RSS

Schlagwort-Archive: Anolis Entertainment

Rasputin – Der wahnsinnige Mönch: Erst dämonischer Dracula, dann wollüstiger Wanderprediger

Rasputin – The Mad Monk

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Mit dem legendenumwitterten russischen Mönch bin ich erstmals durch den Disco-Hit „Rasputin“ von Boney M. in Berührung gekommen – meine allererste Lieblingsgruppe, das sei verschämt eingestanden. Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen – welch tolle Textzeile! War der Rauschebart wirklich Russia’s greatest love machine, wie die seinerzeit höchst erfolgreiche Popkombo von Frank Farian behauptete? Über den historischen Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869–1916) bin ich nicht wirklich im Bilde, und es sind Zweifel angebracht, ob Verfilmungen wie „Rasputin, der Dämon der Frauen“ (1932) mit Conrad Veidt in der Titelrolle, „Rasputin, der Dämon von Petersburg“ (1960) oder „Rasputin – Orgien am Zarenhof“ (1983) ein authentisches Bild der historischen Persönlichkeit liefern.

Rasputin kriegt Mecker vom Bischof

Dies lag zweifellos auch nicht in der Absicht von Hammer Films, als sich das Studio entschloss, „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ zu produzieren. Den Regiestuhl übernahm Don Sharp, der mit „Der Kuss des Vampirs“ (1963) und „Die Teufelspiraten“ (1964) bereits für Hammer tätig gewesen war und kurz zuvor für Hallam Productions „Ich, Dr. Fu Man Chu“ (1965) inszeniert und dort ebenfalls Christopher Lee in der Titelrolle geführt hatte. Gedreht wurde in den Kulissen des gerade (oder gleichzeitig) abgefilmten „Blut für Dracula“, in welchem natürlich einmal mehr Lee in der Titelrolle zu sehen ist. „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ hält somit das hohe Niveau des Hammer-typischen Produktionsdesigns. Wer erkennt schon den Unterschied zwischen einem Vampirschloss in den Karpaten und einem Zarenpalast in St. Petersburg?

Vom Vampirkostüm in die Mönchsrobe

In der Rolle des Vampirfürsten Graf Dracula strahlt Christopher Lee bei aller Bösartigkeit stets Würde und Noblesse aus. Als Wanderprediger und Wunderheiler Rasputin darf er sich mal so richtig austoben – und er tut das mit Elan und mit einer Leinwandpräsenz, die seine Ko-Darsteller blass aussehen lässt und der Ausstrahlung seiner Dracula-Darstellungen in nichts nachsteht. Etwas mehr „larger than life“ als bei Dracula ist das angelegt, dennoch wirkt Lees Leistung zu keiner Zeit wie Overacting. Jedenfalls traut man Lees Rasputin jederzeit den Bösen Blick zu. Dem Vernehmen nach hatte Christopher Lee zur Vorbereitung ausgiebig über den historischen Rasputin recherchiert.

Der kann das mit die Frauen

Zu Beginn heilt der Wanderprediger durch Handauflegen die im Fieberwahn dahinsiechende Frau eines Gastwirts in einer Kaschemme im hinteren Russland. Im Anschluss widmet er sich ausgiebig Wein, Wodka und Weib. Ein eifersüchtiger Bauernbursche will das nicht hinnehmen und bezahlt dafür mit dem Verlust einer Hand. Für dieses Verhalten und andere Verfehlungen wird Rasputin vor seinen Bischof (Joss Ackland) beordert, dem er eine an sich nachvollziehbare Rechtfertigung liefert: Wenn ich beichte, biete ich Gott nicht nur Eifersucht und belanglose Streitigkeiten, sondern Sünden, die seine Vergebung wert sind. Eine wunderbare Begründung für Wollust, Trunksucht und sonstige Sünden. Vielleicht sollte ich zum Katholizismus konvertieren, da doch die Beichte eine sehr pragmatische Methode zu sein scheint, Vergebung zu erlangen. Nun gut, der Bischof hält diese Haltung für Blasphemie, aber was wissen die Pfaffen schon von weltlichen Genüssen?

