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Ma – Kein Alkohol ist keine Lösung

Ma

Kinostart: 30. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Horrorthriller // Teenager Maggie (Diana Silvers) ist genervt. Nachdem die Ehe ihrer Eltern in die Brüche ging, zieht es ihre Mutter Erica (Juliette Lewis) von San Diego zurück in ihr Heimatkaff in Ohio – und Maggie muss mit, ob es ihr passt oder nicht. Einer Kleinstadt, in der so gar nichts Aufregendes passiert, wie ihr ihre neu gewonnenen Freundinnen und Freunde an der Highschool unverblümt mitteilen. Mit der Clique um Hayley (McKaley Miller) und dem potenziellen Love-Interest in spe, Andy (Corey Fogelmanis) geht Maggie daher der anscheinend einzig sinnvollen örtlichen Freizeitbeschäftigung nach – einem ordentlichen Besäufnis im zum Party-Zimmer umgestalteten Van oder in einer abgelegenen Bauruine. Frei nach Karl Dalls Gassenhauer und Sonderzug-Evergreen: „Heute schütten wir uns zu, denn wir haben ja allen Grund dazu.

An ihrer neuen Schule schließt Maggie (r.) schnell Freundschaften

An den harten Stoff zu kommen, stellt die jugendlichen Freunde allerdings immer wieder vor große Herausforderungen. Da kommt die liebevoll anmutende Sue Ann (Octavia Spencer, „Hidden Figures“) genau richtig. Die Tierarzthelferin führt gerade einen ihrer in diesem Fall nicht mehr ganz vierbeinigen Patienten Gassi, als sie von Maggie nach Unterstützung beim Alkoholkauf gebeten wird. Lehnt sie zunächst noch entrüstet ab, kommt sie dann doch den umfangreichen Wünschen der Teenies nach und kauft ihnen eine stattliche Spirituosen-Sammlung, die sich sehen lässt. Nicht lange dauert es danach, bis aus diesen wiederholten Gefälligkeitskäufen das Angebot entsteht, den Van und die örtlich bekannte Bauruine als Party-Location gegen Sue Anns geräumigen Keller in ihrem abgelegenen Haus zu tauschen. Einzige Regeln der Gastgeberin: kein Fluchen, der Fahrer bleibt nüchtern und der Rest des Hauses ist absolute Tabuzone. Nach einigen gestalterischen Anpassungen entwickelt sich der Keller innerhalb kürzester Zeit zum heißesten Party-Spot für die örtlichen Teenagermassen, die Sue Ann allesamt nur liebevoll „Ma“ nennen. Doch ist es für Maggie und ihre neuen Freunde tatsächlich ratsam, diese scheinbar so liebenswürdige wie einsame Dame in ihr Leben zu lassen? Schließlich hat diese aus eigener Schulzeit noch eine alte Rechnung mit deren Eltern offen. Und eins ist klar: So schnell wieder los wird man die beeindruckend feierfreudige Sue Ann nicht mehr.

Ein Projekt unter Freunden

Regisseur Tate Taylor und Hauptdarstellerin Octavia Spencer sind seit ihren gemeinsamen WG-Zeiten vor 25 Jahren nahezu unzertrennliche Freunde und haben bereits bei dem hochgelobten „The Help“ (2011) in dieser Konstellation zusammengearbeitet. Als Taylor über die Story-Idee zu „Ma“ von Scotty Landes (Autor bei Comedy Centrals „Workaholics“) stolperte, wusste er sofort, dass er diese zu einem Film mit seiner Freundin als Idealbesetzung in der Hauptrolle umsetzen will. Und gerade Spencer ist es dann auch zu verdanken, dass sich diese filmische Umsetzung zumindest noch gerade so einigermaßen sehen lässt.

Liebenswürdig bietet Sue Ann den trinkwütigen Teenagern ihre Hilfe an

Denn wie die populäre US-Amerikanerin (die für ihre Leistung in „The Help“ immerhin mit dem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wurde) die Hauptfigur Sue Ann, respektive „Ma“, darstellt, ist eine wahre Freude. Zunächst noch als knuffige und absolut liebenswerte nette Tante angelegt, merken wir schnell, dass an dieser Fassade nur wenig Wahres ist und unter der Maske Abgründe schlummern. Unterstützt durch Rückblenden wird deutlich, dass Sue Ann in ihrer eigenen Schulzeit einiges durchmachen musste und die Eltern unserer jugendlichen Protagonisten daran nicht ganz unschuldig waren. Die schauspielerische Klasse von Spencer und ihre große darstellerische Bandbreite sind wirklich beeindruckend – zudem kann sie entgegen ihres etablierten Rollenprofils hier als Darstellerin auch einmal ihre dunkelsten und mörderischsten Seiten präsentieren. Spencer selbst wollte unbedingt an dem Projekt ihres Freundes mitwirken. Nicht auszudenken, was aus „Ma“ ohne ihr Mitwirken geworden wäre.

Doch ist ihre Gastgeberin wirklich so nett, wie sie vorgibt? Maggie (l.) kommen erste Zweifel

Trotz einer netten Grundidee und einem recht vielversprechendem Beginn gelingt es dem renommierten Regisseur Taylor leider nicht, mit „Ma“ einen überzeugenden Film zu liefern. Die durch umfangreiche Werbemaßnahmen erzeugte Erwartungshaltung kann er, mit Ausnahme der Besetzung von Spencer, somit leider zu keiner Zeit gerecht werden. Stattdessen bietet die One-Woman-Show ihr größtes Unterhaltungspotenzial neben seiner irren Hauptfigur höchstens noch in den ausgiebig dargestellten Saufgelagen und Party-Sessions in Sue Anns Keller, die im Grunde wie eine nicht enden wollende 80er-Jahre-Party anmuten. Auch ist der Alkohol- und Drogenkonsum der Teenies hierbei schon beachtlich und vielleicht erklärt sich dadurch auch ihr oft idiotisches und unlogisches Verhalten, wer weiß? Denn mit der Logik nimmt es Taylor in seinem Psycho-Horrorthriller nun gewiss nicht allzu genau, wie auch Scotty Landes im Drehbuch. Dabei wurde mit dem Produktionsstudio Blumhouse Productions von Jason Blum ein Partner an die Hand genommen, die mit dem Überraschungserfolg „Get Out“ (2017) bereits gezeigt haben, zu was sie filmisch in diesem Genre fähig sind. Warum also kann „Ma“ nicht an diesen Hit anknüpfen?

Faule Drehbuchautoren?

Bereits in meiner kürzlich erschienenen Rezension zum inhaltlich recht ähnlich angelegten Thriller „Greta“ hatte ich angemerkt, dass im Sinne der „Suspension of Disbelief“ Logikschwächen und Plotholes nicht zwingend ein Ausschlusskriterium für das Gelingen eines filmischen Werkes darstellen müssen. Kritisch wird es jedoch, wenn diese ein Ausmaß annehmen, das eine Toleranz ihnen gegenüber schwermacht. Bei „Ma“ ist dies leider, zumindest bei mir, ausgiebig der Fall gewesen. Ob platte, stereotype Figuren am laufenden Band, mitunter sinnlose Schockmomente oder ein halbherziger, ziemlich aus der Luft gegriffener und überzogener Rachefeldzug der Protagonistin Sue Ann – bei „Ma“ gibt es ob des Dargebotenen viel zu oft Grund zu gelangweiltem Kopfschütteln. So haben wir es mit einer erstaunlich langen Expositionsphase als Einführung in die Geschichte zu tun, die nur halbherzig durch wahllos eingestreute Spannungs- und Schockmomente den Thriller-Charakter des Films erhalten soll. Nur, um dann zum Ende hin urplötzlich in den Wut-Modus von Sue Ann zu wechseln, wonach dann alles erstaunlich schnell vonstattengeht und ehe man sich’s versieht auch schon der Abspann über die Leinwand läuft. Die unglaubwürdigen Handlungsweisen der meisten Figuren sowie die mitunter hanebüchenen Plot-Twists erwecken den Eindruck, als seien die Drehbuchverantwortlichen ein wenig faul gewesen und hätten keine anderen Möglichkeiten gefunden, sich aus ihren vielen Story-Sackgassen auf andere Weise befreien zu können.

Ein paar Worte zum Trailer

Es ist natürlich immer schwierig, die Schwächen im Skript zu thematisieren, ohne Gefahr zu laufen, dem Spoiler-Teufel anheimzufallen. Wer sich nur ungern schon im Vorhinein vom Inhalt des Films „Ma“ zu viel verraten lassen will, sollte dringend Abstand vom Trailer halten – zeigt dieser doch nahezu den gesamten Plot sowie beinahe sämtliche interessanten Schock- und Gewaltelemente. Wer beim Kinobesuch erwartet, dass dies nur die Appetizer waren und es im Film mehr in diese Richtung geben wird, dürfte bitter enttäuscht werden. So misslingt es Taylors neuestem Werk nicht nur aufgrund uninspirierter, starrer Treue gegenüber den Genre-Konventionen, für Überraschungen zu sorgen – den Betrachtern des Trailers wird er erst recht nichts Unerwartetes oder gar Schockierendes zu bieten haben. Was zur Folge hat, dass „Ma“ als Horrorthriller natürlich noch weniger funktioniert, stellen diese Elemente doch Kernelemente des Genres dar. Leider erahnt man so aber bei einer stattlichen Zahl an Szenen bereits im Vorfeld meilenweit, was als Nächstes passieren wird. Den Sinn hinter derartigen Trailern werde ich zumindest nicht mehr verstehen.

Einmal Bully, immer Bully? Welche Rolle spielte Ben (r.) in Sue Anns Vergangenheit?

Ist Octavia Spencer als Sue Ann zwar der größte Pluspunkt, den „Ma“ zu bieten hat, so ist diese starke Fokussierung auf die Hauptfigur auch gleichzeitig eine der weiteren großen Schwächen des Films. Die übrigen Figuren bleiben dagegen leider meist blass und klischeebeladen. Viele scheinen auch nur als Baustein im Genrebaukasten oder zum Voranbringen der Story zu fungieren, anders ist ihre Existenz sowie ihr mitunter seltsam anmutendes Verhalten nicht zu erklären. Demzufolge nutzt auch der restliche Cast nur wenige Gelegenheiten, aus den schwachen Rollen groß etwas herauszuholen. Gerade die eher unbekannten jungen Gesichter hinterlassen kaum besonderen Eindruck – am ehesten noch Diana Riggs („Glass“). Diese profitiert als rehäugige Maggie vor allem davon, dass wenigstens ihrer Figur dann doch etwas mehr emotionale Tiefe gegeben wurde. Den restlichen Mitgliedern ihrer Clique ist trotz aufkommender Bedenken gegenüber Ma dagegen stets nur der nächste Suff von Bedeutung – koste es was es wolle. Auch die älteren und etablierten Gesichter sind kaum imstande, mehr aus ihren Rollen herauszuholen, als ihnen diese dünnen Vorlagen bieten; 90er-Jahre-Kultfilm-Ikone Juliette Lewis („From Dusk Til Dawn“, „Natural Born Killers“) spielt Maggies Mutter Erica als toughe Version einer Single-Mom mit Hang zur Hysterie und „Hobbit“-Haudrauf Luke Evans gibt mit Ben – Vater von Maggies Freund Andy – einen Macho zum Besten, der seit Teenie-Tagen nichts von seiner Arschlochattitüde eingebüßt hat. Allison Janney („I, Tonya“) knüpft als zynische und notorisch-griesgrämige Tierärztin nicht nur an ihre Oscar-prämierte Rolle als Tonya Hardings Rabenmutter an, sie darf sich ebenso wiederholt herrlich amüsant über Sue Anns mangelnden Arbeitseifer echauffieren – „Ma“ wirkt somit durch sie sogar ein klein wenig selbstreferenziell, spiegelten doch diese Charaktereigenschaften ihrer Rolle meine Laune mit zunehmendem Verlauf der Sichtung des Films ziemlich treffend wider.

Finger weg von „Ma“

Zum Abschluss lohnt sich der Vergleich mit dem oben bereits erwähnten, erst kürzlich im Kino erschienenen Thriller „Greta“. Teilt dieser mit „Ma“ nicht nur einen Plot um junge Menschen, die sich mit scheinbar netten und einsamen alten Menschen einlassen und diese dann nicht mehr loswerden – beide Filme vereint auch ihre ärgsten Schwächen: Obwohl von renommierten Filmemachern kreiert, bieten sie durch ihr starres Festhalten an etablierten Erzählweisen des Thriller-Genres nur wenig Überraschungspotenzial und sind nicht in der Lage, diesem neue Elemente beizusteuern. Gepaart mit der fehlenden narrativen Tiefe, blassen Figuren wie auch zahlreichen Logikschwächen dürften derartige Werke nur wenig Potenzial bieten, Besucher hinter dem Ofen hervorzulocken. Filmschaffende sollten sich dringend einmal hinterfragen, ob Filme wie „Greta“ oder „Ma“ tatsächlich die Zukunft sein sollen oder ob sie damit nicht noch mehr Zuschauerinnen und Zuschauer an häufig deutlich ansprechendere Serienproduktionen verlieren werden. Zwischen ewig gleichen Erzählmustern und dem x-ten Superheldenspektakel sollte der Kinofilm auch weiterhin versuchen, kreativ und mutig zu sein. „Ma“ ist leider weder das eine noch das andere. Kommt mein obiger Rat für die jugendlichen Helden im Film bereits zu spät, so kann ich zumindest euch Leserinnen und Leser dieser Rezension dazu anhalten, im Kino einen Bogen um diesen ziemlich lahmen Horrorthriller zu machen und euch stattdessen lieber in netter Gesellschaft ein nettes Tröpfchen zu gönnen. Aber wer weiß – vielleicht steigt mit zunehmendem Alkoholpegel auch das Unterhaltungspotenzial von „Ma“?! Zum Wohl!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Juliette Lewis und Octavia Spencer sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Luke Evans unter Schauspieler.

„You can dance, if you want to.“ Sue Ann zeigt den Kids von heute, wie man richtig feiert

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Ma
USA 2019
Regie: Tate Taylor
Drehbuch: Scotty Landes
Darsteller: Octavia Spencer, Diana Silvers, Juliette Lewis, Luke Evans, McKaley Miller, Missi Pyle, Corey Fogelmanis, Gianni Paolo, Dante Brown, Allison Janney
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH,
Szenenfotos: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH. All rights reserved.

 

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I, Tonya – Schneewittchen und die Eishexe

I, Tonya

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Basierend auf ironiefreien, extrem widersprüchlichen, und absolut wahren Interviews mit Tonya Harding und Jeff Gillooly.

Kurz vor den Olympischen Winterspielen in Lillehammer erschütterte am 6. Januar 1994 ein Skandal die Sportwelt: In Detroit, Michigan wurde die Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan Opfer eines brutalen Angriffs. Ein Mann schlug der amerikanischen Medaillenhoffnung nach dem Training mit einer Eisenstange auf ihr rechtes Knie und flüchtete. Shane Stant erhielt für die Aktion 6.500 US-Dollar von seinem Onkel Derrick Smith, der den Fluchtwagen steuerte.

Von Kindesbeinen an steht Tonya auf dem Eis

Wie sich herausstellte, hatte Smith die Tat gemeinsam mit dem Bodyguard Shawn Eckhardt und Jeff Gillooly geplant. Gillooly war pikanterweise ausgerechnet der Ex-Ehemann von Tonya Harding, der großen Rivalin von Nancy Kerrigan. Bei den folgenden Ausscheidungskämpfen konnte Kerrigan nicht antreten. Harding dagegen gelang die Qualifikation und durfte ihr Land in Lillehammer im Eiskunstlaufen vertreten. Da Kerrigans Knochen nicht gebrochen war, erholte sie sich allerdings schnell von ihrer Verletzung und durfte nach einem Beschluss des US-Komitees als zweite Starterin ebenfalls zu den Olympischen Winterspielen reisen. Tonya Harding hatte stets bestritten, etwas über den geplanten Angriff auf ihre Konkurrentin gewusst zu haben. Erst Anfang 2018 – 24 Jahre nach dem Vorfall – gab sie in einem Interview mit dem US-Sender ABC zu, wenigstens etwas von den Plänen geahnt zu haben. Dieses Geständnis wurde öffentlich, nachdem „I, Tonya“ in den US-Kinos angelaufen war.

Jeder hat seine eigene Wahrheit

Als Autor Steven Rogers nach Sichtung der ESPN-Dokumentation „The Price of Gold“ (2014) beschloss, ein Drehbuch über den Fall zu schreiben, merkte er schnell, dass er die Frage, ob Tonya Harding etwas gewusst hatte, nicht so einfach beantworten konnte. Bei seinen Interviews mit Harding und Jeff Gillooly sprachen sie zwar viel und offen über die Vergangenheit. Dennoch widersprachen sich ihre Aussagen fast komplett – selbst auf die Frage, wie ihr erstes Date verlaufen war, machte das Ex-Paar völlig unterschiedliche Angaben. Rogers verfasste das Drehbuch auf Basis der Interviews mit den beiden Beteiligten und fügte zahlreiche zeitgenössische O-Töne aus Video- und Audioaufnahmen hinzu. Am Ende obliegt es somit dem Zuschauer zu entscheiden, was nun Fakt und Fiktion ist. Und das entpuppt sich durchaus als reizvolle Aufgabe.

Früh zieht Tonya mit Jeff zusammen

Was unbestritten ist: Tonya Harding (Margot Robbie) wuchs in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer alleinerziehenden Mutter LaVona (Allison Janney) auf. Die tyrannische und alkoholkranke Frau schickte Tonya bereits im Kindesalter aufs Eis. Um ihr zu entfliehen, zog Tonya früh mit ihrem späteren Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) zusammen. Doch ihre Liebe zum Eiskunstlaufen verlor sie nie. 1991 wurde sie US-Meisterin und trug sich in die Geschichtsbücher ein: Als erster Amerikanerin und zweiter Frau überhaupt gelang Tonya ein dreifacher Axel. Insgesamt meisterten bis heute nur sieben anderen Eiskunstläuferinnen diesen technisch extrem anspruchsvollen Sprung. Der Name Tonya Harding war nun weltweit bekannt.

Mockumentary mit großartigen Darstellern

Regisseur Craig Gillespie („Lars und die Frauen“) gelang mit „I, Tonya“ ein durchaus unorthodoxes Biopic, welches in großen Teilen als schwarzhumorige „Mockumentary“ inszeniert ist. Immer wieder streut er fiktionale Interview-Schnipsel in die Handlung ein, in denen die verschiedenen Figuren ihre Sicht auf die Dinge schildern – ebenso verwirrend, doppelbödig und selbstentlarvend, wie Drehbuchautor Steven Rogers die widersprüchlichen Aussagen aller damals Beteiligten wahrgenommen hat. Gleichzeitig lässt Gillespie die Charaktere auch immer wieder überraschend die vierte Wand durchbrechen. Wenn sich Tonya ans Filmpublikum wendet, verstärkt das die empathische Bindung zu ihrer tragischen Figur, es wirkt aber aufgrund der ironischen Erzählweise nie mitleidheischend.

Nach dem gelungenen dreifachen Axel ist Tonya auf dem Höhepunkt ihrer Karriere

Ich muss gestehen: Von Margot Robbie habe ich zuvor nicht viel gehalten. In ihrem Hollywood-Durchbruch „The Wolf of Wall Street“ und „Legend of Tarzan“ tat sie sich mehr wegen ihres attraktiven Äußeren als ihrer Schauspielkunst hervor. Im miesen „Suicide Squad“ war Robbie als Harley Quinn immerhin einer der rar gesäten Pluspunkte. Doch ihre Leistung in „I, Tonya“ ist phänomenal. Mit den 90er-Jahre-Kostümen und -Frisuren, die sie tragen muss, geht sie völlig in der Rolle als verletzliche Kämpfernatur mit White-Trash-Attitüde auf. Die Nominierungen für Golden Globe und Oscar waren hochverdient. Derzeit steht die Australierin für den neuen Tarantino-Thriller „Once Upon a Time in Hollywood“ vor der Kamera, in dem sie Sharon Tate spielen wird.

LaVona empfindet keine Liebe für Tonya

Einen Golden Globe und einen Oscar für die beste Nebenrolle gewann dafür verdientermaßen Allison Janney als Tonyas gnadenlose Mutter, die selbst dann keine Miene verzieht, wenn ihr Vogel während eines Interviews an ihrem Ohr herumkaut. Die Szenen sind nicht erfunden. Die echte LaVona Harding gab im schrecklichen Pelzmantel tatsächlich ein Interview mit ihrem Haustier auf der Schulter.

Die Macht der Massenmedien

„Ich war die zweitberühmteste Person der Welt – nach Bill Clinton“, sagt Tonya Harding in einer Szene. Neben dem Blick auf Tonya Hardings Leben gelingt es „I, Tonya“ ebenfalls großartig, ein Bild auf das Amerika der 90er-Jahre und dem aufkommenden Einfluss der Massenmedien zu werfen. Der Fall war ein gefundenes Fressen für die weltweiten TV-Anstalten, Zeitungen und Zeitschriften, die jeden Schritt von Tonya begleiteten und ihr Privatleben ausschlachteten. Die Medien prägten ihr Bild in der Öffentlichkeit und kochten das Duell zwischen Nancy Kerrington und Tonya Harding bei den Olympischen Winterspielen 1994 zur Seifenoper hoch. Die brünette Kerrington wurde liebevoll „Schneewittchen“ genannt, passend dazu war Harding schlicht als verhasste „Eishexe“ verschrien. Ob es allein am Eiskunstlauf-Wettbewerb lag, ist nicht mehr nachvollziehbar, aber selbst das ZDF nannte die Winterspiele in Lillehammer diejenigen mit den höchsten Einschaltquoten. Diese wurden erst 2014 mit der Übertragung der Winterspiele in Sotschi übertroffen.

Ob Tonya Harding nun von den Anschlagplänen wusste oder nicht – es nutzte ihr nichts. In Lillehammer erreichte sie nur den achten Platz, während Nancy Kerrigan die Silbermedaille gewann.

Die Medien verfolgen jeden Schritt der „Eishexe“

Veröffentlichung: 24. August 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: I, Tonya
USA 2017
Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Steven Rogers
Besetzung: Margot Robbie, Allison Janney, Sebastian Stan, Julianne Nicholson, Paul Walter Hauser, Bobby Cannavale, Bojana Novakovic, Caitlin Carver
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: DCM Film Distribution GmbH
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2018 DCM Film Distribution GmbH / Universum Film

 

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