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Der Prinz von Ägypten – Der Exodus als Zeichentrick-Abenteuer

The Prince of Egypt

Von Volker Schönenberger

Zeichentrick-Abenteuer // Das 2. Buch Mose erzählt als Teil des Alten Testaments der Christen und der Tora der Juden gleichermaßen vom Auszug (Exodus) der Israeliten aus Ägypten unter der Führung von Moses. Der Überlieferung zufolge lebten die Israeliten in Ägypten in Knechtschaft. Weil der Pharao die Tötung der männlichen Kinder der Israeliten angeordnet hatte, setzte Moses’ Mutter ihren Sohn im Säuglingsalter in einem Schilfkorb im Nil aus, woraufhin er von einer Tochter des Pharaos gefunden wurde und fortan am Hof des Herrschers aufwuchs.

Seine Mutter setzt Moses im Nil aus

Später erhielt Moses von Gott den Auftrag, sein Volk aus Ägypten ins Gelobte Land zu führen. Weil der Pharao dies verweigerte, ließ der gar nicht mal so liebe Gott zehn Plagen über die Ägypter kommen. Nun erst ließ der Herrscher die Israeliten ziehen, doch bald darauf besann er sich und verfolgte sie mit seinen Heerscharen. Mit göttlicher Fügung bewirkte Moses, dass sich das Meer teilte und die Israeliten über den nun trockenen Meeresboden gen Freiheit weiterziehen konnten. Als die ägyptische Kriegsschar ihnen folgte, ließ Gott die Fluten über die Verfolger hereinbrechen, woraufhin sie jämmerlich ertranken. Seltsam? Aber so steht’s geschrieben …

Die Frau des Pharaos findet den Schilfkorb

„Der Prinz von Ägypten“ erzählt die Geschichte des Exodus nach und markiert nach „Antz“ (1998) den zweiten Animationsfilm der seinerzeit noch jungen Produktionsfirma DreamWorks, die Steven Spielberg, Jeffrey Katzenberg und David Geffen 1994 gegründet hatten. Mit DreamWorks Animation ging das Studio in direkte Konkurrenz zum Zeichentrick-Platzhirsch Walt Disney und dem ebenfalls jungen Studio Pixar, das 1995 mit „Toy Story“ das Zeitalter der Computertrickfilme eingeläutet hatte. War „Antz“ bereits vollständig am Computer entstanden, wurde „Der Prinz von Ägypten“ noch als herkömmlicher Zeichentrickfilm produziert.

Der Exodus – historisches Ereignis oder Fantasie?

Das Bibel-Abenteuer hält sich im Großen und Ganzen an die Vorlage, nimmt sich aber viele Freiheiten und schmückt das Geschehen mit zahlreichen eigenen Einfällen aus. Das ist auch nicht weiter wild, denn wenn man den Erzählungen des Alten Testaments überhaupt Glauben schenken mag, dürfte doch unstrittig sein, dass viele darin geschilderte Ereignisse überhaupt nicht historisch belegt und in weiten Teilen und etlichen Details der Fantasie entsprungen sind – merkt’s euch, Kreationisten, immer zweimal mehr wie Ihr!

Moses (l.) und Ramses sind beste Freunde geworden …

Anders als in der Bibel beispielsweise entdeckt im Film nicht die Tochter des Pharaos den Schilfkorb im Nil, sondern dessen Ehefrau – historisch gesehen müsste es sich dabei um eine gewisse Tuja handeln. Die Freundschaft zwischen Moses und dem Königssohn und späteren Pharao Ramses findet sich in der Bibel nicht. Im Film sind die beiden anfangs zwei unbekümmerte junge Kerle mit zu viel Testosteron im Blut, die sich ein wildes Wagenrennen liefern, bei dem allerlei zu Bruch geht. Das bringt ihnen eine scharfe Rüge von Pharao Sethos ein. Bald darauf trifft Moses auf seine Schwester Miriam, die Jahre zuvor den Weg des Schilfkorbs auf dem Nil verfolgt hatte und seitdem aus der Ferne über ihren kleinen Bruder wacht. Sie weckt erste Zweifel an seiner Herkunft in ihm, und eine Weile und einige Ereignisse später findet sich Moses in der Wüste wieder.

… und müssen vom Pharao scharfe Kritik einstecken

Für den von Whitney Houston und Mariah Carey interpretierten Filmsong „When You Believe“ erhielt Stephen Schwartz den Oscar, er und Hans Zimmer wurden für den Score zudem Oscar-nominiert. Mein Fall ist die Musik nicht, das gilt für die eingestreuten Songs ebenso wie für den typischen Hans-Zimmer-Streicherteppich, der sich wie ein Mantel über den gesamten Film legt. Das gefällt aber offenbar vielen, und der Erfolg gibt Hans Zimmer recht, wer bin ich also, daran herumzumäkeln?

Der junge Mann trifft seine Schwester Miriam …

Die Besetzung der Originalsprecher liest sich erlesen: Val Kilmer spricht Moses, als Ramses hören wir Ralph Fiennes. Sandra Bullock leiht Moses’ Schwester Miriam die Stimme, Jeff Goldblum seinem Bruder Aaron. Michelle Pfeiffer spricht Zippora, in die sich Moses verliebt. In weiteren Rollen sind Patrick Stewart, Helen Mirren, Steve Martin, Danny Glover und Martin Short sowie die Sängerin Ofra Haza zu hören. Diese Stimmen sind als großer Pluspunkt zu werten.

… und entdeckt das Geheimnis seiner Herkunft

Obwohl ambitioniert, wandelt „Der Prinz von Ägypten“ als Zeichentrickfilm auf bekannten Pfaden, fügt der Technik auch keine neuen Impulse hinzu – seinerzeit ohnehin schwierig angesichts des mächtig aufkommenden Computertrickfilms. Aber es muss auch nicht immer die größte Innovationskraft sein, wenn die Unterhaltung stimmt – und das kann man dem alttestamentarischen Abenteuer nicht absprechen. Die Bibel ist eben ein Füllhorn actionreicher Geschichten, das zeigt sich besonders beim Exodus.

Die zehn Gebote

Wenn am Ende Moses vom Berg Sinai hinabsteigt und die zehn Gebote mitbringt, bietet das natürlich eine prima Gelegenheit, in eine kritische Debatte zum Christentum einzusteigen. „Du sollst nicht töten.“ So lautet das nach katholischer und evangelischer Zählung fünfte Gebot – bei den Juden und diversen christlichen Abspaltungen zählt es als das sechste. Hm – hat Gott nicht erst kurz zuvor das ägyptische Heer ertränkt? Hat er nicht als zehnte Plage die erstgeborenen Söhne der Ägypter ermordet? Nun ja, womöglich galten die zehn Gebote damals nur unter den Israeliten und für Gott selbst schon mal gar nicht. In dem Fall dürfte der Allmächtige sogar nach Herzenslust Ehebruch betreiben, der alte Schlawiner. Böse Zungen könnten gar behaupten, dass der liebe Gott des Alten Testaments ein rassistischer Massenmörder war, für diese These lassen sich etliche Bibelstellen finden. Aber beenden wir das, an der trotz einiger sekundärer Kritikpunkte großen Qualität von „Der Prinz von Ägypten“ als toll gezeichnetes Epos ändert das nichts.

Aus Freunden sind Feinde geworden

Wer von der Geschichte des Auszugs der Israeliten aus Ägypten nicht genug bekommen kann und über ausreichend Sitzfleisch verfügt, mag an einem mit „Der Prinz von Ägypten“ beginnenden Triple Feature Gefallen finden – mit Cecil B. DeMilles monumentalem „Die zehn Gebote“ (1956) mit Charlton Heston als Moses und Yul Brynner als Ramses als zweitem Beitrag, gefolgt von Ridley Scotts „Exodus – Götter und Könige“ (2014), in dem Christian Bale Moses und Joel Edgerton Ramses verkörpern. Ein dreifacher Exodus in epischer Überlänge, das wäre doch was, nicht wahr? Eine qualitative Rangfolge dieser drei Bibel-Adaptionen will ich hier nicht liefern, zu sehr unterscheiden sich die Filme. „Die zehn Gebote“ mag die spektakulärste Umsetzung des Stoffs darstellen. Als Zeichentrick-Abenteuer funktioniert „Der Prinz von Ägypten“ aber sehr gut. Das DreamWorks-Epos bietet gute Gelegenheit, dem Nachwuchs im Kreis der Familie die Geschichte des Exodus zu vermitteln. Auch ein Atheist wie ich kann das für seine Kinder als sinnvoll erachten.

Moses bringt den Ägyptern die Plagen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sandra Bullock und Helen Mirren sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Ralph Fiennes und Patrick Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Exodus

Veröffentlichung: 4. Oktober 2018 als Blu-ray, 6. September 2018, 1. März 2018, 26. Februar 2015, 4. Juli 2006 und 8. März 2001 als DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Prince of Egypt
USA 1998
Regie: Brenda Chapman, Steve Hickner, Simon Wells
Drehbuch: Philip LaZebnik, Nicholas Meyer
Originalsprecher: Val Kilmer, Ralph Fiennes, Michelle Pfeiffer, Sandra Bullock, Jeff Goldblum, Danny Glover, Patrick Stewart, Helen Mirren, Steve Martin, Martin Short, Ofra Haza, James Avery
Zusatzmaterial: Audiokommentar der Filmemacher, Making-of, mehrsprachige Präsentation von „When You Believe“, Wissenswertes über die Animation des Wagenrennens, „Die technischen Effekte im Film“, Bildergalerie, Original Kinotrailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenbilder: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH & DreamWorks Animation, Trailer: © DreamWorks Animation

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Early Man – Steinzeit bereit: Am Anfang war der Fußball

Early Man

Von Lutz R. Bierend

Puppentrick-Steinzeit-Abenteuer // In Zeiten, in denen sich Disney schon lange vom Zeichentrick zugunsten computergestützter Animation verabschiedet hat, halten Nick Park und Peter Lord mit ihrer Firma Aardman immer noch an ihren Plastilin-Animationen fest. Zwar haben sie unter Beibehaltung der Knetfigurenoptik mit „Flutsch und weg“ (2006) auch einen überzeugenden Versuch im CGI-Bereich abgeliefert, aber Nick Park bleibt oldschool, und jetzt kommt sein pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 fertiggestellter Film „Early Man – Steinzeit bereit“ auch für die Heimkinos auf den Markt.

Raquel Welch hatte recht

Die Geschichte muss neu geschrieben werden. Wie schon im Raquel-Welch-Vehikel „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ (1966) teilten sich unsere vorgeschichtlichen Ahnen bereits mit den Dinosauriern diese Welt. Und der Meteor, der die Dinosaurier von der Erde fegte, brachte den Menschen ihr größtes Heiligtum: den Fußball. Da der Meteoritensplitter zu heiß zum Anfassen war, mussten die primitiven Urmenschen den Fels mit den Füßen kicken – im Nullkommanix war das Fußballspiel erfunden.

Ein duftes Team: Steinzeitmensch mit Steinfreund

Diese Kulturerrungenschaft ist sogar in Höhlenmalereien verewigt. Einige Epochen später weiß jedoch niemand mehr, was diese Bilder bedeuten. Der Steinzeitstamm von Dug (Originalsprecher: Eddie Redmayne, deutsche Stimme: Friedrich Mücke) interpretiert die Bilder der Vorväter so, dass sie nur kleine Tiere wie Hasen und Kaninchen jagen sollen, um sich über Wasser zu halten, was schon schwer genug wäre, selbst wenn das Kaninchen nicht cleverer wäre als der ganze Steinzeitstamm. Als Dug seinem Stammesältesten Bobnar (Timothy Spall / Uli Krohm) vorschlägt, lieber mal etwas Großes wie ein Mammut zu jagen, wird er als Träumer abgetan, denn das habe man schließlich noch nie getan.

Der Nachrichtenvogel hat offensichtlich Spaß an seinem Job

Doch dann bricht die Bronzezeit an. Lord Nooth (Tom Hiddleston / Kaya Yanar) erobert mit seinen zivilisierten Männern und Kampfmammuts das Tal und vertreibt die Bewohner in die kargen Badlands. In ihrem Tal gibt es Erze und bei deren Abbau stören die primitiven Höhlenmenschen nur. Stolz verkündet Lord Nooth, die Steinzeit sei beendet, die Bronzezeit habe begonnen. Doch Dug will sich damit nicht abfinden. Bei seinem Versuch der Gegenwehr verliert er allerdings das Bewusstsein und landet in der Zivilisation der Bronzezeit – ausgerechnet in einer Fußball-Arena, was ihn veranlasst, Lord Nooth herauszufordern: Dugs Steinzeitmannschaft tritt gegen das Eliteteam der Bronzezeit an. Wenn sie gewinnen, bekommen sie ihr Tal zurück, wenn nicht, arbeiten sie bis ans Lebensende für Lord Nooth in den Minen.

Da ist die Welt noch in Ordnung

Zum Glück kann Dug die fußballbegeisterte Goona (Maisie Williams / Palina Rojinski) für seine Idee begeistern. Obwohl sie in der Bronzestadt lebt, ist ihr Traum, einmal in der Arena das entscheidende Tor zu schießen, unerreichbar fern. Denn Fußball ist ein Männersport, Frauen sind auf dem Platz verboten. So modern ist das Bronzezeitalter dann halt doch nicht. Da kommt ihr Dug gerade recht. Jetzt muss Goona nur noch aus dem primitiven Stamm eine Mannschaft formen.

Selbst ist die Frau, die Torjägerin werden will

So brillant komisch und verwegen absurd die Kurzfilme von Nick Park sind, seine Langfilme „Chicken Run – Hennen rennen“ (2000) und „Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ (2005) konnten mich nie überzeugen. Es erfordert einfach eine andere Dramturgie als bei einem 20-Minuten-Film, eine Geschichte und ihre Figuren über anderthalb Stunden interessant zu halten. Für mich wirkte es ein wenig, als seine seine Knetfiguren und all die großartigen Gags, welche die Wallace-und-Gromit-Kurzfilme auszeichnen, und die originellen Ideen wie bei der aus einem Oscar-gekrönten Kurzfilm hervorgegangenen Serie „Creature Comforts“ (2003–2006) nicht für einen abendfüllenden Spielfilm gemacht. Zum Glück ist diese Kritik bei „Early Man“ komplett unangebracht, denn der Film weiß von der ersten bis zur letzten Minute zu überzeugen. Die Charaktere werden über die gesamte Dauer von 89 Minuten nicht langweilig, und Park feuert ausreichend Gags und optische Gimmicks ab, um einen schönen Film für die ganze Familie zu servieren. Und dafür muss man nicht einmal Fußballfan sein.

Vom vierfachen Oscar-Preisträger Nick Park

Klar werden die Kleinen nicht jedes Ray-Harryhausen-Zitat verstehen, aber es zeichnet einen guten Familienfilm schließlich aus, dass jede Altersgruppe ihre eigenen Lacher hat. Park erschafft eine Gruppe an liebenswerten Figuren, die mit dem Hauskeiler Hognob, der zum Schluss auch als Torwart einspringen darf, und dem cleveren Hasen deutlich machen, weswegen Nick Park bereits vier Oscars verdient hat – drei davon für Kurzfilme, den vierten 2006 für „Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“.

Dribbel-Training auf dem Vulkan

Parks Plastilinfiguren haben liebenswerten Charakter, der süchtig nach mehr macht und wenn man noch Fingerabdrücke auf der einen oder anderen Nase erkennt, dann ist das keine Schludrigkeit, sondern ein überzeugtes Statement, dass der Kampf von Altertum gegen Moderne, der sich auch im Fußballspiel des Films widerspiegelt, auch in der Machart ausgefochten wird. Wenn man im Making-of zu sehen bekommt, wie 1.000 Fußballfans ins Stadion strömen, um die klassischen Stadionschlachtrufe moderner Fußballfans Bronzezeit-gerecht aufzunehmen, kann man den Stolz der Macher und ihrer Helfer verstehen, denn sie haben eine entzückende Geschichte mit Liebe zum Detail umgesetzt. So etwas kann man sich ruhig öfter ansehen.

Das vielseitige Hausschwein: Wachhund, Torwart und sogar Masseur

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Hiddleston und Eddie Redmayne sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Unsere Vorfahren haben auch nur diese kleinen runden Dinger gejagt

Veröffentlichung: 20. September 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Early Man
USA/GB/F 2018
Regie: Nick Park
Drehbuch: Mark Burton, James Higginson
Originalsprecher: Eddie Redmayne, Tom Hiddleston, Maisie Williams, Timothy Spall, Miriam Margolyes, Rob Brydon, Kayvan Novak, Richard Ayoade, Johnny Vegas, Mark Williams, Gina Yashere
Deutsche Sprecher: Friedrich Mücke, Uli Krohm, Kaya Yanar, Palina Rojinski
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Nick Park, Making-of, Featurette Stadionatmosphäre, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Szenenbilder, Packshot & Trailer: © 2018 Studiocanal Home Entertainment

 

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Die Unglaublichen – Truly Incredible

The Incredibles

Von Paula Bierend

Computertrick-Fantasy-Abenteuer // „Die Unglaublichen“ gehört zu den Filmen, mit denen meine Generation groß geworden ist. Mittlerweile gilt das Familien-Abenteuer von Pixar als Kinderfilm-Klassiker, und das aus gutem Grund. Wer hat sich nicht schon mal Gedanken darüber gemacht, wer eigentlich die ganzen Schäden bezahlt, wenn Superhelden Superschurken zur Strecke bringen und dabei eine halbe Großstadt zerstören? Oder was passiert, wenn Superhelden im Übereifer, Gutes zu tun, mal den Falschen retten und einen Selbstmörder beim Sprung vom Hochhaus auffangen?

Superhelden werden verboten

In Brad Birds „Die Unglaublichen“ ist dies die Prämisse – eine Prämisse, die in einem Marvel-Film das Marvel Cinematic Universe und in einem DC-Film das DC Extended Universe komplett auf den Kopf stellen würde: Letztlich ist es sicherlich mehr Neid, weil sie selber nur durchschnittlich sind, aber irgendwann haben die Menschen genug von den verwüsteten Städten. Besagter Selbstmörder, von Mr. Incredible gerettet, hat sich bei der unerwünschten Rettung den Hals verrenkt und tritt daraufhin eine Prozesslawine los. Binnen kürzester Zeit zieht die Regierung die Reißleine – Superhelden werden verboten. Wie im Zeugenschutzprogrammen werden sie in normale Existenzen umgesiedelt und müssen fortan all die Jobs machen, die bereits die Leben der Normalsterblichen unerträglich machen.

Bob verzweifelt immer mehr an seinem Job

Bob Parr, der früher als Mr. Incredible für Sicherheit gesorgt hat, hat kurz vor der Verbannung der Superhelden Elastigirl alias Helen geheiratet. Nun leben die Eheleute seit fünfzehn Jahren in einem typischen amerikanischen Vorort und haben drei Kinder, von denen die älteren ebenso wie ihre Eltern besondere Fähigkeiten haben. Nur Baby Jack Jack scheint aus der Art zu schlagen mit seiner Normalität. Dash Parr ist schnell wie kein zweiter und brennt darauf, dies auch mal zur Schau zu stellen. Seine Schwester Violet Parr kann unsichtbar werden, was meist dann passiert, wenn ihr Schwarm in der Schule in ihre Richtung schaut, und sie kann Energiefelder um sich herum erzeugen, die vor ziemlich allem schützen, aber sie wünscht sich eigentlich nur ein normales Teenagerdasein.

Aus Elastigirl ist eine Hausfrau geworden

Helen hat sich mit der neuen Situation abgefunden. Sie ist zur klassischen Hausfrau und Mutter mutiert, weil sie weiß, dass ihre Superfähigkeiten in dieser schönen neuen Welt nichts mehr wert sind. Bob hingegen ist absolut frustriert von seinem Leben. Abends trifft er sich mit seinem alten Kumpel Lucius, früher als Frozone bekannt (der im Original wunderbar von Samuel L. Jackson gesprochen wird), und hört den Polizeifunk ab, um zwischendurch immer mal wieder inkognito der Polizei zu helfen. Denn für eine Helfernatur wie Bob bedeutet sein Job die totale Frustration. Als Sachbearbeiter einer Versicherung ist es seine Aufgabe, berechtigte Forderungen der Kunden abzuwimmeln. Sein Chef wundert sich, dass seine Klienten aus den „Ablehnungsgesprächen“ als Versicherungsfachleute herausgehen, die jedes Schlupfloch kennen um doch an ihr Geld zu kommen. So kommt es, wie es kommen muss: Bob wird gefeuert.

Doch dann kehrt Mr. Incredible endlich zurück

Eine unbekannte Firma bietet ihm einen neuen, besser bezahlten Job an: Im Auftrag einer streng geheimen Organisation soll er wieder Mr. Incredible werden. In der Hoffnung, die glorreichen Tage wieder aufleben zu lassen und den Rausschmiss vor Helen geheim zu halten, nimmt er das Angebot an. Bald stellt sich heraus, dass hinter diesen Aufträgen ein alter Fan von Mr. Incredible steckt: der kleine Buddy Pine, der als Incrediboy der einst Sidekick von Mr. Incredible sein wollte und seinerzeit in jugendlichem Eifer die Katastrophe ausgelöst hatte, wegen der die Superhelden verboten wurden. Nun nennt er sich „Syndrom“ und hat seinen Mangel an Superfähigkeiten mit Erfindergeist kompensiert. Und er will nur eins: Rache.

Modedesignerin E in den Fußstapfen von Q

In bester James-Bond-Manier erklärt Syndrom seinen Plan, wie er sich als neuer Superheld in der Gesellschaft etablieren will. Dafür inszeniert er einen Angriff mit einem unbesiegbaren Roboter, den nur er stoppen kann, weil er die Fernbedienung besitzt. Er überwältigt Mr. Incredible und hält ihn gefangen. Helen, die über das plötzliche Verschwinden ihres Mannes viele Theorien spinnt, besucht ihre alte Freundin und Designerin Edna „E“ Mode (der im Original Regisseur Brad Bird persönlich die Stimme geliehen hat). Diese hat als Mischung aus weiblichem Karl Lagerfeld und James Bonds Q schon die Supersuits für die ganze Familie entworfen. Wer braucht nicht einen feuer- und kugelsicheren Strampler für sein Baby? Da E in alle Anzüge Peilsender eingebaut hat, findet Helen heraus, wo sich Bob aufhält, und nach einer Motivationsrede von E, in der die Tüftlerin Helen daran erinnert, eine Superheldin zu sein, wird Helen wieder zu Elastigirl und eilt ihrem Mann zu Hilfe. Die Kinder schleichen sich gleich mit auf die Mission, Jack Jack haben sie zuvor flugs eine Babysitterin besorgt. Der Kurzfilm „Jack Jack Attack“ im Bonusmaterial der Blu-ray erzählt von ihrem Abenteuer, von dem im Hauptfilm nur die Nachrichten auf Helens Mailbox Zeugnis geben. Am Ende muss die gesamte Familie Parr mit ihren vereinten Superheldenkräften versuchen, Syndroms Plan zu stoppen. Es gibt halt Dinge, die lassen sich nur als Familie schaffen.

Edna Mode (l.) präsentiert Helen alias Elastigirl die neuen Anzüge

„The Incredibles“, so der Originaltitel, schafft spielend den Brückenschlag zwischen Kinderfilm und Superheldenhommage, bei der man sich auch als Erwachsener mitgenommen fühlt. Bei der Schuperschurken-Festung werden vermutlich eher bei den Erwachsenen nostalgische Erinnerungen geweckt, die sich gleich in die Zeiten zurückversetzt fühlen werden, als Sean Connery in „James Bond 007 – Man lebt nur zweimal“ Blohfelds Raketenbasis im Inneren eines Vulkans zerstören musste oder sich Roger Moore noch als Agent mit Lizenz zum Töten selbst nicht ganz ernst nahm. Für jede Altersgruppe gibt es die persönliche Identifikation. Sei es Bob Parr, dem früher die Welt offen stand und der jetzt in einem Leben feststeckt, in dem er seine Talente seiner Familie zuliebe verstecken muss. Sei es Helen, die sich in der Superhelden-Doku zu Beginn abfällig zur Frage nach Familie noch abfällig äußert „Settle down, are you kidding? I’m at the top of my game! I’m right up there with the big dogs!“ und 15 Jahre später doch als Hausfrau und Mutter endet. Sei es Dash, der beweisen will, was in ihm steckt, aber immer wieder zur Ordnung gerufen wird. Violet schließlich muss als ältestes Kind immer für alles die Verantwortung übernehmen. Mit Edna Mode gibt es auch noch ein Rollenvorbild für die künftige Karrierefrau – Brad Bird hat der Guten einige der schönsten One Liner des Films auf den Leib geschrieben.

Wir alle tragen Superkräfte in uns!

Obwohl alle Hauptfiguren Superhelden sind, sind sie sehr menschlich, ihre Superkräfte sind schlussendlich nur eine Metapher für etwas, dass wir alle in uns tragen. Ob wir es bewusst sehen oder ob es irgendwo in uns verborgen ist, sind wir irgendwo doch alle super! Nur die Schurken brauchen technische Gadgets oder Markenprodukte, um besonders zu sein. Das ist eigentlich eine zu schöne Metapher, als dass man sie einer großen Hollywood-Produktion unterstellen will. Die Lektion aus „Die Unglaublichen“ ist eigentlich ebenso schön wie einfach: Es ist unsere Aufgabe, im Leben herauszufinden, wie wir unsere besonderen Fähigkeiten entfalten und in den Zwängen des Lebens einsetzen – und das am besten, ohne dabei die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Denn das Miteinander funktioniert auf Dauer nur, wenn jeder die Chance hat, seine Qualitäten auszuspielen und dafür wertgeschätzt zu werden. Wenn man sie mit Rücksicht auf alle anderen hintanstellt, wird auf Dauer keiner damit glücklich.

Die Familie kämpft gemeinsam gegen Syndrom

Man darf gespannt sein, wie Familie Parr beim in Kürze erscheinenden „Die Unglaublichen 2“, weiter zusammenwächst und vor allem, wie sich der jüngste Sprössling Jack Jack mit seinen doch noch entwickelten Fähigkeiten, für die er den feuerfesten Anzug sicher gut gebrauchen kann, in das Familien-Franchise hineinfindet. Feminismus, Gesellschaftskritik und großartige Unterhaltung „Die Unglaublichen“ hat alles und auf jeden Fall mehr als genug, um ihn regelmäßig für den gemütlichen Familienabend auszugraben – erst recht zur Vorbereitung aufs Sequel, das am 27. September in den deutschen Kinos startet.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Samuel L. Jackson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. Februar 2018 als 2-Disc DVD, 1. Dezember 2011 als Blu-ray im Steelbook, 28. April 2011 als Blu-ray, 1. März 2011 als 2-Disc Limited Edition DVD im Steelbook

22. September 2005 als 2-Disc Special Collection DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Incredibles
USA 2004
Regie: Brad Bird
Drehbuch: Brad Bird
Originalsprecher: Craig T. Nelson, Holly Hunter, Samuel L. Jackson, Jason Lee, Dominique Louis, Teddy Newton, Elizabeth Peña
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Walt Disney

Copyright 2018 by Paula Bierend

Szenenbilder, Packshot Blu-ray & Packshot Special Collection DVD: © Walt Disney

 

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