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Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywalkers: Palpatines Rückkehr

Star Wars: Episode IX – The Rise of Skywalker

Kinostart: 18. Dezember 2019

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Wohin steigt Skywalker auf? In den Himmel? In die Macht? In die Erste Liga? Ist die deutsche Titelübersetzung womöglich ungenau? „Rise“ kann immerhin auch „Auferstehung“ bedeuten. Und welche/r Skywalker ist gemeint? Fragen, für die man nach der Sichtung von „Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywalkers“ unterschiedliche Antworten finden kann. Um Spoiler zu vermeiden, will ich darauf aber nicht weiter eingehen.

Rey perfektioniert ihre Jedi-Fähigkeiten

Keinen Spoiler stellt es dar, auf die Wiederkehr des ehemaligen Imperators Palpatine (Ian McDiarmid) hinzuweisen, wird der Sith-Lord doch bereits im traditionell zu Beginn des Films eingeblendeten Text erwähnt. An düsterer Stätte trifft Kylo Ren (Adam Driver) auf der Suche nach der Quelle der dunklen Macht auf Palpatine. Der verspricht ihm eine gigantische Flotte von Sternenzerstörern; als Gegenleistung soll Kylo dem Sith-Lord Rey (Daisy Ridley) ausliefern. Dem Sohn von Leia Organa (Carrie Fisher) und Han Solo (Harrison Ford) winkt unbeschreibliche Macht – sein Regime der Ersten Ordnung würde als „Final Order“ der Rebellion endgültig den Garaus machen.

Von der Schrottsammlerin zur Jedi-Ritterin

Rey ahnt davon anfangs nichts, die vormalige Schrottsammlerin trainiert hart, um ihre Jedi-Fähigkeiten zu perfektionieren. Doch bald schon bricht sie mit ihren wackeren Weggefährten Poe Dameron (Oscar Isaac), Finn (John Boyega), Chewbacca (Joonas Suotamo) und C-3P0 (Anthony Daniels) auf, sich der dunklen Bedrohung entgegenzustemmen.

Unsere Helden werden …

Disney ist für „Der Aufstieg Skywalkers“ auf Nummer Sicher gegangen und hat J. J. Abrams auf den Regiestuhl gesetzt, der bereits „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ (2015) inszeniert hatte. Bei „Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi“ (2017) war er lediglich als Executive Producer in Erscheinung getreten, die Regie hatte Rian Johnson („Brick“, „Knives Out – Mord ist Familiensache“) übernommen. Abrams weiß, dass er Fan-Erwartungen erfüllen muss, was angesichts der Fülle ikonischer Figuren, Motive und Elemente keine Schwierigkeit darstellt. Der aus bekannten Versatzstücken der vorherigen Soundtracks zusammenkomponierte Score von John Williams trägt dazu bei und macht das immerhin gut.

… von Sturmtruppen gejagt

Das vertraute Gefühl stellt sich natürlich zwangsläufig mit dem ersten Fanfarenstoß, dem „Star Wars“-Schriftzug und dem sich von unten ins Sternenbild schiebenden Text ein und verlässt uns bis zum Ende nicht mehr. Kylo Rens und Reys Lichtschwerter kommen ausgiebig zum Einsatz, wobei mir das Design von Kylos Waffe nach wie vor ein Schmunzeln abringt – der Oberste Anführer der Ersten Ordnung musste immerhin trainieren, wie er es vermeidet, sich im Kampf ständig die kurzen Parierstangen am Griff seines Lichtschwerts in den Oberschenkel zu rammen. Auf dem von Sand bedeckten Planeten Pasaana bekommen wir eine rasante Verfolgungsjagd mit schlittenartigen Fahrzeugen geboten, und auch die Raumschiffe bieten großen Wiedererkennungswert, angeführt natürlich vom „Millennium Falcon“.

In den Trümmern des Todessterns

Ihre Mission führt unsere Heldinnen und Helden auf einen weiteren neuen Schauplatz: den von stürmischen Ozeanen bedeckten Mond Kef Bir nicht allzu weit entfernt vom Waldmond Endor, den wir aus „Star Wars: Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983) kennen. Dort befinden sich Trümmer des zweiten Todessterns, in deren Innern sich ein dringend benötigtes Artefakt befindet.

Alter Bekannter: Lando Calrissian

Neue Figuren gibt es hüben wie drüben ein paar, sie können es jedoch an Bedeutung nicht mit Rey, Poe, Finn und Kylo Ren aufnehmen. Genannt seien General Pryde (Richard E. Grant) als erster Untergebener von Kylo Ren sowie die Amazonen Zorii Bliss (Keri Russell) und Jannah (Naomi Ackie). Beide Frauen scheinen aber in erster Linie als Love Interest für Poe Dameron und Finn installiert worden zu sein, auch wenn diese Romantik lediglich angedeutet wird. Das wirft die Frage auf, weshalb nicht Finns Beziehung zu Rose Tico (Kelly Marie Tran) ausgebaut worden ist – die beiden hatten in „Die letzten Jedi“ prima harmoniert. Hat Disney etwa Angst vor der eigenen Courage bekommen, eine sexuelle Beziehung zwischen einem Dunkelhäutigen und einer Asiatin zuzulassen, sodass Finn nun unbedingt eine Partnerin gleicher Hautfarbe an die Seite gestellt bekommen musste? Auch Spekulationen über eine Homosexualität Poe Damerons sind nun beendet. Das kann man bedauern oder ignorieren. Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sucht man vergebens, aber „Star Wars“ stand in meinen Augen immer auch für Eskapismus in Reinkultur. Wenn ich in diese Welt eintauche, dürfen die Probleme der Realität gern draußen bleiben.

Carrie Fisher ruhe in Frieden

Leia Organa hat mit wenigen Szenen durchaus tragende Bedeutung. Der Tod Carrie Fishers im Dezember 2016 stellte Produktion und Regie vor einige Probleme, die gelöst wurden, indem man nicht verwendete Aufnahmen der beiden Vorgängerfilme einmontierte. Das fällt nicht weiter auf und geht in Ordnung, „Der Aufstieg Skywalkers“ erweist der Verstorbenen in würdiger Manier die letzte Ehre. Sie ruhe in Frieden.

BB-8 findet einen Freund

Die 2014 für ihre Nebenrolle im Sklavereidrama „12 Years a Slave“ mit dem Oscar prämierte Lupita Nyong’o („Black Panther“) tritt wieder als Maz Kanata in Erscheinung, auch wenn sie als Alienwesen nicht erkennbar ist. Domhnall Gleeson („Ex Machina“) ist erneut als „First Order“-General Hux zu sehen, seine Rolle hinterließ bei mir allerdings ein Achselzucken.

Kurz vor dem Showdown beschlich mich die Furcht, auch bei „Der Aufstieg Skywalkers“ könne sich das dramatische Logikloch öffnen, eine gewaltige Bedrohung mit einer simplen Achillesferse bezwingbar zu machen. Man erinnere sich nur an die Verwundbarkeit der Todessterne, und auch die Starkiller-Basis in „Das Erwachen der Macht“ ließ sich letztlich recht einfach zerstören. Diese Gefahr umschiffte J. J. Abrams glücklicherweise dann doch, was mich aufatmen ließ. Bei ein paar Aspekten stellen sich mir andere Logikfragen, etwa die der Herkunft der neuen Sternenzerstörer-Flotte, die so gewaltig ist, dass ihr Bau kaum unbemerkt hätte bleiben können. Und auf welche Weise hat Palpatine ihre Besatzungen rekrutiert? Oder lenkt er sie mit Sith-Kräften gar selbst? Wie konnte er überhaupt aus dem Tod zurückkehren?

Ist das gut oder schlecht?

„Der Aufstieg Skywalkers“ eignet sich vorzüglich dazu, sowohl positiv als auch negativ rezensiert und rezipiert zu werden, weshalb es mir schwerfällt, mich für eine Seite zu entscheiden. An der Tricktechnik und den Effekten ist nichts auszusetzen. Derartige Welten mit einer Vielzahl exotischer Schauplätze und Figuren zu erschaffen, erfordert nach wie vor enormen Aufwand, aber so viel Know-how, Kunstfertigkeit und Fantasie haben die Studios. Abrams führt die Story der dritten Trilogie zu einem logischen Finale, so weit, so gut. Die Action inszeniert er mitreißend, sie hält das Niveau der Saga. Auch die Entwicklung der beiden wichtigsten Charaktere Kylo Ren und Rey wirkt jederzeit nachvollziehbar. Besonders Adam Driver überzeugt mit seiner Darstellung der inneren Zerrissenheit seiner Figur. Die Kluft zwischen seinem guten und bösen Ich erscheint mir zwar arg groß, denn immerhin hat er seinen Vater ermordet und ist auch sonst für jede Schandtat zu haben, aber seinerzeit wurden seinem Großvater Anakin Skywalker monströseste Missetaten verziehen – Darth Vader durfte am Ende sogar gütig lächelnd an der Seite von Yoda und Obi-Wan Kenobi eins mit der Macht sein. Daisy Ridley hat es da etwas einfacher, angesichts von Reys Güte stellt sich gar nicht erst die Frage, ob sie Kylo Rens Werben nachgeben wird. Zwar fühlt sie ein sonderbares Band zwischen ihm und ihr, das hindert sie aber nicht daran, mit Macht gegen ihn anzutreten.

Der „Millennium Falcon“ tut’s noch immer

Fanbedienung hat in „Der Aufstieg Skywalkers“ größte Bedeutung, dafür steht nicht zuletzt die Rückkehr von Lando Calrissian (Billy Dee Williams), der beizeiten wieder auf dem Pilotensitz des „Millennium Falcon“ Platz nehmen darf. Für die Star-Wars-Jünger gibt es viel zu entdecken, vor allem wiederzuentdecken. Mutig sieht anders aus, und das verhindert auch, dass „Der Aufstieg Skywalkers“ zu einem herausragenden Film wird. Episch? Ganz sicher. Von epischer Größe? Ganz sicher nicht, dafür mangelt es zu sehr an Originalität.

Das waren noch Zeiten

Ich entsinne mich, am Tag der deutschen Premiere – dem 9. Dezember 1983 – im rappelvollen Kino in Hamburg gesessen und gierig darauf gewartet zu haben, dass „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ endlich beginnt. Mehr als ein halbes Jahr zuvor hatte das vermeintliche Finale der Saga bereits seine Weltpremiere in den USA gefeiert – kein Vergleich zur heutigen Zeit mit ihren weltweiten Startterminen innerhalb weniger Tage. Wie auch immer, jedenfalls hatten wir monatelang auf dieses Kino-Großereignis hingefiebert. Derlei Larger-than-Life-Blockbuster waren damals noch deutlich rarer gesät als heute und daher so oder so etwas Außergewöhnliches. Es mag Krieg-der-Sterne-Junkies geben, die seit „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ jedes Jahr kurz vor Weihnachten unruhig auf ihrem Hosenboden hin und her rutschen, weil sie die neueste Episode oder die nächste „Star Wars Story“ nicht abwarten können, aber die Inflation der Blockbuster von Marvel über DC und Godzilla nebst King Kong usw. lässt all diese Produktionen leider beliebig erscheinen. Damit tut man und tue ich dem einen oder anderen Beitrag sicher unrecht, aber es stellt sich einfach kein Gefühl eines besonderen Erlebnisses mehr ein. Ein solches Gefühl vermitteln zumindest mir nur noch kleinere Produktionen bis hin zum Independent-Film.

Kein Wunder – bei der Besatzung

Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass sich in Cast wie Crew der Star-Wars-Saga etliche Beteiligte tummeln, die sich mit Leib und Seele diesem Projekt verschrieben haben und Herzblut investieren. Es schimmert auch immer wieder durch, sei es mittels toller Tricks oder liebevoll gestalteter Figuren. Dennoch bleibt der schale Beigeschmack, dass es Disney letztlich nur darum geht, den an George Lucas gezahlten horrenden Kaufbetrag fürs Franchise wieder hereinzubekommen.

Werden sich Zorii Bliss und …

Die Sequel-Trilogie aus „Das Erwachen der Macht“ und „Die letzten Jedi“ endet mit „Der Aufstieg Skywalkers“. Die finale Auseinandersetzung erscheint mir dem angemessen und bildet einen echten Schlussstrich. Wobei es meiner Ansicht nach den Disney-hauseigenen Konkurrenten von Marvel besser gelungen ist, die Vorgängerfilme so zu inszenieren, dass alles auf den gigantischen Showdown in „Avengers – Endgame“ hinausläuft, was dazu führte, dass dieser an den Kinokassen explodierte und sogar „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ als erfolgreichsten Film überhaupt ablöste. Im direkten Vergleich ist „Endgame“ fürs Marvel Cinematic Universe deutlich höher einzuschätzen als „Der Aufstieg Skywalkers“ für die Krieg-der-Sterne-Welt.

Wie geht es weiter im „Star Wars“-Universum?

Bleibt abzuwarten, welche Ideen den Machern dereinst für etwaige Episoden X, XI und XII und weitere Star Wars Storys kommen werden, so es denn dazu kommen wird. Im Kino pausiert der Krieg der Sterne vorerst, die Jedi-Jünger können aber auf Serien ausweichen: Der vielgepriesene Ableger „The Mandalorian“ ist zeitlich zwischen „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ und „Das Erwachen der Macht“ angesiedelt. Für 2021 ist eine Prequel-Serie zu „Rogue One – A Star Wars Story“ angekündigt, auch eine Obi-Wan-Kenobi-Serie ist in Planung. Der Krieg der Sterne kennt kein Ende.

… Jannah der Rebellion anschließen?

George Lucas’ Prequel-Trilogie „Die dunkle Bedrohung“ (1999), „Angriff der Klonkrieger“ (2002) und „Die Rache der Sith“ (2005) hatte seinerzeit viel Kritik auf sich gezogen, wobei sich die Fangemeinde längst damit abgefunden hat. Wird sich die jüngste Trilogie mit den Episoden VII, VIII und IX dereinst in puncto Anerkennung zwischen den beiden vorherigen platzieren oder gar hinter den Prequels zurückbleiben? Das vermag ich nicht zu beurteilen. Die Zeit wird es zeigen.

Kylo Ren erliegt der Verlockung der Macht …

Den „Krieg der Sterne“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lupita Nyong’o sind unter Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Adam Driver, Domhnall Gleeson und Oscar Isaac in der Rubrik Schauspieler.

… und tritt erneut gegen Rey an

Länge: 141 Min.
Altersfreigabe: FSK
Originaltitel: Star Wars: Episode IX – The Rise of Skywalker
USA 2019
Regie: J.J. Abrams
Drehbuch: Chris Terrio, J. J. Abrams
Besetzung: Adam Driver, Daisy Ridley, Oscar Isaac, Billie Lourd, Keri Russell, Mark Hamill, Ian McDiarmid, Kelly Marie Tran, Lupita Nyong’o, Domhnall Gleeson, John Boyega, Billy Dee Williams, Joonas Suotamo, Dominic Monaghan, Richard E. Grant, Anthony Daniels, Naomi Ackie, Carrie Fisher, Mark Hamill, Harrison Ford
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 ILM & Lucasfilm Ltd. All rights reserved.

 
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Verfasst von - 2019/12/18 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Jim Jarmusch (III): The Dead Don’t Die – Zombies in Starbesetzung

The Dead Don’t Die

Kinostart: 13. Juni 2019

Von Anja Rohde

Horror(komödie) // Was haben dieses Blog und der neue Film von Jim Jarmusch gemeinsam? Beide Macher nutzten George Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ als Inspiration! Volker Schönenberger lässt beim Titel seines Weblogs keine Zweifel daran, welches Filmgenre er gut leiden mag und welcher Film ihn da wohl besonders beeindruckte, und auch Jim Jarmusch scheint diesen Zombie-Klassiker nicht nur einmal gesehen zu haben, so viele nette kleine Reminiszenzen finden sich in seinem aktuellen Werk.

Jim Jarmusch und Zombies – funktioniert!

Eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann der in allen Genres beheimatete Jarmusch sich endlich Zombies annehmen würde. Nach dem psychedelischen Western „Dead Man“, dem Samurai-Gangsterdrama „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“, dem existentialistischen „Limits of Control“, dem Liebesfilm „Broken Flowers“ und dem sensationellen Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ dürfen nun Horden von Untoten durch einen Jarmusch-Film wanken.

Da kommen sie aus ihren Gräbern

Warum? Weil die Menschen durch „Polar Fracking“ die Erde kaputt gemacht haben. Da sich die Erdachse verschoben hat, wird es erst nicht dunkel, dann drehen die Haustiere durch, und als es doch endlich Nacht wird, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern. Das ist physikalisch schwer erklärbar, aber welcher Zombiefilm liefert schon eine logische Begründung für das Phänomen? Dass die Menschheit selbst an ihrem Unglück schuld ist, welcher Art auch immer es sein mag, das jedenfalls steht ja wohl außer Frage.

Lieblingslied der jungen Frau in der Mitte: „The Dead Don’t Die“

Im Moment der Katastrophe befinden wir uns in Centerville. Diese Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, besteht aus einer langen Straße mit den wichtigsten Einrichtungen (ein Diner, ein Werkzeugladen, eine Tankstelle, ein Motel) und wird bewacht von einem Polizeitrio, welches sich ein Einraumbüro teilt, in das die Gefängniszellen locker eingebaut sind. So richtig viel zu tun gibt’s nicht, mal ist ein Streit zu schlichten, mal eine Tote aufzubewahren (in einer der Zellen), bis die Bestatterin Zeit hat.

Wie tötet man Untote?

Schnell überschlagen sich die Ereignisse, denn mit einer Zombie-Epidemie war nicht zu rechnen. Polizist Ronald Peterson (Adam Driver) ist schnell klar, dass es nichts anderes sein kann und dass die Sache bestimmt nicht gut ausgehen wird (ein Satz, den er mantramäßig den ganzen Film über wiederholen wird – ob er wohl recht behält?); sein Chef Cliff Robertson (Bill Murray) ist erst skeptisch, dann aber Bill-Murray-mäßig stoisch und unerschrocken. Mindy Morrison (Chloë Sevigny) gibt den unglücklichen und überforderten Gegenpart, schlägt sich aber wacker.

Farmer Miller sucht seine Tiere

Denn natürlich muss die Polizei das Städtchen beschützen, und natürlich weiß Peterson, was zu tun ist: Kopf ab! Hierbei zeigt sich eine erste Spezialität der Jarmuschschen Zombies: Da er sie laut eigener Aussage „bloodless and fluidless“ haben wollte, entweicht nur eine kleine Wolke schwarzer Rauch aus ihren abgetrennten Torsi.

„Kill the Head!“

Noch schöner ist allerdings die Idee, allen Zombies einen eigenen Charakter mitzugeben, indem sie mit dem Wunsch nach etwas, das ihnen auch im Leben viel bedeutete, zum Leben erwachen. Das kann ihr Lieblingsgetränk sein (bei dem einen Kaffee, bei der anderen Chardonnay) oder auch die Suche nach WLAN – und bei dieser Sorte Zombies sieht man gleich, dass sich Jarmusch an echten Menschen orientieren konnte. Wer kennt sie nicht, die Leute, die mit stierem Blick auf ihr Smartphone durch die Straßen schlurfen und den Rest um sich herum vergessen? „We’re all attached to things in the material world and we’re all zombies in one form or another — it’s not a huge stretch that we would yearn for those exact same things if we were re-animated.“ (Carter Logan, der zusammen mit Jarmusch in der Band „SQÜRL“ spielt, die für den Soundtrack dieses Films verantwortlich zeichnet.)

Iggy Pop – Zombie der Herzen

Ein besonderer Blick lohnt sich bei einem der beiden Kaffeezombies. Wer den Trailer gesehen und freudig festgestellt hat „Iggy Pop als Zombie! Was für eine sensationelle Besetzung!“, wartet sehnsüchtig auf den ersten Auftritt – und denkt vielleicht, na, den musste man wohl gar nicht sehr herrichten. Weit gefehlt! Zwar wurde seine Frisur laut Produktionsnotizen weitesgehend unangetastet gelassen, und auch das Make-up ging wohl recht flott von der Hand, nur ein paar Verkrustungen und Melierungen wurden aufgemalt, aber Jarmusch bemerkte: „Iggy looks too healthy to be a zombie, you need to rough him up“. Und so bekam der sehnige, jung gebliebende Körper ein Latex-Airbrush, um alt und tot zu wirken. Umso herrlicher, ihn dann auf der Suche nach Kaffee ins Diner wanken und sich das Zeug kannenweise ins Gesicht schütten zu sehen.

Die Frisur sitzt: Iggy Pop

Der andere Kaffeezombie ist übrigens Sara Driver, die wir als Production Managerin der ersten Jarmusch-Filme „Permanent Vacation“ und „Stranger Than Paradise“ kennen. Die Liste der Promis in kleinen Rollen hört damit nicht auf. Eszter Balint, das zauberhafte Teenagermädchen aus „Stranger Than Paradise“ spielt die Wirtin des Diners. RZA vom Wu-Tang Clan gibt den UPS-, nein WuPS-Fahrer, und Teenie-Star Selena Gomez ist die jugendliche Touristin, die, verzeiht mir den Spoiler, auch als abgeschlagener Zombiekopf noch gut aussieht.

Staraufgebot bis zum Abwinken

Wer möchte nicht in einem Jarmusch-Film mitspielen? Mit einem derart beeindruckenden Cast musste der Film einfach gut werden. Dass Bill Murray jeden Film aufwertet, braucht man gar nicht zu erwähnen. Ähnlich ist es mit Tilda Swinton, die allerdings im Gegensatz zu Murray, der ja doch immer sehr ähnliche, lakonische Rollen gibt, wieder etwas völlig Neues aus dem Hut zaubert: Bestatterin Zelda Winston ist freundlich, aber extrem seltsam – was ihre Umgebung einfach damit erklärt, dass sie Schottin sei. Ach so. Warum sie allerdings überirdisch gut mit dem Samuraischwert umgehen kann, darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Aufmerksam und weise: Hermit Bob

Steve Buscemi! Wie viele Kotzbrocken hat der schon gespielt, und nun kommt ein neuer hinzu. Als rassistischer, polemischer Farmer mit „Keep America White Again“-Baseballkappe überzeugt er ebenso wie Tom Waits, der mit zunehmendem Alter ein immer besserer, weil immer kauzigerer Schauspieler wird. Sein „Hermit Bob“ lebt im Wald und beobachtet das Geschehen in Centerville mit Abstand – und Weisheit. Seine Erzählstimme bleibt im Gedächtnis.

Centerville und andere Nettigkeiten

Hallo Musikfans, klingelt’s beim Namen „Centerville“? Genau. Im Musikfilm „200 Motels“ über das Tourleben einer Rockband beschreibt Frank Zappa den Ort Centerville, durch den sie auf ihrer Fahrt kommen, als „A Real Nice Place to Raise Your Kids Up“, und als Hommage platziert Jarmusch den Slogan „A Real Nice Place“ auf dem Ortsschild von Centerville. Nice!

Zelda kann mit einem Schwerthieb mehrere Zombies niederstrecken

Der Titelsong „The Dead Don’t Die“ des traditionellen US-Countrysängers Sturgill Simpson begleitet uns durch den Film. Er läuft im Radio, die CD gibt’s in der Tanke zu kaufen, und dann läuft er erneut im Auto. Dafür gibt es Gründe … Und auch hier gibt es eine zauberhafte Anekdote: Der Zombie, der „Guitar!“ murmelnd sein Saiteninstrument hinter sich her zieht, wird natürlich von Simpson verkörpert.

„Having already appeared in what I consider to be the greatest zombie movie of all time, ,Zombieland‘, I felt like ,The Dead Don’t Die‘ could almost typecast me. Maybe I’ll become synonymous with the zombie horror genre!“ (Bill Murray, mit Chloë Sevigny und Adam Driver)

Besonderen Spaß machen einige Textpassagen auf der Metaebene, die hier nicht zitiert werden sollen, um selbigen nicht zu verderben. Einfach selbst gucken und freuen!

Sinn und Unsinn

Einige Kritiken, die man im Netz schon über „The Dead Don’t Die“ finden kann, fragen nach dem Sinn des Films. Da kann man sich diverse schöne Sachen ausdenken: der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, allgemein die Lage der Nation Amerika, vielleicht auch zeigen, dass es Menschen gibt, die auch in der größten Katastrophe nicht den Humor verlieren. In den Produktionsnotizen ist zu lesen, der Film wolle die inhaltliche Interpretation komplett dem Publikum überlassen – warum auch nicht, schließlich funktionieren viele Kunstwerke so. Und ganz vielleicht hatten Jim Jarmusch und sein illustres Team auch einfach Bock drauf, einen guten Zombiefilm zu drehen. Das ist gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Tilda Swinton unter Schauspielerinnen, Filme mit Steve Buscemi, Adam Driver und Bill Murray in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Dead Don’t Die
USA/SWE 2019
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Iggy Pop, Selena Gomez, Danny Glover, Rosie Perez, RZA, Caleb Landry Jones, Austin Butler, Eszter Balint, Carol Kane
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Anja Rohde

Filmplakate & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH, Szenenfotos: © 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 
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Verfasst von - 2019/06/10 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Terry Gilliam (III): The Man Who Killed Don Quixote – Was lange währt, wird endlich gut

The Man Who Killed Don Quixote

Kinostart: 27. September 2018

Von Lutz R. Bierend

Tragikomödie // Bewirbt ein Verleih einen Terry-Gilliam-Film mit „Jetzt endlich bald im Kino“, dann steckt da schon ein wenig Ironie drin und im Falle von „The Man Who Killed Don Quixote“ auch eine Menge Wahrheit. Seit fast 30 Jahren brodelt die Gerüchteküche, Terry Gilliam wolle „Don Quixote“ adaptieren. Nach dem Kinostart von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ (1988) plante er mit dessen Ko-Produzent Jake Ebert die Verfilmung des Klassikers von Miguel de Cervantes. 20 Millionen Dollar sollte der Spaß kosten, aber nachdem Münchhausen völlig zu Unrecht an der Kinokasse gefloppt war und Terry Gilliam erkannt hatte, dass die beiden Bücher von Cervantes mit dem vorgesehenen Budget unmöglich nach seinen Vorstellungen umgesetzt werden konnten, schob er das Projekt auf und drehte er erst einmal „König der Fischer“ („The Fisher King“, 1991), „12 Monkeys“ (1995) und„Fear and Loathing in Las Vegas“, (1998), bevor er sich der Don-Quixote-Geschichte erneut zuwandte. Diesmal mit dem Drehbuch „The Man Who Killed Don Quixote“ welches nicht mehr zur Originalzeit der beiden Bücher spielen sollte.

Tiefflieger und der Hamster-Faktor

Der Regisseur erklärt: „Nachdem ich begriffen hatte, dass ich Don Quixote nicht so verfilmen konnte, wie Cervantes es geschrieben hatte, fragte ich mich, ob ich einen Film machen konnte, der die Essenz von Quixote vermittelte, ohne die Bücher einzubeziehen.“ Die Produktion begann im Jahr Herbst 2000 mit Jean Rochefort und Johnny Depp in den Hauptrollen. Die Crew hatte nicht nur mit einer Springflut zu kämpfen, die einen Großteil der Requisiten zerstörte. Der Lärm von Tieffliegern machte Aufnahmen fast unmöglich, und am fünften Tag musste Jean Rochefort den Dreh abbrechen, weil ihm massive Schmerzen das Reiten unmöglich machten. Dazu sei angeführt, dass Terry Gilliam für den Hamster-Faktor berühmt ist. Das ist (nach der gleichnamigen Dokumentation „The Hamster Factor and Other Tales of Twelve Monkeys“) ein kaum zu bemerkendes und unberechenbares Detail, durch welches bei Gilliam eine zehn-Sekunden-Einstellung ganze Drehtage verschlingend lässt. Bei „12 Monkeys“ ist dieses Detail ein als Schattenriss im Bild kaum wahrnehmbarer Hamster, der einfach nicht in seinem Laufrad rennen wollte, während Bruce Willis eine Blutprobe nimmt. Selbst unter guten Bedingungen ist Terry Gilliam bekannt dafür, dass Drehtage und Budget bei ihm selten innerhalb der Planung bleiben. Kein Wunder also, dass die Produzenten nach so einem Start am sechsten Tag die Reißleine zogen. Die Dokumentarfilmer Keith Fulton und Louis Pepe begleiteten Gilliam bei seinem Höllentrip und erstellten dabei die sehenswerte Dokumentation „Lost in La Mancha“, (2002).

Kurz vor dem Ende ihrer Odyssee: Werbefilmer Toby und „Schuhmacher“ Don Quixote

Acht Jahre dauerte es, bis Gilliam das Drehbuch erneut anfasste und in den folgenden Jahren überarbeitete, weitere neun Jahre, bis die Geschichte am 19. Mai 2018 schließlich die Leinwand von Cannes erreichte und dort zu Recht gefeiert wurde. Nun kommt „The Man Who Killed Don Quixote“ auch hierzulande „bald endlich ins Kino“. Mit Cervantes Originalromanen hat diese Geschichte nichts mehr zu tun, aber das muss ja kein Nachteil sein.

Werbefilmer gerät in Sinnkrise

Erzählt wird die Geschichte des erfolgreichen jungen Werberegisseurs Toby (Adam Driver). Er soll einen Werbespot drehen, in dem Don Quixotes Kampf gegen die Windmühlen beim Verkauf von Versicherungen helfen soll. Budget ist ausreichend vorhanden, um den Spot an Originalschauplätzen in La Mancha umzusetzen. Aber Toby steckt in einer kreativen Krise. Nichts läuft wie geplant. Am Abend sitzt das Team beim Essen, als Toby einen Zigeuner entdeckt, der Raubkopien seines Debütfilms „The Man Who Killed Don Quixote“ verkauft. Der Film war Tobys jugendlich idealistisches Abschlusswerk für die Filmhochschule, welches er in einem kleinen Dorf unweit ihres jetzigen Drehorts realisiert hatte. Er sollte ihm die Tore zur großen Kunst öffnen. Toby gewann damit einen Festivalspreis, und dann klopften die Werbeagenturen an die Tür. Das leichte Geld der Werbung war verführerischer als die schlechte Bezahlung als freischaffender Filmemacher, der wie ein Welles oder Gilliam seine Vision gegen Produzenten und widrige Drehumstände verteidigt. Hier muss Toby nur seinen eigenen #MeToo-Moment ertragen, wenn die Ehefrau Jaci (Olga Kurylenko) seines Geldgebers (Stellan Skarsgård) meint, als Frau vom Boss habe sie ein Anrecht auf sexuelle Befriedigung durch Toby, während sich ihr Mann mit potenziellen Geschäftspartnern beschäftigt.

Ein wenig romantisches Wiedersehen mit Jugendliebe Angelica

Am nächsten Tag verschwindet Toby vom Set und besucht das Dorf, in dem er sein Frühwerk gedreht hat. Alles sieht fast noch aus wie vor Jahren. Der Wirt, dessen Tochter Angelica (Joana Ribeiro) in dem Film mitgespielt hatte, ist alles andere als begeistert davon, Toby zu sehen: Seine Tochter habe sich von dem jungen Mann Flausen über eine Filmkarriere in den Kopf setzen lassen und sei jetzt eine Hure, so berichtet er. Der Sancho-Pansa-Darsteller ist tot, und der alte Schuhmacher (Jonathan Pryce), den sie für die Rolle des Don Quixote gewonnen hatten, hat sich durch die Rolle offensichtlich zu sehr mit den Idealen des Rittertums identifiziert und sein Filmkostüm nie wieder abgelegt. Toby entdeckt den Schuhmacher auf einem Bauernhof, wo er als „der echte Don Quixote“ für die Touristen gefangen gehalten wird, die ihn für ein paar Euro als Attraktion bewundern können. Als Toby auf dem Landgut auftaucht, hält Don Quixote ihn für Sancho Pansa. Im Gerangel mit der Bäuerin, die befürchtet ihre Einnahme zu verlieren, geht der Bauernhof in Flammen auf und Toby flieht.

Wiedersehen mit der Jugendliebe

Am nächsten Tag taucht die Polizei am Set auf. Toby soll zum Polizeirevier gebracht werden, um zu den Vorfällen auf dem Bauernhof auszusagen. Auf dem Weg begegnen sie wieder dem Schuhmacher, der in der Überzeugung Don Quixote zu sein, seinen edlen Sancho Pansa aus den Fängen der Polizei befreit. Es beginnt eine Odyssee, der beiden durch die Landstriche von La Mancha, bei denen er auch Angelica wieder begegnet. Sie ist die Mätresse des russischen Oligarchen Alexei (Jordi Mollà). Keine Hure im eigentlichen Sinne, aber sie hat sich trotzdem kaufen lassen – ein wenig Sex und Erniedrigung für ein Leben im Luxus. Irgendwo ist doch jeder käuflich, selbst Tobys Boss, der große Geschäfte mit Alexei wittert. Toby wird mit vielen Fehlern seines Lebens konfrontiert, und muss sich entscheiden, ob er diese korrigieren will oder sich lieber weiter in die Bequemlichkeit des großen Geldes von Männern wie seinem Boss oder Alexei ergibt.

Gefällt sich in der Rolle als Mann von La Mancha

Hat sich das warten gelohnt? Zugegeben, der einzige Ex-Monty-Python, der nach dem Ende der BBC-Comedy-Serie eine eigene künstlerische Stimme entwickelt hat, macht es seinem Publikum nicht immer einfach. Die meisten seiner Filme weiß man eigentlich immer erst nach dem zweiten Sichten wirklich zu schätzen, wenn man ungefähr weiß, wohin die Reise geht, auf die man mitgenommen wird. Beim ersten Mal zieht Gilliam seine Zuschauer schnell in den Drogenrausch seiner Hauptfiguren, wie in „Fear and Loathing in Las Vegas“, oder lässt sie an ihrem Verstand zweifeln, wie James Cole aus „12 Monkeys“ oder Jack Lukas in „König der Fischer“. Gilliams Filme wirken wie wunderschön komponiertes Chaos, bei dem man – wie in „Brazil“ (1985) deutlich wird – sehr aufpassen muss, um all die kleinen Details mitzubekommen, die aus dem absurden Chaos eine sinnvolle Geschichte machen. Beim zweiten Mal wird es einfacher. Dann kann man sich zurücklehnen und diese Reise in Gilliams aberwitzige Welten genießen. Und jedes Mal entdeckt man neue Details.

Abschluss von Terry Gilliams Fantasie-Trilogie

„The Man Who Killed Don Quixote“ ist ein perfekter Epilog für Gilliams informelle Fantasie-Trilogie, die aus „Time Bandits“ (1981), „Brazil“ und „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ besteht. In dieser hat sich Terry Gilliam mit den unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Fantasie beschäftigt. In „Time Bandits“ wird der kleine Kevin durch seine Fantasie in wilde Abenteuer getrieben. In „Brazil“ lernt Sam Lowrie sie zu nutzen, um einer unerträglich gewordenen Realität zu entfliehen. Beim Baron Münchhausen beherrscht der alte Titelheld sie, um eine unerträgliche Realität zu verändern und damit die Belagerung der Stadt durch die Türken zu beenden. Es ist eigentlich auch ein schönes Statement, dass Don Quixote nun vom selben Darsteller wie Sam Lowrie gespielt wird. Der hat jetzt seinen Lehrling gefunden, der ganz dringend lernen muss, seine Fähigkeiten sinnvoller zu nutzen als in der Werbebranche.

Nichts will beim Dreh funktionieren

In „The Man Who Killed Don Quixote“ geht Gilliam erstaunlich freundlich mit dem Zuschauer um. Die Geschichte von Toby bietet gutes Identifikationspotenzial, um bereits beim ersten Mal mitzureißen. Alle, die mit Idealismus in ihr Berufsleben gestartet sind, um etwas Großes zu machen, und dann irgendwann feststellen mussten, dass sich die Miete und der Lebensunterhalt für die Familie schwer mit großen Idealen finanzieren lassen, werden sich schnell angesprochen fühlen. „The Man Who Killed Don Quixote“ weiß diese Melancholie einzufangen, die wir bei der Erkenntnis verspüren, dass wir uns unsere Zukunft ganz anders vorgestellt haben, ohne dabei rührselig oder verzweifelt zu werden. Der Film ermutigt uns, all die wohlmeinenden Zuredner zu ignorieren, welche die Jugendlichen heute gern belehren: „Aber wie willst du dir denn damit mal deinen Lebensunterhalt verdienen oder dir irgendwann einmal etwas leisten?“

Die Schaffenskraft der Verrückten

„The Man Who Killed Don Quixote“ zeigt, welche Kraft in Zielen, Idealen und Utopien steckt – Niederlagen und Prügeln zum Trotz. In dieser Hinsicht hat Terry Gilliam es tatsächlich geschafft, den Geist von Don Quixote großartig auf die Leinwand zu bringen. Um es mit Steve Jobs zu sagen: „Diejenigen, die die Dinge anders sehen — sie halten nichts von Regeln und respektieren den Status quo keineswegs … Du kannst sie zitieren, anderer Meinung sein als sie. Du kannst sie glorifizieren oder sie herabwürdigen, aber das einzige, was du nicht tun kannst ist, sie zu ignorieren, weil sie die Dinge nämlich verändern … Sie bringen die menschliche Rasse weiter und obwohl andere sie als die Verrückten sehen, sehen wir sie als Genies. Denn diejenigen, die verrückt genug sind, zu denken, dass sie die Welt ändern könnten, werden diejenigen sein, die es tatsächlich tun.“

Das klingt so, als hätte Mister Jobs „Don Quixote“ mit Terry Gilliams Augen gelesen. Don Quixote ist tot. Lang lebe Don Quixote.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Olga Kurylenko, Adam Driver und Jonathan Pryce unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Zum Glück findet gerade ein Kostümball statt

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Man Who Killed Don Quixote
SP/BEL/F/POR/GB 2018
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni
Besetzung: Adam Driver, Jonathan Pryce, Stellan Skarsgård, Olga Kurylenko, Joana Ribeiro, Óscar Jaenada, Jason Watkins, Sergi López, Jordi Mollà, Paloma Bloyd
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

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