RSS

Schlagwort-Archive: Abenteuer

Videospielverfilmungen (XIV): Rampage – Big Meets Bigger: Dwayne Johnson laust der Affe

Rampage

Von Volker Schönenberger

SF-Action-Abenteuer // Als Schauspieler wird „The Rock“ belächelt, aber unstrittig hat sich Dwayne Johnson mit Filmen wie der „Fast & Furious“-Reihe, „San Andreas“, „Jumanji – Willkommen im Dschungel“ und „Skyscraper“ vom Wrestler zu einem der größten Actionfilmstars unserer Zeit gemausert. Seine Filme sind nicht unbedingt für Feingeister, aber das gilt ja generell fürs Actiongenre. Und da die Gage stimmt, kann es Johnson egal sein, dass er seine Karriere womöglich nie mit einem Oscar wird krönen können – im August 2019 wurde er zum zweiten Mal zum aktuell bestbezahlten Schauspieler gekürt. Es sei ihm gegönnt, ich verhehle nicht, dass der Gute auf mich einen sympathischen Eindruck macht, der sich selbst und die Figuren, die er verkörpert, nicht ernster nimmt, als es sein muss.

Verfilmung des Arcade-Games „Rampage“

„Rampage – Big Meets Bigger“ (2018) basiert auf dem legendären Arcade-Spiel „Rampage“ der 1980er-Jahre von Midway Games – der Automat taucht sogar ganz kurz auf. In dem Spiel ging es einzig darum, als überdimensionaler Gorilla, Dinosaurier oder Werwolf ganze Städte zu zerstören. Zu Beginn des Films erfahren wir mittels Texteinblendung von einem Durchbruch bei der Bekämpfung unheilbarer Krankheiten mittels Gentechnik im Jahr 1993. 2016 allerdings seien die Möglichkeiten gentechnischer Veränderung als Massenvernichtungswaffe eingestuft worden. Bald darauf im Orbit: Die Mutation einer Laborratte zu monströsen Ausmaßen führt zur Zerstörung einer Raumstation – inklusive feuriger Explosion im luftleeren Raum, wie gehabt.

Mensch (r.) und Gorilla – in trauter Freundschaft vereint

Die Trümmer verglühen in der Erdatmosphäre, dummerweise nicht alle: Proben eines geheimen Genexperiments landen an drei Orten: In Floridas Everglades kommt ein Krokodil damit in Berührung, in einem Wald in Wyoming ein Wolf. Im San Diego Wildlife Sanctuary schließlich atmet ein Schützling des Ex-Elitesoldaten und jetzigen Primatenforschers Davis Okoye (Dwayne Johnson) die Substanz ein: der sanftmütige Albino-Gorilla George (Jason Liles), ein gewaltiger Silberrücken, mit dem sich Davis in inniger Freundschaft verbunden fühlt. Als George aufgrund der Dosis des Mutationserregers zu gewaltigen Ausmaßen anwächst, wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Bier hilft!

„Rampage – Big Meets Bigger“ täuscht in keiner Sekunde vor, mehr zu sein als ein großer Spaß für Jungs, und als solcher lässt er sich auch mit Freude schauen. Ein No-Brainer vor dem Herrn. Und Bier hilft! Die Sequenzen zwischen den Actionszenen lassen sich überstehen, ohne gelangweilt einzuschlafen, mehr kann man dabei nicht verlangen. Menschen werden von gigantischen Mäulern verschlungen oder großen Tatzen zermalmt – das kann man für brutal halten, aber die Altersfreigabe ab zwölf Jahren geht schon in Ordnung. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Wer auf zerfetzte und zermalmte Leiber gehofft hat und sich nun beklagt, nichts dergleichen geliefert bekommen zu haben, möge bedenken, dass Filme wie dieser auch und gerade für ein junges Publikum produziert werden.

Krisenstab angesichts der Bedrohung

Der Wow-Effekt beim Anblick am Computer entstandener gigantischer Kreaturen hat sich seit Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (1993) stark abgenutzt. Immerhin sieht das auch im Falle von „Rampage – Big Meets Bigger“ so überzeugend aus, wie das in derartigen Blockbustern nun mal aussieht. Für die Tricktechnik stand allemal ausreichend Budget zur Verfügung, dafür verantwortlich zeichnete das neuseeländische Unternehmen Weta Digital, das seit Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“-Trilogie bestens im Geschäft der visuellen Spezialeffekte ist. Während Gorilla George mittels Motion Capture von einem Schauspieler verkörpert wurde, entstanden der Wolf und das Reptil vollständig am Computer.