Ab an den Zarenhof

Rasputin entzieht sich seinem geistlichen Boss, indem er sich nach St. Petersburg begibt, wo er sich nach einem siegreichen Trinkspiel bei Dr. Zargo (Richard Pasco) einnistet und Sonia (Barbara Shelley) kennenlernt, ihres Zeichens Hofdame der Zarin und eine der Betreuerinnen des jungen Zarewitsch (Robert Duncan). Mit hypnotischen Kräften und seiner Manneskraft macht er sie sich gefügig, und bald steht er vor der Zarin (Renée Asherson) persönlich.

Wer würde diesen Augen widerstehen?

Die sexuelle Komponente zieht sich mehr oder minder deutlich durch viele Hammer-Produktionen, hier kommt sie umso expliziter zum Tragen, wenn sich Rasputin mit einer Gespielin ins Heu oder Bett verzieht. Mitte der 1960er-Jahre stand das Studio noch in voller Blüte, sodass selbst das vergleichsweise ungewöhnliche Sujet des Historiendramas gemeistert wurde. Rasputins wollüstiges Treiben und sein Streben nach Einfluss bürgen dafür, dass die anderthalb Stunden ohne einen Anflug von Langeweile wie im Fluge vergehen. Der so actionreiche wie dramatische Showdown tut sein Übriges dazu. Insgesamt ist dennoch zu konstatieren, dass „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ ohne Christopher Lee womöglich nur die Hälfte wert wäre.

Üppig ausgestattetes Mediabook

Anolis Entertainment hat das Werk in gewohnt üppiger Manier auf Blu-ray im Mediabook mit zwei Covervarianten gepackt, Mediabook-Verächter können auf eine Blu-ray im Softcase zugreifen, die alle digitalen Boni enthält. Darunter beispielsweise den Film auch im ursprünglichen CinemaScope-Format 2,55:1 – im Vergleich zu den 2,35:1 des Haupt-Features der Blu-ray. An der Bildqualität gibt es wie immer nichts auszusetzen. Beim Ton liegt die Original-Sprachfassung qualitativ deutlich vor der deutschen Synchronisation. Fans von Audiokommentaren werden gleich dreifach bedient: Zu zwei neuen mit bewährtem Personal – siehe unten – gesellt sich ein älterer mit den Darstellern Christopher Lee und Francis Matthews sowie den Darstellerinnen Barbara Shelley und Suzan Farmer. Ein 25-minütiges Making-of und ein viertelstündiges Featurette über Bücher zu Hammer-Filmen runden das Rundum-Sorglos-Paket ab. Englische Untertitel wären für mich das Tüpfelchen auf dem i gewesen, aber womöglich ist die Nachfrage in Deutschland nicht groß genug, dass sich der Zukauf oder die Produktion von diesen für Anolis rechnet. Sammler des Labels werden ohnehin bereits zugegriffen haben, und auch Freunden gepflegter Historien-Exploitation sei „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ empfohlen.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ findet sich auch bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Sonia scheint etwas zu klammern

Veröffentlichung: 25. Januar 2019 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten) und Blu-ray, 19. August 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rasputin – The Mad Monk
GB 1966
Regie: Don Sharp
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Barbara Shelley, Richard Pasco, Francis Matthews, Suzan Farmer, Dinsdale Landen, Renée Asherson, Derek Francis, Joss Ackland, Robert Duncan
Zusatzmaterial: Filmfassung im Originalformat 2,55:1, Audiokommentar mit Christopher Lee, Barbara Shelley, Francis Matthews und Suzan Farmer, Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Gerd Naumann, Audiokommentar mit Uwe Sommerlad und Volker Kronz, „Tall Stories: The Making of Rasputin – The Mad Monk“ (25:21), „Hammer Novelisations – Brought to Book“ (15:07), britischer Kinotrailer, US Double Feature Trailer, TV Spots, Bildergalerie, nur Mediabook: 28-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, nur Softcase: Wendecover
Label/Vertrieb Blu-ray: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb DVD: Anolis Entertainment GmbH / EMS GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Godzilla und die Urweltraupen – Mothras zweiter Flug

Mosura tai Gojira

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Ein Sturm tost an der japanischen Küste über dem frisch aufgeschütteten Siedlungsgebiet Kurata-Strand. Meterhohe Wellen peitschen auf den Strand und richten schwere Verwüstungen an. Dabei wird ein überdimensionales Ei angespült – das Ei der Riesenmotte Mothra, wie sich später herausstellt (erinnern wir uns an „Mothra bedroht die Welt“ von 1961). Der windige Geschäftsmann Kumayama (Yoshifumi Tajima) reißt sich das gigantische Fundstück unter den Nagel, um damit als Attraktion Kasse zu machen. Er und sein Partner Torahata (Kenji Sahara) lassen sich auch nicht von den beiden winzigen Feen (Yumi und Emi Itô) von ihrem Vorhaben abbringen, die unversehens auf der Bildfläche auftauchen und um die Herausgabe des Eis bitten. Der Reporter Ichiro Sakai (Akira Takarada) und seine fotografierende Kollegin Junko Nakanishi (Yuriko Hoshi) verbünden sich mit dem Wissenschaftler Professor Miura (Hiroshi Koizumi), um ans Ei zu gelangen. Und plötzlich hebt sich ein gewisser Godzilla am Strand von Kurata aus der Erde empor.

Das Riesenei gibt Räts… Verzeihung: Dies ist ja nur ein Hühnerei

Anolis Entertainment liefert wieder mal ab. Kurz nach der Veröffentlichung von Mothras erstem Auftritt „Mothra bedroht die Welt“ folgt mit „Godzilla und die Urweltraupen“ das zweite Aufeinandertreffen der Riesenmotte mit dem beliebten Echsengigant. Das Timing passt ohnehin: Dank des amerikanischen MonsterVerse mit „Godzilla“ (2014), „Kong – Skull Island“ (2017) und gerade erst „Godzilla II – King of the Monsters“ (2019) ist das Interesse an den Kaijūs erneut erwacht; die Fans der japanischen Monsterfilme halten ihren Lieblingen ohnehin die Treue, zumal den am Computer entstandenen Hollywood-Riesenwesen der Charme der Originale abgeht.

Zurück zur DVD!

Einige Sammler der „Kaiju Classics“ werden sicher enttäuscht sein, dass das Futurepak von „Godzilla und die Urweltraupen“ lediglich zwei DVDs enthält und keine Blu-ray wie bei „Mothra bedroht die Welt“, mir ist das nicht ganz so wichtig. Die Reihe bleibt es wert, gesammelt zu werden, Bild und Ton überzeugen auch auf dem vermeintlich veralteten Format. Die beiden Silberlinge enthalten sowohl die japanische als auch die deutsche beziehungsweise US-Fassung des Films, die sich zeitlich kaum voneinander unterscheiden. Das in bewährtem Layout gestaltete Booklet enthält einen Text von Ingo Strecker mit gewohnt aufschlussreichen Informationen. So erfahren wir, dass in einer ursprünglichen Drehbuchfassung kein Riesenei enthalten war, vielmehr sollte Godzilla an der Küste Roliscias angespült werden. Auch die Unterschiede beider Schnittfassungen beschreibt der Autor, und er gibt uns einige Interpretationsansätze zu möglichen politischen Untertönen des Films, die er weniger dem Drehbuchautor Shin’ichi Sekizawa zuschreibt als dem Regisseur Ishirô Honda. So könne das Landgewinnungsprojekt von Kurata als Kommentar zu den umfangreichen Bauarbeiten für die Olympischen Sommerspiele 1964 in Tokio gesehen werden.

Nun aber: Das Riesenei gibt Rätsel auf

Ingo Strecker zufolge gilt das Godzilla-Kostüm dieses Films bis heute als das beliebteste der gesamten Reihe. Das kann ich mangels Zugehörigkeit zur Fanszene nicht verifizieren, aber es gibt natürlich auch keinen Anlass, daran zu zweifeln. Strecker gibt uns auch interessante Einblicke in die Entwicklung der Kostüme und Miniaturen für „Godzilla und die Urweltraupen“. Apropos Urweltraupen: Der Originaltitel lautet „Mosura tai Gojira“, was „Mothra gegen Godzilla“ bedeutet, aber auch die deutsche Titelschöpfung hat ihre Berechtigung …

Der böse Godzilla

Oft zeigt sich Godzilla in den japanischen Kaijūs als Helfer der Menschheit, auch im jüngsten Kinofilm „Godzilla II – King of the Monsters“; hier jedoch gibt er noch einmal den Fiesling, der das Ei zerstören will. Wenn er und Mothra aufeinanderprallen, wächst kein Gras mehr, es kommen Miniaturmodelle beider Kreaturen zum Einsatz. Das kann man belächeln und angesichts heutiger Möglichkeiten der Tricktechnik für veraltet halten. Ist es ja auch, aber auf überaus vergnügliche Weise, vom dramatischen Score Akira Ifukubes vorzüglich untermalt. Eine realistische Visualisierung war eben auch nicht die erklärte Absicht der Macher, die artifizielle Optik der Kreaturen und Miniaturkulissen hingegen schon. So muss japanisches Monsterkino aussehen, wie es im Pressetext von Anolis zu lesen ist. Da hat das Label recht.

Da isser ja – Godzilla führt nichts Gutes im Schilde

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Kaiju Classics“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Ein lesenswerter Text zu „Godzilla und die Urweltraupen“ findet sich auch bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Nicht immer sind Raupen eine Plage

Veröffentlichung: 21. Juni 2019 als 2-Disc-Edition im auf 1.500 Exemplare limitierten Futurepak als Nr. 17 der Reihe „Kaiju Classics“

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Mosura tai Gojira
Alternativer deutscher Titel: Panik in Tokyo
Internationale Titel: Mothra vs. Godzilla, Godzilla vs. Mothra, Godzilla Fights the Giant Moth, Godzilla Fights vs. the Giant Moth
JAP 1964
Regie: Ishirô Honda
Drehbuch: Shin’ichi Sekizawa
Besetzung: Akira Takarada, Yuriko Hoshi, Hiroshi Koizumi, Yû Fujiki, Kenji Sahara, Emi Itô, Yumi Itô, Yoshifumi Tajima, Jun Tazaki, Kenzô Tabu, Yoshio Kosugi, Akira Tani, Yutaka Sada, Ikio Sawamura
Zusatzmaterial: japanische Kinofassung inkl. Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer sowie Audiokommentar von Florian Bahr, japanischer Trailer, japanisches Werbematerial, Interview mit Hauptdarsteller Akira Takarada, Super-8-Fassung, deutsches Werbematerial, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Ingo Strecker
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Mothra bedroht die Welt – Erster Flügelschlag der lieblichen Riesenmotte

Mosura

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Darauf haben die Kaijū-Fans hierzulande lange gewartet: Endlich kann im Rahmen der „Kaiju Classics“ von Anolis Entertainment auch der erste Auftritt der Riesenmotte Mothra in bestmöglicher Qualität auf hiesigen Bildschirmen genossen werden. Von „Mothra bedroht die Welt“ (1961) bis zu ihrem bislang letzten Auftritt in „Godzilla – Final Wars“ (2004) flatterte die beliebte Kreatur insgesamt 13 Mal in den Kaijūs durch die Lüfte. Im japanischen Original heißt sie Mosura.

Wie niedlich: die winzigen Zwillingsfeen

Ein Taifun bringt einen japanischen Frachter in schwere See und in ein Gebiet für nukleare Tests. Als das Schiff auf ein Riff läuft, befiehlt der Kapitän: „Alle Mann von Bord!“ Der Frachter bricht auseinander und sinkt. Ein Suchhubschrauber entdeckt auf einer Insel vier Überlebende des Schiffbruchs – sie werden gerettet. Wider Erwarten erweisen sich die Männer als nicht verstrahlt. Sie berichten, ihnen sei von Eingeborenen ein Getränk verabreicht worden, das sie vor den Folgen nuklearer Strahlung bewahrt habe. Dabei gelten die Inseln in dem Atomtest-Gebiet als unbewohnt!

Expedition ins Atomtestgebiet

Die Atomtests hatte seinerzeit der Staat Roliscia (andere Schreibweise: Rolisica) vorgenommen. Nun bricht eine Expedition auf, die Roliscia und Japan gemeinsam zusammengestellt haben und die vom Roliscianer Clark Nelson (Jerry Itô) geleitet wird. Aus Japan dabei sind auch der Wissenschaftler Dr. Shin’ichi Chûjô (Hiroshi Koizumi) und der Journalist Senichiro „Sen-chan“ Fukuda (Furankî Sakai), genannt Bulldogge. Als Chûjô in die Fänge einer Schlingpflanze gerät, retten ihn zwei winzige Feen (die eineiigen Zwillinge Yumi und Emi Itô). Nelson entführt die beiden kaum 20 Zentimeter großen Mädchen, um sie als Attraktionen einem großen Publikum vorzuführen. Das ruft Mothra auf den Plan, die als riesige Raupe aus einem Ei schlüpft und sich von der Insel aus schwimmend auf den Weg macht, die zwei Feen zu retten, zu denen Mothra offenbar telepathischen Kontakt hält. Dabei lässt sich die Kreatur auch nicht von Luftangriffen aufhalten – und verpuppt sich bald, um als Riesenmotte wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.

Roliscia – nie gehört? Das mag daran liegen, dass das Land gar nicht existiert. Im Godzilla-Universum tauchen immer mal wieder fiktive Schauplätze auf. In diesem Fall dient das Land kaum verhohlen als Platzhalter für die USA und die Sowjetunion gleichermaßen, was nach Hiroshima und Nagasaki nicht von ungefähr kommt – viele der Kaijūs thematisieren auf mehr oder weniger subtile Weise das atomare Trauma Japans aufgrund der Atombombenabwürfe zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Engagiert: Reporter Fukuda, genannt Bulldogge

Während Godzilla in den Filmen der Tōhō-Studios in der Regel mittels Suitmation von einem Schauspieler im Gummikostüm dargestellt wurde, ließ sich das mit der Riesenraupe und -motte nur schwierig bewerkstelligen – für ihr Debüt in „Mothra bedroht die Welt“ allerdings schon, wobei die Tricktechniker für manche Szenen mit der Motte und insbesondere bei ihren Auftritten in späteren Filmen auf Puppentrick-Animation zurückgriffen, bei der das Viech beim Fliegen an Fäden aufgehängt wurde. In Verbindung mit den bekannten Miniaturkulissen der Kaijūs ergibt das eine herrlich naiv visualisierte Geschichte, in der Mothra keineswegs bösartig ist, sondern lediglich seine Schützlinge retten will – und das auf familientaugliche Weise, auch wenn Fiesling Nelson überaus skrupellos gezeichnet wird und zu keinem Zeitpunkt vor Mord zurückschreckt.

Auftritt der Peanuts

Ab und zu überschreitet „Mothra bedroht die Welt“ die Grenze zur Albernheit, etwa beim Bühnendebüt der Zwillingsfeen inklusive Gesangseinlage – eins der Lieder ist es dann auch, das aus der Ferne Mothra aus dem Ei schlüpfen lässt. Die beiden Darstellerinnen der Feen bildeten übrigens das in Japan recht populäre Gesangsduo The Peanuts, das auch in deutschen Fernsehshows zu sehen war und in den 1960er-Jahren sogar Singles in deutscher Sprache veröffentlichte. Für manche Schmunzler sorgt auch Reporter Fukuda, der etwas tollpatschig und neben der Spur wirkt, sich aber als schlagkräftig erweist und bald von einer Comic-Relief-Nebenfigur zum Protagonisten aufsteigt, der die Handlung vorantreibt.

Voll in Aktion inklusive Zerstörungswerk bekommen wir Mothra als fertige Motte erst recht spät zu sehen – das Schlagen ihrer Flügel verursacht zerstörerische Druckwellen. Bis dahin hält aber die Story mit dem Schurken Nelson und seinen wohlgesinnten Widersachern die Spannung hoch und das Publikum bei der Stange. Mit Columbia Pictures war ein finanzstarkes US-Studio als Geldgeber mit von der Partie, es setzte durch, dass eine bereits gedrehte Schlusssequenz von einem deutlich spektakuläreren Finale ersetzt wurde. Ob das Kaijū-Regie-Legende Ishirô Honda missfallen hat, ist nicht überliefert, mir zumindest nicht bekannt. Ich tendiere in diesem Fall zu „je größer, desto besser“. „Mothra bedroht die Welt“ gönnt sich ein paar deutliche Anleihen beim Hollywood-Klassiker „King Kong und die weiße Frau“ (1933), die dem Film gut zu Gesicht stehen. Das SF-Abenteuer etablierte mit der putzigen Riesenmotte auf höchst amüsante Weise eine Kreatur, die sich schnell im Kaijū-Universum etablierte und unter den Fans nach wie vor großer Beliebtheit erfreut.

Die „Kaiju Classics“ in HD

Mit „Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer“ (1966), „Frankensteins Höllenbrut“ (1972) und „Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster“ (1975) hatte Anolis im Dezember 2018 erstmals Kaijūs in HD veröffentlicht. Da alle drei Filme Jahre zuvor in den Metalpaks (oder Futurepaks) der „Kaiju Classics“ als DVD erschienen waren, packte das Label die Blu-rays in herkömmliche Amaray-Cases. „Mothra bedroht die Welt“ kommt nun im typischen silberfarbenen Futurepak der Reihe daher und enthält sowohl Blu-ray als auch DVD. So loben wir uns das. Die Bildqualität hält das hohe Niveau, das wir von Anolis gewohnt sind, was natürlich viele der Tricks und visuellen Effekte noch deutlicher entlarvt, etwa Matte-Painting-Hintergründe und Miniaturen. Aber da die Kaijūs ihren Reiz nie aus hyperrealistischen Bildern zogen, lässt sich das gut verschmerzen. Der Film findet sich sowohl in der japanischen als auch in der knapp zwölf Minuten kürzeren US- beziehungsweise deutschen Fassung auf den Discs.

Raupe Mothra walzt alles nieder

Das Booklet erhält einen gewohnt fachkundigen Text von Ingo Strecker, der wie üblich gemeinsam mit Jörg Buttgereit und Bodo Traber auch einen der Audiokommentare eingesprochen hat. Löblich, wenn sich Label wie Anolis auch in puncto Booklets so viel Mühe geben wie in diesem Fall. Letztlich kann man über diese „Mothra bedroht die Welt“-Edition dasselbe schreiben wie über die vorherigen „Kaiju Classics“: Sie lassen keine Wünsche offen. Da ich mit meiner Rezension vergleichsweise spät dran bin, steht zu befürchten, dass sich die im Handel befindliche Auflage von 1.500 Exemplaren bereits dem Ausverkauf zuneigt, also spute sich, wer noch eins der Futurepaks ergattern will, zumal wir es mit einem Höhepunkt der Kaijūs zu tun haben. Mit dem drei Jahre später entstandenen „Godzilla und die Urweltraupen“ hat Anolis bereits den nächsten, 17. Teil der Reihe angekündigt – Mothras zweiter Auftritt zeigt das erste Aufeinandertreffen der Riesenmotte mit Godzilla.

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Kaiju Classics“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Lesenswerte Texte zu „Mothra bedroht die Welt“ finden sich auch im „Filmforum Bremen“ und bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Aus dem Kokon entspringt die Riesenmotte

Veröffentlichung: 12. April 2019 als 2-Disc-Edition im auf 1.500 Exemplare limitierten Futurepak als Nr. 16 der Reihe „Kaiju Classics“ (Blu-ray & DVD)

Länge japanische Kinofassung: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Länge deutsche Kinofassung: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch (jap. Fassung), Englisch (dt. Fassung)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Mosura
JAP 1961
Regie: Ishirô Honda
Drehbuch: Shin’ichi Sekizawa, nach einem Roman von Shin’ichirô Nakamura, Takehiko Fukunaga und Yoshie Hotta
Besetzung: Furankî Sakai, Hiroshi Koizumi, Kyôko Kagawa, Jerry Itô, Yumi Itô, Emi Itô, Ken Uehara, Akihiko Hirata, Seizaburô Kawazu
Zusatzmaterial japanische Kinofassung: Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Ingo Strecker (jap. Fassung), Audiokommentar von Florian Bahr (jap. Fassung), Audiokommentar von Steve Ryfle und Ed Godziszewski (dt. Fassung), japanische Super-8-Fassung, US-Trailer, japanischer Trailer, Bildergalerie, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Ingo Strecker
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: