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Horror für Halloween (III): JeruZalem – Okkulter Schocker mit Google Glass

JeruZalem

Von Volker Schönenberger

…there are three gates to hell. One in the desert, one in the ocean, and one in Jerusalem… (Jeremiah 19, Talmud)

Horror-Action // Amateurvideoaufnahmen aus Jerusalem zeigen muslimische, jüdische und christliche Geistliche, die 1972 zu einer Frau eilen, die von den Toten zurückgekehrt sei. Unheilvolles ereignet sich …

Das Tor zur Hölle öffnet sich

Sprung ins Hier und Heute: Die jüdischen Amerikanerinnen Rachel Klein (Yael Grobglas, „Rabies – A Big Slasher Massacre“, „Jane the Virgin“) und Sarah Pullman (Danielle Jadelyn) reisen nach Tel Aviv. Im Flugzeug lernen sie Kevin Reed (Yon Tumarkin) kennen. Weil Sarah Gefallen an dem Anthropologie-Studenten findet, überredet sie Rachel nach der Landung, mit dem jungen Mann nach Jerusalem zu fahren. Im Hostel lernt das Trio den smarten Muslim Omar (Tom Graziani) kennen, mit dem die drei bald genüsslich einen Joint durchziehen. Ein Einheimischer, der sich als König David ausgibt, warnt die Touristen, Jerusalem noch vor dem jüdischen Feiertag Jom Kippur zu verlassen. Dennoch genießen die jungen Leute vorerst das Nachtleben von Jerusalem. Bis sich tatsächlich das Tor zur Hölle öffnet …

In den Straßen und Gassen Jerusalems …

Found Footage nutzt modernste Technik: Kurz vor der Abreise hat Sarah von ihrem Vater ein Google Glass bekommen – den Rest des Films sehen wir aus dieser Perspektive mit gelegentlichen informativen Einblendungen des Geräts. „JeruZalem“ beginnt nach üblichem Muster. Wir lernen die Hauptfiguren kennen, das dauert vielleicht eine Nuance zu lang. Nachdem Sarah an der Klagemauer einen Zettel hinterlassen hat, auf den sie ihren Wunsch nach der Rückkehr ihres kürzlich verstorbenen Bruders geschrieben hat, mehren sich besorgniserregende Anzeichen, bis sich das Grauen peu à peu steigert.

Inferno an Jom Kippur

Es wird kein Zufall sein, dass der Horror an Jom Kippur entfesselt wird, brach doch auch am 6. Februar 1973 mit dem Beginn des Jom-Kippur-Kriegs Unheil über Israel herein. Die Brüder Doron und Yoav Paz fahren mit ihrem Independent-Schocker für Found-Footage-Verhältnisse in puncto Kulissen anständige Schauwerte auf, ohne dabei auf touristische Attraktionen zu setzen. Etwas mehr dämonisches Inferno hätte ich mir aber gewünscht; Story und Handlungsverlauf geben an sich einen spektakulären Showdown her, und der bleibt leider aus. Wenn sich ein Tor zur Hölle öffnet, will ich einfach mehr dämonische Kreaturen zu sehen bekommen. Ein Gigant stapft einmal durchs Bild, einige Dämonen in vormals menschlichen Körpern öffnen ihre Flügel, das war es schon fast.

Fortsetzung folgt

Die PAZ Brothers, so nennen sie sich als Regisseursduo, haben zweifellos „Cloverfield“ (2008) geschaut. Nicht nur aufgrund des Einsatzes von Found Footage sind einige Parallelen erkennbar. Der Titel „JeruZalem“ trägt ein großes Z in sich, das dem Vernehmen nach für Zombies steht, dennoch haben wir es mit keinem Zombiefilm zu tun, sondern mit einem okkulten Schocker, der das Found-Footage-Rad nicht neu erfindet, ihm aber ein paar originelle Facetten hinzufügt. Die Brüder sind dem Sujet treu geblieben: Auch „Golem – Wiedergeburt“ setzt religiöse Motive für handfesten Horror ein. „JeruZalem 2“ ist schon eine ganze Weile angekündigt, zuletzt waren die PAZ Brothers mit dem Drehbuch beschäftigt. Der Vorgänger hat auf jeden Fall das Interesse geweckt, wie sich die dämonische Bedrohung fortsetzen mag.

… geht es dämonisch zu

Veröffentlichung: 29. Januar 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: JeruZalem
ISR 2015
Regie: Doron Paz, Yoav Paz (The PAZ Brothers)
Drehbuch: Doron Paz, Yoav Paz (The PAZ Brothers)
Besetzung: Yael Grobglas, Yon Tumarkin, Danielle Jadelyn, Tom Graziani, Sarel Piterman, Howard Rypp, Ami Smolartchik, Yoav Koresh, Ori Zaltzman, Fares Hananya, Itsko Yampulski, Mel Rosenberg, Danny Zahavi
Zusatzmaterial: Trailer
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2016 splendid film

 

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Gesprengte Ketten – Drei Tunnel bis zur Freiheit

The Great Escape

Von Ansgar Skulme, der damit seinen 125. Beitrag für „Die Nacht der lebenden Texte“ abliefert. Respekt! Wir freuen uns aufs nächste Jubiläum.

Kriegs-Action // Um ständige Ausbruchsversuche von Luftstreitkräfte-Soldaten in diversen Gefangenenlagern zu unterbinden, hat sich Hitler-Deutschland nach einigen Kriegsjahren eine gewagte Strategie überlegt: Zahlreiche der bisher auffälligsten Ausbrecher auf alliierter Seite werden in einem besonders ausgeklügelt bewachten Lager zusammengefasst. Akt der Verzweiflung oder genialer Plan? Heikel nur, dass bei den Besten der Besten auch der Drang, das Unmögliche zu schaffen, naturgemäß unberechenbar ist. Lieber nichts noch so halsbrecherisch Erscheinendes unversucht lassen, um auszubrechen, als die Zeit sinnlos zu verschwenden. Zumal es die Pflicht eines jeden gefangenen Soldaten ist, beim Feind zumindest so viel Unruhe wie möglich zu stiften. Gemeinschaftlich wird angepackt, um rekordverdächtige 250 Menschen frei zu bekommen. Dafür werden, geschickt durch scheinbare Alltagsroutinen kaschiert, drei mögliche Fluchttunnel vorbereitet, die die Rufnamen „Tom“, „Dick“ und „Harry“ erhalten, was auf Deutsch so viel wie „Hinz & Kunz“ bedeutet.

John Sturges hatte schon eine ganze Weile vor, die wahre Geschichte dieses großen Ausbruchsversuchs aus dem Stalag Luft III filmisch aufzuarbeiten. Acht Jahre soll er die Idee mit sich herumgetragen haben, aber erst nach dem Erfolg seines Kultwesterns „Die glorreichen Sieben“ (1960) erteilte man ihm den Zuschlag für das Projekt – in angemessener Budget-Größe mitsamt namhafter britisch-amerikanisch-deutscher Besetzung. Gedreht wurde in der Nähe von München, als Vorlage diente ein Tatsachenbericht von Paul Brickhill. Der Autor des Buches wurde allerdings nicht ans Set eingeladen. Stattdessen setzte man über viele Monate auf die Dienste des Kanadiers Wally Floody, eines erfahrenen Ausbrechers, der ebenfalls im Camp bei den Vorbereitungen mitgearbeitet hatte, kurz vor der Realisierung des Ausbruchs allerdings verlegt worden war. Einer der zentralen Unterschiede zur wahren Geschichte ist, dass die Amerikaner im echten Leben offenbar alle um die Chance gebracht wurden, an dem von ihnen mit in die Wege geleiteten Massenausbruch teilzunehmen, da sie das Lager infolge von Verdächtigungen schon vorher verlassen mussten – in dieser oder ähnlicher Weise dürfte auch Floody betroffen gewesen sein.

Eine der Definitionsmöglichkeiten des „Männerfilms“

Die Figuren im Film wurden teils lose, teils eng an tatsächlich im Lager internierte Personen angelehnt. Unter anderem war Roger Bushell Vorlage für den von Richard Attenborough verkörperten Kopf der Mission, Roger Bartlett. Teilweise sind die Charaktere im Film auch Kombinationen aus mehreren Menschen, die für den Film gewissermaßen in einer Figur vereint wurden. Zumal es thematisch absolut Sinn ergab, brachte Sturges drei seiner sieben Glorreichen auch gleich mit in diese Produktion: Steve McQueen, Charles Bronson und James Coburn, deren größte Erfolge als Hauptdarsteller noch bevorstanden – vor allem bei Bronson und Coburn, die hier nach wie vor Nebendarsteller-Charakter haben und erst in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre den Durchbruch an die Spitze schafften.

Aus den glorreichen Sieben sind in dieser Geschichte, wenn man so will, nun mehrere Dutzend geworden; in einem anderen Genre versammelt. Erneut steht eine schier unmögliche Mission bevor. Die gesamte Handlung von „Gesprengte Ketten“ kommt, allenfalls abgesehen von kaum ins Auge fallenden Statistenrollen, ohne weibliche Figuren aus, da die Erzählung das Gefangenenlager erst mit Beginn des Ausbruchs verlässt und auch nicht mit Bewegtbildern in der Vergangenheit der Figuren gräbt. Der Verleih versuchte, John Sturges davon zu überzeugen, dass der Film finanziell erfolgreicher werden würde, sofern man Frauenrollen – selbst wenn notdürftig – hineinschrieb, doch Sturges blieb eisern. Ein „Männerfilm“ in Reinkultur also, wenn man so will, allerdings auch mit geschichtlicher Fundierung – maßgeblich geprägt von Schauplätzen, an denen es einfach keine Frauen gab – und nicht nur eines Selbstzwecks wegen. „Gesprengte Ketten“ ist darüber hinaus vor allem einer der handwerklich komplettesten Filme, die ich jemals gesehen habe. Ein absolutes Meisterwerk, das relativ viele Sparten – Action, Humor, Spannung, Coolness, Dynamik, prägnante Musik, Realitätsbezug usw. – bedient, in jeder einzelnen Kategorie funktioniert, dabei über die gesamte Länge von fast drei Stunden sämtliche Zügel beisammen hält und einfach wunderbar miteinander harmonieren lässt.

Wenn’s mal wieder schnell gehen muss …

Bevor ich einige dieser zahlreichen Vorzüge etwas näher beschreibe, nehme ich meinen einzigen einigermaßen gewichtigen Kritikpunkt gleich vorweg. Im Großen und Ganzen reißt mich dieser Film selbst nach mehrfacher Sichtung immer noch fast genauso mit wie beim ersten Mal und zieht mich mit seiner Spannung und der klugen Erzählweise so in seinen Bann, dass die rund 170 Minuten wie im Fluge vergehen. Einzig empfand ich bei den letzten Sichtungen als geringfügig störend, dass der Bau der Tunnel von innen nur ziemlich sprunghaft gezeigt wird. Die Gründe hierfür liegen aus meiner Sicht auf der Hand, da der Film ansonsten zum Beispiel noch länger als ohnehin schon geworden wäre. Wenn von einem Moment zum nächsten aber bereits das halbe Innenleben eines Tunnels geräumig ausgebaut ist, praktisch ohne dass man irgendjemanden so wirklich beim aktiven, beschwerlichen Befestigen und Abstützen des ja doch recht langen Fluchtwegs gesehen hat – schon eher beim Reagieren auf zwischenzeitliche Einstürze –, läuft „Gesprengte Ketten“ Gefahr, als hochgegriffen abgetan zu werden, hätte er die konkrete historische Anbindung eben nicht, die er hat. In dem Moment, in dem man hochnäsig belehrend einwenden könnte „Ja ja, erzählt nur! Drei Tunnel, warum nicht gleich fünf oder sechs, aber wie der Bau so schnell gehen soll, zeigt ihr kaum! Ist halt ein Film … in Wirklichkeit hätte das so niemals funktioniert!“, legt einem die wahre Begebenheit hinter dem Film glücklicherweise automatisch das Handwerk, aber dennoch bleibt das, was unter der Erde passiert, im Film aus meiner Sicht leider etwas zu abstrakt und komprimiert. Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass die den Bereich unter der Erde simulierenden Sets etwas zu klein waren. Aber insbesondere bei der Erstsichtung wird dieser Aspekt von der Dynamik und Spannung der Handlung regelrecht aufgefressen. „Gesprengte Ketten“ überzeugt narrativ und emotional auf ganzer Linie fesselnd.

Wir sind alle „nur“ Menschen

Ein Faktor, der wohl maßgeblich dazu beiträgt, dass dieser Film dermaßen stark unter die Haut geht, ist die Menschlichkeit der Figuren, die hier in einer sehr nah gehenden, respektvollen Form bei wirklich jedem, der im Lager sein Dasein fristet, auf die eine oder andere Weise untermauert wird. Selbst die deutschen Soldaten, die die Gefangenen bewachen, werden relativ deutlich von Gestapo und SS abgegrenzt, was sich vor allem in Hannes Messemers großartiger Verkörperung des kriegsmüden Lagerkommandanten manifestiert, dessen letzte Szene selbst Steve McQueen mehr oder minder sprachlos zurücklässt. Der nachsichtige Blick auf das deutsche Volk zeigt sich aber auch in allen weiteren Bewacher-Rollen. All sie sind Deutsche, ihre Nation hat in diesem Krieg Schuld auf sich geladen, aber sie sind eben auch Menschen. Menschen, die sich mit den Gefangenen arrangieren, ohne dass es innerhalb des Lagers zu zur Schau gestellter brutaler Gewalt oder Hasstiraden kommt. Vielmehr wird die Zwangslage vieler Deutscher klargemacht, vor allem durch Robert Graf in der Rolle des Werner, der sein Leid klagt, solange es nur ja keiner mithört. Dabei wird aber auch – mit einem Augenzwinkern – nicht vergessen, dass das ständige Abducken sowie schlichte Feigheit nun wiederum auch keine Lösungen sein können, und dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen Dämonisierung und Freispruch liegen muss, wenn man die Rolle solcher Mitläufer bewertet. Der leider recht jung verstorbene Robert Graf war der Vater des renommierten Regisseurs Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“) und hatte zweifelsohne das Potenzial, in weiteren Hollywood-Filmen, in größeren Rollen als hier aufzutreten. Leider endete sein Leben schon Anfang 1966.

Hollywood-Luft für beliebte deutsche Schauspieler

Wie der Film die Deutschen einzuordnen versucht, weist aus meiner Sicht aber auch eine kleine, vielleicht im ersten Moment recht nebensächlich wirkende Szene sehr eindrücklich nach, in welcher der von Harry Riebauer gespielte, von den Gefangenen durchaus mit einer gewissen Furcht beäugte Hauptfeldwebel Strachwitz mit einer Mistgabel ins auf Lastwagen gestapelte Geäst sticht, um zu prüfen, ob sich darunter jemand versteckt, der fliehen will. Nicht etwa wird Riebauer hier zu einem Dämon mit Fleischerwerkzeug stilisiert, sondern stattdessen mit Hilfe der Musik ganz bewusst ein eher spaßiger Unterton in das Geschehen gemischt. Freud und Leid, Spaß und Ernst, Soldateneid und Menschlichkeit zeigen sich in diesem Film in einem stetigen Wechselspiel. Konsequenterweise endet die Handlung dann auch mit einer der Szenen im Bunker; ein Ort, der gewissermaßen zum Running Gag innerhalb dieser ebenso tragischen wie aber eben auch cool, spannend und actiongeladen inszenierten Geschichte wird. Nebst Harry Riebauer, der im Jahr 1963 unter anderem noch in einer Hauptrolle als Inspektor in dem Bryan-Edgar-Wallace-Film „Der Würger von Schloss Blackmoor“ zu sehen war – und sich dort gut im Fahrwasser von Vorbildern wie Joachim Fuchsberger und Heinz Drache verkaufte – kommt mit Heinz Weiss ein weiterer durch führende Rollen in deutschen 60er-Kriminalfilmen und später als „Traumschiff“-Kapitän bekannt gewordener Schauspieler zum Einsatz. Bei Weiss ist diesbezüglich allerdings nicht der Name Wallace ausschlaggebend, sondern seine Hauptrolle als Phil Decker in der Jerry-Cotton-Reihe.

Aber auch die dreckige, heimtückische Fratze des 40er-Deutschlands bekommt, besonders durch die Rollen der auf sehr unangenehm wirkende Fieslinge spezialisierten Charakterdarsteller Karl-Otto Alberty und Ulrich Beiger eindrückliche Gesichter und Stimmen. Wobei der Film auch hier sehr differenziert vorgeht: So wird dem aalglatt und überaus bösartig wirkenden, provokant aufgelegten, von Beiger gespielten Gestapo-Mann, der ziemlich ruhig agierende Hans Reiser vornan gestellt (beide ebenfalls sehr bekannte Gesichter für 60er-Deutsch-Krimi-Fans), und dem positive Emotionen zeigenden Lagerkommandanten, den Hannes Messemer spielt, mit Robert Freitag ein sehr ruhiger, fast schon profillos wirkender potenzieller Nachfolger auf die Nase gebunden. Ein klarer Fingerzeig dahingehend, dass auch die ganz normal und unscheinbar Wirkenden durchaus ihren Anteil am Desaster zu haben vermochten und nicht nur die, die jedes Schurkenklischee zu erfüllen scheinen.

Die sich für nichts zu schade sind …

Wie sich die Alliierten zusammenraufen und als verschworene Truppe präsentiert werden, beschert dem Film zunehmend Gänsehaut-Momente. Man hat das Gefühl, jeder würde sich für jeden opfern, obwohl Roger Bartlett (Richard Attenborough) und der invalide Ramsey (James Donald) beispielsweise ein deutlich anderes, strengeres Soldatenbild verkörpern als vor allem der freche Virgil Hilts (Steve McQueen). Der an Klaustrophobie leidende Danny (Charles Bronson) hat seinen Kumpel Willie (John Leyton), der ihn mit aller Macht – dabei sein eigenes Leben riskierend – davon abzuhalten versucht, aus Angst vor dem beengten Tunnel mit vielen Menschen, halsbrecherisch doch noch kurz vor Torschluss allein abzuhauen. Der allein kaum noch reisefähige Blythe (Donald Pleasence) muss um seine Teilnahme am Ausbruch fürchten, bis sich Hendley (James Garner) schützend vor ihn stellt. Ashley-Pitt (David McCallum) riskiert sein Leben im Handgemenge für Roger Bartlett, Hilts in einer ähnlichen Situation für den Maulwurf „Ives“ (Angus Lennie). Sogar einen Ausbruch mit freiwilliger Rückkehr – zwecks Einholung von dringend benötigten Informationen über die Lage außerhalb der Zäune – gibt es. Nicht jede Rettungsaktion, bei der ein Mensch aufopferungsvoll für den anderen in die Bresche springt – und das manchmal im wahrsten Sinne des Wortes – gelingt wie erhofft, aber der Überlebenswillen dieser Männer und dazu vor allem ihr unbändiger gegenseitiger Respekt vor der Bedeutung dieser Flucht für jeden Einzelnen bringen einen mehrfach zum Staunen und womöglich auch mal den Tränen nahe.

Neben den vielen sympathischen Figuren auf der Gefangenenseite und ihrem so oder so beispiellosen, äußerst ambitionierten Vorhaben, komplettieren ihre vielen schlauen Einfälle, ihr teils schlicht dreistes, nimmermüdes und gewitztes Vorgehen sowie die Musik von Elmer Bernstein den überragenden Spannungsaufbau in „Gesprengte Ketten“. Aus Bernsteins Kompositionen sticht besonders die ursprünglich rein instrumentale Titelmelodie hervor, die weltberühmt geworden ist und von Fußball-Fans in Großbritannien noch heute in Stadien nachgesungen wird. Der Nebendarsteller John Leyton, damals ein bekannter Sänger, brachte in Anbindung an den Kinostart außerdem eine um Text erweiterte Single heraus, dazu eine weitere Version mit deutschem Text („Eine kann meine nur sein“). Elmer Bernstein deckt von tragisch, ruhig und gruselig-düster über lustig und beschwingt bis hin zu furiosen Passagen das komplette Portfolio der Emotionen mit seinen Orchesterklängen, über die volle Distanz des Films, einfach großartig ab. Vom tragischen Tod eines Fliehenden, der das drohende Unheil nicht einmal kommen sieht, bis hin zu den lässigen Szenen mit Steve McQueen und seinem Baseball sowie den rasantesten Momenten des Films, in denen McQueen mit dem Motorrad der Schweiz entgegenprescht – Elmer Bernsteins Ideenreichtum und Musikgenie sind hier ein genauso starkes Statement wie zuvor bei seiner Arbeit an „Die glorreichen Sieben“. Gut und schön, dass mit John Sturges der Regisseur und drei der glorreichen sieben Darsteller hier wieder zusammenfanden, aber erst dadurch, dass auch Elmer Bernstein wieder mit dabei ist, entsteht wirklich der Effekt, dass „Gesprengte Ketten“ durchweg den ebenso aufopferungsvollen wie stilbildend coolen Esprit des vorausgegangenen, heute legendären Westerns atmet.

Cool, cooler, Bunker!

Dass Steve McQueen auch heute immer noch mit dem Spitznamen „The King of Cool“ tituliert wird, dürfte entscheidend seiner Rolle in „Gesprengte Ketten“ geschuldet sein, obwohl er diese nur unter der Bedingung angenommen haben soll, die spektakulären Motorrad-Szenen in die Story einbinden zu dürfen und am Set immer wieder Abstand zu den anderen Mitwirkenden hielt. Er wollte der Held sein und zeigte daher des Öfteren seinen Unmut über Handlungsabläufe, die ihm nicht gefielen. Vor allem Richard Attenborough machte er sich damit nicht zum Freund, wobei die Meinungsverschiedenheiten wohl auf Diskussionsebene blieben. Recht viele Diskussionen allerdings, wie es scheint. Offenbar wurde McQueens Part auch erweitert, nachdem er, aufgrund zu weniger Präsenz innerhalb der Handlung, komplett abzuspringen drohte. Die geringen zeitlichen Spielräume beim Unterbringen so vieler Figuren in einer Filmhandlung bilden eine Problematik, die wegen der Vielzahl an ambitionierten Schauspielern, von denen etliche schon bald Stars wurden, wenn sie es nicht ohnehin schon waren, vor allem in einem Film wie „Gesprengte Ketten“ nur schwer zu vermeiden war, da schließlich keiner von ihnen unter den Tisch fallen durfte, nicht nur Steve McQueen. Kurios ist das insofern, als einer der Gründe, weshalb sich Richard Harris vorab aus dem Projekt zurückzog, war, dass ihm die Verkleinerung seines Parts nicht gefiel – er hatte ursprünglich die Rolle des Roger Bartlett spielen sollen. Änderungen, die vermutlich vor allem zugunsten von Steve McQueen gemacht worden sind. Unklar bleibt, ob Harris’ Nachfolger Richard Attenborough in dem Film also überhaupt zu sehen wäre, hätte Steve McQueen keine Unruhe bezüglich der Filmhandlung und der Gewichtung der Figuren gestiftet – so fordernd die Zusammenarbeit mit McQueen am Set für Attenborough dann auch gewesen sein mag.

Im Abspann des Films werden die Figuren allesamt mit ihren Namen und Spitznamen genannt. Dabei kommt McQueen die Bezeichnung „The Cooler King“ zu, was man zwar als „Der coolere König“ lesen kann, wobei es aber eigentlich „Bunkerkönig“ bedeutet. In der Originalfassung sagen die Deutschen im Lager anstelle des prägnanten „Bunker!“ stets „Cooler!“ zu ihm. Ganz offensichtlich wurde aus „The Cooler King“, dem König des Bunkers, dann später „The King of Cool“, der König der Coolness – wofür er ja gewissermaßen auch mit jedem seiner Filme, spätestens seit „Die glorreichen Sieben“, zunehmend Anlass gab. Ein als solcher bereits angekommener Topstar war Steve McQueen zum Zeitpunkt der Produktion von „Gesprengte Ketten“ aber in jedem Fall noch nicht, was unter anderem an dem Aspekt deutlich wird, dass James Garner – der neben McQueen die mit Abstand größte US-amerikanische Rolle im Film spielt – eine deutlich höhere Gage erhielt. Zumindest seinen Ansprüchen an die von ihm ersehnten Motorrad-Szenen dürfte McQueen, unabhängig vom teils enttäuschten Blick auf den Umfang seiner Rolle, in jedem Fall gerecht geworden sein. Nur an einem besonders spektakulären Sprung gen Ende scheiterte er beim Versuch und ließ sich hierbei deswegen schließlich von Bud Ekins doubeln. Stattdessen doubelte McQueen selbst wiederum einen der Verfolger, jagte sich also – dem Schnitt und unterschiedlicher Kostümierung sei Dank – kurze Zeit praktisch selbst über die Leinwand. Unter dem Strich stieg Steve McQueen durch „Gesprengte Ketten“ schließlich zum Superstar auf und blieb bis zu seinem überraschend frühen Tod 1980 in dieser Liga. Kein Wunder also, dass Leonardo DiCaprios Rick Dalton dieser Rolle aktuell in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ nachtrauert – inklusive einer Szene, in der man DiCaprio an McQueens Stelle in einer Dialogsituation mit Hannes Messemer und Harry Riebauer sieht. Die modernste Tricktechnik macht es möglich – und lässt sogar einen Steve McQueen verschwinden, damit Rick Dalton wenigstens für einen kurzen Moment sein „Was wäre gewesen, wenn …“ innerhalb des Originalmaterials von „Gesprengte Ketten“ imaginieren kann. Natürlich eine „Bunker!“-Szene – und spätestens durch Tarantino und DiCaprio jetzt endgültig als Kult geadelt.

Er ist wieder da?!

Abgesehen von den besagten Ränkespielchen, die die Gesamtstimmung aber nicht wirklich gefährdet haben dürften, sind einige nette Details vom Set überliefert. So etwa, dass eine Art Gemeinschaftsevent daraus gemacht wurde, dass jeder Mensch, der sich vor Ort aufhielt, immer wieder ein kleines Stück zu einem sehr langen Stacheldraht für eine Szene beisteuern sollte, der aus Gummi gemacht wurde, damit man vor der Kamera gefahrlos hineinstürzen und sich darin verfangen konnte, ohne sich zu verletzen. Man ging also immer wieder zu diesem Gummi-Stacheldraht und knotete ein weiteres kleines Einzelteil daran. Eine andere Anekdote berichtet von einer Radarfalle unweit der Dreharbeiten. Bei dieser Verkehrskontrolle handelten sich viele Cast- und Crew-Mitglieder eine Strafe ein, wobei – wie konnte es anders sein – Steve McQueen mit der höchsten Geschwindigkeitsübertretung gemessen wurde. Zweifelsohne eine clevere Idee, allerdings auch nicht wirklich gastfreundlich, ausgerechnet im Umfeld einer solchen, die deutsche Geschichte aufarbeitenden Produktion zu blitzen – mit ungewöhnlich großen Männermengen am Set, bei denen man wohl auf Raser hoffte.

Zumal das Lager nicht am früheren Standort neu errichtet wurde, sondern man den Nachbau des im heutigen Polen gelegen gewesenen Stalag Luft III für diesen Film nahe der bayrischen Landeshauptstadt platzierte, wo für den Normalbürger erst recht nicht damit zu rechnen war, soll es ferner zu einem Vorfall mit einem verängstigten Passanten gekommen sein. Der Mann entwickelte, angesichts der eindeutig ausschauenden Kulisse, die er da beim Spazierengehen mit seinem Hund urplötzlich entdeckte, wohl ein schockiertes Gefühl von „Jetzt geht es wieder los …“ und zeigte sich enorm erleichtert, als er darauf hingewiesen wurde, es handle sich nur um ein Filmset. Wie tief der Rückgriff auf die Vergangenheit zu greifen vermochte, zeigt sich auch daran, dass die Schauspieler teils ihre eigenen Kriegserfahrungen in ihre Rollen und die Produktion einbringen konnten. So hatte James Garner während des Korea-Krieges ähnliche Aufgaben wie auch hier im Film übernommen. Donald Pleasence wurde offenbar phasenweise im Stalag Luft I gefangen gehalten – natürlich eng verwandt mit dem Stalag Luft III, von dem der Film handelt – und in Kriegsgefangenschaft Opfer von Folter. Seine Erlebnisse als Gefangener bei den Deutschen im Zweiten Weltkrieg führten, nach anfänglicher Skepsis seitens John Sturges, schließlich zu einer Art von beratender Tätigkeit am Set. Hannes Messemer gelang die Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft, woraufhin er eine enorme Fußstrecke zurück nach Deutschland hinter sich brachte. Das, um nur drei Beispiele zu nennen.

Was zählt, ist die Mission!

Als Erfolg wird der Ausbruchsversuch in der historischen Rückbetrachtung eher nicht gewertet. Manchmal jedoch ist es erst die entstehende Legende, die das volle Potenzial einer Begebenheit entfaltet. 1986 und 2003 transformierte man „Gesprengte Ketten“ sogar in zwei Videospiele, von denen das zweite bereits kompatibel mit den heute noch gängigen Konsolenanbietern war. 1988 erschien außerdem eine zweiteilig angelegte Quasi-Fortsetzung des Films unter dem Titel „The Great Escape II: The Untold Story“, die in Deutschland „Gesprengte Ketten – Die Rache der Opfer“ genannt wurde – und die Legende noch weiter zu erzählen versuchte. Diese Produktion thematisiert allerdings auch den Ausbruch selbst und ist daher im Grunde weniger ein Sequel als eine Erweiterung und Ergänzung zum Film von 1963. An der Laufzeit von knapp drei Stunden kann man schon erkennen, dass es sich nicht um einen typischen Aufguss handelt, dem man plumpe Geldmacherei vorwerfen sollte. Mit Christopher Reeve, Judd Hirsch und Ian McShane konnten außerdem einige noch heute bekannte Schauspieler verpflichtet werden. Auch wurde bezüglich Glaubwürdigkeit vor der Kamera erneut Wert auf mehrere deutsche Schauspieler in der Besetzung gelegt, darunter Manfred Andrae, der mir vor allem aus früheren Zeiten als Synchronsprecher bekannt ist (unter anderem in „Gesprengte Ketten“ als Stimme von Gordon Jackson zu hören), und Martin Umbach, der wiederum erst später rege im Synchron aktiv wurde und noch bis heute sehr gefragt in dieser Branche ist – zum Beispiel als derzeit reguläre Stimme von Russell Crowe, Kenneth Branagh und anderen. Einer der Initiatoren der Wiederaufnahme des Stoffs für den Zweiteiler von 1988 war offenbar Jud Taylor, ein Schauspieler aus der 60er-Version, der sich mittlerweile aufs Regiefach verlegt hatte. Taylor hatte in „Gesprengte Ketten“ den dritten Amerikaner gespielt, der beispielsweise gemeinsam mit James Garner und Steve McQueen die Feier des Unabhängigkeitstages im Lager vorbereitet – in der 1988 erschienenen Neuverfilmung agierte er nun als Produzent und Regisseur der zweiten Hälfte der Geschichte, während Paul Wendkos („Die Rache der glorreichen Sieben“) den ersten Teil inszenierte. Als einziger weiterer Schauspieler aus der Besetzung von 1963 – neben Taylor, der aber hinter den Kulissen tätig war – wurde Donald Pleasence reaktiviert, diesmal allerdings in einer anderen Rolle.

Die i-Tüpfelchen

Dass man die deutsche Synchronfassung von „Gesprengte Ketten“ in München und nicht Berlin erstellen ließ, ist angesichts der Drehorte und angesichts der Tatsache naheliegend, dass man auch vor der Kamera auf in der Nähe ansässige deutsche Schauspieler zurückzugreifen versuchte, die sich schließlich auch für die deutsche Fassung selbst synchronisieren sollten. Die Besetzung von Klaus Kindler für Steve McQueen in diesem Film war zwar keine Premiere, bildete aber sicher den Grundstein dafür, dass er sich schließlich später als McQueens Stammstimme durchsetzen konnte, auch wenn es bis dahin leider noch etwas dauerte. Ein Grundstein für eine sehr populäre Figur wurde hier außerdem gelegt: Wolfgang Büttner sprach Donald Pleasence in „Gesprengte Ketten“ offenbar erstmalig. Es folgten ein weiterer Einsatz für Pleasence in München und nur ein einziger in Berlin – dieser aber in keiner geringeren Rolle als der des damals von Film zu Film immer wieder grundlegend anders aussehenden, von wechselnden Schauspielern verkörperten Superschurken Ernst Stavro Blofeld. Donald Pleasence spielte in „James Bond 007 – Man lebt nur zweimal“ den Blofeld mit Glatze und der berühmten Narbe im Gesicht, der als Vorbild für Dr. Evil in den späteren Austin-Powers-Persiflagen diente – und hatte in der deutschen Fassung die Stimme von Wolfgang Büttner, wie in „Gesprengte Ketten“. Der dem TV-Publikum in den 90ern als „Bergdoktor“ bekannt gewordene Gerhart Lippert ist in „Gesprengte Ketten“ darüber hinaus als Stimme von David McCallum zu hören. Heimliches Highlight der Synchronfassung ist für mich allerdings Paul Klinger, der zwar über 15 Jahre älter als Richard Attenborough war, aber wirklich fantastisch mit seiner Rolle und dem namhaften britischen Schauspieler vor der Kamera verschmilzt. Bedauerlich, dass Klinger ihn nur dieses eine Mal synchronisierte.

