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Saskatschewan – Alan Ladd geht unter die Mounties

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Saskatschewan

Von Simon Kyprianou

Western // „Saskatschewan“ ist einer der späten Filme vom viel beschäftigten Hollywood-Urgestein Raoul Walsh, der sich in seiner langen Karriere den Ruf eines hervorragenden Genre-Handwerkers erarbeitet hat. Mit „Der große Treck“ schafft er 1930 einen der ultimativen Western, ein Epos, der die Essenz des Genres in sich zu verdichten scheint, vom Aufbruch in ein zu entdeckendes Land, über die Widerstände bis hin zur Entstehung einer Gesellschaft. Mit „Sprung in den Tod“ dreht er 1949 einen unglaublich intensiven und modernen Gangsterfilm, in dem James Cagney mit einer berauschenden Darstellung brilliert.

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Nach einem Indianerüberfall sammelt O’Rourke die störrische Grace auf

In „Saskatschewan“ nimmt Walsh wieder das Motiv des Trecks auf – der Filmtitel bezeichnet übrigens eine Provinz in Kanada: Thomas O’Rourke (Alan Ladd) ist ein Mounty und halber Indianer; der Häuptling der Cree hatte ihn als Kind adoptiert. Der Kommandant des Forts, Benton (Robert Douglas), fährt eine harte Linie gegenüber den Cree, obwohl diese in Frieden mit den Weißen leben, und lässt sie entwaffnen. Gleichzeitig gewinnen die Sioux in den USA eine große Schlacht und reiten weiter nach Kanada um sich mit den von der Behandlung der Kanadier enttäuschten Cree zu verbünden. Kommandant Benton erhält den Auftrag, mit seinen Männern zu einem anderen Fort in den USA überzusiedeln. Unterdessen schlägt der US-Marshal Smith (Hugh O’Brian) auf und beschuldigt Grace Markey (Shelley Winters), die O’Rourke zuvor als einzige Überlebende eines Indianerangriffes aufgegabelt hat, des Mordes an seinem Bruder. Zusammen macht sich die Truppe in Richtung USA auf, doch die Sioux sind ihr dicht auf den Fersen.

Gedreht im Banff-Nationalpark

Walsh inszeniert „Saskatchewan“, wie man es von ihm gewohnt ist, mit klarem und unverstelltem Blick auf die Ereignisse und macht sich die sehr filmische Struktur der Reise zunutze: Nach und nach eskaliert die Situation, jede Station der Reise ist auch eine Station näher an der unabwendbaren Katastrophe. Die Actionszenen fügt Walsh schön nahtlos in den Filmfluss ein und baut sie ungemein elegant auf. Überhaupt ist „Saskatschewan“ ein unheimlich schöner Film, on location im kanadischen Banff-Nationalpark gedreht. Walsh will seinen Film am Ende mit einer opulenten Schlachtenszene krönen, die steht diesem eher kleinen Film aber eigentlich gar nicht; gelungen ist sie dennoch.

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Der Mounty versucht, den Zorn der Cree zu besänftigen

Einige Figuren und Hintergründe lässt Walsh lange im Dunkeln, so offenbart der Film nur langsam die Tragik der Vergangenheit von Sheriff Smith und Grace, einer sehr interessanten Figurenkonstellation.

Gute Indianer, böse Indianer

Auch ist „Saskatschewan“ ein für die 50er-Jahre vergleichsweise differenzierter Indianerwestern. Immerhin mahnt er die schlechte Behandlung der Cree durch die Kanadier an, unterteilt aber dennoch in gute und böse Indianer und macht es sich dadurch auch wieder leicht. Alles in allem sicher ein sehenswerter Film, nicht nur für Walsh-Komplettisten. Die Veröffentlichung von Koch ist nicht schlecht, nur liegen keine Untertitel vor, ein Manko für Zuschauer, die Original-Sprachfassungen bevorzugen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Raoul Walsh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

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Die Sioux sind auf dem Kriegspfad

Veröffentlichung: 12. Januar 2016 als Blu-ray, 29. August 2008 als DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Saskatschewan
Alternativtitel: Rote Reiter von Kanada
KAN/USA 1954
Regie: Raoul Walsh
Drehbuch: Gil Doud
Besetzung: Alan Ladd, Shelley Winters, J. Carrol Naish, Hugh O’Brian, Robert Douglas, George J. Lewis, Richard Long, Jay Silverheels, Antonio Moreno, Anthony Caruso
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

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Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films, Filmplakat: Fair Use (User: Tired Time)

 

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Der stolze Rebell – Hoffnung im Schatten des Krieges

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The Proud Rebel

Von Ansgar Skulme

Western-Melodram // Ein früherer Südstaatensoldat (Alan Ladd) reist nach dem Bürgerkrieg mit seinem Sohn David (David Ladd) in den Norden, stetig auf der Suche nach einem Arzt für das Kind. Der Junge musste in Abwesenheit des Vaters mit ansehen, wie das Haus der Familie niederbrannte und die Mutter dabei zu Tode kam – seitdem hat er die Sprache verloren und hängt mehr denn je an seinem treuen Freund, einem kleinen Hund. Nur die alleinstehende Linnett Moore (Olivia de Havilland) und ein freundlicher Mediziner (Cecil Kellaway) kümmern sich um die Kriegsverlierer, aber auch auf dem Land von Miss Moore droht den Gebeutelten Unheil: Die Burleigh-Familie (unter anderem: Dean Jagger) hat es auf die Ländereien abgesehen und der Geschäftsmann Bates (James Westerfield) auf den Hund vom kleinen David …

Das Ganze liest sich auf den ersten Blick schrecklich vorhersehbar und rührselig, aber da man dem ohnehin in seinen 50er-Jahre-Filmen häufig recht resigniert wirkenden Alan Ladd diese Rolle hervorragend abkauft und seinem Sohn David im Alter von nur zehn Jahren eine enorm gute schauspielerische Leistung gelang, funktioniert dieses Spätwerk von Michael Curtiz durchaus ansprechend. David Ladd wurde verdient für gleich zwei reguläre Golden Globes nominiert und letztlich mit einem Special Award als bester jugendlicher Darsteller ausgezeichnet. „Der stolze Rebell“ wirkt bemerkenswert aufrichtig und ist dadurch bewegend, was letztlich in erster Linie dem guten Gespür von Michael Curtiz zu verdanken ist, die Bilder nüchtern zu belassen, da die Story ohnehin melodramatisch genug ist. Es besteht schlicht keine Notwendigkeit einer Dopplung von melodramatischer Handlung und Bildsprache, wie man es etwa von Douglas Sirk („Was der Himmel erlaubt“) kennt. Im Ergebnis heißt das: Viel glaubwürdiger als „Der stolze Rebell“ kann man ein Melodram im Grunde kaum inszenieren.

Momente das Abschieds

Glaubwürdig ist der Film aber auch, weil man Olivia de Havilland – hier im fünften ihrer nur sechs Filme aus den 50er-Jahren zu sehen – die bescheidene, alleinstehende Frau als ehrlich und liebevoll abnimmt; rüstig verwaltet sie ein großes Stück Land und ist glücklich, als sie sieht, wie sich der kleine Junge über sein neues Zuhause freut, das bisher ihr alleiniges Heim war. Einmal mehr überzeugt de Havilland als starke Kämpferin für das Gute, der alles Böse komplett fremd zu sein scheint – das Rollenprofil, mit dem sie seit den 30er-Jahren berühmt geworden war. Es war nicht nur ihr letzter Kino-Western, dem lediglich noch eine Episode der Serie „Big Valley“ von 1965 folgte, sondern auch ihr letzter Film mit Michael Curtiz, dem Regisseur, der sie mit Filmen wie „Unter Piratenflagge“ (1935) und „Die Abenteuer des Robin Hood“ (1938) berühmt gemacht hatte.

Mit Alan Ladd, der sich zunächst vor dem raubeinigen Umgang des Regisseurs mit seinen Stars gefürchtet hatte, drehte Curtiz unmittelbar danach noch den Kriminalfilm „Das tödliche Netz“ (1959). Binnen nur weniger weiterer Jahre sollten die Hollywood-Karrieren beider Stars und des Regisseurs enden: Michael Curtiz starb 1962, Alan Ladd 1964 und Olivia de Havilland war nachfolgend nur noch in vier Hauptrollen im Kino zu sehen – 1964 in ihrer letzten. Ein Spätwerk war der Film aber auch für den angehenden Jungstar Tom Pittman, welcher einen der beiden Söhne der Burleigh-Familie spielt. Pittman wurde seinerzeit als Nachfolger von James Dean gehandelt, starb aber fünf Monate nach der Premiere des Films mit 26 Jahren bei einem Autounfall. Der Film „Verboten!“, eine Zusammenarbeit mit Samuel Fuller, und seine erste Kinohauptrolle „High School Big Shot“, die ihm im Doppelpack wahrscheinlich eine große Tür aufgestoßen hätten, erschienen 1959 erst posthum.

Ein rares Synchronvergnügen

In den USA wurde der Film 2011 von Echo Bridge Home Entertainment auf DVD veröffentlicht und dabei offen als Familienfilm angepriesen – mit einem Cover, das stark an Disney-Veröffentlichungen von Produktionen jener Zeit erinnert. Zuvor gab es bereits 2007 eine Veröffentlichung, im August 2015 folgte eine weitere. Kurzum: Selbst in seinem Herkunftsland schieben kleine Labels den Film hin und her. Für den Kino-Verleih in den USA war ursprünglich Buena Vista zuständig, in Deutschland wurde der Film von MGM auf die Leinwand gebracht. Offen bleibt, ob es aus dieser Sachlage einen Ausweg für das Werk auf eine deutsche DVD gibt. Lohnend wäre eine Veröffentlichung in der Bundesrepublik schon allein deswegen, weil es sich hierbei um einen der wenigen Filme handelt, in denen Werner Peters (1918–1971) in der Hauptrolle, als Stimme von Alan Ladd, zu hören ist – ein auch vor der Kamera in den 50er- und 60er-Jahren durchaus namhafter deutscher Schauspieler („Der Untertan“, 1951), der es bis ins internationale Kino und in Filme wirklich großer Regisseure schaffte. Peters arbeitete in den 50ern zwar häufig als Synchronsprecher und war auch oftmals in recht großen Rollen im Einsatz, den an erster Stelle genannten Star eines Films durfte er aber leider nur ausgesprochen selten sprechen. Wer nach weiteren Beispielen Ausschau hält, dem sei noch der Film noir „Der Henker nimmt Maß“ (1957) empfohlen, in dem Werner Peters in einer Doppelrolle für Jack Palance zu hören ist. Auch hierbei handelt es sich um eine MGM-Veröffentlichung – ein Studio, das oftmals mit ungewöhnlichen Synchronbesetzungen auffiel und auch gern einmal lange bewährte Kontinuitäten missachtete, im Falle von Peters aber einen guten Schachzug tätigte.

Von der Reduzierung des Michael Curtiz

Abschließend bietet es sich an, ausgehend von diesem Film und anknüpfend an meinen Text zu „Goldene Erde Kalifornien“ (1938), den allgemeinen filmhistorischen Umgang mit Michael Curtiz zu kritisieren, nicht zuletzt was die Veröffentlichung seiner Filme bis heute anbelangt – speziell in Deutschland. Curtiz war ein überaus fleißiger Regisseur, der gewissermaßen bis zum letzten Atemzug auf höchstem Niveau arbeitete. Einer, der bereits in den 30er-Jahren enorm erfolgreich gewesen ist und nach dem Tonfilm auch alle neuen Farbverfahren stets zeitnah erproben durfte. Schon Anfang der 30er war er eine sichere Bank und die Produzenten brachten ihm großes Vertrauen entgegen. Viele seiner 30er-Filme waren bei uns in Deutschland noch sehr lange im TV präsent, regelmäßig im Nachtprogramm der ARD und der dritten Programme vertreten, und sind es teilweise noch heute. Ab Ende der 30er-Jahre wird Curtiz‘ Schaffen aber zu sehr mit Blick auf seine Zusammenarbeiten mit Errol Flynn (und Olivia de Havilland) reduziert – nicht nur in Deutschland.

Von den mehr als 30 Filmen, die er nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. etwa ab seinem 60. Lebensjahr bis zu seinem Tod binnen weniger als 20 Jahren fertigstellte, sind viele heute kaum noch bekannt, obwohl von fast allen (sogar von fast allen seit Anfang der 30er-Jahre!) eine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Curtiz drehte rund 100 Tonfilme, die beinahe von Beginn an erfolgreich waren, und hatte zuvor auch schon rund 70 Stummfilme realisiert, aber eine Michael-Curtiz-Box oder -Collection lässt selbst in den USA oder Großbritannien bis heute auf sich warten. Curtiz war weder nur der Haus-und-Hof-Regisseur von Errol Flynn, als der er gern einmal verkauft wird, noch brachte der an Heiligabend geborene Regie-Veteran in den 50ern nicht mehr als lediglich die beiden großen Weihnachtsklassiker „Weiße Weihnachten“ (1954) und „Wir sind keine Engel“ (1955) zustande. Bis zu seinem Tod im Alter von 75 Jahren war er quer durch die Genrewelt aktiv, und noch seine finalen drei Filme waren bei Licht betrachtet Hausnummern: die Mark-Twain-Verfilmung „Abenteuer am Mississippi“ (1960), das heute fast vergessene Biopic „Franz von Assisi“ (1961) und schließlich der John-Wayne-Western „Die Comancheros“ (1961), doch ebenso stiefmütterlich wie „Franz von Assisi“ werden auch die meisten anderen Filme behandelt, die er vor, nach und während seiner Zeit mit Errol Flynn drehte. Selbst seine im TV noch einigermaßen präsent gebliebenen 30er-Filme gibt es hierzulande größenteils nicht auf DVD.

Das Problem der Vielseitigkeit

Die Filmografie von Michael Curtiz sachgemäß und qualitativ angemessen zugänglich zu machen und in ihrer Breite zu erschließen, für die Errol Flynn nur ein Baustein war, ist eine große, bisher nicht bewältigte Aufgabe. Was in Deutschland an Filmen vergessen wurde, wurde in den USA zu einem guten Teil zumindest degradiert. Stellt sich eigentlich nur die Frage, wo man zuzugreifen und dies zu ändern beginnt. Selbst wenn man vorerst nur die Filme ab dem Beginn seines wirklich großen Erfolgs mit einigen Genre-Meilensteinen im Horror-, Kriminal- und Gangsterfilm Anfang der 30er berücksichtigt, bleiben von dort aus bis zu seinem Tode immer noch dreißig Jahre eher spärlich beleuchtete Kinogeschichte übrig.

Der gebürtige Budapester Michael Curtiz ist einer der Regisseure, denen es zum Verhängnis geworden zu sein scheint, dass sie praktisch alles konnten, dies ausgewogen zeigten und einfach nicht auf ein Genre festzunageln sind, mit dem man sie assoziiert. John Ford verbindet man mit dem Western, James Whale oder Tod Browning mit dem Horrorfilm, Hal Roach mit Slapstick, Alfred Hitchcock mit dem Thriller, Cecil B. DeMille mit epischen Großproduktionen; allesamt werden sie als Meister des jeweiligen Sektors ausgerufen – und das sicher nicht zu Unrecht, aber ihre Schwerpunkte waren auch dementsprechend gelagert. Und Michael Curtiz, der keinen wirklichen Schwerpunkt hatte, sondern alles ausprobierte, technisch und inhaltlich sehr offen war, assoziiert man … mit Errol Flynn und „Casablanca“ (1942). Der einzige sehr rege bei großen Studios aktive Regisseur, dem man auf diese Weise Unrecht tut, ist er aber sicher nicht. Man könnte nun beispielsweise mit Allan Dwan weitermachen, dem das Cinema-Ritrovato-Festival in Bologna immerhin erst vor wenigen Jahren eine Retrospektive widmete, aber das ist eine andere Geschichte.

Olivia de Havilland bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Wiegenlied für eine Leiche (1964)

Michael Curtiz bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Die Comancheros (1961)

Veröffentlichung (USA): 12. August 2015, 3. Mai 2011 und 22. Mai 2007 als DVD

Länge: 103 Min. (Kino)
Originaltitel: The Proud Rebel
USA 1958
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Joseph Petracca & Lillie Hayward, nach einer Geschichte von James Edward Grant
Besetzung: Alan Ladd, Olivia de Havilland, Dean Jagger, David Ladd, Cecil Kellaway, Harry Dean Stanton, Tom Pittman, Henry Hull, Eli Mintz, John Carradine, Percy Helton
Vertrieb: Buena Vista Film Distribution Company & Metro-Goldwyn-Mayer

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Der gläserne Schlüssel – Dashiell Hammett im Remake-Irrgarten

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The Glass Key

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Ed Beaumont (Alan Ladd) verdient sich sein Geld als wichtigster Handlanger des korrupten Politikers Paul Madvig (Brian Donlevy). Madvig ist äußerlich zwar ein netter Kerl, kokettiert aber mit Gangstern wie Nick Varna (Joseph Calleia). Als Madvig um seiner Liebe willen dem Gangsterboss Varna plötzlich die Zusammenarbeit kündigt und wenig später der Liebhaber von Madvigs Schwester tot aufgefunden wird, landet der Strahlemann am Pranger. Ed Beaumont pocht auf Schadensbegrenzung, doch er hat die Unerbittlichkeit Nick Varnas unterschätzt. Und welche Rolle spielt Janet Henry (Veronica Lake), die Frau, für die Paul Madvig sich aufs dünne Eis wagte und die auch Beaumont schöne Augen macht?

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Größer als das Rätsel um den gläsernen Schlüssel ist nur das Selbstvertrauen der Hauptfigur

Als „Der gläserne Schlüssel“ erschien, stand Alan Ladd in Hollywood bereits seit zehn Jahren vor der Kamera. Das Jahr 1942 jedoch sollte für ihn den Durchbruch markieren. Mit den Filmen „Die Narbenhand“ und „Gangsterfalle“ – manchen vielleicht besser bekannt unter den prägnanten Originaltiteln „This Gun for Hire“ und „Lucky Jordan“ – und dem vorliegenden Streifen katapultierte sich Ladd in die Erste Liga. Fortan war er ein Mann für Hauptrollen, wie etwa in „Die blaue Dahlie“ (1946), den Koch Media einst als ersten Teil der Noir Collection veröffentlicht hat. Auch in „Der gläserne Schlüssel“ ist Alan Ladd bereits der eigentliche Protagonist, obwohl Brian Donlevy an erster Stelle des Vorspanns genannt wird. Und Ladd, der in Filmen der 50er-Jahre oftmals ein wenig abwesend und gelangweilt erscheint, sprüht hier geradezu vor Spielfreude. Die Rolle scheint ihm sichtlich Spaß gemacht zu haben. „Die Narbenhand“ und der nicht ganz ernst zu nehmende „Gangsterfalle“, der in der Internet Movie Database auch mit dem Etikett „Comedy“ markiert ist, wurden in Deutschland bisher leider noch nicht auf DVD herausgebracht, aber nach dieser brandneuen Veröffentlichung bleibt zu hoffen, dass die beiden Filme ebenfalls wiederentdeckt werden.

Überraschend schnelles Remake

Die Anzahl der Romane des Autors Dashiell Hammett ist recht überschaubar, was eine Erklärung dafür sein könnte, warum man „The Maltese Falcon“ 1941 mit Humphrey Bogart – in Deutschland besser bekannt als „Die Spur des Falken“ – bereits seine dritte Version, nach einem gleich betitelten Film mit Ricardo Cortez von 1931 und dem mit abgewandelten Rollennamen hantierenden „Der Satan und die Lady“ (1936), mit Warren William in der späteren Bogart-Rolle, spendierte. Umso überraschender ist es, dass erst die dritte Tonfilm-Version dieses Stoffs binnen zehn Jahren die größte Popularität erlangte. In Ausgabe #16 von 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin werde ich diese drei Filme in der Rubrik „Original/Remake“ ausführlich vorstellen.

Auch „Der gläserne Schlüssel“ mit Alan Ladd und Veronica Lake ist ein Remake, in dem Falle eines 1935 vom selben Studio, Paramount Pictures, veröffentlichten Films, der im Original ebenfalls „The Glass Key“ heißt. Hier spielte der aus vielen Gangsterfilmen wie „Scarface“ (1932) bekannte George Raft die Rolle des Beaumont, der im Gegensatz zu Ladd dafür auch Platz 1 in den Vorspann-Credits erhielt, war er doch damals schon ein großer Name und nicht erst im Durchbruch begriffen. In der Rolle von Brian Donlevy sehen wir Edward Arnold, außerdem ist beispielsweise Ray Milland in einer frühen Rolle als Liebhaber von Madvigs Schwester dabei. Die Originale und Remakes von „The Maltese Falcon“ und „The Glass Key“ waren neben der „Dünner Mann“-Reihe (1934–1947) die einzigen Romane von Dashiell Hammett, die im Classical Hollywood verfilmt wurden. Darüber hinaus setzte man lediglich noch ein paar wenige nicht in Romanform erschienene Geschichten aus der Feder von Hammett in Filme um und adaptierte zuweilen von ihm ersonnene Charaktere. Zweimal verfasste Hammett auch selbst ein Drehbuch, ein adaptiertes für „Die Wacht am Rhein“ (1943), das ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte, und ein sogenanntes Original-Drehbuch für Rouben Mamoulians Polizeifilm „Straßen der Großstadt“ (1931).

Tuttle und Ladd auf zweigleisigem Terrain

Ein Kuriosum der beiden Verfilmungen von 1935 und 1942 ist, dass Frank Tuttle bei der ersten Version Regie führte und Alan Ladd in der zweiten Version die Hauptrolle spielte. Frank Tuttle nämlich hatte auch bei den anderen beiden besagten Paramount-Erfolgen, die Alan Ladd 1942 feierte – „Die Narbenhand“ und „Gangsterfalle“ – die Regie inne und womöglich hätte man ihm auch bei „Der gläserne Schlüssel“ die Verantwortung übertragen, hätte er nicht schon die Version von 1935 inszeniert. Dumm gelaufen, möchte man denken. So kam Stuart Heisler ins Spiel, der bis Mitte der 50er-Jahre noch einige weitere gute Noirs und Beiträge zu anderen Genres realisierte und sich 1962 mit „Hitler“, dem ersten Biopic Hollywoods über Adolf Hitler, nach einigen Jahren Spielfilm-Abstinenz schließlich mit einem großen Knall endgültig von der großen Leinwand verabschiedete.

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Was wird es brauchen, Ed Beaumont (r.) die Coolness aus dem Gesicht zu treiben?

Frank Tuttle und Alan Ladd trafen sich erst 1954 noch einmal für eine Episode der Serie „General Electric Theater“ wieder und ließen 1955 den im sehr breiten 2,55:1-Format und Farbe gedrehten Noir „Blutige Straße“ (1955) mit Edward G. Robinson als Co-Star folgen. Tuttles und Heislers Versionen von „Der gläserne Schlüssel“ nehmen sich qualitativ nicht viel. Die Stärke des Remakes ist seine in puncto Brutalitätsdarstellung und Grenzwertigkeiten etwas kompromissfreiere Gangart. So gehen in der Version von 1935 ein Selbstmord und ein zuvor offen gezeigter Ehebruch unter Beteiligung des Helden unter, eine gerade für die 40er-Jahre, als die Zensur in Hollywood bereits völlig etabliert war, allerdings durchaus deftige Szene – bemerkenswert, dass sie in der Version von 1942 in dieser Form enthalten ist. Auch sieht George Raft nach einem brutalen Übergriff durch die Schergen des Gangsterbosses bei weitem weniger demoliert aus als Alan Ladd in der Heisler-Version. Andererseits ist Edward Arnold als Politiker-Bonze eine ziemlich geniale Besetzung, gegen die Brian Donlevy – der in der ersten Hälfte der 40er-Jahre ein paar wirkliche, an erster Stelle genannte „Starrollen“ innehatte, danach aber vermehrt Schurken- und Nebenrollen spielte und den Sprung in die Erste Liga nicht dauerhaft schaffte – trotz annehmbarer Leistung nur schwer bestehen kann.

Zwei Höllenhunde auf dem Weg zum Himmel

Etwas ärgerlich ist in diesem Zusammenhang vor allen Dingen, dass man in der vorliegenden Version von 1942 manchmal den Eindruck gewinnt, dass sich die Macher nicht so recht entscheiden konnten, ob sie Madvig und Beaumont nun als Sympathieträger oder korrupte Blender mit fragwürdigen Fähigkeiten zeigen wollen. Der Film enthält einige ziemlich verharmlosende Szenen, obwohl beide Figuren gleichzeitig recht deutlich mit Zügen von Gangster- und Mafiafilmen ausgestattet werden. Im Grunde sind Madvig und Beaumont beide nicht sympathisch, was für einen Film noir alles andere als schlimm ist, finden sich aber auch in Szenen wieder, die man in dieser Form auch in einer Buddy-Komödie oder einem Lustspiel hätte unterbringen können, was vor allem gegen Ende ziemlich scheinheilig übertrieben wirkt.

Madvig kommt phasenweise sogar recht grobschlächtig daher, wie ein reaktionärer, kurzsichtiger Schläger, der auf Provokation auch mal einfach unmittelbar mit geballter Faust reagiert und beruhigt werden muss, da er gerade kurzzeitig nicht ganz bei sich war und deswegen direkt beinahe Mist gebaut hätte, dann aber ebenso schnell wieder herunterfährt, als hätte man einem Hund „Aus!“ zugerufen. Einfach mal spontan zuhauen wollen, aber dann feststellen, dass eigentlich gar nichts war, was die Aktion wert gewesen wäre. Und das soll ein Politiker sein, der gleichzeitig clever die Fäden von Bestechung spinnt? In diesen Momenten kann man sich Edward Arnold als Madvig, der in der Rolle 1935 wesentlich gestandener erschien, so ganz und gar nicht mehr vorstellen. Ein wenig albern, wenn auch zugegebenermaßen recht amüsant, ist das alles ab und an schon, der Film von 1942 nicht durchweg überzeugend und für einen wirkIich guten Noir einfach zu inkonsequent. In der Version von 1935 ist das Gesamtbild in jedem Falle stimmiger, da die Charaktere weder an der einen Stelle zu düster noch an anderer Stelle zu beschaulich oder ungelenk in Szene gesetzt werden.

Veronica Lake rettet das Noir-Gefühl

Ein besonders auffälliger Unterschied zwischen beiden Filmen ist ferner, dass die Figur der Janet Henry in der Version von 1942 wesentlich eingängiger inszeniert wurde, was offenkundig dem Zweck diente, den Film zu einem Star-Vehikel für Veronica Lake und Alan Ladd zu machen, die zuvor bereits in „Die Narbenhand“ gemeinsam zu sehen waren und später auch noch einmal in „Die blaue Dahlie“ und dem exotischen Noir „Schmuggler von Saigon“ (1948) – einem weiteren Kandidaten für eine zukünftige Noir-Veröffentlichung – aufeinandertrafen. Veronica Lake glückte in „Der gläserne Schlüssel“ eine der frühesten Performances mit Anklängen einer Femme fatale im Film noir. Sie hat zwar nicht allzu viele Szenen, wenn sie jedoch auftaucht, gelingt es ihr hervorragend, in ihre Präsenz eine vereinnahmende Mischung aus überragender Schönheit und undurchschaubarer Verschlagenheit zu legen. Selbst wenn sie stumm bleibt, ruhen die Augen schnell auf ihr, da sie mit Blicken lockt. Letztlich ist es vor allem Veronica Lake zu danken, dass der Film, der in einer Phase entstand, die rückwirkend zur Frühphase des Film noirs bestimmt wurde, wirklich schon als Noir durchgeht und nicht nur als einfacher Kriminal- oder Gangsterfilm, denn auch in puncto Lichtsetzung ist die Inszenierung nicht wesentlich mehr „noir“ als bei einem Crime-Film aus dem Hollywood der 30er-Jahre.

DVD mit kleinen Mängeln

Die DVD-Veröffentlichung von Koch Films ist im Großen und Ganzen lobenswert. Das Bild wirkt manchmal etwas grobkörnig, so als hätte man die Schärfe an einem Röhrenfernseher ohne Not bis zum Anschlag aufgedreht, was allerdings allemal besser als zu verwaschenes oder nicht remastertes Bild ist und sich auch nicht durchweg als auffällig erweist. Was den Bonus anbelangt, hätte man sich allerdings wirklich etwas Besseres einfallen lassen können als zwei weniger als drei Minuten lange Clips mit dem Film-noir-Experten Eddie Muller, der zum Thema bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat, zu zwei separat auswählbaren Menüpunkten zu machen. Hinzu kommt ein gleichsam kurzer Clip, der in die US-amerikanische Vorlage der Noir Collection einführt. Somit wirkt das „Extras“-Menü auf den ersten Blick zwar als sei die DVD randvoll mit Featurettes, jedoch staunt man dann nicht schlecht, wenn man den Bonus einschließlich Originaltrailer und Bildergalerie nach etwa zehn Minuten komplett gesichtet hat.

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Ist Janet Henry die Unschuld in Person oder doch eine schwarze Witwe?

Das Booklet ist so gesehen sicherlich der ergiebigste Bestandteil des Zusatzmaterials. Bei der im Auftrag der ARD in München erstellten Synchronisation von 1977 handelt es sich um die einzig existente zu diesem Film und atmosphärisch ist sie leider nicht besonders gelungen, was unter anderem an der nachträglich eingefügten Musik und den holzhammerartigen Geräuschen sowie dem zum Alter des Films nicht passenden Tonformat, weitab des knackigen Monos der 40er-Jahre, liegt – aber da kann Koch Films nichts dafür. Zumindest die schauspielerischen Leistungen der Sprecher sind annehmbar. Zudem gibt es nur englische Untertitel, die man der Vorlage aus den USA entlehnen konnte, aber keine eigens in Auftrag gegebenen, kostspieligeren deutschen Untertitel. Den Zuschauern empfehle ich – obgleich großer Freund deutscher Synchronisationen – in diesem Fall den Originalton. Und möglicherweise denken sich diejenigen, die es zunächst mit der deutschen Fassung probieren, ja spätestens beim ersten Erklingen der neuen Musik dann doch: „Vielleicht ist heute ja genau der richtige Tag, um endlich einmal anzufangen, Englisch zu lernen?!“

Die Film Noir Collection von Koch Media:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)

Veröffentlichung: 12. Mai 2016 als Blu-ray, 28. April 2016 als DVD

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch & Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: The Glass Key
USA 1942
Regie: Stuart Heisler
Drehbuch: Jonathan Latimer, nach einem Roman von Dashiell Hammett
Besetzung: Brian Donlevy, Veronika Lake, Alan Ladd, Bonita Granville, Richard Denning, Joseph Calleia, William Bendix, Frances Gifford, Donald MacBride
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, zwei kurze Clips mit Eddie Muller über den Film und das Duo Lake/Ladd, moderierte Einführung in die US-Noir-Collection, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 

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