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Tödlicher Irrtum – Stich in ein Wespennest

Ordeal by Innocence

Von Tonio Klein

Krimi // Cannon Films – das Schmuddelstudio, das in den 80er-Jahren einen gewissen Kultstatus erlangte, mit dem man heute dreckige Actionfilme verbindet, immer hart am Rande des Bahnhofskino-Charmes. Die israelischen Produzenten Menahem Golan und Yoram Globus waren mit der Teenie-Sexkomödie „Eis am Stiel“ (1977) zu Geld und mehr oder minder Ruhm gekommen und kauften 1979 die Gesellschaft, um in den USA Fuß zu fassen, wo sie Mimen wie Charles Bronson und Chuck Norris prügeln und schießen ließen. Ab und an schmuggelte sich aber auch Ambitionierteres in das Gesamtwerk, wie die Bukowski-Adaption „Barfly“ (1987) mit Mickey Rourke und Faye Dunaway. Sie ist auch in „Tödlicher Irrtum“ dabei, der ebenfalls eine Perle des Studios ist.

Was ist ein Whodunit?

Agatha Christie hat ihren 50. Roman „Ordeal by Innocence“ besonders geschätzt, der in Deutschland 1960 unter dem Titel „Feuerprobe der Unschuld“ gekürzt erstveröffentlicht und erst 1986 als „Tödlicher Irrtum“ in ungekürzter Fassung neu aufgelegt wurde. Dem Vernehmen nach bleibt der Film der Vorlage einigermaßen treu (ich habe sie nicht gelesen). Und das Unterfangen gelingt hervorragend. Der „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki meinte einmal, er schätze Kriminalgeschichten nicht, weil ihn die Suche nach dem Mörder nicht interessiere. Da hatte er in zweifacher Hinsicht einen arg verengten Blick: Zum einen reduziert er „Krimi“ unzulässigerweise auf das insbesondere von Christie geprägte Subgenre des „Whodunit“, wozu auch dieser Film zu rechnen ist. Zum anderen geht es in den besseren Exemplaren der Gattung nicht ausschließlich um das Herausfinden der Mörder-Identität. Sondern um einen scharfen Blick auf eine große Sippschaft (oftmals im Wortsinne, also familiär verbandelt), die ein Mikrokosmos der Gesellschaft oder zumindest eines Ausschnitts hiervon ist. Zudem finden Täuschungen der Hauptfigur wie des Zuschauers statt. Beide werden mit Vorurteilen und vorschnellen Gewissheiten konfrontiert, versuchen sie zu durchschauen, werden vor der Auflösung aber auch zu ihrem Opfer. Von daher eignet sich Christie besonders gut für das Medium Film. Können wir glauben, was wir sehen? Was geschah wirklich zwischen den Bildern? Billy Wilders Adaption „Zeugin der Anklage“ (1957) lebt davon, wie die Charles-Laughton-Figur getäuscht – und benutzt – wird, weil sie nur sieht, was sie sehen will. Mit dieser Möglichkeit spielt auch „Tödlicher Irrtum“, der uns am Anfang eine Gewissheit suggeriert, wobei wir aber nie so ganz sicher sein können, ob der Plot Twist nicht doch noch kommt.

Der Mörder ist immer der Gärtner?

Der US-amerikanische Paläontologe Prof. Dr. Calgary (Donald Sutherland) kommt 1958 nach langer Expedition nach England, um Jack „Jacko“ Argyle (Billy McColl) dessen Adressbuch zurückzugeben. Es war, nachdem Calgary ihn im Wagen mitgenommen hatte, dort liegengeblieben und versehentlich auf die große Reise gegangen. Doch Jackos Vater Leo (Christopher Plummer) teilt Calgary mit, dass Jacko für den Mord an seiner Mutter Rachel (Faye Dunaway in Rückblenden) hingerichtet wurde. Nun weiß Calgary, der sich wegen seiner Abfahrt zur Expedition Tag und Zeit genau merken konnte, dass Jacko zur fraglichen Zeit bei ihm im Auto saß. Unter anderem, weil er von alldem nichts mitbekommen hatte und somit das Alibi nicht rechtzeitig liefern konnte, ist es ihm ein Anliegen, den Fall posthum wieder aufzurollen – zumal der wahre Mörder ein Insider (also ein Familienmitglied oder ein Angestellter) sein muss, der noch frei herumläuft. Bloß rennt er nicht nur bei der Polizei, sondern auch bei den wenig sympathisch und großenteils umso selbstherrlicher wirkenden Familienmitgliedern gegen Wände. Offenbar ist allen recht, dass Jacko als Opfer gefunden wurde, dem kriminelles Verhalten nachgesagt wird und der ein Enfant terrible der gutbürgerlichen Sippschaft war. Inspector Huish (Michael Elphick) gibt ganz unumwunden zu, froh gewesen zu sein, gerade Jacko die Untat anhängen zu können, sodass er gar nicht erst in eine andere Richtung ermittelt hatte.

Das Drehen und Wenden von (Mosaik-)Steinen

Agatha Christie hat sich zeitlebens sehr für die Altertumsforschung interessiert, was in Romanen wie „Tod auf dem Nil“ durchscheint – und was ja auch eine Art von detektivischer Spurensuche ist. Hier nun die Paläontologie, was der Film geschickt einbindet. Calgary sagt der 14-jährigen Hester (Valerie Whittington), der jüngeren Schwester Jackos, er untersuche Steine und könne dann erklären, wie die Welt vor fünf Millionen Jahren ausgesehen habe. Sie gibt ihm einen Stein und bittet ihn, herauszufinden, wie der Mord vor zwei Jahren geschehen ist und wer ihn begangen hat. Diesen Stein wird Calgary noch mehrere Male betrachten und herumdrehen, und seine Befragungen werden natürlich „keinen Stein auf dem anderen lassen“. So wie die kleine „Coronado Productions“ es in Filmen der 1950er-Jahre tat, lässt dieser Film einen US-Amerikaner in England zum Hobbydetektiv werden (in den 1970er-Jahren war das eine wie das andere, nur mit einem Ausländer in Italien, übrigens ein wiederkehrendes Motiv in Filmen Dario Argentos). Auch deswegen wird er seiner Umgebung und wird ihm seine Umgebung immer etwas fremd bleiben. Obwohl Donald Sutherland aus Kanada statt aus den USA stammt, ist er zum Ausdruck dieser Fremdheit hervorragend besetzt, wenn er sich schon physisch (ungewöhnlich groß, scharfkantiges, schmales Gesicht mit grüblerischem, zerfurchtem Ausdruck) von seiner Umgebung abhebt. Sprachlich übrigens auch, was gezwungenermaßen ein wenig durch die Synchronisation verlorengeht. Was aber als scheinbar nicht zusammenpassend erhalten bleibt, ist die Kombination der typischen englischen Bilder (Nebel, Herrenhaus, Pferde, Jagdwaffen etc.) mit einem Jazz-Soundtrack des Dave Brubeck Quartet. Als nach dem Vorspann Calgary auf dem Argyle-Anwesen angekommen ist, sind die Bilder besonders archetypisch, der Nebel wabert, das Käuzchen heult in der Dämmerung, und das Schlagzeug ist besonders aggressiv. So hat man das noch nie gesehen und gehört, und es deutet sich an: Da kommt was auf die Argyles zu, da wird die scheinbare Idylle gewaltig gestört.

Es bleibt nicht bei dem Mord in der Vergangenheit

Solche Störungen wird es immer wieder geben, wobei Calgary, der Aufwühler, auch zum Aufgewühlten wird. Es folgt Privatverhör auf Privatverhör, die Maske der Bürgerlichkeit wird heruntergerissen, die Versuche, Calgary einzuschüchtern, sind von süffisanter Boshaftigkeit, wobei sich insbesondere zwei Personen hervortun: Leo, vom im Februar 2021 verstorbenen Christopher Plummer hervorragend gespielt, dessen selbstsicheres schmallippiges Lächeln immer auch Bedrohung ist, was er gern einmal durch demonstrativen Schusswaffeneinsatz unterstreicht. Und seine Sekretärin wie Geliebte Gwenda (Diana Quick), die so kühl wie geschickt mit einer historischen Pistole auf eine Schießscheibe feuert. Wozu Leo gegenüber Calgary bemerkt, es handele sich um eine Waffe der Art, mit der Abraham Lincoln ermordet wurde, „ein Mann, der sich sehr für die Gerechtigkeit eingesetzt hat“.

Schießübungen als Fingerzeig

Der Film geht aber weit über diabolische Freude an solchen Gemeinheiten hinaus. Wer in ein Wespennest sticht, kann selbst gestochen werden. Geschickt wird übrigens der Inspector, dessen negativ-engstirniger Konnotation wir nicht trauen dürfen, etwa gegen Mitte des Films beiläufig etwas sagen, das die Essenz der Lösung schon enthält. Auch wenn wir da noch nicht im Detail drauf kommen können. Und so ist dieser Whodunit eigentlich gar kein so richtiger. Den Täter wird Calgary, das kann verraten werden, am Ende durch pures Ausschlussverfahren herausfinden – vielleicht nicht die knackigste der möglichen Lösungen. Aber geht es so sehr um das Wer? Nein, eher um das Warum, um die Begleitumstände und vor allem darum, was das mit Calgary, aber auch den anderen Mitgliedern der Entourage anrichtet. Calgary und uns wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Das funktioniert zeitlos, wie kürzlich auch der meisterliche, Christie-inspirierte „Knives Out – Mord ist Familiensache“ (2019) gezeigt hat, ebenfalls mit Christopher Plummer, in einer seiner letzten Rollen. Die sternförmig angeordneten Handfeuerwaffen in Leos Schrank, die Calgary schon beim ersten Besuch einschüchtern, haben mich übrigens an die Messersammlung in „Knives Out“ erinnert, aber ob das eine direkte Inspiration war, ist mir nicht bekannt.

Die zahlreichen Menschen, die Calgary trifft, werden überwiegend von Briten verkörpert. Dass Faye Dunaway eine US-Amerikanerin ist, stört nicht: Die Schöne, aber Kühle ist nur in Schwarz-Weiß-Rückblenden zu sehen, dort wirkt sie stets wie nicht mehr so ganz von dieser Welt, ätherisch, unnahbar – und damit perfekt. Ihre Figur, die gemeuchelte Familienpatriarchin (der Duden kennt dieses eigentlich anachronistische Wort wie der Jurist das „herrenlose Damenfahrrad“) Rachel, ist noch stärker als Leo das Sinnbild der falschen Fassade: Rachel hatte im Krieg die Wohltäterin gegeben und ein „Waisenhaus“ geführt, wobei die Bewohner nur von ihren Eltern wegen Evakuierungen getrennt waren – und teils nicht wieder zurück sollten. Wir erfahren, dass Rachels und Leos zahlreiche Kinder sämtlich adoptiert wurden, als reine Statussymbole und Lehm, aus dem die selbsternannte Göttin Rachel Menschen nach ihrem Bild zu formen gedachte. Dass aber auch hier keine Einseitigkeit herrscht, sehen wir an der erschreckendsten und berührendsten Rückblende, in der der kleine Jacko buchstäblich von seiner Mutter verkauft wird, weil diese zu arm sei, dem Kind eine Zukunft zu bieten. Die Mutter hätte das Geld gern in bar, guckt gierig. Wenn Rachel die Summe herüberschiebt und wir erfahren, wie lächerlich gering sie angesichts eines solchen Schritts ist, geht das wirklich unter die Haut (was nicht heißen soll, dass das ansonsten in Ordnung wäre).

Fluchten und Ausflüchte

Der Film reichert sein Panorama mit wohldosiertem Thrill und einem Hauch schlüpfrigen Humors in Gestalt der offenherzigen Kino-Platzanweiserin Maureen Clegg (Cassie Stuart) an. Es dürfte eher Letzteres für die Freigabe erst ab 16 Jahren verantwortlich sein, da Maureen, Witwe von Jacko, ersichtlich nicht unangenehme Erinnerungen daran hat, dass Jacko auch mal zuschlagen konnte. Und einmal liegt sie nackt in Calgarys Bett und lüftet aus eindeutigen Motiven die Bettdecke. Doch auch diese Figur ist mehr als nur eine Prise Sex und Spaß für alle, die sich bei dem natürlich sehr dialogbetonten Film langweilen könnten. Maureen wird nämlich zu einem wichtigen Schlüssel zur Lösung, als ihre Aussage zeigt, dass speziell eine Person – sie steht für viele – der bedrückenden Enge des England im Jahre 1958 entfliehen wollte. Im konkreten Fall durch heimliche Besuche nicht jugendfreier Filme. Und wenn man sich einmal das Kinoprogramm an der Außenwand ansieht, wird der Wunsch nach einem Ausbrechen in andere Welten bestätigt: Da läuft beispielsweise ein Film mit der Verlockung Brigitte Bardot, sowie „Mogambo“ (1953) – schwüle Begierden unter der sengenden Sonne Afrikas. Die Lust des „verbotenen“ Blicks, wie sie nur das Kino bieten kann, wie sie aber auch (eher mit Schrecken als mit Lust) in die Realität einbrechen wird. Auf solche Details im Bildhintergrund zu achten ist wichtig. Auf eine andere Art stellt sich der Nonkonformist Mickey (auch ein Adoptivsohn) seiner Sozialisation entgegen: Er führt nicht nur ein Leben in selbstgewählter Bescheidenheit und teilt das Bett mit Stiefschwester Tina, sondern hat sein Heim mit Anti-Atombomben-Motiven geschmückt, mitten im Kalten Krieg.

Last but not least sei erwähnt, dass der gediegene Look mitunter auch etwas expressiveren Farben und Gegenlichtspiegelungen auf nächtlichen Straßen weicht. Der Film wird zum Neo-Noir. In einer Schatten-und-Gegenlicht-Erpresserszene in den Schwarz-Weiß-Rückblenden ist er sogar klassischer Film noir. Und das alles in einem Werk von Desmond Davis, bei dem ich zugegebeneraßen nachschlagen musste – neben vielen Fernseharbeiten immerhin der Fantasy-Erfolg „Kampf der Titanen“ (1981). Inwieweit Davis eine „Handschrift“ hat, vermag ich nicht zu sagen, aber egal, ob nun ihm oder dem Kollektiv die Qualität zu verdanken ist. Ein äußerst reichhaltiges und im Großen und Ganzen wie im Detail aufmerksames Werk, bei dem man narrativ nie den Überblick verliert, aber eben doch auf geniale Weise massiv verunsichert wird. Es ist schön, dass Pidax diesen Schatz gehoben hat, wobei verziehen sei, dass die kleine Rolle Faye Dunaways durch den Aufdruck ihres Konterfeis auf der Scheibe überbetont wird. Gut ist hingegen die ansprechende, aber nicht übermäßig aufgehübschte Bildqualität. Über ihr wie über dem ganzen Film liegt eine Verschwommenheit, die ein Magengrummeln verursacht – im allerbesten Sinne.

Keine Hauptrolle, und nur in Schwarz-Weiß zu sehen: Faye Dunaway als Rachel

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Faye Dunaway haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Christopher Plummer und Donald Sutherland haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. April 2021 am DVD

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Ordeal by Innocence
GB 1984
Regie: Desmond Davis
Drehbuch: Alexander Stuart
Besetzung: Donald Sutherland, Faye Dunaway, Christopher Plummer, Sarah Miles, Ian McShane, Diana Quick, Annette Crosbie, Michael Elphick, George Innes, Valerie Whittington, Phoebe Nicholls, Michael Maloney, Cassie Stuart, Anita Carey, Ron Pember, Kein Stoney, John Bardon, Brian Glover, Billy McColl
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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Tödliche Parties – Hercule Poirot in Acapulco

Murder in Three Acts

Von Ansgar Skulme

Krimi // Hercule Poirot (Peter Ustinov) und sein Hobby-Assistent Hastings (Jonathan Cecil) nehmen in Acapulco an einer Party auf dem Anwesen des Schauspielers Charles Cartwright (Tony Curtis) teil. Bei dem Freudenfest kommen nicht alle Gäste mit dem Leben davon, aber zunächst scheint es keine Hinweise auf unlautere Umstände zu geben. Als Cartwright Poirot später von einem zweiten Todesfall in Kenntnis setzt, der zur ersten Tat zu passen scheint, wird der belgische Meisterdetektiv misstrauisch – und wenn er einmal ins Grübeln gekommen ist, gibt er so schnell keine Ruhe mehr.

Peter Ustinov verkörperte den von Agatha Christie ersonnenen Ermittler Hercule Poirot in insgesamt sechs Filmen. Diese wurden im Zeitfenster von 1978 bis 1988 veröffentlicht. Für die beiden Kinoerfolge „Tod auf dem Nil“ (1978) und „Das Böse unter der Sonne“ (1982) zeichneten die Produzenten John Brabourne und Richard B. Goodwin verantwortlich, die mit „Mord im Orient-Express“ (1974) und dem Miss-Marple-Film „Mord im Spiegel“ (1980) seinerzeit zwei weitere berühmt gewordene Christie-Verfilmungen realisierten. In „Mord im Orient-Express“ war allerdings noch nicht Peter Ustinov als Poirot zu sehen, sondern Albert Finney, der die Rolle mit aufwendigem, unbequemem Make-up in der Hitze Ägyptens für „Tod auf dem Nil“ aber nicht noch einmal spielen wollte und daher von Ustinov ersetzt wurde. Die Drehbücher zu Ustinovs ersten beiden Einsätzen als belgischer Meisterdetektiv verfasste Anthony Shaffer, dessen Bedeutsamkeit für die Handschrift und den Erfolg der Ustinov-Poirots im Kino man spätestens feststellt, wenn man sich auch Ustinovs letzten Einsatz in „Rendezvous mit einer Leiche“ (1988) ansieht; für den wurde Shaffer, trotz neuen Produzenten-Gespanns, noch einmal reaktiviert, um sich am Drehbuch zu beteiligen. Der Regisseur war in allen sechs Poirot-Filmen mit Peter Ustinov jeweils ein anderer, aber Shaffer hat den drei Kinofilmen als Drehbuchautor unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt.

Ungewöhnliche Sprünge

Zwischen Ustinovs zweitem und drittem Kinofilm als Poirot entstanden allerdings noch drei Fernsehfilme, mit wiederum anderen Produzenten und Drehbuchverantwortlichen: „Mord à la Carte“ (1985), „Mord mit verteilten Rollen“ (1986) und „Tödliche Parties“ (1986). Eine Besonderheit ist hierbei nicht nur, dass ein und derselbe Schauspieler einen klassischen Ermittler zunächst im Kino, dann im Fernsehen und dann noch einmal im Kino verkörperte, sondern auch, dass die Fernsehfilme in die damalige Zeit, also die 80er-Jahre, verlegt wurden, während sich die drei Kinofilme an den Vorgaben der Romane orientieren. Peter Ustinov war offenkundig bereits in seinem dritten von sechs Filmen so fest mit der Rolle verwachsen, dass er als fleischgewordener Poirot gewissermaßen über sämtlichen Zeit- und Budgetsprüngen stand.

Poirot (r.) lässt niemals locker

Nachdem die Kinofilme schon längere Zeit in Deutschland auf DVD erhältlich waren, wenn auch aufgrund des von den ersten beiden Filmen abweichenden Produktionshintergrunds des letzten Films „Rendezvous mit einer Leiche“ nicht alle aus einer Hand, hat Pidax Film einmal mehr eine Lücke inmitten einer Reihe von Detektivfilmen geschlossen und die drei Poirot-Fernsehfilme mit Peter Ustinov in Deutschland auf DVD veröffentlicht. Dass man im Hause Pidax akribisch darum bemüht ist, den Fans so viele fehlende Filme und Serien wie möglich mit bekannten Spürnasen in den Hauptrollen zugänglich zu machen und dabei jede noch so kleine Lücke zu schließen, sollte mittlerweile jedem Fan bekannt sein. Den Poirot-TV-Filmen mit Ustinov ist das gegenüber Kino-Einsätzen geringere Budget zwar natürlich anzumerken, nicht nur weil sich weniger Zeit genommen wurde, die Nebenrollen prägnant zu zeichnen, aber dennoch sind sie, aufgrund der Darbietungen von Peter Ustinov und einiger sehenswerter Gaststars und Nebendarsteller, alles andere als vertane Zeit und unterhaltsam.

Energisch auf mehreren Ebenen

Der Atmosphäre der Kinofilme kommt die zweite der drei TV-Produktionen, „Mord mit verteilten Rollen“, eindeutig am nächsten. Dennoch empfand ich auch den abschließenden Fernsehteil „Tödliche Parties“ als bereichernd, da mir zum Beispiel einige melancholische Untertöne, aber auch die Verlegung der Handlung des Romans nach Acapulco gefielen. Zudem gehört die finale Szene, in der die Verantwortlichkeit für das Morden geklärt wird, mitsamt der gut gespielten Reaktion der entlarvten Person zum Besten, was die Ustinov-Poirots dahingehend hervorgebracht haben. Unter anderem gibt es da einen kurzen Moment, in dem auch Poirot überrascht wirkt, da ihm die Hände, an denen im übertragenen Sinne Blut klebt, plötzlich so gefährlich nahekommen, dass es auch um ihn selbst hätte geschehen sein können. Ein guter Kniff mit Kloß im Hals. Die drei Fernsehfilme sind im Allgemeinen wesentlich mehr als die Kinofilme mit Blick auf Witzeleien inszeniert, zumal Poirot hier einen kuriosen Sidekick mit Stan-Laurel-Gedächtnisdauergrinsen namens Hastings mit sich schleift, der permanent den Eindruck macht, mit Hilfe seiner Finger möglicherweise eigenständig bis zehn zählen zu können, wodurch sich zwischen dem Superhirn und seinem tapsigen Gehilfen eine kuriose Zweisamkeit entspinnt, die immer wieder für alberne Absonderlichkeiten sorgt. Peter Ustinov konnte so etwas auch einfach ganz wunderbar spielen. Dennoch kommen aber nun einmal die abgründigen Untertöne in den Geschichten nicht unter die Räder – und das ist nicht unwesentlich für das Gelingen der Filme. Die finale Abrechnung in „Mord mit verteilten Rollen“ ist ebenfalls ziemlich gelungen inszeniert und gespielt.

„Tödliche Parties“ war die erste Verfilmung des Agatha-Christie-Romans „Three Act Tragedy“. Der Originaltitel des Films „Murder in Three Acts“ wurde in den USA schon 1934 aber ebenfalls für den Roman verwendet. Warum ausgerechnet beim deutschen Titel dieses TV-Films das Wort „Mord“ weggelassen wurde, obwohl es im Originaltitel des Films vorkommt, bei den anderen beiden vorausgegangenen Filmen aber nicht, dafür dort allerdings in den deutschen Titeln, „Mord à la Carte“ und „Mord mit verteilten Rollen“, gehört zu den Phänomenen deutscher Filmtitelschöpfungen, die man wahrscheinlich einfach nicht nachvollziehen kann, erst recht in Verbindung mit dem Anglizismus-Rechtschreibfehler „Parties“ statt des im Deutschen korrekten „Partys“. Der ziemlich belanglos wirkende Titel „Tödliche Parties“ weckt bei den meisten sicherlich erst dann Interesse, wenn zumindest der Name Agatha Christie davorsteht – „Mord in drei Akten“ wäre doch so einfach, zu den anderen beiden Filmen passend und schlicht auf eine Art eleganter gewesen. Der Film selbst vermittelt allerdings recht schnell den Eindruck, dass sich die Macher etwas vorgenommen hatten, was unter anderem den musikalischen Einfällen von Alf Clausen zu danken ist, der später beispielsweise durch seine Arbeit an „Die Simpsons“ bekannt wurde. Clausens Musik beschert „Tödliche Parties“ ein wundervolles Intro und den lustigsten sowie coolsten Übergang vom Finale in den Abspann der gesamten Reihe mit Peter Ustinov.

Augen zu – und der Blaubär ermittelt

Ob die Tatsache, dass auf der mir gelieferten Pidax-Box hinten bereits das Wort „Neuauflage“ steht, obwohl diese Poirot-Box ganz generell noch nicht lange auf dem Markt ist, als Nachweis eines großen Andrangs zu werten ist, darf jeder für sich selbst entscheiden. Die Ustinov-Poirot-Sammlung auf diese Weise zu komplettieren, ist in jedem Fall empfehlenswert. Puristen werden vielleicht etwas enttäuscht sein, dass das Bildformat der in Vollbild gedrehten Filme für 16:9-Fernseher modifiziert wurde; noch dazu in unterschiedlicher Weise. „Mord à la Carte“ ist auf klassischen für 4:3 optimierten Fernsehern im 16:9-Format mit zusätzlichen Schwarzbalken rechts und links – und nicht nur oben und unten – zu sehen. Es sind also alle Bildinhalte sichtbar, allerdings gewissermaßen verkleinert und man müsste zoomen, um das komplette Bild des Fernsehers zu füllen, was zu Unschärfe führt. Die beiden anderen Filme hingegen wurden am oberen und unteren Bildrand beschnitten, sind somit aber im 16:9-Format nun bildfüllend, ohne zusätzliche Schwarzbalken links und rechts. Welche Variante von beiden besser ist, ist reichlich diskutabel. Am besten wäre natürlich das Originalbildformat gewesen, aber es tut dem Filmspaß letztlich keinen großen Abbruch. Bei schriftlichen Einblendungen ist es aber teilweise auffällig, wenn sie recht knapp am Rand des beschnittenen Bildes kratzen.

Erfreulich ist, dass so nun auch der Originalton dieser drei vergleichsweise unbekannten TV-Filme unproblematisch in Deutschland verfügbar ist. Ustinov ist ohne seine eigene Stimme einfach kaum aufzuwiegen. Zudem ist hier nur über den Originalton ein einigermaßen einheitliches Gesamtbild der Poirot-Reihe herstellbar, da Peter Ustinov in „Tod auf dem Nil“ von Horst Niendorf und in „Rendezvous mit einer Leiche“ von Donald Arthur gesprochen wurde, in den drei Fernsehfilmen von Wolfgang Völz, während er sich für „Das Böse unter der Sonne“ wiederum auf Deutsch selbst synchronisierte. Gerade Völz in den TV-Filmen ist insofern etwas problematisch, als seine Stimme, zumindest aus heutiger Sicht, eine bundesweit viel zu bekannte und starke Eigenpräsenz errungen hat, insbesondere durch spätere Rollen wie Käpt’n Blaubär. Wenn dann ausgerechnet eine Koryphäe wie Peter Ustinov mit großer Eigenpräsenz als Schauspieler und Weltmensch derart eindeutig von einer fremden, populären Stimme mit ebenfalls großer Eigenpräsenz überlagert wird, schadet das einfach der Illusion. Ich bin aus ähnlichen Gründen auch nie mit Wolfgang Völz als später deutscher Stimme von Walter Matthau warm geworden, wobei ich hier sogar regelrecht das Gefühl hatte, eine Karikatur Matthaus vor mir zu sehen, die Matthau im Ergebnis zu Unrecht auf genau den Kauz mit Knautschgesicht reduzierte, als den ihn der eine oder andere heute lediglich in Erinnerung hat. Es ist nicht so, dass Völz sich als Stimme Ustinovs schauspielerisch schlecht macht, aber so ziemlich alle Facetten, die Ustinov stimmlich auszeichnen, gehen komplett verloren, da Völz zwangsläufig sein eigenes Charisma darüberlegt. Horst Niendorf und auch Donald Arthur kamen dem Original deutlich näher, wenngleich der gebürtige New Yorker Donald Arthur aufgrund seines Akzents vor allem dahingehend und eigentlich nur dann gut funktioniert, wenn man sich einbildet, in „Rendezvous für eine Leiche“ ebenso wie in „Das Böse unter der Sonne“ wieder Ustinov selbst Deutsch sprechen zu hören, obwohl er es gar nicht ist.

Wie Hastings (r.) im Staatsdienst Karriere machen konnte, bleibt sein Geheimnis

Selbst wenn man sich mit Wolfgang Völz als Peter-Ustinov-Variation dennoch anfreunden kann oder seine wunderbare Erzählerstimme einfach so oder so gern hört, bleibt immer noch die Absonderlichkeit, dass Poirots Sidekick Hastings in der Synchronfassung aller drei Filme sogar noch merkwürdiger als im Original ohnehin schon wirkt – auch hier nicht, weil der Sprecher schauspielerisch einen schlechten Job macht, sondern weil die Wirkung seiner Stimme auf diesem Gesicht eine zusätzliche, manchmal regelrecht bedenklich wirkende Behäbigkeit generiert. Man fragt sich zuweilen tatsächlich, ob mit Hastings einfach schlichtweg etwas Ernsthaftes nicht stimmt und er deswegen aus dem Staatsdienst ausscheiden musste. Mir ist tatsächlich nur selten eine Film- oder Fernsehfigur dermaßen eigenartig vorgekommen wie dieser Hastings in der deutschen Synchronfassung. „MacGyver“-Fans dürften zudem ein wenig verwirrt werden, da Wolfgang Völz in dieser Serie die deutsche Stimme von Dana Elcar war, der in „Tödliche Parties“ aber nun als Poirot zu hören ist. Besetzt wurde Gerd Duwner – ebenfalls eine beliebte, gern einmal in Kinderserien verwendete Stimme, die Schauspieler schnell zur Karikatur werden lassen konnte. Als deutschsprachiger Dana Elcar funktioniert er allerdings annehmbar. Für die diskutablen Aspekte der Synchronfassung wird man auch insofern entschädigt, als sich Lothar Blumhagen als wirklich gute Alternative unter den Stimmen von Tony Curtis erweist, der im Lauf seiner Karriere meist von Herbert Stass und später Rainer Brandt gesprochen wurde. Hätte Blumhagen in der Serie „Die Zwei“ nicht ausgerechnet Roger Moore synchronisiert, während Brandt für Curtis zum Einsatz kam, wäre er vermutlich häufiger für Tony Curtis eingesetzt worden. Zwar klingt Curtis im Original wesentlich rauer, lange nicht so betont galant, aber im Synchron gelingt es eben auch immer wieder, ungeahnt interessante Zusammenwirkungen von Stimmen und Gesichtern zu schaffen, die neue Perspektiven eröffnen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tony Curtis und Peter Ustinov sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2018 als DVD

Länge: 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Murder in Three Acts
USA 1986
Regie: Gary Nelson
Drehbuch: Scott Swanton, nach einem Roman von Agatha Christie
Besetzung: Peter Ustinov, Tony Curtis, Emma Samms, Jonathan Cecil, Dana Elcar, Concetta Tomei, Fernando Allende, Pedro Armendáriz Jr., Lisa Eichhorn, Frances Lee McCain
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Pidax Film

 

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Billy Wilder (VII): Zeugin der Anklage – Gerichtskino in Perfektion

Witness for the Prosecution

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Der Strafverteidiger Sir Wilfried Robarts (Charles Laughton) nimmt trotz seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung einen kniffligen Fall an: Leonard Vole (Tyrone Power) wird beschuldigt eine Frau umgebracht zu haben. Zuerst scheint der Fall nach Robarts’ Eingreifen gut zu laufen, aber dann taucht plötzlich Voles Frau Christine (Marlene Dietrich) als Zeugin der Anklage auf und belastet ihn schwer.

Sir Wilfried verteidigt den des Mordes angeklagten Leonard Vole

Jeder Moment, der Humor hergibt ist ein Scherz, ein Kalauer – da gibt es versteckten Alkohol, versteckte Zigarren und dann wieder Dialogmonster, die gegeneinander aufgefahren werden, um sich greifende Hysterie. Die Dialoge selbst sprühen vor klugem Witz. Als Glücksgriff erwies sich auch die Entscheidung, der Vorlage mit Sir Wilfrieds strenger Krankenschwester Miss Plimsoll eine neue Figur hinzuzufügen – verkörpert von Charles Laughtons Ehefrau Elsa Lanchester, die als Nebendarstellerin immerhin den einzigen Golden Globe des Films einfuhr.

Billy Wilder lässt es brodeln

Die Figuren ständig am emotionalen Siedepunkt, in Wilders immer kochend heißem Film. Fugendichte Spannung, ohne dass er sie für einen Moment entweichen lassen würde, die sich immer intensiver durch den Film frisst, ohne dass der seine Leichtfüßigkeit verlieren würde. Wilders Spiel mit den Wendungen nimmt den Zuschauer zeitlos ein, so fließend und aufregend ist der Film inszeniert. Am Ende führt Wilder immer mehr das Kunststück vor, Spaß und Ernst, bis es dann irgendwann unkenntlich geworden ist, ineinander verschwimmen zu lassen, wie wenig sie einander doch ausschließen, wie nah sie immer beieinander liegen.

Krankenschwester Miss Plimsoll wacht mit Argusaugen über den Strafverteidiger

„Zeugin der Anklage“ ist klassische Hollywood-Kinokunst auf dem Höhepunkt. Wilders Regie unaufdringlich, nicht daran interessiert, auf sich aufmerksam zu machen, gerade das lässt die Filmerzählung so elegant fließen und lässt sie den Zuschauer einhüllen, bis er ihr völlig verfallen ist. Den Rest besorgen Marlene Dietrich, die einem in jeder Hinsicht den Verstand raubt, Tyrone Power und Charles Laughton.

Nach einer Vorlage von Agatha Christie

Es ist ein makelloser Film, ein Film, den man sich nicht einmal besser denken könnte. Nicht einmal Agatha Christie, von der die Theatervorlage von 1953 stammt: „Alles, was ich an Verfilmungen meiner Werke gesehen habe, fand ich ausgesprochen scheußlich, bis auf ‚Zeugin der Anklage‘ von Billy Wilder.“ Verdientermaßen gab es sechs Oscar-Nominierungen und der Film gilt heute immer wieder als einer der besten aller Zeiten. Die weiteren Umsetzungen der Geschichte – unter anderem eine TV-Fassung von 1982 mit Deborah Kerr, Diana Rigg und Ralph Richardson – können da zwangsläufig nicht mithalten, und auch Ben Affleck wird sich zweifellos die Zähne daran ausbeißen, wenn seine seit 2016 angekündigte Neuverfilmung denn je realisiert werden wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Billy Wilder sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlene Dietrich unter Schauspielerinnen, Filme mit Charles Laughton und Tyrone Power in der Rubrik Schauspieler.

Welche Rolle spielt Voles Ehefrau Christine?

Veröffentlichung: 2. November 2018 und 7. Juli 2017 als Blu-ray, 24. November 2017 als Blu-ray im Digipack, 14. Februar 2014 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch, Französisch
Originaltitel: Witness for the Prosecution
USA 1957
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder, Harry Kurnitz, nach einer Vorlage von Agatha Christie
Besetzung: Tyrone Power, Marlene Dietrich, Charles Laughton, Elsa Lanchester, John Williams, Henry Daniell, Ian Wolfe, Francis Compton, Torin Thatcher, Norma Varden, Una O’Connor, Philip Tonge, Ruta Lee
Zusatzmaterial:
Label/Vertrieb: FilmConfect Home Entertainment
Label/Vertrieb 2014: MGM

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Szenenfotos & Packshots: © 2018 FilmConfect Home Entertainment

 
 

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