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Weathering with You – Das Mädchen, das die Sonne berührte: Das neueste Werk des „neuen Miyazaki“

Tenki no ko

Von Lucas Gröning

Anime-Fantasy-Drama // Makoto Shinkai zählt ohne Frage zu den aufregensten Anime-Regisseuren unserer Gegenwart. Bereits seit 1999 ist der Filmemacher im Geschäft tätig, er bereicherte die Filmlandschaft mit Werken wie „The Place Promised in Our Early Days“ (2004) und „The Garden of Words“ (2013). Das führte dazu, dass ihm in Anlehnung an den legendären Anime-Regisseur zahlreicher Studio-Ghibli-Filme bereits des Öfteren die Zuschreibung verliehen wurde, er sei „der neue Hayao Miyazaki“. Ob sich Shinkai tatsächlich bereits auf einem Niveau mit dem Schöpfer von beispielsweise „“Mein Nachbar Totoro“ (1988) und „Prinzessin Mononoke“ (1997) bewegt, ist eine müßige Diskussion, zumal die Filme stilistisch und thematisch doch enorme Unterschiede aufweisen. Begnügen wir uns daher zunächst mit der Feststellung, dass Shinkais Werke wichtig, intelligent sowie aktuell sind und ästhetisch herausragendes Kino bieten. Vor allem seine Regiearbeit „Your Name“ (2016) kann dabei ohne Umschwünge zu den modernen Meisterwerken dieser Form des Mediums Film gezählt werden und hat sich bereits den Status eines modernen Klassikers erarbeitet. Bezeichnend für den in Deutschland ab sechs Jahren freigegebenen Film war vor allem der zunächst kindliche Anschein, welcher jedoch mit voranschreitender Handlung einer emotionalisierenden Ernsthaftigkeit wich, die mit der Thematisierung hochphilosophischer und tiefenpsychologischer Aspekte einherging. Wer „Your Name“ gesehen hatte, musste zu dem Schluss kommen, dass hier heranwachsenden Zuschauenden bereits, im positivsten Sinne, enorm viel zugemutet und abverlangt wurde, nicht zuletzt begründet durch den hohen Anteil von Negativität und Ambivalenz. Es ging eben nicht alles einfach nur gut aus und war moralisch eindeutig, viel mehr wurde das Publikum zum Reflektieren über das Wahrgenommene angehalten. Shinkais neuester Film, „Weathering with You – Das Mädchen, das die Sonne berührte“, welcher 2019 ins Kino und vor Kurzem in verschiedenen Heimkino-Veröffentlichungen auf den deutschen Markt kam, setzte diesen Stil fort. Wie sich das ausdrückt, soll Gegenstand der vorliegenden Betrachtung sein.

Hodaka reißt aus und findet den Weg ins trübe Tokio

Zunächst zur Handlung: Diese dreht sich um den 16-jährigen Hodaka Morishima, der von zu Hause ausreißt, um in die große Stadt zu gehen – nach Tokio. Dort hat er aufgrund seines Alters Schwierigkeiten, einen Job zu finden, und droht, auf der Straße, umgeben von teils zwielichtigen kriminellen Gestalten, zugrunde zu gehen. Schlussendlich findet Hodaka Unterschlupf in der kleinen Redaktion von Keisuke und Natsomi Suga, die mysteriösen, scheinbar übernatürlichen bis okkulten Vorkommnissen auf den Grund gehen. Die Bezahlung ist zwar alles andere als gut, jedoch bieten die beiden Hodaka eine Bleibe und Verpflegung. Im Zuge der Recherche zu einer interessant anmutenden Story treffen Hodaka und Natsumi auf Hina Amano, ein gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Nagisa in ärmlichen Verhältnissen lebendes und auf sich allein gestelltes Mädchen, das jedoch eine besondere Fähigkeit hat: Sie kann durch ein bestimmtes Gebet die Sonne hervorrufen. Hadoka schlägt ihr vor, dass sie ihre Gabe im stets verregneten Tokio vermarkten und gegen Geld als Dienstleistung anbieten könne. Der so anvisierte Weg aus der Armut stellt sich zunächst als fruchtbar heraus, geht jedoch mit einem furchtbaren Malus einher, den die Protagonisten erst viel später registrieren sollen.

Die Montagesequenz als Referenz

Bereits aus dieser kurzen Inhaltsangabe lässt sich vermutlich eine Dramaturgie herauslesen, die derer von Shinkais vorherigem Film „Your Name“ auf den ersten Blick ähnelt. Auch in diesem beginnt die Geschichte durchaus fröhlich, kindlich und transportiert eine wunderbare Naivität, wandelt sich jedoch zu einem ernsten Anliegen und bietet großes Schockpotenzial für jene, die glaubten, die wahrgenommene Heiterkeit würde sich bis zum Ende durchziehen. „Weathering with You“ bietet hierbei eine angenehme Weiterentwicklung seines Vorläufers und präsentiert sich insgesamt noch ambivalenter. So startet der Film durchaus düster und schlägt durch die verzweifelte Jobsuche seiner Hauptfigur, einhergehend mit der Angst zu verhungern, bereits sehr ernste Töne an, orientiert sich jedoch an der Oberfläche, vor allem anhand der Dialoge, immer noch am Stil von „Your Name“. Höhepunkt der angesprochenen Ernsthaftigkeit stellt sicherlich der Einsatz eines zufällig gefundenen Gegenstandes dar, der so gar nicht in die kindlich anmutende Welt des Films hereinpassen will und somit als Markierung innerhalb der Diegese zu verstehen ist, dass das Gezeigte den jüngeren Zusehern ähnlich viel abverlangt, wie „Your Name“ es das bereits tat, wenn nicht mehr. Diese Ernsthaftigkeit weicht mit Hodakas Eintreffen in der Redaktion und der damit einhergehenen vorläufigen Existenzsicherung. Ab diesem Zeitpunkt scheint sich alles in Wohlgefallen aufzulösen – eine Vermutung, die sich auf den ersten Blick auch stilistisch durch eine Parallele zum nun bereits mehrfach, jedoch gerade aufgrund seiner hohen Bedeutung notwendigerweise erwähnten „Your Name“ transportiert.

Nach einiger Zeit trifft der Junge auf Keisuke und Natsomi

Gemeint ist das Stilmittel der Montagesequenz, um, begleitet von japanischer Popmusik, möglichst viele Informationen in möglichst wenig Zeit zu übermitteln oder anders formuliert: innerhalb weniger Minuten viel Zeit innerhalb der Geschichte vergehen zu lassen. Ein bekanntes Beispiel für diese Form der Montage findet sich in Brian De Palmas „Scarface“ (1983), in welchem der Aufstieg des Protagonisten Tony Montana, begleitet von Paul Engemanns extra für den Film aufgenommenen Song „Push It to the Limit“, innerhalb weniger Minuten gezeigt wird, obwohl der dargestellte zeitliche Rahmen mehrere Monate umspannt. In „Your Name“ wird dieses Mittel kurz vor der Hälfte des Films eingesetzt, um den Briefverkehr zwischen den Protagonisten darzustellen und deren reales Treffen vorzubereiten. Alles erscheint dabei schön und harmonisch und eigentlich warten wir als Zuschauende nur noch auf das glückliche Zusammentreffen der beiden Figuren, müssen jedoch, ohne zu viel zu verraten, bald darauf einen großen Schock hinnehmen. „Weathering with You“ wiederum setzt die Montagesequenz an zwei essenziellen Stellen ein, beide zeigen die Reife, die Makoto Shinkai seither als Filmemacher durchgemacht hat. Ich möchte beide Sequenzen und ihre potenzielle Wirkung auf verschiedene Zuschauerschaften an dieser Stelle kurz erläutern um klarzustellen, was ich mit Reife meine. Die erste hier erwähnte Sequenz findet sich in der Darstellung von Hodakas Arbeit in der Redaktion, die von ähnlich poppigen Klängen begleitet wird, wie das in „Your Name“ der Fall ist. Als Zuschauer, der Shinkais vorheriges Werk noch nicht gesehen hat, stellt dies ebenfalls ein „Ankommen“ in jenem Sinne dar, wie Hodaka es im Rahmen seiner Anstellung erfährt. Leicht verfällt man dem Glauben, dass nun alles gut wird, gerade nach den zuvor sehr ernsten und im Ansatz durchaus bereits schockierenden Szenen.

Zwei Formen der Zuschauerschaft

Gleiches gilt für die zweite Sequenz in dieser Form, welche zeigt, wie Hina ihre Fähigkeit, begleitet von Hodaka, gegen Geld zur Unterstützung verschiedener Menschen einsetzt. Sahen wir zuvor bereits, wie Hodakas Geschichte scheinbar zu einem positiven Ende gekommen ist, geht es nun lediglich darum, Hina und ihren Bruder in gewisser Weise zu erretten – eine Schicksalswendung, die sich durch den Einsatz der Montage zu bestätigen scheint. Sieht man diese Sequenzen jedoch mit den Augen von jemandem, der über ein gewisses Vorwissen bezüglich der Werke Makoto Shinkais verfügt, so erlischt diese Illusion von einem Auflösen der Geschichte. Vielmehr fungieren sie als Markierung für den mit Vorwissen Zuschauenden, dass der große Knall gerade trotz des schönen und harmonischen Scheins noch kommen könnte und sehr wahrscheinlich kommen wird. Shinkai bereitet seinen Film also in gewisser Weise für zwei verschiedene Zuschauerschaften auf: zum einen für den unwissenden, nicht mit seinem Werk vertrauten Zuschauer, für den die Katastrophe nach der Harmonie einen Schlag in die Magengrube bedeutet. Zum anderen für jenes Publikum, welches ein gewisses Vorwissen mitbringt und somit die Katastrophe bereits erahnen kann – oder anders formuliert: jenes Publikum, welches gerade aufgrund seiner Vorkenntnis in die Lage gebracht wird, die Macht des Regisseurs, die sich durch die Wendungen bezüglich des Narrativs ausdrückt, außer Kraft zu setzen und sich stattdessen auf die Form und ästhetische Schönhet des Films zu konzentrieren.

Bei seinen Recherchen findet Hodaka die junge Hina …

Für das zweite Exemplar des Zuschauenden stünde demnach die Form von „Weathering with You“ viel mehr im Vordergrund als das bloße Narrativ. Erst so entfaltet der Film tatsächlich das volle Potenzial seines Daseins als ästhetische Erfahrung. Man kann also sagen, dass Shinkai hier zeigt, dass er sich seines Stellenwertes als Filmemacher spätestens seit „Your Name“ durchaus bewusst ist und bei seinem aktuellen Film speziell darauf geachtet haben mag, verschiedene Zuschauerschaften gleichermaßen zu adressieren. Dieses Bewusstsein für die eigene öffentliche Persona, das Spiel mit dieser und die Tatsache, dass ein Film aus beiden Publikumsperspektiven funktioniert, stellt eine klare Weiterentwicklung des Regisseurs dar und zeigt jene Reife, über die er mittlerweile zu verfügen scheint. Dahingehend drehte Shinkai also nicht bloß einen Film mit einer spannenden und ansprechenden Geschichte, die ästhetisch dazu noch hervoragend aufbereitet wurde, vielmehr ging er mit „Weathering with You“, wie die ganz großen Regisseure es irgendwann ebenfalls taten, dazu über, Film auch als metaphysische, selbstreflexive Erfahrung zu begreifen und den Platz des Regisseurs innerhalb der Publikumsrezeption ebenfalls zu hinterfragen, einzuordnen und sich dieses Bewusstsein zunutze zu machen.

Ein Film mit politischer Sprengkraft

„Weathering with You“ stellt auch in anderer Hinsicht eine Weiterentwicklung des Regisseurs dar, nämlich bezüglich der gesellschaftlichen Relevanz. Sein neuestes Werk zeichnet sich vor allem durch eine enorme politische Schärfe aus, die man in Shinkais bisherigen Filmen nur unter der Oberfläche vorfindet. „Your Name“ beispielsweise thematisierte, vor allem in der ersten Hälfte, besonders stark die Unterschiede zwischen dem japanischen Stadt- und Landleben, flüchtete sich in der Folge jedoch vermehrt in die Darstellung überzeitlicher Fantasy-Aspekte und die Psychologisierung seiner Figuren. Zwar verfügt auch die zweite Hälfte über einige klar politisch konnotierte Themen, beispielsweise die gleichsam langsame wie naive Arbeit von Beamtenstrukturen, einhergehend mit dem tendenziell autoritären Charakter von Führungspersonal, wirklich im Vordergrund stehen diese Aspekte allerdings nicht. „Weathering with You“ gibt sich dahingehend wesentlich radikaler und bearbeitet durchaus präzise, und trotzdem kindgerecht, aktuelle, relevante Diskussionen, beispielsweise rund um die negativen Auswirkungen des Kapitalismus auf die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs und die Lösung der Klimakrise, das generelle Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum sowie die Auflösung bürgerlicher Familienstrukturen zur Entfaltung des selbstbestimmten Subjekts. Hinsichtlich dessen wird beispielsweise auch die Möglichkeit einer Ersatzfamilie diskutiert, die in keinem unmittelbaren Verwandtschaftsverhältnis zum Individuum steht. Der Film liefert somit auf mehreren Ebenen durchaus plausible, wenn auch nicht wirklich neue Diskussionsbeiträge, die aber gerade durch die mittlerweile gewonnenen Popularität des Regisseurs von enormer Relevanz und Wichtigkeit sein können.

… welche die Fähigkeit hat, die Sonne scheinen zu lassen

Final sei erwähnt, dass „Weathering with You“ ein wirklich fantastischer Film ist, dessen Sichtung in jedem Fall lohnenswert ist. Er erreicht hinsichtlich der emotionalen Tragweite nicht die Qualitäten des herausragenden Vorgängers „Your Name“, und auch ästhetisch stellen die großartigsten Momente eher Zitate aus dem Meisterwerk von 2016 dar. Makoto Shinkais aktuelles Werk ist aber in mehrerer Hinsicht eine Weiterentwicklung. Das fängt bei einem präsenten Bewusstsein hinsichtlich der Rolle des Regisseurs, seiner Popularität und seiner Verbindung zum Publikum an und kulminiert in der politischen Sprengkraft, die „Weathering with You“ potenziell zu bieten hat. Zwar dürfte der Film für den Großteil der jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer eine spannende, wunderschöne, wenn auch herausfordernde Fantasy-Geschichte bleiben, doch Shinkai bietet hier auch für den erwachsenen Zuschauer noch mehr Fleisch und Auseinandersetzungspotenzial als in seinen bisherigen Filmen. In jedem Fall handelt es sich hier um einen Anime, den man gesehen haben sollte und somit wohl den nächsten Schritt von Makoto Shinkai, um möglicherweise die Fußstapfen von Altmeister Hayao Miyazaki tatsächlich auszufüllen.

Hodaka und Hina beschließen, Hinas Gabe einzusetzen, um anderen zu helfen

Veröffentlichung: 25. September 2020 als 2-Disc Limited Collector’s White Edition (Blu-ray & DVD), 2-Disc Limited Collector’s Edition exklusiv bei einem Online-Händler (Blu-ray & DVD), 4K UHD Blu-ray Limited Steelbook Edition, Blu-ray und als DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 108 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Tenki no ko
JAP/CHN 2019
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Zusatzmaterial: Special zur Filmographie von Makoto Shinkai, Making-of-Dokumentation, Special zum japanischen Kinostart, Special-Talk mit Makoto Shinkai, und Yumiko Udo, Original-Soundtrack, 108-seitiges Booklet, Artcards, Clear-Sticker-Fensterbild
Label/Vertrieb: Leonine Distribution

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenbilder & Packshots: © 2020 Leonine

 

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Horror für Halloween (V): Seoul Station – Das Potenzial des Wutbürgers

Seoulyeok

Von Lucas Gröning

Anime-Horror // Im Jahr 2016 feierte „Train to Busan“ Premiere bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes. Für Yeon Sang-ho war es die erste Realfilm-Regiearbeit, vorher war der Südkoreaner international lediglich durch seine Arbeit an den Animes „The King of Pigs“ (2011) und „The Fake“ (2013) aufgefallen, und das auch nur bei Festival-Publikum. Mit „Train to Busan“ jedoch setzte er sich direkt ein Denkmal, stellt der Zombiefilm doch eines der wohl rasantesten und besten Werke dar, die in den vergangenen Jahren rund um die lebenden Toten entstanden sind. Im gleichen Jahr inszenierte Sang-ho einen weiteren Zombiefilm, der als direktes Prequel zu „Train to Busan“ betrachtet werden kann und mit dem er zu seinen Ursprüngen als Anime-Regisseur zurückkehrte: „Seoul Station“ feierte seine Premiere beim Brussels International Fantastic Film Festival 2016 und gewann dort den „Silbernen Raben“.

Hye-seon (l.) muss die Miete für ihre Wohnung aufbringen

Mit seinem direkten Bezugsfilm „Train to Busan“ hat „Seoul Station“ bis auf das Thema und die gleiche Zombie-Epidemie – also die Ansiedlung im selben Film-Universum – jedoch recht wenig gemeinsam. Keine gemeinsamen Figuren, unterschiedliche Orte und natürlich der komplett unterschiedliche Stil beider Werke seien erwähnt. Und auch darüber hinaus grenzt sich „Seoul Station“ deutlich von „Train To Busan“ ab. Während die Realverfilmung als rasanter, schnell geschnittener Actionfilm durchgeht, in welchem politische Botschaften lediglich im Subtext zu lesen sind, stellt sich „Seoul Station“ in dieser Hinsicht ganz in die Tradition von beispielsweise George A. Romeros „Dawn of the Dead“ und nutzt das Szenario der Zombie-Apokalypse für eine Gesellschaftskritik erster Güte.

Gescheiterte Existenzen

Die junge Hye-seon lebt mit ihrem Freund Gi-ung in einer Wohnung in Seoul. Die beiden haben Probleme, die Miete für ihre Wohnung zu bezahlen. Hye-seon, die vor einiger Zeit als Prostituierte gearbeitet hat, wird von Gi-ung aufgefordert, ihre alte Tätigkeit wieder aufzunehmen, wogegen sie sich jedoch wehrt – und nach einem Streit verschwindet sie. Trotzdem stellt Gi-ung eine Anzeige seiner Freundin ins Netz, die sie als Sexobjekt anpreist und damit potenzielle Kunden ihn kontaktieren können. Bald darauf nimmt tatsächlich Seok-gu Kontakt mit Gi-ung auf – doch er stellt sich dem jungen Mann erbost als Hye-seons Vater vor, der seine Tocher sucht. Die streift währenddessen durch die Stadt zum U-Bahnhof – der titelgebenden Seoul Station, die jedoch, wie sie feststellen muss, just in dem Moment von einer Horde Zombies überrannt wird. Neben der Station scheinen die lebenden Toten aber auch die ganze Stadt eingenommen zu haben, womit ein Überlebenskampf der verbleibenden Menschen beginnt.

Bald bricht in der Stadt die Zombie-Apokalypse aus

Es dauert lange, bevor der Zuschauer überhaupt den ersten bissigen Kollegen zu Gesicht bekommt. Das nutzt „Seoul Station“ ganz bewusst, um die Ausgangssituation der südkoreanischen Bevölkerung in Seoul zu etablieren. An jeder Ecke sehen wir Obdachlose und Zugehörige der unteren Mittelschicht. Ihrer aussichtslosen Zukunft begegnen diese im kapitalistischen Sinne gescheiterten Existenzen mit dem Schwelgen in Erinnerungen an alte Zeiten – ein Gefühl der Nostalgie, das den gegenwärtigen Zeitgeist auch in der Mittelschicht ständig begleitet und in den ärmeren Gesellschaftsregionen umso stärker ausgeprägt zu sein scheint. Den Obdachlosen dienen zur Bewältigung ihrer Situation vor allem Krankenhäuser als Unterschlupf, wodurch ein Kampf um die begehrten, jedoch zahlenmäßig begrenzten Betten beginnt. Bei den Verlierern dieses Kampfes entstehen in der Folge Gefühle der Unzufriedenheit bis hin zu Zorn – der perfekte Nährboden für Aggression. Die angestaute Wut richtet sich folglich nicht nur gegen die Gewinner des großen Wettstreites um das begehrte Kapital, im Film auch als „Diktatoren“ bezeichnet, sondern auch auf jene Menschen, die gesellschaftlich gesehen auf derselben Stufe stehen wie diese „Wutbürger“ selbst. Darüber hinaus zeigt auch das Schicksal der Protagonistin Hye-seon und ihrem Freund die Verzweiflung der Abgehängten der Gemeinschaft, denn auch der Verkauf des eigenen Körpers wird im Angesicht drohender Obdachlosigkeit zu einer Option.

Selbst Gefängniszellen dienen fortan als Orte zum Durchschnaufen

Wie bereits erwähnt erinnern sich die Menschen in „Seoul Station“ zu diesem Zweck zurück an längst vergangene Zeiten, in denen die Welt für ihr Gefühl noch in Ordnung war. Was wir hier bemerken, ist der gegenwärtige Konservatismus, mit dem einige – gar viele – glauben, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen zu können. Die Erinnerung ist hier vor allem von Zeiten geprägt, in denen der global operierende Kapitalismus selbst noch nicht das Ausmaß angenommen hat, das wir heute auf dem Planeten beobachten können – hier dargestellt vor allem die immer weiter auseinanderklaffende Lücke zwischen Arm und Reich und das damit verbundene stückweise Verschwinden der Mittelschicht. Eine Nostalgie, welche die Menschen allerdings nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene beschäftigt, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich. Ein Beispiel für einen zwischenmenschlichen Konflikt haben wir wunderbar zwischen Gi-ung und Seok-gu dargestellt. Gi-ung wird vom Älteren immer wieder als schwächlich bezeichnet, was auch mit immer fieseren Schimpfwörtern untermauert wird. Hier finden wir das Propagieren eines längst veralteten, weil im Zuge der industriellen Revolution unnötig gewordenen Männlichkeitsbildes. Seok-gu stellt dabei dieses alte Bild des Mannes dar. Er ist groß, stark, aktiv und nimmt die meisten Probleme initiativ auf eigene Faust in die Hand. Nur ein Beispiel für die gesellschaftlichen Kontrapunkte, welche die Konflikte der Menschen untereinander zementieren.

Eine Revolution der Anarchie

Es sind Konflikte, die in der Folge zu einem Aufbegehren der Abgehängten führen, dargestellt durch die Zombie-Apokalypse. Im Rahmen dieser „rebelliert“ zunächst die Unterschicht, beginnend mit einem einzigen alten Obdachlosen, der die Revolution in gewisser Weise anführt. Hierbei folgt der Film dem Schneeballprinzip, das wir aus zahlreichen Zombiefilmen kennen: Wird ein Mensch gebissen und stirbt, erwacht er kurze Zeit später als untoter Menschenfresser. Mt der Zeit breitet sich so das Zombievirus unter den Bewohnern Seouls aus, wodurch die gesamte Stadt in Anarchie versinkt. Folge: der egoistische Kampf um das persönliche Wohl und ein damit einhergehendes steigendes Misstrauen untereinander. Ein zivilisiertes Zusammenleben ist somit nicht mehr möglich, das Ergebnis ist Anarchie. Im Zuge dessen sind demokratische Grundrechte unter den Menschen außer Kraft gesetzt, die gesellschaftlichen Normen gehören der Vergangenheit an. Besonders interessant gestaltet sich hier die Rolle des Staates: Nutzt dieser in Form von Polizei und Militär seine Kräfte zunächst zum Schutz der Menschen, tritt er im Verlauf der Handlung als Institution auf, um die Übriggebliebenen zusammenzupferchen, sie von sich selbst abzuschotten und somit das Risiko einer Verbreitung der Seuche zu minimieren. Somit handelt der Staat in dieser Notsituation nicht mehr im Interesse der Bevölkerung, sondern verfällt im Angesicht der drohenden Ohnmacht in eine Schockstarre, in der er jede potenzielle Gefahr von sich wegschieben will. Auch Tötungen seitens der staatlichen Gewalt dienen fortan als probates Mittel.

„Seoul Station“ geht in diesen Zeiten einigen wichtigen Fragen rund um unserer geamtgesellschaftliche Entwicklung auf die Spur. Inwiefern begünstigt das Auseinanderklaffen von Arm und Reich die Möglichkeit einer Anarchie? Inwieweit sind bürgerkriegsähnliche Zustände am Ende der Entwicklung eine Möglichkeit? Inwiefern kann der Staat seine Position ausnutzen, um den Status quo wiederherzustellen? Ist eine Wiederherstellung des Status quo wünschenswert oder übrhaupt möglich? All das verhandelt Yeon Sang-hos Anime in gut anderthalb Stunden. Zusätzlich zur soziologischen Debatte schafft es der Film außerdem, extrem unterhaltsam zu sein. Er ist mit der angesprochenen Lauflänge nicht zu lang, zeigt uns großartige Bilder in einer für dieses Genre im Medium Film ungewöhnlichen Optik und fährt mit einigen interessanten Storyentscheidungen und Wendungen auf. Einziger Wermutstropfen sind die nur im Ansatz interessant geschriebenen Charaktere, bei denen es mir schwerfiel, konstant mitzufühlen und mich näher für sie zu interessieren. Das ist allerdings ein Punkt, der angesichts der straight durcherzählten Geschichte und der fantastischen Optik nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Somit bleiben ein wirklich toller Zombiefilm und eine absolute Empfehlung, vor allem natürlich für Genrefans – vorzugsweise im Doppelpack mit „Train to Busan“ und in dieser Form auch in diversen Heimkino-Editionen erschienen.

Veröffentlichung: 29. September 2017 als Doppel-Blu-ray und Doppel-DVD (jeweils inkl. „Train to Busan“), 30. Juni 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Steelbook (2 Blu-rays, inkl. „Train to Busan“), 31. März 2017 als Blu-ray und DVD, 3. Februar 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Mediabook (2 Blu-rays, inkl. „Train to Busan“)

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: Seoulyeok
KOR 2016
Regie: Yeon Sang-ho
Drehbuch: Yeon Sang-ho
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenbilder & Packshots: © 2017 splendid film

 

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Your Name – Körpertausch der betörenden Art

Kimi no na wa

Kinostart: 11. und 14. Januar 2018

Von Matthias Holm

Anime-Fantasy-Drama // Den erfolgreichsten Anime aller Zeiten („Chihiros Reise ins Zauberland“ von 2001) abgelöst. Mehr als 354 Millionen Dollar weltweit eingespielt. Und zwei Jahre nach seinem Start in Japan kommt „Your Name“ von Makoto Shinkai an genau zwei Tagen in deutsche Lichtspielhäuser. So ist es nicht nur traurig, dass der Anime generell in der deutschen Kinolandschaft ein Schattendasein fristet – auch wird mit einer derart geringfügigen Kinoauswertung vielen Leuten ein wahres Leinwanderlebnis vorenthalten. Denn „Your Name“ besticht nicht nur durch eine emotionale Geschichte, er ist auch einer der schönsten gezeichneten Filme überhaupt.

Taki und Mitsuha tauschen unfreiwillig ihre Körper

Die junge Mitsuha (deutsche Stimme: Laura Jenni) wohnt im Dörfchen Itomori. Dort kümmert sie sich um den örtlichen Schrein, besucht die Schule und hat das triste Landleben eigentlich satt. Wie passend, dass sie eines Tages im Körper des ähnlich alten Taki (Maximillian Belle) aufwacht. Anscheinend tauschen die beiden mehrmals in der Woche ihrer Körper miteinander. Damit all das nicht im kompletten Chaos endet und da sich die beiden an ihre jeweiligen Handlungen am nächsten Tag kaum erinnern, führen sie Tagebuch. So kommen die beiden einander doch näher, als es ihnen an sich lieb ist.

Sowohl Taki als auch …

Weiter soll die Geschichte nicht ausgeführt werden. Denn was anfangs wie eine Body-Switch-Komödie üblicher Machart anmutet, entwickelt sich im Laufe der 107 Minuten immer weiter. Manche Gegebenheiten begreift man erst bei einer zweiten Sichtung so richtig, da sie doch etwas aus dem Nichts kommen. Bis man allerdings dort hinkommt, spielt Regisseur Makoto Shinkai typische Motive eines Körperwechsel-Films gekonnt durch. Missverständnisse und unpassende Verhaltensweisen sind zwar nichts Neues, machen aber gerade mit der Prise japanischem Humor sehr viel Spaß. Hier hege ich auch die größte Angst beim geplanten US-Remake von J. J. Abrams („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) – die japanische Kultur spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle und ob das adaptiert wird, bleibt zu bezweifeln.

… Mitsuha sehen den Kometen „Tiamat“

Darüber hinaus ist „Your Name“ einfach wunderschön. War Shinkais „The Garden of Words“ bereits absolut detailverliebt, dürfen sich der Regisseur und seine Zeichner hier noch mehr austoben. Ob das von Hochhäusern beherrschte Tokio, das ruhige Dorf Itomori oder die Reflexion von Neonwerbung in einer Pfütze – jedes Bild ist ein Kunstwerk. Dazu kommen wirklich schöne Einfälle für Szenenübergänge und eine Art Traumsequenz, die man im Kino gesehen haben sollte. Optisch gibt es kaum Filme im Anime-Bereich, die beeindruckender ausfallen. Auch der Soundtrack der japanischen Rockband RADWIMPS fügt sich wunderbar in das Geschehen ein, auch wenn manche Stücke, in Verbindung mit der durchaus kitschigen Geschichte, für manche zu viel des Guten sein können.

Die große Stadt Tokio

Ein Appell an alle, die für die beiden Tage, in denen man den Film hierzulande sehen kann, noch keine Karten haben – tut es! Auch für Leute, die mit Animes weniger anfangen können, ist „Your Name“ aufgrund seiner Optik und der mitreißenden Geschichte absolut einen Blick wert. Und auch wenn Makoto Shinkai sein Ende ein bisschen zu lange hinauszögert, sitzt sein Werk zu Recht auf dem Thron des erfolgreichsten Animes aller Zeiten.

Das kleine Dorf Itomori

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Kimi No Na Wa
JAP 2016
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Verleih: Universum Film

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat & Trailer: © 2017 Universum Film, Szenenbilder: © 2016 TOHO CO., LTD. / CoMix Wave Films Inc. / KADOKAWA CORPORATION / East Japan Marketing & Communications,Inc. / AMUSE INC. / voque ting co.,ltd. / Lawson HMV Entertainment, Inc.

 

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