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James Stewart (V): Geheimagent des FBI – Mit dem Holzhammer und doch gelungen

The FBI Story

Von Ansgar Skulme

Spionagedrama // John Michael Hardesty (James Stewart), den seine Freunde alle nur „Chip“ nennen, blickt auf eine jahrzehntelange Laufbahn als FBI-Agent zurück. Mittlerweile hat er einen Status erreicht, mit dem er Vorträge vor dem interessierten Nachwuchs halten kann. Junge Menschen blicken zu ihm auf und wollen von ihm lernen. Es gibt viel zu erzählen aus seinem Leben: von zahlreichen Begegnungen mit teils berühmten, teils weniger populären Kriminellen, von strategisch komplizierten verdeckten Ermittlungen und von im Hintergrund detailliert vorbereiteten Einsätzen. Aber auch von aufopferungsvollen Kollegen wie Sam Crandall (Murray Hamilton) oder den Entbehrungen, die der Job und die häufigen Einsatzortswechsel Hardestys Familie immer wieder abverlangten – allen voran seiner Frau Lucy (Vera Miles).

Familie Hardesty ist häufige Wohnortwechsel gewohnt

Strenggenommen ist „Geheimagent des FBI“ ein lupenreiner Propaganda-Film, der von J. Edgar Hoover höchstpersönlich vorangetrieben wurde, um Werbung für das seit 1924 von ihm geleitete FBI zu machen – das zwar bis 1935 zunächst anders hieß, aber trotzdem schon rund zehn Jahre die Handschrift von Hoover trug, ehe es schließlich den Namen FBI erhielt. Unfair allerdings wäre, Hoover vorzuwerfen, „Geheimagent des FBI“ gewissermaßen mit kühler Berechnung auf das Publikum losgelassen zu haben. Vielmehr ist durchaus glaubwürdig, dass es dem eingefleischten, stark von sich selbst eingenommenen Landesdiener Hoover tatsächlich eine durchaus emotionale Herzensangelegenheit war, einmal einen solchen Film über sein Lebenswerk zu drehen. Mag man seine Weltsicht nun teilen oder auch nicht. Beim Dreh einer Szene, in der einer der Agenten erschossen wird, soll Hoover angeblich sogar geweint haben – jedoch ist umstritten, wie sehr dies Promotionszwecken diente.

Lass das mal die Mama machen!

Betont werden muss, dass freilich versucht wurde, ein paar rückblickend sehr fragwürdige Operationen unter Hoovers Ägide in einem besseren Licht beziehungsweise als besondere Erfolge dastehen zu lassen, die sie eigentlich nicht waren. Beispielsweise ist aus heutiger Sicht kaum stichhaltig nachzuweisen, dass „Ma“ Barker wirklich das durchtriebene kriminelle Planungsgenie, dieser rücksichtslose weibliche Verbrecherleitwolf war, als der sie in die Geschichte einging. Als wahrscheinlicher gilt, dass dieses Image vom FBI um J. Edgar Hoover ersponnen wurde, um im Nachhinein die Tötung einer alten Frau rechtfertigen zu können. Die kuriose Aussage des Bankräubers Harvey Bailey, der Ma Barker gut kannte und zu ihrem Status als angebliche Drahtzieherin kommentierte, dass Ma Barker nicht einmal ein Frühstück hätte planen können, sei in diesem Zusammenhang einfach mal in den Raum gestellt. Angeblich wurde sie, wenn immer es ernst wurde, von den Kriminellen in ihrem Umfeld am besten ins Kino oder sonst irgendwie aus dem Weg geschickt. Demnach diente sie viel eher der Tarnung der Bande, als fürsorgliche Mutter im Vordergrund, die auch nicht so genau wusste, was drumherum wirklich vor sich ging, und war keineswegs das kaltherzige, durchtriebene Mannweib, das sogar die eigenen Kinder zu Verbrechen anstiftete, wie später häufig – auch in anderen Filmen – Glauben gemacht wurde. Wer weiß, in welcher Mitte genau die Wahrheit liegt.

