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Horror für Halloween (XXII): Comtesse des Grauens – Blutgräfin braucht junges Gemüse

Countess Dracula

Von Volker Schönenberger

Horror // Die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory soll junge Frauen auf ihre Burg gelockt und dort nackt zu Tode gefoltert haben. Der Legende nach hat sie sogar in deren Blut gebadet, um sich jung und attraktiv zu erhalten. Die Zahl ihrer Opfer schwankt je nach Quelle zwischen niedrig zweistellig und üppig dreistellig. Welche der ihr zur Last gelegten Exzesse die Dame tatsächlich verübt hat, mag schwer zu ergründen sein, Fakt ist: Sie wurde 1611 als Serienmörderin verurteilt und verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens bis zu ihrem Tod als Mittfünfzigerin im August 1614 als Gefangene auf ihrer eigenen Burg. Die auch als Blutgräfin in die Geschichte eingegangene Adlige inspirierte viele Kulturschaffende, ob in Literatur, Videospielen oder anderen Bereichen. Im düsteren Metal finden sich zahlreiche Verweise auf Elisabeth Báthory, etwa der Song „Countess Bathory“ auf dem Album „Black Metal“ von Venom. Die englische Black-Metal-Formation Cradle of Filth widmete der Dame gleich ein ganzes Album: „Cruelty and the Beast“. Weitere Beispiele: „Beauty Through Order“ von Slayer, „Elizabeth“ von Ghost sowie „Woman of Dark Desires“ von Bathory, deren Name ja schon an sie erinnert.

Kann Gräfin Elisabeth in junger Gestalt das Herz von Leutnant Imre Toth gewinnen?

Wenig verwunderlich, dass die Blutgräfin wiederholt in der Filmgeschichte verewigt wurde, etwa 2008 in „Die Gräfin“ von und mit Julie Delpy sowie mit Daniel Brühl. Die Vampirin in „Fright Night 2 – Frisches Blut“ (2013) ist klar erkennbar an Elisabeth Báthory angelehnt, auch in „Blut an den Lippen“ (1971) von Harry Kümel tritt sie in Erscheinung, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Der Jungbrunnen Jungfrauenblut

In „Comtesse des Grauens“ aus dem Hause Hammer Films trägt die Gräfin den Namen Elisabeth Nadasdy (Ingrid Pitt). Nach dem Tod ihres Gatten muss sie es hinnehmen, seine Ländereien mit der gemeinsamen Tochter Ilona (Lesley-Anne Down) zu teilen – so hat ihr Gemahl es testamentarisch verfügt. Durch einen Zufall entdeckt die gealterte Gräfin, dass das Blut junger Frauen ihren Teint enorm verjüngt, sie gar zu der blühenden Schönheit werden lässt, die sie einst war. Ihr Untergebener und treu ergebener Hauptmann Dobi (Nigel Green) führt ihr daher Jungfrauen zu, in deren Blut sie badet. Fatalerweise verflüchtigt sich die Wirkung schnell, lässt die Gräfin sogar schneller altern. Das behindert verständlicherweise ihre romantischen Avancen gegenüber dem Husarenleutnant Imre Toth (Sandor Elès). Der Strom jungen Blutes muss somit schneller fließen …

Der Fund einer blutarmen Frauenleiche versetzt das Volk in Angst

Gräfin Dracula, wie der Originaltitel „Countess Dracula“ andeutet, bekommen wir nicht zu sehen, bei der Gräfin handelt es sich keineswegs um eine blutsaugende Vampirin. Die Verbindung zwischen Gräfin Bathory und dem von Bram Stoker ersonnenen Vampirfürsten liegt aber zugegebenermaßen nahe und ist auch wiederholt hergestellt worden. Ob Stoker aus Berichten über die Blutgräfin Inspiration für seinen Roman gezogen hat, ist nicht belegt und kann daher dahingestellt bleiben.

Etwas mehr Blut hätte Gesicht gehabt

Mehr Blut! Nicht nur die Gräfin benötigt es dringend, auch „Comtesse des Grauens“ hätten ein paar Liter mehr davon gut zu Gesicht gestanden. Angesichts des sich um sexuelle Anziehungskraft drehenden Themas hätte ich mir auch noch etwas mehr nackte Haut gewünscht, zumal der Film 1970 gedreht wurde, die Freizügigkeit mithin gut vertragen hätte. Aber vielleicht geht da auch nur der Voyeur in mir durch, ein paar ausladende Dekolletés und sogar etwas mehr bekommen wir dann doch zu sehen. Und die Kostüme bieten natürlich ebenfalls etwas fürs Auge, desgleichen die Studiokulissen. Dass sich einige der Figuren nicht immer logisch oder clever verhalten – geschenkt.

Der Alterungsprozess schreitet immer schneller voran

Die 1937 in Warschau geborene und 2010 in London gestorbene Ingrid Pitt verleiht ihrer skrupellos selbstsüchtigen Figur ein bösartiges Charisma, und Menschenleben bedeuten ihr nichts, sind sie niederen Standes, sowieso nicht. Nicht alle ihre schauspielerischen Mitstreiter halten Pitts Niveau. Als gealterte Gräfin hat sie keine Hemmungen, sich hässlich zu zeigen. Andere mögen das Mut zur Hässlichkeit nennen, aber das sollte bei einer Schauspielerin keinen Mut erfordern. Ein Jahr zuvor hatte Pitt bereits im Hammer-Film „Gruft der Vampire“ mitgewirkt. In ihrer Filmografie finden sich Rollen in „Totentanz der Vampire“ (1971) und „The Wicker Man“ (1973) sowie in Actionfilmen wie „Agenten sterben einsam“ (1968) und „Das Kommando“ (1982). In „Doktor Schiwago“ (1965) hat sie einen Komparsen-Auftritt.

Peter Sasdy dreimal für Hammer auf dem Regiestuhl

Regisseur Peter Sasdy hatte ein Jahr zuvor für Hammer „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ inszeniert. Kurz nach „Comtesse des Grauens“ drehte er „Hände voller Blut“.

Junges Blut muss her

Das Mediabook von Anolis Entertainment lässt einmal mehr keine Wünsche offen. Bild- und Tonqualität genügen hohen Ansprüchen, für Fans von Audiokommentaren finden sich gleich zwei davon, ein eigens produzierter sowie einer von 2006 unter anderem mit Hauptdarstellerin Ingrid Pitt. Auch das schmucke Booklet mit zwei Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad rechtfertigt die Anschaffung des Mediabooks, das bereits eine Weile nicht mehr im regulären Handel lieferbar ist, sich auf dem Sammlermarkt aber immerhin zu einigermaßen akzeptablen Preisen findet. „Comtesse des Grauens“ hält nicht ganz das Niveau von Hammer-Großtaten wie „Dracula“ (1958), „Der Fluch von Siniestro“ (1961) und „Nächte des Grauens“ (1966), aber das sind auch hohe Messlatten. In der weniger hoch gehandelten 70er-Jahre-Spätphase des Studios hält sich der Horrorfilm wacker.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ingrid Pitt sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen zu finden.

Hauptmann Dobi ist seiner Gräfin treu ergeben

Veröffentlichung: 28. August 2015 als DVD in kleiner Hartbox (zwei Covervarianten à 222 Exemplare), 17. Dezember 2014 als Blu-ray im limitierten Mediabook und Blu-ray, 17. März 2005 als DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Countess Dracula
GB 1971
Regie: Peter Sasdy
Drehbuch: Jeremy Paul
Besetzung: Ingrid Pitt, Nigel Green, Sandor Elès, Maurice Denham, Patience Collier, Peter Jeffrey, Lesley-Anne Down, Leon Lissek, Jessie Evans, Andrea Lawrence, Susa Brodrick, Ian Trigger
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Ivo Scheloske, Audiokommentar mit Ingrid Pitt , Stephen Jones und Kim Newman (2006), Interview mit Peter Sasdy (2013), Interview mit Ingrid Pitt (1994), Trailer, deutsche Titelsequenz, deutscher Werberatschlag, US Pressbook, Hammer Christmas Folder, Rank Folder, Bildergalerie, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad
Label/Vertrieb Blu-ray: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb DVD: Anolis Entertainment GmbH / EMS GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & 2er-Packshot: © 2014 Anolis Entertainment

 
 

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Horror für Halloween (IX): Dracula und seine Bräute – Dann eben nicht, Christopher Lee!

The Brides of Dracula

Von Volker Schönenberger

Horror // Erinnern wir uns: Am Ende von „Dracula“ (1958) war es Dr. Van Helsing (Peter Cushing) gelungen, den Vampirfürsten zu bezwingen – vom Sonnenlicht getroffen, zerfiel der Blutsauger zu Staub. Zwei Jahre später legten Hammer Films und Regisseur Terence Fisher nach und schufen mit „Dracula und seine Bräute“ den nächsten Vampirfilm, der durchaus als direkte Fortsetzung verstanden werden kann.

Im Gasthaus trifft die junge Lehrerin Marianne …

Der Titel führt dabei allerdings in die Irre, denn mit Dracula bekommt es Van Helsing diesmal nicht zu tun, obendrein handelt es sich bei den in Erscheinung tretenden Blutsaugerinnen nicht mal um Draculas Gespielinnen, ein anderer steckt dahinter. Das ursprüngliche Drehbuch sah die Auferstehung Draculas vor, dies ließ sich allerdings nicht realisieren, weil Christopher Lee das Skript dem Vernehmen nach missbilligte und er daher sein Mitwirken ablehnte. Daher wurde sein Part kurzerhand hinausgeschrieben, zu Draculas Wiederkehr kam es somit erst 1966 in „Blut für Dracula“ („Dracula – Prince of Darkness“) – ebenfalls unter der Regie von Fisher.

… auf die schroffe Baronin Meinster

Aber bleiben wir bei „Dracula und seine Bräute“. Die junge Lehrerin Marianne Danielle (Yvonne Monlaur) befindet sich auf dem Weg von Paris ins transsylvanische Badstein, wo sie eine Stelle im Mädchenpensionat Lang antreten will. Doch während sie in einem Gasthaus auf ihr Essen wartet, zieht ihr Kutscher mit seinem Gefährt von dannen. Die vermeintliche Lösung der misslichen Situation naht alsbald in Gestalt der herrischen Baronin Meinster (Martita Hunt), die sie auf ihr nahegelegenes Schloss einlädt und ihr eine Bettstatt für die Nacht anbietet. In dem hochherrschaftlichen Gemäuer entdeckt Marianne in einem ihrem Zimmer gegenüberliegenden Trakt einen jungen Mann, dessen Bewegungsradius eine silberne Kette einschränkt. Er stellt sich ihr als Baron Meinster (David Peel) vor, den seine Mutter grundlos gefangen halte …

Dr. Van Helsing greift ein

In der Folge trifft Marianne Danielle auf Van Helsing, der sich einmal mehr als wackerer Vampirjäger erweist. Und trotz Draculas Abwesenheit lässt sich konstatieren, dass „Dracula und seine Bräute“ ausgesprochen gruselig geraten ist. Das beginnt schon mit der wilden Kutschfahrt durch den Wald, bei der während eines kurzen Stopps aufgrund eines Hindernisses bereits damit zu rechnen ist, dass das Unheil über den Kutscher und seine Passagierin hereinbricht. Auch der Aufenthalt der jungen Lehrerin auf Schloss Meinster lässt wohltuenden Schauder über die Zuschauer rieseln. Danach sinkt der Gruselfaktor etwas, um sich beim grandiosen Windmühlenfinale wieder in ungeahnte Höhen zu erheben.

Weshalb ist der Sohn der Baronin angekettet?

Das Vampir-Personal kann natürlich nicht mit jenem in den „Dracula“-Filmen mit Christopher Lee mithalten, an dessen Charisma kommt kaum jemand vorbei. Größter Kritikpunkt ist in meinen Augen aber die Personalie der „Damsel in Distress“ Marianne Danielle. Die junge Lehrerin ist mit „naiv“ noch harmlos beschrieben. Ob das an Yvonne Monlaurs Darstellung, der Charakterisierung ihrer Figur im Skript oder Terence Fishers Regieanweisungen lag, lässt sich schwer beantworten, vielleicht spielte von jedem etwas hinein. Einige Aspekte sind Monlaur jedenfalls nicht anzulasten. Eine große Karriere war ihr nicht beschieden, im Kino war sie letztmalig 1966 in dem französisch-deutschen Jerry-Cotton-Krimi „Die Rechnung – eiskalt serviert“ zu sehen. Nach zwei kurzen TV-Serienauftritten im selben Jahrzehnt endete ihre Karriere.

Bewährte Qualität von Hammer und Anolis

Farbgebung, Kostümierung, Beleuchtung und die herrlichen Studiokulissen (gepaart mit ein paar Freiluft-Drehorten) entsprechen dem hohen Standard, den wir von Hammer-Films-Produktionen aus jener Zeit gewohnt sind und schätzen. Da kann man über Christopher Lees Fehlen in einem Hammer-Vampirfilm locker hinwegsehen. Peter Cushing reißt mit seiner gewohnt beherzten Performance ohnehin locker alles wieder heraus und macht die Schwächen vergessen. Freda Jackson („Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley“, 1965) als undurchsichtige Schlossdienerin Greta gibt dem Geschehen eine unheilvolle Note.

Dr. Van Helsing greift wieder zum Hammer

Was für das Niveau der Produktion gilt, lässt sich ebenso für das des Mediabooks von Anolis Entertainment anführen: Das Label hält den hohen Qualitätsstandard. Die Edition von 2015 ist bereits seit einiger Zeit vergriffen und gesucht, auch das hat sie mit diversen Vorgängern und Nachfolgern gemein. Im Booklet erfahren wir etwas über die Unstimmigkeiten, mit denen die Produktion bereits im Vorfeld geplagt war – das Drehbuch wurde wiederholt umgeschrieben, was man dem fertigen Film auch anmerkt. Aber vielleicht sollte Anolis seinen Booklet-Autoren auf den Weg geben, ihre Texte miteinander abzustimmen, wenn man schon ein Booklet von drei Schreibern füllen lässt. Wenn drei Autoren nach eigenem Ermessen unabhängig voneinander über ein und dieselbe Produktion schreiben, lassen sich Dopplungen kaum vermeiden. Dennoch ist das Mediabook natürlich ein Schmuckstück jeder gut sortierten Vampirfilm-Sammlung – und in solche gehört „Dracula und seine Bräute“ definitiv hinein.

Die Vampirbräute sind auf Ärger aus

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Peter Cushing unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 13. November 2015 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in drei Covervarianten) und Blu-ray, 18. November 2016 als Blu-ray, 24. August 2007 als DVD

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Brides of Dracula
GB 1960
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: Jimmy Sangster, Peter Bryan, Edward Percy
Besetzung: Peter Cushing, Martita Hunt, Yvonne Monlaur, Freda Jackson, David Peel, Miles Malleson, Henry Oscar, Mona Washbourne, Andree Melly, Victor Brooks, Fred Johnson, Michael Ripper
Zusatzmaterial 2015: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Making-of, Interview mit Yvonne Monlaur (Manchester 2004), britischer, amerikanischer und deutscher Kinotrailer, deutsche Titelsequenz, Comic-Adaption, deutscher Werberatschlag, Filmprogramme, Bildergalerie, nur Mediabook: 36-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Uwe Huber
Label/Vertrieb Mediabook & Blu-ray: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb DVD: Koch Media

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2015 Anolis Entertainment GmbH

 

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Rasputin – Der wahnsinnige Mönch: Erst dämonischer Dracula, dann wollüstiger Wanderprediger

Rasputin – The Mad Monk

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Mit dem legendenumwitterten russischen Mönch bin ich erstmals durch den Disco-Hit „Rasputin“ von Boney M. in Berührung gekommen – meine allererste Lieblingsgruppe, das sei verschämt eingestanden. Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen – welch tolle Textzeile! War der Rauschebart wirklich Russia’s greatest love machine, wie die seinerzeit höchst erfolgreiche Popkombo von Frank Farian behauptete? Über den historischen Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869–1916) bin ich nicht wirklich im Bilde, und es sind Zweifel angebracht, ob Verfilmungen wie „Rasputin, der Dämon der Frauen“ (1932) mit Conrad Veidt in der Titelrolle, „Rasputin, der Dämon von Petersburg“ (1960) oder „Rasputin – Orgien am Zarenhof“ (1983) ein authentisches Bild der historischen Persönlichkeit liefern.

Rasputin kriegt Mecker vom Bischof

Dies lag zweifellos auch nicht in der Absicht von Hammer Films, als sich das Studio entschloss, „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ zu produzieren. Den Regiestuhl übernahm Don Sharp, der mit „Der Kuss des Vampirs“ (1963) und „Die Teufelspiraten“ (1964) bereits für Hammer tätig gewesen war und kurz zuvor für Hallam Productions „Ich, Dr. Fu Man Chu“ (1965) inszeniert und dort ebenfalls Christopher Lee in der Titelrolle geführt hatte. Gedreht wurde in den Kulissen des gerade (oder gleichzeitig) abgefilmten „Blut für Dracula“, in welchem natürlich einmal mehr Lee in der Titelrolle zu sehen ist. „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ hält somit das hohe Niveau des Hammer-typischen Produktionsdesigns. Wer erkennt schon den Unterschied zwischen einem Vampirschloss in den Karpaten und einem Zarenpalast in St. Petersburg?

Vom Vampirkostüm in die Mönchsrobe

In der Rolle des Vampirfürsten Graf Dracula strahlt Christopher Lee bei aller Bösartigkeit stets Würde und Noblesse aus. Als Wanderprediger und Wunderheiler Rasputin darf er sich mal so richtig austoben – und er tut das mit Elan und mit einer Leinwandpräsenz, die seine Ko-Darsteller blass aussehen lässt und der Ausstrahlung seiner Dracula-Darstellungen in nichts nachsteht. Etwas mehr „larger than life“ als bei Dracula ist das angelegt, dennoch wirkt Lees Leistung zu keiner Zeit wie Overacting. Jedenfalls traut man Lees Rasputin jederzeit den Bösen Blick zu. Dem Vernehmen nach hatte Christopher Lee zur Vorbereitung ausgiebig über den historischen Rasputin recherchiert.

Der kann das mit die Frauen

Zu Beginn heilt der Wanderprediger durch Handauflegen die im Fieberwahn dahinsiechende Frau eines Gastwirts in einer Kaschemme im hinteren Russland. Im Anschluss widmet er sich ausgiebig Wein, Wodka und Weib. Ein eifersüchtiger Bauernbursche will das nicht hinnehmen und bezahlt dafür mit dem Verlust einer Hand. Für dieses Verhalten und andere Verfehlungen wird Rasputin vor seinen Bischof (Joss Ackland) beordert, dem er eine an sich nachvollziehbare Rechtfertigung liefert: Wenn ich beichte, biete ich Gott nicht nur Eifersucht und belanglose Streitigkeiten, sondern Sünden, die seine Vergebung wert sind. Eine wunderbare Begründung für Wollust, Trunksucht und sonstige Sünden. Vielleicht sollte ich zum Katholizismus konvertieren, da doch die Beichte eine sehr pragmatische Methode zu sein scheint, Vergebung zu erlangen. Nun gut, der Bischof hält diese Haltung für Blasphemie, aber was wissen die Pfaffen schon von weltlichen Genüssen?

Ab an den Zarenhof

Rasputin entzieht sich seinem geistlichen Boss, indem er sich nach St. Petersburg begibt, wo er sich nach einem siegreichen Trinkspiel bei Dr. Zargo (Richard Pasco) einnistet und Sonia (Barbara Shelley) kennenlernt, ihres Zeichens Hofdame der Zarin und eine der Betreuerinnen des jungen Zarewitsch (Robert Duncan). Mit hypnotischen Kräften und seiner Manneskraft macht er sie sich gefügig, und bald steht er vor der Zarin (Renée Asherson) persönlich.

Wer würde diesen Augen widerstehen?

Die sexuelle Komponente zieht sich mehr oder minder deutlich durch viele Hammer-Produktionen, hier kommt sie umso expliziter zum Tragen, wenn sich Rasputin mit einer Gespielin ins Heu oder Bett verzieht. Mitte der 1960er-Jahre stand das Studio noch in voller Blüte, sodass selbst das vergleichsweise ungewöhnliche Sujet des Historiendramas gemeistert wurde. Rasputins wollüstiges Treiben und sein Streben nach Einfluss bürgen dafür, dass die anderthalb Stunden ohne einen Anflug von Langeweile wie im Fluge vergehen. Der so actionreiche wie dramatische Showdown tut sein Übriges dazu. Insgesamt ist dennoch zu konstatieren, dass „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ ohne Christopher Lee womöglich nur die Hälfte wert wäre.

Üppig ausgestattetes Mediabook

Anolis Entertainment hat das Werk in gewohnt üppiger Manier auf Blu-ray im Mediabook mit zwei Covervarianten gepackt, Mediabook-Verächter können auf eine Blu-ray im Softcase zugreifen, die alle digitalen Boni enthält. Darunter beispielsweise den Film auch im ursprünglichen CinemaScope-Format 2,55:1 – im Vergleich zu den 2,35:1 des Haupt-Features der Blu-ray. An der Bildqualität gibt es wie immer nichts auszusetzen. Beim Ton liegt die Original-Sprachfassung qualitativ deutlich vor der deutschen Synchronisation. Fans von Audiokommentaren werden gleich dreifach bedient: Zu zwei neuen mit bewährtem Personal – siehe unten – gesellt sich ein älterer mit den Darstellern Christopher Lee und Francis Matthews sowie den Darstellerinnen Barbara Shelley und Suzan Farmer. Ein 25-minütiges Making-of und ein viertelstündiges Featurette über Bücher zu Hammer-Filmen runden das Rundum-Sorglos-Paket ab. Englische Untertitel wären für mich das Tüpfelchen auf dem i gewesen, aber womöglich ist die Nachfrage in Deutschland nicht groß genug, dass sich der Zukauf oder die Produktion von diesen für Anolis rechnet. Sammler des Labels werden ohnehin bereits zugegriffen haben, und auch Freunden gepflegter Historien-Exploitation sei „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ empfohlen.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ findet sich auch bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Sonia scheint etwas zu klammern

Veröffentlichung: 25. Januar 2019 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten) und Blu-ray, 19. August 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rasputin – The Mad Monk
GB 1966
Regie: Don Sharp
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Barbara Shelley, Richard Pasco, Francis Matthews, Suzan Farmer, Dinsdale Landen, Renée Asherson, Derek Francis, Joss Ackland, Robert Duncan
Zusatzmaterial: Filmfassung im Originalformat 2,55:1, Audiokommentar mit Christopher Lee, Barbara Shelley, Francis Matthews und Suzan Farmer, Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Gerd Naumann, Audiokommentar mit Uwe Sommerlad und Volker Kronz, „Tall Stories: The Making of Rasputin – The Mad Monk“ (25:21), „Hammer Novelisations – Brought to Book“ (15:07), britischer Kinotrailer, US Double Feature Trailer, TV Spots, Bildergalerie, nur Mediabook: 28-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, nur Softcase: Wendecover
Label/Vertrieb Blu-ray: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb DVD: Anolis Entertainment GmbH / EMS GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

 
 

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