RSS

Schlagwort-Archive: Amanda Plummer

Zum 65. Geburtstag von Amanda Plummer / Terry Gilliam (VI): König der Fischer – Der Heilige Gral in der Fifth Avenue

The Fisher King

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Der New Yorker Jack Lucas (Jeff Bridges) ist der zynische Star unter den Radiomoderatoren. Sensibel geht anders, wenn ihn Hörer anrufen, die sich Lebenshilfe erhoffen. Eine Hörerin, die berichtet, ihr Ehemann treibe sie in den Wahnsinn, weil er sie stets unterbreche und ihre Sätze beende, unterbricht er und beendet ihre Sätze. Jacks schüchterner Stammhörer Edwin Malnick (Christian Clemenson) meldet sich mal wieder und erzählt dem Moderator davon, er habe in der angesagten Bar „Babbitt’s“ in Manhattan eine schöne Frau kennengelernt. Jacks Reaktion besteht aus abfälligen Bemerkungen über die Yuppies, die in der Bar ein und aus gehen. Die treiben es nur unter sich. Das ist die Yuppie-Inzucht, deswegen sind die auch alle degeneriert und tragen die gleichen Klamotten. Das sind keine Menschen. Sie empfinden keine Liebe. (…) Man muss sie aufhalten, bevor es zu spät ist. Sie oder wir überleben! Das nimmt sich Edwin zu Herzen: Er betritt eine angesagte Bar in Manhattan und schießt sieben Gäste über den Haufen, bevor er sich selbst mit einem Kopfschuss richtet. Das beendet Jacks Karriere von jetzt auf gleich.

Der obdachlose Retter

Drei Jahre später vegetiert Jack depressiv und dem Alkohol ergeben vor sich hin. Ohne seine Freundin Anne (Mercedes Ruehl) wäre er wohl schon tot. Die Videothekenbesitzerin lässt ihn in ihrem Laden jobben und erträgt seine Launen. Eines Nachts, als er sich wieder einmal volllaufen gelassen hat und dem Selbstmord nah glaubt, bemerken ihn zwei gewalttätige Typen, die kurzerhand beschließen, Jack anzuzünden. Die Rettung naht in Gestalt von Parry (Robin Williams), einem gar wunderlichen Obdachlosen, der sich der Suche nach dem Heiligen Gral verschrieben hat und immer wieder Visionen eines bedrohlichen roten Ritters erleidet.

Was hältst du eigentlich von der Todesstrafe, alter Mann?

Tod ist auf alle Fälle ’ne Strafe. ’n Scheiß Geschenk isser jedenfalls nicht.

Solche Weisheiten bekommt Jack bei den Obdachlosen zu hören, zu denen Parry gehört. Als der Ex-Moderator am nächsten Morgen in einem rumpeligen Kellerraum erwacht, in welchem Parry haust, erzählt der ihm alsbald einen vom Pferd: Ich saß gerade auf dem Donnerbalken und hatte wieder einen äußerst befriedigenden Stuhlgang. Du weißt, einen der schon fast mystisch ist. Solche Dialoge durchziehen „König der Fischer“. Schon bald wird Jack erfahren, dass ihn etwas mit Parry verbindet (wir erfahren es frühzeitig, ich lasse es dennoch außen vor).

Amanda Plummer!

Auftritt Amanda Plummer! Sie ist die Lydia, eine linkische und missmutige Buchhalterin, die täglich einsam ihren ungeliebten Bürojob antritt und während ihrer Mittagspause aus der Ferne von Parry angehimmelt wird. Fürwahr keine Sympathin, und lange Zeit fragen wir uns, was der Gute wohl an ihr findet. Aber wo die Liebe nun mal hinfällt! Nach und nach erwärmt sich auch das Filmpublikum für die spröde Lydia, und das ist natürlich ein Verdienst von Amanda Plummer. Wenn Parry Lydia vor ihrer Haustür diese wunderschöne Liebeserklärung macht (irgendwie enthüllt er ihr natürlich, ein Stalker zu sein), verliebt man sich gleich ein wenig in sie mit.

Honey Bunny

Amanda Plummer verkörpert gern abseitige, etwas neben der Spur stehende Figuren. Wer erinnert sich nicht gern an Yolanda alias Honey Bunny in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ (1994)? Any of you fucking pricks move, and I’ll execute every motherfucking last one of you! Als Tochter der Schauspielerin Tammy Grimes („Rendezvous mit Leiche“) und des Schauspielers Christopher Plummer („Knives Out – Mord ist Familiensache“) debütierte die am 23. März 1957 in New York Geborene 1981 im Western „Zwei Mädchen und die Doolin-Bande“ an der Seite von Burt Lancaster, Rod Steiger, Diane Lane und Scott Glenn auf der großen Leinwand. Neun Jahre vor „König der Fischer“ spielte sie in „Garp und wie er die Welt sah“ (1982) bereits mit Robin Williams in einem Film zusammen. Für die ganz großen Preise ist ihre Rollenwahl vielleicht zu speziell. Jedenfalls hatte die Academy sie bislang noch nicht für einen Oscar auf dem Zettel, und ihre einzige Golden-Globe-Nominierung datiert von 1993 für ihre Nebenrolle in dem Fernsehfilm „Miss Rose White“. Dafür sprechen drei Primetime Emmys für drei unterschiedliche Rollen eine deutliche Sprache: 1992 für die erwähnte Nebenrolle in „Miss Rose White“, 1996 für einen Gastauftritt in „Outer Limits – Die unbekannte Dimension“ und 2005 für ihren Auftritt in der Krimiserie „Law & Order – Special Victims Unit“.

Im deutschen Independentfilm aktiv

Die Gute hat sogar ein Herz für den deutschen Independentfilm bewiesen. Okay, vielleicht auch nur für den deutschen Independentfilmer Linus de Paioli, in dessen Thrillern „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ (2011) und „A Young Man with High Potential“ (2018) sie tragende Nebenrollen übernahm. Am 23. März 2022 feiert Amanda Plummer ihren 65. Geburtstag. Kein Grund, in Rente zu gehen, meine Dame!

Ein famoses Quartett

Zurück zum „König der Fischer“: Amanda Plummer hier aufgrund ihres 65. hervorzuheben, ist das eine; dass sie in Terry Gilliams Tragikomödie Mitglied eines grandiosen vierköpfigen Ensembles ist, ist das andere. Zugegeben, der suizidale Zyniker mit der tiefen Schuld und der traumatisierte Gralsritter geben für Jeff Bridges und Robin Williams dankbare Rollen ab. Aber man muss sie auch erst mal derart intensiv ausfüllen, wie die beiden späteren Oscar-Preisträger (Bridges 2010 für „Crazy Heart“, Williams 1998 für „Good Will Hunting“) das gelingt. Im Falle von „König der Fischer“ wurden sie allerdings 1992 bei den Oscars von der Vierten im Bunde überflügelt: Mercedes Ruehl freute sich über den Academy Award als beste Nebendarsteller (Williams war immerhin als Hauptdarsteller nominiert, unterlag aber Anthony Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“). Ruehls Videothekenbesitzerin Anne ist zweifellos die Stärkste des Quartetts. Sie ist Geschäftsinhaberin und hält es mit einem versoffenen Stinkstiefel wie Jack aus, wobei man sich fragen darf, weshalb sie ihn nicht längst in den Wind geschossen hat und weshalb es sie überhaupt zu ihm hingezogen hat – kennengelernt haben sich die beiden offenbar erst, als er längst schon ein Wrack war. So oder so: Mercedes Ruehl ist hinreißend! Den Golden Globe hatte sie für ihre Rolle ebenfalls erhalten (Robin Williams übrigens auch). Wenn Jack Anne zwischenzeitlich den Laufpass gibt, weil er gerade mal wieder obenauf ist, leidet man mit ihr mit, und jeder Satz sitzt, den sie ihm sagt. Das ist Mercedes Ruehls Verdienst! Und wir nehmen es ihr auch ab, dass sie ihn später doch wieder zurücknimmt (man verzeihe mir den Spoiler). Bedauerlich, dass ihre Karriere im Anschluss nicht weiter Fahrt aufnahm. Immerhin ist sie bis heute gut beschäftigt, seit der Jahrtausendwende vornehmlich fürs US-Fernsehen.

Terry Gilliam dreht in den USA

Für Terry Gilliam lohnte es sich, für seine zweite Gralssuche nach „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975) erstmals in den USA zu drehen, und das auch noch für ein großes Studio, und erstmals das Drehbuch eines anderen zu verfilmen: In Venedig, wo „König der Fischer“ am 10. September 1991 seine Weltpremiere feierte, gewann er zwar nicht den Goldenen, aber immerhin den Silbernen Löwen, dazu den Kleinen Goldenen Löwen (wofür auch immer es diesen gibt). Mercedes Ruehl erhielt dort übrigens den Pasinetti Award als beste Darstellerin. Drei Tage später wurde Gilliam beim Toronto International Film Festival mit dem People’s Choice Award prämiert.

Schweift „König der Fischer“ ab?

Roger Ebert war im September 1991 nicht angetan: „The Fisher King“ sei ein desorganisierter, weitläufiger und exzentrischer Film, der einige Momente der Wahrhaftigkeit enthalte, einige Momente des Humors und viele Momente des Abschweifens. Ob der Kritikerguru der Chicago Sun Times seine Meinung bei späteren Sichtungen des Films revidierte, ist nicht überliefert (zumindest mir nicht bekannt). Mit dem Attribut exzentrisch liegt er immerhin richtig. Dass Terry Gilliam häufig abschweift, ist mir hingegen bei meinen diversen Sichtungen nicht aufgefallen. Die vielen überbordenden Ideen dienen vielmehr stets dem großen Ganzen. Das Ex-Monty-Python-Mitglied Gilliam verarbeitet in seinem märchenhaften Werk große Themen wie Schuld und Sühne, Liebe und Freundschaft und auch Auferstehung zu einem fantasievollen, lebensbejahenden Ganzen. Das Finale gleitet dann fast schon in Wohlfühlgefilde ab. Hm – irgendwie tut es das tatsächlich, aber wer will das Terry Gilliam verdenken? Wir haben es diesem Quartett die ganze Zeit gewünscht!

Anfortas und der Gralsritter

Der Filmtitel bezieht sich im Übrigen auf Anfortas, eine Sagengestalt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts entstandenen Versroman „Parzifal“ des Wolfram von Eschenbach. Anfortas ist in Buch fünf des Werks der Hüter der Gralsburg und wird Fischerkönig genannt, weil er fischen geht. Als Parzifal auf der Burg zu Gast ist, unterlässt er es, den siechen Anfortas nach seiner Verwundung zu fragen. Dies hätte den Burgherrn und sein Gefolge erlöst und Parzifal Ruhm und Ehre eingebracht. Parry erzählt Jack während eines nächtlichen Aufenthalts im Central Park eine Variation dieses Bestandteils der Gralslegende. Parry ist fürwahr Parzifal, der Erlöser von Jack, dem „König der Fischer“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Amanda Plummer und Mercedes Ruehl unter Schauspielerinnen, Filme mit Jeff Bridges und Robin Williams in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 13. Juni 2013 als Blu-ray, 11. November 2003 als DVD

Länge: 138 Min. (Blu-ray), 132 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Fisher King
USA 1991
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Richard LaGravenese
Besetzung: Robin Williams, Jeff Bridges, Mercedes Ruehl, Amanda Plummer, Tom Waits, Michael Jeter, Christian Clemenson, David Hyde Pierce, John de Lancie
Zusatzmaterial: Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Sony Pictures Entertainment
Label/Vertrieb DVD: Columbia/TriStar

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Doppel-Packshot: © 2013 Sony Pictures Entertainment

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln: Dystopische Neo-Noir-Abschlussarbeit

Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln

Von Volker Schönenberger

Zur Erinnerung an Ketel Weber

SF-Thriller // Er bricht in Berliner Apotheken ein, um Medikamente zu stehlen. In den dunklen Seitengassen und schäbigen Wohnungen von Neukölln behandelt er seine Patienten – die Abgehängten einer Gesellschaft der nahen Zukunft, die sich Arzt- oder gar Krankenhausbesuche nicht leisten können. Der kantige Hüne Dr. Ketel (Ketel Weber) ist der „Schatten von Neukölln“. Als Broterwerb dient ihm sein Job als Hausmeister des Appartementgebäudes, in welchem er in einer Kellerwohnung haust, doch er vernachlässigt seine Tätigkeit. Immerhin lernt er die hübsche Apothekerin Karo (Franziska Rummel) mit betörenden Gesangskünsten kennen, beginnt sogar eine Beziehung mit ihr.

Dr. Ketel – eine Art Berliner Robin-Hood-Mediziner?

Anlässlich meiner Rezension von „A Young Man with High Potential“ (2018) stieß ich auch auf die vorherige Regiearbeit von Linus de Paoli: „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“, seine 2011er-Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Freundlicherweise stellte mir der Filmemacher das dystopische SF-Drama zur Sichtung zur Verfügung.

Auftritt Amanda Plummer

Das in Schwarz-Weiß gedrehte Werk ist formal streng mittels Überschriften in drei Kapitel unterteilt: Auf „Ketel“ zu Beginn folgt „Louise“, in welchem Louise Llewellyn (Amanda Plummer) im Fokus steht. Die renommierte US-Profilerin ist eigens eingeflogen worden, um die Apotheken-Einbruchserie aufzuklären. Sie ist für ein multinationales Sicherheitsunternehmen tätig, da die Staatsgewalt derlei Aufgaben privatisiert hat. Dieses zweite Kapitel spielt sich nicht im Anschluss ans erste ab, sondern zur gleichen Zeit aus Louises Perspektive. Kapitel drei trägt folgerichtig den Titel „Ketel und Louise“.

Apothekerin Karo findet Gefallen an Ketel

Genre-Mischungen sind riskant, weil sie die Gefahr des Verzettelns bergen, aber sie sind auch reizvoll, weil das Sprengen von Genregrenzen zu etwas Neuem und Eigenständigem führen kann. So wie in diesem Fall. Wir haben Mystery-Elemente, dystopische Science-Fiction, dazu sozialdramatische Aspekte und eine Portion Neo-Noir. Das ist nicht immer ganz rund zusammengefügt, aber von Verzetteln kann keine Rede sein. So findet die zarte Romanze zwischen dem Apothekenräuber und der Apothekerin früh ein jähes Ende, um in der Folge komplett in Vergessenheit zu geraten (zumindest bei mir), um gegen Ende wieder zum Vorschein zu kommen. Ein erbrochener dunkler Klumpen weckt Ekel und die Frage, was er bedeutet, etwa auf metaphorischer Ebene.

Der düstere Arzt und die helle Profilerin

Innerhalb der Szenen spielt das Bild nicht allzu sehr mit dem Wechsel von Schatten und Licht, dennoch ergibt die Entscheidung fürs Schwarz-Weiß-Bild Sinn: In den auf Dr. Ketel fokussierten Szenen herrschen eher düstere Töne vor, während es bei Louise deutlich heller zugeht. Nicht umsonst haust er im Keller, während sie sich kurz nach ihrem Eintreffen sogleich in einem von Tageslicht durchfluteten Raum über den Dächern Berlins wiederfindet.

Profilerin Louise Llewellyn ermittelt

Gut gelöst ist der sprachliche Aspekt: Die deutschen Figuren sprechen untereinander deutsch, mit der US-Profilerin Louise sprechen sie allesamt ein Englisch, das bisweilen sehr deutsch klingt. Davon ausgehend, dass Deutsche in der Regel Englischunterricht genossen haben, in der englischen Aussprache aber ihre deutsche Herkunft nicht immer verbergen können, erscheint das realistisch. Amanda Plummers („Pulp Fiction“) Spiel wirkt natürlich souveräner als das der anderen, deutlich unerfahreneren Darstellerinnen und Darsteller. Insgesamt bietet die zierliche Schauspielerin aber einen reizvollen Kontrast zum sie an Körpergröße überragenden Ketel Weber. Eine ganze Weile bleibt es vage, was sie antreibt und worin Louises Rolle in der Gemengelage um Dr. Ketel besteht. Wenn sie und er im letzten Kapitel endlich miteinander interagieren (ein kurzes Aufeinandertreffen in den beiden Kapiteln zuvor zähle ich noch nicht dazu), wird „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ auch zum Psychogramm der Titelfigur und ihrer Ambitionen.

Vom Hauptdarsteller inspiriert

Wie mir Regisseur Linus de Paoli mitteilte, inspirierte Ketel Weber ihn und seine Frau Anna sogar zu der Geschichte: Der Hüne hatte eine Komparsenrolle im unbedingt sehenswerten Kurzfilm „The Boy Who Wouldn’t Kill“ (2009), der sich im Bonusmaterial der Blu-ray von „A Young Man with High Potential“ findet. Weber befand sich in einem Zustand und Zwiespalt, der sein Vorankommen als Schauspieler stark behinderte. Dies näher auszuführen, verbieten mir Respekt und der Wille zur Vermeidung von Spoilern. Jedenfalls begann Weber seine Laufbahn unter arg hemmenden Vorzeichen. Traurigerweise starb er 2019.

Für meinen Vater
Arzt in Neukölln von 1980 bis 2009

Mit dieser Widmung endet „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“. Sie gilt Stephan Wissmann, dem Vater von Anna de Paoli, der ebenfalls als Inspiration für „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ diente. Er konnte den Film noch zu Lebzeiten sehen, und ich bin überzeugt davon, dass er auf seine Tochter und seinen Schwiegersohn sehr stolz war. Zu Recht – den beiden ist im Team mit Aufgabenteilung (siehe unten) ein feines kleines SF-Drama mit Thrillerelementen gelungen, wahlweise auch ein SF-Thriller mit dramatischen Elementen.

Ein Klumpen gibt Ketel Rätsel auf

Weil es sich ebenfalls um ein deutsches Regiedebüt mit dystopischer Handlung aus demselben Jahr handelt, kam mir Tim Fehlbaums „Hell“ (2011) in den Sinn. Ein Vergleich bietet sich an, verbietet sich aber gleichzeitig, da Fehlbaums Regiearbeit dank eines gewissen Roland Emmerich als Executive Producer mit weitaus mehr Production Values aufwartet. Sehr gut gefallen haben mir beide.

Stephan Wissmann und Ketel Weber mögen in Frieden ruhen.

Der Schatten von Neukölln

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Amanda Plummer haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Veröffentlichung: 23. Mai 2014 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch/Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch
Originaltitel: Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln
D 2011
Drehbuch, Regie & Schnitt: Linus de Paoli
Drehbuch, Produktion & Casting: Anna de Paoli
Besetzung: Ketel Weber, Amanda Plummer, Burak Yigit, Pit Bukowski, Franziska Rummel, Lou Castel, Sema Poyraz, Hermann Beyer, Till Kleinert, Waléra Kanischtscheff, Jörg Bundschuh, Sabine Winterfeldt
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Anna und Linus de Paoli, Making-of, Trailer
Label: GM Films
Vertrieb: Indigo

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Plakat: © 2011 Schattenkante, Packshot: © 2014 GM Films / Indigo

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

A Young Man with High Potential – Die Schöne und der Informatik-Nerd

A Young Man with High Potential

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Verdammt! Gleich zu Anfang stehe ich vor der Problematik: Welche Tonspur? Dachte ich doch, die deutsche Tonspur sei automatisch erste Wahl, da es sich um einen deutschen Film eines deutschen Regisseurs handelt. Aber dann berichtet Regisseur Linus de Paoli in einer kurzen Einführung vor Filmstart, es sei ihm wichtig gewesen, auch bei dieser Synchronfassung Regie zu führen (er meint die Dialogregie). Die englische Tonspur ist also die Originalfassung! Okay … Das passt natürlich auch zum englischen Titel des Films, aber wer ahnt denn sowas? Positiv schon mal, dass beide Sprachfassungen sowohl in 2.0- als auch in 5.1-Abmischung vorliegen. Nicht selbstverständlich, nicht nur ein Heimkino-Publikum mit Surround-Anlage zu berücksichtigen, sondern auch Filmgucker, die lediglich über Stereoton verfügen (noch dazu den suboptimalen aus dem Flachbildfernseher, so wie ich derzeit, hüstel).

Der geniale Eigenbrötler

Aber ich schweife ab. „A Young Man with High Potential“ – das ist der Informatikstudent Piet Carnell (Adam Ild Rohweder). Dem Superschlauen erzählt sogar sein Professor: Unter uns: Ich hab’ bisher nicht viele Studenten getroffen mit solch hohem Potenzial. Mit Bits und Bytes macht ihm niemand etwas vor, dafür hapert es im Zwischenmenschlichen: Piet ist ein linkischer Eigenbrötler, der in sozialer und emotionaler Hinsicht Nachholbedarf hat. Ich fühl mich einfach nicht so wohl unter Leuten. So äußert er es einmal selbst. Vor der Uni fängt ihn die mysteriöse Ketura Stantz (Amanda Plummer) ab. Sie arbeite für die Familie seiner Kommilitonin Klara Koslowski (Paulina Galazka), die Piet als vermisst gemeldet habe und die offenbar bald darauf tot aufgefunden wurde.

Piet Carnell hat Bildschirme lieber als Menschen

Schnitt und Zeitsprung zurück: Piet schwärmt heimlich für seine neue Kommilitonin Klara. So heimlich, dass er sich ein Foto der jungen Polin auf der Uni-Webseite herunterlädt, um sich bei dem Anblick einen runterzuholen. Dafür wimmelt er sie ab, als sie ihn bittet, für ein Studienprojekt ihr Partner zu sein; nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass es doch dazu kommt. Zwischen beiden entwickelt sich eine Freundschaft zweier völlig unterschiedlicher Menschen. Piet überinterpretiert dies …

Sex nur online

Ich bin zwiegespalten, was Piet angeht: Einerseits finde ich ihn gerade anfangs recht schablonenhaft gezeichnet. Allein schon das Setting des Informatikstudiums wirkt sehr darauf zugeschnitten, ihn als sozial schwachen Nerd zu zeichnen, da Informatikern dieser Ruf nun mal vorauseilt – inhaltlich spielen sein Studienfach und sein Superhirn jedenfalls kaum eine Rolle. Sexuelle Erfüllung – wenn man es denn so nennen will – findet er einzig im Internet, ist Stammkunde bei der Online-Dienstleisterin Kylie (Laurence Roothooft). Andererseits war es mir in etlichen Szenen unangenehm, ihm zuzuschauen – und das ist positiv gemeint: Wenn ich eine Mischung aus Mitgefühl und Belächeln entwickle und auch bei vermeintlichen Harmlosigkeiten mehrmals das Gesicht verziehen muss, machen die Figur und der Schauspieler bei aller Eindimensionalität einiges richtig. Und es bleibt ja nicht bei den Harmlosigkeiten, doch was da nach und nach geschieht, kommt überraschend – und heftig. In der ersten halben Stunde dachte ich noch, vom von mir ursprünglich vorgesehenen Genre Horrorthriller zu Psychothriller zu wechseln, doch irgendwann beschloss ich, es bei Horrorthriller zu belassen. Ganz glücklich bin ich damit immer noch nicht, bin auch unsicher, ob ich es gut oder schlecht finden soll, dass „A Young Man with High Potential“ hier unentschlossen bleibt. Angesichts einiger Spitzen erscheint mir die FSK-18-Freigabe des ungeschnitten veröffentlichten Films gerechtfertigt.

Ketura Stantz fühlt ihm auf den Zahn

In der Rolle von Klara bildet die aparte polnische Schauspielerin Paulina Galazka („Operation Arsenal – Schlacht um Warschau“) einen passenden Gegenpol zum dänischen Piet-Darsteller Adam Ild Rohweder („Holiday“). Unbekümmert baut sie Nähe zu ihm auf, ohne zu merken, dass er ihr gern noch näher kommen würde. Das entwickelt sich glaubwürdig. Interessant ist Piets Wechsel in die virtuelle Realität von Online-Bekanntschaften – bei Kylie holt er sich im Videochat sogar Rat fürs reale Leben. Ein Kommentar über die Realitätsflucht vieler Menschen ins Internet?

Mit dem Hauptdarsteller aus „Der Bunker“

Erwähnt sei auch Nebendarsteller Pit Bukowski, der als Piets letztlich wenig bedeutsamer Kumpel Alex allerdings unter Wert eingesetzt wird. Im grotesken deutschen Horrordrama „Der Bunker“ hatte Bukowski 2015 gezeigt, dass er zu weit mehr fähig ist. Produktionsdesign und Ausstattung von „A Young Man with High Potential“ bringen Kühle in die Atmosphäre – das passt. Bei der Bauer University, die Piet und Klara in einem nicht genannten europäischen Land besuchen, handelt es sich offenbar um eine gut ausgestattete Privathochschule, die ihren Studentinnen und Studenten attraktive Wohnheime bietet. Die Räumlichkeiten sind vornehmlich in kühlem Grau gehalten, Uni und Wohnheim wirken fast steril. Vielleicht ein guter Kontrast zu einem späteren Ereignis, auf das ich aber nicht weiter eingehen will, um nicht zu spoilern. Ebenfalls nicht näher erläutern will ich eine kleine Logiklücke kriminaltechnischer Art, die sich in dem Kontext meines Erachtens auftut, weil ich damit auch zu viel verraten würde. Es ist aber auch kein Riesenkrater von Logikloch, da leisten sich andere Genrefilme größere Klopper.

Mit Klara raucht er sogar mal einen Joint

Die als Klammer dienende Begegnung zwischen Piet und Ketura Stantz hätte es meines Erachtens für die Haupthandlung nicht unbedingt gebraucht, allerdings führt sie am Ende zu einem Dialog auf Messers Schneide – ein feiner Ausklang, der „A Young Man with High Potential“ spürbar aufwertet. Und Amanda Plummer sehe ich sowieso immer wieder gern – als Lydia in „König der Fischer“ (1991) und Honey Bunny in „Pulp Fiction“ (1994) hat sie legendäre Auftritte hingelegt. Wie es kam, dass ein junger Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin für seine ersten beiden Langfilme eine Schauspielerin besetzen kann, die mit Terry Gilliam und Quentin Tarantino gearbeitet hat, berichtet Regisseur und Drehbuchautor Linus de Paoli im Booklet der Blu-ray von „A Young Man with High Potential“. Eine sehr charmante Geschichte. Offen bleibt allerdings, wie einem ein schillernder Name wie Ketura Stantz in den Sinn kommen kann. Plummer hatte bereits in seinem dystopischen Langfilm-Regiedebüt „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ (2011) einen Auftritt. Dass zwischen dem und Linus de Paolis nächster Regiearbeit so lange Zeit vergeht, liegt zum einen daran, dass die de Paolis Nachwuchs bekamen, wie mir Linus auf Nachfrage berichtete; zum anderen produzierten die Eheleute in der Zwischenzeit den Horrorthriller „Der Samurai“ mit Pit Bukowski in der Titelrolle. Mit dessen Regisseur und Drehbuchautor Till Kleinert sind die de Paolis gut befreundet. Die drei haben zusammen das Filmemacher-Kollektiv Schattenkante gegründet.

Wertige Veröffentlichung von Forgotten Film Entertainment

Die Erwähnung des Booklets bringt mich zur Veröffentlichung der Blu-ray durch das vergleichsweise junge Label Forgotten Film Entertainment. Eine wertige Edition: Die Disc befindet sich in einem Amaray-Case in den Maßen, wie sie an sich für DVDs üblich sind, obendrein findet sich darin auch eine CD mit dem Soundtrack. Das Ganze steckt in einem stabilen Schuber mit abnehmbarem Deckblatt, damit der Schuber ohne FSK-Logo auskommt. Sogar das Amaray-Case hat ein Wendecover, Verächter des „FSK-Flatschens“ können frohlocken. Das 32-seitige Booklet enthält alle Texte in deutscher und englischer Sprache und ist so ausführlich wie lesenswert: Es beginnt mit einem Grußwort von Linus de Paoli, gefolgt von einer von ihm selbst verfassten Kurzbiografie und einer ebensolchen von Anna de Paoli, Linus’ Ehefrau, die am Drehbuch mitwirkte und „A Young Man with High Potential“ mitproduzierte. Auf Produktionsnotizen folgen eine Biografie des Hauptdarstellers Adam Ild Roweder und ein Interview mit ihm, dazu ein Ausschnitt der Filmografie von Hauptdarstellerin Paulina Galazka und ein Interview mit ihr. Im Anschluss an den erwähnten Bericht des Regisseurs über Amanda Plummer beschließt ein Text von Susanne Heinrich über den Film das üppige Booklet.

Doch als er ihr näherkommen will, weist sie ihn ab

Das Zusatzmaterial auf der Disc hält das Niveau. Die Eheleute de Paoli haben eigens einen Audiokommentar eingesprochen. Außer einem Featurette über den Schnitt gibt es drei Interviews, diverse Trailer und eine Bildergalerie. Highlight des Bonusmaterials für mich: Linus de Paolis zweiter Kurzfilm „The Boy Who Wouldn’t Kill“ von 2009, eine Geschichte über eine Familie, die in einer postapokalyptischen Ödnis auf einer Hühnerfarm lebt. Ein raues Werk, aber unbedingt sehenswert, mit interessanter Farbdramaturgie (Stichwort rote Nacht). Sogar ein wenig „Mad Max“-Feeling kommt auf.

Das Potenzial des Filmemachers

Insgesamt eine vorbildliche Edition, mit dem Label Forgotten Film Entertainment ist zu rechnen, wünschen wir ihm gutes Gelingen mit kommenden Projekten. Zum Film und dem Regisseur ist abschließend zu sagen – und man verzeihe mir, dass ich diese billige Steilvorlage aufgreife: Die Einschätzung „A Young Man with High Potential“ gilt auch für Linus de Paoli, auch wenn er das Potenzial seines Films diesmal noch nicht ausreizt. Derzeit arbeitet er an seinem nächsten Projekt „Beauty“, einer deutsch-südkoreanischen Koproduktion um einen Beauty-Blogger. Aufgrund von Corona hat es sich natürlich verzögert. Linus hofft, dass es in diesem Sommer vorangeht. Der Regisseur hat mir auch einen inhaltlichen Ausblick gegeben, aber da sich an der Handlung geplanter Filme immer etwas ändern kann, spare ich mir die Nacherzählung. Linus kündigte mir jedenfalls „Body horror for the digital generation“ an. Es bleibt spannend.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Amanda Plummer haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Ein junger Mann mit hohem Potenzial?

Veröffentlichung: 19. März 2021 als 2-Disc Special Edition (Blu-ray & Soundtrack-CD)

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Koreanisch
Originaltitel: A Young Man with High Potential
D 2018
Regie: Linus de Paoli
Drehbuch: Linus de Paoli, Anna de Paoli (ohne Credits)
Besetzung: Adam Ild Rohweder, Paulina Galazka, Pit Bukowski, Amanda Plummer, Vania Bajdarova, Laurence Roothooft, Prodromos Antoniadis, Sheraz Khan
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Linus & Anna de Paoli, Kurzfilm „The Boy Who Wouldn’t Kill“ (24:14 Min., Tonformat: Deutsch, Untertitel: Englisch, Französisch, Spanisch), Featurette „Let the Material Speak“ (20:48 Min., Deutsch/Englisch), Porträt „The Art of Linus de Paoli“ (39:29 Min., Deutsch), Interviews vom Frightfest 2018 (5:17 Min.) & FF Straßburg (13:31 Min.), Original Motion Picture Soundtrack (43:22 Min.), 32-seitiges Booklet mit Kommentar von Autor und Regisseur Linus de Paoli, Filmografien, Interview mit Paulina Galazka und einem Text von Susanne Heinrich, Schuber
Label/Vertrieb: Forgotten Film Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot & Trailer: © 2021 Forgotten Film Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: