RSS

Schlagwort-Archive: Alfred Hitchcock

Alfred Hitchcock (XIV): Mary – Der zweite Versuch sitzt besser

Mary

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Schauspielerin Mary Baring (Olga Tschechowa) wird vorgeworfen, eine Kollegin ermordet zu haben. Etliche Hinweise scheinen ihre Verantwortlichkeit zu belegen, unter den zwölf Geschworenen bei Gericht lassen sich nach und nach die letzten Zweifler zu einem Schuldspruch verleiten. Sir John Menier (Alfred Abel) bleibt am längsten standhaft, ist der einschüchternden Übermacht von Andersdenkenden in der Jury aber schließlich auch nicht gewachsen. Doch selbst nachdem das Schicksal der jungen Frau besiegelt scheint, umtreibt Sir John weiter die Frage, ob sich die Vorfälle wirklich so zugetragen haben können wie andere Geschworene ihm einzureden versuchten. Besonders verwunderlich: Am Tatort wurde Brandy getrunken, die angebliche Täterin will zumindest das aber ausdrücklich nicht gewesen sein – und das Opfer war es ebenfalls nicht.

Alfred Hitchcock mochte den sogenannten „Whodunit“ nicht besonders – also Krimis oder Thriller, in denen es in der Hauptsache darum geht, das Täterrätsel zu lösen. Dementsprechend wenige Beiträge zu diesem Subgenre des Kriminalfilms steuerte er über die Jahrzehnte bei. „Murder!“ (deutscher Titel: „Mord – Sir John greift ein!“, 1930) bildet, als einer von Hitchcocks ältesten Tonfilmen, eine frühe Ausnahme von dieser Regel. Da es zum damaligen Zeitpunkt das Verfahren der Synchronisation noch nicht gab – es etablierte sich erst langsam im späteren Verlauf der 30er-Jahre –, wurde parallel eine deutsche Sprachfassung mit fast gänzlich anderer Besetzung in denselben Kulissen gedreht. Diese Version erhielt den Titel „Mary“, womit sie sich auch gut von der englischen Fassung abhebt, da die unter Anklage stehende junge Dame dort einen anderen Vornamen, Diana, hat. Man filmte im Wesentlichen unmittelbar nacheinander, also dieselbe Szene zunächst mit der Besetzung der britischen und dann der Besetzung der deutschen Version. Wäre es nach den deutschen Produktionspartnern gegangen, hätte es angeblich so viele Änderungen am Skript gegeben, dass aus zwei Sprachfassungen letztlich zwei grundlegend unterschiedliche Filme geworden wären, aber so weit ließ Hitchcock es nicht kommen. Nichtsdestotrotz hatte er bei der Regie mit den deutschen Schauspielern Probleme, da seine Sprachkenntnisse, obwohl er zuvor bereits in Deutschland gearbeitet hatte, selbst angesichts identischer Settings nicht reichten, um in den Dialogen so den Überblick zu behalten, dass er die Schauspieler in der Form führen konnte, wie er es üblicherweise bei auf Englisch gedrehten Filmen handhabte.

Wenn die Vorlage versehentlich ins Seitenaus dribbelt

„Mary“ galt lange als verschollen und angeblich existiert von dem Film nur noch eine einzige Archivkopie. Doch nach seiner Wiederentdeckung ist er, im Bonusmaterial seines britischen Pendants, dankenswerterweise schließlich sogar auf einer deutschen DVD gelandet. Da diese auf Deutsch gedrehte Fassung – zumindest in der heute bekannten Form, wahrscheinlich aber seit jeher – über 20 Minuten kürzer als die englischsprachige ist, und von der längeren, britischen Version mittlerweile natürlich auch eine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde, mag man die mit deutschen Schauspielern gedrehte Alternativversion oberflächlich für nunmehr recht obsolet erachten. Stattdessen jedoch überrascht „Mary“ insofern positiv, als die kürzere deutschsprachige Erzählung ein runderes Gefühl hinterlässt – und das, obwohl beide Varianten des Films Stellen aufweisen, die in der anderen Version besser gelungen scheinen. Als hätte man ein kleines und ein wesentlich größeres Steak, aber nur dem kleinen gelänge wenigstens so etwas wie die Illusion, weitgehend auf den Punkt zubereitet worden zu sein.

Zum einen wird man bei der britischen Version das Gefühl einer sehr schleppenden, behäbigen Erzählweise nicht los. Das ist zwar insofern amüsant, als es durchaus zur Handlung passt, dass sich der Film anfühlt wie eine sich ganz langsam, aber sicher und in aller Seelenruhe zusammenziehende, den Zuschauer damit quälende Schlinge, ansonsten aber nicht wirklich zuträglich. Manch einer verfällt bei dergestalt alten Produktionen gern in Behauptungen wie etwa, dieser schleppende, zähe Beigeschmack sei primär der Tatsache geschuldet, dass es sich eben um einen frühen Tonfilm von 1930 handelt. Aber wenn man zeitnah im Anschluss die deutschsprachige Version sichtet, die immer noch ihre angestaubten Momente hat, im Vergleich zur britischen Fassung aber regelrecht wie ein D-Zug voranschreitet, sollte man spätestens davon ausgehen können, dass lahmes Erzählen und das Verschleppen des Zum-Punkt-Kommens keine Ureigenschaft des frühen Tonfilms waren.

