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Krieg im Weltenraum – Kampf gegen die Aliens auf dem Mond

Uchû daisensô

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Vergesst den „Krieg der Sterne“ und den „Krieg der Welten“, lasst den „Kampfstern Galactica“ links liegen, entfernt das „Raumschiff Enterprise“ aus eurem Fundus – hier kommt der „Krieg im Weltenraum“! Und es geht gleich zu Beginn in die Vollen: Eine fliegende Untertasse lässt in Japan eine ganze Eisenbahnbrücke in die Höhe schweben. Der heranrasende Zug kann nicht mehr bremsen und stürzt in die Tiefe. Anschließend senkt sich die Brücke wieder herab. Ein Reporter aus Amerika berichtet dem japanischen Fernsehpublikum weitere ungeheuerliche Phänomene: Ein Frachter im Panama-Kanal sei „von einer ungeheuren Springflut in die Luft geschleudert“ und dabei völlig zerstört worden. Eine ähnliche Springflut hat Venedig verwüstet.

Bedrohliche Ereignisse versetzen die Nationen in Angst

Die Weltengemeinschaft setzt sich zusammen und debattiert die Möglichkeit eines Angriffs Außerirdischer. Mit Unterstützung der anderen Nationen hat Japan Raumschiffe und ein Hitzestrahlengeschütz entwickelt, das Doktor Adachi (Koreya Senda) den UNO-Delegierten im japanischen Weltraumforschungszentrum vorstellt. Der Iraner Dr. Achmed (Malcolm Pearce) ist zuvor unter den Einfluss der Aliens vom Planeten Natal geraten und versucht, die Waffe zu stehlen. Es stellt sich heraus, dass die Aggressoren eine Basis auf dem Mond errichtet haben, von wo sie offenbar die Invasion der Erde angehen wollen. Doktor Adachi und sein Kollege Doktor Richardson (Len Stanford) übernehmen das Kommando zweier Raumschiffe, die zum Erdtrabanten aufbrechen sollen.

Kann das neue Strahlengeschütz helfen?

Nach „Das Grauen schleicht durch Tokio“ (1958) beschert uns Anolis Entertainment mit dem ein Jahr später entstandenen „Krieg im Weltenraum“ zum zweiten Mal einen japanischen Beitrag zu den beliebten „Galerie des Grauens“-Reihen. Regie führte auch dabei Akira-Kurosawa-Weggefährte Ishirō Honda, wohl der wichtigste Regisseur des Filmstudios Tōhō – er drehte etliche der Tōhō-Filme, darunter „Godzilla“ (1954) und „Die fliegenden Monster von Osaka“ (1956).

Zwei Raketen machen sich zum Mond auf

Außerirdische mit finsteren Absichten waren im Kino Ende der 1950er-Jahre keine neue Erscheinung mehr, wie beispielsweise „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1951) und „Die Dämonischen“ (1956) belegen. 1953 tobte der „Kampf der Welten“, 1959 kam Ed Wood mit der Mutter aller Trashfilme um die Ecke: „Plan 9 aus dem Weltall“. Neu an „Krieg im Weltenraum“ war die Verlegung der Auseinandersetzung ins Weltall. Und diese Auseinandersetzung kann sich sehen lassen.

Die Astronauten der Mondmission …

Klar, nach Maßstäben heutiger Tricktechnik wirken die Miniaturkulissen und Modelle etwas veraltet, aber sie sind einfallsreich, mit Liebe zum Detail gestaltet und haben seinerzeit in den Kinosälen zweifellos das Publikum beeindruckt. Ein paar Mal habe ich mich an Sequenzen in einigen „James Bond“-Filmen erinnert gefühlt, und die schauen wir alle ja heute auch noch gern. Es braucht also nur ein klein wenig Wohlwollen, um mit großem Genuss auch in den „Krieg im Weltenraum“ zu versinken.

… kämpfen mit allen Mitteln …

Die Spannungskurve steigt bis zum explosiven Finale stetig an. Daran ändert auch nichts, dass die Aliens in ihren Raumanzügen eher putzig aussehen. Wenn sich in der abschließenden Schlacht die irdischen Weltraum-Abfangjäger unter großen Opfern todesmutig der Alien-Flotte stellen, Raumtorpedos auf die Erde niedergehen und wunderbare Miniaturkulissen von New York City und der Golden Gate Bridge zerstört werden, bleibt kein Auge trocken.

… gegen die Aggressoren

Die Doppel-Disc-Edition der achten Veröffentlichung der „Die Rache der Galerie des Grauens“-Reihe lässt wieder keine Wünsche offen, was Bild- und Tonqualität und Bonusmaterial (siehe unten) angeht. Im schön gestalteten und üppig bebilderten Booklet erfährt man viel über die Entstehung des Films und seine Besetzung. Eine gewohnt schöne Veröffentlichung aus dem Hause Anolis Entertainment. Bei allen altersbedingten Unzulänglichkeiten ist „Krieg im Weltenraum“ doch Pflichtprogramm für Freunde gepflegter Weltraumschlachten. Ein gewisser George Lucas wird das sicher gern bestätigen. Und vielleicht sollten wir es auch tatsächlich mal mit einer außerirdischen Bedrohung zu tun bekommen, damit die irdischen Konflikte sich in Luft auflösen und sich die Nationen vereinen. Wenn es doch nur so einfach wäre …

Die Menschheit rückt zusammen

Die Filme der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“:

01. Der Fluch des Dämonen (Night of the Demon / Curse of the Demon, 1957)
02. Planet der toten Seelen (War of the Satellites, 1958)
03. Schrei, wenn der Tingler kommt (The Tingler, 1959)
04. Ausgeburt der Hölle (The Beast with a Million Eyes, 1955)
05. Im Sumpf des Grauens (The Alligator People, 1959)
06. Das Grauen schleicht durch Tokio (Bijo to ekitai ningen, 1958)
07. Angriff der Riesenkralle (The Giant Claw, 1957)
08. Krieg im Weltenraum (Uchû daisensô, 1959)
09. ???
10. ???

Auch New York City wird in Mitleidenschaft gezogen

Veröffentlichung: 18. August 2017 als 2-Disc Edition (Blu-ray & DVD)

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Uchû daisensô
Deutscher TV-Titel: Duell in der Galaxis
Internationale Titel: The Great Space War / Battle in Outer Space
JAP 1959
Regie: Ishirō Honda
Drehbuch: Shin’ichi Sekizawa, Jôjirô Okami
Besetzung: Ryô Ikebe, Kyôko Anzai, Minoru Takada, Koreya Senda, Len Stanford, Harold Conway, Elise Richter, Hisaya Itô, Yoshio Tsuchiya, Nadao Kirino, Kôzô Nomura, Fuyuki Murakami
Zusatzmaterial: japanische Fassung sowie amerikanische und deutsche Kinofassung wählbar, Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner, Audiokommentar von Steve Ryfle und Ed Godziszewski, deutscher Kinotrailer, Super-8-Fassung, deutscher und amerikanischer Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Jörg M. Jedner und Jo Steinbeck
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Anolis Entertainment GmbH

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King Kong gegen Godzilla – Mechagodzilla wird umgetauft

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Gojira tai Mekagojira

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Wenn ein schwarzer Berg über den Wolken erscheint, dann wird ein gewaltiges Ungeheuer die Welt zerstören. Die alte Weissagung scheint sich zu erfüllen, als bei einem Vulkanausbruch Godzilla aus der Tiefe des Erdinnern emporsteigt und zur Überraschung aller ein gewaltiges Zerstörungswerk beginnt. Dabei war das Monster doch längst zum Menschenfreund mutiert?! Des Rätsels Lösung: Es handelt sich um ein Maschinenwesen (Ise Mori), getarnt als Godzilla. Es wurde von einer Schar Außerirdischer auf Eroberungsfeldzug hergestellt und auf die Menschheit losgelassen. Das ruft bald auch den echten Godzilla (Isao Zushi) auf den Plan. Als bei seiner künstlichen Kreatur ein Schaltkreis ausfällt, lässt Alien-Boss Kuronuma (Gorô Mutsumi) den Nobelpreisträger Professor Hideto Miyajima (Akihiko Hirata) entführen, um sie zu reparieren. Der ziert sich anfangs aus verständlichen Gründen, dann aber siegt sein wissenschaftlicher Ehrgeiz.

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Godzilla gegen Godzilla? Von wegen

King Kong? Wieso King Kong? Was mag den deutschen Verleih Constantin Film in den 70er-Jahren geritten haben, Godzillas Kontrahenten in der deutschen Synchronisation den Namen des Riesenaffen zu geben? Die so verfälschten Kreaturen haben keinerlei Ähnlichkeit zu King Kong. Das gilt für den künstlichen „Mechagodzilla“ aus „King Kong gegen Godzilla“ ebenso wie für den Roboter „Jet Jaguar“ aus dem unmittelbaren Vorgänger „King Kong – Dämonen aus dem Weltall“ (1973), den ein unterirdisch lebendes Volk seinerzeit auf Godzilla gehetzt hatte. Dämonen aus dem Weltall waren darin übrigens mitnichten zu entdecken. Heute können wir über solche Titelverirrungen natürlich schmunzeln.

Der Nobelpreisträger als Schnellmerker

Zum Schmunzeln sind auch Dialoge für die Ewigkeit wie dieser: „Was soll das alles? Wer sind sie?“ „Wir werden die Erde erobern, Professor. Wir kommen aus einer Galaxis einige Lichtjahre hinter dem Pferdekopfnebel.“ „Sie sind also außerirdischer Herkunft.“ „Ich bewundere Ihre schnelle Auffassungsgabe.“ Das ist noch Synchronisation von altem Schrot und Korn. Ob die japanischen Originalzeilen von ähnlicher – ähem – Brillanz sind, vermag ich mangels Sprachkenntnissen nicht zu beurteilen. Apropos Synchronisation: Mit Manfred Lehmann, Thomas Danneberg und Arne Elsholtz sind einige namhafte deutsche Sprecher zu hören. Feine Sache.

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Kann King Caesar heraufbeschworen werden?

Die Außerirdischen sind also der Sprache der Menschen mächtig und obendrein scheinbar menschlicher Gestalt. Werden sie verwundet, offenbaren sie allerdings ihr wahres Äußeres: Es handelt sich um affenartige Aliens. Toll! Derlei Anspielungen auf die „Planet der Affen“-Reihe hat das japanische Kino dem Vernehmen nach einige zu bieten. Die eingesetzte Pyrotechnik hingegen ist wirklich beeindruckend. Wenn der echte und der falsche Godzilla erstmals aufeinandertreffen, geht eine ganze Hafen-Skyline in Flammen auf – das sieht klasse aus. Die visuellen Grenzen der von Männern in Kostümen verkörperten Monster sind bei der Beurteilung der Optik natürlich zu berücksichtigen. Damit die beiden Kreaturen auseinanderzuhalten sind, wirft Mechagodzilla alias King Kong zügig seine Maskerade ab. Zum Glück für die Menschheit erhält Godzilla tatkräftige Unterstützung durch den mystischen König Caesar (Kinichi Kusumi) von der Insel Okinawa – ein weiteres Monster, das in den Kampf eingreift. Zwischendurch erscheint auch Godzillas alter Kumpel Angilas (ebenfalls Kinichi Kusumi) auf der Bildfläche, wird aber in die Flucht geschlagen, als Mechagodzilla den alten King-Kong-Trick „Kieferknacker“ anwendet und beinahe vollendet, der Schuft.

Ein Mann im Kostüm der fremdartigen Bestie

Auf Menschen in Monster-Outfit muss man sich einlassen können, daran hat sicher nicht jeder Filmgucker Freude. Aber es existiert ja eine Kaijū-Gemeinde ausgewiesener Fans dieser Subgattung des Monsterfilms – das japanische Wort bedeutet in etwa „fremdartige Bestie“. Für sie sind diese Filme gemacht worden, für sie legt Anolis Entertainment sie in schöner Regelmäßigkeit auf.