George wird sauer

Die Idee, sich bei den Monstern in tatsächlich an den Wesen aus der Vorlage zu orientieren, ringt mir immerhin ein wohlwollendes Schmunzeln ab. Dass es sich bei den Kreaturen im Spiel um mutierte Menschen handelt, während im Film Tiere zu gigantischer Größe anwachsen, fällt unter künstlerische Freiheit und wird wohl nur bei „Rampage“-Puristen Stirnrunzeln verursachen. Und hier wird geklotzt und nicht gekleckert – bis kein Stein mehr auf dem anderen steht, das muss auch so sein. Wer ein Zerstörungsspiel verfilmt, muss zerstören, daran hält sich Regisseur Brad Peyton, der im Team mit seinem Superstar bereits 2015 bei „San Andreas“ überaus actionreich tätig war. Die erste Zusammenarbeit zwischen Peyton und Johnson datiert von 2012: „Die Reise zur geheimnisvollen Insel“. „San Andreas 2“ in derselben Regie-Hauptdarsteller-Konstellation ist angekündigt.

Zwei Stars aus „Watchmen – Die Wächter“

Als skrupellose Vorstandschefin des für die illegalen Genmanipulationen im All verantwortlichen Gentechnik-Unternehmens Energyne ist Malin Åkerman („Num8ers Station“, „Watchmen – Die Wächter“) zu sehen. Naomie Harris („28 Days Later“, „Moonlight“) verkörpert die Gentechnikerin Dr. Kate Caldwell, die maßgeblich an der Entwicklung der Substanz gearbeitet hat und sich nun mit Davis Okoye zusammentut, um den Schaden zu begrenzen. Jeffrey Dean Morgan („The Walking Dead“, „Watchmen – Die Wächter“) schließlich tritt als undurchsichtiger Regierungsagent Harvey Russell in Erscheinung. Die Figurenkonstellation rund um Dwayne Johnsons Gorillaflüsterer Davis Okoye können wir so durchgehen lassen.

Der Wolf mag keine Hunde – höchstens zum Frühstück

Der Einfluss der Kaijū-Monsterfilme aus den japanischen Tōhō-Studios ist unübersehbar, auch wenn wir es hier nicht mit Männern in Gummikostümen zu tun bekommen. „Rampage – Big Meets Bigger“ wird es kaum gelingen, mich zu einer zweiten Sichtung zu motivieren, war aber doch kurzweilig genug, mir eine gute Zeit zu bescheren. Wer die körpereigene Hirn-Abschaltfunktion einzusetzen versteht, kann der Zerstörungsorgie sicher etwas abgewinnen.

Dann taucht auch noch ein Krokodil auf

Die Reihe „Videospielverfilmungen“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt, Filme mit Naomie Harris unter Schauspielerinnen, Filme mit Dwayne Johnson in der Rubrik Schauspieler.

Ob die Freundschaft das aushält?

Veröffentlichung: 4. Oktober 2018 als Blu-ray 3D (inkl. 2D-Version), Blu-ray und DVD

Länge: 108 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rampage
USA 2018
Regie: Brad Peyton
Drehbuch: Ryan Engle, Carlton Cuse, Ryan J. Condal, Adam Sztykiel
Besetzung: Dwayne Johnson, Naomie Harris, Malin Åkerman, Jeffrey Dean Morgan, Jake Lacy, Joe Manganiello Marley Shelton, P. J. Byrne, Demetrius Grosse
Zusatzmaterial:
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Trailer: © 2018 Courtesy of Warner Bros. Pictures, Packshots: © 2018 Warner Home Video

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Der Pazifikkrieg (IV): Die Hölle sind wir – Entstehung und Zerstörung von Gesellschaft

Hell in the Pacific

Von Lucas Gröning

Kriegs-Abenteuer // Egoismus ist wohl eine der hinderlichsten Eigenschaften, wenn es um die zivilisierte Koexistenz von uns Menschen geht. Sehen wir uns bereits im Kindergarten mit dem täglichen Streit rund um das attraktivste Spielzeug konfrontiert, weiten sich diese Konflikte mit dem Erwachsenwerden auf wesentlich größere und bedeutendere Aspekte aus. Sicher, Egoismus hat auch eine Menge positiv-konnotierter Eigenschaften. Wenn ich beispielsweise gewillt bin, meine eigenen Bedürfnisse dem Gemeinwohl unterzuordnen, woher will ich wissen, dass meine Mitmenschen diese Bereitschaft ebenfalls aufbringen? Ein gesunder Drang, die eigenen Interessen nach vorn zu stellen, gehört angesichts dieser Ungewissheit zum absolut natürlichen und moralisch gerechtfertigten Denken und Handeln eines jeden Menschen dazu, zumal der in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht geforderte Konkurrenzkampf, gerade in westlichen Gesellschaften, dies systematisch voraussetzt. Damit gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren kann, braucht es jedoch ein kontrolliertes Unterordnen der eigenen Bedürfnisse, wozu es wiederum Regeln benötigt, auf die sich eine Gesellschaft einigen muss.

Ein amerikanischer Soldat trifft auf einer Insel …

Ein kompliziertes Thema, welches sich John Boorman mit „Die Hölle sind wir“ zu eigen gemacht und, das sei vorweggenommen, auf großartige Weise bearbeitet hat. Im Dezember 1968 in Japan und den USA gleichermaßen im Kino gestartet, bildet „Die Hölle sind wir“ Boormans dritte Kino-Regiearbeit nach der Musikkomödie „Fangt uns, wenn ihr könnt“ (1965) und dem knallharten Gangster-Thriller „Point Blank“ (1967). Später inszenierte er unter anderem das beinharte Survival-Abenteuer „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), den postapokalyptischen Science-Fiction-Film „Zardoz“ (1974), das missratene Horror-Sequel „Exorzist II – der Ketzer“ (1977) und mit „Excalibur“ (1981) eine der besten Verfilmungen der Sage um König Artus und die Ritter der Tafelrunde.

Die Schauspielgrößen Lee Marvin und Toshirō Mifune

Als einzige Darsteller für „Die Hölle sind wir“ wurden die beiden Schauspiellegenden Lee Marvin und Toshirō Mifune verpflichtet. Als Marvins größter Erfolg zählt der Kriegs-Actionreißer „Das dreckige Dutzend“ (1967), im selben Jahr hatte er für „Point Blank“ erstmals mit Boorman zusammengearbeitet. 1962 war er in der Rolle des bösartigen Revolvermanns Liberty Valance in John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ an der Seite von James Stewart und John Wayne zu sehen. Ebenfalls ein Revolvermann, allerdings ein versoffener, war er 1965 in „Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming“. Für die Hauptrolle gab’s im selben Jahr den Silbernen Bären der Berlinale und 1966 Oscar und Golden Globe. Mifune wiederum erlangte vor allem Bekanntheit durch seine häufige Zusammenarbeit mit Regielegende Akira Kurosawa, unter anderem spielte er Hauptrollen in dessen Meisterwerken „Rashomon“ (1950) und „Die sieben Samurai“ (1954). Für „Die Hölle sind wir“ trafen diese beiden großartigen Schauspieler nun aufeinander und legten damit den Grundstein für einen fantastischen Film.

Kampf um die Hegemonie

Die Geschichte ist oberflächlich betrachtet relativ einfach und unkompliziert. Wir befinden uns am Ende des Zweiten Weltkrieges auf einer Pazifikinsel. Unabhängig voneinander stranden dort ein amerikanischer (Lee Marvin) und ein japanischer Soldat (Toshirō Mifune), deren einzige Gemeinsamkeit zunächst der verzweifelte Kampf ums Überleben scheint. Irgendwann begegnen die Protagonisten einander und es kommt zu Konflikten. Bei beiden herrscht nach einem langen und qualvollen Krieg der Hass auf das jeweils andere, ideologisch konstruierte Feinbild, welches unmittelbar auf das Gegenüber projiziert wird. Diese Projektion, in Verbindung mit dem unbedingten Willen, das eigene Leben zu erhalten, führt zu einem unerbittlichen Kampf um die knappen Ressourcen, die die Insel den beiden zur Verfügung stellt. Es führt zu einem rein egoistischen Kampf um das eigene Wohl. Wenn der eine beispielsweise eine Möglichkeit gefunden hat, sauberes Wasser zu generieren, will er diese Errungenschaft nicht mit dem anderen teilen. Hat der andere ein Tier zum Essen erbeutet, teilt er die Nahrung nicht mit seinem Gegenüber.

… auf einen japanischen Soldaten

Was wir hier augenscheinlich sehen, ist ein Konkurrenzkampf um die begrenzten Güter der Insel, der sich problemlos auch auf moderne Gesellschaften übertragen lässt. Auch wir stehen in gewisser Weise auf dem freien Markt ständig in Konkurrenz zu unseren Mitbewerbern. Auch wir streben nach unserem Vorteil in der Gesellschaft und stellen für unser eigenes Wohlsein andere Existenzen hinten an. Aufgrund der Begrenzung des Wohlstands versucht ein jeder, das Beste für sich selbst und vielleicht noch seine Angehörigen herauszuholen. Die „Verlierer“ dieses Kampfes fallen hinten herunter und haben es entprechend schwer, sich aus einer schwachen Position heraus eine wohlhabendere Stellung in der Gesellschaft zurückzuholen. Das Ergebnis ist somit Klassismus und der daraus folgende marxistische Begriff des Klassenkampfes. Einen ebensolchen Konflikt zeigt uns „Die Hölle sind wir“, und lange Zeit bleibt offen, wer diesen Kampf schlussendlich gewinnen wird. Der Film kam im Übrigen nicht mit dem von John Boorman vorgesehenen Ende in die Kinos, da die Produzenten das Finale veränderten – kurioserweise, indem sie eine Szene aus Blake Edwards’ „Der Partyschreck“ (1968) einfügten. Die vom Regisseur präferierte Schlussszene findet sich im Bonusmaterial der DVD von Pidax Film. Wer kein Problem mit Spoilern hat, kann die Unterschiede im Schnittbericht nachlesen. Das ursprüngliche Drehbuch enthielt gemäß Trivia der Internet Movie Database sogar ein ganz anderes Ende: Danach war vorgesehen, dass Lee Marvins Figur von japanischen Soldaten gefangen genommen wird und Toshirō Mifunes Soldat seinen Leidensgenossen bald darauf geköpft vorfindet, woraufhin er die Soldaten angreift und seinerseits köpft. Boorman entschied sich jedoch, diese Szene nicht zu drehen.

Das Unterordnen von Egoismen

Mit zunehmender Spieldauer müssen wir feststellen: Es gibt in diesem Szenario keine Gewinner. Angesichts der begrenzten Ressourcen kann nur die Zusammenarbeit beider Parteien das gemeinsame Ziel des Überlebens sichern. Ermüdet und gezeichnet vom ständigen Kampf gegeneinander, raufen sich die Protagonisten zusammen und beschließen, die Flucht von der Insel und die Rückkehr in die Zivilisation geminsam anzugehen. Durch das nun vorherrschende Motiv des zurückgestellten Egoismus ist nun ein Zusammenkommen beider Menschen, ja sogar die Bildung einer Gesellschaft und ein damit einhergehender Fortschritt möglich. Einen Schlüssel bildet hier das erneute Stellen der Eigentumsfrage. Arbeitete zunächst jeder der beiden ausschließlich für sich selbst und für seinen eigenen privaten Wohlstand, dienen die neu erbeuteten Ressourcen nun jeweils beiden Protagonisten. Somit wird aus dem selbst erarbeiteten Privateigentum Kollektiveigentum, gleichbedeutend mit dem Bilden von Gemeinschaft und dem Ablegen jeglicher egoistischer Züge. Somit haben sich die Soldaten auf eine neue Regel verständigt, und die Neuklärung der Eigentumsverhältnisse in ihrer minimalen Gemeinschaft in gewisser Weise politisiert.

Vom Ablegen der Feindbilder

Darüber hinaus legen die Soldaten neben ihren egoistischen Trieben auch ihre ideologiegeleiteten Feindbilder ab. Es wird immer gleichgültiger, dass es sich bei dem einen um einen amerikanischen und bei dem anderen um einen japanischen Soldaten handelt und sich beide Parteien im Pazifik im Krieg befinden. Fast beiläufig werden die Ideologien zugunsten eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und Fortschritts über Bord geworfen, was die Unwichtigkeit und Sinnlosigkeit dieser Ideologien in einem übergeordneten Kontext unterstreicht. Neben der Bildung einer Gesellschaft und der Entwicklung des Zusammenlebens gibt dieser Aspekt „Die Hölle sind wir“ eine weitere Dimension und macht Boormans Werk auch zu einem Antikriegsfilm.