DVD-Veröffentlichungen des Films in Deutschland gibt es mittlerweile etliche, denn dass dieser Meilenstein allgemein einen sehr guten Ruf genießt, spiegelte sich unter anderem darin wider, dass man recht zeitig mit digitalen Veröffentlichungen begann – und schließlich gesellte sich dann auch eine Blu-ray dazu. Alles versehen mit reichhaltigem Bonusmaterial. Nichtsdestotrotz kann man im Ausland sogar noch lohnende Erweiterungen finden.

Enttäuschend erstaunlich bleibt am Ende des Tages nur, warum „Gesprengte Ketten“, trotz dass er auch kommerziell schon im Kino ein großer Erfolg war, bei den großen Preisverleihungen – ungeachtet des breit gefächerten Darsteller-Ensembles sowie mehrerer herausragender Leistungen auch hinter der Kamera – nahezu komplett ignoriert wurde. Beim Golden Globe 1964 gab es zumindest noch eine Nominierung als bester Film in der Kategorie Drama, bei den Oscars wurde lediglich der Schnitt nominiert. Wirkt alles sehr stiefmütterlich. Umso kurioser ist, dass der einzige wirkliche Sieg von Steve McQueen errungen wurde. Kurios aber natürlich nicht, weil McQueen für seine Darbietung in diesem Film keine Ehrung verdient gehabt hätte, sondern weil er den Preis ausgerechnet beim Internationalen Film-Festival in Moskau gewann – ausgerechnet für diese Rolle, für sein Porträt dieses immer wieder Regeln brechenden und frech seine Gegner provozierenden US-Amerikaners. Gerade aus McQueens Rolle kann man nun wirklich eine gewisse Attitüde nach dem Motto „Mir ist alles egal, außer Amerika und seinen Freunden!“ herauslesen. Und damit gewinnt man dann einen Schauspieler-Preis an solch einem Ort. In der Rolle eines selbstherrlichen Amerikaners, noch dazu in einem Kriegsfilm, den Pott und Respekt für die eigene Leistung aus Moskau erobern – das kann man mal gemacht haben! Das erscheint fast schon wie ein Zeichen der Versöhnung und Verbrüderung im Geiste, wenn es sich am Ende auf solch eine Weise fügt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Sturges sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charles Bronson, Steve McQueen und Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 12. Juli 2013 als Blu-ray und DVD, 14. März 2008 als DVD („90 Jahre United Artists“-Sammeledition, Nr. 30), 30. April 2007 als „Cinema Premium“-Edition DVD, 27. April 2004 als „Gold Edition“ DVD, 17. Juni 2002 als 2-Disc Special Edition DVD, 1. Februar 2000 als DVD

Länge: 172 Min. (Blu-ray), 165 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: The Great Escape
USA 1963
Regie: John Sturges
Drehbuch: James Clavell, W. R. Burnett, nach einer Vorlage von Paul Brickhill
Besetzung: Steve McQueen, Richard Attenborough, James Garner, Donald Pleasence, Charles Bronson, James Donald, James Coburn, Hannes Messemer, David McCallum, Gordon Jackson
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Hintergrund-Dokumentationen, Interviews, Original-Trailer
Label/Vertrieb: MGM / United Artists / 20th Century Fox (versionsabhängig, ggf. in Kooperation)

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot Blu-ray: © 2013 MGM

 

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Rambo – Last Blood: Welcome to Hell!

Rambo – Last Blood

Kinostart: 19. September 2019

Von Florian Schneider

Rachedrama // John Rambo (Sylvester Stallone) ist nach den Ereignissen in Burma („John Rambo“) in die Vereinigten Staaten von Amerika zurückgekehrt und lebt seit zehn Jahren auf der Farm seiner verstorbenen Eltern. Geplagt von den Dämonen der Vergangenheit sucht er einen neuen Sinn im Leben, indem er sich wie ein Vater um die junge Gabrielle (Yvette Monreal) kümmert, Tochter seiner Haushälterin und alten Freundin Maria (Adriana Barraza). Der Schutz des Teenagers – vom mexikanischen Vater am Sterbebett der Mutter zurückgelassen – ist zur Hauptaufgabe des gealterten Helden geworden. In der übrigen Zeit betreibt Rambo eine Pferdezucht und unterzieht das Grundstück der Farm mit einem unterirdischen Stollensystem.

Rambo genießt mit seiner Nichte den Frieden auf der heimischen Farm

Als Gabrielle heimlich nach Mexiko fährt, um ihren Vater aufzuspüren, gerät sie in die Fänge der Gebrüder Martinez (Óscar Jaenada, Sergio Peris-Mencheta) und deren Mädchenhandelrings. Rambo gelingt es zwar, Gabrielle zu befreien, doch die geschundene junge Frau stirbt auf der Rückreise. Der Veteran schärft daraufhin sein Messer und zieht erneut in den Krieg.

