist noch länger beendet, jedoch sollte man davon ausgehen können, dass ein eventuelles Sterbedatum dennoch überliefert wäre. In den 40ern war Dusty Anderson in den USA ein bekanntes Pin-up-Girl.

Neben dem Scheitern von Adele Jergens gelingt es Cornel Wilde – einem von mir eigentlich sehr geschätzten, vor allem ungemein sympathischen Schauspieler mit recht natürlichem Charme – in den meisten Gesangsszenen leider auch nicht wirklich, wenigstens überzeugend so zu tun als würde er tatsächlich beim Singen mit seiner eigenen Stimme zu hören sein. Seine Gesangspassagen wurden von Tom Clark synchronisiert. Cornel Wildes teils ziemlich verkrampfte Körperhaltung beim Singsimulieren tut punktuell schon allein beim Zuschauen weh. Es macht keinen rechten Spaß, ihn im Korsett einer Strahlemann-Rolle zu sehen – das steht ihm nicht gut zu Gesicht und lag ihm offensichtlich auch nicht wirklich. Jedoch muss man fairerweise sagen, dass er seine Dialogpassagen weitaus besser spielt als dies in der mittlerweile in Deutschland im Umlauf befindlichen Neusynchronisation zur Geltung kommt. Und die hervorragende, wenngleich natürlich ebenfalls von Tom Clark synchronisierte Gesangsnummer „No More Women“ gegen Ende – eine mit breiter Brust den Frust herauslassende Abrechnung mit der Damenwelt, die Aladdin im Wechselspiel mit Abdullah als positiv denkendem Gegenpart vorträgt – ist sowohl musikalisch als auch hinsichtlich der Performance der Schauspieler wiederum so gut gelungen, dass sie die vorherigen Wackelakte Cornel Wildes als Scheinsänger recht gut vergessen macht. So oder so muss man das etwas kuriose Fazit ziehen, dass in diesem Film eigentlich fast alles harmoniert und auf seine Art schlüssig wirkt, abgesehen ausgerechnet von der Hauptfigur und seiner Angebeteten. Das macht den Zugriff für den Zuschauer dann leider einfach etwas schwerer als es gut ist und erzeugt somit mehr Distanz zum Publikum als es die Warmherzigkeit dieser Produktion eigentlich verdient hat. Wenn man so will, war „Tausendundeine Nacht“ 1945 Aladdins Technicolor-Debüt als Protagonist in einem Hollywood-Abenteuerfilm, nachdem ein paar andere bekannte Tausendundeine-Nacht-Figuren bereits vorangeschritten waren. Angesichts dessen hätte man sich irgendwie mehr bleibende Erinnerungen an diese Figur in diesem Film gewünscht.

Oh, Frankie!

Abgerundet von einer herrlichen Sinatra-Persiflage durch Phil Silvers bleibt „Tausendundeine Nacht“ am Ende aber doch als der Film der 40er/50er-Technicolor-Orientepoche in Erinnerung, der sich zwar bereits bewährter Muster bediente, aber, aus meiner Sicht, als erster freche Späße wirklich in den Vordergrund rückte (ohne deswegen aber wiederum gleich auf ein eingespieltes Komiker-Duo oder -Trio in den Hauptrollen zu setzen). Dadurch ist er auf seine Art in jedem Fall ein Meilenstein für das Genre – und Phil Silvers ein Komiker, dessen Talent mehr Beachtung verdient. Erstaunlicherweise ist „Tausendundeine Nacht“ selbst in den USA offenbar erst vor kurzem erstmalig – und nur im Rahmen einer Box – auf DVD erschienen, wenngleich schon vorher eine digital überarbeitete Fassung existierte und es auch schon zuvor in anderen Ländern DVD-Veröffentlichungen in mir unbekannter Qualität gegeben hat. Der Film galt bis zur US-DVD-Veröffentlichung im Jahr 2019 selbst amerikanischen Sammlern als Rarität – angesichts des Titels, der ansehnlichen Technicolor-Produktion und der Größenordnung des Projekts für Columbia durchaus überraschend, dass es so weit gekommen ist. Es ist also wirklich an der Zeit, hier einen merkwürdigen Missstand angemessen zu korrigieren.

Man sollte nicht vergessen, dass es sich um einen Film handelt, für den Columbia die größten hauseigenen Sets seit 1939 bauen ließ – allein das und die beiden Oscar-Nominierungen verbieten schon die Bezeichnung B-Film, auch wenn Columbia als Studio nicht die Größe von MGM, Paramount, Warner, Fox und RKO hatte. Leider liegen nicht nur hierzulande immer noch viele Columbia-Farbabenteuerfilme und -Western aus den 40ern und 50ern (trotz vorhandener deutscher Synchronfassungen) im Schatten, von denen etliche eine Neuentdeckung verdienen. Was speziell den deutschen Markt angeht, kranken viele dieser Columbia-Produktionen unglücklicherweise auch etwas daran, dass viele der Kinosynchronfassungen dieser Filme nicht mehr im Umlauf oder nicht mehr erhalten sind und die fürs Fernsehen entstandenen Neusynchronisationen einfach nicht den klassischen Charme widerspiegeln, auch wenn sie handwerklich und schauspielerisch zum Teil dennoch gut gemacht sind. Zudem kranken solche Neusynchronisationen auch gern einmal an nicht mehr verfügbaren Original-Musikspuren, was zu behelfsweise angelegten Spuren mit irgendwie greifbarer Musik (beispielsweise aus anderen Szenen des Films, in denen gerade niemand spricht) führt, die dann auch gern einmal sehr unpassend geraten oder überladen sind. „Tausendundeine Nacht“ im Speziellen hat bedauerlicherweise eine der eher misslungenen Neusynchronisationen erwischt. Aber man darf wenigstens hoffen, dass die ursprüngliche Synchronfassung von 1950, in der Hans Nielsen Cornel Wilde gesprochen haben soll, irgendwann doch wiederauftaucht.

Veröffentlichung (USA): 28. Mai 2019 als DVD (in der Box „The Story of Aladdin – 8 Magical Tales“)

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: A Thousand and One Nights
USA 1945
Regie: Alfred E. Green
Drehbuch: Wilfred H. Petitt, Richard English, Jack Henley
Besetzung: Cornel Wilde, Evelyn Keyes, Phil Silvers, Adele Jergens, Dennis Hoey, Philip Van Zandt, Dusty Anderson, Richard Hale, John Abbott, Rex Ingram
Verleih: Columbia Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Inferno – Jules Verne, James Bond und Joe McCarthy

Hell and High Water

Von Ansgar Skulme

Kriegs-Spionagethriller // Angesichts einer wachsenden nuklearen Bedrohung nimmt ein Team um den Wissenschaftler Montel (Victor Francen) im Sommer 1953 privat finanziert alle denkbaren Risiken auf sich: In einer abgelegenen Inselregion Asiens bereiten die Chinesen offenbar einen Atombombenabwurf vor. Unklar ist allerdings, was genau vor sich geht, ebenso das Ziel des Anschlags. Professor Montel will daher gemeinsam mit seiner Assistentin (Bella Darvi) vor Ort herausfinden, was los ist. Er und der organisatorische Leiter der Expedition, Fujimori (Richard Loo), engagieren den früheren US-Navy-Offizier Adam Jones (Richard Widmark), um mit einem alten japanischen U-Boot und einer überwiegend nach den Wünschen des kommandierenden Offiziers zusammengestellten Besatzung ins Feindesland aufzubrechen.

Dicke Luft in den Tiefen des Meeres

Rot ist hier leider nicht nur die atmosphärische nächtliche Beleuchtung im U-Boot, sondern auch das Feindbild, auf das der Film Jagd macht. „Inferno“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass man im Kino immer wieder zwischen ästhetischem und/oder erzählerischem Funktionieren, wenn nicht gar Brillieren, sowie inhaltlich-thematischer Relevanz unterscheiden muss. Ich mag diesen Film sehr gern und hatte ihn mir auch schon aus jungen Jahren in bleibender Erinnerung bewahrt, weil er sowohl spannend als auch visuell ansehnlich inszeniert und mit charismatischen, guten Schauspielern besetzt ist und zudem spektakuläre, im Gedächtnis bleibende Explosionen sowie dynamisch inszenierte Feuergefechte zeigt. Politisch jedoch ist er hanebüchen flach und naiv – was mir heute natürlich weit mehr als früher auffällt.

Du bist schuld! Nein, du!

Die Oscar-Nominierung für die Spezialeffekte gab es zu Recht – und das ist auch nicht der einzige hervorragende Aspekt an diesem von Samuel Fuller als Gefallen für 20th-Century-Fox-Legende Darryl F. Zanuck inszenierten Projekt. Auf eine Art tragisch allerdings ist, dass „Inferno“ somit eine Art Gegenleistung Fullers dafür war, dass Zanuck ihn gegenüber FBI-Chef J. Edgar Hoover verteidigt hatte, weil diesem Fullers „Polizei greift ein“ (1953) – ebenfalls mit Richard Widmark in der Hauptrolle – nicht patriotisch und vor allem FBI-freundlich genug war und Hoover in Fullers Arbeit schon damals offenbar generell zu viele eher linke Tendenzen sah. Zanuck nahm Fuller daraufhin in Schutz und so wollte dieser ihm den Wunsch nicht abschlagen, „Inferno“ zu inszenieren, wenn er denn wenigstens maßgeblich das ursprüngliche Drehbuch umgestalten durfte.

Widerstand gegen die Feindesgewalt

Bedeutet im Rückschluss: Fuller inszenierte einen antikommunistischen Film wie „Inferno“, der den Kommunismus – oder um im Jargon des Films zu bleiben: die „Roten“ – pauschal und ohne Gründe zu nennen als gesichtsloses Feindbild darstellt, das zu äußersten Mitteln zu greifen bereit ist. Und das als Dank dafür, dass Zanuck ihn vorher Filme hatte machen lassen, die tendenziell eher das Gegenteil aussagten und zumindest keine Werbung fürs Vaterland in dem Sinne waren, wie es der FBI-Chef am liebsten gesehen hätte; und als Dank dafür, dass Zanuck diese Projekte sogar gegenüber Hoover verteidigte. Spätestens am Set von „Inferno“ hätte Fuller durchaus die Zeichen der Stunde anders verstehen können, denn dort erfuhr er, dass er für „Polizei greift ein“ mit dem Bronzenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet worden war (ein Goldener Löwe wurde bei dieser Preisverleihung nicht vergeben, nur silberne und bronzene) – mochte J. Edgar Hoover den Film nun verabscheut haben oder nicht. Trotzdem aber geriet Fullers erster Film nach der Auszeichnung von Venedig dann zum antikommunistischen Reißer – ein „Inferno“ also in jedem Fall, auf welche Art nun auch immer man es betrachtet.

Fullers Richtungswechsel wirkt zumindest auf den ersten Blick ein wenig enttäuschend – wie ein Hürdenläufer, der sich nach Überwinden aller Hindernisse auf der Zielgeraden plötzlich zum Umkehren entscheidet, obwohl er eigentlich schon durch war. Die Frage „Warum das denn jetzt eigentlich, Herr Fuller?“ schwebt ein wenig über diesem Film, vor allem, da das Drehbuch ja entscheidend von Fuller überarbeitet werden durfte und Zanuck demnach gar nicht einmal besonders repressiv war. Dass es überdimensionale Feinde geben muss, wenn man einen Film über eine Atombombe dreht, finde ich sogar noch nachvollziehbar, und da alle dementsprechenden Feinde der USA damals (angebliche) Kommunisten waren – sei es drum. Enttäuschend aber ist vor allem die Profil- und Motivlosigkeit des Gegners, die dieser Film suggeriert. Da sind eben irgendwo „drüben“ einfach Böse, die einfach nur böse sind und Amerika schaden wollen – wer genau das ist oder warum das Ganze, bleibt ziemlich unklar. Als ob es rein mordlustige Wesen ohne jegliche Ideale und Überzeugungen wären, die auch für keinen Zweck agieren, sondern aus reiner Boshaftigkeit. Es lässt sich in groben Umrissen natürlich ableiten und erschließen, auf wen der Thriller hinaus will beziehungsweise wen er alles meinen könnte, Gesichter oder Gemeinte kann man auch erahnen, ohne sie wirklich zu sehen, aber insbesondere die Motive des Feindes werden quasi so gut es geht ausgespart und der Film bleibt konsequent das Gegenteil von konkret oder von stichhaltig – nämlich erschreckend oberflächlich und pauschal. Entscheidend ist offenbar nur: Amerika ist in Gefahr und muss beschützt werden und alle, als deren Beschützer Amerika sich sieht – egal warum eigentlich, aber dafür um jeden Preis. Da kommen Weltbilder zum Vorschein, die es den gebildeten Zuschauer angst und bange werden lassen können. So als ob jemand einem kleinen Jungen dessen Schokoriegel weggenommen hätte – aber wer es war, weiß er nicht. Und dann fängt er eben einfach an zu weinen und wettert pauschal gegen alle, die in Frage kommen, und wenn man ihn jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann nimmt er Rache. Tiefgang sieht wirklich anders aus. In Frankreich – wohlgemerkt der Heimat der Figur Professor Montel im Film – war „Inferno“ aufgrund seiner politischen Marschroute sogar für eine Weile verboten und wurde, wie aus der Begründung hervorgeht, ähnlich wie sowjetische Propaganda-Filme auf der Gegenseite behandelt beziehungsweise auf Augenhöhe mit diesen angesiedelt.

Meine Hobbys sind: Kernkraft, Atombomben, U-Boote und Flugzeuge

Ein bisschen sieht man von den „Roten“ aber schon. Ein paar Schergen sieht man, wie sie sich beim Belauschen zusammenrotten, dann sind da ein paar herumballernde Angreifer, die man kaum erkennt, die zudem genau dann angreifen, als der Professor gerade vom Willen zum Dialog redet, und einen Gefangenen sieht man noch, der brutal einen Wehrlosen angreift – dieser ist die Figur, von der man auf Seiten des Gegners noch am meisten hört und erkennen kann –, Gehaltvolleres ist da aber einfach nicht. Zum Glück kann „Inferno“ handwerklich und künstlerisch weit mehr, als er mit seiner tapsigen Naivität auf der politischen Ebene draufhat. Die asiatischen Kommunisten sind hier in diesem Genre, zumindest in diesem Film, gewissermaßen das, was im Western die Indianer sind, wobei man diesen Spionagethriller in dieser Hinsicht schon etwas anders und strenger beurteilen sollte als einen Western, da er immerhin topaktuelle politische Diskurse kommentierte und verharmloste. Mag der Western kein Historiengenre sein und nun einmal seine Geschichtchen erzählen – das ist ein anderes Paar Schuhe. Ich bin schließlich selbst kein Freund davon, den Western zu einem historisch ambitionierten Genre zu verklären, was ich hier im Blog auch schon ausführlich dargelegt habe – eine Entschuldigung dieser Sorte gilt für „Inferno“ und seine Machart aber auf keinen Fall. Der Film bezog damals Stellung zu laufenden politischen Prozessen, beförderte Feindbilder ohne Argumente und lässt selbst ein Interesse daran vermissen, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Natürlich erschwerte auch der Western eine korrekte historische Aufarbeitung der US-amerikanischen Geschichte, allerdings geht es in „Inferno“ eben nicht um historische Aufarbeitung, sondern eher um das Neuerschaffen von Feindbildern. Und das ist der letztlich entscheidende Unterschied zwischen den Indianern im Western und den „roten“ Asiaten in „Inferno“, an deren Dämonisierung sich der Film gewissermaßen tagesaktuell beteiligte.

Frauen auf einem U-Boot? Soweit kommt’s noch! Genau …

Vielleicht wollte Samuel Fuller gerade dadurch, dass er Gesichter des Feindes vermied und die feindliche Macht so gut wie gar nicht zu Wort kommen ließ – und wenn, dann in fremder Sprache –, einen abstrakten Eindruck erzeugen, der das Feindbild noch vergleichsweise harmlos wirken lässt; zumindest harmloser als wenn man exakt greifbare Superschurken mit Namen und Thesen vor sich hätte, denen man gleichzeitig auch Authentizität unterstellt. Erreicht wird jedoch meiner Ansicht nach genau das Gegenteil. Oberflächlich irgendwelchen Personengruppen oder Erdteilen oder implizit einer Nation einen Atombombenbau anzuhängen und dann noch nicht einmal genau zu erläutern, warum sie das überhaupt machen wollen sollte(n) oder implizit den Gedankengang „Weiß doch eh jeder, warum die Atombomben bauen und dass sie deswegen eine Gefahr für uns sind! Die sind ja alle gleich.“ mitschwingen zu lassen, ist schon ein sehr starkes Stück. Und vor allen Dingen tut man damit genau das, was man im Film eigentlich dem Gegner vorwirft – der den Abwurf der Bombe den Amerikanern anhängen will. Man beschuldigt und dämonisiert, ohne klare Argumente zu formulieren. Im Film wird es als verwerflich dargestellt, dass der „rote“ Feind in Asien eine Atombombe abwerfen will, um danach einfach zu behaupten, die Amerikaner seien es gewesen. Der Film selbst beziehungsweise seine Macher behaupten aber gleichsam, dass es eben in Asien Elemente gibt, die einfach so Atombomben abwerfen und so wickelt sich die komplette Story davon ausgehend ab. Das Wort „grotesk“ wäre für diese freche Paradoxie noch sehr freundlich gewählt.

Phönix aus der Asche

Gerade weil „Inferno“ thematisch umso absurder wird, umso genauer man ihn betrachtet, ist die Leistung der künstlerischen Verantwortlichen und Schauspieler umso höher einzustufen. Denn so viel populistischen Unsinn, der aufgrund der Tragweite der Entgleisungen im Rahmen dieser Rezension auch als erstes genannt werden musste, muss man auf der anderen Seite wirklich erst einmal in einen dennoch so spannenden und ansehnlichen Film verpacken. Wie „Inferno“ mit dem Untersee-Expeditionsmotiv sowie dem alten Professor an Bord immer wieder an Jules Verne erinnert, hat Charme – Jules Verne als Kriegsfilmvariation, wenn man so will. Dazu der Aspekt, dass das Zielobjekt eine mysteriöse Nuklearbasis auf einer abgelegenen Insel ist und lange unklar bleibt, was genau dort vor sich geht – politisch gesehen reißerischer Humbug, aber andererseits ein amüsanter Vorgriff auf die späteren James-Bond-Filme, in denen es allerdings auch immer einen Superschurken gab, der der feindlichen Macht ein Gesicht und Motive verlieh, wenn er auch manchmal erst sehr spät zum Vorschein kam. Die zugehörigen Romane von Ian Fleming begannen etwa zu der Zeit, als „Inferno“ ins Kino kam, langsam auf den Markt zu strömen, aber die den Bond-Filmen, die punktuell am ehesten an „Inferno“ erinnern, zugrundeliegenden Romane erschienen erst nach Ende der Dreharbeiten zum vorliegenden Film von Samuel Fuller – einzig „Casino Royale“ war schon als Buch veröffentlicht worden, bevor „Inferno“ in die Kinos gebracht wurde.

Die Falle ist gestellt, die Abhöraktion läuft

Man könnte im Rückschluss also auch zu der Folgerung gelangen, dass „Inferno“ im Prinzip eigentlich versucht, mit wesentlichen Bausteinen der Logik, der Ästhetik und der Dramaturgie von (teils später entstandenen) James-Bond- und Jules-Verne-Filmen ein politisch topaktueller, anspruchsvoller, glaubwürdiger, möglichst authentisch verpackter Spionage-Kriegsfilm zu sein. Ein Ansatz, der – gelinde gesagt – sehr mutig ist. So mag „Inferno“ für Bond-Fans am Ende vielleicht sogar teils visionäre, beeindruckende Züge haben, während er dem einen oder anderen Diplomaten der Weltpolitik wiederum wahrscheinlich das blanke Grausen einjagen wird.

Tiefgang? Niedergang? Untergang? Tauchgang!

Erwähnt werden muss aber auch: Der Umstand, dass Samuel Fuller Schauspieler wie Gene Evans und David Wayne in ziemlich kleinen Rollen, ohne auch nur eine einzige Szene, die sie in den Vordergrund stellen würde, gewinnen konnte, weist seinen so oder so damals schon recht hohen Stellenwert in der Branche nach – und auch ein gewisses Urvertrauen in dieses Projekt, das bei vielen vorhanden gewesen sein dürfte. Zwei Schauspieler, die zuvor bereits wesentlich größere Parts, also Hauptrollen oder Hauptgegenspieler, in anderen Filmen verkörpert hatten – Wayne hatte man beispielsweise im Hollywood-Remake von Fritz Langs „M“, das 1951 herauskam, als Kindermörder in den Fußstapfen von Peter Lorre sehen können. „Inferno“ war unstrittig ein großes Prestige-Projekt und zudem auch an den Kinokassen kommerziell sehr erfolgreich. Stark vor allem darin, die klaustrophobisch stickige Atmosphäre im U-Boot immer wieder glaubhaft einzufangen und die taktischen Manöver des kommandierenden Offiziers spannend widerzuspiegeln, aber auch energiegeladen mitreißend in actionreichen Momenten. Darüber hinaus mit interessanten Lichtstimmungen verziert – manchmal denkbar einfach und doch genial gelöst, insbesondere in der Liebesszene, die vom tiefen Rot der U-Boot-Nachtbeleuchtung gerahmt wird – und mit einem denkwürdigen, facettenreichen Score von Alfred Newman gesegnet, der zu Recht auch als reine Musik-Tonspur auf der neuen Blu-ray- und DVD-Veröffentlichung von explosive media zu finden ist.

Schickes Update

Sogar wer bereits die alte deutsche DVD-Veröffentlichung von Universum Film aus dem Jahr 2008 besitzt, tut sich allein schon mit der neuen DVD von explosive media einen Gefallen. Der Ton ist jetzt besser – vor allem bei der Originalfassung –, der Bonus auf der Disc umfangreicher und zusätzlich sind Untertitel vorhanden. Die alte Veröffentlichung hatte zwar noch eine kleine, gedruckte Textbeigabe mit Schauspielerbiografien und -filmografien, deren Fehlen man aber verschmerzen kann. Und dass die Blu-ray hinsichtlich Bild- und Tonqualität noch mal einen draufsetzt, versteht sich in diesem Kontext ohnehin fast von selbst. Die deutsche Synchronfassung ist wunderbar atmosphärisch gelungen und interessant besetzt. Richard Widmark gehört zu den Hollywoodklassiker-Stars, die jeweils mehrfach mit unterschiedlichen außerordentlich gut passenden deutschen Synchronstimmen besetzt worden sind. Mitte der 50er war der auch hier zu hörende E. W. Borchert für ihn gesetzt, der mir sehr gut als Widmark gefällt. Daneben gibt es in „Inferno“ unter anderem Harald Juhnke als Stimme von Cameron Mitchell und Walther Suessenguth für Victor Francen zu erleben – zwei sehr versierte Sprecher, die zu hören immer eine Freude ist. Bella Darvi, die in „Inferno“ ihr Spielfilmdebüt gab und damals eine Liaison mit Darryl F. Zanuck hatte, nachdem sie sich zunächst mit ihm und seiner Ehefrau Virginia angefreundet und aus deren beider Vornamen ihren Künstlernachnamen „Darvi“ abgeleitet hatte, spricht in der deutschen Fassung mit der Stimme von Tina Eilers. Die polnische Newcomerin, die die Rolle nur aus persönlichen Gründen von Zanuck erhalten hatte und am Set von „Inferno“ nicht sonderlich beliebt war, blieb allerdings nicht lange erfolgreich. Samuel Fuller überzeugte Gene Evans, sie während der Dreharbeiten zu coachen, um das Beste aus ihr herauszuholen, doch nach rund 15 weiteren Auftritten vor der Kamera – die wenigsten davon in Hollywood-Filmen – endete ihre Karriere schließlich in mehreren Selbstmordversuchen, von denen einer dann auch gelang. Die neue deutsche Veröffentlichung von explosive media ist fast auf den Tag genau 65 Jahre nach dem deutschen Kinostart des Films erschienen. Ein Kauf, der sich für Fans des klassischen Hollywood-Kinos in jedem Fall lohnt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Richard Widmark sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 25. Juli 2019 als Blu-ray und DVD, 26. Mai 2008 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Hell and High Water
USA 1954
Regie: Samuel Fuller
Drehbuch: Samuel Fuller, Jesse Lasky Jr., nach einer Geschichte von David Hempstead
Besetzung: Richard Widmark, Bella Darvi, Victor Francen, Cameron Mitchell, Gene Evans, David Wayne, Richard Loo, John Wengraf, Wong Artarne, Stephen Bekassy
Zusatzmaterial: Original-Trailer, Original-Teaser, Bildergalerie, Musik-Tonspur
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 explosive media

 

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