Es entbrennt ein ideologisch geprägter Überlebenskampf

Alles in allem sind dem Regisseur und seinem Team mit „Die Hölle sind wir“ ein fantastischer Film gelungen. Der Film nutz das Aufgreifen von Eigentumsfragen bei gleichzeitigem Hinterfragen von Wirtschaft, Hegemonie und Klassismus moderner, vor allem kapitalistischer Gesellschaften, um eben diese zu kritisieren und die Regeln, die dort vorherrschen, auf seine Art zu kommentieren. Zugleich wird der Film durch sein Szenario und die anfängliche Treue seiner Protagonisten zu vereinfachenden, verblendenden Ideologien zu einem Antikriegsfilm und setzt die sich im Krieg abspielenden Konflikte zugleich in den Kontext zum bereits angesprochenen Kampf um die Hegemonie in einer sich bildenden Gesellschaft. Doch Kampf und Krieg führen nicht zum Fortschritt oder der Verbesserung einer Gesellschaft, sondern tragen eher ihren Beitrag zur Zerstörung bei, so die unmissverständliche Botschaft des Films. Mittels minimalistischer Darstellung in Form zweier einfacher, maskenhafter Charaktere, deren durchgängiger Sprachlosigkeit, der räumlichen Einengung durch den Inselstrand und die Beschränkung bezüglich des dargestellten Zeitstrahls bricht der Film die Konflikte auf ein Minimum herunter und macht sie für jedermann verständlich. In diesem Minimalismus erreicht der Film eine Klarheit und zugleich eine Höhe, die man in vielen vergleichbaren, streckenweise überladenen Filmen vergeblich sucht. Das alles macht „Die Hölle sind wir“ zu einem großartigen und zugleich sehr unterschätzten Film, den aus meiner ganz persönlichen Sicht deutlich mehr Leute sehen sollten, als das bisher der Fall war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Marvin und Toshirō Mifune haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. November 2019 und 24. August 2006 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hell in the Pacific
Alternativer deutscher DVD-Titel: Hell in the Pacific – Zwei Männer zwischen Krieg und Hölle
USA 1968
Regie: John Boorman
Drehbuch: Alexander Jacobs, Eric Bercovici
Besetzung: Lee Marvin, Toshirō Mifune
Zusatzmaterial: Interview mit Regisseur John Boorman, Interview mit Art Director Anthony Pratt, alternatives Ende, Wendecover
Label 2019: Pidax Film
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2006: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Pidax Film

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Das Licht am Ende der Welt – Kirk Douglas gegen alle

The Light at the Edge of the World

Von Lucas Gröning

Abenteuer // Der 1828 im französischen Nantes geborene Jules Verne gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Mit zahlreichen Beiträgen zur Weltliteratur, allen voran den Werken „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864), „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1869–70) und „Reise um die Welt in 80 Tagen“ (1873) schuf sich der Franzose ein Denkmal – er zählt zu den Begründern der Science-Fiction-Literatur. Nach seinem Tod im Jahr 1905 wurde ein letzter Roman des Autors veröffentlicht, wenn auch durch dessen Sohn Michael Verne stark überarbeitet. Das 1906 erschienene Werk trägt den Titel „Le Phare du bout du monde“, zu deutsch „Der Leuchtturm am Ende der Welt“. Der Roman verhandelt den Überfall eines Leuchtturms auf der argentinischen Insel „Isla de los Estados“ durch eine Bande von Piraten. 65 Jahre später, im Jahr 1971, folgte eine Verfilmung des Stoffes unter dem Namen „Das Licht am Ende der Welt“. Regie führte der Engländer Kevin Billington („The Rise and Rise of Michael Rimmer“, „Verletzte Gefühle“), der sich vor allem mit TV-Produktionen einen Namen gemacht hat. Die Hauptrollen des Films wurden mit zwei absoluten Stars des damaligen Hollywood-Kinos besetzt. Zum einen Golden-Globe-Preisträger Kirk Douglas („Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“, „Spartacus“) und zum anderen Oscar-Gewinner Yul Brynner („Der König und ich“, „Die glorreichen Sieben“). Was das Potenzial der Darsteller angeht, gibt es also schon mal schlechtere Voraussetzungen, um einen hervorragenden Film abzuliefern. Was der Film neben fantastischen Schauspielern hinaus noch bietet und woran er am Ende dann doch leider krankt, will ich im vorliegenden Text darstellen.

