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Gewehre für Bengali – Mein Land, dein Land, unser Land

Bengal Brigade

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // 1857 steht die britische Kolonialherrschaft in Indien vor einer schweren Belastungsprobe. Die Schlagkraft der Besatzer-Armeen stützt sich auf indische Soldaten, die von Briten befehligt werden. Würde sich jedoch hinter dem Rücken der Briten ein Aufstand zusammenbrauen, droht die Konfrontation mit einer Übermacht, die sich zu einem wesentlichen Teil aus von den Briten selbst ausgebildeten Männern rekrutieren könnte. Der Rajah Karam (Arnold Moss) ist sich der fragilen Situation bewusst und will die Macht an sich reißen. Geschicktes Taktieren wird allerdings notwendig sein, denn einige Briten genießen bei ihren indischen Soldaten einen hervorragenden Ruf – wie zum Beispiel Captain Jeffrey Claybourne (Rock Hudson), der auch einmal einen Befehl verweigert, um zu verhindern, dass seine Männer aus strategischen Gründen geopfert werden.

Gerade vor dem Hintergrund der aktuell wieder stark zunehmenden öffentlichen Debatten über Rassismus ist „Gewehre für Bengali“ ein sehr interessanter Film. Da gibt es auf der einen Seite die Führungsriege der britischen Machthaber, die ihr Auftreten in Indien für durchaus legitim hält und kein Ende in Sicht sieht; auf der anderen Seite sind die zunehmend die westliche Welt verstehenden Einheimischen, in denen eine Sehnsucht nach Selbstbestimmung wächst. Die Frage, wie lange Maßnahmen legitim sein können, stellt sich auch hier. Klar war schon Mitte des 19. Jahrhunderts, dass der Tag der Unabhängigkeit Indiens nach der britischen Einflussnahme einmal würde kommen müssen. Doch wie findet man den Ausweg aus den kolonialen Strukturen, ohne sie immer und immer wieder in die Länge zu ziehen? Und wo sollen bei den Einheimischen immer wieder Ausdauer und Verständnis für in gewisser Weise repressive Maßnahmen und gar für auf sogenannte „unbestimmte Zeit“ aufrechterhaltene Einschränkungen herkommen?

Fremde im eigenen Land und Gastgeber in der Fremde

Inmitten des Geschehens finden sich drei besonders spannende Figuren: Zum einen der Rajah – kein grobschlächtiger Schuft, sondern ein listiger Fuchs, der sich einerseits nicht ganz zu Unrecht gegen die Diktatur der Briten wehrt, andererseits aber selbst für einen noch weitaus autokratischeren, großspurig gelebten Führungsstil steht und sich die Unterwürfigkeit bestimmter Bevölkerungsgruppen erst recht zunutze zu machen versucht. Verschiedene Formen des Nationalismus prallen also aufeinander, wenn dieser reiche Inder die Briten herausfordert. Captain Claybourne, der Held des Films, will hingegen der Vertretung von politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interessen in keinem Fall fahrlässig verschenkte Menschenleben unterordnen, von der Nationalität oder gar einer angeblichen Rasse völlig unabhängig – somit ist er für seine Vorgesetzten ein ebenso riskanter Partner wie für den Rajah, da er sich zwischen den Extremen bewegt. Er wird von beiden Seiten sowohl umworben als auch gemaßregelt. Die dritte Figur, an der sich dieses brisante Spannungsfeld besonders gut zeigt, ist Sergeant Major Puran Singh. Ihm kommt unter den indischen Soldaten zwar eine Vorrangstellung zu, gleichzeitig basiert seine Sonderrolle innerhalb der britischen Armee aber auf der Akzeptanz, dass diejenigen, die über ihm stehen und ihm Befehle erteilen, stets Briten sind. Er ist die Schnittstelle zwischen Briten und Indern, derjenige der die Interessen beider Seiten in die jeweilige Gegenrichtung filtern, vertreten und in eine der beiden Richtungen gegebenenfalls harsche Befehle, unabhängig von seiner Meinung dazu, weitergeben muss – egal, wessen Tod sie bedeuten könnten. Seine Position bietet ihm Verlockungen an, entweder allzu opportunistisch gegenüber den Briten zu werden und somit den Hass seiner Landsleute auf sich zu ziehen oder aber Ansprüche zu stellen und sich im Falle der Zurückweisung dieser durch die Briten auf die Seite der einheimischen Meuterer zu schlagen. Puran Singh erweist sich mehrfach als auf Basis eines sehr starken Wertekanons agierender Mensch, doch wie lange kann das inmitten vieler populistischer Strömungen, vor dem Hintergrund eines sich anbahnenden Aufstandes gutgehen?

Kurz vor und kurz nach dem Durchbruch

„Gewehre für Bengali“ war einer der letzten dem Abenteuerfilm-Bereich (inklusive Western) zugehörigen Genrefilme aus dem kurzen Fenster von 1952 bis 1954, in denen Rock Hudson bereits als Hauptdarsteller aufgetreten ist, ehe ihm mit Filmen wie „Die wunderbare Macht“ (1954), „Was der Himmel erlaubt“ (1955), „In den Wind geschrieben“ (1956) und „Giganten“ (1956) der große Durchbruch gelang. Hudson war, wie zum Beispiel auch Tony Curtis, eine Entdeckung der Universal Studios und dort recht schnell über wenige kleine Rollen zu Star-Qualitäten gewachsen. Bevor er durch romantische Melodramen in Hollywoods Top-Riege emporschoss, entstand also eine überschaubare Zahl an sehenswerten B-Filmen, in denen Hudson Abenteuer-Helden typischen Musters darstellte. „Gewehre für Bengali“ ist außerdem insofern eine Besonderheit inmitten der Vielzahl damaliger B-Abenteuerfilme in Hollywood, als er mit László Benedek von einem Regisseur inszeniert wurde, der nicht auf derartige Spannungskino-Genrefilme mittellanger Laufzeit spezialisiert gewesen ist. Er war zwar selbstverständlich nicht der einzige „Gast“ inmitten vieler angestammter Regisseure dieser Sparte, aber zumindest eine der Abweichungen vom Regelfall. Den in Budapest geborenen Benedek konnte man seinerzeit etwa als Regisseur der Ende 1951 veröffentlichten Kinoversion von Arthur Millers Theaterstück „Der Tod eines Handlungsreisenden“ kennen, das später unter anderem von Volker Schlöndorff, mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle, nochmals verfilmt wurde. Für „Der Tod eines Handlungsreisenden“ gewann László Benedek den Golden Globe als „Bester Regisseur“ und trat beim Filmfestival in Venedig im Wettbewerb um den Goldenen Löwen an, wurde bei den Oscars jedoch ausgelassen, während der Film zeitgleich aber fünf Nominierungen in anderen Kategorien erhielt. Man kann es durchaus als Glücksfall bezeichnen, einen Regisseur mit einem solchen Erfolg im Schlepptau, der im Zuge dessen noch „Der Wilde“ (1953) mit Marlon Brando inszeniert hatte, wenig später für einen den Traditionen des Unterhaltungskinos entspringenden Abenteuerfilm wie „Gewehre für Bengali“ gewonnen zu haben, der noch nicht einmal ein Produkt der fünf größten Studios (Warner, Paramount, Fox, MGM, RKO), sondern von Universal gewesen ist. Wohlgemerkt soll das die Leistung arrivierter Genrefilm-Regisseure keinesfalls schmälern, deren Zugang zu einem solchen Stoff nur einfach zwangsläufig ein anderer gewesen wäre. Vor allem einige sehr einprägsam inszenierte stille Momente, dazu die ungewöhnlich lange erste Szene an der Front und die des Öfteren recht meinungsstarken Dialoge geben „Gewehre für Bengali“ die richtige Würze und eine ab und an etwas ungewöhnliche Note für derartiges 50er-Genrekino aus den USA. Darüber hinaus gelingt es Benedek recht gut, das ländliche Indien sowie die Wildnis im Studio zum Leben zu erwecken.

Wen man nicht alles bekommen hat

An der Seite von Rock Hudson ist neben der behutsam-anmutigen Arlene Dahl eine überraschend glaubwürdig wirkende Ursula Thiess zu sehen, die aus Deutschland stammte, aber eine Inderin spielt – eine Figur, die sich immer hilfsbereit und engagiert zeigt, obwohl ihre persönliche Zuneigung zu Captain Claybourne unerwidert bleibt. Die Filmkarriere der gebürtigen Hamburgerin Thiess kam bereits kurz nach „Gewehre für Bengali“ zum Erliegen, da sie im Mai 1954 den Hollywood-Star Robert Taylor heiratete und sich daraufhin dem Familienleben verschrieb. In Deutschland war sie in der Frühphase des Zweiten Weltkrieges – damals noch minderjährig – mit einem auf etwa ein Jahr veranschlagten Arbeitsdienst bestraft worden, nachdem sie sich geweigert hatte, dem „Bund deutscher Mädel“ beizutreten. Nach Hollywood verschlug es sie aber erst 1951, infolge eines Angebotes von Howard Hughes. Schon recht bald nach ihrer Ankunft traf sie Robert Taylor. Ihre Filmografie umfasst nicht einmal zehn Einträge, hätte aber das Potenzial für das Zigfache gehabt.

Rock Hudsons unmittelbarer Vorgesetzter wird von Torin Thatcher verkörpert, der einige Jahre später in „Sindbads siebente Reise“ (1958), dem zweifellos bedeutendsten Sindbad-Film der 50er – berühmt für die Effekte von Ray Harryhausen –, der Gegenspieler des Titelhelden wurde. Eine besonders gute Darbietung ist Arnold Moss als Rajah Karam gelungen, der seine Rolle in „Gewehre für Bengali“ sehr schlau, berechnend und intellektuell glaubwürdig spielt – das komplette Gegenteil eines eindimensionalen Bösewichts. Sein Sohn war der Drehbuchautor, Komponist und Songwriter Jeff Moss, der später unter anderem an der „Sesamstraße“ mitarbeitete und dafür eine ganze Reihe an Emmys gewann. Auch darüber hinaus hatte „Gewehre für Bengali“ ein gewisses Glück bei den Personalentscheidungen: Dan O’Herlihy, der hier eine Nebenrolle als Konkurrent von Rock Hudson hat, kam im selben Jahr auch in Luis Buñuels „Robinson Crusoe“-Verfilmung in der Titelrolle in die Kinos und errang dafür seine einzige Oscar-Nominierung. Michael Ansara, der den treuen Puran Singh verkörpert, spielte bald darauf die Rolle des Cochise in der TV-Serien-Adaption von „Der gebrochene Pfeil“ (1950), die auf Jeff Chandlers Oscar-nominierter Interpretation aus dem Film basiert.

„Gewehre für Bengali“ war also gewissermaßen zur richtigen Zeit am richtigen Ort, da er einerseits einen für den B-Sektor dieses Genres sehr unkonventionell gewählten, zudem bereits preisgekrönten Regisseur vorzuweisen hat, andererseits eine Schauspielerriege mit etlichen Personen aufbietet, die entweder wenig später in namhaften Filmen oder populären Rollen zu sehen gewesen sind, wodurch ihr Marktwert gewissermaßen nach oben katapultiert wurde, oder aber wie Arlene Dahl, Ursula Thiess und Arnold Moss nicht besonders viele Filme gedreht haben, was deren Auftreten wiederum zu einer Art von eher seltenem Vergnügen macht. Zumindest bei Moss scheint die Ursache dafür auch zu sein, dass er Filmrollen nur gelegentlich übernommen und entsprechend handverlesen ausgewählt hat. „Gewehre für Bengali“ wäre nur zwei Jahre früher oder später mit überwiegend derselben Besetzung in den fünf bis zehn größten Rollen und dazu demselben Regisseur wahrscheinlich nicht denkbar oder realisierbar gewesen.

Vorreiter und Frühstarter

Unter den Subgenres des Abenteuerfilms der 30er bis 60er sind die Indien-Filme ähnlich wie die Afrika-Filme ein Feld, in dem es eine spannende Vielfalt an sowohl US-amerikanischen wie auch britischen Produktionen zu entdecken gibt. Diese beiden Sparten des Abenteuer-Kinos – Indien und Afrika – gehören, wie auch der Tausendundeine-Nacht-Film, der Südsee-Film sowie Geschichten aus dem Fernen Osten und aus Südamerika, zum harten Kern dessen, was im klassischen Hollywood bevorzugt an Abenteuer-Stoff produziert worden ist. Vor allem die 50er verhalfen den einzelnen besagten Sektoren in der Breite zu besonderer Blüte – zumal der stetige Zuwachs an Farbfilmen speziell derartigen Genres zweifellos sehr dienlich gewesen ist. Freilich ist auch die Schnittmenge der hier genannten Subgenres des Abenteuerfilms, die häufig im 20. Jahrhundert oder, wie „Gewehre für Bengali“, im 19. Jahrhundert – zuweilen auch etwas früher – spielen, mit tief in der Vergangenheit verankerten Erzählungen nicht unerheblich, wenn man etwa an Ritterfilme, Bibelfilme oder jegliche Filme, die im alten Rom spielen, denkt. Somit spannt sich im Windschatten des Westerns ein breites Portfolio an abenteuerlustigem Unterhaltungskino auf, das das klassische Hollywood über Jahrzehnte geprägt hat – wobei man die 50er ausdrücklich als dahingehenden Höhepunkt einstufen kann.

Die Verfügbarkeit klassischer Hollywood-Abenteuerfilme auf DVD und Blu-ray ist in Deutschland aber nach wie vor recht überschaubar. Man wünscht sich ein wenig, da würde auf dem bundesdeutschen Markt eines Tages einmal eine ähnliche Welle wie beim Western oder dem Film noir losbrechen. So gesehen ist eine Veröffentlichung wie „Gewehre für Bengali“ ausgesprochen wertvoll; umso mehr, weil sie sogar mit einer brandneuen Bildabtastung aufwartet. Insbesondere auf Blu-ray sind wir bei diesem Film nun praktisch allen voraus.

Die deutsche Synchronfassung von „Gewehre für Bengali“ punktet ferner mit einem der frühesten Einsätze von Gert Günther Hoffmann als deutsche Variante von Rock Hudson, der in der Folge zur bei Weitem am häufigsten eingesetzten deutschen Stimme dieses baldigen Top-Stars aufstieg. Bekanntlich war Hoffmann die Stammstimme etlicher Stars, Hudson allerdings einer der ersten, für die er sich etablierte. Vor allem unter denen, die Hoffmann schließlich über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg regelmäßig und sehr häufig gesprochen hat, kann man Rock Hudson als so etwas wie den Frühstarter sehen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass einer der beiden Sprecher, die um 1954 auch drauf und dran zu sein schienen, sich als Stimme von Rock Hudson zu etablieren und damals zumindest auf je drei Einsätze binnen recht kurzer Zeit kamen, hier stattdessen für Michael Ansara zu hören ist – die Rede ist von Axel Monjé, der Hudson sogar noch in „Die wunderbare Macht“ (1954) vertonte, dann jedoch nicht mehr eingesetzt wurde. Ein wenig wirkt es, als habe „Gewehre für Bengali“, der offenbar kurz nach Monjés letztem Auftritt für Rock Hudson synchronisiert worden ist, mit Monjé als Puran Singh und Hoffmann als Captain Claybourne sozusagen die Wachablösung dargestellt. Der andere um 1954 mehrfach für ihn gefragte Kandidat war Horst Niendorf, doch Gert Günther Hoffmann setzte sich durch und blieb fortan – mit relativ wenigen Unterbrechungen – Rock Hudsons konstante deutsche Stimme über viele Jahre hinweg. Erst ab den 70ern, als Hudsons Stern als federführender, im Vorspann als erster genannter Star langsam zu sinken begann, wechselten die Sprecher wieder häufiger. Welche in Indien spielenden Abenteuer könnt Ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Rock Hudson haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Mai 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Bengal Brigade
USA 1954
Regie: László Benedek
Drehbuch: Richard Alan Simmons, Seton I. Miller, nach einem Roman von Hall Hunter
Besetzung: Rock Hudson, Arlene Dahl, Ursula Thiess, Torin Thatcher, Arnold Moss, Michael Ansara, Dan O’Herlihy, Harold Gordon, Leonard Strong, Shepard Menken
Zusatzmaterial: Bildergalerie
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Blu-ray-Packshot: © 2020 explosive media

 

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Der goldene Salamander – Dem Bösen entgegentreten

Golden Salamander

Von Tonio Klein

Krimi // Man erfährt am Ende, dass „Der goldene Salamander“ tatsächlich in dem Land gedreht wurde, in dem er spielt: Tunesien. Zu Beginn mag man es aber kaum glauben. Eine verregnete, hügelige Landschaft bei nächtlichem Gewitter und eine schummrige Bar, in welcher der Archäologe David (Trevor Howard) schließlich ankommt, wirken wie pure Allegorie. Gerade das Etablissement mit seinem Personal (junge Schönheit, abgeklärter Pianist, finstere Gesellen) könnte, obwohl es sich um eine Romanverfilmung handelt, auf ein Vorbild aus den USA schließen lassen: „Casablanca“ (1942). Everybody comes to … nicht Rick’s, aber egal. Man nehme hinzu, dass der örtliche Polizeichef ein Opportunist ist und die Hauptfigur, eben David, eher zufällig etwas von verbrecherischen Missständen mitbekommt und sich erst heraushalten will, aber später seine Meinung und sein Handeln ändert. Woran natürlich die Liebe einen Anteil hat, die aufkeimende Liebe zu Anna (Anouk Aimée, hier nur „Anouk“), die mit ihrem Bruder Max die Bar mit angeschlossenem Hotel betreibt.

In die Augen, in den Sinn – die Botschaft des Salamanders

Von Pidax als „Mischung aus Krimi und Abenteuer“ angepriesen, ist dieser Film vornehmlich das Erste. Hier muss nicht etwa ein Archäologe nach einem sagenumwobenen goldenen Salamander suchen, sondern ihn und andere Schätze von Tunesien nach London bringen; des Salamanders Inschrift wird für ihn Mitauslöser einer Wandlung: „Das Böse kann nicht überwunden werden, indem man ihm aus dem Wege geht. Man muss ihm entgegentreten.“ Das Böse ist hier der Waffenschmuggel, betrieben vom klassischen Personal wie dem guten Getriebenen, dem Bösen mit Rest-Anstand, dem harten Mann fürs Grobe (Herbert Lom) und dem eleganten Mastermind mit der Maske aus Amt und Würden (Walter Rilla). Gerade die letzten beiden lassen David natürlich nicht so mir nichts, dir nichts die Botschaft des Salamanders befolgen.

Gute Inszenierung …

Ronald Neames Krimi leidet – wenn auch nicht besonders stark – darunter, dass die Inszenierung immer ein Stück besser ist als die Geschichte. Da ist der starke Beginn mit der Undurchsichtigkeit in Nacht und Regen, in der nur Blitze unheimliche Schlaglichter auf ein noch nicht ganz erfassbares Geschehen werfen und David nicht nur als Autofahrer kaum seinen Weg erkennen kann. Da gibt es eine grandiose Szene, in der romantische Badefreuden von Anna und David von einem Schrecken durchbrochen werden, indem – nicht nur Hitchcock konnte das – Vögel entsprechend ihrer mythologischen Bedeutung Boten des Unheils sind. Dazu muss die Regie nicht einmal mit Riesenbrimborium die Szenerie wechseln oder schiere Massen der gefiederten Tiere aufbieten, sondern nur in Akustik und Optik die Schraube ein wenig anziehen. Da wir das schlimme Ereignis schon vorher in Umrissen ahnen konnten, umso wirkungsvoller und mit den Tieren dicht an der Wasseroberfläche geheimnisvoll inszeniert. „Oberflächlich“ wird David nicht bleiben können. Die blutjunge Anouk Aimée und der schon als Mittdreißiger älter wirkende Trevor Howard bilden ein interessantes Pärchen. Vor allem sie überzeugt, wenn sie vor dem Spiegel ihr Haar erstmals öffnet und bürstet, eine erblühende, aber immer noch versunkene Schönheit. Im Finale kommt es gar zur einer großangelegten Wildschweinjagd, die natürlich zur Menschenjagd werden soll. Narrativ ist das so überflüssig wie jeder verschwurbelt komplizierte Versuch, James Bond zu töten, den die Superschurken gefühlte 100 Mal einfach hätten abknallen können. Aber was für filmische Mittel, was für exaltierte und spannende Darstellungen der menschlichen Abgründe! Auch wenn es hier eher einem rationalen Zweck als der Befriedigung eines perversen Triebs dienen soll wie etwa in „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932).

… und meist gute Geschichte

Das Ganze ist indes in der Geschichte stärker geerdet und die US-Vorbilder (oder unabsichtlichen Vergleichsfilme aus früheren Zeiten) sind einfach zu gut. Neben „Casablanca“ ist vielleicht John Hustons „Gangster in Key Largo“ (1948) zu nennen, der ebenfalls die Frage „sich heraushalten oder sich einmischen?“ zum Gegenstand hat, ebenfalls mit Humphrey Bogart. Und in dessen Gesichtsfurchen spielen sich viel größere, tiefere Dramen ab als bei Trevor Howard, was man diesem gar nicht mal anlasten kann. Trotz einiger schöner Inszenierungsideen, siehe oben, ist die Liebe zu Anna jedenfalls bei ihrem Aufkeimen eher Behauptung. Den Spruch auf dem goldenen Salamander liest David immer wieder, in einer Szene spricht er ihn gleich dreimal zu sich selbst. Das ist durchaus eindrücklich, aber nicht subtil.

Noch trennt sie der Tresen

Das Schicksal von Max, Annas Bruder, wird durch einen sehr unwahrscheinlichen Leichtsinn bestimmt. Ohne zu viel zu verraten, scheint es mir, dass der Plot in einer doch sehr auffälligen Weise hingebogen werden musste (kleiner Tipp: Wie kann er so deppert sein, den Brief im Jackett …?). Das Ende kommt dann fast ein wenig plötzlich, da man durchaus erwarten könnte, dass die Rilla-Figur ihren Kopf noch aus der Schlinge zieht. Wie ihr das Handwerk gelegt wird, erzählt der Film (trotz vorherigen klassischen Action-Finales) stattdessen elliptisch. Das hatte beim Schicksal Max‘ überzeugender geklappt: Da hatten wir Dinge in groben Zügen schon geahnt, werden aber lange später mit der Wahrheit konfrontiert, wenn wir die dunkle Ahnung fast schon wieder vergessen haben und dadurch in derselben Situation wie unsere beiden Verliebten sind, die brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. So erzeugt der Film maximale Empathie. An anderen Stellen ist er nur – aber immerhin – solide Unterhaltung.

Ist Tunesien in Tunesien? Starker Brit-Noir, aber Schwächen der DVD

Die technische Umsetzung sehe ich leider kritisch. Das Bild ist unscharf-verwaschen und kontrastarm, was einem stilistisch mitunter doch recht ansprechenden Schwarz-Weiß-Thriller wenig guttut. Anders als die US-Amerikaner waren die Briten zwar in der Lichtsetzung oft etwas realistischer, aber in den 1940er-Jahren entwickelte sich auch so etwas wie Brit-Noir mit expressionistischen Einflüssen, etwa bei manchen Werken von Carol Reed und David Lean. „Der goldene Salamander“ ist insoweit auf sehr interessante Weise hybrid, als er sich immer mal wieder an artifizielle-kontrastreiche Licht-und-Schattensetzung wagt, aber dafür mehr narravive Erklärungen anbietet als manches Werk der USA oder des deutschen, expressionistischen Stummfilms. Hier wird sogar einmal explizit von der Einzigartigkeit der Fenster-Musterungen eines Hauses der arabischen Kultur gesprochen, der Dialog erklärt also das Gezeigte. Und der allegorische Gewitterregen findet sein Gegenstück in den später dann doch mit dem Pfund der Originalschauplätze wuchernden Berg-, Stadt-, Meeres- und Wüstenszenerien. Schade, dass das Bild der DVD so etwas arg suboptimal wiedergibt. Zudem haben die Untertitel die bei Pidax öfter einmal zu beobachtenden Schludrigkeiten. Bei einem Film, der durchgängig in Tunesien spielt, mehrfach von einer geplanten Fahrt nach Tunesien zu lesen, weil die Texter den Unterschied zwischen Tunis und Tunesien ignorieren – muss das sein? Insgesamt ist am Salamander nicht alles Gold, was glänzt, aber die Investition lohnt gleichwohl.

Die üblichen Verdächtigen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Trevor Howard und Herbert Lom haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Schluss mit Wegducken!

Veröffentlichung: 5. Juni 2020 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Golden Salamander
GB 1950
Regie: Ronald Neame
Drehbuch: Leslie Storm, Victor Canning, Ronald Neame
nach einem Roman von Victor Canning
Besetzung: Trevor Howard, Anouk Aimée, Herbert Lom, Walter Rilla, Miles Malleson
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, Booklet (Nachdruck der Illustrierten Filmbühne)
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Dämonen der Südsee – Die filmische Entdeckung Neuseelands

The Seekers

Von Ansgar Skulme

Abenteuerdrama // 1821 gehört der Seemann Phillip Wayne (Jack Hawkins) – rund 50 Jahre nach den Expeditionsreisen von James Cook in die Südsee – zu den ersten Briten, die Neuseeland betreten und dort Freundschaften mit eingeborenen Maori schließen. Da ihm etwas Land versprochen worden ist, kehrt er schon bald gemeinsam mit seiner Frau (Glynis Johns) und seinem treuen Freund Paddy Clarke (Noel Purcell) ins neuentdeckte Land zurück. Im Gegensatz zu dem Maori-Häuptling Hongi Tepe (Inia Te Wiata), der das englische Wort für „Friede“ offenbar schon aus früheren Begegnungen mit anderen Menschen kennt, regt sich unter den Ureinwohnern allerdings auch Widerstand gegen die fremden Neuankömmlinge. Die bildschöne Moana (Laya Raki) und einige andere Frauen interessieren sich wiederum vor allem für die besonders hautnahen Wege der Völkerverständigung – eine echte Gratwanderung, wenn man die Frau eines eigentlich friedliebenden Häuptlings ist.

„Dämonen der Südsee“ war der erste große Kinofilm aus Europa und/oder den USA, der in Neuseeland gedreht wurde. Zwar nicht vollumfänglich, aber dass Studio-Aufnahmen ergänzend in heimischen Gefilden produziert wurden, ist kein ungewöhnlicher Umstand. Das Vereinigte Königreich war bei der Produktion federführend, auch die Vereinigten Staaten hatten allerdings ihre Finger im Spiel – Universal fungierte in den USA als Vertrieb und war offenbar auch an der Finanzierung beteiligt. Eine Inspirationsquelle für diese Art der cineastischen Pionierarbeit im ozeanischen Raum dürfte der erst kurz zuvor von Lewis Milestone („Im Westen nichts Neues“) in Australien realisierte „Gesetz der Peitsche“ (1952) gewesen sein, bei dem es sich allerdings um eine Produktion unter US-amerikanischer Leitung handelt.

Keine Zeit für Heldentum

Fotografisch, aber auch dramaturgisch ist „Dämonen der Südsee“ ein wirklich hervorragender Film. Nicht nur, weil er Neuseeland in denkwürdigen, bis dato in der Form nie dagewesenen Farbaufnahmen zeigt, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die Kamera oft auffällig eng am Geschehen dran ist. Es gibt viele eindrucksvolle Nah- und Großaufnahmen, außerdem spannende Kamera-Bewegungen. Die Actionszenen sind darüber hinaus zwar überschaubar, allerdings fulminant und geistreich fotografiert, anstatt sich in routiniertem Geplänkel zu verlieren. Einer der Filme, die dafür sorgten, dass der Regisseur Ken Annakin zu internationalem Ansehen gelangte. Nicht umsonst war er der britische Regisseur, der neben Kollegen aus anderen Ländern ausgewählt wurde, um für das mit Dutzenden Stars gespickte internationale Großprojekt „Der längste Tag“ (1962) Szenen beizusteuern.

Die Siedler lernen täglich Neues von den fremden Kulturen kennen

Die visuelle Durchschlagskraft der Inszenierung von „Dämonen der Südsee“ wäre allerdings nur die Hälfte wert, wäre die Erzählung nicht auch so stark von unvoreingenommener Menschenfreundlichkeit und Weltoffenheit geprägt. Der Film ist alles andere als ein angestaubter Blick in die Geschichte oder eine sensationslüsterne Abenteuer-Räuberpistole und redet auch dem Kolonialismus nicht das Wort. Bei genauer Betrachtung kristallisiert sich der Maori-Häuptling als heimliche Hauptfigur des Geschehens heraus – es geht eben nicht darum, irgendwelche „Helden aus der westlichen Welt“ zu erschaffen, die angeblich für Ordnung gesorgt haben. Abseits jeglicher Klischees vom gottlosen Wilden wandelt der als Opernsänger ausgebildete Bass-Bariton Inia Te Wiata in dieser Rolle des Hongi Tepe auf den Spuren des legendären Paul Robeson in „Bosambo“ (1935), der lediglich nicht in Ozeanien, sondern in Afrika spielt, sich dort allerdings eine vergleichbare Pionierrolle in der britischen Filmgeschichte erschloss. Der Vergleich zwischen Robeson und Te Wiata drängt sich bereits zeitig auf, da die Gesangspassagen der betreffenden eingeborenen Figuren in beiden Filmen recht früh einen gewissen Fokus auf diese Personen lenken. Robesons und Te Wiatas Stimmgewalt manifestiert sie innerhalb der Geschichten und neben den Figuren, die „Gäste“ aus der westlichen Welt sind, schnell erkennbar als wichtige Säulen der jeweiligen Erzählung. Wohlgemerkt weist „Dämonen der Südsee“ mehr vom interkulturellen Fingerspitzengefühl auf, das „Bosambo“ – zum besonderen Ärger von Paul Robeson – noch weitestgehend hatte vermissen lassen. Wobei es zweifellos möglich ist, dass die Darstellung einiger eingeborener Nebenfiguren Robeson auch im vorliegenden Film gestört hätte – nehmen wir etwa den verschlagenen Medizinmann oder den Häuptling des verfeindeten Stammes.

Dass die Bedeutung von Inia Te Wiatas Rolle als Maori-Häuptling auch in Deutschland erkannt wurde, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass man als Synchronsprecher extra Josef Olah engagierte, der Bariton-Opernsänger war. Er kam auch noch zu einem weiteren Einsatz als deutsche Stimme seines neuseeländischen Kollegen, ansonsten allerdings scheint er im Synchronstudio nur selten oder gar nicht aktiv gewesen zu sein. Aus Gründen, die man zumindest als fragwürdig erachten kann, hielt man es – trotz einer offensichtlich vorhandenen Wahrnehmung für die zentrale Rolle der Häuptlingsfigur – in Deutschland aber dennoch für notwendig, dem Film ein alternatives Ende zu verpassen, das die finale Botschaft nicht unwesentlich relativiert. Auf der neuen DVD von Pidax ist dieses Ende als Bonus ebenfalls enthalten. Es verfälscht die Kernaussage des Films zwar nicht elementar, macht aber dennoch einen inkonsequenten Eindruck.

Als zeitgenössisches in Afrika angesiedeltes Pendant zu „Dämonen der Südsee“ im britischen Kino – rund 20 Jahre nach „Bosambo“ – könnte man, mit Blick auf die Gesamtheit der Handlung, wiederum „Simba“ (1955) werten. Ein gleichfalls sehr empfehlenswerter Film. Zu der Zeit, als das britische Kino Neuseeland entdeckte, hatte es bereits diverse in Afrika spielende und zu unterschiedlich großen Teilen auch dort gedrehte, interessante Filme mit hohen Schauwerten realisiert und war immer noch dabei, mehr davon zu produzieren. Afrika war gewissermaßen das wohl größte Steckenpferd des britischen Abenteuerfilms der 30er bis 60er. Hierbei wurden letztlich Strukturen genutzt, die Filmcrews aus dem Vereinigten Königreich – aus der Kolonialzeit folgend – relativ einfache Zugänge zu bestimmten Ländern in Afrika verschaffen konnten. So war das britische Kino für den Afrika-Sektor des klassischen Abenteuerfilms letztlich auch ertragreicher und bedeutsamer als Hollywood. Bei den US-Produktionen ging die Tendenz eher dazu, sich auf in Afrika angesiedelte Studio-Produktionen zu verlegen, die in heimischen Gefilden realisiert wurden. Ausnahmen bestätigen beiderseits die Regel. Mit „Dämonen der Südsee“ wurde vom britischen Kino in Neuseeland ein neues Kapitel aufgeschlagen, das im Grunde aus demselben Pioniergeist heraus entstanden ist wie zuvor bereits diverse Afrika-Filme.

Power-Frauen in unterschiedlichem Sinn

Was den Film umso sympathischer macht, ist, dass er nicht einmal nur einen recht intelligenten Blick für die Ureinwohner zu bieten hat, denn obendrein zeigt er Glynis Johns in der Rolle von Phillip Waynes Angetrauter erheblich selbstbestimmter und freidenkender, bei gleichzeitig aber wundervoll gutherziger und wohlbedachter Treue zu ihrem Mann, als das für Ehefrauen-Rollen im damaligen Abenteuerkino im Allgemeinen üblich war. Eine herzerwärmend berührende, starke Frauenrolle, die sich für die Familie aufopfert und dennoch weit mehr als schmückendes Werk ist. Wie „Dämonen der Südsee“ die verschiedenen Ebenen nachempfindet, auf denen sich Liebe und Zuneigung abspielen, gehört zum Klügsten, was ich in diesem Zusammenhang jemals im Abenteuerfilm des klassischen Kinos gesehen habe. In diesem Kontext ist auch die von der wahrscheinlich in Hamburg geborenen, damals als sogenannte Schönheitstänzerin berühmt-berüchtigten Laya Raki verkörperte Frau des Maori-Häuptlings wichtig. Sie ist das exotisch-feurige Gegenüber der ruhigen, aber nur auf den ersten Blick trügerisch prüden und von Glynis Johns dargestellten Familienmutter. Diese temperamentvolle, wie gemalte Laya Raki macht es glaubwürdig nachfühlbar, wie schwer es manchmal bei aller Vernunft ist, auf einen einzigen Menschen fokussiert zu bleiben. Wayne, Hongi Tepe und ihre beiden Frauen bilden ein sehr interessantes, spannend und schlau gestricktes Viereck der sozialen und emotionalen Beziehungen, zwischen Freundschaft, Liebe, verschiedenen Formen der Hingabe und purer Lust.

Phillip Wayne verschreibt sein Leben dem Pioniergeist

Dass der Film letzten Endes ein energisches Plädoyer gegen jegliche Vorurteile, gegen Vereinfachungen und gegen pauschalisierend überhebliche Aburteilungen ist, wurde übrigens auch im Nachhinein noch amüsant untermauert: Laya Raki, die gegen Ende der 40er und in den 50ern in ihrer deutschen Heimat als so etwas wie pure Sünde galt – und in „Dämonen der Südsee“ auch eine genau dem Rechnung tragende Rolle spielte – war im Nachkriegsdeutschland für ihre aufreizenden Tanzeinlagen und ihren Mut zur nackten Haut schon lange in der öffentlichen Diskussion und als verführerischer Hingucker bereits für einige Rollen ins hiesige Kino geholt worden, bevor sie den Schritt nach London wagte. Wenige Jahre nach „Dämonen der Südsee“ heirate sie den australischen Schauspieler Ron Randell, lieferte aber nicht etwa Skandale, sondern eine fast 50 Jahre andauernde Ehe, die erst 2005 durch Randells Tod endete – der nebenbei bemerkt ein sehr guter Schauspieler war, der mir häufig positiv aufgefallen ist. Sicher eine herbe Enttäuschung für alle, die sich über Laya Rakis öffentliche Präsentation weiblicher Reize gern einmal das Maul zerrissen hatten, dass sie plötzlich in einer äußerst langlebigen Ehe Beständigkeit bewies und gleichzeitig erfuhr, von der viele nur träumen können. Zudem ist Laya Raki auch ein ziemlich klarer Fall von „Wer hat, der kann!“ und gibt den 50ern eine erfrischend freche Note – wenn man sie in „Dämonen der Südsee“ sieht, fühlt man sich eher an das sehr freizügige, peppig-moderne, pulsierende italienische Kino der 70er als beispielsweise den klassischen Hollywood-Film erinnert.

Der Mann mit Gespür für richtungsweisende Filme

Ein Wort sollte nun auch noch über den Vierten im Bunde des Beziehungsgeflechts in diesem Film verloren werden, den eigentlichen Hauptdarsteller: Jack Hawkins als Phillip Wayne, der zwar schon zuvor mit Hollywood in Berührung gekommen war, aber relativ kurz nach „Dämonen der Südsee“ in Howard Hawks’ „Land der Pharaonen“ (1955) dann auch eine Hauptrolle in einer ziemlich großen US-Produktion verkörperte. Es folgten Nebenrollen in den weltweit gefeierten, umfangreichen Prestigeprojekten „Die Brücke am Kwai“ (1957), „Ben Hur“ (1959) und „Lawrence von Arabien“ (1962), die Hawkins ein Denkmal setzten. Er war bereits Ende der 50er zweifelsohne unter die in den USA bekanntesten britischen Stars aufgestiegen. Jack Hawkins ist als Hauptdarsteller eine angenehme Erscheinung, da er nicht in der Tradition irgendwelcher oberflächlicher filmischer Idealbilder steht. Ein glaubwürdiger Schauspieler mit Präsenz und relativ natürlichem Charisma, abseits standardisierter Heldenbilder – er agiert weder zu melodramatisch noch gibt er sich bemüht heroisch. Hawkins scheint, meiner bisherigen Erfahrung nach, zudem ein recht gutes Gespür für gute Filme gehabt zu haben, in denen sich das Mitwirken nicht nur finanziell lohnte.

Sein Synchronsprecher in der deutschen Fassung von „Dämonen der Südsee“ ist Heinz Engelmann – damaliger Stammsprecher von beispielsweise John Wayne –, der wie immer als Sprecher einer Hauptrolle in einem Abenteuerfilm oder Western zumindest nicht enttäuscht und in vielen dieser Produktionen sogar fasziniert. Mit Engelmann und den filmischen Abenteuergeschichten der 50er ist es ähnlich wie mit Gert Günther Hoffmann und allem, was sich in den 60ern im Geiste von James Bond im Agentenkino tat – man kann sich an der Stimme der beiden für den jeweiligen Protagonisten Film um Film kaum satthören, sie wird gewissermaßen eins mit der filmischen Welt und den verschiedenen Helden der betreffenden Genres. Heinz Engelmann wurde später von Jürgen Roland des Öfteren vor der Kamera als „Stahlnetz“-Kommissar eingesetzt, wobei er in dieser Filmreihe nicht nur mimisch gefragt war, sondern in vielen Erzählpassagen aus dem Off außerdem seine reichhaltigen Qualitäten aus dem Synchron-Bereich geschickt genutzt werden konnten. Er hatte Jack Hawkins seinerzeit schon mehrmals gesprochen und kam auch nach „Dämonen der Südsee“ noch ein paar Mal zum Einsatz. Lösungen wie Wolf Ackva, Siegmar Schneider, Arnold Marquis und Curt Ackermann erwiesen sich als deutsche Hawkins-Varianten allerdings ebenfalls als brauchbar.

Pidax öffnet wieder neue Perspektiven

„Dämonen der Südsee“ ist eine filmhistorisch wichtige Pionierarbeit – aufgrund des Handlungsortes Neuseeland, da dieser auch als Drehort für eine solch große Produktion genutzt, damit weltweit in Kinos bekannt gemacht sowie eindrucksvoll visualisiert wurde, mitsamt der wundervollen Farb- und Lichtgestaltung. Der Film taugt ferner aber auch dazu, ein abenteuerlustiges Publikum gemeinsam mit eher am Theater und dem Drama interessierten Zuschauern zu versammeln – und wird durch Inia Te Wiata letztlich sogar für Opern-Fans zusätzlich interessant.

Moana (l.) ist die schönste Frau, die so mancher je gesehen hat

Diese Wiederentdeckung durch Pidax hat mich zum einen daran erinnert, dass ich schon lange darauf hoffe, dass auch die deutsche Fassung von „Die Abenteuer des Capitaine Steve“ (1956) mit Chips Rafferty – der auch im eingangs dieses Textes zitierten „Gesetz der Peitsche“ mitwirkte – möglichst bald einmal aus den Archiven gegraben wird. Ein australisch-französischer farbiger Abenteuerfilm, der bereits Ende der 50er in den bundesdeutschen Kinos lief. Eine Produktion, die Teil einer handverlesenen Auswahl australischer Filme war, die in den 2000er-Jahren im Rahmen eines Projektes restauriert worden sind und als solche 2008 auch schon in der Originalfassung in Übersee auf DVD veröffentlicht wurde.

Zum anderen wurde mir während der Sichtung von „Dämonen der Südsee“ wieder einmal bewusst, dass der Südsee-Film, mit seinen spezifischen Besonderheiten beim Umgang mit den gezeigten Eingeborenen (im Vergleich zu beispielsweise Indianern oder afrikanischen Völkern) sowie mit dem ihm besonders nahestehenden Handlungsort „Insel“, insgesamt ein bis jetzt merklich unterrepräsentiertes Subgenre des Abenteuerfilms ist, was DVD-Veröffentlichungen in Deutschland anbetrifft. Auch die weitgehend im Studio oder zumindest nicht an Originalschauplätzen entstandenen Genrebeiträge sind im Südsee-Film oftmals schick anzusehen und die Dramaturgie der Filme hat meinem Eindruck nach oftmals immerhin ein gewisses Grundniveau, das nicht deutlich unterschritten wird. Hollywood-Produktionen wie Delmer Daves’ „Insel der zornigen Götter“ (1951) sowie die von Altmeister Allan Dwan inszenierten Spätwerke „Piratenblut“ (1955) und „Enchanted Island“ (1958) sind schon allein aus den 50ern sehenswerte Beispiele in Farbe. Und auch die 30er und 40er haben einiges, zum Teil noch schwarz-weiß, aus diesem Sektor zu bieten; angefangen bei King Vidors „Bird of Paradise“ (1932), dessen Remake „Insel der zornigen Götter“ ist.

Häuptling Hongi Tepe (vorn r.) wünscht sich Frieden und Verständnis

Bleibt am Ende die etwas nachdenklich stimmende Frage, ob der die Intentionen der Geschichte durchaus ein wenig konterkarierende deutsche Titel „Dämonen der Südsee“ denn unbedingt sein musste. Zwar kann man ihn mit viel Wohlwollen als Anspielung auf die inneren Dämonen eines jeden Menschen sehen, also auf das oft schwierige Gelangen zu Überzeugungen nach einer Phase des Schmerzes – dahingehend ergibt er mit Blick auf das beschriebene Beziehungsgeflecht theoretisch sogar Sinn –, jedoch suggeriert der Titel leider ebenso, dass die Dämonen eben nicht nur auf einer Insel in der Südsee zum Vorschein kommen, sondern dass sie aus der Südsee stammen und ergibt somit als reißerische Anspielung auf die Ureinwohner im Kontext der Handlung wiederum überhaupt keinen Sinn. Während der Originaltitel „The Seekers“ auf Deutsch übersetzt die Weltoffenheit der Geschichte mit „Die Suchenden“ wunderbar transportiert, findet sich die deutsche Lösung leider auf waghalsigen Abwegen wieder. Reißerische Titel, die nicht unbedingt zur Handlung passen, waren damals für den Abenteuerfilm, mit all seinen Subgenres, bis hin zum Western aber keine Seltenheit und auch kein den deutschen Synchronfassungen eigenes Phänomen – zumindest Hollywood lieferte regelmäßig Steilvorlagen. Mal geriet der Originaltitel absurd reißerisch und der deutsche Titel begrenzte gewissermaßen sogar noch den Schaden und dann wieder – wie im vorliegenden Fall – passierte genau das Gegenteil. Im Endeffekt halten sich beide Phänomene, nach meinem Empfinden, die Waage.

Veröffentlichung: 24. April 2020 als DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Seekers
GB/NZ 1954
Regie: Ken Annakin
Drehbuch: William Fairchild, nach einem Roman von John Guthrie
Besetzung: Jack Hawkins, Glynis Johns, Noel Purcell, Inia Te Wiata, Kenneth Williams, Laya Raki, Francis De Wolff, Patrick Warbrick, Thomas Heathcote, Maharaia Winiata
Zusatzmaterial: Alternatives Ende, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 2573
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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