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Die Narbenhand – Wenn „Meilenstein“ das richtige Wort ist

This Gun for Hire

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Auftragskiller Raven (Alan Ladd) erbeutet eine chemische Formel und ermordet pflichtbewusst den Mann, der sie gestohlen hatte. Sein Auftraggeber Willard Gates (Laird Cregar) jedoch bezahlt ihn mit markierten Geldscheinen und zeigt den angeblichen Diebstahl der Scheine bei der Polizei an. Raven beschließt, sich an Gates zu rächen, dessen Hintermänner offenbar geschäftliche Beziehungen zu den Japanern unterhalten. Dabei trifft er auf die schöne Ellen Graham (Veronica Lake), die in Gates‘ Nachtclub arbeiten soll, um ihn auszuspionieren. Grahams Verlobter, Detective Lieutenant Michael Crane (Robert Preston), ist jedoch bereits hinter Raven her – und mit ihm bald eine ganze Armada an Polizisten.

Raven (l.) lächelt äußerst ungern

„Die Narbenhand“ gilt neben „Die Spur des Falken“ (1941) als wahrscheinlich wichtigster richtungsweisender Vertreter des ganz frühen Film noirs. Die Figur des Raven setzte Maßstäbe für die vielen psychologisch komplex angelegten Antihelden, die der Noir in der Folge hervorbrachte. Basierend auf dem 1936 erschienenen Roman „A Gun for Sale“ des britischen Autors Graham Greene, der in den USA bereits im selben Jahr als „This Gun for Hire“ veröffentlicht wurde – deutscher Titel: „Das Attentat“ –, sorgte der Film zudem für Alan Ladds Durchbruch in Hollywood. Ladd wurde von Fans und Kritik so sehr für seine Darbietung gefeiert, dass er zum Star des Films avancierte, obwohl er im Vorspann noch von Veronica Lake, Robert Preston und Laird Cregar überragt wurde. Besonders eine Szene hat es in sich, in der Raven sein Schicksal als Junge und die Misshandlungen durch seine Tante schildert. Produktionsunterlagen weisen darauf hin, dass es ursprünglich auch Filmmaterial mit dem jungen Raven und seiner Tante geben sollte, das jedoch aus dem finalen Film entfernt wurde. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass dies die bloßen Beschreibungen der Vorfälle durch Raven umso eindrücklicher macht. Insgesamt wurden vor Veröffentlichung des Films aber angeblich mehr als zehn Minuten gekürzt – vermutlich also auch weitere Szenen. Ladd überzeugt, gekrönt von dieser Szene, durchweg als gebrochener Mann, der erst für Geld und schließlich für seine Ideale kämpft. Seine Darstellung des Killers beeinflusste viele nachfolgende Killer-Darstellungen der Filmgeschichte unmittelbar – wobei Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ (1967) lediglich eines der offensichtlichsten Beispiele ist.

Nicht nur als Noir wegweisend

Beachtlich ist, dass der Film nicht nur für den Noir und seine Figurenkonzeptionen Maßstäbe setzte, sondern dass die Geschichte auch deutliche Ideenvorlagen für spätere Agentenfilme aufweist – sei es der Plot um die gestohlene chemische Formel oder das Finale im Hauptquartier des Oberschurken. Da darf auch das eine oder andere kuriose Utensil nicht fehlen, das sich der Protagonist zunutze macht, wie in dem Fall eine, wie es diesen nun einmal eigen ist, absonderlich aussehende Gasmaske, die der Protagonist zur Tarnung nutzt, um sich einzuschleichen. Aus heutiger Sicht erstrahlt der Film gewissermaßen in fast alle Richtungen wie eine Arbeit großer Pioniere – da passt es auch recht gut ins Bild, dass es genau dieser Film war, von dessen Set Paramount über seine hauseigene experimentelle TV-Station ein Interview mit Veronica Lake und Alan Ladd live übertragen ließ, das zum damaligen Zeitpunkt nur wenige Haushalte in Los Angeles empfangen konnten, da kaum jemand einen entsprechenden Fernsehempfang besaß.

Taut der Killer auf?

Es verwundert wenig, dass „Die Narbenhand“ allein in den USA im Jahr der Erstveröffentlichung bereits mehr als das Doppelte der Produktionskosten einspielte. Schon im Vorfeld des Drehs hatte Alan Ladd einen langfristigen Vertrag mit Paramount unterzeichnet, nachdem er sich nach langer, ausführlicher Suche schließlich als Besetzung des Raven hatte durchsetzen können. Bis dato hatte die Produktion immer wieder Schwierigkeiten gehabt, in die Gänge zu kommen. Bereits im Jahr der Buchveröffentlichung gab es Pläne für eine Verfilmung. Zunächst sollte Gertrude Michael die Hauptrolle spielen, dann Ida Lupino. Für die männlichen Hauptrollen waren Akim Tamiroff und Ray Milland im Gespräch. Als man 1941 schließlich einen weiteren Versuch wagen wollte, konnte sich der nun auf das Projekt angesetzte Regisseur Frank Tuttle trotz diverser ihm angebotener Stars lange Zeit nicht auf eine Besetzung für Raven festlegen und war schließlich erst zufrieden, nachdem Alan Ladd für die Rolle vorgesprochen und Probeaufnahmen gemacht hatte. Den ihn jagenden Polizisten und Freund von Ellen Graham sollte ursprünglich nun Macdonald Carey spielen, der aber kurzfristig von Robert Preston ersetzt wurde. Nicht unbedingt ein Glücksgriff, da Preston sowohl von Ladd als auch Laird Cregar gehörig die Show gestohlen wird. Die Rolle ist enttäuschend blass und die Darstellung folgt allen nur denkbaren Klischees des Liebhabers der Hauptdarstellerin. Einer der wenigen Schwachpunkte dieses Meilensteins der Filmgeschichte.

Bitte mehr davon!

Paramount setzte Veronica Lake und Alan Ladd im Zuge des Erfolges gemeinsam auf „Der gläserne Schlüssel“ an, ehe Ladd schließlich in „Gangsterfalle“ erneut mit Regisseur Frank Tuttle zusammentraf – drei Filme, alle aus dem Jahr 1942, die seine Karriere unter komplett neuen Vorzeichen erscheinen ließen. Auf den Stoff von „Die Narbenhand“ besann man sich 15 Jahre später noch einmal und gab im Hause Paramount ein Remake in Auftrag: „Short Cut to Hell“, der in Deutschland unter dem Titel „Mit dem Satan auf Du“ erschien. Der Film erlangte vor allem deswegen eine gewisse Bekanntheit, weil er die erste und einzige Regiearbeit des Star-Schauspielers James Cagney wurde.

Auch vor Frauen und älteren Männern wird kein Halt gemacht

Gern mehr würde man von Laird Cregar sehen, der schon bald als aufstrebender Star in Hollywood galt, obwohl er mit seiner fülligen Figur keine typischen Heldenrollen zu verkörpern vermochte. Cregar spielte insgesamt nur 14 namentlich genannte Filmrollen, die im kurzen Zeitraum von 1941 bis 1945 auf den Leinwänden erschienen. Der letzte dieser Filme kam erst posthum ins Kino, da Cregar Ende 1944, kaum über 30 Jahre alt einem Herzinfarkt erlag. Gerade erst war er seinerzeit als Hauptdarsteller entdeckt worden und hatte unter der Regie des deutschen Regisseurs John Brahm in „Scotland Yard greift ein“ (1944), einer Adaption des Romans „The Lodger“, erstmals 1927 von Alfred Hitchcock verfilmt, die Rolle des Jack the Ripper gespielt, worauf mit „Hangover Square“ (1945) unmittelbar eine weitere Hauptrolle in einem Thriller folgte. Bereits 1941 war er außerdem in „I Wake Up Screaming“, einem anderen sehenswerten, frühen Noir zu erleben. „Die Narbenhand“ ist neben dem Stierkämpfer-Epos „König der Toreros“ (1941) und Ernst Lubitschs „Ein himmlischer Sünder“ (1943) aber sicherlich sein bekanntester und erfolgreichster Film. Sowohl seine Darstellung des geldgierigen Feiglings in „Die Narbenhand“ als auch die des Journalisten in „König der Toreros“, der in rasender Verehrung für den Stierkämpfer schwelgt, der jeweils gerade am erfolgreichsten ist, haben etwas Prototypisches und Mitreißendes an sich, womit dem Zuschauer das Gefühl gegeben wird, dass man die Rolle genau so spielen muss wie Laird Cregar es macht. In der Nachbetrachtung seines Schaffens haben Filminteressierte und -historiker unter anderem den bemerkenswerten Aspekt diskutiert, wie er in seiner Rolle in „König der Toreros“ – dem Journalisten, der seine Stierkampf-Helden in der Arena stets frenetisch bejubelt, sie nach oben schreit und schreibt, sich großspurig als Kenner ihrer Fähigkeiten ausgibt und damit vor anderen prahlt, ehe er seine Objekte der Begierde bei Misserfolg schließlich fallen lässt – eine verkappte Homosexualität verankerte, da Cregar selbst homosexuell war und dies vor der Öffentlichkeit geheim halten musste. Wer Lust hat, sich langsam in das Kino der 40er-Jahre hineinzuarbeiten, macht mit der leider überschaubaren Filmografie von Laird Cregar, die diverse Genres umfasst, als Einstieg in jedem Fall nichts verkehrt. Cregar war als Phänomen des aufstrebenden Schauspielers um die 30, der gerade in neue Dimensionen vorstieß, als er auf dem Höhepunkt seines Schaffens aus dem Leben gerissen wurde, für die 40er-Jahre gewissermaßen das, was Heath Ledger für die 2000er-Jahre war und verstörte als Jack the Ripper in seinem vorletzten Film in ähnlich ungeahnter Art und Weise wie Ledger in seinem vorletzten Film, „The Dark Knight“ (2008), als Joker.

Lohnende Veröffentlichung

Auch wenn es etwas überraschend ist, dass ein Film wie dieser vorerst nur auf DVD und nicht als Blu-ray erscheint, lohnt sich der Kauf absolut. Das Bild ist sehr gut und die Neusynchronisation mit Volker Brandt, dem Stammsprecher von Michael Douglas, in der Rolle des Killers Raven atmosphärisch zwar natürlich diskutabel, aber für Neusynchro-Verhältnisse trotzdem gut gelungen. Eine zeitgenössische Synchronisation, die maximal zehn Jahre jünger als der Film ist, existiert nun einmal insbesondere von Filmen der 30er- und 40er-Jahre oftmals nicht oder nicht mehr. Von „Die Narbenhand“ gab es tatsächlich eine deutsche Synchronfassung von 1951, die Stand heute aber nicht verfügbar ist und es möglicherweise auch nie mehr sein wird. Somit muss man mit der 1981 ebenfalls in Berlin entstandenen Synchronfassung vorlieb nehmen. Sprecherin von Veronica Lake war Traudel Haas, deren Stimme vor allem für Kristin Scott Thomas, Diane Keaton und Annette Bening bekannt ist. Als Stimme von Laird Cregar ist Klaus Sonnenschein zu hören, welcher unter anderem der langjährige Stammsprecher von Morgan Freeman war, und sich kürzlich zur Ruhe gesetzt hat. Für Robert Preston hört man Jürgen Kluckert – wie es der Zufall will Sonnenscheins Vorgänger und Nachfolger als Sprecher von Morgan Freeman. Bei so viel Expertise und noch vielen weiteren bekannten Stimmen in kleineren Rollen, muss man sich um die Synchronfassung, trotz dass sie fast 40 Jahre jünger als der Film ist, keine Sorgen machen. Dass der deutsche Titel, wohl bereits auf die 50er-Fassung zurückgehend, reißerisch „Die Narbenhand“ beschreit, obwohl man von Ravens versehrtem Handgelenk im Film nur sehr wenig sieht, sei den Verantwortlichen verziehen. Dass man den etwas umständlichen und luftleeren Titel „This Gun for Hire“ nicht einfach wörtlich übersetzen wollte, ist in diesem Fall sogar gut nachvollziehbar. Angeblich wurde der Film im deutschen Fernsehen zuweilen unter dem Titel „Killer zu vermieten“ ausgestrahlt. Ob dies wohl als satirische Anspielung auf den recht belanglosen Originaltitel gemeint war?

Die Polizei ist Raven auf den Fersen

Die Film Noir Collection von Koch Films:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)
24. Die Narbenhand (This Gun for Hire, 1942)
25. Die rote Schlinge (The Big Steal, 1949)

Veröffentlichung: 18. Mai 2017 als DVD

Länge: 78 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: This Gun for Hire
USA 1942
Regie: Frank Tuttle
Drehbuch: Albert Maltz, W. R. Burnett, nach einem Roman von Graham Greene
Besetzung: Veronica Lake, Robert Preston, Laird Cregar, Alan Ladd, Tully Marshall, Marc Lawrence, Olin Howland, Roger Imhof, Pamela Blake, Frank Ferguson
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

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Saskatschewan – Alan Ladd geht unter die Mounties

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Saskatschewan

Von Simon Kyprianou

Western // „Saskatschewan“ ist einer der späten Filme vom viel beschäftigten Hollywood-Urgestein Raoul Walsh, der sich in seiner langen Karriere den Ruf eines hervorragenden Genre-Handwerkers erarbeitet hat. Mit „Der große Treck“ schafft er 1930 einen der ultimativen Western, ein Epos, der die Essenz des Genres in sich zu verdichten scheint, vom Aufbruch in ein zu entdeckendes Land, über die Widerstände bis hin zur Entstehung einer Gesellschaft. Mit „Sprung in den Tod“ dreht er 1949 einen unglaublich intensiven und modernen Gangsterfilm, in dem James Cagney mit einer berauschenden Darstellung brilliert.

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Nach einem Indianerüberfall sammelt O’Rourke die störrische Grace auf

In „Saskatschewan“ nimmt Walsh wieder das Motiv des Trecks auf – der Filmtitel bezeichnet übrigens eine Provinz in Kanada: Thomas O’Rourke (Alan Ladd) ist ein Mounty und halber Indianer; der Häuptling der Cree hatte ihn als Kind adoptiert. Der Kommandant des Forts, Benton (Robert Douglas), fährt eine harte Linie gegenüber den Cree, obwohl diese in Frieden mit den Weißen leben, und lässt sie entwaffnen. Gleichzeitig gewinnen die Sioux in den USA eine große Schlacht und reiten weiter nach Kanada um sich mit den von der Behandlung der Kanadier enttäuschten Cree zu verbünden. Kommandant Benton erhält den Auftrag, mit seinen Männern zu einem anderen Fort in den USA überzusiedeln. Unterdessen schlägt der US-Marshal Smith (Hugh O’Brian) auf und beschuldigt Grace Markey (Shelley Winters), die O’Rourke zuvor als einzige Überlebende eines Indianerangriffes aufgegabelt hat, des Mordes an seinem Bruder. Zusammen macht sich die Truppe in Richtung USA auf, doch die Sioux sind ihr dicht auf den Fersen.

Gedreht im Banff-Nationalpark

Walsh inszeniert „Saskatchewan“, wie man es von ihm gewohnt ist, mit klarem und unverstelltem Blick auf die Ereignisse und macht sich die sehr filmische Struktur der Reise zunutze: Nach und nach eskaliert die Situation, jede Station der Reise ist auch eine Station näher an der unabwendbaren Katastrophe. Die Actionszenen fügt Walsh schön nahtlos in den Filmfluss ein und baut sie ungemein elegant auf. Überhaupt ist „Saskatschewan“ ein unheimlich schöner Film, on location im kanadischen Banff-Nationalpark gedreht. Walsh will seinen Film am Ende mit einer opulenten Schlachtenszene krönen, die steht diesem eher kleinen Film aber eigentlich gar nicht; gelungen ist sie dennoch.

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Der Mounty versucht, den Zorn der Cree zu besänftigen

Einige Figuren und Hintergründe lässt Walsh lange im Dunkeln, so offenbart der Film nur langsam die Tragik der Vergangenheit von Sheriff Smith und Grace, einer sehr interessanten Figurenkonstellation.

Gute Indianer, böse Indianer

Auch ist „Saskatschewan“ ein für die 50er-Jahre vergleichsweise differenzierter Indianerwestern. Immerhin mahnt er die schlechte Behandlung der Cree durch die Kanadier an, unterteilt aber dennoch in gute und böse Indianer und macht es sich dadurch auch wieder leicht. Alles in allem sicher ein sehenswerter Film, nicht nur für Walsh-Komplettisten. Die Veröffentlichung von Koch ist nicht schlecht, nur liegen keine Untertitel vor, ein Manko für Zuschauer, die Original-Sprachfassungen bevorzugen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Raoul Walsh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

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Die Sioux sind auf dem Kriegspfad

Veröffentlichung: 12. Januar 2016 als Blu-ray, 29. August 2008 als DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Saskatschewan
Alternativtitel: Rote Reiter von Kanada
KAN/USA 1954
Regie: Raoul Walsh
Drehbuch: Gil Doud
Besetzung: Alan Ladd, Shelley Winters, J. Carrol Naish, Hugh O’Brian, Robert Douglas, George J. Lewis, Richard Long, Jay Silverheels, Antonio Moreno, Anthony Caruso
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

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Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films, Filmplakat: Fair Use (User: Tired Time)

 

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Der stolze Rebell – Hoffnung im Schatten des Krieges

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The Proud Rebel

Von Ansgar Skulme

Western-Melodram // Ein früherer Südstaatensoldat (Alan Ladd) reist nach dem Bürgerkrieg mit seinem Sohn David (David Ladd) in den Norden, stetig auf der Suche nach einem Arzt für das Kind. Der Junge musste in Abwesenheit des Vaters mit ansehen, wie das Haus der Familie niederbrannte und die Mutter dabei zu Tode kam – seitdem hat er die Sprache verloren und hängt mehr denn je an seinem treuen Freund, einem kleinen Hund. Nur die alleinstehende Linnett Moore (Olivia de Havilland) und ein freundlicher Mediziner (Cecil Kellaway) kümmern sich um die Kriegsverlierer, aber auch auf dem Land von Miss Moore droht den Gebeutelten Unheil: Die Burleigh-Familie (unter anderem: Dean Jagger) hat es auf die Ländereien abgesehen und der Geschäftsmann Bates (James Westerfield) auf den Hund vom kleinen David …

Das Ganze liest sich auf den ersten Blick schrecklich vorhersehbar und rührselig, aber da man dem ohnehin in seinen 50er-Jahre-Filmen häufig recht resigniert wirkenden Alan Ladd diese Rolle hervorragend abkauft und seinem Sohn David im Alter von nur zehn Jahren eine enorm gute schauspielerische Leistung gelang, funktioniert dieses Spätwerk von Michael Curtiz durchaus ansprechend. David Ladd wurde verdient für gleich zwei reguläre Golden Globes nominiert und letztlich mit einem Special Award als bester jugendlicher Darsteller ausgezeichnet. „Der stolze Rebell“ wirkt bemerkenswert aufrichtig und ist dadurch bewegend, was letztlich in erster Linie dem guten Gespür von Michael Curtiz zu verdanken ist, die Bilder nüchtern zu belassen, da die Story ohnehin melodramatisch genug ist. Es besteht schlicht keine Notwendigkeit einer Dopplung von melodramatischer Handlung und Bildsprache, wie man es etwa von Douglas Sirk („Was der Himmel erlaubt“) kennt. Im Ergebnis heißt das: Viel glaubwürdiger als „Der stolze Rebell“ kann man ein Melodram im Grunde kaum inszenieren.

Momente das Abschieds

Glaubwürdig ist der Film aber auch, weil man Olivia de Havilland – hier im fünften ihrer nur sechs Filme aus den 50er-Jahren zu sehen – die bescheidene, alleinstehende Frau als ehrlich und liebevoll abnimmt; rüstig verwaltet sie ein großes Stück Land und ist glücklich, als sie sieht, wie sich der kleine Junge über sein neues Zuhause freut, das bisher ihr alleiniges Heim war. Einmal mehr überzeugt de Havilland als starke Kämpferin für das Gute, der alles Böse komplett fremd zu sein scheint – das Rollenprofil, mit dem sie seit den 30er-Jahren berühmt geworden war. Es war nicht nur ihr letzter Kino-Western, dem lediglich noch eine Episode der Serie „Big Valley“ von 1965 folgte, sondern auch ihr letzter Film mit Michael Curtiz, dem Regisseur, der sie mit Filmen wie „Unter Piratenflagge“ (1935) und „Die Abenteuer des Robin Hood“ (1938) berühmt gemacht hatte.

Mit Alan Ladd, der sich zunächst vor dem raubeinigen Umgang des Regisseurs mit seinen Stars gefürchtet hatte, drehte Curtiz unmittelbar danach noch den Kriminalfilm „Das tödliche Netz“ (1959). Binnen nur weniger weiterer Jahre sollten die Hollywood-Karrieren beider Stars und des Regisseurs enden: Michael Curtiz starb 1962, Alan Ladd 1964 und Olivia de Havilland war nachfolgend nur noch in vier Hauptrollen im Kino zu sehen – 1964 in ihrer letzten. Ein Spätwerk war der Film aber auch für den angehenden Jungstar Tom Pittman, welcher einen der beiden Söhne der Burleigh-Familie spielt. Pittman wurde seinerzeit als Nachfolger von James Dean gehandelt, starb aber fünf Monate nach der Premiere des Films mit 26 Jahren bei einem Autounfall. Der Film „Verboten!“, eine Zusammenarbeit mit Samuel Fuller, und seine erste Kinohauptrolle „High School Big Shot“, die ihm im Doppelpack wahrscheinlich eine große Tür aufgestoßen hätten, erschienen 1959 erst posthum.

Ein rares Synchronvergnügen

In den USA wurde der Film 2011 von Echo Bridge Home Entertainment auf DVD veröffentlicht und dabei offen als Familienfilm angepriesen – mit einem Cover, das stark an Disney-Veröffentlichungen von Produktionen jener Zeit erinnert. Zuvor gab es bereits 2007 eine Veröffentlichung, im August 2015 folgte eine weitere. Kurzum: Selbst in seinem Herkunftsland schieben kleine Labels den Film hin und her. Für den Kino-Verleih in den USA war ursprünglich Buena Vista zuständig, in Deutschland wurde der Film von MGM auf die Leinwand gebracht. Offen bleibt, ob es aus dieser Sachlage einen Ausweg für das Werk auf eine deutsche DVD gibt. Lohnend wäre eine Veröffentlichung in der Bundesrepublik schon allein deswegen, weil es sich hierbei um einen der wenigen Filme handelt, in denen Werner Peters (1918–1971) in der Hauptrolle, als Stimme von Alan Ladd, zu hören ist – ein auch vor der Kamera in den 50er- und 60er-Jahren durchaus namhafter deutscher Schauspieler („Der Untertan“, 1951), der es bis ins internationale Kino und in Filme wirklich großer Regisseure schaffte. Peters arbeitete in den 50ern zwar häufig als Synchronsprecher und war auch oftmals in recht großen Rollen im Einsatz, den an erster Stelle genannten Star eines Films durfte er aber leider nur ausgesprochen selten sprechen. Wer nach weiteren Beispielen Ausschau hält, dem sei noch der Film noir „Der Henker nimmt Maß“ (1957) empfohlen, in dem Werner Peters in einer Doppelrolle für Jack Palance zu hören ist. Auch hierbei handelt es sich um eine MGM-Veröffentlichung – ein Studio, das oftmals mit ungewöhnlichen Synchronbesetzungen auffiel und auch gern einmal lange bewährte Kontinuitäten missachtete, im Falle von Peters aber einen guten Schachzug tätigte.

Von der Reduzierung des Michael Curtiz

Abschließend bietet es sich an, ausgehend von diesem Film und anknüpfend an meinen Text zu „Goldene Erde Kalifornien“ (1938), den allgemeinen filmhistorischen Umgang mit Michael Curtiz zu kritisieren, nicht zuletzt was die Veröffentlichung seiner Filme bis heute anbelangt – speziell in Deutschland. Curtiz war ein überaus fleißiger Regisseur, der gewissermaßen bis zum letzten Atemzug auf höchstem Niveau arbeitete. Einer, der bereits in den 30er-Jahren enorm erfolgreich gewesen ist und nach dem Tonfilm auch alle neuen Farbverfahren stets zeitnah erproben durfte. Schon Anfang der 30er war er eine sichere Bank und die Produzenten brachten ihm großes Vertrauen entgegen. Viele seiner 30er-Filme waren bei uns in Deutschland noch sehr lange im TV präsent, regelmäßig im Nachtprogramm der ARD und der dritten Programme vertreten, und sind es teilweise noch heute. Ab Ende der 30er-Jahre wird Curtiz‘ Schaffen aber zu sehr mit Blick auf seine Zusammenarbeiten mit Errol Flynn (und Olivia de Havilland) reduziert – nicht nur in Deutschland.

Von den mehr als 30 Filmen, die er nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. etwa ab seinem 60. Lebensjahr bis zu seinem Tod binnen weniger als 20 Jahren fertigstellte, sind viele heute kaum noch bekannt, obwohl von fast allen (sogar von fast allen seit Anfang der 30er-Jahre!) eine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Curtiz drehte rund 100 Tonfilme, die beinahe von Beginn an erfolgreich waren, und hatte zuvor auch schon rund 70 Stummfilme realisiert, aber eine Michael-Curtiz-Box oder -Collection lässt selbst in den USA oder Großbritannien bis heute auf sich warten. Curtiz war weder nur der Haus-und-Hof-Regisseur von Errol Flynn, als der er gern einmal verkauft wird, noch brachte der an Heiligabend geborene Regie-Veteran in den 50ern nicht mehr als lediglich die beiden großen Weihnachtsklassiker „Weiße Weihnachten“ (1954) und „Wir sind keine Engel“ (1955) zustande. Bis zu seinem Tod im Alter von 75 Jahren war er quer durch die Genrewelt aktiv, und noch seine finalen drei Filme waren bei Licht betrachtet Hausnummern: die Mark-Twain-Verfilmung „Abenteuer am Mississippi“ (1960), das heute fast vergessene Biopic „Franz von Assisi“ (1961) und schließlich der John-Wayne-Western „Die Comancheros“ (1961), doch ebenso stiefmütterlich wie „Franz von Assisi“ werden auch die meisten anderen Filme behandelt, die er vor, nach und während seiner Zeit mit Errol Flynn drehte. Selbst seine im TV noch einigermaßen präsent gebliebenen 30er-Filme gibt es hierzulande größenteils nicht auf DVD.

Das Problem der Vielseitigkeit

Die Filmografie von Michael Curtiz sachgemäß und qualitativ angemessen zugänglich zu machen und in ihrer Breite zu erschließen, für die Errol Flynn nur ein Baustein war, ist eine große, bisher nicht bewältigte Aufgabe. Was in Deutschland an Filmen vergessen wurde, wurde in den USA zu einem guten Teil zumindest degradiert. Stellt sich eigentlich nur die Frage, wo man zuzugreifen und dies zu ändern beginnt. Selbst wenn man vorerst nur die Filme ab dem Beginn seines wirklich großen Erfolgs mit einigen Genre-Meilensteinen im Horror-, Kriminal- und Gangsterfilm Anfang der 30er berücksichtigt, bleiben von dort aus bis zu seinem Tode immer noch dreißig Jahre eher spärlich beleuchtete Kinogeschichte übrig.

Der gebürtige Budapester Michael Curtiz ist einer der Regisseure, denen es zum Verhängnis geworden zu sein scheint, dass sie praktisch alles konnten, dies ausgewogen zeigten und einfach nicht auf ein Genre festzunageln sind, mit dem man sie assoziiert. John Ford verbindet man mit dem Western, James Whale oder Tod Browning mit dem Horrorfilm, Hal Roach mit Slapstick, Alfred Hitchcock mit dem Thriller, Cecil B. DeMille mit epischen Großproduktionen; allesamt werden sie als Meister des jeweiligen Sektors ausgerufen – und das sicher nicht zu Unrecht, aber ihre Schwerpunkte waren auch dementsprechend gelagert. Und Michael Curtiz, der keinen wirklichen Schwerpunkt hatte, sondern alles ausprobierte, technisch und inhaltlich sehr offen war, assoziiert man … mit Errol Flynn und „Casablanca“ (1942). Der einzige sehr rege bei großen Studios aktive Regisseur, dem man auf diese Weise Unrecht tut, ist er aber sicher nicht. Man könnte nun beispielsweise mit Allan Dwan weitermachen, dem das Cinema-Ritrovato-Festival in Bologna immerhin erst vor wenigen Jahren eine Retrospektive widmete, aber das ist eine andere Geschichte.

Olivia de Havilland bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Wiegenlied für eine Leiche (1964)

Michael Curtiz bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldene Erde Kalifornien (1938)
Der stolze Rebell (1958)
Die Comancheros (1961)

Veröffentlichung (USA): 12. August 2015, 3. Mai 2011 und 22. Mai 2007 als DVD

Länge: 103 Min. (Kino)
Originaltitel: The Proud Rebel
USA 1958
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Joseph Petracca & Lillie Hayward, nach einer Geschichte von James Edward Grant
Besetzung: Alan Ladd, Olivia de Havilland, Dean Jagger, David Ladd, Cecil Kellaway, Harry Dean Stanton, Tom Pittman, Henry Hull, Eli Mintz, John Carradine, Percy Helton
Vertrieb: Buena Vista Film Distribution Company & Metro-Goldwyn-Mayer

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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