J. Edgar First

Am Set war die Hierarchie klar geregelt: J. Edgar Hoover überwachte die Produktion des Films persönlich oder durch Mittelsmänner, wählte James Stewart persönlich für die Hauptrolle aus, veranlasste einen Nachdreh einer Szene, weil ihm ein einziger Statist nicht zusagte, schritt auch darüber hinaus wiederholt ein, wenn ihm Inhalte nicht gefielen, und stellte kontinuierlich zwei FBI-Agenten für das Set ab, die aufpassten, was vor sich ging und gegebenenfalls natürlich auch als Berater taugten. Als Vorlage diente das Buch „The FBI Story“ von Don Whitehead aus dem Jahr 1956, auf dessen Cover in den Film-Credits zudem grafisch Bezug genommen wird. Doch ein mit „FBI Story“ betitelter Roman aus dem Jahre 1950, aus der Feder eines unter dem Namen „The Gordons“ firmierenden Autoren-Ehepaares wurde schließlich Gegenstand eines Rechtsstreits, der zugunsten des Schreiberpärchens ausging. Was so eine Buchvorlage oder auch zwei oder drei am Ende des Tages noch an inhaltlicher Relevanz haben, wenn sich jemand wie J. Edgar Hoover sowieso ständig in die Produktion mischt und gewissermaßen das Druckmittel benutzt, dass ohnehin niemand noch mehr „aus erster Hand“ berichten kann als er selbst als Chef der Organisation, von der der Film handelt, ist allerdings so eine Sache. Zumal Hoover auch sehr unliebsam werden konnte, wenn man sich ihm in den Weg stellte – und als FBI-Chef natürlich über reichhaltige Möglichkeiten verfügte, jemandem das Leben schwer zu machen. Das Sammeln von Informationen über hohe Tiere, welches gegebenenfalls in Erpressung selbiger mündete, zeigte sich hierbei als erstaunlich salonfähig. Nicht einmal vor dem Regisseur des Films, Mervyn LeRoy, machte Hoover mit derartigen Mätzchen Halt. Er setzte ihn unter Druck und machte deutlich, wenn nötig mit Dreck um sich werfen zu wollen, ehe er „Geheimagent des FBI“ schließlich so gebogen hatte, dass er ihn fürs Kino abzusegnen bereit war – obwohl beide eigentlich privat befreundet waren, was auch glaubwürdig ist, da LeRoy den Vertrauensjob andernfalls wohl kaum bekommen hätte.

Auf Waffen muss das FBI eine Weile warten – aber dann …

Somit kann man letztlich im Umkehrschluss die Frage stellen, ob es nicht umso bemerkenswerter ist, dass es selbst J. Edgar Hoover nicht gelungen ist, diesen Film so richtig unfreiwillig komisch oder einfach völlig unglaubwürdig und somit schlicht kaputt zu machen? Denn „Geheimagent des FBI“ ist über mehr als zwei Stunden ein durchaus unterhaltsamer, bunter und spannender Genre-Mix mit wenigen einigermaßen großen Rollen, dafür aber sehr vielen verschiedenen Akteuren, die das Werk abwechslungsreich halten. Ein Film, bei dem das Erzähltempo und die Zahl der Schauplatzwechsel für die doch recht lange Distanz einfach sehr gut getroffen wurden. Ein Film, den ich sogar als recht kurzweilig bezeichnen würde, was bei über 140 Minuten Laufzeit kein Selbstläufer ist. Und ein Film, der visuell schön altmodisch angelegt wurde, die Vorzüge atmosphärisch ausgeleuchteter Studioaufnahmen als Ersatz für das Drehen im Freien schön zur Geltung bringt und genauso viel Spaß macht wie LeRoys wenig später, mit Frank Sinatra und Spencer Tracy in den Hauptrollen, erschienener bunter Abenteuerstreifen „Der Teufel kommt um vier“ (1961), der filmästhetisch die eine oder andere nette Gemeinsamkeit mit „Geheimagent des FBI“ aufweist.

Einmal Eintopf mit allem, bitte!

Diese „FBI Story“ mischt in episodenhafter Erzählstruktur Schauplätze und Figuren des Neo-Westerns, in dem bereits Autos fahren, aber noch von alteingesessenen Indianern berichtet wird, mit Stil- und Handlungselementen des Kriegsfilms, des exotischen Abenteuerfilms, des Familienmelodrams, des Gangsterfilms und natürlich des Spionage- und Agentenfilms. Zudem lässt James Stewart in der Hauptrolle auch den Humor beileibe nicht zu kurz kommen. J. Edgar Hoover war es bei der Besetzung besonders wichtig, einen so positiv wirkenden Star als Zugpferd zu haben. Die implizite Botschaft „Beim FBI kannst du alles machen, was du als kleiner Junge immer werden wolltest!“ bringt der Film dementsprechend recht gut an den Mann. Egal ob man nun Agenten, Soldaten, Polizisten, Dschungel-Abenteurer oder Cowboys und Indianer zum Kinderfasching oder auch später noch besonders gern mochte, dürfte „Geheimagent des FBI“ das Kind im Manne doch bei etlichen erreichen und damit auch über einen konsequenten Mangel an Objektivität in der Handlung erfolgreich hinwegtäuschen. Hier wird am Ende eben gut gemachtes Popcorn-Kino als eine Art Wochenschau-Tatsachenbericht mit Schauspielern verkauft, was natürlich albern ist, aber an den Schau- und Unterhaltungswerten des Films nichts ändert.

Chips bester Freund Sam Crandall will ihn nicht vom FBI weglassen

Nicht zuletzt beweist der Regisseur Mervyn LeRoy, der schon mit Projekten wie „Der kleine Caesar“ (1931), „Ich bin ein entflohener Kettensträfling“ (1932), „Madame Curie“ (1943) und „Quo Vadis“ (1951) Meilensteine der Filmgeschichte erschaffen hatte, einmal mehr, dass er zu den am wenigsten auf irgendein Genre festgelegten großen Hollywood-Regisseuren der damaligen Zeit zählte und ebenso episch wie spannend auch über lange Laufzeiten erzählen konnte, praktisch egal welchen Stoff man ihm vorlegte. Angefangen bei einem fesselnden Intro, das in „Geheimagent des FBI“ schon fast die halbe Miete ist, wenn es darum geht, den Zuschauer zu gewinnen – und das sehr klug mit dem Einsatz der eröffnenden Credits abgestimmt ist. Aus heutiger Sicht steht LeRoy etwas im Schatten von Namen wie William Wyler, John Ford, Cecil B. DeMille, Howard Hawks, Billy Wilder und John Huston – zu Unrecht!

Pidax schließt mal wieder Lücken

Man hätte ja fast meinen können, dass zumindest von John Wayne und James Stewart nunmehr so ziemlich jeder Film, wenigstens der 50er-Jahre, auch in Deutschland auf DVD erschienen ist. Doch diese Rechnung ist zumindest schon einmal ohne ihre Propaganda-Streifen – und ein paar andere Filme – gemacht. Ob es Zufall ist, dass dem hiesigen Publikum bisher gerade John Waynes Anti-Kommunisten-Entgleisung „Marihuana“ und James Stewarts Pro-Hoover-Statement „Geheimagent des FBI“ vorenthalten wurden? Wenn ja, dann zumindest ein großer. Beide Filme eint die Gemeinsamkeit, dass sie unterhaltsam und filmästhetisch ansehnlich sind, wenn man ihre Intentionen ausblendet, was bei Waynes „Marihuana“ durch die deutsche Synchronfassung erleichtert wird und bei Stewarts „Geheimagent des FBI“ ein Stück weit durch die Kürzungen in der deutschen, gegenüber der rund 20 Minuten längeren englischsprachigen Fassung. Wobei es auch nicht so ist, dass die in der deutschen Fassung geschnittenen Szenen allesamt besonders pathetisch sind. Doch gekürzt ist der Film automatisch weniger episch, da weniger lang, und somit fällt auch die Glorifizierung des FBI automatisch ein wenig harmloser aus.

Der Vater hat wenig Zeit, aber seine Kinder brauchen ihn trotzdem

Allerdings muss man natürlich auch sehen, dass die Lobhudelei aus heutiger Sicht ohnehin kaum noch den gewünschten Anklang finden wird. Ein eindimensionales, angestaubtes Loblied auf das FBI in den falschen Hals zu bekommen und bierernst für bare Münze zu nehmen, dürfte dem heutigen deutschen Publikum erheblich schwerer fallen als einen anti-kommunistischen Hetzfilm wie „Marihuana“ als Alternative für irgendwas aufzufassen, der mit seinen ursprünglichen Intentionen heute sicher immer noch genügend stammtischaffine Fürsprecher fände. So gesehen ist es zu begrüßen, dass Pidax diese moralisch sicher streitbare, aber künstlerisch und mit Blick auf Spannung und Unterhaltungswert vollauf sehenswerte „FBI Story“ endlich aus der Mottenkiste gekramt hat – und in der ungekürzten Version, mit untertitelten Szenen sowie den üblichen Pidax-Extras für rare Klassiker veröffentlicht.

Die Stimme in Berlin verloren

Die deutsche Synchronfassung bietet übrigens die Besonderheit, dass hier nicht Siegmar Schneider als Stimme von James Stewart zu hören ist, der vor allem in Filmen von 1953 bis 1958 beinahe exklusiv für Stewart im Einsatz war, aber auch schon vorher in berühmten Western wie „Winchester 73“ (1950) und „Meuterei am Schlangenfluss“ (1951). Von 1959 bis 1961 klafft allerdings eine kurze Lücke, ehe Schneider ab 1962 dann bis weit in die 70er-Jahre hinein wieder regelmäßig zum Einsatz kam – und vereinzelt auch noch darüber hinaus. Von den Hitchcock-Filmen „Vertigo“ (1958) und „Cocktail für eine Leiche“ (1948) gibt es sogar jeweils zwei Synchronfassungen, in denen Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist – die erste aus den 50ern bzw. 60ern und die letzte in beiden Fällen aus den 80ern –, wobei von „Vertigo“ heute kurioserweise die dritte Synchronfassung am bekanntesten ist, in der man nicht Siegmar Schneider, sondern Sigmar Solbach („Dr. Stefan Frank“) hört. Wie paradox Synchron manchmal sein kann, zeigt sich zudem daran, dass von dem Western „Der gebrochene Pfeil“ (1950) wiederum zwar auch zwei Synchros existieren, wobei aber nicht einmal die zweite Fassung mit Schneider für James Stewart aufwartet – was natürlich mit dem Stimmalter des Sprechers gegenüber dem Zeitpunkt des Filmdrehs begründet werden kann, das bei den verspäteten Hitchcock-Synchros allerdings auch kein Hindernis war.

Auch beim FBI wird immer Nachwuchs benötigt

Als Ersatz in der Phase, als die 50er gerade von den 60ern abgelöst wurden und Siegmar Schneider, aus mir nicht gänzlich bekannten Gründen, plötzlich mehrfach nicht für James Stewart besetzt wurde, fungierten Hans Nielsen, Wolfgang Lukschy und im vorliegenden „Geheimagent des FBI“ Friedrich Schoenfelder, der seine Sache ziemlich gut macht und sich eng an das manchmal stimmlich – nicht nur in dieser Rolle von James Stewart – durchaus schräge Original zu halten versucht. Auffällig ist, dass auch in dem kurz vorher entstandenen Warner-Film „Lindbergh – Mein Flug über den Ozean“ (1957) nicht Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist, sondern stattdessen Peter Pasetti, was seinerzeit gewissermaßen der erste Bruch zur Kontinuität seit Jahren war. Das lässt sich in dem Fall allerdings damit erklären, dass man „Geheimagent des FBI“ und „Lindbergh“ in München synchronisieren ließ, während die Stewart-Filme mit Siegmar Schneider standardmäßig in Berlin aufgenommen wurden – im Verlauf der 60er kam Schneider dann in Berlin auch bei Warner für James Stewart zum Einsatz. Die anderen drei Filme aus dem Fenster von 1959 bis 1961, in denen Siegmar Schneider neben „Geheimagent des FBI“ nicht zu hören ist, wurden allerdings nicht von Warner, sondern Columbia verliehen, und in Filmen dieses Verleihs hatte man Schneider auch schon zuvor durchaus für Stewart besetzt – zudem entstanden diese Synchronfassungen 1959, 1960 und 1961 alle drei in Berlin. Wodurch genau sich hier Schneiders Abwesenheit erklären lässt, bleibt für mich offen. Erfreulich, dass danach der Weg zurück gefunden wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Miles haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Spaß muss sein – sonst wird der Verbrecherjäger-Alltag trist

Veröffentlichung: 11. Oktober 2019 als DVD

Länge: 142 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für die nicht synchronisierten Szenen
Originaltitel: The FBI Story
USA 1959
Regie: Mervyn LeRoy
Drehbuch: Richard L. Breen & John Twist, nach einer Vorlage von Don Whitehead
Besetzung: James Stewart, Vera Miles, Murray Hamilton, Larry Pennell, Diane Jergens, Joyce Taylor, Buzz Martin, Nick Adams, Paul Genge, Victor Millan
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5204
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Szenenfotos © 2019 Pidax Film

 

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Geheimagent Barrett greift ein – Zellenpest und Satanskäfer

The Satan Bug

Von Volker Schönenberger

SF-Thriller // „Satanskäfer“ („Satan Bug“) nennt sich im Original der Virus, das angetan ist, nach seiner Freisetzung binnen weniger Monate die ganze Welt zu entvölkern. In der deutschen Synchronisation wurde daraus die „Zellenpest“. Okay, kann man machen, klingt hier wie dort spektakulär. Der Wissenschaftler Dr. Hoffman (Richard Basehart) hat die Substanz im in der südkalifornischen Wüste gelegenen unterirdischen Forschungslabor „Station 3“ entwickelt. Dort sind mehr als 40 biochemische Kampftstoffe entstanden. Es kommt, wie es kommen muss: Der Sicherheitschef wird ermordet, die Zellenpest wird geklaut, und das anscheinend vom Direktor der Einrichtung, Dr. Baxter (Henry Beckman) persönlich.

Erpresser droht mit dem Ende der Menschheit

Auftritt unseres Helden: „Geheimagent Barrett greift ein“ – nach einer Viertelstunde bekommen wir Lee Barrett (George Maharis) endlich zu sehen. Drei Monate zuvor war er selbst noch Sicherheitschef von Station 3, doch Aufsässigkeit und ein loses Mundwerk haben ihn den Job gekostet. Nun holt ihn sein alter Boss in den Staatsdienst zurück – allerdings erst, nachdem zuvor mit einem unmoralischen Angebot seine Loyalität getestet wurde. Nun muss er sich mit einer monströsen Erpressung auseinandersetzen: Ein Unbekannter verlangt die Zerstörung von Station 3, andernfalls werde die Zellenpest auf die Menschheit losgelassen. Der Erpresser kündigt eine Demonstration der Wirksamkeit des Virus an …

Sind die Diebe durch den Zaun gekommen?

Er tut es tatsächlich und tötet die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt in Florida. Dem damaligen Filmpublikum wollte man offenbar allzu schreckliche Bilder ersparen, wir bekommen lediglich einige Schwarz-Weiß-Luftbilder eines Films zu sehen, den sich Barrett und einige Mitstreiter anschauen. Diese Film-im-Film-Methode schafft Distanz, die das grausame Szenario etwas vom Publikum fernhält – clever gemacht, wenn das denn so beabsichtigt war.

Zwischen „Gesprengte Ketten“ und „Vierzig Wagen westwärts“

Regisseur John Sturges inszenierte „Geheimagent Barrett greift ein“ mit dem vergleichsweise schmalen Budget von weniger als zwei Millionen Dollar zwischen zwei Großproduktionen: Mit dem Kriegsgefangenen-Actionthriller „Gesprengte Ketten“ (1963) hatte er gerade einen Welterfolg gelandet, der Steve McQueen in Superstar-Sphären gehievt hatte. Nun bereitete er den Western „Vierzig Wagen westwärts“ mit Burt Lancaster vor, doch da sich der Beginn der Dreharbeiten um etliche Monate hinauszögerte, schob er die Verfilmung eines Romans von Alistair MacLean ein. Der Bestsellerautor hatte „Satanskäfer“ 1962 unter dem Pseudonym Ian Stuart veröffentlicht.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Die Budgetbeschränkungen sieht man dem Agenten-Abenteuer an: Etliche Szenen spielen sich im Innern ab, ob in Station 3 oder anderswo, und sind im Studio entstanden. Seinen Blick für die Inszenierung von Panoramen konnte Sturges mit seinem Kameramann Robert Surtees nur begrenzt einsetzen. Surtees wurde im Lauf seiner Karriere 16 Mal für den Oscar nominiert und gewann ihn immerhin dreimal: für die Kamera von „König Salomons Diamanten“ (1950), „Stadt der Illusionen“ (1952) und „Ben Hur“ (1959). Seine Arbeit für „Geheimagent Barrett greift ein“ ist als Pluspunkt zu werten, was für Innen- wie Außenaufnahmen gleichermaßen gilt. Auch der Score des für 18 Oscars nominierten und 1977 für den Soundtrack von „Das Omen“ auch prämierten Jerry Goldsmith (1929–2004) bringt Spannung.

James Bond lässt grüßen

Der Protagonist Lee Barrett orientiert sich klar erkennbar an einem gewissen James Bond. Der Agent mit der Lizenz zum Töten hatte 1962 in „James Bond 007 – James Bond jagt Dr. No“ seine cineastische Arbeit aufgenommen und rief zügig Epigonen auf den Plan, einer davon eben Lee Barrett. Darsteller George Maharis mangelt es aber etwas an Charisma, um als Lee Barrett Sean Connery alias James Bond Paroli zu bieten. Seine Eigenwilligkeit und Aufsässigkeit kommt nur zu Beginn zur Sprache, wenn aus seiner Akte zitiert wird, spielt aber im weiteren Verlauf keine Rolle mehr. Regisseur John Sturges hatte sich offenbar bewusst einen Fernsehschauspieler gesucht, den er zum Star aufbauen wollte, wie ihm das 1960 in „Die glorreichen Sieben“ bereits mit Steve McQueen gelungen war. Kann eben nicht immer klappen.

Geheimagent Barrett greift ein

Die deutsche Titelschöpfung passt in diesem Fall sogar besser als der Originaltitel, handelt es sich bei „Geheimagent Barrett greift ein“ doch um ein lupenreines Agenten-Abenteuer. Das fantastische Element und die Science-Fiction in Form des Virus nehmen zwar Raum ein, dennoch hätte die wörtliche Übersetzung „Satanskäfer“ das deutsche Kinopublikum in die Irre geführt. Immerhin bekamen deutsche Kinogänger sogar mit Barretts Synchronstimme Bond-Feeling serviert, lieh der deutsche Sprecher Gert Günther Hoffmann doch oft Sean Connery seine Stimme.

Mediabook von Anolis Entertainment

John Sturges war Profi genug, auch mit begrenzten Mitteln und ohne allzu großen Enthusiasmus ein unterhaltsames Abenteuer zu inszenieren. Langeweile kommt trotz der beachtlichen Länge von fast zwei Stunden jedenfalls nicht auf. Etwas überraschend, dass sich Anolis Entertainment für „Geheimagent Barrett greift ein“ entschieden hat, und die Reihe „Phantastische Filmklassiker“ fortzusetzen. Nach einem 80er-Film und zwei 70er-Produktionen sind nun also die 60er-Jahre an der Reihe. Das Mediabook genügt erwartungsgemäß den hohen Ansprüchen, die wir an Anolis-Veröffentlichungen haben. Im Booklet berichtet Mike Siegel Interessantes über den Film und seine Entstehung. Schönes Gimmick auf der beiliegenden Bonus-DVD: eine „Grindhouse“-Fassung des Films in altmodischer Optik inklusive vorgeschalteten zeitgenössischen Trailern und Werbung von damals – nette Idee. Ein neu eingesprochener Audiokommentar von Professor Doktor Marcus Stiglegger rundet das Gesamtpaket gut ab. Wir sind gespannt, womit Anolis die Reihe fortsetzt.

In diesem Fläschchen lauert die Apokalypse

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Phantastische Filmklassiker“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Sturges sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet. Ein weiterer lesenswerter Text zu „Geheimagent Barrett greift ein“ findet sich bei den Kollegen von Evil Ed, und auch das „Filmforum Bremen“ hat Lektüre darüber zu bieten.

Veröffentlichung: 31. August 2018 als 2-Disc Limited Mediabook mit zwei Covervarianten (Blu-ray & DVD)

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Satan Bug
USA 1965
Regie: John Sturges
Drehbuch: James Clavell, Edward Anhalt, nach einem unter dem Pseudonym Ian Stuart veröffentlichten Roman von Alistair MacLean
Besetzung: George Maharis, Richard Basehart, Anne Francis, Dana Andrews, John Larkin, Richard Bull, Frank Sutton, Edward Asner, Henry Beckman, Simon Oakland, Lee Remick
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger, deutsche „Grindhouse“-Kinofassung (128 Min.), US-Kinotrailer deutscher Kinotrailer Filmografie John Sturges, deutsche Titelsequenz, amerikanische Radio-Spots, deutscher Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Mike Siegel
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment GmbH

 

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Das Geheimnis der roten Quaste – Agentenfilm auf eigenen Wegen

Das Geheimnis der roten Quaste

Von Ansgar Skulme

Agentenkrimi // Der Geheimagent Richard Warren (Dietmar Schönherr) will sich durch den Verkauf einer Uranformel um 100.000 Dollar bereichern. Sein Vorhaben führt ihn nach Caracas. Schon kurz nach seiner Ankunft in der Hauptstadt Venezuelas hat er plötzlich eine Ermittlung wegen Mordes an einer Striptänzerin am Hals und muss schleunigst untertauchen. Richard gerät an die Verkäuferin Regina (Vivi Bach), die ihn mit einer Falschaussage deckt. Davon, dass sich alles zum Guten wenden wird, ist diese aufkeimende Beziehung aber noch viel weiter entfernt, als es zunächst den Anschein macht.

Richard Warren hat ernste Probleme

Zugegeben: „Das Geheimnis der roten Quaste“ ist alles andere als ein Actionfeuerwerk und auch nicht von durchweg fesselnder Spannung gekennzeichnet, bleibt überraschenderweise aber trotzdem über seine kurze Laufzeit von 70 Minuten interessant. Der Grund hierfür ist, dass das Spielfilm-Regiedebüt von Hubert Frank sich nicht in plumper Nachahmung großer Vorbilder mit Low-Budget-Mitteln versucht. Das Ansinnen, James Bond nachzueifern, muss nicht unbedingt ein Fehler sein, dann allerdings braucht es zumindest ein paar gute Actionszenen, eine aufgeblasene Story, abgedrehte Schurken, kuriose technische Spielereien und/oder eine Reihe an Beinahe-Bond-Girls. „Das Geheimnis der roten Quaste“ schlägt allerdings einen gegenteiligen Weg ein. Kein Farbfilm, sondern in Schwarz-Weiß gedreht, wenige Figuren, keine visionären technischen Hilfsmittel für den Agenten, kaum Action; an einem exotischen Handlungsort zwar, den man jedoch so gut wie nicht gezeigt bekommt.

Nouvelle Bond

Im Grunde genommen ist „Das Geheimnis der roten Quaste“ schon beinahe so etwas wie eine Kreuzung aus Autoren- und Agentenfilm, wenn man sich vor Augen führt, dass Hubert Frank neben der Regie auch für das Drehbuch zuständig war. Zwar ist die Geschichte sicher nicht überaus innovativ, dafür sind aber die immer wieder positiv überraschenden Kameraeinstellungen und sonstigen Regieeinfälle sehenswert. Die Montage weckt gelegentlich sogar vorsichtige Erinnerungen an die experimentellen Regieabenteuer der französischen Nouvelle Vague. Unter dem Strich bleibt der Film unberechenbar, und dass es gelingt, das Element der Vorhersehbarkeit zu umschiffen, führt automatisch zu einem gewissen Mehr an Spannung.

Ist es wahre Liebe, die niemals vergeht?

Natürlich mag man hin und wieder dann aber auch enttäuscht sein, dass sich zur geringen Vorhersehbarkeit nicht zuweilen noch mehr krönende Überraschungen gesellen. Den Beigeschmack, an einer gewissen Blutleere zu kranken, wird der Film leider nie los. Das liegt unter anderem daran, dass man Vivi Bach und Dietmar Schönherr die Liebesgeschichte nur mit zwei zugedrückten Augen abkauft und somit ein dramatischer Aspekt an Wirkung verliert. Nicht zuletzt kostet das Fehlen eines bunten Nebendarsteller-Ensembles einen Agentenfilm viel Charisma. Schauspielerisch im Gedächtnis bleibende Auftritte lässt „Das Geheimnis der roten Quaste“ komplett vermissen.

Ein Jugoslawien ohne Winnetou & Schlagergeplänkel ohne Sinn und Verstand

Zu den filmhistorisch besonders interessanten Aspekten des Films zählt ferner, dass er im damaligen Jugoslawien, auf dem Gebiet des heutigen Sloweniens, produziert wurde. Jugoslawien! Ein Faktor, den man aus dem deutschsprachigen 60er-Kino ansonsten eigentlich von Karl-May-Western kennt – einer der wenigen Nebendarsteller mit Sprechrolle, Demeter Bitenc, dürfte eingefleischten Karl-May-Fans aus heutiger Sicht auch durchaus ein Begriff sein. Für einen solchen, primär für den deutschen Markt inszenierten Krimistoff ist Jugoslawien als Produktionsstandort eine doch recht untypische Wahl, noch dazu vor dem Hintergrund, dass es sich nicht um eine bundesdeutsche, sondern eine österreichische Produktion handelt. Leider geht der Film allerdings sehr sparsam mit Außenaufnahmen um, was für die Illusion, dass er in Südamerika spielt, nicht unbedingt förderlich ist – auch wenn es vermutlich schwierig geworden wäre, Jugoslawien fortwährend nach Venzuela aussehen zu lassen. Das Vermeiden von Außenaufnahmen ist insofern kurios, als die jugoslawischen Schauplätze für die Karl-May-Western eben gerade aufgrund ihrer Landschaften und nicht nur allein des Geldes wegen ausgewählt wurden. Hier hingegen ging man zwar nach Jugoslawien, flüchtete sich dann aber hauptsächlich in Innenaufnahmen. Gelegentlich scheint es so als sei das Budget nicht nur gering, sondern sogar fast gen Null gewesen und als habe man sich mangels Drehgenehmigungen nicht auf die Straße getraut. Dieser Eindruck mag täuschen, aber allein schon, dass es so wirkt, hilft dem Film nicht gerade weiter. Unglücklich auch der unpassende, banale Schlager-Titelsong gleich zu Beginn, der der Geschichte von vornherein Dramatik stiehlt und ihr den Anstrich leichter Unterhaltung zum denkbar ungünstigsten, frühesten Zeitpunkt verpasst.

Die Möglichkeit einer längeren Fassung

Die auf der DVD von Pidax vorliegende, zuweilen sprunghafte Version dieses Films macht den Eindruck, dass es sich um eine schon seit langem gekürzte Fassung handeln könnte – einige Bild- und Handlungssprünge scheinen sich nicht allein durch beschädigtes Ausgangsmaterial zu erklären. Gerüchteweise war für die Kinoauswertung in Österreich eine längere Fassung von etwa 89 Minuten geplant oder in irgendeiner Weise im Umlauf, die möglicherweise sogar offiziell im Kino erschienen, aber mittlerweile verschollen ist. Es mag sein, dass der Film in einer längeren Fassung anders wirken würde. Der Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne, der der DVD, wie für Pidax üblich, beiliegt, löst dieses Rätsel ebenfalls nicht, erzählt aber stattdessen die Handlung bis zum Ende nach – beim Lesen ist somit Vorsicht geboten, wenn man sich die Spannung an einem Film nicht von vornherein nachhaltig verderben will!

Warum ein Nein akzeptieren, wenn man es auch ignorieren kann …

Veröffentlichung: 17. August 2018 als DVD

Länge: 70 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Das Geheimnis der roten Quaste
Alternativtitel: Das Rätsel der roten Quaste
A 1963
Regie: Hubert Frank
Drehbuch: Hubert Frank
Besetzung: Dietmar Schönherr, Vivi Bach, Laya Raki, Slavo Schweiger, Demeter Bitenc, Mario Di Stella, Joze Pengov
Zusatzmaterial: Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 6647, Bildergalerie
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

Die Melancholie des Augenblicks

Fotos & Packshot: © 2018 Al!ve AG / Pidax Film

 

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