Doch als er sie zu Grabe tragen muss …

Hier ist er nun also, der fünfte und (angeblich) letzte Teil der Reihe um die ikonische Kampfmaschine. 37 Jahre nach dem Erstlingswerk beherrscht der inzwischen 73-jährige Sylvester Stallone seinen Helden aus dem Effeff. Ja, er lebt und atmet Rambo mit jeder Pore. Das Interessante an der Figur ist sicherlich, dass sie mit ihrem Darsteller gealtert ist und nicht, wie andere Filmfiguren, einfach neu besetzt wird. Das gibt nicht nur der Figur eine gewisse Tiefe, sondern verleiht der ganzen Reihe eine wohltuende Endlichkeit. Zum Glück (und im Unterschied zu manch anderen Dauerbrennern) funktioniert der Abschlussfilm der Reihe als ultrabrutales Rachedrama ganz ausgezeichnet. Die Actionszenen sind herausragend in Szene gesetzt, die Kamera bewahrt den Überblick und von einer unliebsamen Schnittorgie wird zum Glück Abstand gehalten.

… schärft er wieder sein legendäres Messer

Auch das Setting der doch recht simplen Geschichte passt hervorragend zu den Fähigkeiten der Hauptfigur und zur Prämisse, dass richtig böse Menschen in dieser schablonenhaften Welt mit aller Gewalt und blutigster Brutalität zur Strecke gebracht werden dürfen. Wer Filme wie „Sicario“ (2015) gesehen oder, noch besser, die „Art Keller“-Trilogie von Don Winslow gelesen hat, weiß, dass die Brutalität der agierenden Schurken nicht einmal überzeichnet ist. Lediglich treffen die nicht bedauernswerten Antagonisten mit Rambo auf einen Charakter, der diese Sprache der Gewalt um ein Vielfaches besser zu sprechen vermag. Regisseur Adrian Grunberg zeichnet nach „Get the Gringo“ (2012) mit Mel Gibson erneut kein freundliches Bild Mexikos, und ein wenig erinnert „Rambo – Last Blood auch an die „96 Hours – Taken“-Reihe mit Liam Neeson.

Die Brüder Martinez (M.) halten sich für richtig böse Motherfuckers

Wie gut Stallone seine Figur inzwischen kennt, merkt man am Drehbuch, an dem er wieder mitgeschrieben hat. Da ist keine Szene zu viel, keine Emotion übertrieben oder fehl am Platz und die Dialoge immer zur innerlich gebrochenen Figur passend. Während Rambo seine Wut und seine Traumata in der relativ langen Einführungsphase des Films noch mit Psychopharmaka unter Kontrolle zu halten versucht und auch den Tod Gabrielles mit stoischer, gleichwohl von tiefer innerer Verzweiflung geprägter Geste wahrnimmt, ist seine Antwort auf das Verbrechen und seine Rache umso radikaler. Der Tod solle über die Täter kommen und sie sollen dadurch seinen Schmerz spüren, sagt Rambo zu einer Helferin in Mexiko. Und er macht sein Versprechen wahr und massakriert einen der Brüder Martinez sowie etliche weitere Schurken im gewohnten Einzelkämpfermodus. Auch dass er dadurch eine halbe Armee, angeführt vom überlebenden Bruder und Oberschurken, auf seine Farm und in sein Tunnelsystem zu locken vermag, ist Teil des Plans und nur folgerichtig hinsichtlich der Logik der Reihe. Apropos Tunnel, die erinnern natürlich an das Höhlenlabyrinth im ersten Teil, aber auch an die berühmten Geheimgänge des Vietcongs – dieses Mal ist allerdings nicht der Feind dort zu Hause, sondern der gealterte Todesengel in Menschengestalt.

Rambo hat sich sogar eine unterirdische Waffenschmiede eingerichtet

Er könne die Welt nicht kontrollieren, sagt Rambo mehrmals zu sich selbst, doch wenn seine unkontrollierte Wut entfesselt wird, kann auch die Welt ihn nicht mehr kontrollieren. Dann will er seinem Gegner im wahrsten Sinne des Wortes das Herz herausreißen, damit dieser den Schmerz spürt, der wie ein gefangenes Tier durch den Körper des Kriegers pulsiert und lediglich in brutalster Rache und Vergeltung ein Ventil nach außen findet. Ob man dieser Art der Schmerz- und Konfliktbewältigung nun eher kritisch gegenübersteht oder sie feiert, sie ist hinsichtlich der nun 37 Jahre fortlaufenden Geschichte eine mythologische Gewissheit geworden. Genauso, wie es in der Welt des John Rambo niemals ein Happy End geben kann.

Im Tunnelsystem wartet der Tod

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sylvester Stallone sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Auch der legendäre Bogen kommt wieder zum Einsatz

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: Rambo – Last Blood
USA 2019
Regie: Adrian Grunberg
Drehbuch: Matthew Cirulnick, Sylvester Stallone
Besetzung: Sylvester Stallone, Paz Vega, Yvette Monreal, Louis Mandylor, Óscar Jaenada, Sheila Shah, Sergio Peris-Mencheta, Jessica Madsen, Marco de la O, Adriana Barraza, Díana Bermudez, Atanas Srebrev, Nick Wittman, Aaron Cohen
Verleih: Universum Film

Copyright 2019 by Florian Schneider
Filmplakate & Szenenfotos: © 2019 Universum Film

 

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