Würdiger Titel der Reihe „Kaiju Classics“

Die Reihe „Kaiju Classics“ erfreut sich bei Fans des Kaijū-Genres dann auch allergrößter Beliebtheit. Die in limitierter Auflage veröffentlichten DVDs sind nahezu ausnahmslos zügig nach Erscheinen ausverkauft, einige von ihnen werden auf dem Sammlermarkt zu dreistelligen Beträgen angeboten. Bei „King Kong gegen Godzilla“ handelt es sich um den 14. Beitrag der Reihe. Das Gesamtpaket der Doppel-DVD hält das hohe Ausstattungsniveau: Das Metalpack sieht schon mal schick aus und offenbart im Innern eine DVD mit der japanischen und eine mit der deutschen Kinofassung des Films. Im gewohnt prächtigen Booklet finden sich ein Essay von Ingo Strecker über den Film sowie der erste Teil eines Interviews, das Jörg Buttgereit mit „Mr. Explosion“ Teruyoshi Nakano geführt hat. Nakano zeichnet für die visuellen Spezialeffekte diverser „Godzilla“-Filme verantwortlich, auch für die in „King Kong gegen Godzilla“. Von ihm stammt im Übrigen auch die Idee, ein mechanisches Monster auf Godzilla loszulassen; Nakano ist somit der Schöpfer von Mechagodzilla – der Blechmann gehörte in der Folge zu den beliebtesten Godzilla-Gegnern.

Vom Atombombentrauma zum Star für Kinder

Die Wahrnehmung und der Charakter von Godzilla hatten sich in den zwei Dekaden seit der Entstehung des ersten Films „Godzilla“ (1954) stark verändert. Standen die ersten Auftritte des in den Tōhō-Filmstudios entstandenen Monsters noch unter dem Eindruck der Atombombenverwüstungen in Hiroshima und Nagasaki, so war die Reihe 20 Jahre später längst im Bereich harmloser Unterhaltungsfilme angekommen, die sich auch Kinder ansehen konnten. „Dieses Monster ist ein Kind der Atombombe. Die Bombe hat Godzilla ins Leben gerufen. Japan ist das erste und einzige Land, auf das Atombomben abgeworfen wurden. Godzilla wurde durch die Wut der Japaner gezeugt, die Wut auf die Atombombe.“ So Teruyoshi Nakano im Interview. Er führt weiter aus, das Atombombentrauma sei zum Ende der 60er-Jahre kein Thema mehr gewesen. „Wir haben also überlegt, wie wir Godzilla zeitgemäß gestalten konnten. Die Lösung war, Godzilla zu einem Idol für Kinder zu machen.“

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Ja, so stellte sich das japanische Kino der 70er-Jahre Außerirdische vor

Auf dem Regiestuhl saß mit Jun Fukuda ebenfalls ein Kaijū-erfahrener Regisseur. Nachdem „King Kong – Dämonen aus dem Weltall“ 1973 nicht gerade ungeteilte Begeisterung ausgelöst hatte, schöpfte Fukuda für „King Kong gegen Godzilla“ aus dem Vollen und schuf ein buntes Spektakel, das Freude bereitet. „Gojira tai Mekagojira“, so der Originaltitel, ist ein Prachtstück und würdiger Bestandteil der „Kaiju Classics“, von Anolis in bewährt herausragender Bild- und Tonqualität veröffentlicht.

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Mechagodzilla alias King Kong greift an

Da ich keinen Wert darauf lege, mir während der Sichtung eines Films Zusatzinformationen anzuhören, habe ich darauf verzichtet, mir die Audiokommentare anzuhören. Auf sie dürfte aber Verlass sein. Unter anderen hat einmal mehr Jörg Buttgereit dazu beigetragen, auch Booklet-Autor Ingo Strecker ist dabei, versierte Leute also. Ein paar weitere Boni auf den DVDs runden das Zusatzmaterial ab. Sammler der „Kaiju Classics“ bekommen exakt das geboten, was sie an der Reihe schätzen. Also greift zu, solange die DVD noch zu akzeptablen Preisen zu finden ist!

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Aber auch Godzilla hat einiges zu bieten

Veröffentlichung: 16. Dezember 2016 als 2-DVD-Edition im auf 1.500 Exemplare limitierten Star Metalpak als Nr. 14 der Reihe „Kaiju Classics“

