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Ashanti – Einer wie keiner

Ashanti

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Dr. David Linderby (Michael Caine) reist gemeinsam mit seiner Frau Anansa (Beverly Johnson) im Dienst der Weltgesundheitsorganisation WHO durch Afrika, um Eingeborene in ihren Dörfern aufzusuchen und zu impfen. Bei einem ihrer Stopps wird die selbst aus Afrika stammende Anansa von Sklavenhändlern gekidnappt. Das Kommando hat der in die Jahre gekommene Suleiman (Peter Ustinov), für den es der letzte Raubzug ist, bei dem er deswegen noch einmal so richtig absahnen will. Ein langer Weg liegt vor der Karawane, um einen Ort zu erreichen, an dem man mit Sklaven das große Geld machen kann. Obwohl etliche Menschen nicht wahrhaben wollen, dass es überhaupt noch Sklaverei gibt, findet Linderby auf der Suche nach seiner Frau Hilfe bei denen, die es besser wissen, und schließlich auch Verbündete wie Brian Walker (Rex Harrison), Jim Sandell (William Holden) und den Nomaden Malik (Kabir Bedir), dessen ganze Familie Sklavenhändlern zum Opfer gefallen ist.

Linderby (l.) und Malik haben dasselbe Problem

„Ashanti“ ist ein Film der Extreme. Gedreht wurde in Kenia, Israel und auf Sizilien – es gibt viele wunderbare Landschaftsaufnahmen, aber auch ein paar schöne Eindrücke von Leben und Kulten der Ureinwohner zu sehen. Mit Michael Caine, Peter Ustinov und Rex Harrison sind gleich drei Schauspieler in der Besetzung zu finden, die später zum Ritter geschlagen wurden und somit den Titel „Sir“ führen durften beziehungsweise dürfen. Auch den immer noch aktuellen Sklavenhandel aufzugreifen – in den 70er-Jahren eine öfter einmal in Kino und Fernsehen anzutreffende Problematik –, zeugt von einem Bemühen um eine Geschichte mit Sinn und Verstand. Voraussetzungen, die es fast unmöglich scheinen lassen, dass die Dramaturgie des Films so sehr ins Trash-Fach abdriftet, wie sie es teils dann aber dennoch tut.

Es kann keine zwei Meinungen geben – mindestens drei

Was soll man von einem Film halten, den Michael Caine rückblickend als den schlechtesten seiner gesamten Karriere bezeichnete, verbunden mit dem Rat, dass man ihn sich möglichst niemals ansehen möge – der aber seiner Film-Ehefrau Beverly Johnson, die während des Drehs schwanger war, immerhin dazu taugte, ihre Tochter nach der von ihr im Film gespielten Rolle Anansa zu taufen? „Ashanti“ ist vor allen Dingen ein guter Beleg dafür, dass beliebte und berühmte Schauspieler absolut in der Lage sind, jedes noch so altbacken und/oder trivial gestrickte Drehbuch, das um keine Groschenheft-Krimi-Wendung verlegen ist, mit breiter Brust über die Ziellinie zu tragen. Vielleicht waren sich die Geldgeber auch im Klaren darüber, dass das Drehbuch nicht allzu viel taugt, und deswegen so darum bemüht, es mit einer erstaunlichen Menge an Stars vollzustopfen. Bevor man den, sobald es nach Arabien ging, oftmals anscheinend unverzichtbaren Omar Sharif, den Afrika-Liebhaber William Holden, der dort ein Anwesen besaß, und „Sandokan“-Star Kabir Bedi, der sich in Europa bereits einen Namen gemacht hatte, verpflichtete, waren auch Telly Savalas, James Coburn und Kirk Douglas für Rollen oder Cameos im Gespräch.

Man kann die Art und Weise wie die Story gestrickt ist, die Figurenkonstellation, die Art, wie Figuren in die Handlung eingeführt werden und wieder aus ihr verschwinden, sowie die Eigenheiten der Charaktere aber auch durchaus als angenehm nostalgische Referenz an klassische Hollywood-Abenteuerfilme und -Krimis 20 bis 40 Jahre älteren Datums verstehen. Das macht im Kontext der Altstars im Cast tatsächlich sogar irgendwie Sinn und wirkt aus diesem Blickwinkel geradezu ein wenig wie eine Verbeugung vor dem alten Hollywood. So wird eine Schwäche plötzlich zu einer angenehmen Besonderheit. Man sollte dabei allerdings nicht dem albernen Trugschluss unterliegen, das komplette Hollywood-Abenteuerkino der den 70ern vorausgegangenen Jahrzehnte sei vor allen Dingen banal gewesen, nur weil sich dieser Film mal mehr, mal weniger gelungen einiger Old-School-Erzähltechniken bedient und weil über triviale Dramaturgie im klassischen Hollywood ganz allgemein viel dahergeredet wird. Denn Klischees mit anderen Klischees zu kommentieren, ist letztlich wenig zielführend.

Chaotische Produktionsbedingungen

Am meisten enttäuscht „Ashanti“ eigentlich erst durch sein besonders lustlos wirkendes, schlecht geschnittenes Finale mit unpassenden Anschlüssen und einem letzten Schurken, der einfach auf Nimmerwiedersehen aus der Handlung verschwindet, indem er flugs eine Tür hinter sich zumacht, als würde er mal schnell auf Toilette müssen – womit er auch nicht die einzige sich gewissermaßen in Luft auflösende, von einem großen Schauspieler verkörperte Figur in dieser Story ist. Dazu ein irrsinnig gefühlsduseliges Schönwetter-Schlussbild, das die Tragik der vorausgegangenen Geschehnisse binnen Sekunden ziemlich verwässert. Zumal die deutlich von 70er-Jahre-James-Bond-Soundtracks inspiriert wirkende Musik von Michael Melvoin sowieso schon den ganzen Film über weniger das Leid als die Bond-Girl-Qualitäten der gekidnappten Protagonistin zu unterstreichen scheint – und wenn man dann die letzten Bilder des Films sieht und die Musik dazu hört, möchte man wirklich glauben, das genauso schon einmal bei 007 gesehen zu haben. Nicht zuletzt wäre der Film aber vielleicht vor allem dann insgesamt glaubwürdiger, fiele es Michael Caine nicht schon zu Beginn recht schwer, die Sorge um seine Frau glaubwürdig zu spielen. Stattdessen wirkt er recht gelassen und zeigt erst später glaubhafte Emotionen, als einer Reihe von Kindern der Tod in der Wüste droht. Vielleicht schiene die Bedrohung auch größer, wäre Peter Ustinov nicht selbst als Schuft – durch seine augenzwinkernde Interpretation der Rolle – immer noch so verdammt sympathisch. Einmal ganz davon abgesehen, dass Beverly Johnson absolute Schwierigkeiten hat, den Niedergang ihrer Figur nachvollziehbar zu spielen, was sich spätestens in der wirklich schwach umgesetzten Szene zeigt, in der sie schließlich übermüdet zum Verkauf steht.

Wenn Suleiman Gefangene macht, werden es Sklaven

Kuriose Anekdoten wie die, dass es beim Dreh teils so heiß war, dass sogar ein Kamel über Michael Caine zusammenbrach und ihn unter sich begrub, woraufhin dieser zu bedenken gab, ob es nicht etwas viel verlangt gewesen sei, von ihm zu erwarten, in dieser Hitze als Schauspieler tätig zu sein, wenn selbst ein Kamel schon aufgrund von Hitze kollabierte, komplettieren das Bild. Dem Regisseur Richard Fleischer („Sensation am Sonnabend“), der früh in der Produktionsphase seinen Kollegen Richard C. Sarafian ersetzt hatte, machte die Hitze schließlich gar so sehr zu schaffen, dass er ins Krankenhaus musste. Die Tatsache, dass der durchaus korpulente Peter Ustinov sich hingegen weder vor diesen Drehorten scheute noch ein paar Monate früher vor seinem ersten Einsatz als Hercule Poirot in „Tod auf dem Nil“ (1978), nachdem sein Vorgänger Albert Finney – unter anderem aus Unbehagen, aufwendig geschminkt und kostümiert in der Hitze drehen zu müssen – abgelehnt hatte, zeigt den Weltmenschen Ustinov. Darauf, dass es bei der Produktion teilweise ziemlich drunter und drüber gegangen sein dürfte, weist außerdem eine Anekdote um Rex Harrison hin, der zu einem Dreh in Israel anreiste und am Flughafen, buchstäblich bestellt und nicht abgeholt, schließlich entschied, wieder nach Amerika zurückzufliegen.

Sei cool, sei wie Malik!

Angesichts aller Widrigkeiten und angesichts des großen Staraufgebots, hat es etwas Erfreuliches, dass am Ende vor allem die Figur des Malik positiv im Gedächtnis bleibt, denn der wurde inmitten vieler etablierter Stars von einem gespielt, dessen internationale Karriere erst am Anfang stand: Kabir Bedi hatte sich in seiner Heimat Indien bereits einen Namen erarbeitet und war durch die Sandokan-Miniserie „Der Tiger von Malaysia“ (1976) auch in Europa bekannt geworden. „Ashanti“ war einer seiner ersten Versuche, an der Seite großer Hollywood-Stars zu landen, wenngleich der Film streng genommen keine Hollywood-Produktion ist, sondern offenbar mit europäischen Geldern finanziert wurde, durch die Besetzung aber natürlich dennoch in wesentlichen Belangen Hollywood atmet. Bedi spielt in seinen Szenen nicht nur Michael Caine an die Wand, sondern stiehlt letztlich regelrecht den Film, da seine Figur den konsequentesten und vor allem konsistentesten Eindruck macht. Dieser Malik hat etwas Aufrichtiges an sich, etwas, das abgesehen von den afrikanischen Nebendarstellern und Statisten, einfach am ehrlichsten inmitten der oft reichlich konstruierten Story wirkt. 1979 – im Jahr des Erscheinens von „Ashanti“ – wurde Kabir Bedi aus verständlichen Gründen in Deutschland mit dem „Bravo Otto“ ausgezeichnet; er zeigt in diesem Film einmal mehr, dass er große Star-Qualitäten hatte und auch in den USA diverse richtige Hauptrollen im Kino verdient gehabt hätte. Zunächst war Omar Sharif für die Rolle des Malik vorgesehen, der dann aus terminlichen Gründen in einer kleineren Rolle besetzt wurde, die man dafür allerdings etwas erweitern musste, damit sie einem Weltstar dieses Formats wenigstens einigermaßen gerecht wurde. Leider sieht man im finalen Film, dass dies recht notdürftig vonstattenging.

Die Meisterhaftigkeit der Routine von Legenden

Die deutsche Synchronfassung hinterlässt einen durch und durch guten Eindruck. Der mittlerweile 91-jährige Jürgen Thormann tritt heute noch als Stammsprecher von Michael Caine in Erscheinung – wie schon damals in „Ashanti“ und noch früher. Zudem macht es Freude zu hören, wie viel Spaß Horst Niendorf offenkundig damit hatte, mit den vielen Nuancen und Manierismen des Peter Ustinov stimmlich zu spielen. Auch, dass hier nach relativ langen Unterbrechungen mit Heinz Engelmann und Friedrich Schoenfelder noch einmal die früheren Stammsprecher von William Holden und Rex Harrison reaktiviert wurden, zeugt von besonderer Liebe zum Detail.

Belohnungsknochen für erzwungene Liebesdienste

Auf DVD erscheint der Film nun mittlerweile zum wiederholten Male in Deutschland, wenngleich die Zeiten der „Letterbox“ nun der Vergangenheit angehören, von Pidax allerdings zum ersten Mal. Was nun gegenüber der letzten Veröffentlichung in den USA noch fehlt, ist das Blu-ray-Format und das ausführliche Interview mit Beverly Johnson im Bonusmaterial. Auch die vorherige deutsche DVD aus dem Hause EuroVideo hatte an Bonus nichts zu bieten, dieselben Sprachfassungen und ebenfalls keine Untertitel – wie die jetzige Pidax-Version.

Unter dem Strich bleibt ein Film, den ich mir trotz all seiner offensichtlichen Mängel aufgrund der Schauspieler immer wieder gern ansehe und der trotz aller trashigen Elemente doch auch den einen oder anderen Moment der Tragik und Aufrichtigkeit hat, der im Gedächtnis bleibt. Zwar wird „Ashanti“ der Brisanz des Themas inhaltlich nicht gerecht, das Abenteuer genügt aber aufgrund der großen Namen allemal, um die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung zu lenken, und hat außerdem ein paar gute schauspielerische Statements zum Thema Doppelmoral im Gepäck. Und was die Musik anbelangt, ist immerhin nicht zu verleugnen, dass sie gut ins Ohr geht, auch wenn man sich spätestens am Ende dann doch fragt, ob man im richtigen oder im falschen Film war. „Ashanti“ mag vieles fehlen, aber der Film besitzt eine Kernkompetenz, die vielen anderen, teils viel höher trabenden Filmen fehlt: die Fähigkeit, schnörkellos zu unterhalten, eine Story ohne Längen, recht zügig vorangehend zu erzählen – mögen die Mittel auch nicht die besten sein. Der Film ist von einer ständigen Vorwärtsbewegung gekennzeichnet und kommt dabei über fast zwei Stunden hinweg sogar weitestgehend ohne das Nachheizen mit dem Gaspedal reißerischer, wilder Actionszenen aus. Es gibt da so einige mit Anlauf oder wichtigtuerischer künstlerischer Attitüde gescheiterte Produkte der Filmgeschichte, deren Machern man „Ashanti“ gern einmal vorführen würde, nur um zu sagen: „Schaut euch das an … dieser Film macht unglaublich viel falsch und trotzdem versteht er es wenigstens viel besser, das Publikum abzuholen und nicht hoffnungslos kaputt zu langweilen als ihr.“ Ob das mit der Erfahrung des hier aufgefahrenen Schauspielerensembles im Gepäck nun eine Kunst ist oder nicht, wenn zumindest noch der Kameramann einen ordentlichen Job macht – wie hier Aldo Tonti –, steht auf einem anderen Blatt. Aber spielt es eine Rolle, ob es Kunst ist oder nicht?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Caine und Peter Ustinov sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Kann man mit Kamelen in der Wüste in den Sonnenuntergang reiten?

Veröffentlichung: 5. April 2019 als DVD, 28. Oktober 2010 als DVD, 1. Oktober 2001 als DVD

Länge: 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Ashanti
CH 1979
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Stephen Geller, nach einem Roman von Alberto Vázquez-Figueroa
Besetzung: Michael Caine, Peter Ustinov, Kabir Bedi, Beverly Johnson, Rex Harrison, Zia Mohyeddin, William Holden, Omar Sharif, Marne Maitland, Eric Pohlmann
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2019 Pidax Film

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Terry Gilliam (IV): Die Abenteuer des Baron Münchhausen – Fuck Your Reality, Imagination Rulez!

The Adventures of Baron Munchausen

Von Lutz R. Bierend

Fantasy-Abenteuer // „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ bildet den dritten Teil von Terry Gilliams informeller Fantasie(Imagination)-Trilogie, welche nach „Time Bandits“ (1981) und „Brazil“ (1985) hier einen überzeugenden Abschluss findet. Während in „Time Bandits“ ein kleiner Junge von seinen Fantasien in wilde Abenteuer getrieben wird und sich in „Brazil“ ein erwachsener Mann mithilfe seiner Fantasie aus einer unerträglichen Realität flüchtet, erleben wir in „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“, wie ein Meister der Fantasie seine Imagination nutzt, um sich die Welt nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Wer sollte dazu besser geeignet sein als der altbekannte Lügenbaron? Dem hatten unter anderen bereits 1943 Hans Albers in der Titelrolle, Erich Kästner als Drehbuchautor (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) und Regisseur Josef von Báky in „Münchhausen“ ein Denkmal gesetzt. Nicht nur die treue Anhängerschaft des buntesten Durchhalte-Films des Zweiten Weltkriegs erschwerte es Gilliam, für seine Regiearbeit ein neues Publikum zu finden.

Schneller als Treppensteigen: einfach mit dem Pferd aus dem Fenster springen

Einer der Gründe warum das Werk so unter Wert lief, waren wieder mal (ähnlich wie bei „Brazil“) politische Querelen mit dem Studio. Diesmal vollzog sich während der Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ein Regimewechsel bei Columbia Pictures. Die neuen Verantwortlichen wollten laut IMDb die von ihren Vorgängern begonnenen Produktionen nicht allzu erfolgreich aussehen lassen und nachdem Gilliam sein Budget schon um fast das Doppelte seiner veranschlagten 23,5 Millionen Dollar überzogen hatte, brachte der Verleih den Film in den USA in lediglich 48 Kinos. Bedauerlich, er ist es definitiv wert, von mehr Menschen gesehen zu werden.

Your reality, sir, is lies and balderdash and I’m delighted to say that I have no grasp of it whatsoever.

Auch die Aura des Spießigen die bereits der Name Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen mit sich bringt, war zusammen mit seinen eher klischeehaften Rollenmodellen schon in den 80ern des 20. Jahrhunderts nicht mehr wirklich PC. Außerdem kennt jeder den Ritt auf der Kanonenkugel und die meisten anderen Geschichten die den Lügenbaron in die Literaturgeschichte haben eingehen lassen. Als ich damals die Ankündigung las, dass Gilliam Baron Münchhausen verfilmt, fiel mir die Vorstellung schwer, wie man aus dieser Geschichte noch etwas Sehenswertes herausquetschen kann. Aber zum Glück heißt der kreativere Terry der Monty Pythons immer noch Gilliam, und er hatte schon vorher gezeigt, dass er klassische Themen durch Entschlackung und seine ganz eigene Perspektive faszinierend neu gestalten kann. So inszenierte er den „Jabberwocky“ (1977) aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ ohne die dazugehörigen Alice und das Wunderland, sein filmischer Beitrag zum Überwachungsjahr 1984 kam ohne den Big Brother aus – der erste Arbeitstitel seiner kafkaesken Dystopie „Brazil“ lautete „1984 and ½“. Nun also sollte Baron Münchhausen einer Radikalkur unterzogen werden.

Late 18th Century. The Age of Reason. Wednesday.

Der Film beginnt in einer namenlosen, vermutlich österreichischen Stadt, die von den Türken belagert wird. Es ist das Zeitalter der Vernunft. Mittwoch. Öffentliche Bekanntmachungen empfehlen den Einwohnern, Nahrung zu sparen und es doch mal mit Kannibalismus zu probieren. Die Türken schießen unverschämterweise selbst am Mittwoch die halbe Stadt in Trümmer und die Bevölkerung der belagerten Metropole vertreibt sich die Zeit in einem Theater. Man gibt „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“. In seiner Loge bespricht währenddessen der hochwohlgeborene Bürgermeister Horatio Jackson (Jonathan Pryce) mit seinem Stab die Lage und beklagt sich über das unsittliche Verhalten des belagernden Sultans (Peter Jeffrey), weil dieser es wagt, am Mittwoch zu kämpfen. Nebenbei wird ihm ein Offizier (Sting) vorgestellt, der ganz allein sechs Kanonen des Feindes zerstört und zehn gefangene Kameraden befreit hat. Der muss natürlich umgehend hingerichtet werden. Wo komme man denn hin, wenn solch emotionale, von toxischer Maskulinität getriebenen Kerle die durchschnittlichen Soldaten herabwürdigen, weil sich diese natürlich nie mit solchem Heldenmut messen können.

We can’t have such emotional people demoralising the average citizen.

Währenddessen bemühen sich die Schauspieler redlich, ihr Stück zu Ende zu bringen. Das wird dadurch erschwert, dass inzwischen alle Bühnentechniker der Belagerung zum Opfer gefallen sind. Dann erscheint ein alter Mann (John Neville), der die Aufführung lautstark unterbricht. Er kann nicht mit ansehen, wie sein Leben von ein paar Chargen als Ansammlung von Lügengeschichten dargestellt wird. Der wahre Baron Münchhausen übernimmt die Hauptrolle und erklärt dem Publikum, wie es zu dieser Belagerung durch die Türken kommen konnte. Eine leichtfertige Wette zwischen Baron und Sultan habe den Herrscher der Osmanen um den Inhalt seiner Schatzkammer gebracht.

Wenn so reizende Damen fragen – wie kann man da nicht die Stadt retten wollen?

Letztendlich wird die Aufführung von den Kanonen des Sultans beendet und Horatio Jackson ordnet an, die Theatertruppe solle die Stadt verlassen. Wer mit solchem fantastischen Kokolores die Rationalität untergräbt, hat dort nichts zu suchen. Von den anwesenden Damen und allen voran von der kleinen Tochter des Chefs der Theatertruppe Sally Salt (Sarah Polley in einer frühen Rolle) lässt sich der Baron überreden, doch nicht zu sterben und stattdessen loszuziehen, um seine außergewöhnlichen Diener zu suchen, mit denen er die Belagerung durch den Sultan im Nu beenden kann. Mit einigen hundert Damenschlüpfern und einem Schiff aus der Bühnenrequisite bauen die Schauspieler einen Heißluftballon, und der Baron macht sich auf den Weg zum Mond.

Der Baron und Sally auf dem Weg zum Mond

Münchhausen hat allerdings die Rechnung ohne Sally gemacht, die sich in dem Ballon versteckt hat und dem Baron nun bei seiner Suche nach den Dienern zur Seite steht. Mit ihr zusammen muss er zuerst zum König vom Mond, dessen Frau immer noch dem Charme des Barons verfallen ist, in den Vesuv hinab, wo er mit Venus (Uma Thurman in einer ebenfalls frühen Rolle) anbändelt, und darf nach Sturz durch den Erdkern auch seine letzten Diener finden. Während der Baron bei dem einen oder anderen Flirt gern die Zeit vergisst und zwischendurch sein Interesse am Leben verliert, ist es Sally, die den alten Mann immer wieder an seine Aufgabe erinnert und nicht sterben lässt, bevor er die Stadt nicht gerettet hat. Aber der Tod ist ein ständiger Begleiter des Barons und will nicht ohne dessen Lebenslicht von dannen ziehen.

…any famous last words?

Not yet.

Not yet? Is that famous?

Natürlich kann man „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ vorwerfen, er sei (wie „Time Bandits“) eine Nummernrevue, in der die nettesten Momente der klassischen Lügengeschichten abgehakt werden, aber letztlich ist es Terry Gilliams Fähigkeit zu verdanken, großartige Bilder zu einem bizarren Gesamtwerk zusammenzufügen, dass der Film auch nach dem dritten Schauen immer noch überraschende Details bietet und bei genauerer Betrachtung sogar eine relativ klassische Dramaturgie hat, auch wenn sich der Zuschauer zwischendurch in den Unglaublichkeiten verliert. Die vielen legendären Momente, allen voran der Ritt auf der Kanonenkugel, passieren so überraschend beiläufig, dass sie ihre Schönheit beim ersten Sehen fast untergeht.

I didn’t fly miles. It was more like a mile-and-a-half. And I didn’t precisely fly. I merely held onto a mortar shell in the first instance and then a cannonball on the way back.

Wie so oft bei Gilliam hat man ohnehin das Gefühl, dass der Film immer kurzweiliger wird, je häufiger man ihn sieht. Wirkt die Reise, auf die der Regisseur den Zuschauer mitnimmt, beim ersten Mal etwas planlos und lang, weil man sich zu sehr mit der Frage beschäftigt, wohin die Reise einen führen wird, wird sie von Mal zu Mal schöner und kurzweiliger. Einfach da sitzen und darauf vertrauen, dass das Gezeigte bis zum Abspann noch ein kohärentes Ganzes ergibt, ist bei Gilliam immer ein guter Rat. Eines sei verraten: Am Ende siegt die Fantasie grandios über die Vernunft und über die Realität. Baron Münchhausen ist halt kein Anfänger wie Sam Lowrie aus „Brazil“, dem seine Fantasie nur noch hilft, aus einer unerträglichen Realität zu fliehen. Er ist ein Meister und dadurch, dass er seine Zuhörer und Zuschauer an seine Hirngespinste glauben lässt, werden sie für alle wahr.

He won’t get far on hot air and fantasy.

Terry Gilliam urteilte über die Verfilmung mit Hans Albers, dieser hinge leider Zwanghaftigkeit an: Die Deutschen wollten zeigen, dass sie einen Zwei-Fronten-Krieg führen und trotzdem den aufwendigsten Fantasy-Film ihrer Zeit drehen können. „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ hingegen springt spielend zwischen – fast brutalem – Realismus und der manchmal absurden Schönheit der Fantasiewelten des Barons hin und her. Wenn die türkischen Belagerer die Stadt in Schutt und Asche schießen und die verletzten Einwohner aus den Trümmern geborgen werden, fragt man sich schon, ob man wirklich in einem Familienfilm gelandet ist. Auch der Harem des Sultans ist meilenweit entfernt von den klassischen Darstellungen, die man aus Hollywoods 1001-Nacht-Verfilmungen wie „Der Dieb von Bagdad“ (1940) oder „Sindbads siebente Reise“ (1958) kennt. Man findet man kaum eine Frau, welche den westlichen Schönheitsidealen entspricht. Wohingegen Details wie die Längen- und Breitengrade auf der Erdkugel, auf die der Baron, Sally und sein Diener Berthold (Eric Idle) bei der Rückreise vom Mond herunterfallen, darauf hindeuten, dass sich die Geschichte wohl doch eher im Kopf eines Kindes abspielt, welches letztlich auch die Person ist, welche die Stadt rettet. Terry Gilliam widmete diesen Film seiner Frau und ihren beiden Töchtern, und offensichtlich nimmt er seine Kinder sehr ernst. Die Authentizität der Belagerung bildet einen guten Kontrast für eine fantastische, leichtfüßige Geschichte, die mit dem notwendigen Augenzwinkern erzählt wird, um den größten Lügner aller Zeiten nicht altbacken wirken zu lassen. Zu keiner Sekunde kommt das Gefühl auf, man würde die Geschichte bereits aus der Hans-Albers-Verfilmung kennen.

Ah, the real Baron Munchhuusen!

„Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ist ein wunderscherschönes Abenteuer über die Macht der Fantasie geworden, und man versteht nach der Sichtung gut, weshalb Joanne K. Rowling Terry Gilliam als Regisseur für die Harry-Potter-Verfilmung favorisierte. Allerdings wird an ihm auch deutlich, warum es eine wirtschaftlich sehr vernünftige Entscheidung von Warner Bros. war, Rowling ihren Wunsch zu verwehren. Die Filme wären zweifellos noch atemberaubender und fantasievoller geworden, aber Gilliam ist einfach kein Blockbuster-Regisseur und es ist zu bezweifeln, dass er 2019 bereits den Gefangenen von Askaban befreit hätte.

Der König des Mondes ist nicht gut auf Münchhausen zu sprechen

Die Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ war – wie bei fast jedem Terry-Gilliam-Film – von diversen Katastrophen geplagt. Am Ende des Budgets war weder die Szene mit dem König vom Mond gedreht, noch hatte Gilliam den eigentlich für diese Rolle vorgesehenen Sean Connery gewinnen können. Als Ersatz sprang Robin Williams ein, der direkt aus dem Flieger zum Set gebracht wurde, und seine Rolle als geübter Stand-up-Comedian fast komplett improvisierte. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das mal anders geplant war. Wer sich fragt, warum der Film nicht in Willams’ offizieller Filmografie gelistet ist: Im Nachspann steht er als Ray D. Tutto, denn das Geld war verbraucht, Williams spielte gratis und durfte deshalb nicht namentlich genannt werden.

Auch bei Vulkan und Venus hängt dank des alten Charmeurs der Haussegen schief

Die meisten Darsteller empfanden den Dreh als Zumutung. Sarah Polley bezeichnete die Erfahrung als traumatisierendes Kindheitserlebnis. Sie ist übrigens der einzige Grund, weswegen man die Originalfassung der ansonsten außerordentlich guten Synchronfassung vorziehen sollte. Wer sich beklagt, dass dieses Kind in der deutschen Fassung nervt, sollte sich davon überzeugen, dass sie im Englischen ein ganz entzückender Motor für das Voranschreiten der Geschichte ist. Kinder zu synchronisieren, das scheinen die Deutschen überhaupt nicht zu können. Ansonsten macht es auch Spaß, in der englischen Fassung zu hören, auf wie viele verschiedene Arten Engländer den Namen Münchhausen aussprechen können.

It wasn’t just a story, was it?

Von Gilliams altem Monty Python-Kollegen Eric Idle ist die Lebensweisheit überliefert: „Bis zu Munchausen war ich sehr schlau im Umgang mit Terry-Gilliam-Filmen. Sieh sie dir um jeden Preis an, aber sei nie ein Teil von ihnen. Es ist ein verdammter Wahnsinn!“ In einem Interview erklärte Gilliam einmal den Unterschied zwischen Blockbuster-Regisseuren wie Steven Spielberg und Filmemachern wie Stanley Kurbrick: „Meiner Meining nach basiert der Erfolg der meisten Hollywood-Filme in diesen Tagen auf der Tatsache, dass sie tröstlich sind. Sie binden große Fragen in schönen kleinen Päckchen zusammen und geben dem Zuschauer Antworten. Selbst wenn die Antworten dumm sind. Es sind Antworten. Du gehst nach Hause und machst dir keine Sorgen. Die Kubricks dieser Welt, die großartigen Filmemacher lassen Sie nach Hause gehen und darüber nachdenken.“ Terry Gilliam ist definitiv ein Filmemacher, der das Publikum mit Fragen nach Hause schickt. Bei „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ (2009) und „The Zero Theorem“ (2013) haben diese Fragen zwar so sehr überhandgenommen, dass sich nur Hardcore-Fans auf ein zweites Sehen einlassen, aber selbst bei „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ gelingt es Gilliam, das Publikum erst mal verwirrt zurückzulassen. Aber vermutlich werden seine Filme deshalb auch von Mal zu Mal schöner, weil sich die Fragen beim zweiten und dritten Schauen entwirren und man sich auf all die vielen Details konzentrieren kann, für die kaum ein Hollywoodproduzent sein Budget rauswerfen will.

Mal wieder hat der Baron sein Leben satt …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Uma Thurman unter Schauspielerinnen, Filme mit Oliver Reed und Robin Williams in der Rubrik Schauspieler.

… und will dem Sultan seinen Kopf schenken

Veröffentlichung: 8. Mai 2008 als 20th Anniversary Edition Blu-ray, 10. April 2008 als 20th Anniversary Edition Doppel-DVD, 1. Oktober 1999 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Adventures of Baron Munchausen
GB/BRD 1988
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Charles McKeown, Terry Gilliam
Besetzung: John Neville, Eric Idle, Sarah Polley, Oliver Reed, Charles McKeown, Winston Dennis, Jack Purvis, Valentina Cortese, Jonathan Pryce, Bill Paterson, Peter Jeffrey, Uma Thurman, Alison Steadman, Sting, Robin Williams
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Terry Gilliam & Ko-Drehbuchautor/Schauspieler Charles McKeown, Wahnsinn & Missgeschicke bei der Produktion, Storyboards, entfallene Szenen, „Willkommen in der fantastischen Welt Münchhausens“
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lutz R. Bierend

Den Tod vor Augen, begehren die Bewohner gegen ihren Bürgermeister auf

Szenenfotos & Packshot: © 2008 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

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Der sechste Kontinent – Effekte aus einem Land vor unserer Zeit

At the Earth’s Core

Von Leonhard Elias Lemke

SF-Abenteuer // Lava? Ein Vulkan? Nein, „Der sechste Kontinent“ beginnt in einem Stahlwerk. Dort wird gerade das Eisen für den „Iron Mole“ gegossen. Der eiserne Maulwurf ist eine gigantische Maschine, eine überdimensionierte Schraube mit einer rotierenden Spitze, die sich in den Boden und durch die verschiedenen Schichten der Erde bohren soll. Platz bietet sie für zwei Personen: den (über)motivierten Wissenschaftler Dr. Abner Perry (Peter Cushing) und den draufgängerischen Gentleman am Geldhahn, David Innes (Doug McClure). Beide wissen nicht so recht, was sie unter der Erdoberfläche erwartet – genauso unbekanntes Territorium wie das Weltall. Das erste Penetrieren des Maulwurfs wird genauso ekstatisch wie unwissend gefeiert.

Im eisernen Maulwurf

Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Eindringen flutscht es dann doch, und schnell bewegt man sich in Richtung Erdkern. Feste Strukturen, Feuer, Eis, ein See, und auf einmal machen die Forscher eine Bruchlandung – auf dem sechsten Kontinent, in der Erde. Ungläubig steigen sie aus ihrem Gefährt. Sie sind in Pellucidar, einer prähistorischen Welt unter unserer Welt. Die Vegetation ist unseren (immer kleiner werdenden) Dschungeln nicht unähnlich, dort wird es niemals Nacht und der Himmel ist immer rosa! Flora und Fauna sind kunterbunt und von groteskem Größenverhältnis, und auch das Bestiarium hat es in sich: Gigantische Schnabelmonster wollen alles kurz und klein stampfen, was ihnen in die Quere kommt – zum Beispiel Dr. Perry und David. In Pellucidar „regiert“ die Rasse der Mahar: fliegende, telepathische Vogelkreaturen, die über eine unterentwickelte Art von Menschen herrschen. Ihre Handlanger sind direkt vom Planet der Affen herbeigeorderte Fieslinge. Dr. Perry und David wollen eigentlich nur so schnell wie möglich raus aus diesem Schlamassel, sehen sich dann aber doch genötigt, die Menschen in Pellucidar vom Joch zu befreien. Nicht ganz ohne Hintergedanken, denn eine von ihnen (Caroline Munro) hat es in raffinierter Pocahontas-Manier David doch sehr angetan – und durch gute Taten kann man immer gut Eindruck schinden.

Nach einer Vorlage von Edgar Rice Burroughs

„Der sechste Kontinent“ wurde als britisch-amerikanische Koproduktion 1976 von Amicus in die Kinos gebracht. In den 60ern waren die Amerikaner Milton Subotsky und Max J. Rosenberg in das Vereinte Königreich ausgezogen, um dem enorm profitablen Hammer-Studio Paroli zu bieten. Amicus Markenzeichen waren Episodenfilme wie beispielsweise „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ (1965), mit denen man vielversprechend startete, aber nie auch nur ansatzweise an Hammers Erfolg – und Qualität – herankam. 1974 verfilmte man Edgar Rice Burroughs’ „Caprona – Das vergessene Land“ und machte sich zwei Jahre später, erneut unter der Regie von Kevin Connor und mit Hauptdarsteller McClure, an die Verfilmung eines weiteren Stoffs des populären Autors und Tarzan-Schöpfers. So richtig wollte es jedoch nicht an den Kassen klingeln und als 1977 auch „Caprona 2 – Menschen, die die Zeit vergaß“ – erneut mit Connor als Regisseur – nicht durch die Decke ging, kam für Amicus das Aus.

Auch die Monster haben gut lachen

Ein Jahr vor „Krieg der Sterne“ ist „Der sechste Kontinent“ auch ein später Film von Peter Cushing. Vollkommen überdreht und bar jeglichen Ernstes spielt er seinen Dr. Abner Perry. Und er tut gut daran, denn das Produktionsdesign ist nicht auf der Höhe der ambitionierten Geschichte, die von den faszinierendsten Fantasiewelten und -kreaturen erzählt, die dann auf Zelluloid eher enttäuschend daherkommen. So erheitert vor allem sein Schauspiel den Zuschauer sehr und steht in angenehmem Kontrast zu seinen verbitterten viktorianischen Autoritätsfiguren. Ein Jahr später sollte er für George Lucas mit Grand Moff Tarkin noch einmal eine solche spielen und dafür in gehobenem Alter – und von Krankheit gezeichnet – über sich hinauswachsen und endgültig in den Filmolymp einziehen.

Doug McClure wirft seinen Hut

Doug McClure dagegen mimt seinen David ein bisschen ernsthafter und will als Abenteurer brillieren, doch gehen ihm Charisma, Agilität und auch Jugendlichkeit dafür etwas ab. Das scheint ihm dann doch irgendwie bewusst geworden zu sein, und so gibt es beispielsweise eine herrliche Szene, in der er seinen Hut auf einen Haken werfen will, diesen aber verfehlt und er darüber nur schmunzelt – das ist alles so im Film geblieben. Jede Wette, dass das ursprünglich so nicht im Skript stand! Und so sind es eben vor allem jene bewussten Unsauberheiten – und das körperliche Talent von Horror-Ikone Caroline Munro (die man Hammer abluchste) – denen der Film seinen Unterhaltungswert zu verdanken hat.

Objekt der Begierde: die schöne Dia

Um mit besser ausgestatteten Fantasy- und Abenteuerfilmen aus Hollywood mitzuhalten, war das Budget einfach zu gering. Natürlich bringt der Zuschauer auch immer seine eigene Fantasie mit ins Kino, aber wenn er durch gut gemeinte, aber nicht überzeugend gestaltete Monster und Kulissen aus brüchigstem Pappmaché und eher niedliche als realistische Miniatureffekte immer wieder aus der Geschichte gerissen wird, ist es vielleicht mehr ein über den Film, als mit dem Film Lachen – was der Unterhaltung wie gesagt keinen Abbruch tut und ja von Cast und Crew durchaus auch gewollt scheint. Absolut routiniert und gar zu kunstvoll scheint die Kamera von Alan Hume, der später noch „Star Wars: Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ einfangen sollte. Qualität war da, fand jedoch nicht von allen Elementen der Produktion die volle Unterstützung.

Ein „Creature Feature“ in gelungener Edition

Kochs „Creature Feature“ Nummer 7 liegt hier in beeindruckender Bild- und Tonqualität vor. Schön, dass das original Postermotiv das Cover ziert und sofort in wohlige Sonntagnachmittag-Stimmung im Heimkino versetzt. „Creatures“ gibt es wahrlich genug und wenn schon nicht vollends überlegen und schon gar nicht furchteinflößend, so sind sie doch angenehm bizarr – wo sonst sieht man Dino-Warzenschweine beim Wrestling? Langeweile kommt jedenfalls nie auf. Dafür sorgt auch das in Kochs Reihe gewohnt sorgsam aufbereitete Bonusmaterial: Audiokommentar und Interview mit Regisseur Kevin Connor, Interview mit der liebenswerten Caroline Munro, Making-of, eine „Trailers from Hell“-Episode, die deutsche Super-8-Fassung, sowie Trailer und Bildergalerie sind ein Rundum-Sorglos-Paket und machen diese Edition für den Autor dieser Zeilen zur „Ultimate Edition“ des Films.

Die Reihe „Creature Feature“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Peter Cushing sind unter Schauspieler zu finden.

Fliegende telepathische Saurier!

Veröffentlichung: 22. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: At the Earth’s Core
GB/USA 1976
Regie: Kevin Connor
Drehbuch: Milton Subotsky, nach einer Vorlage von Edgar Rice Burroughs
Besetzung: Doug McClure, Peter Cushing, Caroline Munro, Cy Grant, Godfrey James, Sean Lynch, Keith Barron, Helen Gill, Robert Gillespie, Anthony Verner, Michael Crane
Zusatzmaterial: Deutscher und englischer Trailer, Audiokommentar, Interviews, Making-of, Super-8-Fassung, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 
 

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