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Once Upon a Time in Hollywood – Zur Rettung des Kinos

Once Upon a Time in Hollywood

Kinostart: 15. August 2019

Von Lucas Gröning

Drama // Quentin Tarantino gilt als einer der besten Regisseure und Drehbuchautoren unserer Zeit. Seit 1992, als sein erster Film „Reservoir Dogs“ Einzug in die Lichtspielhäuser hielt, bereichert der Filmemacher mit Werken wie „Pulp Fiction“, den „Kill Bill“-Filmen und „Inglourious Basterds“ das Kinopublikum. Der Lohn: je zwei Oscars und Golden Globes für die Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“, dazu die Goldene Palme in Cannes für „Pulp Fiction“ sowie zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen etlicher prestigeträchtiger Preise der weltweiten Filmindustrie. Eine Industrie, die in den USA vor allem durch einen Ort geprägt wurde – Hollywood. Die Traumfabrik gilt seit jeher als das Zentrum der amerikanischen Filmwirtschaft. Wenn man es als Schauspieler, Regisseur oder Drehbuchautor dorthin geschafft hat, ist man gewissermaßen an der Spitze der Nahrungskette angekommen. Seine jüngste Arbeit „Once Upon a Time in Hollywood“ widmet Tarantino genau diesem Ort und zeigt uns die Traumfabrik im Jahr 1969. Ein Jahr, dass rückblickend vor allem durch ein Ereignis geprägt ist, welches sich am 9. August in Los Angeles ereignete: die Ermordung der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate und vier weiterer Personen in ihrem Haus am Cielo Drive durch Mitglieder der Manson Family. Ein Ereignis, dass auch in Tarantinos Film einen zentralen Platz hat – er nimmt es zum Anlass, einigen aktuellen Debatten rund um die Entwicklung der amerikanischen Filmlandschaft auf den Grund zu gehen.

Hollywoods Goldene Ära ist passé

In jenem Jahr hat sich das Goldene Zeitalter Hollywoods längst dem Ende zugeneigt, New Hollywood hat das Zepter übernommen. Viele der einstigen Helden bleiben verloren zurück. Einer von ihnen ist Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Wie so viele aufstrebende Schauspieler hat er den endgültigen Durchbruch in der Traumfabrik nie geschafft. Oft war er lediglich in der Endauswahl, wenn es um die Besetzung der Hauptrolle in einer großen Hollywood-Produktion ging, die seinen Durchbruch hätte bedeuten können. So hat sich Rick als Fernsehstar durchgeschlagen, unter anderem in der (fiktiven) Westernserie „Bounty Law“, doch auch dies scheint vorbei, als der Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) ihm unterschwellig zu verstehen gibt, dass seine Zeit in Hollywood abgelaufen ist. Trost findet der einstige B-Star bei seinem guten Freund und Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff fährt Rick zu seinen Jobs, fungiert für ihn als Haussitter seiner Villa, erledigt verschiedene Sachen für ihn und spendet dem Schauspieler Trost, wenn er mal wieder einem Anfall von Selbstmitleid erliegt. Eines Tages zieht mit Roman Polanski (Rafal Zawierucha) ein Filmemacher in die Nachbarschaft des abgehalfterten Fernsehstars, der aktuell als einer der heißesten Regisseure gilt. Mit dabei: die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), Polanskis Ehefrau.

Cliff (l.) und Rick gehen ihrem Leben in Hollywood nach

In der Folge schwingt sich Sharon Tate neben Rick und Cliff zur Protagonistin des Films auf. Fortan beobachten wir die drei, wie sie ihrem Leben in Hollywood nachgehen. Rick versucht mithilfe kleinerer Serienproduktionen, im Gespräch zu bleiben und vielleicht doch noch den Durchbruch zu schaffen, Cliff fährt vor allem in der Stadt herum und läuft Gefahr, den Verführungskünsten eines jungen Hippiemädchens zu erliegen, und Sharon Tate sehen wir auf ihren Pfaden durch die Straßen Hollywoods, während sich der 9. August stetig nähert.

Ein Feuerwerk an Referenzen

Im Verlauf des Films passiert an sich relativ wenig. Bis ins letzte Drittel hinein ist keine klare Handlung zu erkennen. Die drei Protagonisten folgen einfach ihren individuellen Pfaden, ohne dass sich viel ereignet. Stattdessen nutzt Tarantino seine Figuren dazu, uns das Hollywood der damaligen Zeit zu präsentieren. An jeder Ecke sehen wir Plakate einst populärer Filme, berühmte Stars wie Steve McQueen, Einschübe von Fernsehserien klassischer Machart oder Filmausschnitte aus einigen großen Werken. „Once Upon a Time in Hollywood“ gibt uns Einblicke in Szenen aus unter anderem „Rollkommando“ („The Wrecking Crew“), „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) und er zitiert Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ (Rosemary’s Baby“). Tarantino demonstriert hier eine tiefe Liebe zum damaligen Hollywood und zum europäischen Autorenkino, welches langsam Einzug ins amerikanische Kino hält. Gleichwohl zitiert er auch moderne Werke, vor allem seine eigenen. Wir sehen eine Szene, in der Nazis verbrannt werden, wie in „Inglourious Basterds“. Ein schmutziges Buch, das Rick am Set einer Produktion liest, erinnert uns an „Pulp Fiction“. Und wenn Rick den Antagonisten in einem Western-Piloten spielen soll, ruft uns das Leonardo DiCaprios Rolle in „Django Unchained“ ins Gedächtnis. Vor allem über die Darsteller zitiert der Regisseur hier sehr viel. So wird etwa Cliff als Stuntman durch den von Kurt Russell porträtierten Randy ausgewählt – Eine Referenz an Russells Rolle in Tarantinos „Death Proof“. Tarantino, so muss man sagen, erschafft hier eine wunderschöne Welt und präsentiert uns ein Hollywood, das schon lange der Vergangenheit angehört. Doch wer jetzt glaubt, Tarantino schwelge mit seiner Darstellung lediglich in der Vergangenheit, der irrt. Der Regisseur nutzt diese Zeit und die sich anbahnenden Umstände rund um Sharon Tate, um einige aktuelle Fragen zu verhandeln, denen wir uns auch heute noch in Bezug zum Kino stellen müssen.

Die Zerstörung des Kinos

Um die Schönheit des Kinos im Generellen zu repräsentieren nutzt Tarantino in seinem neusten Film vor allem eine Person: Sharon Tate. In ihr findet sich alles, was das Medium in seiner reinen Form ausmacht und eine bis heute ungebrochene Faszination hervorruft. Zum Ersten einmal rein optisch eine Schönheit, die uns auch das Kino in Form von ästhetisch wundervollen Bildern vermitteln kann. Als Nächstes eine ungebrochene Naivität und Verträumtheit, mit der wir uns als Zuschauer einem jeden Werk hingeben können und uns fern von jedweder intellektueller Beschäftigung mit dem Medium auseinandersetzen können. Trotzdem ist Intellektualität ebenfalls ein Teil von Sharon Tate und somit, in diesem Verständnis, auch Teil des Mediums Film. Zu guter Letzt, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt, ist es die Unschuld, die das einstige It-Girl repräsentiert. Tarantino begriff das Kino immer als einen unschuldigen Ort. Einen Ort, der nicht zum Instrument ideologischer Botschaften gemacht werden dürfe, um beispielsweise eine bestimmte politische Agenda durchzusetzen. Die Freiheit der Kunst an sich stellt das höchste Gut im Kino dar und darf die in keinster Weise beschnitten werden. Bereits in „Inglourious Basterds“ erteilte Tarantino der Instrumentalisierung des Lichtspielhauses eine Absage, indem er die Nazis für ihre Entweihung dieses für ihn heiligen Ortes bestrafte. Doch es sind nicht nur Nazis, die dem Kino ihre Unschuld nehmen wollen.

Auch im 21. Jahrhundert droht das Kino seine Unschuld zu verlieren, doch diesmal droht die Gefahr nicht ausschließlich von rechter Seite. Sowohl fehlgeleitete linksliberale Ideologien, als auch das von den Großkonzernen der Traumfabrik verfolgte Profitinteresse sorgen für eine Zerstörung des alten, ideologiefreien Hollywoodkinos. Im Vordergrund steht oftmals nicht mehr das Schaffen von künstlerisch wertvollen Werken, sondern die Durchsetzung einer bestimmten Agenda. So gibt es in Politik und in Wirtschaft seit geraumer Zeit die Diskussion rund um die Unterrepräsentation von Frauen oder Menschen anderer Hautfarben in bestimmten Berufszweigen. Eine Diskussion, die in der Realität durchaus zielführend und notwendig ist, wurde von manchen auch auf die Fiktion und speziell auf das Kino übertragen. Es führte dazu, dass man angefangen hat, die Frauen auf der Leinwand zu zählen und anschließend zu evaluieren, ob das weibliche Geschlecht im Vergleich zum Mann ausreichend repräsentiert wurde. Sobald ein Werk mit nur wenigen Frauen gearbeitet hatte, gab es einen großen Aufschrei, was eine bedenkliche Entwicklung in der Kinolandschaft zufolge hatte und sich in durch und durch „weiblichen“, pseudofeministischen, qualitativ jedoch unzureichenden Remakes und Fortsetzungen Ausdruck verschaffte. „Ghostbusters“ (2016) und „Ocean’s Eight“ seien beispielhaft genannt. Das Kino wurde zu einem Ort, in dem es nicht mehr darum ging, Kunst zu schaffen, sondern das Medium so zu gestalten, dass man zum einen möglichst viele Menschen „zufriedenstellen“ und zum anderen große finanzielle Erfolge unter dem Deckmantel der Diversität generieren kann.

Rick versucht, seine Karriere am Leben zu erhalten

In Verbindung dazu sind es die großen Konzerne, die das Kino zerstören. Konzerne, die Filme produzieren, welche finanziell natürlich erfolgreich sein sollen. Zu diesem Zweck wird zum einen der linksliberalen Forderung nach Diversität Genüge getan, zum anderen sind Entwicklungen zu erkennen, mit denen das Kino in gewisser Weise familienfreundlicher gestaltet werden soll. Dazu zählt immer häufiger der Verzicht auf expliziete Gewaltdarstellungen, Sex und auf den Konsum von Drogen. Lediglich in einigen Independent-Filmen finden sich noch Auszüge dieser Aspekte, in großen Kinoproduktionen geht man mittlerweile überwiegend konservativ damit um. Auch hier wird dem Kino seine Unschuld genommen und es findet eine große Einschränkung der Kunstschaffenden statt. Der Hays Code lässt grüßen.

Mit aller Gewalt

In „Once Upon a Time in Hollywood“ werden beide Aspekte durch die Manson Family repräsentiert. Die Gruppierung erscheint als durch und durch weibliche Organisation, nur vereinzelt kommen Männer vor. Die Family lebt auf einer alten Ranch, auf der früher einmal Westernfilme gedreht wurden. Der heruntergekommene Ort dient dabei als hässlicher Kontrapunkt zum leuchtenden Hollywood, nur vereinzelt ist zu erkennen, das die Ranch einmal Teil der Traumfabrik war. Hier haben wir die Vereinnahmung in Verbindung mit einer Einschränkung des alten Hollywoods durch die pseudofeministische Ideologie. Eine Ideologie, welche die Filmindustrie dazu verleitet, ihre alten Helden zu vergessen, kreativen Schaffensprozessen abzuschwören, somit träge zu werden und sich unter dem Deckmantel der Diversität im wahrsten Sinne des Wortes „befriedigen“ zu lassen. Zugleich sehen wir in der Manson Family eine Hippie-Bewegung, die auf den ersten Blick nichts als Liebe in die Welt hinaustragen will. Die Menschen der Bewegung lehnen Gewalt scheinbar ab und wollen alles Gewalttätige aus der Welt verbannen. Im Hollywoodkino der damaligen Zeit und somit all dem, was Tarantino über den Großteil der 161 Minuten zitiert und feiert, sehen sie eine Konzentration dieser Gewalt, die es zu bekämpfen gilt. Ihr Ziel ist somit eine Beschneidung der Filmindustrie und letztlich der Filmkunst an sich. Ein Vorhaben, das Tarantino in Gänze ablehnt. Mit aller Macht stellt er sich gegen jene, die dem Kino seine Unschuld nehmen wollen, und mobilisiert alles, was Hollywood seit jeher zu einem derart schönen Ort gemacht hat, gegen diejenigen, die das Kino zu einem Instrument der politischen Propaganda machen wollen. Wie in „Inglourious Basterds“, als das Kino zu einer Waffe gegen die Faschisten wurde, wird hier Hollywood zu einem Bollwerk gegen die drohende Gefahr. Ein Bollwerk, das mit aller Gewalt zurückschlägt, die dazu noch in einer Härte ästhetisiert wird, wie man sie selbst in einem Werk von Quentin Tarantino selten gesehen hat.

Phasenweise grandios

Der Film zeigt diesen Kampf für die Freiheit der Filmschaffenden in teilweise grandiosen Bildern, die von starren Einstellungen bis hin zu ewig lang gehaltenen Kamerafahrten variieren. Besonders die dadurch gezeigten, extra für den Film gebauten Kulissen sowie der tolle Soundtrack tragen einen großen Teil zur fantastischen Atmosphäre des Films bei. Auch die Darsteller machen hier einen grandiosen Job. Allen voran Leonardo DiCaprio zieht hier alle Register und schlüpft nicht nur in seine Rolle als Schauspieler Rick Dalton, sondern innerhalb dieses Charakters auch in die Rollen, in denen Dalton für seine Arbeitgeber performen muss. Auch Brad Pitt und Margot Robbie bieten herausragende Leistungen, genauso wie die zahlreichen weitere Darsteller der mit Stars gespickten Besetzung. Das alles macht „Once Upon a Time in Hollywood“ zu einem brillianten Film, der jedoch auch einige wenige Schwächen hat. Zum einen haben die Dialoge längst nicht die nötige Schärfe, die wir von einem Tarantino-Film gewohnt sind, zum anderen hatte ich an manchen Stellen das Gefühl, das ein Schnitt teilweise zu früh oder zu spät gesetzt wurde, sodass viele der duchaus starken Gags leider nicht zünden. Dennoch hält der Film vor allem durch das vorausgesetzte Wissen in Bezug zum Mord an Sharon Tate eine ungeheure Spannung aufrecht, die gerade gegen Ende der Handlung extrem gut ausgenutzt wird, um auf den Höhepunkt des Films zuzusteuern. Somit reiht sich „Once Upon a Time in Hollywood“ zwar nicht in die Riege der absoluten Meisterwerke des Regisseurs rund um „Pulp Fiction“ und „Inglourious Basterds“ ein, das Drama besticht dennoch durch ein nach wie vor enorm hohes Niveau – das konnte Tarantino ja allen Anfeindungen zum Trotz über seine gesamte Karriere hinweg konstant aufrechterhalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Bruce Dern, Leonardo DiCaprio, Al Pacino und Brad Pitt unter Schauspieler.

Währendessen genießt Sharon Tate das Leben in L.A.

Länge: 161 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Once Upon a Time in Hollywood
USA 2019
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Emile Hirsch, Margaret Qualley, Timothy Olyphant, Rafal Zawierucha, Julia Butters, Austin Butler, Dakota Fanning, Bruce Dern, Mike Moh, Luke Perry, Damian Lewis
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 
5 Kommentare

Verfasst von - 2019/08/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Brian De Palma (VI): Carlito’s Way – Sein schönster Film?

Carlito’s Way

Von Simon Kyprianou

Gangsterthriller // In der Dokumentation „De Palma“ von Noah Baumbach und Jake Paltrow sagt der Regisseur, als er auf „Carlito’s Way“ zu sprechen kommt, dass er mit diesem Film voll und ganz zufrieden sei; angesichts des finanziellen Misserfolgs äußert er, dass er nicht wisse, wie er einen besseren Film als „Carlito’s Way“ machen könnte. Und in der Tat, „Carlito’s“ Way ist ein hervorragender Film, eine von De Palmas schönsten Arbeiten in einer Filmografie, die reich an schönen Arbeiten ist.

Gangster Carlito kommt aus dem Knast

Brian De Palma zeigt sich hier auf der Höhe seiner Erzählkunst: Als der Mafioso Carlito Brigante (Al Pacino) aus dem Gefängnis kommt, sucht er nach seiner früheren Freundin Gail (Penelope Ann Miller). Sie ist Tänzerin, er schaut ihr vom Dach des Nachbarhauses beim Üben zu. Er steht draußen, im Dunkeln, im Regen, sie tanzt drinnen im Licht. De Palma erzählt hier unglaublich schön mit seinen Bildern von zwei unterschiedlichen Welten, deren Sehnsucht sie aufeinander zu driften lässt. Später klopft der Puerto-Ricaner an Gails Tür, bittet um Einlass, sie fordert ihn spielerisch dazu auf, die Tür einzutreten, wolle er hineinkommen. Carlito hadert mit sich, bevor er sich dann doch mit Gewalt Einlass verschafft. In dieser Szene verdichtet De Palma die Tragik seiner Figur: Carlito will ein besserer Mensch werden, versucht aufrichtig seine brutale Vergangenheit hinter sich lassen, und Gail will das ebenso, aber beide sehnen sich in diesem Moment insgeheim nach dem alten Carlito, der sich nimmt, was er will.

De Palma geht in oben erwähnter Dokumentation auch auf die wunderbar montierte Eingangsszene ein, in Schwarz-Weiß mit Voice-over gedreht. Das Erste, was wir in Farbe zu sehen bekommen, sind die Träume von Carlito: eine Werbeanzeige, die einen Südseestrand zeigt, ein starres Bild, das sich bunt aus dem Schwarz-Weiß herausschält. Die letzten Bilder des Films zeigen wie jenes vormals starre Sehnsuchtsbild plötzlich zu tanzen anfängt. Ebenfalls bemerkenswert ist natürlich die schnittlose Verfolgungsjagd durch die Grand Central Station im Finale. In „Carlito’s Way“ erreicht De Palma einen letzten großen Höhepunkt seiner visuellen Erzählkunst und seines Handwerks. Auch wenn das Spätwerk De Palmas nicht so schlecht ist, wie es oft gemacht wird: „Carlito’s Way“ ist der letzte große Film von Brian De Palma.

Große Schauspielkunst von Al Pacino und Sean Penn

Ironischerweise wird Carlito, der als Nachtclub-Betreiber einer ehrlichen Beschäftigung nachzugehen versucht, ausgerechnet von seinem Freund und Anwalt David Kleinfeld (Sean Penn) – der Carlito zu Beginn wegen eines Verfahrensfehlers aus dem Gefängnis geholt hat – wieder hineingezogen in die Illegalität: Der kokainsüchtige Kleinfeld hat den Gangster Vinnie Taglialucci (Joseph Siravo), den er vertritt, um Geld betrogen, Taglialucci erpresst ihn nun: Hilft Kleinfeld ihm nicht beim Ausbruch, muss er sterben. Die Aktion entgleist völlig, und Carlito versucht mit Gail zu fliehen; sie wollen auf den Bahamas neu anfangen, aber Taglialuccis Männer verfolgen ihn.

Al Pacino ist hervorragend als Carlito, er spielt wunderbar sanft dessen Verletzlichkeit und Unsicherheiten heraus, insbesondere in den Szenen mit Penelope Ann Miller. Aber Sean Penn ist fraglos der schauspielerische Höhepunkt des Films: Er war nie besser als hier, spielt Kleinfeld, diese getriebene, zutiefst verkommene Figur scheinbar ohne Mühe oder Eitelkeiten, mit einer absoluten Selbstverständlichkeit.

Bislang keine deutsche Blu-ray

Bleibt zu hoffen, dass der Film bald eine neue Heimkinoauswertung in Deutschland erfährt. Bisher ist er nur als DVD zu erhalten, diese ist mittlerweile out of print und dementsprechend teuer. Denn ohne Zweifel ist „Carlito’s Way“ De Palmas schönster Gangsterfilm, der auf alle Extravaganzen und Exzesse von „Scarface“ verzichtet und dafür lieber versucht, zu seinen Figuren durchzudringen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Viggo Mortensen, Al Pacino und Sean Penn in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. Januar 2004 als DVD

Länge: 139 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Carlito’s Way
USA 1993
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: David Koepp, nach Vorlagen von Edwin Torres
Besetzung: Al Pacino, Penelope Ann Miller, Sean Penn, Luis Guzmán, John Leguizamo, Viggo Mortensen, Joseph Siravo, James Rebhorn, John Ortiz, Ángel Salazar
Zusatzmaterial: Making-of (34:35), Fotogalerie, Original-Kinotrailer
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2004 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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William Friedkin (III): Cruising – Damals verfemt, heute gepriesen

Cruising-Packshot

Cruising

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Immer mehr mysteriöse Mordfälle ereignen sich in der homosexuellen Sadomaso-Szene von New York City. Die Polizei tappt im Dunkeln, daher soll ein Undercover-Ermittler Licht in den Fall bringen. Die Wahl fällt auf den jungen Polizisten Steve Burns (Al Pacino), dessen Leben durch die Ermittlungen aus den Fugen geraten wird.

Inspiriert vom Serienkiller Paul Bateson

Bei den Dreharbeiten zu „Der Exorzist“ gab es einige Szenen, die Regisseur William Friedkin in einem echten Krankenhaus gedreht hat – mit dem echten medizinischen Personal der Einrichtung als Statisten. Jahre später las Friedkin in der Zeitung, dass einer jener Krankenhausmitarbeiter wegen vielfachen Mordes innerhalb des homosexuellen S&M-Milieus angeklagt war. Friedkin besuchte den Mann, Paul Bateson, in Haft und der erzählte ihm, einige dieser Morde habe er wirklich begangen, die Polizei wolle aber mit ihm einen Deal abschließen: Sofern Bateson mehr Morde gestehe, als er wirklich begangen hat, werde sein Strafmaß verringert und die Polizei stehe in gutem Licht da und könne sich mit erfolgreichen Schlagzeilen schmücken. Bateson ging schließlich auf den Deal ein.

Recherchen im Schwulen-Milieu mit der Mafia

Diese Geschichte war für Friedkin, wie er in Interviews immer wieder offenbart hat, der Ursprung von „Cruising“ und auch der Ursprung der Ungewissheit, die „Cruising“ bestimmt. Bei der Suche nach geeigneten Drehorten bediente sich der Regisseur bei seinen Kontakten zur New Yorker Mafia, denen zur damaligen Zeit die meisten Schwulen-Clubs gehörten.

Die Homosexuellenszene war empört

Quälende Ungewissheit und Paranoia bestimmen den Film, an dessen Ende sich der Zuschauer über nichts sicher sein kann: nicht über die Sexualität der Hauptfigur, nicht darüber, ob die Hauptfigur selbst zum Mörder geworden ist, nicht darüber ob der Mörder gefasst wurde. Dazu Friedkins Besessenheit von Realismus und Authentizität – da hatte es der Film schwer. Bei Publikum und Kritik fiel „Cruising“ größtenteils durch, desgleichen bei der homosexuellen Community. Sogar drei Nominierungen für die Goldene Himbeere hagelte es – für Drehbuch, Regie und als schlechtester Film. Zusammen mit Friedkins vorherigem monumentalen Flop „Atemlos vor Angst“ (1977) verzeichnet „Cruising“ das Ende seiner großen Hollywood-Karriere.

Heute als Meisterwerk anerkannt

Friedkins Filme wurden im Laufe seiner Karriere immer düsterer und pessimistischer, in „Cruising“ kulminiert das endgültig. „Cruising“ ist ein diffuser Neo-Giallo, der keine Zugeständnisse an seine Zuschauer macht, wie es Friedkins frühere Filme noch taten. Steve Burns ist die vielleicht radikalste aller Friedkin-Figuren, radikal in dem Sinne, dass sie sich dem Zuschauer verschließt. „Cruising“ hatte trotzdem großen Einfluss auf viele Filmemacher. Nicolas Winding Refn („Drive“, „Only God Forgives“) beispielsweise lobpreist ihn immer wieder, heute gilt der Film als Meisterwerk.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von William Friedkin sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Al Pacino in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 19. Oktober 2007 als Special Edition DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte, Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Türkisch, Griechisch
Originaltitel: Cruising
USA/BRD 1980
Regie: William Friedkin
Drehbuch: William Friedkin, nach einem Roman von Gerald Walker
Besetzung: Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox, Don Scardino, Joe Spinell, Jay Acovone, Gene Davis, Sonny Grosso, Ed O’Neill
Zusatzmaterial: Audiokommentar von William Friedkin, Die Geschichte von „Cruising“, Geistervertreibung: „Cruising“, US-Kinotrailer
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

 

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