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Schlagwort-Archive: Amerikanischer Bürgerkrieg

Don Siegel (VII) / Clint Eastwood (XVIII): Betrogen – Greift auch zum Original!

The Beguiled

Von Simon Kyprianou

Kriegsdrama // Während des Amerikanischen Bürgerkriegs rettet die kleine Amelia (Pamelyn Ferdin) den schwer verwundeten Nordstaaten-Soldat John McBurney (Clint Eastwood) vor dem Feind. Die beiden kauern im Unterholz, als ein Südstaaten-Trupp durch den Wald streift. Er fragt sie nach ihrem Alter, sie erwidert, sie sei zwölf Jahre alt. „Old enough for a kiss“ meint McBurney und küsst sie. So führt Don Siegel seinen Protagonisten ein, wobei Protagonist vielleicht das falsche Wort ist. „Betrogen“ ist ein Ensemblefilm und keineswegs streng fokussiert auf Eastwoods Figur oder aus seiner Perspektive heraus erzählt.

Erotische Eifersucht in Zeiten des Krieges

Amelia bringt den verletzten McBurney zu einer abgelegenen Mädchenschule, geleitet von Martha Farnsworth (Geraldine Page). Zuerst will man ihn dort nur notdürftig verarzten und dann den Truppen übergeben. Dann aber beschließen die Frauen, ihn doch länger zu beherbergen. Was Siegel in der Folge inszeniert, ist sozusagen die Weiterführung des Krieges auf engstem Raum, losgelöst vom ideologischen Konflikt des Bürgerkriegs, fußend auf erotischer Eifersucht und Misstrauen. Dabei gibt es eigentlich keine wirklich positiv besetzte Figur – die Frauen verfallen McBurney, McBurney verfällt den Frauen.

Schamlosigkeit allerorten

Seiner Lust kann in „Betrogen“ niemand standhalten: Schamlos belügt McBurney die Schulleiterin über seine Vergangenheit und – schlimmer noch – auch die Lehrerin Edwina (Elizabeth Hartman), die ihn ihn verliebt ist. Aber die Lehrerinnen und Schülerinnen betrügen sich auch untereinander, zergehen sich in gegenseitiger Eifersucht, weigern sich, auf dem Feld zu arbeiten – das sei „Nigger Work“ –, und verschleiern ihre Sünden aus der Vergangenheit. Es scheint, als wolle Siegel erzählen, dass der Bürgerkrieg überallhin durchdringt, dass sich niemand dem Konflikt entziehen kann, nicht einmal in einem scheinbar völlig von der Welt abgeschirmten Ort wie der Mädchenschule. Die verschiedenen Seiten des Sezessionskriegs spielen ohnehin keine Rolle, die Bewohnerinnen der Schule haben vor den eigenen Südstaaten-Soldaten ebenso Angst wie vor den feindlichen Nordstaatlern.

Musik von Lalo Schifrin

Erzählt der Regisseur seine Filme gewöhnlich kompakt und ökonomisch, lässt sich Siegel bei „Betrogen“ lange treiben, in der schwülen Hitze und den unter der Oberfläche schwelenden Konflikten innerhalb des Internats. Er verwendet Lalo Schifrins teilweise düster verträumte Musik subtil, die größten Schocks des Films vollziehen sich in kompletter Stille. „Betrogen“ ist sicher einer von Siegels elegantesten und bestinszenierten Filmen.

Sofia Coppolas Remake „Die Verführten“ mit Colin Farrell und Nicole Kidman sollte Anlass genug sein, auch das Original zu sichten. Greift dafür aber besser zur Blu-ray – die Bildqualität der DVD ist grauenvoll.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Clint Eastwood und/oder Don Siegel sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden – auch Eastwoods Schauspielarbeiten.

Veröffentlichung: 21. Mai 2015 als Blu-ray, 18. Oktober 2007 als DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Beguiled
USA 1971
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Albert Maltz, Irene Kamp, nach dem Roman „The Painted Devil“ von Thomas P. Cullinan
Besetzung: Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartman, Jo Ann Harris, Darleen Carr, Mae Mercer
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2015 Universal Pictures Germany GmbH

 

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Free State of Jones – Unbekanntes Kapitel des Amerikanischen Bürgerkriegs

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Free State of Jones

Von Andreas Eckenfels

Historien-Kriegsdrama // Ende November gab das „Forbes“-Magazin die zehn größten finanziellen Kinoflops des Jahres bekannt. Noch vor „Snowden“, „Ratchet & Clank“ und „Stolz und Vorurteil & Zombies“ landete „Free State of Jones“ mit Matthew McConaughey auf Platz zwei der Liste.

Bei einem Produktionsbudget von 50 Millionen US-Dollar spielte das Bürgerkriegsdrama weltweit gerade mal 23,2 Millionen US-Dollar ein. Auch Oscar-Preisträger sind eben nicht vor Flops gefeit. Aber die Tatsache, dass niemand den Film im Kino sehen wollte, muss das ja noch lange nichts über dessen Qualität aussagen, oder?

Rebellion gegen die Konföderation

1862 tobt der Amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865). Farmer Newton Knight (Matthew McConaughey) aus Jones County, Mississippi, ist als Sanitätssoldat für die Südstaaten an der Front im Einsatz. Als sein Neffe Daniel (Jacob Lofland) fällt, beschließt Knight zu desertierten. Er bringt die Leiche des Jungen nach Hause und kehrt zu seiner Frau Serena (Keri Russell) zurück.

MATTHEW McCONAUGHEY stars in THE FREE STATE OF JONES

Newton Knight (l.) und sein Neffe Daniel kämpfen auf der Seite der Konföderationsstaaten

Dort erfährt Knight, dass die Vertreter der Konföderierten hohe Abgaben von der Landbevölkerung fordern, um ihre Truppen zu unterstützen. Gleichzeitig hat die Südstaaten-Regierung als Reaktion auf Abraham Lincolns Emanzipations-Proklamation das sogenannte Zwanzig-Neger-Gesetz erlassen. Dieses Gesetz stellt einen männlichen Weißen pro zwanzig Sklaven vom Wehrdienst frei. So wurden die reichen Großgrundbesitzer geschützt. Ihre Sklaven konnten weiterhin die kostbare Baumwolle ernten und blieben ebenso unter der Kontrolle ihrer Eigentümer, falls sie es wagen sollten, aufmüpfig zu werden.

Die Utopie eines Staates der Gleichberechtigung

Der Unmut bei Knight kennt nun keine Grenzen. Der Deserteur beginnt, sich gegen die Obrigkeit zur Wehr zu setzen. Was als kleine Rebellion in den Sümpfen von Mississippi beginnt, wächst zu einer ganzen Bewegung zusammen, der sich nach und nach immer mehr geflüchtete Schwarze und desillusionierte Weiße anschließen. Newton und seinen Männern gelingt es, die Konföderierten aus Jones County zu vertreiben. Schließlich ruft er den unabhängigen Staat „Free State of Jones“ aus, indem die Menschen gleichberechtigt und friedlich miteinander leben sollen – egal welche Hautfarbe sie haben.

In a barn with the freedmen, Newt (Matthew McConaughey tells Moses (Mahershala Ali) there's a new president now.

Deserteur Newton bereitet mit Moses (l.) und anderen Verbündeten eine Rebellion vor

„Fackeln im Sturm“ (1985/86), „Glory“ (1989) oder „Gettysburg“ (1993): Nach der umfangreichen Aufarbeitung des Sezessionskrieges durch die Historiker haben sich auch zahlreiche Filmemacher an dem Thema abgearbeitet. Doch tatsächlich gelingt es Regisseur Gary Ross („Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“), mit der Geschichte von Newton Knight ein bislang unbekanntes Kapitel des Amerikanischen Bürgerkriegs zu erzählen.

Fast wie Robin Hood

Nach einigen Schlachtenszenen zu Beginn wird das Geschehen größtenteils nach Mississippi verlagert, wo Knight seinen eigenen Krieg für die Unterdrückten führt. Wenn er und seine Anhänger sich in den Sümpfen verstecken, um vor möglichen Angriffen durch die Kavallerie geschützt zu sein, und dann den Konföderierten-Truppen am Weg auflauern, muss man unweigerlich an Robin Hood denken. Doch Lagerfeuerromantik kommt keine auf. Dafür ist das Thema auch viel zu ernst.

At a millpond, Barbour (Bill Tangradi) and McLemore (Thomas Francis Murphy) and their soldiers wait for the rebels to surrender.

Vor der zahlen- und ausstattungsmäßigen Überlegenheit der Konföderiations-Soldaten …

Unter anderem basierend auf dem Sachbuch „The State of Jones“ von Sally Jenkins und John Stauffer wird die historische Begebenheit von Ross spannend, authentisch und faktenreich aufgearbeitet. McConaughey liefert als Freiheitsheld mit Backenbart dabei eine gewohnt überzeugende Vorstellung ab. Sehr emotional ist das Spiel von Mahershala Ali („House of Cards“) als Moses Washington, der noch ein beängstigend großes, eisernes Sklavenhalsband trägt, als Knight ihn erstmals trifft.

Sprung in die Zukunft

Ross beschränkt sich nicht darauf, Knight vorzustellen. Er packt auch zahlreiche Randerscheinungen der Zeit und die Nachwirkungen von Knights Schaffen mit in die Geschichte hinein – was das Drehbuch unnötig überfrachtet. Das geht sogar so weit, dass die Haupthandlung immer wieder kurzzeitig in die Zukunft springt: Knight hatte mit der Afro-Amerikanerin Rachel (Gugu Mbatha-Raw) Kinder. Rachels Urenkel Davis Knight wurde Ende der 1940er-Jahre nach seiner Heirat mit einer weißen Frau wegen „Rassenmischung“ angeklagt – weil er wenigstens zu einem Achtel Schwarzer sei. Die Gerichtsverhandlung würde sicherlich genügend Stoff für einen eigenen Film bieten.

Zu viel Stoff, zu wenig Zeit

Auch die Phase der „Reconstruction“, die die Übergangsperiode nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs bis 1877 bezeichnet, hat viele spannende Geschichten zu bieten, die Ross trotz der mehr als zweistündigen Laufzeit nur andeuten kann.

Newt (Matthew McConaughey) and his men (Sean Bridgers, left, Artrial Clark, right) in a gun battle on the main street in downtown Ellisville

… lassen sich Newton und seine Männer nicht abschrecken

So zerfällt das Historiendrama in der zweiten Hälfte zunehmend in Einzelepisoden, die teilweise auch durch statische Bilder mit Texttafeln zur Einordnung eingeleitet werden. Da Ross dabei auch inszenatorisch nicht mehr viel Neues einfällt, wirkt alles etwas wie Kapitel in einem Schulbuch, die der Filmemacher abarbeitet. Dennoch: Wer historisch interessiert ist, erhält mit „Free State of Jones“ einen eindringlichen und ungewöhnlichen Blick auf den Amerikanischen Bürgerkrieg und lernt eine Persönlichkeit kennen, die weit entfernt von den bekannten Schlachtfeldern eigene Kämpfe für mehr Menschlichkeit ausgefochten hat.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Mahershala Ali und Matthew McConaughey sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Seated on Newt & Rachel's porch, when Rachel's (Gugu Mbatha-Raw) wheel jams, Serena (Keri Russell) offers to hold the baby so Rachel can fix the wheel.

Newtons Ehefrau Serena (l.) und seine spätere Geliebte Rachel

Veröffentlichung: 10. November 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 140 Min. (Blu-ray), 134 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Free State of Jones
USA 2016
Regie: Gary Ross
Drehbuch: Gary Ross, Leonard Hartman
Besetzung: Matthew McConaughey, Mahershala Ali, Keri Russell, Gugu Mbatha-Raw, Christopher Berry, Sean Bridgers, Jacob Lofland, Thomas Francis Murphy
Zusatzmaterial: Interviews, Wendecover
Vertrieb: EuroVideo Medien

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 EuroVideo Medien

 
 

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Armee der Zombies – Untot im Amerikanischen Bürgerkrieg

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Grey Knight

Horror // Rätselhaftes Massaker während des Amerikanischen Bürgerkriegs: In den Bergen von Tennessee entdecken Unionstruppen 1863 niedergemetzelte und gekreuzigte Soldaten. Colonel George Thalman (Ray Wise) beauftragt seinen Captain John Harling (Adrian Pasdar), die Vorkommnisse zu ergründen. Harling holt den kriegsgefangenen Südstaatenoffizier Colonel Nehemiah Strayn (Corbin Bernsen) aus seiner Zelle und begibt sich mit ihm und Thalman ins Kriegsgebiet. Die Soldaten entdecken ein furchtbares Geheimnis: Angehörige von Strayns ein Jahr zuvor aufgeriebenem Südstaaten-Regiment sind als Untote zurückgekehrt und haben sich zu einer Zombie-Armee formiert.

Zombies mit weißen Streifen im Gesicht

Einen sehr sonderbaren Zombiefilm hat uns George Hickenlooper („Factory Girl“) da kredenzt. Der Regisseur mit dem klangvollen Namen zeigt sprechende Untote, die sich weiße Streifen ins Gesicht gemalt haben – warum auch immer, vielleicht Teil eines Voodoo-Rituals. Ihre Absichten sind unklar, vielleicht wollen sie nur spielen, Verzeihung: marodieren.

Damit der Zuschauer stets im Bilde bleibt, wendet sich ab und zu Adrian Pasdars Figur als Stimme aus dem Off erläuternd ans Publikum. Die visuelle Anmutung wirkt billig, wie ein zügig heruntergekurbelter Fernsehfilm der 90er-Jahre. Der Gore-Gehalt hält sich in Grenzen, dafür gibt’s weitere Prominenz: Martin Sheen („Apocalypse Now“) hat einen entbehrlichen Auftritt von wenigen Minuten als blasierter Nordstaaten-General. Auch Billy Bob Thornton („Der Richter – Recht oder Ehre“) ist zu sehen. Angeblich ist auch „Friends“-Star Matt LeBlanc dabei, ich hab’ ihn aber nicht entdeckt.

Bereits als „The Killing Box“ bei uns veröffentlicht

Erstmals hat Koch Media den Film 2004 unter dem Titel „The Killing Box“ bei uns veröffentlicht, die DVD ist vergriffen und sogar einigermaßen gesucht. Nun hat KNM Home Entertainment ihn neu lizenziert und unter dem Titel „Armee der Zombies“ auf den Markt geworfen – zwar nicht auf Blu-ray, aber DVD reicht auch völlig aus.

Im Bonusmaterial findet sich eine zehn Minuten längere Alternativfassung. Augenfällige Unterschiede sind das Fehlen einer Texttafel-Erläuterung zu Beginn des Films sowie ein modifizierter Vorspann mit alten Fotos versehrter Bürgerkriegs-Veteranen – ein recht stimmungsvoller Einstieg in den Film. Ob zusätzliche Szenen die Langfassung voranbringen, kann ich nicht abschließend bewerten – der Film war zu schlecht, als dass ich mir beide Versionen hätte ansehen wollen. Ob jemand auf diese Wiederveröffentlichung gewartet hat?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ray Wise sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 18. Juni 2015 als DVD

Länge: 79 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Grey Knight
Alternativtitel: The Killing Box / Ghost Brigade
USA 1993
Regie: George Hickenlooper
Drehbuch: Matt Greenberg
Besetzung: Corbin Bernsen, Adrian Pasdar, Ray Wise, Billy Bob Thornton, Martin Sheen, Dean Cameron, Cynda Williams, David Arquette, Alexis Arquette, Matt LeBlanc, A. J. Langer, Jefferson Mays, Roger Wilson
Zusatzmaterial: Alternative Filmfassung (89 Min., Englisch), englischer Audiokommentar, Behind the Scenes, Trailer, Wendecover
Vertrieb: KNM Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 
 

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