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Es – Kapitel 2: Pennywise wütet wieder

It – Chapter Two

Kinostart: 5. September 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Trauen die Verantwortlichen von Warner ihrem eigenen Werk nicht? Anfangs galt für uns Besucherinnen und Besucher der deutschen Pressevorführungen von „Es – Kapitel 2“ ein sogenanntes Embargo bis einschließlich 29. August. Mit der Teilnahme an einer Pressevorführung erklärten wir uns demnach damit einverstanden, unsere Filmkritiken erst nach dem Datum zu veröffentlichen. Als sei das nicht genug, verlängerte Warner das Embargo am 28. August sogar bis Dienstag, 3. September, 18 Uhr. Der Gedanke liegt nahe, dass der Verleih fürchtet, zu viele kritische Rezensionen könnten den Publikumszuspruch am wichtigen Startwochenende verringern. Am Rande bemerkt: Ich habe keine Ahnung, ob die Missachtung eines solchen Embargos durch einen Rezensenten justiziabel wäre, aber er liefe natürlich mindestens Gefahr, aus dem Verteiler der zuständigen Agentur gestrichen und künftig nicht mehr zu Warner-Pressevorführungen eingeladen zu werden. Und wenn ich schon eingeladen werde, gratis die neuesten Filme zu schauen, bricht mir kein Zacken aus der Krone, mich ein paar Vorgaben zu unterwerfen. Ohne das verlängerte Embargo hätte ich diesen Text am Montag vor Kinostart veröffentlicht, nun ist es der Dienstagabend geworden, davon hängt das Wohl oder Wehe von „Die Nacht der lebenden Texte“ sicher nicht ab.

Kann Teil 2 den Vorgänger an den Kinokassen toppen?

So oder so gibt der Erfolg des Vorgängers jedenfalls keinen Anlass zu Befürchtungen, gelang es „Es“ 2017 doch fast aus dem Stand, mit einem weltweiten Einspielergebnis von mehr als 700 Millionen US-Dollar zum erfolgreichsten Horrorfilm an den Kinokassen überhaupt zu werden. Respektabel vor allem angesichts des vergleichsweise schmalen Budgets von 35 Millionen Dollar. Ob Teil 2 nennenswert mehr gekostet hat, habe ich noch nicht herausgefunden, aber da bereits fürs Startwochenende Einnahmen von mehr als 100 Millionen Dollar prognostiziert werden, ist wohl nicht zu befürchten, dass die Fortsetzung floppt.

Nach 27 Jahren wieder vereint

Aufgrund des Prologs werden einige Kinogänger den Produzenten von „Es – Kapitel 2“ wohl vorwerfen, zwanghaft Diversität im Film untergebracht zu haben. Lernen wir doch zu Beginn ein schwules Paar kennen, das am Rande einer Kirmes in Derry (Maine) auf eine Gruppe homophober Halbstarker trifft. Die Konfrontation ruft alsbald den Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auf den Plan. Ein gelungener Auftakt, auch wenn es etwas klischeehaft wirkt, dass junge Provinzler etwas gegen Schwule in ihrer Hood haben. Das Szenario stammt aber aus der Vorlage und wirkt nun mal nicht aus der Welt gegriffen – Klischees greifen ja oft reale Szenarien auf. Zwanghaft wirkt das hier keinesfalls, vielmehr bieten die Homosexualität des Paars und die feindselige Haltung ihrer Kontrahenten Gelegenheit, auf schlüssige Weise eine frühe Eskalation herbeizuführen.

Rückkehr nach Derry nach 27 Jahren

Wir befinden uns 27 Jahre nach den Ereignissen des Ende der 1980er-Jahre angesiedelten ersten Kapitels. Mike Hanlon (Isaiah Mustafa) ist als einziges Mitglied des „Clubs der Verlierer“ in Derry geblieben – er arbeitet als Bibliothekar. Weil erneut Kinder und junge Leute verschwinden, vermutet er völlig zu Recht, dass das Böse in Gestalt von Pennywise erwacht ist und wieder sein Unheil treibt. Also greift Mike zum Telefon und ruft nach und nach seine ehemaligen Freunde Bill (James McAvoy), Eddie (James Ransone), Stanley (Andy Bean), Richie (Bill Hader) und Ben (Jay Ryan) sowie Beverly (Jessica Chastain) an und erinnert sie an den Schwur, den sie einst mit Blut geleistet haben: Falls das Böse zurückkehrt, werden sie sich ihm noch einmal gemeinsam entgegenstellen. Alle sagen zu, ihrem Eid Folge zu leisten, wenn auch bei dem einen oder anderen das Zähneknirschen deutlich zu vernehmen ist.

Der Club der Verlierer ist erwachsen geworden

Da alle Mitglieder des Clubs der Verlierer zu ihrem Recht kommen und gebührend ausgeleuchtet werden, geht die Länge von gut zweidreiviertel Stunden völlig in Ordnung, und es kommt bei all den Hintergründen in meinen Augen nicht zu Längen. Regisseur Andy Muschietti zollt in „Es – Kapitel 2“ nun auch Stephen Kings Erzählstruktur des Romans seinen Respekt, indem er ein paar Rückblenden zum Geschehen des Vorgängers einbaut – neue Szenen, die wir seinerzeit nicht zu sehen bekommen haben. Im Roman hat King die beiden Zeitleisten Kindheit und Erwachsenenalter ja parallel ablaufen lassen, damit hatte Teil 1 völlig gebrochen, indem er sich ausschließlich auf den Kindheits-Erzählstrang stürzte.

Starpower mit Jessica Chastain und James McAvoy

Mit dem Auftreten unserer Helden inklusive einer Heldin sind nun auch positiv besetzte Erwachsenenfiguren zu bemerken – daran mangelte es dem Vorgänger ja komplett, wohl nicht von ungefähr. Dank Jessica Chastain („Interstellar“) und James McAvoy („X-Men“-Reihe), die bereits bei „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ (2013/2014) und „X-Men – Dark Phoenix“ (2019) gemeinsam vor der Kamera standen, bietet die Besetzung große Starpower auf. An der Schauspielkunst gibt es demnach auch nichts zu mäkeln. Als Szenendieb erweist sich ab und zu Bill Hader, der als Komiker unter anderem bei „Saturday Night Live“ natürlich auch gelernt hat, mit viel Witz im Vordergrund zu stehen. An Bill Skarsgårds Interpretation des Pennywise werden sich die Geister wieder scheiden: Viele beinharte Fans von Tim Currys Verkörperung des Clowns ließen kein gutes Haar an Skarsgård, wer sich von derlei nostalgischen Erwägungen freimachen kann oder diese gegenüber der 1990er-Miniserie nie entwickelt hat, wird anerkennen, dass der neue Pennywise einfach zum Fürchten ist – und eine gelungene Kombination von Skarsgårds darstellerischem Können, dem vermeintlich lustigen Make-up und einigen am Computer entstandenen verzerrenden Effekten.

Doch Pennywise lauert schon wieder

Das Finale verkommt in meinen Augen ein wenig zum Effektspektakel. An der technischen Umsetzung will ich gar nicht herummäkeln, am CGI ist nichts auszusetzen. Pennywise wird sich monströs verändern, damit kann sowieso jeder Kinogänger rechnen, insofern verrate ich nicht zu viel. Bis ins Letzte zufrieden bin ich aber nicht, die finale Konfrontation wirkt etwas unrund. Daran krankte bereits die 1990er-Verfilmung, wenn ich mich recht entsinne. Lag es am Ende am Finale von Stephen Kings Romanvorlage? Ich will gar nicht in Anspruch nehmen, meine Kritik für allgemeingültig zu halten – vielen anderen wird der große Endkampf zwischen dem Club der Verlierer und Pennywise sicher gefallen. Viel Zeit zum Atemholen bleibt dabei nicht.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Aufteilung auf zwei Kinofilme von jeweils schon stattlicher Länge ergibt angesichts der mehr als 1.000 Seiten von Stephen Kings Romanvorlage natürlich Sinn und bietet den Produzenten obendrein Gelegenheit, noch mehr Geld zu scheffeln: Für beide Teile sind Langfassungen angekündigt, wobei der Extended Cut des ersten Teils auf sich warten lässt – Andy Muschietti hatte ihn Ende 2017 bereits für 2018 angekündigt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn auch der zweite Teil ein paar Monate nach der Kinoauswertung vorerst nur in der Kinofassung auf Blu-ray und DVD sowie online veröffentlicht wird. Dann kann man Käuferinnen und Käufern Einzel-Editionen beider Filme und auch Doppelpacks anbieten. Wenn dann die Langfassungen kommen, werden viele erneut zuschlagen. Ich fasse mich in Geduld, die reinen Kinofassungen werde ich mir für daheim jedenfalls bei aller Qualität nicht zulegen. In meinen Augen sind beide Teile rund, Handlungsstränge oder tiefere Enthüllungen habe ich nicht vermisst.

Beverly in Bedrängnis

Da wir gerade bei „Money Talks“ sind: Der zweite Teil ist noch nicht mal angelaufen, schon kursieren in Hollywood Gerüchte von „It – Chapter Three“. Wer glaubt, das sei unmöglich, weil Stephen Kings Roman mit den beiden Neuverfilmungen inklusive möglicher Extended Cuts doch zu Ende erzählt worden ist, wird sich womöglich in wenigen Jahren eines Besseren belehren lassen müssen – erst recht, sollte Teil 2 annähernd das Einspielergebnis des Vorgängers erreichen oder es sogar übertreffen. In der Vergangenheit ist es der Filmindustrie ein Leichtes gewesen, ein vermeintlich endgültig getötetes Monster wieder zum Leben zu erwecken. Außerdem geben gewisse Andeutungen über die Vergangenheit der sich in Gestalt des Clowns Pennywise manifestierten bösartigen Lebensform Gelegenheit zu dem einen oder anderen Prequel, zumal es im Film bei kurzen Einsprengseln bleibt. „It – Chapter Zero“ ist daher gut denkbar. Einstweilen bleibt zu konstatieren, dass „Es – Kapitel 2“ das hohe Niveau des Vorgängers mit ein paar Abstrichen weitgehend hält. Wer 2017 an „Es“ Gefallen fand, kann völlig unbesorgt das Kinoticket des Sequels lösen.

Stephen King – für Kino und Puschenkino gesetzt

Fans des Horror-Großmeisters können ohnehin frohlocken: Ein Blick auf den IMDb-Eintrag von Stephen King verrät, dass massig Verfilmungen in Vorbereitung sind, darunter eine neue Serien-Umsetzung von „The Stand – Das letzte Gefecht“, eine Serie zu „Der dunkle Turm“ (dem Kinofilm „Der dunkle Turm“ war 2017 ja nur wenig Erfolg beschieden) sowie Adaptionen von „The Tommyknockers“, „The Talisman“ und „Cujo“. Im Kino können wir in Kürze mit der Quasi-„Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleep“ rechnen, in welcher immerhin Ewan McGregor den Part des übersinnlich begabten Danny Torrance übernimmt. Die Deutschlandpremiere ist für den 21. November angesetzt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James McAvoy unter Schauspieler.

Zum Showdown geht es in den Untergrund

Länge: 169 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: It – Chapter Two
KAN/USA 2019
Regie: Andy Muschietti
Drehbuch: Gary Dauberman, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: Bill Skarsgård, Jessica Chastain, James McAvoy, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Jay Ryan, James Ransone, Finn Wolfhard, Sophia Lillis, Jack Dylan Grazer, Jaeden Martell, Nicholas Hamilton, Teach Grant, Jake Weary, Xavier Dolan, Javier Botet, Jess Weixler, Andy Bean
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/09/03 in Film, Kino, Rezensionen

 

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