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Brawl in Cell Block 99 – Im Knast geht’s mal wieder brutal zu

Brawl in Cell Block 99

Von Simon Kyprianou

Actionthriller // S. Craig Zahler war schon länger als Novellist, Drehbuchautor und Musiker bekannt, bevor er 2015 mit „Bone Tomahawk“ sein Regiedebüt vorlegte: einen Kannibalen-Western, der kritisch die teilweise ja nur vermeintlichen Zivilisationsbemühungen der Siedler reflektiert und ihre eigene Gewalt als feindliche Besetzer gegen sie wendet. Dabei griff er die oft brutalen und exzessiven Bilderwelten seiner exploitativen Vorbilder aus den 70ern auf, die oft gesellschaftliche Defizite oder Umbrüche reflektieren, in deren Gewaltexzessen sich der Schrecken beispielhafter Einzelschicksale dieser Wandlungen oder Defizite kanalisiert. Zur Einordnung sei an Wes Cravens Film „The Last House on the Left“ von 1972 erinnert, der berüchtigt für seine Gewalt ist und ins Zentrum seiner Kraft die Frage nach behüteten Orten stellt, an denen sich Jugendliche überhaupt frei entfalten könnten – Orte, die der Film nicht in der Großstadt, aber ebensowenig in der vermeintlich funktionierenden Familie verortet.

Thomas kommt mal wieder in den Knast

„Brawl in Cell Block 99“ schlägt in dieselbe Kerbe wie Zahlers erster Film: Er ist extrem brutal, und auch er erinnert mehr an ein 40 Jahre altes US-Kino als an das aktuelle, der Titel ist wohl eine Anspielung auf den Don-Siegel-Film „Riot in Cell Block 11“ (1954), deutscher Titel: „Terror in Block 11“. Ganz zu Anfang verliert der Ex-Knacki Bradley Thomas (Vince Vaughn) seinen Job und entdeckt, dass seine Frau Lauren (Jennifer Carpenter) eine Affäre hat. Kurzum, Thomas ist jemand, der in keiner Statistik vorkommt, die gehört würde, ein von der Politik Vergessener, mit verkrüppelten Chancen. Zu viel für ihn, deswegen nimmt er erst mal mit bloßen Händen ein Auto auseinander. Schon hier findet der Film eigentlich zu seiner zentralen Erzählung: Ein Mann versucht alles, um seine Sehnsüchte zu erfüllen – und das in einer Welt, die es ihm denkbar schwer macht, weswegen sich seine Wut mehr und mehr anstaut. Thomas versöhnt sich mit seiner Frau, verspricht, dass alles besser wird, und steigt wieder ins Drogengeschäft ein. Finanziell steht er bald besser da, und er und seine Frau erwarten ihr sehnlichst erhofftes Kind. Das geht so lange gut, bis es nicht mehr gut geht: Thomas muss ins Gefängnis, in eine Einrichtung mit niedriger Sicherheitsstufe, in der er die Zeit bequem absitzen könnte. „Brawl in Cell Block 99“ ist dabei sehr präzise in seiner Darstellung der Umstände des Gefangenseins, der Lebensbedingungen des Gefängnisses, der Interaktionen und Demütigungen.

Der Unterhändler hat eine Botschaft

Der Mann dessen Drogen Bradley bei seiner Festnahme verloren hat, Eleazar (Dion Mucciacito), schickt seinen Unterhändler (Udo Kier) ins Gefängnis und stellt Thomas ein Ultimatum: Er muss in ein Gefängnis mit höchster Sicherheitsstufe verlegt werden, in den mysteriösen Zellenblock 99, um dort für Eleazar einen Mordauftrag auszuführen. Weigert er sich, werden Eleazars Männer bei Lauren, die sie entführt haben, eine Abtreibung vornehmen.

Prügeln für die Strafverlegung

In Folge prügelt sich Thomas durch das Gefängnis, bis er tatsächlich in den besagten Knast mit höheren Sicherheitsvorkehrungen strafverlegt wird. Dort prügelt er sich weiter, bis er in den Zellenblock 99 verbannt wird, ein von der Öffentlichkeit abgeschnittener Bereich, in dem der Gefängnischef Tuggs (Don Johnson) die schlimmsten Gefangenen quält und foltert. Kurzum: Thomas prügelt sich einmal quer durch den brutalen Wahnsinn des amerikanischen Gefängnissystems. Zahler inszeniert das unglaublich brutal, mit viel bitterem Witz. Vince Vaughn spielt seine Rolle stoisch, in seinem Blick liegt immer ein Gefühl von Sentimentalität. Er verleiht seiner Figur, die von der Gesellschaft entweder vergessen oder ausgebeutet wird, Würde.

Tuggs führt ein hartes Regiment

In Deutschland hat es der Film nicht ungeschnitten auf DVD und Blu-ray geschafft. Im Vereinigten Königreich hingegen erschien er ungeschnitten in einer nur für Erwachsene freigegebenen Fassung, allerdings wurde auch eine um 44 Sekunden geschnittene Version geprüft und ab 15 Jahren freigegeben. Für welchen Zweck letztgenannte Fassung erstellt und geprüft wurde, ist derzeit unbekannt.

Auch Lauren gerät in Gefahr

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von S. Craig Zahler sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Udo Kier und Vince Vaughn unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 26. Oktober 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Brawl in Cell Block 99
USA 2017
Regie: S. Craig Zahler
Drehbuch: S. Craig Zahler
Besetzung: Vince Vaughn, Jennifer Carpenter, Don Johnson, Udo Kier, Marc Blucas, Dion Mucciacito, Tom Guiry, Geno Segers, Victor Almanzar, Mustafa Shakir, Fred Melamed
Zusatzmaterial: Behind the Scenes, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Szenenfotos & Packshot deutsche Blu-ray: © 2018 Universum Film

 

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The Hurricane Heist – Die geheime Soße

The Hurricane Heist

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // 1992 fegte Hurrikan Andrew über die USA hinweg. Durch den Wirbelsturm der Kategorie 5 kam der Vater von Will (Toby Kebbell) und Breeze (Ryan Kwanten) ums Leben. Knapp 25 Jahre später haben die Brüder ihr Kindheitstrauma noch immer nicht überwunden. Während Will als Meteorologe mithilfe von Drohnen Stürme analysiert, verdingt sich Ex-Soldat Breeze als Mechaniker, wobei er allerdings häufiger zur Flasche als zum Schraubenschlüssel greift.

Meteorologe Will macht seine Drohnen scharf

Als mit Hurrikan Tammy der nächste Kategorie-5-Sturm den Himmel zu verdunkeln beginnt, werden Will und Breeze ungewollt in einen außergewöhnlichen Raubüberfall verwickelt. Eine Gruppe aus Gangstern und Hackern dringt mit Gewalt in die hochgesicherte Schatzkammer von Alabama ein und nimmt Geiseln. Dort sollen an diesem Tag aussortierte Geldscheine im Wert von 600 Millionen US-Dollar abtransportiert werden. Bundesbeamtin Casey (Maggie Grace) gelingt die Flucht. Sie ist die einzige, die die Safe-Kombination kennt. Inmitten des tosenden Sturms versucht sie gemeinsam mit den Brüdern den clever geplanten Millionen-Coup noch zu verhindern.

Der Titel ist Programm

Von „The Fast and Furious“ (2001) über „xXx – Triple X“ (2002) bis hin zu „Stealth – Unter dem Radar“ (2005): Regisseur Rob Cohen ist der Spezialist für Over-the-Top-Actionfilme, die gleichzeitig einen gewissen B-Movie-Charme versprühen. Auch „The Hurricane Heist“ passt sich nahtlos in seine Filmografie ein. Bei dem Titel weiß man gleich, worauf man sich einlässt: eine Mischung aus Katastrophenfilm und Heist-Movie, angefüllt mit kernigen Typen, wie Toby Kebbell („Warcraft – The Beginning“) und Ryan Kwanten („Northmen – A Viking Saga“), dazu Maggie Grace („96 Hours – Taken 3“) als Casey, eine starke Frauenfigur, die den Kerlen Paroli bietet, coole Sprüche sowie adrenalinhaltige Verfolgungsjagden und Ballereien.

Keine Lust auf Regeln

Und da ist noch eine weitere, wichtige Zutat, die in keinem Cohen-Film fehlen darf –und für die er von Kritikern regelmäßig auf die Nuss bekommt: eine gesunde Portion Irrsinn, man kann es auch fehlende Logik nennen. Rob Cohen selbst ist sich diesem Umstand durchaus bewusst und bezeichnete diesen in einem Interview selbst als „geheime Soße“: „Ich war mein ganzes Leben eine Art Ikonoklast, selbst als ich Kind war. Ich widersetzte mich den Autoritäten und hasste es, Regeln und Dinge, die mir aufgezwungen wurden, zu befolgen. Es gibt einige Regeln, die man fürs Geschichtenerzählen einhalten muss, weil man ansonsten nur Verwirrung stiftet. Aber zum größten Teil behandle ich es mit der ‚geheimen Soße‘.“

Hurrikan im Anflug: Die Polizei bereitet sich auf das Schlimmste vor

Cohen ist also wenig darum bemüht, ein realistisches Szenario des Wetterphänomens zu zeichnen. Wann immer ein wenig mehr Spannung benötigt wird, dreht er eben die Windmaschinen auf und lässt die visuell schwachen CGI-Stürme etwas heftiger auf die Protagonisten wehen. Kurze Zeit später ist dann wieder Ruhe eingekehrt. Gebiete, die eigentlich vom Regen überflutet sein müssten, sind wieder trocken. Im Finale wird dies dann auf die Spitze getrieben, wenn die verbliebenden Figuren mit Vollgas versuchen, mit mehreren Sattelzügen dem Hurrikan zu entkommen, aber eben nicht alle vom Sturm in den Himmel gerissen werden, obwohl die Wagen relativ parallel neben- und hintereinander fahren. Wer durch solche Logiklöcher schnell in Rage gerät, sollte von „The Hurricane Heist“ die Finger lassen, und vielleicht besser zu „Hard Rain“ (1998) greifen.

Augen zu und durch

Denn dies bleiben nicht die einzigen Szenen, bei denen der Zuschauer mehrere Augen zudrücken muss. Wills sturmresistentes Auto sieht so aus, als stamme es aus der „Mad Max“-Reihe, verfügt aber noch nicht mal über Bremslichter, wäre also nicht straßentauglich und in einem Unwetter gar nicht wahrnehmbar. Auch etwas, was man nicht so häufig in Filmen sieht: Will und Casey legen kurz mal eine Pinkelpause ein und unterhalten sich während des Wasserlassens angeregt. Und dann ist da noch eine durch Unterdruck herbeigeführte „umgekehrte“ Bungee-Sprung-Szene, bei der man auch nicht nachfragen sollte, ob sowas physikalisch überhaupt möglich ist.

Casey setzt sich zur Wehr

Wie dem auch sei: Man kann ja auch mit Filmen, die solch absurde Szenen bieten, durchaus seinen Spaß haben. Erst recht, wenn es sich um einen Actionfilm handelt, der gar nicht mehr will, als einfach nach altbewährtem Muster zu unterhalten. Und zu dieser Sorte gehört „The Hurricane Heist“ zweifelsohne, eben weil mit Rob Cohen ein Mann am Ruder ist, dem vollauf bewusst ist, welche „geheime Soße“ er da zusammengerührt hat.

Breeze hat seine Regenjacke vergessen

Veröffentlichung: 14. September 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Hurricane Heist
USA 2018
Regie: Rob Cohen
Drehbuch: Jeff Dixon, Scott Windhauser
Besetzung: Maggie Grace, Toby Kebbell, Ryan Kwanten, Ralph Ineson, Melissa Bolona, Ben Cross, Jamie Andrew Cutler, Christian Contreras
Zusatzmaterial: Featurettes
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2018 Universum Film

 

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Death Wish – Bruce Willis sieht rot

Death Wish

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Man mag es heute nicht mehr für möglich halten, aber als Ende der 80er-Jahre über die Besetzung der Hauptrolle für „Stirb langsam“ diskutiert wurde, stand ein Mann mit ganz oben auf der Liste: Charles Bronson. Weil der damals 67-Jährige aber vertraglich an Cannon Films gebunden war, kam es nicht dazu. Und so wurde Bruce Willis zum Kultcop John McClane und über Nacht zum Star. Nun schlüpft er in die Rolle, mit der Bronson 1974 ein neues Kapitel in seiner langen Karriere aufschlug. Als gnadenloser Rächer Paul Kersey wurde Bronson endlich auch in seiner amerikanischen Heimat und nicht nur in Übersee respektiert und gefeiert.

Die Kerseys sind eine perfekte Familie

Ein Remake von „Death Wish“, der hierzulande unter dem Titel „Ein Mann sieht rot“ bekannt wurde, stand lange unter keinem guten Stern in Hollywood. Sylvester Stallone, Liam Neeson, Brad Pitt und Benicio Del Toro waren unter anderen für die Hauptrolle im Gespräch. Stallone sollte sogar gleichzeitig Regie führen, sprang aber aufgrund kreativer Differenzen mit den Produzenten doch noch ab. Am Ende übernahm „Hostel“-Regisseur Eli Roth mit Willis die Aufgabe, den auf dem gleichnamigen Roman von Brian Garfield beruhenden Stoff zeitgenössisch aufzubereiten.

Gewalt in den Straßen Chicagos

Als Chirurg in der Notaufnahme weiß Dr. Paul Kersey (Bruce Willis) genau, was auf den Straßen von Chicago los ist. Täglich müht er sich ab, sowohl Opfer als auch Täter von Gewaltverbrechen zusammenzuflicken. Ansonsten lebt der Arzt ein perfektes Leben mit Gattin Lucy (Elisabeth Shue) und Tochter Jordan (Camila Morrone), die bald ihr Studium beginnt. Auch Pauls Bruder Frank (Vincent D’Onofrio) hat sich wieder halbwegs im Griff. Er war einst das schwarze Schaf der Familie.

Nach dem Überfall ist Paul am Boden zerstört

Alles ändert sich schlagartig, als das Haus der Kerseys in Pauls Abwesenheit als Objekt eines Raubüberfalls ausgewählt wird. Die Gangster verlieren die Fassung, als sie in dem vermeintlich leeren Gebäude auf Lucy und Jordan treffen. Lucy stirbt durch Schüsse noch am Tatort, Jordan fällt aufgrund des brutalen Angriffs in ein Koma. Paul ist am Boden zerstört. Als ihm Detective Kevin Raines (Dean Norris, „Breaking Bad“) mitteilt, dass die Polizei im Grunde machtlos ist, das Verbrechen aufzuklären, nimmt Kersey das Gesetz in seine eigene Hand.

Sinnvolle Änderungen

Inwieweit Teile des Drehbuchs von Joe Carnahan („The Grey – Unter Wölfen“, 2011) in die finale Fassung Einzug hielten, ist nicht bekannt. Er verließ bereits 2012 das Projekt, erhielt aber dennoch die alleinige Nennung als Autor in den Credits. Dean Georgaris („Paycheck – Die Abrechnung“, 2003) und Roth überarbeiteten das Skript komplett. Natürlich gibt es auch einige Änderungen im Vergleich zum Original. Die Auffälligsten: In der Neuverfilmung ist Paul Kersey kein Architekt, sondern Chirurg, und der Handlungsort wurde von New York City nach Chicago verlegt.

Der Polizei sind die Hände gebunden

Beides ergibt Sinn: Als Arzt ist Kersey es gewohnt, Blut zu sehen, seinen Handlungen mit einer gewissen Distanz zu begegnen und wenig Empathie für seine kriminellen Opfer zu verspüren. Gleichzeitig bot sich so auch für Eli Roth die Möglichkeit, einige Folterszenen einzubauen. Zudem weiß Kersey genau, wo und wie er ein Skalpell in die Haut eines Verbrechers eindringen lassen muss, damit dieser ihm dringend benötigte Informationen preisgibt. Fans von Eli Roth wird es ebenfalls freudig stimmen, dass der „The Green Inferno“-Regisseur es auch diesmal natürlich nicht lassen konnte, einige kurze und knackige Splatter-Einlagen in die Rachegeschichte unterzubringen.

Dass besonders Chicago einen Vigilanten benötigt, der für Recht und Ordnung sorgt, zeigt ein Blick auf die aktuelle Verbrechensstatistik: In keiner anderen US-Stadt werden mehr Morde begangen. 2017 kamen in der „Windy City“ 650 Menschen gewaltsam ums Leben, 2016 waren es sogar 800. Im Vergleich dazu gab es etwa in Berlin 92 (2017) und 91 (2016) Fälle von Mord und Totschlag.

Remake im Kreuzfeuer

Dennoch geriet „Death Wish“ nicht ganz zu Unrecht schnell ins Kreuzfeuer, denn kurz vor dem US-Kinostart ereignete sich das Schulmassaker von Parkland. Die Rufe wurden lauter, dass der Film der Waffenlobby und den Trump-Anhängern in die Karten spiele. Filmkritiker A. A. Dowd von The A.V. Club bezeichnete Roths Film sogar als „right-wing violence porn“.

Im Interview mit Entertainment Weekly verteidigte Eli Roth sein Werk: Seiner Meinung nach seien auch Filme wie „John Wick“ , „96 Hours – Taken“ und im Grunde jeder Actionfilm für eine Pro-Waffen-Argumentation angreifbar. Er wolle mit „Death Wish“ vielmehr eine ähnliche Debatte über Waffengewalt anstoßen, so wie es „Get Out“ gelang, den Leuten wieder den alltäglichen Rassismus ins Gedächtnis zu rufen und darüber ausgiebige Debatten anzufachen.

Rache lauwarm serviert

Ein weiteres Argument, welches Roth in dem Interview zur Verteidigung nennt, ist, dass sich die Kriminalitäts-Probleme aus den 70er-Jahren bis heute nicht sonderlich geändert hätten. Das Verbrechen sei noch immer außer Kontrolle, die Polizei komplett überfordert. Aber ist dies heute wirklich noch der Fall? Auch wenn die Zahlen aus Chicago eine etwas andere Sprache sprechen, denke ich nicht, dass in den US-Großstädten noch so eine Stimmung herrscht wie damals, als „Ein Mann sieht rot“ in die Kinos kam. Die Gesundheitsversorgung, der Arbeitsmarkt oder steigende Mietpreise bereiten der US-Bevölkerung derzeit wohl mehr Sorgen als die alltägliche Kriminalität. Zusammen mit der Leistung von Charles Bronson wurde das Original von Regisseur Michael Winner auch deswegen zum Kinohit, da der Film die damals herrschenden Ängste perfekt einfing, die auf den Straßen der amerikanischen Großstädte im Allgemeinen und New York City im Besonderen allgegenwärtig waren. „Ein Mann sieht rot“ ist ein Produkt seiner Zeit.

Paul nimmt das Gesetz in die eigene Hand

Diese Relevanz geht dem Remake von Eli Roth völlig ab. Bruce Willis’ Wandlung vom aufrechten und gesetzestreuen Amerikaner und Familienvater zum gewaltbereiten Vigilanten ist trotz des Schicksalsschlags, den seine Figur erleidet, nicht wirklich überzeugend dargestellt. Natürlich ist es „cool“, mit anzusehen, wie der gute alte Bruce den bösen Buben ihren gerechten Strafen zuführt, aber etwas mehr Emotionalität in seiner Rolle und mehr Radikalität in der Inszenierung hätte es schon sein können. Außerdem fehlt der Geschichte ein Gegenspieler, der eine echte Herausforderung für Kersey darstellt. Immerhin ist es witzig mitanzusehen, wie sich der Chirurg sein Wissen über Waffen mithilfe von Internet-Videos aneignet. Dazu kommen einige ordentliche gefilmte Actionsequenzen und eine schöne Reminiszenz an das Original in der Schlussszene.

So ist die Rache im „Death Wish“-Remake eher lauwarm serviert und lässt die Zuschauer größenteils kalt. Aber wer weiß: Wenn sich nur ein Waffenbesitzer in der Welt nach Sichtung des Films dazu entschließen solte, seine Pistolen zu entsorgen, so hat sich die Produktion der Neuverfilmung bereits gelohnt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Eli Roth sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Bruce Willis unter Schauspieler.

Der nächste Verbrecher ist schon im Visier

Veröffentlichung: 10. August 2018 als 4k-UHD-Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 108 Min. (UHD/Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Death Wish
USA 2018
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Joe Carnahan
Besetzung: Bruce Willis, Elisabeth Shue, Vincent D’Onofrio, Camila Morrone, Dean Norris, Beau Knapp, Kimberly Elise
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Eli Roth und Roger Birnbaum, Making-of, geschnittene und erweiterte Szenen, Trailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Trailer & Packshot: © 2018 Universum Film

 

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