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Jim Jarmusch (III): The Dead Don’t Die – Zombies in Starbesetzung

The Dead Don’t Die

Kinostart: 13. Juni 2019

Von Anja Rohde

Horror(komödie) // Was haben dieses Blog und der neue Film von Jim Jarmusch gemeinsam? Beide Macher nutzten George Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ als Inspiration! Volker Schönenberger lässt beim Titel seines Weblogs keine Zweifel daran, welches Filmgenre er gut leiden mag und welcher Film ihn da wohl besonders beeindruckte, und auch Jim Jarmusch scheint diesen Zombie-Klassiker nicht nur einmal gesehen zu haben, so viele nette kleine Reminiszenzen finden sich in seinem aktuellen Werk.

Jim Jarmusch und Zombies – funktioniert!

Eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann der in allen Genres beheimatete Jarmusch sich endlich Zombies annehmen würde. Nach dem psychedelischen Western „Dead Man“, dem Samurai-Gangsterdrama „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“, dem existentialistischen „Limits of Control“, dem Liebesfilm „Broken Flowers“ und dem sensationellen Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ dürfen nun Horden von Untoten durch einen Jarmusch-Film wanken.

Da kommen sie aus ihren Gräbern

Warum? Weil die Menschen durch „Polar Fracking“ die Erde kaputt gemacht haben. Da sich die Erdachse verschoben hat, wird es erst nicht dunkel, dann drehen die Haustiere durch, und als es doch endlich Nacht wird, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern. Das ist physikalisch schwer erklärbar, aber welcher Zombiefilm liefert schon eine logische Begründung für das Phänomen? Dass die Menschheit selbst an ihrem Unglück schuld ist, welcher Art auch immer es sein mag, das jedenfalls steht ja wohl außer Frage.

Lieblingslied der jungen Frau in der Mitte: „The Dead Don’t Die“

Im Moment der Katastrophe befinden wir uns in Centerville. Diese Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, besteht aus einer langen Straße mit den wichtigsten Einrichtungen (ein Diner, ein Werkzeugladen, eine Tankstelle, ein Motel) und wird bewacht von einem Polizeitrio, welches sich ein Einraumbüro teilt, in das die Gefängniszellen locker eingebaut sind. So richtig viel zu tun gibt’s nicht, mal ist ein Streit zu schlichten, mal eine Tote aufzubewahren (in einer der Zellen), bis die Bestatterin Zeit hat.

Wie tötet man Untote?

Schnell überschlagen sich die Ereignisse, denn mit einer Zombie-Epidemie war nicht zu rechnen. Polizist Ronald Peterson (Adam Driver) ist schnell klar, dass es nichts anderes sein kann und dass die Sache bestimmt nicht gut ausgehen wird (ein Satz, den er mantramäßig den ganzen Film über wiederholen wird – ob er wohl recht behält?); sein Chef Cliff Robertson (Bill Murray) ist erst skeptisch, dann aber Bill-Murray-mäßig stoisch und unerschrocken. Mindy Morrison (Chloë Sevigny) gibt den unglücklichen und überforderten Gegenpart, schlägt sich aber wacker.

Farmer Miller sucht seine Tiere

Denn natürlich muss die Polizei das Städtchen beschützen, und natürlich weiß Peterson, was zu tun ist: Kopf ab! Hierbei zeigt sich eine erste Spezialität der Jarmuschschen Zombies: Da er sie laut eigener Aussage „bloodless and fluidless“ haben wollte, entweicht nur eine kleine Wolke schwarzer Rauch aus ihren abgetrennten Torsi.

„Kill the Head!“

Noch schöner ist allerdings die Idee, allen Zombies einen eigenen Charakter mitzugeben, indem sie mit dem Wunsch nach etwas, das ihnen auch im Leben viel bedeutete, zum Leben erwachen. Das kann ihr Lieblingsgetränk sein (bei dem einen Kaffee, bei der anderen Chardonnay) oder auch die Suche nach WLAN – und bei dieser Sorte Zombies sieht man gleich, dass sich Jarmusch an echten Menschen orientieren konnte. Wer kennt sie nicht, die Leute, die mit stierem Blick auf ihr Smartphone durch die Straßen schlurfen und den Rest um sich herum vergessen? „We’re all attached to things in the material world and we’re all zombies in one form or another — it’s not a huge stretch that we would yearn for those exact same things if we were re-animated.“ (Carter Logan, der zusammen mit Jarmusch in der Band „SQÜRL“ spielt, die für den Soundtrack dieses Films verantwortlich zeichnet.)

Iggy Pop – Zombie der Herzen

Ein besonderer Blick lohnt sich bei einem der beiden Kaffeezombies. Wer den Trailer gesehen und freudig festgestellt hat „Iggy Pop als Zombie! Was für eine sensationelle Besetzung!“, wartet sehnsüchtig auf den ersten Auftritt – und denkt vielleicht, na, den musste man wohl gar nicht sehr herrichten. Weit gefehlt! Zwar wurde seine Frisur laut Produktionsnotizen weitesgehend unangetastet gelassen, und auch das Make-up ging wohl recht flott von der Hand, nur ein paar Verkrustungen und Melierungen wurden aufgemalt, aber Jarmusch bemerkte: „Iggy looks too healthy to be a zombie, you need to rough him up“. Und so bekam der sehnige, jung gebliebende Körper ein Latex-Airbrush, um alt und tot zu wirken. Umso herrlicher, ihn dann auf der Suche nach Kaffee ins Diner wanken und sich das Zeug kannenweise ins Gesicht schütten zu sehen.

Die Frisur sitzt: Iggy Pop

Der andere Kaffeezombie ist übrigens Sara Driver, die wir als Production Managerin der ersten Jarmusch-Filme „Permanent Vacation“ und „Stranger Than Paradise“ kennen. Die Liste der Promis in kleinen Rollen hört damit nicht auf. Eszter Balint, das zauberhafte Teenagermädchen aus „Stranger Than Paradise“ spielt die Wirtin des Diners. RZA vom Wu-Tang Clan gibt den UPS-, nein WuPS-Fahrer, und Teenie-Star Selena Gomez ist die jugendliche Touristin, die, verzeiht mir den Spoiler, auch als abgeschlagener Zombiekopf noch gut aussieht.

Staraufgebot bis zum Abwinken

Wer möchte nicht in einem Jarmusch-Film mitspielen? Mit einem derart beeindruckenden Cast musste der Film einfach gut werden. Dass Bill Murray jeden Film aufwertet, braucht man gar nicht zu erwähnen. Ähnlich ist es mit Tilda Swinton, die allerdings im Gegensatz zu Murray, der ja doch immer sehr ähnliche, lakonische Rollen gibt, wieder etwas völlig Neues aus dem Hut zaubert: Bestatterin Zelda Winston ist freundlich, aber extrem seltsam – was ihre Umgebung einfach damit erklärt, dass sie Schottin sei. Ach so. Warum sie allerdings überirdisch gut mit dem Samuraischwert umgehen kann, darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Aufmerksam und weise: Hermit Bob

Steve Buscemi! Wie viele Kotzbrocken hat der schon gespielt, und nun kommt ein neuer hinzu. Als rassistischer, polemischer Farmer mit „Keep America White Again“-Baseballkappe überzeugt er ebenso wie Tom Waits, der mit zunehmendem Alter ein immer besserer, weil immer kauzigerer Schauspieler wird. Sein „Hermit Bob“ lebt im Wald und beobachtet das Geschehen in Centerville mit Abstand – und Weisheit. Seine Erzählstimme bleibt im Gedächtnis.

Centerville und andere Nettigkeiten

Hallo Musikfans, klingelt’s beim Namen „Centerville“? Genau. Im Musikfilm „200 Motels“ über das Tourleben einer Rockband beschreibt Frank Zappa den Ort Centerville, durch den sie auf ihrer Fahrt kommen, als „A Real Nice Place to Raise Your Kids Up“, und als Hommage platziert Jarmusch den Slogan „A Real Nice Place“ auf dem Ortsschild von Centerville. Nice!

Zelda kann mit einem Schwerthieb mehrere Zombies niederstrecken

Der Titelsong „The Dead Don’t Die“ des traditionellen US-Countrysängers Sturgill Simpson begleitet uns durch den Film. Er läuft im Radio, die CD gibt’s in der Tanke zu kaufen, und dann läuft er erneut im Auto. Dafür gibt es Gründe … Und auch hier gibt es eine zauberhafte Anekdote: Der Zombie, der „Guitar!“ murmelnd sein Saiteninstrument hinter sich her zieht, wird natürlich von Simpson verkörpert.

„Having already appeared in what I consider to be the greatest zombie movie of all time, ,Zombieland‘, I felt like ,The Dead Don’t Die‘ could almost typecast me. Maybe I’ll become synonymous with the zombie horror genre!“ (Bill Murray, mit Chloë Sevigny und Adam Driver)

Besonderen Spaß machen einige Textpassagen auf der Metaebene, die hier nicht zitiert werden sollen, um selbigen nicht zu verderben. Einfach selbst gucken und freuen!

Sinn und Unsinn

Einige Kritiken, die man im Netz schon über „The Dead Don’t Die“ finden kann, fragen nach dem Sinn des Films. Da kann man sich diverse schöne Sachen ausdenken: der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, allgemein die Lage der Nation Amerika, vielleicht auch zeigen, dass es Menschen gibt, die auch in der größten Katastrophe nicht den Humor verlieren. In den Produktionsnotizen ist zu lesen, der Film wolle die inhaltliche Interpretation komplett dem Publikum überlassen – warum auch nicht, schließlich funktionieren viele Kunstwerke so. Und ganz vielleicht hatten Jim Jarmusch und sein illustres Team auch einfach Bock drauf, einen guten Zombiefilm zu drehen. Das ist gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Tilda Swinton unter Schauspielerinnen, Filme mit Steve Buscemi, Adam Driver und Bill Murray in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Dead Don’t Die
USA/SWE 2019
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Iggy Pop, Selena Gomez, Danny Glover, Rosie Perez, RZA, Caleb Landry Jones, Austin Butler, Eszter Balint, Carol Kane
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Anja Rohde

Filmplakate & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH, Szenenfotos: © 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/06/10 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Terry Gilliam (III): The Man Who Killed Don Quixote – Was lange währt, wird endlich gut

The Man Who Killed Don Quixote

Kinostart: 27. September 2018

Von Lutz R. Bierend

Tragikomödie // Bewirbt ein Verleih einen Terry-Gilliam-Film mit „Jetzt endlich bald im Kino“, dann steckt da schon ein wenig Ironie drin und im Falle von „The Man Who Killed Don Quixote“ auch eine Menge Wahrheit. Seit fast 30 Jahren brodelt die Gerüchteküche, Terry Gilliam wolle „Don Quixote“ adaptieren. Nach dem Kinostart von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ (1988) plante er mit dessen Ko-Produzent Jake Ebert die Verfilmung des Klassikers von Miguel de Cervantes. 20 Millionen Dollar sollte der Spaß kosten, aber nachdem Münchhausen völlig zu Unrecht an der Kinokasse gefloppt war und Terry Gilliam erkannt hatte, dass die beiden Bücher von Cervantes mit dem vorgesehenen Budget unmöglich nach seinen Vorstellungen umgesetzt werden konnten, schob er das Projekt auf und drehte er erst einmal „König der Fischer“ („The Fisher King“, 1991), „12 Monkeys“ (1995) und„Fear and Loathing in Las Vegas“, (1998), bevor er sich der Don-Quixote-Geschichte erneut zuwandte. Diesmal mit dem Drehbuch „The Man Who Killed Don Quixote“ welches nicht mehr zur Originalzeit der beiden Bücher spielen sollte.

Tiefflieger und der Hamster-Faktor

Der Regisseur erklärt: „Nachdem ich begriffen hatte, dass ich Don Quixote nicht so verfilmen konnte, wie Cervantes es geschrieben hatte, fragte ich mich, ob ich einen Film machen konnte, der die Essenz von Quixote vermittelte, ohne die Bücher einzubeziehen.“ Die Produktion begann im Jahr Herbst 2000 mit Jean Rochefort und Johnny Depp in den Hauptrollen. Die Crew hatte nicht nur mit einer Springflut zu kämpfen, die einen Großteil der Requisiten zerstörte. Der Lärm von Tieffliegern machte Aufnahmen fast unmöglich, und am fünften Tag musste Jean Rochefort den Dreh abbrechen, weil ihm massive Schmerzen das Reiten unmöglich machten. Dazu sei angeführt, dass Terry Gilliam für den Hamster-Faktor berühmt ist. Das ist (nach der gleichnamigen Dokumentation „The Hamster Factor and Other Tales of Twelve Monkeys“) ein kaum zu bemerkendes und unberechenbares Detail, durch welches bei Gilliam eine zehn-Sekunden-Einstellung ganze Drehtage verschlingend lässt. Bei „12 Monkeys“ ist dieses Detail ein als Schattenriss im Bild kaum wahrnehmbarer Hamster, der einfach nicht in seinem Laufrad rennen wollte, während Bruce Willis eine Blutprobe nimmt. Selbst unter guten Bedingungen ist Terry Gilliam bekannt dafür, dass Drehtage und Budget bei ihm selten innerhalb der Planung bleiben. Kein Wunder also, dass die Produzenten nach so einem Start am sechsten Tag die Reißleine zogen. Die Dokumentarfilmer Keith Fulton und Louis Pepe begleiteten Gilliam bei seinem Höllentrip und erstellten dabei die sehenswerte Dokumentation „Lost in La Mancha“, (2002).

Kurz vor dem Ende ihrer Odyssee: Werbefilmer Toby und „Schuhmacher“ Don Quixote

Acht Jahre dauerte es, bis Gilliam das Drehbuch erneut anfasste und in den folgenden Jahren überarbeitete, weitere neun Jahre, bis die Geschichte am 19. Mai 2018 schließlich die Leinwand von Cannes erreichte und dort zu Recht gefeiert wurde. Nun kommt „The Man Who Killed Don Quixote“ auch hierzulande „bald endlich ins Kino“. Mit Cervantes Originalromanen hat diese Geschichte nichts mehr zu tun, aber das muss ja kein Nachteil sein.

Werbefilmer gerät in Sinnkrise

Erzählt wird die Geschichte des erfolgreichen jungen Werberegisseurs Toby (Adam Driver). Er soll einen Werbespot drehen, in dem Don Quixotes Kampf gegen die Windmühlen beim Verkauf von Versicherungen helfen soll. Budget ist ausreichend vorhanden, um den Spot an Originalschauplätzen in La Mancha umzusetzen. Aber Toby steckt in einer kreativen Krise. Nichts läuft wie geplant. Am Abend sitzt das Team beim Essen, als Toby einen Zigeuner entdeckt, der Raubkopien seines Debütfilms „The Man Who Killed Don Quixote“ verkauft. Der Film war Tobys jugendlich idealistisches Abschlusswerk für die Filmhochschule, welches er in einem kleinen Dorf unweit ihres jetzigen Drehorts realisiert hatte. Er sollte ihm die Tore zur großen Kunst öffnen. Toby gewann damit einen Festivalspreis, und dann klopften die Werbeagenturen an die Tür. Das leichte Geld der Werbung war verführerischer als die schlechte Bezahlung als freischaffender Filmemacher, der wie ein Welles oder Gilliam seine Vision gegen Produzenten und widrige Drehumstände verteidigt. Hier muss Toby nur seinen eigenen #MeToo-Moment ertragen, wenn die Ehefrau Jaci (Olga Kurylenko) seines Geldgebers (Stellan Skarsgård) meint, als Frau vom Boss habe sie ein Anrecht auf sexuelle Befriedigung durch Toby, während sich ihr Mann mit potenziellen Geschäftspartnern beschäftigt.

Ein wenig romantisches Wiedersehen mit Jugendliebe Angelica

Am nächsten Tag verschwindet Toby vom Set und besucht das Dorf, in dem er sein Frühwerk gedreht hat. Alles sieht fast noch aus wie vor Jahren. Der Wirt, dessen Tochter Angelica (Joana Ribeiro) in dem Film mitgespielt hatte, ist alles andere als begeistert davon, Toby zu sehen: Seine Tochter habe sich von dem jungen Mann Flausen über eine Filmkarriere in den Kopf setzen lassen und sei jetzt eine Hure, so berichtet er. Der Sancho-Pansa-Darsteller ist tot, und der alte Schuhmacher (Jonathan Pryce), den sie für die Rolle des Don Quixote gewonnen hatten, hat sich durch die Rolle offensichtlich zu sehr mit den Idealen des Rittertums identifiziert und sein Filmkostüm nie wieder abgelegt. Toby entdeckt den Schuhmacher auf einem Bauernhof, wo er als „der echte Don Quixote“ für die Touristen gefangen gehalten wird, die ihn für ein paar Euro als Attraktion bewundern können. Als Toby auf dem Landgut auftaucht, hält Don Quixote ihn für Sancho Pansa. Im Gerangel mit der Bäuerin, die befürchtet ihre Einnahme zu verlieren, geht der Bauernhof in Flammen auf und Toby flieht.

Wiedersehen mit der Jugendliebe

Am nächsten Tag taucht die Polizei am Set auf. Toby soll zum Polizeirevier gebracht werden, um zu den Vorfällen auf dem Bauernhof auszusagen. Auf dem Weg begegnen sie wieder dem Schuhmacher, der in der Überzeugung Don Quixote zu sein, seinen edlen Sancho Pansa aus den Fängen der Polizei befreit. Es beginnt eine Odyssee, der beiden durch die Landstriche von La Mancha, bei denen er auch Angelica wieder begegnet. Sie ist die Mätresse des russischen Oligarchen Alexei (Jordi Mollà). Keine Hure im eigentlichen Sinne, aber sie hat sich trotzdem kaufen lassen – ein wenig Sex und Erniedrigung für ein Leben im Luxus. Irgendwo ist doch jeder käuflich, selbst Tobys Boss, der große Geschäfte mit Alexei wittert. Toby wird mit vielen Fehlern seines Lebens konfrontiert, und muss sich entscheiden, ob er diese korrigieren will oder sich lieber weiter in die Bequemlichkeit des großen Geldes von Männern wie seinem Boss oder Alexei ergibt.

Gefällt sich in der Rolle als Mann von La Mancha

Hat sich das warten gelohnt? Zugegeben, der einzige Ex-Monty-Python, der nach dem Ende der BBC-Comedy-Serie eine eigene künstlerische Stimme entwickelt hat, macht es seinem Publikum nicht immer einfach. Die meisten seiner Filme weiß man eigentlich immer erst nach dem zweiten Sichten wirklich zu schätzen, wenn man ungefähr weiß, wohin die Reise geht, auf die man mitgenommen wird. Beim ersten Mal zieht Gilliam seine Zuschauer schnell in den Drogenrausch seiner Hauptfiguren, wie in „Fear and Loathing in Las Vegas“, oder lässt sie an ihrem Verstand zweifeln, wie James Cole aus „12 Monkeys“ oder Jack Lukas in „König der Fischer“. Gilliams Filme wirken wie wunderschön komponiertes Chaos, bei dem man – wie in „Brazil“ (1985) deutlich wird – sehr aufpassen muss, um all die kleinen Details mitzubekommen, die aus dem absurden Chaos eine sinnvolle Geschichte machen. Beim zweiten Mal wird es einfacher. Dann kann man sich zurücklehnen und diese Reise in Gilliams aberwitzige Welten genießen. Und jedes Mal entdeckt man neue Details.

Abschluss von Terry Gilliams Fantasie-Trilogie

„The Man Who Killed Don Quixote“ ist ein perfekter Epilog für Gilliams informelle Fantasie-Trilogie, die aus „Time Bandits“ (1981), „Brazil“ und „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ besteht. In dieser hat sich Terry Gilliam mit den unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Fantasie beschäftigt. In „Time Bandits“ wird der kleine Kevin durch seine Fantasie in wilde Abenteuer getrieben. In „Brazil“ lernt Sam Lowrie sie zu nutzen, um einer unerträglich gewordenen Realität zu entfliehen. Beim Baron Münchhausen beherrscht der alte Titelheld sie, um eine unerträgliche Realität zu verändern und damit die Belagerung der Stadt durch die Türken zu beenden. Es ist eigentlich auch ein schönes Statement, dass Don Quixote nun vom selben Darsteller wie Sam Lowrie gespielt wird. Der hat jetzt seinen Lehrling gefunden, der ganz dringend lernen muss, seine Fähigkeiten sinnvoller zu nutzen als in der Werbebranche.

Nichts will beim Dreh funktionieren

In „The Man Who Killed Don Quixote“ geht Gilliam erstaunlich freundlich mit dem Zuschauer um. Die Geschichte von Toby bietet gutes Identifikationspotenzial, um bereits beim ersten Mal mitzureißen. Alle, die mit Idealismus in ihr Berufsleben gestartet sind, um etwas Großes zu machen, und dann irgendwann feststellen mussten, dass sich die Miete und der Lebensunterhalt für die Familie schwer mit großen Idealen finanzieren lassen, werden sich schnell angesprochen fühlen. „The Man Who Killed Don Quixote“ weiß diese Melancholie einzufangen, die wir bei der Erkenntnis verspüren, dass wir uns unsere Zukunft ganz anders vorgestellt haben, ohne dabei rührselig oder verzweifelt zu werden. Der Film ermutigt uns, all die wohlmeinenden Zuredner zu ignorieren, welche die Jugendlichen heute gern belehren: „Aber wie willst du dir denn damit mal deinen Lebensunterhalt verdienen oder dir irgendwann einmal etwas leisten?“

Die Schaffenskraft der Verrückten

„The Man Who Killed Don Quixote“ zeigt, welche Kraft in Zielen, Idealen und Utopien steckt – Niederlagen und Prügeln zum Trotz. In dieser Hinsicht hat Terry Gilliam es tatsächlich geschafft, den Geist von Don Quixote großartig auf die Leinwand zu bringen. Um es mit Steve Jobs zu sagen: „Diejenigen, die die Dinge anders sehen — sie halten nichts von Regeln und respektieren den Status quo keineswegs … Du kannst sie zitieren, anderer Meinung sein als sie. Du kannst sie glorifizieren oder sie herabwürdigen, aber das einzige, was du nicht tun kannst ist, sie zu ignorieren, weil sie die Dinge nämlich verändern … Sie bringen die menschliche Rasse weiter und obwohl andere sie als die Verrückten sehen, sehen wir sie als Genies. Denn diejenigen, die verrückt genug sind, zu denken, dass sie die Welt ändern könnten, werden diejenigen sein, die es tatsächlich tun.“

Das klingt so, als hätte Mister Jobs „Don Quixote“ mit Terry Gilliams Augen gelesen. Don Quixote ist tot. Lang lebe Don Quixote.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Olga Kurylenko, Adam Driver und Jonathan Pryce unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Zum Glück findet gerade ein Kostümball statt

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Man Who Killed Don Quixote
SP/BEL/F/POR/GB 2018
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni
Besetzung: Adam Driver, Jonathan Pryce, Stellan Skarsgård, Olga Kurylenko, Joana Ribeiro, Óscar Jaenada, Jason Watkins, Sergi López, Jordi Mollà, Paloma Bloyd
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

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Logan Lucky – Steven Soderbergh ist zurück

Logan Lucky

Von Simon Kyprianou

Thriller // 2013 hielt Steven Soderbergh auf dem San Francisco Film Festival eine vielbeachtete Rede über den aktuellen Zustand des Kinos und beschließt in als Filmemacher „in Rente“ zu gehen, sein letzter Film sollte der fürs Fernsehen inszenierte „Liberace – zu viel des Guten ist wundervoll“ werden. Vier Jahre später kehrt er mit „Logan Lucky“ doch wieder ins Kino zurück, sein nächster Film – der auf einem iPhone gedrehte „Unsane“ – ist auch schon fertig und wird auf der Berlinale Premiere feiern. Während seiner kurzen, selbst verordneten „Rente“ hat er zwei Staffeln seiner HBO-Serie „The Knick“ gedreht, von Ruhestand konnte also sowieso keine Rede sein.

Die Familie Logan zieht den Überfall gemeinsam durch

„Logan Lucky“ eignet sich gut für Soderberghs Kino-Rückkehr, für den Regisseur der „Oceans“-Reihe ist das Genre des Heist-Films bekanntes Terrain und man merkt dem Film Soderberghs Lust am Inszenieren an. Und sowieso ist das Genre des Heist-Movies ein sehr filmisches Genre, weil es so sehr um Beobachtung geht: die Beobachtung des Ortes, die Beobachtung der entscheidenden Mechanismen, die Beobachtung des Geldflusses – der Raubzug selbst ist dann wie eine Kettenreaktion, auch wunderschön zu beobachten. Und so unterschiedlich die Filme von Steven Soderbergh auch oft sind, sie verbindet, dass der Regisseur vornehmlich an Strukturen, Texturen, Kompositionen und Rhythmus interessiert ist und weniger an Dialogen oder Erklärungen. Folglich macht Soderbergh Kamera und Schnitt unter verschiedenen Pseudonymen auch selbst und auch das vermeintlich von der unbekannten Rebecca Blunt verfasste Drehbuch stammt angeblich von Soderbergh persönlich.

Überfall auf ein NASCAR-Büro

Natürlich erinnert „Logan Lucky“ inhaltlich und strukturell an die „Oceans“-Reihe, es ist eher der Kontext, den Soderbergh austauscht: Aus Las Vegas wird der heruntergekommene Süden, aus den Gentleman-Gangstern mit Charme und Geld werden die etwas dumpfbackigen, von Pech verfolgten Logan-Brüder. Jimmy (Channing Tatum) hatte eine große Karriere als Football-Star vor sich, aber eine Knieverletzung lässt den Traum platzen, jetzt ist der geschiedene Vater arbeitslos und pleite. Immerhin ist seine kleine Tochter obenauf, die eifrig an Schönheits- und Talentwettberwerben teilnimmt. Jimmys Bruder Clyde (Adam Driver) hat im Irakkrieg einen Arm verloren und jobbt als Barmann in einer kleinen Kneipe. Die Schwester Mellie (Riley Keough) arbeitet als Friseurin. Der verzweifelte Jimmy plant einen Überfall auf den Tresor einer NASCAR-Rennstrecke, er hat einen vermeintlich perfekten Plan. Aber dafür müssen sie zuerst den Sprengstoffprofi Joe Bang (Daniel Craig) aus dem Gefängnis holen.

Dafür brauchen sie die Hilfe von Joe Bang

Es ist ein schöner Film geworden, inszenatorisch sicher, Soderbergh erzählt ökonomisch und schnell. Nicht ganz so schön wie „Ocean 11“ oder „Ocean 12“, dafür ist er zu inkonsistent im Tonfall, verlässt sich dann doch nicht immer genug auf seine Bilder und ist immer im Zwiespalt zwischen dem strengen durchstrukturierten Aufbau, den kalten, distanzierten Beobachtungen und der Lockerheit, die von den Figuren kommt – als könne sich Soderbergh nicht entscheiden. Dafür dringt Soderbergh zu seinen Figuren durch und dreht mit „Logan Lucky“ zweifellos den witzigsten Film seiner Karriere, mit wunderbaren Schauspielleistungen, insbesondere von Adam Driver und Daniel Craig.

Filme über Trump-Wähler?

Oft wurde in Rezensionen zu „Logan Lucky“ angemerkt, Soderberghs Figurenpersonal stamme eben aus der gesellschaftlichen Schicht, aus der auch die Mehrheit der Trump-Wähler kommt, aus der weißen Unterschicht, die enttäuscht vom eigenen Land und den Lebensbedingungen ist. Es ist sicher begrüßenswert, dass sich Soderberghs Film diesen Menschen zuwendet, und das sehr emphatisch, ohne sie in ihrer Einfachheit bloßzustellen, aber es ist glücklicherweise auch nicht so, als würde Soderbergh einen aufdringlichen politischen Überbau konstruieren.

Der sitzt leider im Gefängnis

„Logan Lucky“ ist ein amüsanter Film, der sich aber leider zu jedem Zeitpunkt der Handlung so anfühlt, als bleibe er unter Sonderbergs Möglichkeiten, als verstünde der Regisseur ihn nur als Fingerübung. So oder so – jede von Soderberghs Regiearbeiten ist interessant, seine Rückkehr zum Kino erfreulich.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Soderbergh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Hilary Swank in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Adam Driver und Channing Tatum unter Schauspieler.

Aber die Logan Brüder haben schon einen Plan

Veröffentlichung: 25. Januar 2018 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray, 4K-UHD-Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Logan Lucky
USA 2017
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Rebecca Blunt
Besetzung: Channing Tatum, Adam Driver, Riley Keough, Daniel Craig, Katie Holmes, Katherine Waterston, Seth MacFarlane, Hilary Swank
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Making-of, Interviews
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2018 Studiocanal Home Entertainment

 

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