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Der Prinz von Ägypten – Der Exodus als Zeichentrick-Abenteuer

The Prince of Egypt

Von Volker Schönenberger

Zeichentrick-Abenteuer // Das 2. Buch Mose erzählt als Teil des Alten Testaments der Christen und der Tora der Juden gleichermaßen vom Auszug (Exodus) der Israeliten aus Ägypten unter der Führung von Moses. Der Überlieferung zufolge lebten die Israeliten in Ägypten in Knechtschaft. Weil der Pharao die Tötung der männlichen Kinder der Israeliten angeordnet hatte, setzte Moses’ Mutter ihren Sohn im Säuglingsalter in einem Schilfkorb im Nil aus, woraufhin er von einer Tochter des Pharaos gefunden wurde und fortan am Hof des Herrschers aufwuchs.

Seine Mutter setzt Moses im Nil aus

Später erhielt Moses von Gott den Auftrag, sein Volk aus Ägypten ins Gelobte Land zu führen. Weil der Pharao dies verweigerte, ließ der gar nicht mal so liebe Gott zehn Plagen über die Ägypter kommen. Nun erst ließ der Herrscher die Israeliten ziehen, doch bald darauf besann er sich und verfolgte sie mit seinen Heerscharen. Mit göttlicher Fügung bewirkte Moses, dass sich das Meer teilte und die Israeliten über den nun trockenen Meeresboden gen Freiheit weiterziehen konnten. Als die ägyptische Kriegsschar ihnen folgte, ließ Gott die Fluten über die Verfolger hereinbrechen, woraufhin sie jämmerlich ertranken. Seltsam? Aber so steht’s geschrieben …

Die Frau des Pharaos findet den Schilfkorb

„Der Prinz von Ägypten“ erzählt die Geschichte des Exodus nach und markiert nach „Antz“ (1998) den zweiten Animationsfilm der seinerzeit noch jungen Produktionsfirma DreamWorks, die Steven Spielberg, Jeffrey Katzenberg und David Geffen 1994 gegründet hatten. Mit DreamWorks Animation ging das Studio in direkte Konkurrenz zum Zeichentrick-Platzhirsch Walt Disney und dem ebenfalls jungen Studio Pixar, das 1995 mit „Toy Story“ das Zeitalter der Computertrickfilme eingeläutet hatte. War „Antz“ bereits vollständig am Computer entstanden, wurde „Der Prinz von Ägypten“ noch als herkömmlicher Zeichentrickfilm produziert.

Der Exodus – historisches Ereignis oder Fantasie?

Das Bibel-Abenteuer hält sich im Großen und Ganzen an die Vorlage, nimmt sich aber viele Freiheiten und schmückt das Geschehen mit zahlreichen eigenen Einfällen aus. Das ist auch nicht weiter wild, denn wenn man den Erzählungen des Alten Testaments überhaupt Glauben schenken mag, dürfte doch unstrittig sein, dass viele darin geschilderte Ereignisse überhaupt nicht historisch belegt und in weiten Teilen und etlichen Details der Fantasie entsprungen sind – merkt’s euch, Kreationisten, immer zweimal mehr wie Ihr!

Moses (l.) und Ramses sind beste Freunde geworden …

Anders als in der Bibel beispielsweise entdeckt im Film nicht die Tochter des Pharaos den Schilfkorb im Nil, sondern dessen Ehefrau – historisch gesehen müsste es sich dabei um eine gewisse Tuja handeln. Die Freundschaft zwischen Moses und dem Königssohn und späteren Pharao Ramses findet sich in der Bibel nicht. Im Film sind die beiden anfangs zwei unbekümmerte junge Kerle mit zu viel Testosteron im Blut, die sich ein wildes Wagenrennen liefern, bei dem allerlei zu Bruch geht. Das bringt ihnen eine scharfe Rüge von Pharao Sethos ein. Bald darauf trifft Moses auf seine Schwester Miriam, die Jahre zuvor den Weg des Schilfkorbs auf dem Nil verfolgt hatte und seitdem aus der Ferne über ihren kleinen Bruder wacht. Sie weckt erste Zweifel an seiner Herkunft in ihm, und eine Weile und einige Ereignisse später findet sich Moses in der Wüste wieder.

… und müssen vom Pharao scharfe Kritik einstecken

Für den von Whitney Houston und Mariah Carey interpretierten Filmsong „When You Believe“ erhielt Stephen Schwartz den Oscar, er und Hans Zimmer wurden für den Score zudem Oscar-nominiert. Mein Fall ist die Musik nicht, das gilt für die eingestreuten Songs ebenso wie für den typischen Hans-Zimmer-Streicherteppich, der sich wie ein Mantel über den gesamten Film legt. Das gefällt aber offenbar vielen, und der Erfolg gibt Hans Zimmer recht, wer bin ich also, daran herumzumäkeln?

Der junge Mann trifft seine Schwester Miriam …

Die Besetzung der Originalsprecher liest sich erlesen: Val Kilmer spricht Moses, als Ramses hören wir Ralph Fiennes. Sandra Bullock leiht Moses’ Schwester Miriam die Stimme, Jeff Goldblum seinem Bruder Aaron. Michelle Pfeiffer spricht Zippora, in die sich Moses verliebt. In weiteren Rollen sind Patrick Stewart, Helen Mirren, Steve Martin, Danny Glover und Martin Short sowie die Sängerin Ofra Haza zu hören. Diese Stimmen sind als großer Pluspunkt zu werten.

… und entdeckt das Geheimnis seiner Herkunft

Obwohl ambitioniert, wandelt „Der Prinz von Ägypten“ als Zeichentrickfilm auf bekannten Pfaden, fügt der Technik auch keine neuen Impulse hinzu – seinerzeit ohnehin schwierig angesichts des mächtig aufkommenden Computertrickfilms. Aber es muss auch nicht immer die größte Innovationskraft sein, wenn die Unterhaltung stimmt – und das kann man dem alttestamentarischen Abenteuer nicht absprechen. Die Bibel ist eben ein Füllhorn actionreicher Geschichten, das zeigt sich besonders beim Exodus.

Die zehn Gebote

Wenn am Ende Moses vom Berg Sinai hinabsteigt und die zehn Gebote mitbringt, bietet das natürlich eine prima Gelegenheit, in eine kritische Debatte zum Christentum einzusteigen. „Du sollst nicht töten.“ So lautet das nach katholischer und evangelischer Zählung fünfte Gebot – bei den Juden und diversen christlichen Abspaltungen zählt es als das sechste. Hm – hat Gott nicht erst kurz zuvor das ägyptische Heer ertränkt? Hat er nicht als zehnte Plage die erstgeborenen Söhne der Ägypter ermordet? Nun ja, womöglich galten die zehn Gebote damals nur unter den Israeliten und für Gott selbst schon mal gar nicht. In dem Fall dürfte der Allmächtige sogar nach Herzenslust Ehebruch betreiben, der alte Schlawiner. Böse Zungen könnten gar behaupten, dass der liebe Gott des Alten Testaments ein rassistischer Massenmörder war, für diese These lassen sich etliche Bibelstellen finden. Aber beenden wir das, an der trotz einiger sekundärer Kritikpunkte großen Qualität von „Der Prinz von Ägypten“ als toll gezeichnetes Epos ändert das nichts.

Aus Freunden sind Feinde geworden

Wer von der Geschichte des Auszugs der Israeliten aus Ägypten nicht genug bekommen kann und über ausreichend Sitzfleisch verfügt, mag an einem mit „Der Prinz von Ägypten“ beginnenden Triple Feature Gefallen finden – mit Cecil B. DeMilles monumentalem „Die zehn Gebote“ (1956) mit Charlton Heston als Moses und Yul Brynner als Ramses als zweitem Beitrag, gefolgt von Ridley Scotts „Exodus – Götter und Könige“ (2014), in dem Christian Bale Moses und Joel Edgerton Ramses verkörpern. Ein dreifacher Exodus in epischer Überlänge, das wäre doch was, nicht wahr? Eine qualitative Rangfolge dieser drei Bibel-Adaptionen will ich hier nicht liefern, zu sehr unterscheiden sich die Filme. „Die zehn Gebote“ mag die spektakulärste Umsetzung des Stoffs darstellen. Als Zeichentrick-Abenteuer funktioniert „Der Prinz von Ägypten“ aber sehr gut. Das DreamWorks-Epos bietet gute Gelegenheit, dem Nachwuchs im Kreis der Familie die Geschichte des Exodus zu vermitteln. Auch ein Atheist wie ich kann das für seine Kinder als sinnvoll erachten.

Moses bringt den Ägyptern die Plagen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sandra Bullock und Helen Mirren sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Ralph Fiennes, Jeff Goldblum und Patrick Stewart unter Schauspieler.

Exodus

Veröffentlichung: 4. Oktober 2018 als Blu-ray, 6. September 2018, 1. März 2018, 26. Februar 2015, 4. Juli 2006 und 8. März 2001 als DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Prince of Egypt
USA 1998
Regie: Brenda Chapman, Steve Hickner, Simon Wells
Drehbuch: Philip LaZebnik, Nicholas Meyer
Originalsprecher: Val Kilmer, Ralph Fiennes, Michelle Pfeiffer, Sandra Bullock, Jeff Goldblum, Danny Glover, Patrick Stewart, Helen Mirren, Steve Martin, Martin Short, Ofra Haza, James Avery
Zusatzmaterial: Audiokommentar der Filmemacher, Making-of, mehrsprachige Präsentation von „When You Believe“, Wissenswertes über die Animation des Wagenrennens, „Die technischen Effekte im Film“, Bildergalerie, Original Kinotrailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenbilder: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH & DreamWorks Animation, Trailer: © DreamWorks Animation

 

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Die zehn Gebote – Nostalgische Reise in die Vergangenheit

The Ten Commandments

Von Sven Wedekin

Bibel-Abenteuer // Wenn es einen Film gibt, der den (typisch amerikanischen) Bibelfundamentalisten gefällt, dann ist es sicherlich Cecil B. DeMilles letzte Regiearbeit: „Die Zehn Gebote“, ein Klassiker des Monumentalfilms, den er im Jahr 1956 mit einem bis dahin beispiellosen Aufwand inszenierte. Selbst für die Verhältnisse dieses Genres hat man dafür eine Masse an Statisten, farbenprächtigen Kostümen und spektakulären Kulissen aufgefahren, die auch den modernen Betrachter staunen lässt. Vom dem dargebotenen Pomp fühlt man sich teilweise fast schon erschlagen. Auch tricktechnisch ist DeMilles Neuverfilmung seines eigenen Stummfilms von 1923 eine Klasse für sich. Vor allem die dramatische Teilung des Roten Meeres wirkt auch noch heute noch so beeindruckend, dass man fast kaum glauben mag, gerade einen Film zu sehen, der tatsächlich schon beinahe sechzig Jahre auf dem Buckel hat. Bei der 1957er-Oscarverleihung gab es dann auch den Preis für die besten Spezialeffekte. Nominiert war „Die zehn Gebote“ auch als bester Film, fürs beste Drehbuch, für Ausstattung, Kostüme, Ton und Schnitt. Die Oscars jenes Jahres dominierten aber „Der König und ich“ und „In 80 Tagen um die Welt“ mit jeweils fünf Auszeichnungen.

Glaube versus Realität

Womit ich beim Thema Glauben bin: Was dem Zuschauer in dieser Hinsicht zugemutet wird, ist leider alles andere als zeitlos. DeMille erzählt die bekannte Geschichte um die (in Wirklichkeit frei erfundene) Figur des Moses auf eine Art und Weise nach, dass der Eindruck entsteht, es handle sich um ein reales historisches Ereignis. Dass er aber zum Beispiel Pharao Ramses II. ins Spiel bringt, hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun, da der ägyptische Herrscher mit dem biblischen Moses gar nichts zu tun hatte.

Moses begehrt die liebliche Nefretiri

Wie es sich für einen waschechten Bibelschinken gehört, setzt „Die zehn Gebote“ auf ein klares Gut-gegen-Böse-Schema, wobei die Rollen eindeutig verteilt sind: Die in Armut lebenden Frommen sind durch den Heiligen Geist von moralischer Reinheit durchweht, während die Herrscherklasse in gewaltigen Palästen residiert und vom Leid der versklavten Juden nichts mitbekommt. Die ethischen Ambivalenzen der Geschichte werden leider kaum angesprochen, was den Film gerade aus heutiger Sicht im mancherlei Hinsicht etwas naiv wirken lässt, da die Ereignisse auf eine recht verklärte Art geschildert werden. Dies wird noch durch die reichlich theatralischen Dialoge verstärkt, welche den Schauspielern von den Drehbuchautoren in den Mund gelegt wurden.

Ein fast perfekter Cast

Diese machen ihre Sache indes wirklich gut: Charlton Heston glänzt in seiner Paraderolle als heldenhafter und fast schon übermenschlich moralischer Kronprinz, der später seine wahre Berufung findet, sein Volk aus der Knechtschaft zu führen. Yul Brynner gibt seinem Ramses Profil als ruchloser Halbbruder des Moses, dem jedes Mittel recht ist, um den Thron seines Vaters zu erben und als starker Führer zu erscheinen. Der bis dahin vor allem auf Gangsterrollen abonnierte Edward G. Robinson verkörpert Dathan, den opportunistischen Handlanger von Ramses, der sein eigenes Volk verrät, um sich selbst vor der Sklaverei zu drücken.

Moses (r.) demonstriert Pharao Ramses II. die Macht Gottes

Anne Baxter hingegen neigt in ihrer Rolle als latent eifersüchtiger „Love Interest“ von Moses zu einem gewissen Overacting, was jedoch auf eine eigentümliche Art zum Rest des Films passt. Schließlich ist alles an „Die Zehn Gebote“ eine einzige große Übertreibung. Es ist ein Werk, wie es Hollywood nur zu einer Zeit produzieren konnte, als der Kinobesuch für die Menschen noch ein Ereignis war, da man Filme sonst nur auf winzigen Schwarz-Weiß-Fernsehern sehen konnte, auf denen ausladende Technicolor-Bilder ihre Wirkung natürlich nicht entfalten konnten, während sie auf der großen Kinoleinwand voll zur Geltung kamen.

Als das Kino noch ein Abenteuer war

Ähnlich wie James Cameron in unserer heutigen Zeit, fährt Cecil B. DeMille alles auf, was damals im Kino möglich war, um dem Zuschauer ein unvergessliches Erlebnis zu bescheren, welches wohl auch belehrend, gar missionierend sein sollte. Wie sonst ist zu erklären, dass „Die zehn Gebote“ oft wie eine überlange Religionsstunde erscheint? Der Film macht kein Hehl aus seiner tiefen Frömmigkeit. Auch dies ist in unserer heutigen Zeit, in der die Helden des Kinos eher aus Comicheften als aus Geschichtsbüchern kommen, in einem Blockbuster nicht mehr denkbar.

Der Botschafter Gottes schart seine Anhänger um sich …

So ist „Die Zehn Gebote“ ein nostalgisches Relikt aus einer anderen Zeit. Einer Zeit als das Kino noch der einzige Ort war, in dem man in Epochen und Welten versetzt werden konnte, die es so nie in der Realität gab und man von den Irrungen und Wirrungen der glanzlosen Wirklichkeit abgelenkt wurde.

Beschaffungsprobleme für „Die zehn Gebote“ gibt es hierzulande nicht. Wer aber auf eine Referenz-Edition zugreifen will, muss auf deutschen Ton verzichten und über den großen Teich schauen: Warner hat 2013 eine großformatige „Ultimate Collector’s Edition“ mit sechs Discs, Buch, Postkarten und weiteren Boni veröffentlicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Yul Brynner, Charlton Heston und Vincent Price haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

… und teilt das Rote Meer

Veröffentlichung: 5. Dezember 2013 und 5. April 2012 als Blu-ray, 6. April 2006 und 11. Januar 2001 als DVD

Länge: 231 Min. (Blu-ray), 222 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Ten Commandments
USA 1956
Regie: Cecil B. DeMille
Drehbuch: Æneas MacKenzie, Jesse Lasky Jr., Jack Gariss, Fredric M. Frank, nach Motiven aus „Prince of Egypt“ von Dorothy Clarke Wilson, „Pillar of Fire“ von J. H. Ingraham und „On Eagle’s Wing“ von A. E. Southon
Besetzung: Charlton Heston, Yul Brynner, Anne Baxter, Edward G. Robinson, Vincent Price, John Derek, Nina Foch, Debra Paget, Yvonne DeCarlo
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Paramount (Universal Pictures)

Copyright 2017 by Sven Wedekin

Fotos & Packshots: © Paramount (Universal Pictures)

 

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Ridley Scott (I): Exodus – Götter und Könige – Ist das schon Guerilla oder noch Zermürbungskrieg?

Exodus-Plakat

Mit diesem Beitrag beginnt bei „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Reihe über Ridley Scott. Ohne Anspruch auf ein vollständiges Abdecken seiner Filmografie und in loser zeitlicher Abfolge werden verschiedene Autoren Scotts Regiearbeiten einer Betrachtung unterziehen.

Exodus – Gods and Kings

Kinostart: 25. Dezember 2014

Von Matthias Holm

Action-Abenteuer // Ist die Bibel etwa als Filmmaterial wieder im Kommen? Nachdem in diesem Jahr bereits Darren Aronofsky mit „Noah“ eine Interpretation der Sintfllut-Geschichte aus dem Buch der Bücher in die Kinos brachte, legt nun Ridley Scott nach. Doch er verpasst es, der altbekannten Geschichte um Moses und der Befreiung der Israeliten neue Facetten abzugewinnen.

Die Eifersucht des Ramses

Moses (Christian Bale) und Ramses (Joel Edgerton) wachsen wie zwei Brüder auf. Allerdings ist Ramses eifersüchtig – sein Vater, der Pharao Seti (John Turturro), würde lieber den adoptierten Moses als Nachfolger haben statt seines leiblichen Sohns. Durch Zufall erfährt Ramses, dass Moses in Wahrheit ein Israelit ist, der von seinen Eltern ausgesetzt worden war. Als Seti stirbt, verbannt Ramses im Machtwahn Moses. Dieser kann jedoch der Wüste trotzen und findet bei einer Gruppe Schafhirten Zuflucht und eine Frau, die ihn liebt. Doch nach einigen Jahren muss Moses seine Familie verlassen: Gott verlangt von ihm, die Israeliten ins geheiligte Land Kanaan zu führen.

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Noch ziehen Moses (l.) und Ramses (M.) gemeinsam in den Krieg

1956 war es Charlton Heston im Klassiker „Die zehn Gebote“, dem diese göttliche Aufgabe zu Teil wurde. Christian Bale trägt den Film dank seiner Leinwandpräsenz ganz allein – und das ist auch bitter nötig. Denn obwohl in ein paar Szenen der innere Konflikt von Ramses zwischen Brüderlichkeit zu Moses auf der einen und seinen Stolz als Herrscher auf der anderen Seite aufblitzt, gelingt es Joel Edgerton nicht, einen vernünftigen Antagonisten zu verkörpern. Vielmehr erinnert Ramses an ein pubertierendes Kind, das unbedingt seinen Willen haben will.

Gott ist eine Zicke

Apropos pubertierende Kinder: Hat Ridley Scott seinen Gott extra mit einem Jungen besetzt, der kurz vorm Teenager-Alter steht? Denn auch Gott kommt mehr zickig als jähzornig rüber – und auf Nachfragen von Moses antwortet er gar nicht erst.

Der Rest des Casts kann zwar mit einigen großen Namen aufwarten – unter anderen Sigourney Weaver, Ben Kingsley und Aaron Paul –, doch deren Figuren scheinen Scott nicht zu interessieren. Sie können sich glücklich schätzen, wenn sie mehr als zwei Sätze zu sagen bekommen.

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„Let my people go!“

Fürs Heimkino eine Langfassung?

Dieses Desinteresse an Nebenfiguren oder einer stärkeren Charakterzeichnung der Hauptfiguren lässt zusammen mit einigen sprunghaften Szeneriewechseln die Vermutung zu, dass Ridley Scott eine längere Version des Films im Sinne hatte und einiges wegschneiden musste. Vielleicht bekommt man – wie bereits beim ähnlich gelagerten „Königreich der Himmel“ – den Director‘s Cut auf Blu-ray und DVD nachgereicht. Der Regisseur hat das zwar als unwahrscheinlich bezeichnet – die Kinofassung sei bereits der Director’s Cut; ganz auszuschließen ist eine spätere Langfassung aber sicher nicht.

Visuell ein großes Erlebnis

Was den Film rettet, ist seine visuelle Kraft. Ich saß zum ersten Mal in einem Realfilm im Kino und dachte mir, dass das 3D toll aussieht: tolle Panorama-Aufnahmen und gute Spezialeffekte. „Exodus – Götter und Könige“ ist klassisches Bombastkino, wie es sein sollte. Allein dafür lohnt sich der Kinobesuch.

Ridley Scott macht es mir nicht leicht. Obwohl ich mich während des Films über die verpassten Chancen und die zickigen Figuren geärgert habe, habe ich mich doch die ganze Zeit über unterhalten gefühlt. Vor allem in der zweiten Filmhälfte, wenn die Spezialeffekte aufgrund der Plagen und der Teilung des roten Meeres zunehmen, reißt der Film einen mit. Für mich ist „Noah“ aufgrund seiner Botschaften und seiner Aronofsky-typischen Optik der bessere Film, wer sich aber einfach berauschen lassen möchte, sollte sich „Exodus – Götter und Könige“ im Kino anschauen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Christian Bale in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 150 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Exodus – Gods and Kings
GB/USA/SP 2014
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Adam Cooper, Bill Collage, Jeffrey Caine, Steven Zaillian
Besetzung: Christian Bale, Joel Edgerton, Ben Kingsley, John Turturro, Aaron Paul, Paul Mendelsohn, María Valverde, Sigourney Weaver, Golshifteh Farahani, Hiam Abbass, Tara Fitzgerald, Indira Varma, Ghassan Massoud
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2014 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2014 Twentieth Century Fox

 

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