Länge: 80:53 Min. (deutsche Fassung), 80:49 Min. (japanische Fassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch (Originalton nur bei der japanischen Fassung)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gojira tai Mekagojira
Alter deutscher Titel: Godzilla gegen Mechagodzilla
JAP 1974
Regie: Jun Fukuda
Drehbuch: Jun Fukuda
Besetzung: Masaaki Daimon, Kazuya Aoyama, Reiko Tajima, Akihiko Hirata, Hiromi Matsushita, Hiroshi Koizumi, Masao Imafuku, Bellbella Lin, Shin Kishida, Gorô Mutsumi
Zusatzmaterial Disc 1 (japanische Fassung): Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Ingo Strecker und Alex Iffländer, Audiokommentar von Florian Bahr, japanischer Trailer, italienischer Trailer, Featurette „Mechagodzilla in Chicago“, Bildergalerie Japanisch & International
Zusatzmaterial Disc 2 (deutsche Kinofassung): Audiokommentar von Thorsten Rosemann, deutscher Trailer, deutsche Super-8-Fassung, Filmprogramm, Werberatschlag, deutsche Bildergalerie
Booklet: Essay von Ingo Strecker, Jörg Buttgereit interviewt Teruyoshi Nakano (Teil 1)
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Anolis Entertainment GmbH

 

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Gruft der Vampire – Enthauptungen und blanke Brüste

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The Vampire Lovers

Von Volker Schönenberger

Horror // Möge Gott uns weitere übernatürliche Erlebnisse dieser Art ersparen. So schreibt es Joachim von Hartog (Douglas Wilmer) zu Beginn auf, der 1794 seine 19-jährige Schwester Isabella zu Grabe tragen musste. Es folgt eine Totalansicht auf die Ruine von Schloss Karnstein. Der Adlige erzählt uns die Geschichte vom Tod seiner Schwester und seiner Rache an den Verantwortlichen, die keine gewöhnlichen Sterblichen gewesen seien, sondern Mörder von jenseits des Grabes. Aus einem der Gräber auf dem Friedhof des Schlosses entsteigt kurz darauf eine schaurige Gestalt …

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Der Butler (l.) und der Doktor schöpfen Verdacht

Dieser überaus stimmungsvolle Prolog von „Gruft der Vampire“ endet mit einer selbst für Hammer Films ungewöhnlich deutlich gezeigten Enthauptung. Die Haupthandlung setzt im Anschluss an den Vorspann mit einem Ball im Hause von General von Spielsdorf (Peter Cushing) Anfang des 19. Jahrhunderts in der Steiermark ein. Die Familie nimmt die junge Marcilla (Ingrid Pitt) bei sich auf, die schnell eine innige Beziehung zu Laura (Pippa Steel) entwickelt, der Tochter des Hauses. Vielleicht etwas zu innig …

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General von Spielsdorf will die Vampirin endlich ausschalten

Die sich bald darauf andernorts Carmilla nennende Marcilla erweist sich, das dürfen wir enthüllen, als Vampirin Mircalla Karnstein. Mit dieser freizügigen Verfilmung von Sheridan Le Fanus Erzählung „Carmilla“ begann das traditionsreiche englische Studio Hammer Films 1970 seine Karnstein-Trilogie, die von „Nur Vampire küssen blutig“ und „Draculas Hexenjagd“ (beide 1971) zügig vervollständigt wurde – letztgenannter Film ist bereits vor geraumer Zeit von Anolis Entertainment veröffentlicht worden. Es war die Zeit, als das Exploitationkino zu seiner vollen Blüte aufstieg, subtile sexuelle Anspielungen wichen expliziten Motiven, auch in puncto Gewaltdarstellung durfte eine Schippe draufgelegt werden. Da darf manch ein blanker Busen blitzen – derartige lesbische Szenen wie in „Gruft der Vampire“ wären wenige Jahre zuvor bei Hammer noch undenkbar gewesen. Ein Vampirbiss ins Dekolleté – shocking!

Vom Vampir zum Vampir-Opfer

Hammers amerikanische Koproduktionsfirma American International Pictures (AIP), bekannt für etliche Roger-Corman-Filme, erbat dem Vernehmen nach bei der englischen Produktionsfirma bekannte Namen im Cast, weshalb man die Figur General von Spielsdorf extra für Peter Cushing ins Drehbuch schreiben ließ – ohnehin Stammschauspieler bei Hammer. Als Arzt und späteres Opfer der Vampirin ist der Deutsche Ferdy Mayne zu sehen, der in Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ (1967) noch selbst einen Blutsauger gegeben hatte. Für Jon Finch war „Gruft der Vampire“ das Kinodebüt, wenig später war er auch im nahezu gleichzeitig abgedrehten Hammer-Grusler „Frankensteins Schrecken“ zu sehen, bald darauf in seinen beiden bedeutsamsten Rollen: In „Macbeth“ (1971) von Roman Polanski gab er den Macbeth, in Alfred Hitchcocks „Frenzy“ (1972) wurde er als unschuldiger Pleitier verdächtigt, der berüchtigte Krawattenmörder zu sein.

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Mircalla ist scharf auf Blut – und mehr

Ganz wunderbar: die letzte Einstellung von „Gruft der Vampire“, wenn sich die Vampirin auf dem Gemälde von einer holden Schönheit zum Skelett zersetzt. Simpel getrickst, aber wirkungsvoll. So wirkungsvoll wie der gesamte Film, der all den überdeutlichen Schauwerten zum Trotz doch auch die bekannten Hammer-Vorzüge zur Geltung bringt, etwa das schaurig-schöne Setting inklusive Setdesign, die schummrige Atmosphäre und die gewohnt charmante Ausstattung nebst Kostümen. Letztlich sind der gesteigerte Gewaltgehalt und die sexuelle Freizügigkeit für Hammer auch nicht überraschend, hatte die Produktionsfirma doch ab Ende der 50er-Jahre den klassischen Horrorfilm selbst auf eine neue Stufe gehoben. „Gruft der Vampire“ ist in der Vergangenheit bisweilen das Niveau früherer Hammer-Produktionen abgesprochen worden, das hat die Karnstein-Trilogie nicht daran gehindert, in der Gunst der Fans zu steigen – zu Recht.

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Da geht was

Hauptdarstellerin Ingrid Pitt („Agenten sterben einsam“) war im selben Jahr auch im Hammer-Horrorfilm „Comtesse des Grauens“ zu sehen, 1973 dann im Horrordrama „The Wicker Man“, der heute Kultstatus besitzt. Sie starb 2010 im Alter von 73 Jahren. Umso schöner, dass Anolis Entertainment für die Blu-ray-Veröffentlichung von „Gruft der Vampire“ den Audiokommentar mit ihr, Drehbuchautor Tudor Gates („Barbarella“) und Regisseur Roy Ward Baker („Das grüne Blut der Dämonen“) ausgegraben hat, das den neu produzierten Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz ergänzt. Charmant auch: Ingrid Pitt liest Le Fanus Erzählung „Carmilla“. Da sich auch die übrigen Bonusmaterialien auf dem gewohnten Anolis-Niveau bewegen und an Bild und Ton nichts zu bemängeln ist, verdient die Blu-ray einmal mehr das Prädikat „sehr zu empfehlen“. Das etwas freizügigere Cover A des Mediabooks ist heiß begehrt und bei den meisten, wenn nicht allen einschlägigen Händlern bereits nicht mehr zu kriegen. Anolis hat aber angedeutet, dass im Booklet einige offenherzige Abbildungen zu finden sind, und Cover B sieht ebenfalls schnieke aus (noch halte ich es nicht in meinen Händen). Für Mediabook-Verächter gibt’s auch eine Softcase-Variante. Anolis hat die erwähnten „Comtesse des Grauens“ und „Das grüne Blut der Dämonen“ ebenfalls schon als Blu-rays veröffentlicht.

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Ist Emma bereits vampirisiert worden?

Veröffentlichung: 30. November 2016 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten) und Blu-ray, 8. August 2008 als DVD (Koch Media)

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Vampire Lovers
GB/USA 1970
Regie: Roy Ward Baker
Drehbuch: Tudor Gates, nach Sheridan Le Fanus Erzählung „Carmilla“
Besetzung: Ingrid Pitt, Pippa Steel, Madeline Smith, Peter Cushing, George Cole, Dawn Addams, Kate O’Mara, Jon Finch, Ferdy Mayne, Kirsten Lindholm
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Ingrid Pitt, Tudor Gates und Roy Ward Baker, Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz, Dokumentation „Resurrecting the Vampire Lovers“, Interview mit Madeline Smith, Ingrid Pitt liest „Carmilla“, deutscher und amerikanischer Trailer, US-Radio-Spots, Werberatschläge, Filmprogramme, Bildergalerie, nur Mediabook: 36-seitiges Booklet von Dr. Rolf Giesen, Uwe Huber, Guiskard Oberparleiter und Uwe Sommerlad
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshots: © 2016 Anolis Entertainment GmbH

 
 

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