Ich bemühe die Rede vom sogenannten „Kürzen auf das Wesentliche“ eigentlich eher ungern – wie man auch an meiner Neigung zu eher langen Rezensionen unschwer erkennen kann. Meiner Erfahrung nach geht bei Kürzungen im Allgemeinen vor allem viel Wesentliches verloren und gelungenes Kürzen auf das Wesentliche ist nicht unbedingt der Regelfall. Man kann nun einmal nicht jedes Thema in fünf bis zehn Sätzen oder in 70 Minuten Film stichhaltig behandeln. Angesichts dieser beiden Hitchcock-Filme jedoch überrascht es durchaus, wenn man feststellt, dass die deutsche Version dieselbe Geschichte wesentlich schneller erzählt, man aber keineswegs direkt nach Ende vor Ärger übersprudelt, weil einem postwendend fünf bis zehn Szenen einfallen würden, die sofort eindeutig als fehlend ins Auge zu springen scheinen – wie man es ähnlich beispielsweise bei Kennern von umfangreichen Romanen vorfindet, angesichts der zugehörigen, ihrer Ansicht nach „zu kurz“ oder „zu wenig detailliert“ geratenen Verfilmungen. So gesehen eignet sich der Vergleich von „Murder!“ und „Mary“ tatsächlich recht gut als Beispiel für so etwas wie effizientes und weniger effizientes filmisches Erzählen, in unmittelbarer Gegenüberstellung.

Die Marke „Sir John“

Zum anderen ist da die Verkörperung des Sir John. Ein Rollenname, den der deutsche Krimiklassiker-Fan mittlerweile sehr gut kennt, etwa als Scotland-Yard-Chef aus den deutschen Edgar-Wallace-Filmen der 60er-Jahre, dort kultverdächtig spaßig gespielt von Siegfried Schürenberg. Dabei ist der hier, unter Hitchcocks Regie auftretende Sir John gar kein Kriminalist, sondern ein Schauspieler, der versucht einer jungen Kollegin zu helfen, die er von früher kennt. Aber die Marke „Sir John“ zieht in diesem Genre, bringt ein gewisses Kampfgewicht mit – und des Untertitels „Sir John greift ein!“ wurde sich offenbar auch schon bei Bewerbung der deutschen Sprachfassung bedient und nicht nur wesentlich später bei Bewerbung der deutschen Synchronfassung der englischen Version, die erst in den 80er-Jahren entstand.

Doch was macht den deutschsprachigen Sir John zum Gewinner in Hitchcocks Whodunit? Herbert Marshall, der die Rolle des Sir John in der britischen Version verkörpert, wanderte recht bald nach Hollywood aus und hatte sich dort schon längst etabliert, ehe Alfred Hitchcock später auch da landen würde. Ein verdienstvoller Schauspieler, den ich immer wieder gern sehe. „Mord – Sir John greift ein!“ datiert vor dieser Emigration und war einer von Marshalls ersten Filmen. Er spielt den Sir zwar durchaus emotional, wirkt dennoch aber in der einen oder anderen Szene recht verkrampft. Zudem kauft man ihm den erfolgreichen, wohlhabenden Schauspieler – trotz der geringen Spielfilm-Erfahrung des den Schauspieler spielenden Schauspielers – zwar durchaus irgendwie ab, wenn dann allerdings in der deutschen Fassung der gestandene, aus Filmen wie „Metropolis“ (1927) berühmte Alfred Abel an seiner Stelle erscheint, hat man ein wenig das Gefühl, dass Sir John eigentlich genau so aussehen muss und dadurch alles einen noch viel glaubhafteren Charakter bekommt. Dass Abel auch ein paar Eigenheiten mit ans Set brachte und sich zuweilen durchaus einmal weigerte, all das mitzumachen, was Hitchcock gern von ihm gesehen hätte, scheint der Gesamtwirkung der Rolle zuträglich zu sein, denn so wird der gestandene Schauspieler Sir John in einer Art und Weise mit Leben erfüllt, als würde sich Alfred Abel gewissermaßen selbst spielen. Im Grunde war er seinerzeit ein Schauspieler genau der Güteklasse und Erfahrung wie ebendieser Sir John, Herbert Marshall hingegen ein Neuling vor der Kamera.

Man kann zudem wohl davon ausgehen, dass es auch Alfred Abel zu verdanken ist, dass in der deutschen Version die lächerliche, höchst unglaubwürdige Passage fehlt, in der Sir John äußerst schräg eine Frauenstimme imitiert, worauf die getestete Person absurderweise prompt hereinfällt. Eine Szene, die einfach himmelschreiend ärgerlich ist, da solcher Unsinn innerhalb des Aufbaus einer schlüssigen Beweiskette letztlich den gesamten Film ad absurdum führt. Auch das Fehlen dieser Sequenz ist ein klarer Pluspunkt der deutschen Version. Abel mochte wohlgemerkt die Szene nicht, in der diverse kleine Kinder an und in einem Bett herumtoben, das sich Sir John für eine Nacht gemietet hat, und ihn damit wecken – dementsprechend dezenter sieht sie in der deutschen Version aus. Dass er sich auch geweigert haben dürfte, notdürftig eine Frauenstimme zu imitieren, scheint in diesem Kontext naheliegend. So bleibt „Mary“ dieser kurzzeitige Ausflug ins Kasperletheater erspart. Es zeigt sich dabei wieder einmal, dass die Medaille eben immer zwei Seiten hat und leicht abgehobenes Auftreten eines Stars am Filmset einen Film unter Umständen sogar retten kann – wenn es zur Rolle passt und obendrein zur Eliminierung misslungener Inhalte führt.

Zweimal dabei und doch …

Zum Abschluss möchte ich mich kurz einem Umstand widmen, der mich bereits bei der britischen Version und – soweit ich mich erinnere – auch schon bei früherer Sichtung irritierte, welcher sicher ein wenig Raum für Interpretationen und Spekulationen liefert. Damit meine ich nicht das kleine Mysterium, dass die Darstellerin der mutmaßlichen Mörderin in der britischen Version mit Nachnamen Baring – wie ihre Figur im Film – heißt, sondern ein anderes. Es betrifft einen Schauspieler, den ich für erwähnenswert halte: Miles Mander. Gemeint ist die Art und Weise, wie Hitchcock den Ehemann der Ermordeten in Szene setzte. Auf mich persönlich wirkt die Figur seltsam blutleer, obwohl man gerade diesem Mann – angesichts seines Verlusts – besonders viele Emotionen hätte entlocken können. Es wirkt ein wenig so, als würde die Kamera ihm weitgehend ausweichen, als würde Hitchcock ihn bewusst nur grob umreißen wollen. Er mutet wie ein flüchtiger Schatten an – seine Trauer und Ergriffenheit sind nicht wirklich greifbar. Besonders kurios ist das insofern, als ausgerechnet diese Figur zu den ganz wenigen gehört, die in beiden Fassungen des Films vom selben Schauspieler verkörpert wurden, wobei er aber in beiden Versionen mehr oder minder denselben schwer einzutütenden Eindruck hinterlässt. Man weiß nicht so recht wohin mit ihm. Erwähnenswert auch deshalb, weil Miles Mander ebenso wie Herbert Marshall nach Hollywood auswanderte und dort in einigen interessanten Filmen zu sehen war – am Format des Schauspielers liegt die merkwürdige Farblosigkeit der Figur also mit Sicherheit nicht. Seine vermutlich bekannteste Rolle verkörperte er später im Rahmen der berühmten Sherlock-Holmes-Reihe von Universal, als Gegenspieler von Basil Rathbone in „Die Perle der Borgia“ (1944). Freunden von klassischen Horrorfilmen sei zudem „The Return of the Vampire“ (1943) empfohlen – ein recht atmosphärischer Streifen, dem man Unrecht damit tut, wenn man ihn als Teil des umstrittenen 40er-Jahre-„Spätwerks“ von Horror-Ikone Bela Lugosi einer pauschalen Abwertung im Kontext anderer Lugosi-Filme dieser Phase unterzieht. Ein Film, der das Vampir-Subgenre überraschend an Kriegsgeschehnisse mit Bombenabwürfen andockt und Miles Mander ungewöhnlicherweise sogar in einer Art Heldenrolle zeigt – kein Vampirjäger im Sinne von Van Helsing, aber durchaus im Fahrwasser dieses Vorbilds schwimmend.

Ergibt eine Blu-ray von „Murder!“ und „Mary“ Sinn?

Bereits auf den deutschen DVD-Veröffentlichungen von 2006 ist sowohl bei „Murder!“ als auch bei „Mary“ Materialverschleiß erkennbar. Eine Blu-ray dieser Produktionen scheint es weltweit noch nicht zu geben. Die DVD-Aufarbeitung liefert ansonsten bei beiden Fassungen des Films gutes Bild und hinterlässt den Eindruck, das Maximale herauszukitzeln. Auch das Bonusmaterial zu Hauptfilm und deutscher Alternativfassung ist dankenswert – angesichts der Tatsache, dass immerhin sogar ein Audiomitschnitt, aus dem legendären, von François Truffaut im Sommer 1962 mit Hitchcock geführten Interview vorliegt, in dem dieser nicht nur auf die britische, sondern auch die deutsche Fassung eingeht. Sowohl eine Einzelveröffentlichung als auch eine „Master of Suspense“-Box, die beide Filme enthalten, sind in Deutschland verfügbar. Die Box bringt noch einige weitere Hitchcock-Filme der 20er bis 40er in sehr guter Qualität mit und lohnt einen Kauf in jedem Fall, wenn man die Thriller des Meisters zu schätzen weiß.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 21. April 2006 als DVD, 3. November 2006 als DVD („Master of Suspense“-Box)

Länge: 79 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Mary
Alternativtitel: Der Prozess Baring
D/GB 1931
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Herbert Juttke, Georg C. Klaren, Alma Reville, nach einem Roman von Clemence Dane & Helen Simpson
Besetzung: Alfred Abel, Olga Tschechowa, Paul Graetz, Lotte Stein, Ekkehard Arendt, John Mylong, Louis Ralph, Hermine Sterler, Miles Mander, Julius Brandt
Zusatzmaterial: Audio-Interview mit Alfred Hitchcock, Produktionsnotizen, Alternatives Ende der englischen Sprachfassung, Biografie Alfred Hitchcock, Promo für andere Hitchcock-DVDs
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Alfred Hitchcock (XIII): Ich kämpfe um dich – Die Wiedervereinigung

Spellbound

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Dr. Constance Petersen (Ingrid Bergman) arbeitet in einer Psychiatrie, deren Chef Dr. Murchison (Leo G. Carroll) kurz vor der Ablösung steht. Ihr Kollege Fleurot (John Emery) beißt sich an der natürlichen Schönheit mit klugem Kopf, die in Liebesdingen aber noch reichlich unerfahren ist, eifrig die Zähne aus – und damit war und ist er nicht der einzige. Ihr neuer Vorgesetzter (Gregory Peck) macht jedoch Eindruck auf die sonst so eiserne Constance. Sie verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben von ganzem Herzen. Doch mit dem Mann, der sich Anthony Edwardes nennt und die Einrichtung nun führen soll, scheint etwas nicht zu stimmen. Vielmehr leidet er womöglich selbst unter akuten psychischen Problemen. Constance versucht dem undurchsichtigen Fremden, der ihr so schnell ungewohnt nah geworden ist, zu helfen. Ihr Mentor Dr. Brulov (Michael Chekhov) wertet ihren Enthusiasmus als leichtsinnig, aber welche Gefahr droht wirklich – und wem?

Die Romanze und der Psychothriller scheinen auf den ersten Blick zwei äußerst gegensätzliche Genres zu sein. Alfred Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“ ist der beste Beweis, dass beides aber auch zusammen geht. Es war erst der zweite Hitchcock-Film, den David O. Selznick produzierte, obwohl es Selznick gewesen war, der Hitchcock das Durchstarten in Hollywood ermöglicht und ihn als erster in den USA langfristig unter Vertrag genommen hatte. Nach dem sehr guten Beginn mit „Rebecca“ (1940) erstreckte sich die Zusammenarbeit jedoch zunächst darauf, dass Hitchcock an andere Studios und Produzenten verliehen wurde. „Ich kämpfe um dich“ schaffte es zwar nicht, die beträchtliche Zahl von elf Oscar-Nominierungen zu erreichen, die „Rebecca“ errungen hatte, brachte es aber immerhin auf sechs, darunter erneut für den besten Film, wenngleich diese Kategorie diesmal nicht gewonnen werden konnte. Auch George Barnes, der für seine Schwarz-Weiß-Kameraarbeit an „Rebecca“ seinen einzigen Oscar gewonnen hatte, wurde für „Ich kämpfe um dich“ erneut nominiert, konnte den Erfolg aber ebenfalls nicht wiederholen. Dafür gab es diesmal aber einen Oscar für die Musik, obwohl Miklós Rózsa, ähnlich wie Dimitri Tiomkin bei der Arbeit an „Duell in der Sonne“ (1946), große Schwierigkeiten mit den Eigenheiten Selznicks hatte. Der streitbare Produzent ging sogar so weit, Rózsas Musik teils durch ältere Aufnahmen von Franz Waxman, die für Hitchcocks „Verdacht“ (1941) gemacht worden waren, sowie Musik von Roy Webb zu ersetzen. Mochte Selznick dem heute legendären Komponisten aus Budapest auch ins Handwerk gepfuscht haben, soll Rózsas Score zu „Ich kämpfe um dich“ den später berühmt gewordenen Filmkomponisten Jerry Goldsmith maßgeblich dazu inspiriert haben, in derselben Branche einzusteigen.

Die den Unterschied machen

„Ich kämpfe um dich“ kann man im Großen und Ganzen der Schublade an Filmen zurechnen, die einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Spannungsgehalts einbüßen, wenn man die Auflösung einmal kennt. Dass der melodramatische Thriller auch bei wiederholtem Schauen trotzdem noch gut funktioniert, ist neben Rózsas großartiger, teils wirklich grusliger Musik vor allem der sensiblen, natürlichen Performance von Ingrid Bergman, der man die aufrichtige Liebe zum gescholtenen Protagonisten wirklich abkauft, guten Nebendarstellern, interessanten Spezialeffekten, diversen ansehnlichen Regieeinfällen Hitchcocks, die kameraästhetisch wunderbar von George Barnes umgesetzt wurden, und einer von Salvador Dalí ersonnenen Traumsequenz zu danken. Diese wurde für die finale Schnittfassung allerdings stark gekürzt und zudem, anders als man glauben mag, gar nicht von Hitchcock inszeniert, sondern ausgelagert beim kleinen Studio Monogram Pictures von William Cameron Menzies („Invasion vom Mars“) und Dalí. Hitchcocks Wunschbesetzung für diese Gastszene war Josef von Sternberg, der schließlich aber doch nicht im Regiestuhl Platz nahm. Menzies, Sternberg und David O. Selznick trafen sich allerdings bald darauf im Zuge der Produktion von „Duell in der Sonne“ wieder, als es erneut um das Beisteuern einzelner filmischer Bausteine ging.

Unter den Nebendarstellern stechen vor allem Leo G. Carroll und Michael Chekhov hervor. Carroll brachte es im Laufe seiner Karriere auf insgesamt sechs Nebenrollen in Hitchcock-Filmen – er gilt daher heute als der am häufigsten unter Hitchcock eingesetzte männliche Schauspieler. Dies wäre wahrscheinlich Cary Grant geworden, hätte Hitchcock stets seine Besetzungswünsche umsetzen können, denn auch im Kontext von „Ich kämpfe um dich“ (1945) fällt Hitchcock damit auf, dass er Stars besetzen wollte, mit denen er bereits gearbeitet hatte. Grant sollte es am liebsten schon hier wieder in der Hauptrolle sein, wie in „Verdacht“ – und wenn nicht der, dann Joseph Cotten, wie in „Im Schatten des Zweifels“ (1943), wenn nicht sogar beide, Grant und Cotten gemeinsam, da Cotten neben dem später von Gregory Peck gespielten Hauptpart angeblich auch für die Rolle des Dr. Murchison im Gespräch war. Als Murchison und/oder Brulov wurde zudem auch Paul Lukas („20.000 Meilen unter dem Meer“, 1954) gehandelt. Ingrid Bergman erhielt eine Rolle, für die zunächst Dorothy McGuire („Die Wendeltreppe“) vorgesehen war und die auch zu Spekulationen um ein Comeback von Greta Garbo geführt hatte. Ferner lehnte Hitchcock Selznicks Flamme Jennifer Jones als weitere Option für die weibliche Hauptrolle ab, was das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Regisseur und Produzent nicht gerade heruntergefahren haben dürfte. Aber Selznick ließ nicht locker und brachte Jennifer Jones schließlich in „Duell in der Sonne“ unter, wo sie dann doch noch an der Seite von Gregory Peck landete. Romantik am Set von „Ich kämpfe um dich“ gab es trotzdem: Bergman und Peck kamen einander näher. Ob das für David O. Selznick ein Trost war?

Der schlaue Professor

Die Besetzung von Bergman und Peck im finalen Film ist insofern interessant, weil Michael Chekhov, der hier Dr. Brulov spielt, einer der Schauspiellehrer von Gregory Peck und Ingrid Bergman war. Die Gelegenheit, Lehrer und Schüler im selben Film und dann noch dazu in ausgiebigen Szenen auf so engem Raum und gewissermaßen unter sich zu sehen, bekommt man leider eher selten. Kurioserweise ergatterte Chekhov für den Film seine einzige Oscar-Nominierung, während seine Schülerin und sein Schüler, mit denen er den Großteil seiner Szenen in „Ich kämpfe um dich“ in kammerspielartigen Situationen zu zweit oder zu dritt bestreitet, nicht nominiert wurden. Gekrönt von dem Umstand, dass Chekhov 1946 mit dieser Rolle der einzige für den Oscar-nominierte männliche Nebendarsteller war, dessen Nominierung aus einem Film hervorging, der gleichzeitig auch als bester Film nominiert wurde, „Ich kämpfe um dich“ parallel jedoch der einzige Film bei dieser Preisverleihung war, der zwar als bester Film nominiert wurde, aber nicht einmal für wenigstens eine der beiden Hauptdarsteller-Kategorien. Wenn man so will, setzte der Lehrer seinen Nachwuchs hier also ziemlich schachmatt.

Darüber, dass sie von Lehrmeister Chekhov abgehängt wurden, mussten sich Bergman und Peck allerdings nicht ärgern, da beide für dieselbe Preisverleihung dennoch eine Nominierung erhielten: Peck als bester Hauptdarsteller in „Schlüssel zum Himmelreich“, Bergman als beste Hauptdarstellerin in „Die Glocken von St. Marien“. Chekhov, dessen Fluchtgeschichte schon in den 20er-Jahren begann, auch in Deutschland Station machte und schließlich in den USA endete, war neben gelegentlichen Filmauftritten und seiner Lehrtätigkeit vor allem selbst als Schauspieler am Theater beschäftigt, leitete eigene Ensembles und erarbeitete ein Buch über die Technik des Schauspielers, das kurz vor seinem Tod schließlich auch zur Veröffentlichung kam. Seine Darbietung in „Ich kämpfe um dich“ besticht insbesondere, da er die Rolle zwar als sympathischen, klassischen Kauz anlegte, sie aber mit Tiefgang, nachdenklichen Untertönen und frechen Spitzen spielte, weit über den bloßen etwas verrückten alten Professor, der vor allem zum Schmunzeln da ist, hinausgehend – eine schräge Figur, die ganz nach Hitchcocks Geschmack gewesen sein dürfte, ähnlich der von Ludwig Donath in „Der zerrissene Vorhang“ (1966). Obendrein mit sehr stilbildend frisiertem Antlitz: der ganz klassische Professor wie aus dem Bilderbuch, als sei er soeben zum tausendsten Male einem Hörsaal entsprungen.

Des einen Freud, des anderen Leid

Schon allein, weil „Ich kämpfe um dich“ zu den ältesten Hollywood-Filmen zählt, die sich mit Psychoanalyse beschäftigen, lohnt er die Sichtung. Der Drehbuchautor Ben Hecht war sehr bemüht darum, Experten dieser medizinisch-psychologischen Disziplin zu konsultieren, um eine schlüssige Geschichte mit angemessenen Dialogen abzuliefern. Auch David O. Selznick wollte Expertise beisteuern und Erfahrungen einfließen lassen, da er selbst in psychotherapeutischer Behandlung war. Er brachte seine eigene Psychotherapeutin als Beraterin mit ans Set, die sich dort allerdings gefallen lassen musste, von Hitchcock teils recht oberflächlich belehrt und übergangen zu werden. Hitchcock machte damals und auch später kein Geheimnis daraus, dass es für ihn nur eine weitere Thriller-Story war und die Psychoanalyse in dem Falle gewissermaßen nur Mittel zum Zweck; eine Art austauschbarer Baustein, um die Story spannend und am Laufen zu halten. Dieses Herangehen kennt man von ihm auch aus dem Kontext weiterer Filme, sein Fokus lag auf anderen Aspekten. Selznick hingegen sollte man sicherlich, inmitten aller kurioser Anekdoten, zugutehalten, dass es zwar für seine Mitarbeiter oft kein Vergnügen war, mit ihm arbeiten zu müssen, er aber zweifelsohne sehr ambitioniert und ein Mann mit Vorstellungen war, die er unbedingt umsetzen wollte. Notfalls sogar bereit, sich einer möglichen Bloßstellung auszusetzen, indem er seine Crew mit seiner eigenen Therapeutin zusammenbrachte – und all das nur, um seinem Film mehr Tiefe zu geben. Ein Vollblutfilmschaffender, Visionär und Positiv-Verrückter, wenn man so will, der einige wirklich große Filme hinterlassen hat.

„Ich kämpfe um dich“ wurde in Deutschland mehrfach von verschiedenen Labels digital veröffentlicht. Hinsichtlich der Bildqualität setzte schon die frühe Veröffentlichung von EuroVideo gute Maßstäbe, während es an Bonusmaterial leider grundsätzlich bis heute eher mager aussieht. Zusätzlich zu mehreren Einzelveröffentlichungen erschien der Film natürlich auch gebündelt in der einen oder anderen Box. Ein paar ausgewählte Veröffentlichungsdaten sind unten genannt. Die deutsche Synchronfassung aus den frühen 50er-Jahren ist hörenswert, wobei vor allem der geniale Hans Hinrich als Stimme von Leo G. Carroll hervorsticht, der seinerzeit nicht umsonst auserkoren worden war, Claude Rains als „Phantom der Oper“, im gleichnamigen herrlichen Technicolor-Film von 1943 aus dem Hause Universal, mit einer deutschen Stimme zu versehen. Hinrich war unter anderem fantastisch darin, emotionale Gleichgültigkeit und gebrochene Seelen zu spielen. Die Synchronfassung von „Ich kämpfe um dich“ entstand offenbar Rücken an Rücken mit der Synchronfassung zu „Der Fall Paradin“ (1947) – Hitchcocks letztem Film, den er innerhalb seines Vertrages mit David O. Selznick drehte. Während Gregory Peck in „Der Fall Paradin“ von Paul Klinger gesprochen wird, in „Ich kämpfe um dich“ allerdings von Wolfgang Lukschy, ist Hans Hinrich in beiden Filmen für Leo G. Carroll zu hören.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Gregory Peck in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 26. September 2014 als Blu-ray, 27. Juli 2012 als DVD, 14. September 2009 als DVD, 2. Oktober 2002 als DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Spellbound
USA 1945
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Ben Hecht & Angus MacPhail, nach einem Roman von Hilary A. Saunders & John Palmer
Besetzung: Ingrid Bergman, Gregory Peck, Michael Chekhov, Leo G. Carroll, Rhonda Fleming, John Emery, Norman Lloyd, Bill Goodwin, Wallace Ford, Regis Toomey
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Biografien, Filmografien (nicht alle Features auf jeder Veröffentlichung enthalten)
Vertrieb: Great Movies GmbH (Blu-ray 2014 & DVD 2012), Crest Movies (DVD 2009), EuroVideo Medien GmbH (DVD 2002)

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot Blu-ray: © 2014 Great Movies GmbH, Packshot DVD: © 2002 EuroVideo Medien GmbH, Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

Alfred Hitchcock (XII): Ich beichte – Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt, oder?

I Confess

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Priester Michael Logan (Montgomery Clift) nimmt einem ihm bekannten Bediensteten (O. E. Hasse) die Beichte ab. Als dieser ihm eröffnet, einen Mord begangen zu haben, gerät Logan in einen enormen Gewissenskonflikt, da er aus religiösen Gründen verpflichtet ist, das Beichtgeheimnis zu bewahren, auch wenn er die Tat verurteilt. Zudem ist ihm infolgedessen keine glaubhafte Kommunikation mit den polizeilichen Ermittlern möglich, denn auf ihre Fragen muss er oft ausweichend reagieren. Inspektor Larrue (Karl Malden) findet heraus, dass in der Nähe des Tatortes ein wie ein Priester gekleideter Mann gesehen wurde. Sofern Logan das Opfer kannte und ein Motiv für die Tat hatte, droht ihm eine höllische Zwickmühle.

„Ich beichte“ war ein Herzensprojekt von Alfred Hitchcock, der das zugehörige Theaterstück „Nos deux consciences“ („Our Two Consciences“, übersetzt: „Unsere zwei Gewissen“) von Paul Anthelme in den 30er-Jahren gesehen hatte. Die Bühnenfassung gilt als Rarität – über die bisherigen Produktionen ist eher wenig bekannt. Den Dreharbeiten unter Hitchcocks Regie ging eine der längsten Vorbereitungsphasen seiner Karriere voraus. Angeblich arbeiteten zwölf Autoren über einen Zeitraum von acht Jahren an einem Drehbuch, ehe der Meister schließlich zufrieden war. Auch Hitchcock selbst und seine Frau Alma, nach der im Film die Frau des Mörders benannt wurde, sollen ein Treatment erarbeitet haben. „Ich beichte“ kam beim Publikum allerdings nur mittelmäßig an und wurde für Sir Alfred daher zu einer enttäuschenden Erfahrung.

Trotzdem Anklang gefunden

Hitchcock schrieb den vergleichsweise geringen Erfolg des Films beim Publikum rückblickend unter anderem der Abwesenheit des für ihn sonst so typischen Humors zu. Ihm war das Ergebnis, aus der Distanz einiger Jahre betrachtet, zu bierernst. Dennoch fand der Film sein Publikum und genoss etwa bei Vertretern der Nouvelle Vague große Beliebtheit, woran auch der Aspekt des für Hitchcock ungewöhnlichen Stils sicher einen gewissen Anteil hatte. „Ich beichte“ dürfte auf sie inspirierend gewirkt haben, denn neben der für Hitchcock ungewöhnlich streng gehaltenen, sachlich-präzisen Erzählstruktur sind einige interessante Kamera-Ideen für etliche Cineasten von spannendem Interesse, so etwa die Einnahme der Perspektive des Priesters Logan für kurze Momente – in Form von Point-of-View-Shots – oder der lange, zunächst aus großer Distanz gefilmte Abgang des Täters. Einige Außenaufnahmen fallen obendrein durch eine recht naturbelassen wirkende Ausleuchtung auf – eine Abkehr von typischen Ästhetiken des klassischen Studio-Films, wenn man so will.

Der Drehbuchautor George Tabori wiederum war von Hitchcock etwas enttäuscht, weil er sich mehr unterschwellige Anspielungen auf die McCarthy-Ära erhofft und für das Skript vorgesehen hatte. Immerhin ging es hier um einen Menschen, der hartnäckig und einschüchternd von Autoritäten verhört wird, aber die Wahrheit nicht zu verraten vermag. Dass Hitchcock kein besonders politischer Mensch war und auf das Ziehen derartiger Parallelen gern verzichtete, musste Tabori schließlich hinnehmen.

Eine Stimmung des Sonderbaren

Erstaunlicherweise scheint bisher eher wenig über den Einfluss von Dimitri Tiomkins Musik auf den kommerziellen Misserfolg des Films gesprochen worden zu sein. Diese ist sehr komplex, was keinen Zweifel an der außergewöhnlichen Begabung dieses Komponisten lässt, der musikalisch immer ein wenig Exot im klassischen Hollywood war. Aber ich versehe seine Musik zu „Ich beichte“ durchaus mit dem Prädikat „schwer“, wenn nicht „schwierig“. Die Musik allein entscheidet natürlich nicht über den Erfolg eines Films. Daran jedoch, dass „Ich beichte“ einen sicherlich recht steifen Beigeschmack mit sich schleppt, hat die Art und Weise wie Tiomkin das Bildmaterial musikalisch interpretierte und auflud, ganz erheblichen Anteil. Die Musik ist einfach nicht griffig, wirkt manchmal auch ein wenig hektisch bis sprunghaft und hat etwas Hochtrabendes an sich. Das in Kombination mit einem ungewöhnlich spielenden Hauptdarsteller und einem ungewöhnlich inszenierenden, sich ausprobierenden Hitchcock, ist ein bisschen viel auf einmal und führt zu dem Effekt, dass der Film bierernst und manchmal auch etwas pseudo-artifiziell herüberkommt. Es wird nicht final zu klären sein, aber ich bin überzeugt, dass der Film mit Musik von beispielsweise Miklós Rózsa oder Bernard Herrmann besser funktionieren würde und vom Publikum besser angenommen worden wäre. Leider entstand „Ich beichte“ kurz vor Herrmanns Hitchcock-Phase.

Hitchcock aber schoss sich hinsichtlich der Personalien, wie des Öfteren mal, primär auf seinen Star als angeblichen Problemfaktor ein. Diesmal also das Opfer: Montgomery Clift. Jener war „Method Actor”, eine Technik, die Hitchcock nur schwer nachvollziehen konnte und auf die er sich auch nicht völlig einzulassen vermochte. Es prallten zwei Welten aufeinander: Ein Typ Regisseur mit sehr klaren Vorstellungen, der sagen wollte, wo es langgeht, die Bilder quasi schon vorab im Kopf hatte, und ein Schauspieler, der auf maximale Einfühlung in seine Rolle und intuitives, gefühlsmäßiges Spielen setzen wollte. Wenn der Schauspieler also zu einem Schluss kommt, wie er sich in einer Szene real verhalten würde, und es so spielen will oder nach Gefühl improvisiert, der Regisseur ihm dann aber sagt, dass er es so machen soll, wie er will und beispielsweise in die Richtungen blicken soll, die er vorgibt, steht man fortlaufend vor einem Dilemma nach dem anderen. Dazu gesellte sich der Faktor, dass Clift während der Dreharbeiten zu diesem Film häufig alkoholisiert oder mit einem Kater am Set erschien – dass dies nicht unbedingt Hitchcocks Vertrauen in seinen Star stärkte, ist nachvollziehbar.

Unabhängig davon ist es Clift aber recht gut gelungen, die außergewöhnliche Situation lebendig zu machen, in der sich der Priester befindet. Da ist eine stetige Anspannung gepaart mit einer unfassbaren inneren Ruhe, vermischt mit zu erahnender großer Angst in dieser Figur, die im permanenten Konflikt mit sich selbst steht, über den gesamten Film hinweg. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Handlung wirkt zudem recht lückenlos, beinahe wie in Echtzeit erzählt, was die bedrückende Last auf seinen Schultern noch spürbarer macht. Man ist fast pausenlos damit konfrontiert, wie der Priester sein Wissen um die Wahrheit regelrecht in sich hineinfressen muss und wie er dies mit erstaunlicher Fassung trägt. Man kann nur erahnen, was wirklich in ihm vorgeht, sieht aber stetig, dass es in ihm arbeitet und arbeitet, er es aber alles herunterschluckt – mit beeindruckender Konsequenz. Immer wieder scheint es, als bräche er gleich unter der Last zusammen oder in Tränen aus, aber er setzt dem Credo „In der Ruhe liegt die Kraft!“ ein Denkmal und lässt sich im Beisein anderer einfach nichts Handfestes anmerken, auch nicht durch Mimik oder Gestik. Er nimmt hin und steckt ein; egal wie schlecht es um ihn steht und welches Schicksal droht, bleibt er loyal gegenüber seinem Glauben und dem, der sich ihm anvertraut hat. Man kommt nicht recht an ihn heran. Da ist etwas Distanziertes, etwas Abwesendes, wohl durch den Schmerz, den er empfinden muss, der fast mehr ist, als ein Mensch ertragen kann. Und doch, trotz dieses Gefühls von Distanz, fühlt man sich diesem Logan sehr verbunden.

Die üblichen Verdächtigen

Montgomery Clift verbrachte in Vorbereitung von „Ich beichte“ eine Woche in einem Mönchskloster und ließ sich auch während Drehs noch von einem der Mönche beraten, die er dort kennengelernt hatte. Am Set hatte er seine Schauspiellehrerin dabei, auf die er deutlich mehr hörte als auf Hitchcock. Seinen Schauspielkollegen fehlte es, wie Hitchcock, an Rückkopplung mit ihm, da er seine Rolle primär im Dialog mit seiner Lehrerin entwickelte und sich nach seinen Szenen meist als erstes von ihr eine Meinung einholte. Die Anwesenheit der Lehrerin deutet für mich darauf hin, dass Clift bestrebt gewesen sein dürfte, überzeugend und professionell, in ihn gesetzte Erwartungen ihrerseits zu erfüllen. Unter diesen Umständen völlig unreflektiert fortwährend besoffen oder verkatert am Set aufzutauchen, erscheint mir als eine zu einfache Sichtweise, die mich nicht vollständig überzeugt. Ich halte es stattdessen für möglich, dass Clift versucht haben könnte, durch den stabilen Alkoholkonsum während der Drehphase eine gewisse besonders ungewöhnliche Wirkung der Abwesenheit und äußerlichen emotionalen Distanziertheit vor der Kamera zu bestärken, da sich seine Figur emotional am absoluten Limit bewegt und das über mehr als eine Stunde Film am Stück hinweg. Ein unausgesprochener Ansatz bei der Einfühlung in die Rolle könnte außerdem gewesen sein, dass er davon ausging, der Priester könne diese Anspannung nur ertragen haben, indem er sie mit Alkohol betäubte, was letztlich nur subtil angedeutet werden konnte, wenn der Schauspieler selbst alkoholisiert war und anders im damaligen Kino bei so einem Film keinen Platz vor der Kamera hätte finden können. Sollte das der Gedanke gewesen sein, ist aber auch klar, dass die Methode nicht offiziell zugegeben werden konnte.

Das sind Spekulationen und Erklärungsansätze, da auch Interpretation Teil der Filmkritik und -wissenschaft sein kann, aber an die Theorie, dass Clift sich abends volllaufen ließ, in dem Wissen, am nächsten Morgen dennoch gut vor seiner Lehrerin dastehen zu wollen, glaube ich jedenfalls in der Form nicht. Das ist mir zu widersprüchlich. Dass er dennoch wahrscheinlich ein darüber hinausgehendes Alkoholproblem hatte, steht auf einem anderen Blatt. Wenn ich mich an Heath Ledger und seine Rolle als Joker in „The Dark Knight“ erinnere, ist ja auch den heutigen Generationen durchaus bekannt, wie weit Schauspieler für die Einfühlung in eine schwierige Rolle gehen können – vorbereitend sowie während der Drehphase.

Hitchcock jedenfalls blieb einmal mehr auf dem Ansatz hängen, dass er am liebsten einen Star verpflichtet hätte, mit dem er bereits zusammengearbeitet hatte. Dass im Kontext von Hauptdarstellern, mit denen er unzufrieden war, dann Namen üblicher Verdächtiger fallen, die er eigentlich lieber für den jeweiligen Film gehabt hätte, ist bei Hitchcock keine Seltenheit. Cary Grant lehnte die Hauptrolle in „Ich beichte“ allerdings ab und Laurence Olivier wurde vom Studio abgelehnt – auch James Stewart war im Gespräch, doch den Zuschlag erhielt Montgomery Clift, der dann von vornherein unter dem Damokles-Schwert spielen musste, aus Hitchcocks Sicht bestenfalls die C-Lösung für die Rolle gewesen zu sein. Was seine Besetzungspolitik bei Hauptrollen anging, war Hitchcock aus meiner Sicht etwas festgefahren und ein Freund der berühmten „Nummer sicher“. Dass Hitchcock nicht immer die Stars bekam, die er zwar wollte, weil er sie schon einmal erfolgreich in Szene gesetzt hatte, woraufhin er sich dann aber Absagen einhandelte oder mit einem Veto seiner Geldgeber leben musste, hat ihn zweifelsohne vor einer gewissen Eintönigkeit in seinem Gesamtwerk bewahrt. Was die Besetzung von Hauptrollen angeht, war es vermutlich manchmal gut, dass Hitchcock gewissermaßen vor sich selbst beschützt wurde. Oder sind Cary Grant, James Stewart und eine Handvoll ihrer Kollegen etwa doch die Antwort auf alle Fragen des Kinos? Wer weiß.

Auf Blu-ray noch ausstehend

Da es sich bei „Ich beichte“ um einen Film der Warner Brothers handelt, ist die Veröffentlichungssituation in Deutschland für Hitchcock-Verhältnisse zum Glück wenig chaotisch. Die Einzel-DVD wurde im Rahmen von Hitchcock-Boxen mit Warner-Filmen neu aufgelegt, aber ein mehrfaches Wechseln der veröffentlichenden Labels, sodass man den Faden zu verlieren droht, welches denn nun die beste Veröffentlichung hinsichtlich Bonus oder aber Bildqualität oder aber Sprach- und Synchronfassungen ist, bleibt uns so bisher zum Glück erspart. Eine Blu-ray gibt es von dem Film in Deutschland bislang noch nicht. Da wird früher oder später vermutlich etwas am Markt passieren. Vielleicht lässt sich bei dieser Gelegenheit dann auch das überschaubare Bonusmaterial ein wenig aufstocken, das zwar nette Standards bietet, aber trotzdem etwas dünn aufgestellt ist.

Die deutsche Synchronfassung punktet unter anderem damit, dass O. E. Hasse, der bis dato neben seiner Karriere vor der Kamera auch bereits rege als deutscher Synchronsprecher für internationale Kollegen aktiv gewesen war, in „Ich beichte“ mit seiner eigenen Stimme zu hören ist. Seine gut durchdachte schauspielerische Darbietung unter Hitchcocks Regie hätte es verdient gehabt, weit mehr Hollywood-Rollen nach sich zu ziehen. Er hatte das Format, um in derselben Liga mitzuspielen wie später andere deutschsprachige Schauspieler der Marke Gert Fröbe, Oskar Werner, Curd Jürgens oder Maximilian Schell.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Montgomery Clift in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. November 2004 als DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch (beide auch für Hörgeschädigte) sowie Dänisch, Finnisch, Portugiesisch, Hebräisch, Norwegisch, Schwedisch, Tschechisch, Griechisch, Ungarisch, Polnisch, Türkisch
Originaltitel: I Confess
USA/KAN 1953
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: George Tabori & William Archibald, nach einem Theaterstück von Paul Anthelme
Besetzung: Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, Brian Aherne, O. E. Hasse, Roger Dann, Dolly Haas, Charles Andre, Judson Pratt, Ovila Légaré
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Dokumentation, Wochenschaubericht über die Premiere
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot: © 2004 Warner Home Video, Filmplakat: Fair Use

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: