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Free Solo – Ohne Absicherung zu neuen Höhen

Free Solo

Von Lucas Gröning

Sport-Doku // Am 3. Juni 2017 bestieg der Freeclimber Alex Honnold den El Capitan, eine 910 Meter hohe Felsformation im Yosemite National Park in Kalifornien. Er benötigte dafür 3 Stunden und 56 Minuten. Das allein stellt schon eine unglaubliche Leistung dar, doch fällt einem erst recht die Kinnlade herunter, wenn man auch noch hört, dass der Bergsteiger diese Distanz ohne technische Hilfsmittel und ohne Absicherung überwunden hat – ein tollkühnes Unterfangen, hätte doch jeder falsche Schritt, jeder Griff an eine nicht allzu feste Stelle oder jeder noch so kleine Abrutscher den Sturz und somit den sicheren Tod für Honnold bedeutet. „Free Solo“ nennt man diese Form des Kletterns, und so lautet auch der Titel eines Dokumentarfilms aus dem Jahr 2018, der Alex Honnolds Aufstieg zum Thema macht. Für die Realisierung des Projektes teilte sich – im Auftrag von National Geographic – ein Ehepaar die Arbeit: Der Bergsteiger, Photograph und Filmemacher Jimmy Chin und die Dokumentarfilmerin Elizabeth Chai Vasarhelyi, die sich bereits für die Doku „Meru“ (2015) den Regiestuhl teilten und dafür 2015 mit dem U.S. Audience Documentary Award auf dem Sundance Film Festival ausgezeichnet wurden. Noch mal erfolgreicher waren die beiden mit „Free Solo“, gewann der Film doch unter anderem den Oscar als bester Dokumentarfilm 2019 und den People’s Choice Award auf dem Toronto International Film Festival 2018.

Ein dramatischer Anstieg

Wie viele Dokumentationen hat es auch „Free Solo“ nicht allein darauf abgesehen, möglichst viele Informationen zu vermitteln. Vielmehr folgt die Doku einem dramaturgischen Aufbau, um die Geschichte von Alex Honnolds Aufstieg möglichst ansprechend und unterhaltsam darzustellen. So erfahren wir zunächst viel über seine Motivationen, überhaupt mit dem Bergsteigen zu beginnen, seine generelle Persönlichkeit und seine zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir lernen Honnold als extrem ruhige, introvertierte Persönlichkeit kennen. Das Klettern steht seit seiner Kindheit im Mittelpunkt seines Lebens, und nichts anderes kommt in gewisser Weise zwischen ihn und eine Felswand. Ein Faktor, der immer wieder zu Konflikten mit seiner Freundin Sanni und einigen anderen Freunden führt. Passend dazu erinnert uns der Film immer wieder daran, auf was für eine aberwitzige und gefährliche Mission sich der Freeclimber begibt, was auch anhand einiger Vorgänger des Kletterers gezeigt wird, die auf ihrem Weg an die Spitze des El Capitan gescheitert sind. So wird dem Zuschauer konstant verdeutlicht, wie viel Honnold im Falle des Misserfolgs zu verlieren hat, oder um es mit anderen und vielleicht passenderen Worten zu sagen: „Free Solo“ hat dadurch eine enorme Fallhöhe.

Alex Honnold nach einem erfolgreichen Aufstieg

Die kommt auch dadurch zustande, dass dem Zuschauer die gesamte Vorbereitung auf die Kletterpartie präsentiert wird – vom Finden der perfekten Route über das Notieren jeder einzelnen greifbaren Kante bis hin zur körperlichen Vorbereitung von Honnold. Auch werden uns einige Szenen gezeigt, in denen der Freeclimber die Felswand bereits mit Absicherung hochklettert. Anhand einiger schwieriger Stellen, an denen Honnold zunächst auch scheitert, erleben wir hier eine Form von Epischer Vorausdeutung, auch Foreshadowing genannt. Dadurch gelingt es der Dokumentation, gegen Ende, wenn Honnold den Aufstieg wagt, eine enorme Spannung aufrechtzuerhalten, und obwohl wir wissen, dass der Kletterer die Felswand mit all ihren schwierigen Stellen erklimmen wird, fiebern wir als Zuschauer mit jedem weiteren Schritt mit.

Ein technischer Augenschmaus

Einen großen Teil dazu tragen auch die hervorragenden Bilder bei, besonders während der Kletterpassagen. Durch extrem detailreiche Nahaufnahmen wird dem Zuschauer dabei vermittelt, wie nahe Honnold dem Absturz mit jedem einzelnen Schritt an der Felswand tatsächlich ist. Oftmals sind es lediglich die Fingerspitzen, mit denen sich der Bergsteiger am Felsen halten kann und viele Stellen, auf die Honnold bei seinem Aufstieg tritt, sehen auf den ersten Blick überhaupt nicht danach aus, als könnten sie als stabilisierender Halt dienen. Diese Szenen sind sensationell eingefangen und in dieser Form selten zu sehen. Auch Aufnahmen, die mit Drohnen aus der Luft gemacht wurden, zeigen wunderschöne Bilder der riesigen Felswand. Besonders in den Szenen, in denen Honnold den Aufstieg wagt, bringen uns Totalen den Kontrast zwischen dem im Vergleich winzigen Bergsteiger und dem Gigantismus des Berges nahe. Und auch jenseits der beeindruckenden Naturaufnahmen gelangen dem Team tolle Bilder. Hervorzuheben sind hier die Aufnahmen der Gesichter, insbesondere von Alex Honnold. Hier wurde einfach zu jeder Zeit im richtigen Moment die Kamera gezückt beziehungsweise im richtigen Moment draufgehalten. Die Emotionen, die sich im Gesicht des Freeclimbers spiegeln, variieren dabei von Vorfreude über Entschlossenheit bis hin zu Momenten des Zweifels. Oftmals drückt sich über die Fläche seines Gesichts aber auch eine tiefe Emotionslosigkeit und Leere aus und die Interpretation seines Gemütszustandes bleibt dem Zuschauer verborgen oder lädt zumindest zur Interpretation ein.

Seine größte Herausforderung liegt jedoch noch vor ihm

Alles in allem ist Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi mit „Free Solo“ ein hervorragendes Werk gelungen. Grundsätzlich funktioniert die Doku nach Schema F: Wir haben die langsame Hinführung zu einem zentralen Ereignis in Form eines dramaturgischen Aufbaus. Damit einher geht eine hohe Emotionalisierung, die in den zwischenmenschlichen Konfliken ihren Ausdruck findet. Wo sich „Free Solo“ jedoch von vergleichbaren Werken abhebt, ist die technische Seite. Aufnahmen wie in dieser Dokumentation hat man tatsächlich selten gesehen und obwohl die Fallhöhe bei Dokumentationen traditionell eher gering ist, einfach aufgrund der Gewissheit über die realen Ereignisse, reißt der Film den Zuschauer mit und lässt ihn mit seinem Protagonisten mitfiebern. Ein wirklich gelungenes Werk, dass sich die höchste Auszeichnung der amerikanischen Filmindustrie redlich verdient hat.

Besonders die grandiosen Bilder machen die Doku zu einem Erlebnis

Am 21. Juni 2019 hat capelight pictures „Free Solo“ außer im Blu-ray- und DVD-Format auch als 3-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook veröffentlicht. Die Edition enthält den Film als Ultra HD Blu-ray, Blu-ray und DVD. Das Mediabook enthält Statements zum Film der Regisseure Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi, darüber hinaus gibt es von beiden Interviews, in denen sie ihre Perspektive über die Erstellung der Doku offenbaren. Die Biografien der beiden Filmemacher findet man ebenfalls, genau wie die des Bergsteigers Alex Honnold, mit dem ebenfalls ein Interview geführt wurde, welches im Mediabook zu finden ist.

Veröffentlichung: 21. Juni 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Ultra HD Blu-ray, Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Free Solo
USA 2018
Regie: Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi
Mitwirkende: Alex Honnold, Tommy Caldwell, Jimmy Chin, Cheyne Lempe, Mikey Schaefer, Sanni McCandless, Dierdre Wolownick, Peter Croft
Zusatzmaterial: Interviews mit Alex Honnold, Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi, Featurette „Wenn der abstürzt“, nur Mediabook: Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos: © National Geographic / Jimmy Chin, 3er-Packshot & Plakat: © 2019 capelight pictures

 
 

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