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Black Cinema Collection (1): Slaughter – Zeit für neue Helden

Slaughter

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Als in den 1960er-Jahren die Bürgerrechtsbewegung („Civil Rights Movement“) in den USA immer mehr Zulauf bekam und schließlich unter großer Mithilfe von Aktivisten wie Martin Luther King (1929–1968) und Malcolm X (1925–1965) das Gesetz der Rassentrennung aufgehoben wurde, zudem sich die Black Panther Party radikal gegen die Unterdrückung durch die weiße Gesellschaft zur Wehr setzte, erstarkte in der schwarzen US-Bevölkerung ein neues Selbstbewusstsein. Die Filmindustrie erkannte das Potenzial: Es war Zeit für neue Helden – schwarze Helden mit denen sich ein schwarzes Publikum identifizieren konnte. Das Blaxploitation-Kino war geboren!

Die Zuschauerinnen und Zuschauer strömten in Scharen in die US-Lichtspielhäuser: Sie gierten nach den harten Action-Reißern, gefüllt mit Sex und Gewalt. Sie wollten mehr sehen von den schwarzen Ermittlern, die im Großstadt-Ghetto zwischen Dealern, Zuhältern und Prostituierten unkonventionell für Ordnung sorgten, und von den schwarzen Männern als auch Frauen, die dem weißen Etablissement furchtlos in den Hintern traten und das Recht in die eigene Hand nahmen. Aber auch Alltagskomödien, die die Lebenswelt und Probleme der afroamerikanischen Bevölkerung in den Fokus stellten, durften nicht fehlen. Auf den Straßen wurden die modischen Styles aus den Filmen kopiert, die coolen Sprüche rezitiert, die groovige Musik schallte laut umher. Durch ihre Rollen wurden Schauspieler wie Richard Roundtree („Shaft“, 1971) oder Pam Grier („Coffy – Die Raubkatze“, 1973) zu Ikonen.

Mit der neuen „Black Cinema Collection“ will die Wicked Vision Distribution GmbH die Vielfalt der kreativen Stimmen des schwarzen Kinos feiern, das Label blickt dabei auch über den Tellerrand der „Blaxploitation“-Ära hinaus. Zehn Filme sind innerhalb der Kollektion zunächst geplant: einer Reihe, die dem Zuschauer einen Einblick in die Phase der Kinogeschichte gibt, in der die schwarze Popkultur zu einem globalen Phänomen wurde und den Zeitgeist massiv prägte. So Wicked auf dem Deckblatt der ersten „Black Cinema Collection“-Box. Den Anfang macht Jack Starretts „Slaughter“ (1973), auch bekannt unter dem deutschen Alternativtitel „Ein Mann ohne Nerven“, mit Jim Brown in der Titelrolle.

Rache für den Elternmord

Ein älteres, schwarzes und offenbar gut situiertes Ehepaar steigt am Abend in ein Auto ein. Natürlich hat der Mann zuvor seiner Frau in bester Gentlemen-Manier die Tür geöffnet. Als er sich hinter das Steuer des Wagens setzt und die Zündung anlässt, gibt es eine Explosion: Der Mercedes-Benz geht in die Luft!

Slaughter will Rache!

Wie wir kurz nach dem großen Knall erfahren, handelt es sich bei dem ermordeten Ehepaar um die Eltern des Ex-Green-Beret-Mitglieds Slaughter (Jim Brown). Sein Vater war in kriminelle Machenschaften verstrickt, von denen die Mutter nichts wusste. Slaughter schwört Rache und will über eine Bekannte mehr über die Hintermänner erfahren. Doch Jenny (Marion Brash) fällt ebenfalls einem Attentat zum Opfer – sie kann Slaughter noch den Namen „Rinaldi“ und ein geplantes, nächtliches Treffen am Flughafen als Tipp geben.

Dort angekommen, fackelt Slaughter nicht lange: Er eröffnet das Feuer und stoppt das Kleinflugzeug, in dem besagter Rinaldi angeblich an Bord gehen wollte. Allerdings: Auch die Polizei ist vor Ort und gar nicht darüber erfreut, dass Slaughter ihr während des Einsatzes ins Handwerk pfuscht. Chefinspektor A. W. Price (Cameron Mitchell) wirft ihm vor, laufende Ermittlungen gestört zu haben. Nun seien alle Beweise verbrannt. Zudem konnte Dominic Hoffo (Rip Torn) entkommen, der Mörder von Slaughters Vater. Price macht dem Veteran ein Angebot: Wenn er keine Anklage an den Hals kriegen will, soll Slaughter den Beamten helfen, den Gangsterboss Mario Felice (Norman Alfe) und dessen rechte Hand Hoffo dingfest zu machen.

Slaughter sagt zu und reist nach Südamerika, wo Felice seine Geschäfte betreibt. Harry (Don Gordon) und Kim (Marlene Clark) werden ihm von Price als Unterstützung zur Seite gestellt. Nachdem Slaughter im Casino von Felice für Aufruhr gesorgt hat, schmeißt sich am nächsten Tag Hoffos unzufriedene Freundin Ann (Stella Stevens) an ihn ran. Slaughter durchschaut das falsche Spiel sofort: Die Blondine wurde von Felice geschickt, um ihn auszuspionieren. Doch schnell erliegt Ann dem Charme des großen schwarzen Mannes und versorgt ihn fortan umgekehrt mit wichtigen Informationen über seine Gegenspieler.

Bekannte Klänge – und viel Kawumm

Slaughter’s going to blow your mind. Slaughter does not waste his time. My advice to you is this. If you shoot at him you better not miss… Die ersten Gitarrenriffs des Titelsongs von Billy Preston werden einigen bekannt vorkommen: Quentin Tarantino nutzte die verzerrten Klänge in „Inglourious Basterds“ (2009), um die von Til Schweiger verkörperte Figur des desertierten Feldwebels Hugo Stiglitz einzuführen. Bei den Anfangszeilen fühlt man sich zudem an „Theme from Shaft“ erinnert. Wie in Isaac Hayes’ Oscar-prämiertem Song zu „Shaft“ wird hier die Hauptfigur musikalisch als knallharter Kerl besungen, mit dem man sich besser nicht anlegt.

Schnell wird klar: Slaughter macht keine Gefangenen. Für große Trauer um den Tod seiner Eltern bleibt keine Zeit. Er geht gleich in die Vollen und jagt den Mördern hinterher. Rache ist nun mal in nahezu jedem Exploitation-Actionfilm ein beliebtes Motiv. Da ist nicht viel Erklärung nötig, warum es ständig zu blutigen Auseinandersetzungen kommt. Slaughter ist keiner Konfrontation abgeneigt, stellt sich seinen Feinden mit Waffengewalt oder seinen stahlharten Fäusten entgegen. Wenn der Veteran zu Beginn dem Flugzeug hinterherhetzt, nutzt er auch mal sein Auto, um die Maschine zu stoppen. Natürlich geht sie mit einem großen Kawumm in Flammen auf.

Er will Hoffo (M.) finden, der seine Eltern auf dem Gewissen hat

Wie Slaughter dem von Ex-Westernstar Cameron Mitchell („Garten des Bösen“) verkörperten Polizeichef Paroli bietet, dürfte dem unterdrückten schwarzen Publikum gefallen haben. Ich habe nicht gesagt lesen, sondern unterschreiben! Price will Slaughter zu einem Geständnis nötigen, worauf der Ex-Söldner ihm ordentlich die Meinung geigt. Dass der schwarze über den weißen Mann triumphiert, war im „Blaxploitation“-Film immer möglich – im Gegensatz zur damaligen Realität auf den Straßen.

Das hohe Anfangstempo mit rasant geschnittenen Actionszenen – einige davon von Regisseur Jack Starrett wohl mit voller Absicht optisch verzerrt gefilmt – wird dann für kurze Zeit etwas gedrosselt, als Slaughter in einem nicht näher benannten südamerikanischen Land ankommt.

Der schwarze 007

Mit dem Wechsel des Schauplatzes fällt auch gleich ein besonderes Merkmal von „Slaughter“ auf: Die meisten „Blaxploitation“-Werke haben eine US-Großstadt als Kulisse, hier geht es an einen exotischen Ort. Gedreht wurde in Mexiko-Stadt, genauer gesagt in den Churubusco Studios, einem der bekanntesten Filmstudios Lateinamerikas, rund um die Metropole und in einem Luxushotel. Laut US-Produzent Monroe Sachson verlangte die einheimische Zensurbehörde, dass Mexiko im Film nicht genannt wird, da das Land nicht in einem schlechten Licht dargestellt werden sollte. Da die Churubusco Studios etwa ein Drittel des Produktionsbudgets von 850.000 US-Dollar zur Verfügung stellten, kam Monroe Sachson den Wünschen natürlich gern nach.

In Südamerika stehen Slaughter die Agenten Harry und Kim zur Seite

An einem exotischen Ort besucht die Hauptfigur im schicken Anzug ein Casino – wer denkt da nicht an James Bond? Tatsächlich versucht „Slaughter“ auch gar nicht erst zu verhehlen, dass ein Großteil der bekannten 007-Motive für die Handlung übernommen worden ist. Das tut dem Action-Spaß aber keinen Abbruch. Nur auf die zahlreichen Gimmicks eines „Q“ muss Jim Brown verzichten.

Ein Ex-Football-Star und ein Playmate

Den kantigen Charme eines James Bonds versprüht der muskulöse Jim Brown mit seinem Schnauzer allemal. Der ehemalige Football-Star ist mit seiner Körpergröße von 1,89 Metern eine echte Präsenz. Als Schauspieler hatte Brown auch vor „Slaughter“ schon ausreichend Erfahrungen gesammelt: Etwa neben namhaften Kollegen in „Das dreckige Dutzend“ (1967), „Eisstation Zebra“ (1968) und „100 Gewehre“ (1969). Später machte Jim Brown in „Running Man“ (1987) als Fireball keinem Geringeren als Arnold Schwarzenegger Feuer unter dem Hintern, legte sich in „Mars Attacks!“ (1996) mit Marsianern an und durfte in Oliver Stones „An jedem verdammten Sonntag“ (1999) als Coach noch einmal Football-Luft schnuppern – sein dortiger Rollenname hätte auch einem „Blaxploitation“-Helden gutgestanden: Montezuma Monroe. 2010 beendete Jim Brown seine Schauspielkarriere.

Ann schmeißt sich an Slaughter ran – und verliebt sich in ihn

Stella Stevens darf sich als eine Art Bond-Girl Slaughter hingeben, seine zärtliche Seite herauskitzeln – und das auch sehr offenherzig. Mit Nacktheit hatte Stevens wohl kein Problem: Nachdem sie sich im Januar 1960 als „Playmate of the Month“ im Playboy präsentiert hatte, erhielt sie etliche Filmangebote. In der Komödie „Der verrückte Professor“ (1963) war Stella Stevens Love-Interest von Jerry Lewis. Im Katastrophendrama „Poseidon Inferno – Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) gab sie die seekranke Ehefrau von Polizist Mike Rogo, der von Ernest Borgnine gespielt wurde.

Ein bekanntes Gesicht und ein Bankräuber

Für die Komik ist Don Gordon zuständig: Als Henry hält er Slaughter den Rücken frei und versucht erfolglos, Frauen aufzureißen. Die Abfuhren, die er kassiert, werden hier schon fast zum Running Gag. Don Gordon, der 2017 im Alter von 90 Jahren starb, war der typische Nebendarsteller: Ein Gesicht, das man kennt, aber dessen Namen nicht unbedingt sofort ins Gedächtnis springt. Seine bekanntesten Filme sind jene, in denen Steve McQueen als Hauptdarsteller glänzte: „Bullitt“ (1968), „Papillon“ (1973) und „Flammendes Inferno“ (1974). Horrorfans wird Don Gordon auch aus „Barbaras Baby – Omen III“ (1981) und „Der Exorzist III“ (1990) bekannt sein.

Slaughter macht keine Gefangenen!

Aus der Schauspielerriege muss auch noch Rip Torn hervorgehoben werden. Sein schmieriger Hoffo, der ordentlich am Stuhl seines Chefs sägt, ist im Grunde der Hauptbösewicht, hinter dem Slaughter her ist. Der 2019 verstorbene Charakterdarsteller verlor die an sich für ihn vorgesehene Rolle des Anwalts in „Easy Rider“ (1969), die dann an Jack Nicholson ging, weil er sich mit Dennis Hopper zerstritt. Er war in allen Genres Zuhause: Kriegsdrama mit „Blutiger Strand“ (1967), im Henry-Miller-Biopic „Wendekreis des Krebses“ (1970), Fantasy-Action mit „Beastmaster – Der Befreier“ (1982), Komödie mit „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff“ (1982) oder im Blockbuster „Men in Black“ (1997) inklusive Fortsetzung. Für seine Leistung im Drama „Cross Creek – Ich kämpfe um meine Freiheit“ (1983) erhielt Rip Torn als Nebendarsteller eine Oscar-Nominierung, für seinen Auftritt in „Die Larry Sanders Show“ gewann er 1996 einen Primetime Emmy. Kurios: 2010 wurde Rip Torn bei einem Banküberfall erwischt. Der damals 79-Jährige war alkoholisiert und bewaffnet, hatte aber am Ende Glück, dass er nur zu einer Bewährungsstrafe verdonnert wurde.

Es gibt noch viel im „Black Cinema“ zu entdecken!

„Slaughter“ erweist sich mit seinem starken Hauptdarsteller und der unterhaltsamen Mischung aus Action und Agententhriller als optimaler Auftakt für die „Black Cinema Collection“. Gerade in Deutschland sind ja viele Filme aus der „Blaxploitation“-Ära relativ unbekannt – Ausnahmen bilden vielleicht die „Shaft“-Trilogie (1971–1973) und die Pam-Grier-Werke, die durch Quentin Tarantinos „Jackie Brown“ (1997) zurück ins kollektive Filmgedächtnis gespült wurden. Man darf gespannt sein, was uns Wicked Vision in der Reihe noch für spannende Werke präsentiert! Ob „Ein Fall für Cleopatra Jones“ (1973), ebenfalls von Jack Starrett, unter einem der zehn Titel dabei sein wird? Oder „Der Sohn des Mandingo“ (1973), die Fortsetzung von „Slaughter“, bei dem Gordon Douglas die Regie übernahm? Es wird auf jeden Fall viel zu entdecken geben.

Lobenswert: Für „Slaughter“ hat das Label sogar ein eigenes Featurette über das „Blaxploitation“-Kino und einen Audiokommentar produziert. Außerdem liegt die deutsche Tonspur sowohl als gefilterte und ungefilterte Lichttonspur vor und der Booklettext von Christoph N. Kellerbach ist äußerst lesenswert. Ebenso bemerkenswert: Wenn man die Scheibe eingelegt hat, startet ein Vorspann zur Collection, die mit „The Boss“ von James Brown stimmungsvoll untermalt wird. Ähnlich wie bei der „Galerie des Grauens“-Reihe von Anolis befindet sich die Special Edition mit Blu-ray und DVD im schicken Scanavo-Keepcase in einer Leerbox, in der welcher die kommenden neun Filme der „Black Cinema Collection“ Platz haben. Die Edition kann im Online-Shop von Wicked Vision erworben werden. Nummer zwei ist bereits erhältlich: „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ (1970) mit Sidney Poitier. Die Fortsetzung des Klassikers „In der Hitze der Nacht“ (1967) kann ebenfalls im Wicked-Vision-Shop geordert werden, auch im Bundle mit „Slaughter“. Wer die zehn Filme automatisch zugesandt bekommen möchte, kann auch ein Abo abschließen, das mit diversen Boni aufwartet.

Die Filme der „Black Cinema Collection“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jim Brown haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 18. Dezember 2020 als 2-Disc Special Edition (Blu-ray & DVD, limitiert auf 1.500 Exemplare) inkl. Leerbox für alle zehn Filme der „Black Cinema Collection“

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Slaughter
Deutscher Alternativtitel: Ein Mann ohne Nerven
USA/MEX 1972
Regie: Jack Starrett
Drehbuch: Mark Hanna, Don Williams
Besetzung: Jim Brown, Stella Stevens, Rip Torn, Cameron Mitchell, Don Gordon, Marlene Clark, Robert Phillips, Marion Brash, Norman Alfe
Zusatzmaterial: 24-seitiges Booklet von Christoph N. Kellerbach, Audiokommentar mit Dr. Gerd Neumann und Christopher Klaese, Featurette „Der Gangster als stilbewusster Antiheld“, deutscher Kinovorspann, Originaltrailer, Bildergalerie
Vertrieb/Label: Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & untere Packshots: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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Johnny Handsome – Der schöne Johnny: Keiner kann aus seiner (Gesichts-)Haut

Johnny Handsome

Von Tonio Klein

Thriller // Johnny (Mickey Rourke) wird zynisch „Johnny Handsome“ genannt, weil er seit seiner Geburt in Gesicht und Stimme entstellt ist. In seinen nicht zimperlichen Kreisen schätzt man aber immerhin seine Qualitäten als professioneller Räuber. Was bei einem Überfall auf einen Juwelier nichts daran ändert, dass Sunny (Ellen Barkin) und Rafe (Lance Henriksen) Johnny und dessen Freund übers Ohr hauen sowie Letztgenannten erschießen. Im Gefängnis schließt sich Johnny dem Programm eines Chirurgen (Forest Whitaker) und einer Ordensschwester an, die darauf hoffen, die Aufhebung der äußerlichen Stigmatisierung gehe auch mit einer Reinigung der Seele einher, sodass Johnny nach jeder Menge operativer Eingriffe tatsächlich seine Entstellung loswird, auf dass die Resozialisierung gelinge. Nachdem sein Tod fingiert wird und Johnny unter neuem Namen Bewährung und einen Job als Hafenarbeiter bekommt, scheint er sich tatsächlich zu fangen und verliebt sich sogar in Donna (Elizabeth McGovern), eine Kollegin aus der Lohnbuchhaltung. Doch obwohl sie diese Liebe erwidert, will Johnny sich und seinen Freund rächen, und da ist es praktisch, dass Sunny und Rafe ihn nicht erkennen können. Aber hart auf den Fersen ist ihm nach wie vor Lieutenant Drones (Morgan Freeman), der Johnny schon lange kennt und nicht an seine Wandlung glaubt …

Action, Western und Film noir

Dieser Film ist vieles in einem. Der als Action-Regisseur bekannte Walter Hill lässt am Anfang und am Ende den Actionthriller mit gewissen Anleihen an den Western aufblitzen: Ein Mann „tut, was er tun muss“. Der ewige Outlaw. Die harten Kerle mit blitzschnellem und superprofessionellem Finger am Abzug, die ohne zu zögern wuchtig ganze Magazine in was auch immer entleeren. Brutal und archaisch.

80er oder Noir? Rafe und Sunny

Gleichzeitig (wie ebenfalls in Hills „Last Man Standing“, 1996) die Verwundbarkeit, wenn der (Anti-)Held recht roh und ohne Aussparung der blutigen Details zusammengeschlagen wird. Darüber hinaus hat der Film auch in der Ruhe – wenngleich es deren im Mittelteil vielleicht etwas zu viel gibt – seine Kraft. Da ist er eine an den Film noir erinnernde Geschichte von der Schattenseite des Lebens, und so finden wir typische Noir-Orte abseits der Glitzerwelt. Mein Gott, das Ding spielt in New Orleans, was kann man da an Touristischem unterbringen. Hiervon fast nichts; nur (vermutlich bewusst und also geschickt gesetztes) Aufblitzen der Möglichkeiten, wenn etwa die typischen Pferdekutschen das Stadtbild verschönern. Und am Ende der berühmte Friedhof der Stadt – ausgerechnet in einem wahrhaft morbiden Finale. Dazwischen die hässlichen Seiten, der eigentlich ortlos aussehende Hafen, die nassen, kalten, dunklen Straßen, die schmuddelige Wohnung und der Knast als Orte Johnnys, eine kaum minder schmierige Table-Dance-Bar mit dem im Neo-noir-Genre typischen Neonlichter-Farbenrausch, der keine Behaglichkeit verheißt. Zudem inhaltlich wie stilistisch ein paar wunderbare nostalgische Reminiszenzen, und seien es Kleinigkeiten wie nahtlose Überblendungen von einer zur anderen Bildseite – dies war übrigens eher im Pre-Code-Film der 1930er-Jahre als im Film noir Usus. Ellen Barkin als optisch zwar sowas von 1980er, aber charakterlich archetypische Femme fatale. Fragt nicht nach ihrer Seele! Sie hat keine. Der anklagende Zynismus wird noch dadurch aktualisiert, dass – was in den 1940er-Jahren die Zensur verboten hätte – der Polizist ebenfalls in höchstem Maße zynisch ist und unethisch handelt, auch wenn wir uns zu Beginn nie ganz sicher sind. Übrigens eine große Rolle für den nicht mehr jungen, aber noch am Anfang seines großen Durchbruchs stehenden Morgan Freeman, dessen joviales Charisma immer auch etwas Rätselhaft-Bedrohliches hat.

Schöner Arbeiter ohne sicheren Hafen

Filmnostalgisch (und von Hill sicherlich bewusst so gestaltet) ist auch, dass das Drama aus sich heraus funktionieren muss, weil es eher allegorisch statt logisch ist. Klappt das wirklich mit so einer Operation? Handeln die Gangster nicht mitunter reichlich unmotiviert und/oder tölpelhaft? Ist der Racheplan Johnnys angesichts seiner Professionalität nicht auf unglaubwürdige Weise planlos? Ja, das alles kann man so sehen, aber dahinter steckt eine bestechende Reflexion, mit der Hill den Film noir noch weiter in Richtung Fatalismus führt. Niemand kann aus seiner Haut. Zudem ist das Operations-Motiv vielleicht eine Anspielung auf „Die schwarze Natter“ (1947) mit Humphrey Bogart, dem Hill auch als Co-Produzent mit „You, Murderer“ (1995) aus „Geschichten aus der Gruft“ Tribut zollt. Das neue Gesicht als neue Identität als neue Seele? Auch wenn ich es Bogey immer gegönnt habe, dass er am Ende mit Lauren Bacall glücklich vereint ist – hier wird das Dunkle mehr als nur eine „Passage“ auf einem guten Weg sein, so viel sei verraten.

Die reine Frau …

Fatalismus, Zynismus, kaputte Typen, ein Verlierer, Zwanghaftigkeit, die Unmöglichkeit oder zumindest große Schwierigkeit, autonome Entscheidungen zu fällen und sich so auch zum Guten wenden zu können. Das Gegenteil des amerikanischen Traumes, nach dem jeder seines Glückes Schmied sei. Alles klassische und hier noch radikalisierte sowie auf die Ebene der Ordnungshüter ausgedehnte Noir-Themen. Leider hat bei mir die Empathie an einer Stelle aber kläglich versagt, nämlich bei der Figur der Donna. Vielleicht ein bewusst gesetzter Name, Donna als „Frau als solche“, als Kurzform von Madonna, als das weibliche Gute, das Johnny erlösen könnte. Aber doch nicht so! Hier ist der Film mit seinem Versuch, zeitlos-archetypisch und gleichzeitig im Sinne seiner Entstehungszeit modern zu sein, gründlich misslungen. Gott, ist die Gute eine Anhäufung von potthässlichen Mode- und Stylingsünden der ausgehenden 1980er-Jahre! Die gelockte, nach hinten gesteckte, ansatzweise „Vokuhila“-Frisur, der breite Gürtel, der kreuzbrave Blick, die ebenfalls kreuzbrave Kleidung und Schminke und dann diese hässliche geränderte Brille, deren Gläser fast bis zur Nasenspitze runterreichen. Hill treibt das Klischee auf die Spitze, nach dem weibliche Gute allzu bieder aussehen (und selbstverständlich, anders als Barkin, nicht blond sind) und auch so wirken. Um der Gerechtigkeit und der Höflichkeit Willen ist eines klarzustellen: Elizabeth McGovern, die die Donna spielt, ist keinesfalls eine hässliche Frau. Aber ihre Figur ist hässlich gestaltet, und das ist schade, weil ihr Charakter tatsächlich Größe beweist, etwa, wenn Donna ganz genau spürt, dass Johnny Hilfe braucht und sie nicht aus Überzeugung abserviert, sondern weil er sie nicht in seine Probleme hineinziehen will. Kann eine Gute nicht auch einmal flippig, sexy oder beides sein? Muss man eine so starke Frau mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (mit Ausnahme eben des Drehbuchs) wie ein Supermauerblümchen gestalten?

… und der gebrochene Mann

Von dieser – allerdings in Handlung und Psychologie wichtigen – Figur abgesehen (immerhin die einzige Hoffnung für Johnnys Lebenswandel, das ahnen wir sofort) klappt das mit der Empathie aber recht gut, und dazu trägt außer den bereits erwähnten erzählerischen und gestalterischen Mitteln wesentlich das Spiel Mickey Rourkes bei. Schon in der Anfangsphase, als ihm die tonnenschwere Maske nuancierte Mimik unmöglich macht, hat dieser Mann eine traurig-wuchtige Präsenz, wenn er beispielsweise in der ersten Szene als einsamer Wolf durch die Straßen stakst. Ein Koloss, aber auch erkennbar Außenseiter; ein Mann, dessen Äußeres wie Inneres unter dem brüchigen Schutzpanzer der Lederjacke immerfort bersten zu möchten scheint. Und schon da ein Nachdenklicher, der nicht, wie Rourke im Charles-Bukowski-Drama „Barfly – Szenen eines wüsten Lebens“ (1987), sein Method Acting im extrovertierten De-Niro-Stil einsetzt, sondern so, wie es die Rolle verlangt. Ein Gewinn ist, dass das Drehbuch ihm nicht nur das Gesicht, sondern auch die Stimmbänder in Mitleidenschaft gezogen hat. Lange dauert es, bis Johnny erstmals spricht, und wir hören sofort, warum – diese nasale, unbeholfene, abgesehen von der Tiefe fast babyhafte Stimme verstärkt Mobbing und Stigmatisierung nur noch. Danach spüren wir in jeder Szene, wie sehr Johnny sich überlegt, ob er das Wort ergreifen sollte, und wie er sich scheut. Beispielsweise in der Szene, in der ein Teil der Operationen schon stattgefunden hat und der Arzt Johnny – mühsam, aber erfolgreich – mehr Details aus seinem Leben entlockt.

Kündet die Säule von Johnnys Schicksal?

Als tatsächlich schöner Johnny stellt er dann den Widerspruch zwischen dem Äußeren und dem immer noch bedächtigen, zaghaften, verhaltenen Auftreten als Schwierigkeit dar, dem geänderten Äußeren auch das geänderte Innere folgen zu lassen. Neben Schauspielkunst trägt dazu bei, dass Rourke zwar ein verwegen-cooles Gesicht hat, aber ein im makellosen Sinne schönes Gesicht nie hatte, auch nicht vor seinen Box-Verletzungen, die er sich ein paar Jahre nach diesem Film zuzog. Leichte Pockennarben sowie eine handlungsbedingte Ungepflegtheit sind jederzeit zu sehen. Und gerade daraus schöpft der Film eine Stärke, denn das ist immer noch weit mehr als das, was Johnny jemals erwarten konnte. „Ich fühle mich immer noch, als wenn ich eine Maske trüge“, bringt er es nach seinem ersten Blick in den Spiegel nach finaler Wiederherstellung des Gesichts auf den Punkt. Genau darum geht es – dito, wenn Rafe und Sunny Johnny am Ende mit Fäusten und einem Messer „wieder sein altes Gesicht verpassen wollen“: Was ist Johnnys „wahre Haut“, was ist seine „Maske“? Wir wissen es nicht. Aber wir ahnen es.

Johnnys Grinsen wird ihn nicht schützen

Ein weitgehend guter bis hervorragender Film, wenngleich mit gewissen Längen im Mittelteil und einer teils verunglückten Gestaltung einer zentralen Frauenfigur. Ansonsten herrlich abgründig und mit einem grandiosen Mickey Rourke. Die Blu-ray liefert wie gewohnt ein etwas schärferes Bild als die auch schon ordentliche DVD von Arthaus/Studiocanal; auf einer zweiten Scheibe finden sich verschiedene Extras. Warum aber ein ums andere Mal in Mediabooks noch eine DVD mit dem Hauptfilm enthalten ist? Wer braucht die? Nette Menschen können sie natürlich verschenken, aber 2021 sei eher ein Jahr des Aufbruchs als eines des Weges, den Johnny gehen muss.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Walter Hill haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ellen Barkin unter Schauspielerinnen, Filme mit Morgan Freeman, Lance Henriksen, Mickey Rourke und Forest Whitaker in der Rubrik Schauspieler.

Eine Figur mit Licht und Schatten

Veröffentlichung: 8. Oktober 2020 als Mediabook (2 Blu-rays & DVD), 11. September 2001 als DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Johnny Handsome
USA 1989
Regie: Walter Hill
Drehbuch: Ken Friedman, nach einem Roman von John Godey
Besetzung: Mickey Rourke, Ellen Barkin, Elizabeth McGovern, Morgan Freeman, Forest Whitaker, Lance Henriksen
Zusatzmaterial: Trailer, Exklusives Interview mit Walter Hill, Featurettes, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb Mediabook: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Kinowelt (Studiocanal)

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshots: © 2020 Koch Films

 
 

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Brawl in Cell Block 99 – Im Knast geht’s mal wieder brutal zu

Brawl in Cell Block 99

Von Simon Kyprianou

Actionthriller // S. Craig Zahler war schon länger als Novellist, Drehbuchautor und Musiker bekannt, bevor er 2015 mit „Bone Tomahawk“ sein Regiedebüt vorlegte: einen Kannibalen-Western, der kritisch die teilweise ja nur vermeintlichen Zivilisationsbemühungen der Siedler reflektiert und ihre eigene Gewalt als feindliche Besetzer gegen sie wendet. Dabei griff er die oft brutalen und exzessiven Bilderwelten seiner exploitativen Vorbilder aus den 70ern auf, die oft gesellschaftliche Defizite oder Umbrüche reflektieren, in deren Gewaltexzessen sich der Schrecken beispielhafter Einzelschicksale dieser Wandlungen oder Defizite kanalisiert. Zur Einordnung sei an Wes Cravens Film „The Last House on the Left“ von 1972 erinnert, der berüchtigt für seine Gewalt ist und ins Zentrum seiner Kraft die Frage nach behüteten Orten stellt, an denen sich Jugendliche überhaupt frei entfalten könnten – Orte, die der Film nicht in der Großstadt, aber ebensowenig in der vermeintlich funktionierenden Familie verortet.

Thomas kommt mal wieder in den Knast

„Brawl in Cell Block 99“ schlägt in dieselbe Kerbe wie Zahlers erster Film: Er ist extrem brutal, und auch er erinnert mehr an ein 40 Jahre altes US-Kino als an das aktuelle, der Titel ist wohl eine Anspielung auf den Don-Siegel-Film „Riot in Cell Block 11“ (1954), deutscher Titel: „Terror in Block 11“. Ganz zu Anfang verliert der Ex-Knacki Bradley Thomas (Vince Vaughn) seinen Job und entdeckt, dass seine Frau Lauren (Jennifer Carpenter) eine Affäre hat. Kurzum, Thomas ist jemand, der in keiner Statistik vorkommt, die gehört würde, ein von der Politik Vergessener, mit verkrüppelten Chancen. Zu viel für ihn, deswegen nimmt er erst mal mit bloßen Händen ein Auto auseinander. Schon hier findet der Film eigentlich zu seiner zentralen Erzählung: Ein Mann versucht alles, um seine Sehnsüchte zu erfüllen – und das in einer Welt, die es ihm denkbar schwer macht, weswegen sich seine Wut mehr und mehr anstaut. Thomas versöhnt sich mit seiner Frau, verspricht, dass alles besser wird, und steigt wieder ins Drogengeschäft ein. Finanziell steht er bald besser da, und er und seine Frau erwarten ihr sehnlichst erhofftes Kind. Das geht so lange gut, bis es nicht mehr gut geht: Thomas muss ins Gefängnis, in eine Einrichtung mit niedriger Sicherheitsstufe, in der er die Zeit bequem absitzen könnte. „Brawl in Cell Block 99“ ist dabei sehr präzise in seiner Darstellung der Umstände des Gefangenseins, der Lebensbedingungen des Gefängnisses, der Interaktionen und Demütigungen.

Der Unterhändler hat eine Botschaft

Der Mann dessen Drogen Bradley bei seiner Festnahme verloren hat, Eleazar (Dion Mucciacito), schickt seinen Unterhändler (Udo Kier) ins Gefängnis und stellt Thomas ein Ultimatum: Er muss in ein Gefängnis mit höchster Sicherheitsstufe verlegt werden, in den mysteriösen Zellenblock 99, um dort für Eleazar einen Mordauftrag auszuführen. Weigert er sich, werden Eleazars Männer bei Lauren, die sie entführt haben, eine Abtreibung vornehmen.

Prügeln für die Strafverlegung

In Folge prügelt sich Thomas durch das Gefängnis, bis er tatsächlich in den besagten Knast mit höheren Sicherheitsvorkehrungen strafverlegt wird. Dort prügelt er sich weiter, bis er in den Zellenblock 99 verbannt wird, ein von der Öffentlichkeit abgeschnittener Bereich, in dem der Gefängnischef Tuggs (Don Johnson) die schlimmsten Gefangenen quält und foltert. Kurzum: Thomas prügelt sich einmal quer durch den brutalen Wahnsinn des amerikanischen Gefängnissystems. Zahler inszeniert das unglaublich brutal, mit viel bitterem Witz. Vince Vaughn spielt seine Rolle stoisch, in seinem Blick liegt immer ein Gefühl von Sentimentalität. Er verleiht seiner Figur, die von der Gesellschaft entweder vergessen oder ausgebeutet wird, Würde.

Tuggs führt ein hartes Regiment

In Deutschland hat es der Film nicht ungeschnitten auf DVD und Blu-ray geschafft. Im Vereinigten Königreich hingegen erschien er ungeschnitten in einer nur für Erwachsene freigegebenen Fassung, allerdings wurde auch eine um 44 Sekunden geschnittene Version geprüft und ab 15 Jahren freigegeben. Für welchen Zweck letztgenannte Fassung erstellt und geprüft wurde, ist derzeit unbekannt.

Auch Lauren gerät in Gefahr

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von S. Craig Zahler haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Don Johnson, Udo Kier und Vince Vaughn unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 26. Oktober 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Brawl in Cell Block 99
USA 2017
Regie: S. Craig Zahler
Drehbuch: S. Craig Zahler
Besetzung: Vince Vaughn, Jennifer Carpenter, Don Johnson, Udo Kier, Marc Blucas, Dion Mucciacito, Tom Guiry, Geno Segers, Victor Almanzar, Mustafa Shakir, Fred Melamed
Zusatzmaterial: Behind the Scenes, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Szenenfotos & Packshot deutsche Blu-ray: © 2018 Universum Film

 

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