Die Leuchtturmwärter rund um Captain Moriz gehen zunächst wie üblich ihrer Arbeit nach …

Kommen wir zunächst zum Plot: Wir schreiben das Jahr 1865. Die Leuchtturmwärter Will Denton (Kirk Douglas), Captain Moriz (Fernando Rey) und der junge Felipe (Massimo Ranieri) leben auf der (fiktiven) Insel „Rocky Island“. Besonders für Will Denton bietet die Insel einen wichtigen Ort, an dem er sich von der restlichen Welt isolieren kann. Einige Jahre zuvor, inmitten des kalifornischen Goldrausches, verliebte sich die Frau seines Herzens unglücklicherweise in einen anderen Mann. Bei einem gemeinsamen Pokerspiel mit jenem Mann, bei dem dieser sehr viel Geld verlor, erschoss Will den Liebhaber seiner Herzensdame in einem Akt der Notwehr, seitdem wird er fälschlicherweise von der Justiz verfolgt. Will beschloss, dem Leben in der Zivilisation den Rücken zu kehren und ein einfaches, aber idyllisches Dasein als Leuchtturmwärter zu führen.

Die Idylle wird jedoch eines Tages unvermittelt zerstört, als ein Schiff vor der Küste der Insel anlegt. Bei einer Untersuchung des Schiffes werden die anderen beiden Wärter, Moriz und Felipe, von der Crew brutal ermordet. Es stellt sich heraus, dass es sich bei der Besatzung des Schiffes um sadistische Piraten unter ihrem Kapitän Kongre (Yul Brynner) handelt, die die Insel erobern und den Leuchtturm dazu benutzen wollen, ahnungslose Seeleute in ihre Fänge zu treiben. Will schafft es zunächst zu fliehen und er bereitet sich von einer Schlucht aus auf den Gegenschlag vor, um die Invasoren zu vertreiben. Es dauert nicht lange, bis das erste vorbeifahrende Schiff der Täuschung durch den Leuchtturm erliegt und an der Insel anlegt. Mit an Bord: Die schöne Arabella (Samantha Egger), die Dentons einstiger Liebe zum Verwechseln ähnlich sieht.

Eine Geschichte von Gut und Böse

Die Story ist dabei recht geradlinig durcherzählt und hält sich nie lange mit Nebensächlichkeiten auf. Selbst kleine Randnotizen, die zu Beginn Erwähnung finden und auf den Zuschauer zunächst redundant wirken, werden im späteren Verlauf aufgegriffen und erhalten wichtige Bedeutungen. Somit kann man von einer gut strukturierten Geschichte sprechen, die das Potential hat, Spannung aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Warum das trotzdem nur in Ansätzen gelingt, soll später erläutert werden. Fahren wir zunächst mit den Motiven fort: Davon bietet das Abenteuer eine Vielzahl, genau wie viele Fragen beispielsweise um das Thema Religion. Im Zentrum der Geschichte steht dabei der Kampf zwischen Gut und Böse. Captain Moriz sagt an einer Stelle, für viele Seefahrer sei das Erblicken des Leuchtturms gleichzusetzen mit dem Erblicken Gottes, also der Verkörperung des absolut Guten im christlichen Sinne. Diesem „Guten“ wird eine sadistische Piratencrew als Verkörperung des Bösen entgegengestellt.

… doch wenig später überfallen Piraten den Leuchtturm

Die Seeräuber zeichnen sich dabei nicht nur durch ihre bösartigen Taten aus, sondern auch durch ihre Grausamkeit. So werden nahezu sämtliche ihrer Handlungen von diabolischem Grinsen oder Lachen begleitet, womit der reine Genuss an der größtenteils sinnlosen Gewalt zum Ausdruck gebracht wird. Leider wird dieser Aspekt zu selten durch schockierende Bilder unterstützt. Beim Sichten des Filmes habe ich, an einer recht frühen Stelle, genau ein Bild gesehen, das mich für einen kurzen Moment ein klein wenig geschockt und sprachlos zurückließ. Dieser Moment funktionierte zum einen im Kontext zum bis dato Gesehenen, zum anderen durch das Überraschungsmoment, und zu guter Letzt durch die hier verwendete Bildästhetik. Plötzlich saß ich wie gefesselt im Stuhl und war gespannt auf nächste Momente dieser Art – doch es kamen keine. So viel sich der Film in dieser einen Szene getraut hatte, so wenig traute er sich leider in der Folge. Einen ähnlichen Moment gab es zwar an späterer Stelle noch einmal, durch die hohe Vorhersehbarkeit entstand hier jedoch nicht im Ansatz die Wirkung der vorangegangenen Szene.

Hinfort mit der Logik

Der fehlende Mut zu mehr schockierenden Bildern dieser Art bleibt dabei leider nicht die einzige Schwäche des Films. An viel zu vielen Stellen offenbaren sich krasse Logiklücken, die die meisten Zuschauer irritiert zurücklassen dürften. Warum beispielsweise Denton auf einem offenen Felsen, umzingelt von der gesamten Piratencrew, fliehen kann, ohne dass ihn jemand, mit Ausnahme von Oberbösewicht Kongre verfolgt, bleibt das Geheimnis von Drehbuchautor Tom Rowe oder Regisseur Kevin Billington. Auch wenn sich Denton später, für alle eigentlich klar sichtbar, hinter einem Felsen versteckt und von keinem aus einer Kolonne vorbeiziehender Seeäuber entdeckt wird, kommen einige Fragen auf. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte an vielen Stellen zu sehr vom Zufall gelenkt und vorangetrieben wird. Das kann man im Sinne einer christlich-religiösen Interpretation zwar als göttliche Fügung betrachten, eher kommt jedoch der Verdacht auf, dass sich die Verantwortlichen an diesen Stellen zu wenige Gedanken um einen sinnvollen Vortrag der Geschichte gemacht haben. Das geht leider zu Lasten der Spannung in einer ansonsten dramaturgisch recht gut aufbereiteten Story. Um die Spannung während des Films trotzdem zu gewährleisten, setzt „Das Licht am Ende der Welt“ auf häufig eingesetzte musikalische Untermalung. In Passagen, in denen Denton beispielsweise vor einer Horde Piraten flieht oder in denen er in den Erinnerungen an seine ehemalige Geliebte schwelgt, tragen diese spürbar und sinnvoll zur Unterstützung der Szenen bei. An anderen Stellen, beispielsweise der ersten Begegnung zwischen Denton und Kongre, wirken sie jedoch deplatziert und aufgesetzt.

Man könnte an „Das Licht am Ende der Welt“ noch viel kritisieren. Ein Großteil der Dialoge wirkt hölzern und viele Handlungen von Denton und anderen sind nur schwer nachvollziehbar. Häufig sind die Szenen nicht ansatzweise so gut geschrieben und inszeniert, dass sie das große Potential ausnutzen könnten, das man mit den Darstellern rund um Kirk Douglas und Yul Brynner am Set hatte. Zusätzlich ist festzustellen, dass beide ebenfalls nicht ihre besten Leistungen abgeliefert haben. Das alles ist sehr schade, verfügt der Stoff doch über großes Potenzial und man kann sich durchaus ausmalen, was „Das Licht am Ende der Welt“ für ein toller Film hätte werden können. Was bleibt, ist ein Abenteuer, das in der Lage ist, für kurzweilige Unterhaltung zu sorgen und dabei durchaus Spaß zu machen, wenn auch teilweise unfreiwillig.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Yul Brynner und Kirk Douglas sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Nur selten nehmen die Seeräuber Gefangene

Veröffentlichung: 9. August 2019 als DVD

Länge: 123 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Light at the Edge of the World
USA/SP/LIE 1971
Regie: Kevin Billington
Drehbuch: Tom Rowe, nach dem Roman „Der Leuchtturm am Ende der Welt“ von Jules Verne
Besetzung: Kirk Douglas, Yul Brynner, Samantha Egar, Jean-Claude Drouot, Fernando Rey, Renato Salvatori, Massimo Ranieri, Aldo Sambrell, Tito García, Víctor Israel, Antonio Rebollo, Luis Barboo, Tony Cyrus, Raul Castro, Oscar Davis
Zusatzmaterial: Wendecover, Trailershow
Label: Pidax Film
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Pidax Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: