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Horror für Halloween (V): Seoul Station – Das Potenzial des Wutbürgers

Seoulyeok

Von Lucas Gröning

Anime-Horror // Im Jahr 2016 feierte „Train to Busan“ Premiere bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes. Für Yeon Sang-ho war es die erste Realfilm-Regiearbeit, vorher war der Südkoreaner international lediglich durch seine Arbeit an den Animes „The King of Pigs“ (2011) und „The Fake“ (2013) aufgefallen, und das auch nur bei Festival-Publikum. Mit „Train to Busan“ jedoch setzte er sich direkt ein Denkmal, stellt der Zombiefilm doch eines der wohl rasantesten und besten Werke dar, die in den vergangenen Jahren rund um die lebenden Toten entstanden sind. Im gleichen Jahr inszenierte Sang-ho einen weiteren Zombiefilm, der als direktes Prequel zu „Train to Busan“ betrachtet werden kann und mit dem er zu seinen Ursprüngen als Anime-Regisseur zurückkehrte: „Seoul Station“ feierte seine Premiere beim Brussels International Fantastic Film Festival 2016 und gewann dort den „Silbernen Raben“.

Hye-seon (l.) muss die Miete für ihre Wohnung aufbringen

Mit seinem direkten Bezugsfilm „Train to Busan“ hat „Seoul Station“ bis auf das Thema und die gleiche Zombie-Epidemie – also die Ansiedlung im selben Film-Universum – jedoch recht wenig gemeinsam. Keine gemeinsamen Figuren, unterschiedliche Orte und natürlich der komplett unterschiedliche Stil beider Werke seien erwähnt. Und auch darüber hinaus grenzt sich „Seoul Station“ deutlich von „Train To Busan“ ab. Während die Realverfilmung als rasanter, schnell geschnittener Actionfilm durchgeht, in welchem politische Botschaften lediglich im Subtext zu lesen sind, stellt sich „Seoul Station“ in dieser Hinsicht ganz in die Tradition von beispielsweise George A. Romeros „Dawn of the Dead“ und nutzt das Szenario der Zombie-Apokalypse für eine Gesellschaftskritik erster Güte.

Gescheiterte Existenzen

Die junge Hye-seon lebt mit ihrem Freund Gi-ung in einer Wohnung in Seoul. Die beiden haben Probleme, die Miete für ihre Wohnung zu bezahlen. Hye-seon, die vor einiger Zeit als Prostituierte gearbeitet hat, wird von Gi-ung aufgefordert, ihre alte Tätigkeit wieder aufzunehmen, wogegen sie sich jedoch wehrt – und nach einem Streit verschwindet sie. Trotzdem stellt Gi-ung eine Anzeige seiner Freundin ins Netz, die sie als Sexobjekt anpreist und damit potenzielle Kunden ihn kontaktieren können. Bald darauf nimmt tatsächlich Seok-gu Kontakt mit Gi-ung auf – doch er stellt sich dem jungen Mann erbost als Hye-seons Vater vor, der seine Tocher sucht. Die streift währenddessen durch die Stadt zum U-Bahnhof – der titelgebenden Seoul Station, die jedoch, wie sie feststellen muss, just in dem Moment von einer Horde Zombies überrannt wird. Neben der Station scheinen die lebenden Toten aber auch die ganze Stadt eingenommen zu haben, womit ein Überlebenskampf der verbleibenden Menschen beginnt.

Bald bricht in der Stadt die Zombie-Apokalypse aus

Es dauert lange, bevor der Zuschauer überhaupt den ersten bissigen Kollegen zu Gesicht bekommt. Das nutzt „Seoul Station“ ganz bewusst, um die Ausgangssituation der südkoreanischen Bevölkerung in Seoul zu etablieren. An jeder Ecke sehen wir Obdachlose und Zugehörige der unteren Mittelschicht. Ihrer aussichtslosen Zukunft begegnen diese im kapitalistischen Sinne gescheiterten Existenzen mit dem Schwelgen in Erinnerungen an alte Zeiten – ein Gefühl der Nostalgie, das den gegenwärtigen Zeitgeist auch in der Mittelschicht ständig begleitet und in den ärmeren Gesellschaftsregionen umso stärker ausgeprägt zu sein scheint. Den Obdachlosen dienen zur Bewältigung ihrer Situation vor allem Krankenhäuser als Unterschlupf, wodurch ein Kampf um die begehrten, jedoch zahlenmäßig begrenzten Betten beginnt. Bei den Verlierern dieses Kampfes entstehen in der Folge Gefühle der Unzufriedenheit bis hin zu Zorn – der perfekte Nährboden für Aggression. Die angestaute Wut richtet sich folglich nicht nur gegen die Gewinner des großen Wettstreites um das begehrte Kapital, im Film auch als „Diktatoren“ bezeichnet, sondern auch auf jene Menschen, die gesellschaftlich gesehen auf derselben Stufe stehen wie diese „Wutbürger“ selbst. Darüber hinaus zeigt auch das Schicksal der Protagonistin Hye-seon und ihrem Freund die Verzweiflung der Abgehängten der Gemeinschaft, denn auch der Verkauf des eigenen Körpers wird im Angesicht drohender Obdachlosigkeit zu einer Option.

Selbst Gefängniszellen dienen fortan als Orte zum Durchschnaufen

Wie bereits erwähnt erinnern sich die Menschen in „Seoul Station“ zu diesem Zweck zurück an längst vergangene Zeiten, in denen die Welt für ihr Gefühl noch in Ordnung war. Was wir hier bemerken, ist der gegenwärtige Konservatismus, mit dem einige – gar viele – glauben, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen zu können. Die Erinnerung ist hier vor allem von Zeiten geprägt, in denen der global operierende Kapitalismus selbst noch nicht das Ausmaß angenommen hat, das wir heute auf dem Planeten beobachten können – hier dargestellt vor allem die immer weiter auseinanderklaffende Lücke zwischen Arm und Reich und das damit verbundene stückweise Verschwinden der Mittelschicht. Eine Nostalgie, welche die Menschen allerdings nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene beschäftigt, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich. Ein Beispiel für einen zwischenmenschlichen Konflikt haben wir wunderbar zwischen Gi-ung und Seok-gu dargestellt. Gi-ung wird vom Älteren immer wieder als schwächlich bezeichnet, was auch mit immer fieseren Schimpfwörtern untermauert wird. Hier finden wir das Propagieren eines längst veralteten, weil im Zuge der industriellen Revolution unnötig gewordenen Männlichkeitsbildes. Seok-gu stellt dabei dieses alte Bild des Mannes dar. Er ist groß, stark, aktiv und nimmt die meisten Probleme initiativ auf eigene Faust in die Hand. Nur ein Beispiel für die gesellschaftlichen Kontrapunkte, welche die Konflikte der Menschen untereinander zementieren.

Eine Revolution der Anarchie

Es sind Konflikte, die in der Folge zu einem Aufbegehren der Abgehängten führen, dargestellt durch die Zombie-Apokalypse. Im Rahmen dieser „rebelliert“ zunächst die Unterschicht, beginnend mit einem einzigen alten Obdachlosen, der die Revolution in gewisser Weise anführt. Hierbei folgt der Film dem Schneeballprinzip, das wir aus zahlreichen Zombiefilmen kennen: Wird ein Mensch gebissen und stirbt, erwacht er kurze Zeit später als untoter Menschenfresser. Mt der Zeit breitet sich so das Zombievirus unter den Bewohnern Seouls aus, wodurch die gesamte Stadt in Anarchie versinkt. Folge: der egoistische Kampf um das persönliche Wohl und ein damit einhergehendes steigendes Misstrauen untereinander. Ein zivilisiertes Zusammenleben ist somit nicht mehr möglich, das Ergebnis ist Anarchie. Im Zuge dessen sind demokratische Grundrechte unter den Menschen außer Kraft gesetzt, die gesellschaftlichen Normen gehören der Vergangenheit an. Besonders interessant gestaltet sich hier die Rolle des Staates: Nutzt dieser in Form von Polizei und Militär seine Kräfte zunächst zum Schutz der Menschen, tritt er im Verlauf der Handlung als Institution auf, um die Übriggebliebenen zusammenzupferchen, sie von sich selbst abzuschotten und somit das Risiko einer Verbreitung der Seuche zu minimieren. Somit handelt der Staat in dieser Notsituation nicht mehr im Interesse der Bevölkerung, sondern verfällt im Angesicht der drohenden Ohnmacht in eine Schockstarre, in der er jede potenzielle Gefahr von sich wegschieben will. Auch Tötungen seitens der staatlichen Gewalt dienen fortan als probates Mittel.

„Seoul Station“ geht in diesen Zeiten einigen wichtigen Fragen rund um unserer geamtgesellschaftliche Entwicklung auf die Spur. Inwiefern begünstigt das Auseinanderklaffen von Arm und Reich die Möglichkeit einer Anarchie? Inwieweit sind bürgerkriegsähnliche Zustände am Ende der Entwicklung eine Möglichkeit? Inwiefern kann der Staat seine Position ausnutzen, um den Status quo wiederherzustellen? Ist eine Wiederherstellung des Status quo wünschenswert oder übrhaupt möglich? All das verhandelt Yeon Sang-hos Anime in gut anderthalb Stunden. Zusätzlich zur soziologischen Debatte schafft es der Film außerdem, extrem unterhaltsam zu sein. Er ist mit der angesprochenen Lauflänge nicht zu lang, zeigt uns großartige Bilder in einer für dieses Genre im Medium Film ungewöhnlichen Optik und fährt mit einigen interessanten Storyentscheidungen und Wendungen auf. Einziger Wermutstropfen sind die nur im Ansatz interessant geschriebenen Charaktere, bei denen es mir schwerfiel, konstant mitzufühlen und mich näher für sie zu interessieren. Das ist allerdings ein Punkt, der angesichts der straight durcherzählten Geschichte und der fantastischen Optik nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Somit bleiben ein wirklich toller Zombiefilm und eine absolute Empfehlung, vor allem natürlich für Genrefans – vorzugsweise im Doppelpack mit „Train to Busan“ und in dieser Form auch in diversen Heimkino-Editionen erschienen.

Veröffentlichung: 29. September 2017 als Doppel-Blu-ray und Doppel-DVD (jeweils inkl. „Train to Busan“), 30. Juni 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Steelbook (2 Blu-rays, inkl. „Train to Busan“), 31. März 2017 als Blu-ray und DVD, 3. Februar 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Mediabook (2 Blu-rays, inkl. „Train to Busan“)

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: Seoulyeok
KOR 2016
Regie: Yeon Sang-ho
Drehbuch: Yeon Sang-ho
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenbilder & Packshots: © 2017 splendid film

 

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Your Name – Körpertausch der betörenden Art

Kimi no na wa

Kinostart: 11. und 14. Januar 2018

Von Matthias Holm

Anime-Fantasy-Drama // Den erfolgreichsten Anime aller Zeiten („Chihiros Reise ins Zauberland“ von 2001) abgelöst. Mehr als 354 Millionen Dollar weltweit eingespielt. Und zwei Jahre nach seinem Start in Japan kommt „Your Name“ von Makoto Shinkai an genau zwei Tagen in deutsche Lichtspielhäuser. So ist es nicht nur traurig, dass der Anime generell in der deutschen Kinolandschaft ein Schattendasein fristet – auch wird mit einer derart geringfügigen Kinoauswertung vielen Leuten ein wahres Leinwanderlebnis vorenthalten. Denn „Your Name“ besticht nicht nur durch eine emotionale Geschichte, er ist auch einer der schönsten gezeichneten Filme überhaupt.

Taki und Mitsuha tauschen unfreiwillig ihre Körper

Die junge Mitsuha (deutsche Stimme: Laura Jenni) wohnt im Dörfchen Itomori. Dort kümmert sie sich um den örtlichen Schrein, besucht die Schule und hat das triste Landleben eigentlich satt. Wie passend, dass sie eines Tages im Körper des ähnlich alten Taki (Maximillian Belle) aufwacht. Anscheinend tauschen die beiden mehrmals in der Woche ihrer Körper miteinander. Damit all das nicht im kompletten Chaos endet und da sich die beiden an ihre jeweiligen Handlungen am nächsten Tag kaum erinnern, führen sie Tagebuch. So kommen die beiden einander doch näher, als es ihnen an sich lieb ist.

Sowohl Taki als auch …

Weiter soll die Geschichte nicht ausgeführt werden. Denn was anfangs wie eine Body-Switch-Komödie üblicher Machart anmutet, entwickelt sich im Laufe der 107 Minuten immer weiter. Manche Gegebenheiten begreift man erst bei einer zweiten Sichtung so richtig, da sie doch etwas aus dem Nichts kommen. Bis man allerdings dort hinkommt, spielt Regisseur Makoto Shinkai typische Motive eines Körperwechsel-Films gekonnt durch. Missverständnisse und unpassende Verhaltensweisen sind zwar nichts Neues, machen aber gerade mit der Prise japanischem Humor sehr viel Spaß. Hier hege ich auch die größte Angst beim geplanten US-Remake von J. J. Abrams („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) – die japanische Kultur spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle und ob das adaptiert wird, bleibt zu bezweifeln.

… Mitsuha sehen den Kometen „Tiamat“

Darüber hinaus ist „Your Name“ einfach wunderschön. War Shinkais „The Garden of Words“ bereits absolut detailverliebt, dürfen sich der Regisseur und seine Zeichner hier noch mehr austoben. Ob das von Hochhäusern beherrschte Tokio, das ruhige Dorf Itomori oder die Reflexion von Neonwerbung in einer Pfütze – jedes Bild ist ein Kunstwerk. Dazu kommen wirklich schöne Einfälle für Szenenübergänge und eine Art Traumsequenz, die man im Kino gesehen haben sollte. Optisch gibt es kaum Filme im Anime-Bereich, die beeindruckender ausfallen. Auch der Soundtrack der japanischen Rockband RADWIMPS fügt sich wunderbar in das Geschehen ein, auch wenn manche Stücke, in Verbindung mit der durchaus kitschigen Geschichte, für manche zu viel des Guten sein können.

Die große Stadt Tokio

Ein Appell an alle, die für die beiden Tage, in denen man den Film hierzulande sehen kann, noch keine Karten haben – tut es! Auch für Leute, die mit Animes weniger anfangen können, ist „Your Name“ aufgrund seiner Optik und der mitreißenden Geschichte absolut einen Blick wert. Und auch wenn Makoto Shinkai sein Ende ein bisschen zu lange hinauszögert, sitzt sein Werk zu Recht auf dem Thron des erfolgreichsten Animes aller Zeiten.

Das kleine Dorf Itomori

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Kimi No Na Wa
JAP 2016
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Verleih: Universum Film

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat & Trailer: © 2017 Universum Film, Szenenbilder: © 2016 TOHO CO., LTD. / CoMix Wave Films Inc. / KADOKAWA CORPORATION / East Japan Marketing & Communications,Inc. / AMUSE INC. / voque ting co.,ltd. / Lawson HMV Entertainment, Inc.

 

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Ghost in the Shell – Liebe für das Original

Ghost in the Shell

Kinostart: 30. März 2017

Von Matthias Holm

Science-Fiction // Remakes sind bei Filmfans weltweit sehr umstritten. Manche erfreuen sich daran, dass bestimmte Stoffe für ein größeres Publikum aufbereitet werden, anderen fehlt das Gefühl und der Respekt für das Original, manchmal sind Remakes auch schlichtweg unnötig, erzählen sie doch absolut nichts Neues. Dementsprechend skeptisch war man auch bei der Ankündigung der Realverfilmung von „Ghost in the Shell“, dem 1995 entstandenen Anime-Klassiker von Mamoru Ohsii. Dass diese Verfilmung in Amerika entstand, ließ die Fans nicht unbedingt auf etwas Positives hoffen, sind doch gerade Remakes asiatischer Filme aus den USA häufig eher unbeliebt.

Whitewashing, das den Japanern gefällt

Als dann auch noch Scarlett Johansson für die Hauptrolle gecastet wurde, gab es umgehend Vorwürfe des Whitewashings. Interessanterweise scheinen sich die Japaner daran nicht zu stören. Der Trailer wurde durchaus positiv aufgenommen, gerade Johanssons Darstellung scheint im Land des Ursprungsmaterials gut anzukommen. Dass Rupert Sanders mit „Ghost in the Shell“ dann auch noch ein Film geglückt ist, der zwar nicht an die überlebensgroße Vorlage herankommt, ihr aber durchaus gerecht wird, dürfte die Japaner umso mehr freuen.

Der Major wird zusammengesetzt

In der Zukunft ist ein verbesserter Körper kein Traum mehr. Über Implantate schaffen es Menschen, sich stetig zu verbessern. Der größte Durchbruch gelingt Dr. Ouelet (Juliette Binoche): Sie schafft es, das Gehirn eines Menschen in einen komplett künstlichen Körper zu verfrachten. Die so wiedergeborene Mira (Scarlett Johansson) wird zur Sektion 9 gebracht, einer Sondereinheit, die gegen Cyberkriminalität vorgeht. Dort bringt Mira es innerhalb eines Jahres zum Major, sie erweist sich als die stärkste Waffe im Kampf gegen das Verbrechen. Doch eines Tages tritt ein Hacker auf den Plan, der bisher unvorstellbare Taten vollbringt – und er scheint Personen zu attackieren, die an dem Projekt mitgewirkt haben, das Miras Leben gerettet hat.

Kein Puppet Master

Freunde des Originals müssen bei der Geschichte einige Zugeständnisse machen. Denn wo es in „Ghost in the Shell“ von 1995 mehr um die philosophische Auseinandersetzung zwischen Geist und Maschine ging und die Jagd nach dem Puppet Master nettes Beiwerk war, liegt in der 2017er-Version der Fokus stärker auf den eigentlichen Geschehnissen. Die sind zwar mit einigen Twists gespickt, die Geschichte läuft allerdings meist in vorhersehbaren Blockbuster-Bahnen ab. Viel wurde für das Mainstream-Publikum angepasst, es gibt keine vertrackte Symbolik – Stichwort Baum des Lebens. Dabei ist es Rupert Sanders allerdings hoch anzurechnen, dass er diesen philosophischen Kern nicht komplett entfernt.

Die Stadt von übermorgen

Seine Version konzentriert sich zwar deutlich mehr auf die Action und die Geschichte der Figuren, dennoch werden bestimmte Fragen aufgeworfen, die typisch für die Cyberpunk-Spielart der Science-Fiction sind. Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Maschine? Darauf gibt der Film keine Antwort, sondern er lässt den Zuschauer selbst über diese Fragen nachdenken, während er in seinen Bildern schwelgt. Und was das für Bilder sind! Optisch macht der Film einiges her. Sei es nun die Großstadt bei Nacht mit ihren riesigen Werbeanzeigen und Armenvierteln oder seien es die Kämpfe. Selten hat sich die Atmosphäre eines gezeichneten Films so gut in eine Real-Adaption eingefügt. Zwar gibt es den einen oder anderen Zeitlupeneffekt zu viel, die trüben den Spaß aber kaum merklich.

Takeshi Kitano, der coolste Typ der Welt

Schauspielerisch gibt es absolut nichts zu beanstanden. Scarlett Johansson bewegt sich etwas roboterhaft, was in dem Setting durchaus Sinn ergibt. Wenn sie dann allerdings in den Actionszenen Schießen und Prügeln darf, sieht das fantastisch aus – die Dame hat ja auch inzwischen einiges an Action-Erfahrung gesammelt, so trägt sie den Film allein. Der restliche Cast bleibt, auch aufgrund geringerer Leinwandzeit, etwas zurück. Einen Szenendieb gibt es allerdings: „Beat“ Takeshi Kitano wird wohl bis zu seinem Lebensende eine coole Sau sein. Sein Daisuke Aramaki, Leiter von Sektion 9, sieht aus wie ein Yakuza-Gangster, hat aber stets das Wohlergehen seiner Untergebenen im Kopf. Und dass er gegen Ende als Vollstrecker auftritt, macht seine Figur umso cooler.

Sowohl Batou als auch …

Ein wenig enttäuscht darf man allerdings von Clint Mansell sein. Der Haus- und Hof-Komponist von Darren Aronofsky orientiert sich anfangs sehr nah am eindringlichen Score des ersten Animes – bei den Choralgesängen wird manche Erinnerung wach. Allerdings tritt die Musik im Lauf des Films extrem in den Hintergrund und wird bis auf das Ende kaum bis gar nicht wahrgenommen. Das ist vor allem deshalb schade, wurde doch auch durch diese eindringliche Musik viel Atmosphäre transportiert. So muss sich Sanders, wie beschrieben, ganz auf seine Bilder verlassen.

Verweise links und rechts

Einen Punkt gibt es allerdings, der „Ghost in the Shell“ zu einem Fest für Fans macht. Anders als manch anderes Remake ist sich der Film seiner Wurzeln bewusst und zeigt dies auch deutlich. Es gibt immer wieder Verweise auf die beiden Anime-Filme, wie Batous (Pilou Asbaek) Liebe zu Hunden, insbesondere zu einem Beagle. Teilweise wurden auch diverse Einstellungen eins zu eins aus dem Anime übernommen, etwa die legendäre Eingangsszene, in der der Körper für den Major erschaffen wird. Diese Sequenzen in einem Realfilm zu sehen, kann einem Fan schon mal Gänsehaut bereiten. Doch Rupert Sanders geht noch weiter: So wird beispielsweise gezeigt, woher Batou seine künstlichen Augen hat, was weder im Manga noch in den Filmen zuvor dargestellt wurde. Oder bestimmte Gegebenheiten wurden genommen und dem neuen Story-Kontext angepasst, wie eine Actionsequenz, die einen Müllwagen einschließt. Die Liebe zum Anime ist sogar so groß, dass es am Ende eine etwas vorhersehbare, aber nichtsdestotrotz großartige Hommage gibt, die an dieser Stelle nicht gespoilert werden soll – immerhin hat es etwas mit der Story zu tun.

… Daisuke Aramaki arbeiten für Sektion 9

Zum Glück ist „Ghost in the Shell“ keine schlechte Kopie des Animes geworden. Die Geschichte hätte ruhig noch mehr Tiefgang vertragen können, dann wäre ein wahrhaft meisterlicher Film entstanden. Aber auch so haben wir es mit einer würdigen Adaption zu tun. Und diese Art der Remakes gibt es wahrlich nicht häufig. Ein Wort noch zum 3D: Es ist da. Gibt dem Film allerdings keine großartige neue Dimension, ist also eher ein teures Ärgernis.

Das sieht nach Ärger aus

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Scarlett Johansson sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Ghost in the Shell
USA 2017
Regie: Rupert Sanders
Drehbuch: Jamie Moss, nach einem Manga von Masamune Shirow
Besetzung: Scarlett Johansson, Juliette Binoche, Peter Ferdinando, Michael Pitt, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Chin Han
Verleih: Paramount Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Paramount Pictures Germany GmbH

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2017/03/30 in Film, Kino, Rezensionen

 

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