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Horror für Halloween (XV): Das Schweigen der Lämmer – Von Befreiung und Entfaltung

The Silence of the Lambs

Von Lucas Gröning

Horrorthriller // 1988 veröffentlichte der US-amerikanische Autor Thomas Harris den Roman „The Silence of the Lambs“, in Deutschland unter dem Titel „Das Schweigen der Lämmer“ erschienen. Sehr frei angelehnt an den – vielleicht eher inspiriert von dem – realen Serienkiller Ed Gein, bildet das Buch neben den Romanen „Manhunter“ (1981), „Hannibal“ (1999) und „Hannibal Rising“ (2006) den zweiten Teil einer Reihe um die FBI-Agentin Clarice Starling und den Serienkiller Hannibal Lecter, wobei Starling lediglich im zweiten und dritten Roman in Erscheinung tritt. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde 1991 unter dem gleichen Titel von Jonathan Demme verfilmt. Der Film gilt neben dem AIDS-Drama „Philadelphia“ (1993) als das bekannteste und beste Werk des Regisseurs, was auch die Oscarverleihung 1992 unterstreichen sollte: Dort räumte „Das Schweigen der Lämmer“ als einer von nur drei Filmen neben „Es geschah in einer Nacht“ (1934) und „Einer flog über das Kuckuksnest“ (1975) die sogenannten „Big Five“ ab – die fünf wichtigsten Preise der Veranstaltung. So gewann der Horrorthriller den Preis für den besten Film, die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch, geschrieben von Ted Tally. Darüber hinaus konnte Jodie Foster für ihre Darstellung der Clarice Starling den Oscar für die beste Hauptdarstellerin ergattern, während Anthony Hopkins zum besten männlichen Hauptdarsteller gekürt wurde. Jodie Foster gewann außerdem den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin, in allen anderen Kategorien ging der Horrorthriller dort leer aus. Die Vielzahl an positiven Referenzen lässt es bereits erahnen, und ich will es zu Beginn der Rezension schon einmal vorwegnehmen: „Das Schweigen der Lämmer“ ist ein fantastischer Film.

Vergangenheit versus Zukunft

Der Film hält sich in seiner Erzählung dabei recht nahe an Thomas Harris’ Romanvorlage. Die FBI-Studentin Clarice Starling (Jodie Foster) wird von Chefermittler Jack Crawford (Scott Glenn) darauf angesetzt, den gefangenen Serienmörder und ehemaligen Psychater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) zu befragen, um durch diesen einen Hinweis auf die Identität des Serienkillers Buffalo Bill (Ted Levine) zu bekommen. Lecter erweist sich als hochintelligent und gebildet. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass er seine Gefängnisszelle womöglich nie wieder verlassen wird. Als sich Starling davon beeindruckt zeigt, dass Lecter den Florenzer Dom sowie die umliegenden Häuser fehlerfrei aus dem Gedächtnis heraus zeichnen kann, entgegnet ihr der Kannibale, es sei das Gedächnis, was er statt einer Aussicht habe. Es ist also lediglich die Vergangenheit, auf die sich Lecter im Angesicht einer ungewissen Zukunft beziehen und berufen kann. Umso schwerer wird es, den einstigen Serienmörder von einer Zusammenarbeit mit den Behörden zu überzeugen. Das Einzige, was ihn letzendlich dazu bewegt, dem FBI zu helfen, ist Clarice Starling, von der er verlangt, bei jedem Treffen für jede neue Information etwas aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Obwohl ihr das sichtlich unangenehm ist, willigt die Agentin ein und lässt den Psychater auf diese Weise in ihren Kopf blicken. Die Bewältigung ihrer Vergangenheit steht dabei im Gegensatz zu dem, was wir bis dato von der jungen Studentin erfahren haben. Sie wurde seit Beginn der Geschichte als engagierte, karriere- und vor allem zukunftsorientierte Frau präsentiert. Die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit ist neu für sie und wir erfahren durch die Gespräche zwischen den beiden immer mehr über die wahren Hintergründe ihrer Tätigkeit beim FBI.

Gefangenschaft versus Entfaltung

Abgesehen von ihrer Vergangenheit, über die ich an dieser Stelle nicht mehr Informationen preisgeben möchte, wird ihr Voranschreiten in der Geschichte auch durch andere Motive geprägt. Besonders ins Auge fällt hier das Motiv der sexuellen Begierde, was eng mit Starlings Identität als Frau zusammenhängt. Will sie eigentlich als kompetente FBI-Agentin wahrgenommen werden, fallen von Lecter und auch von ihren männlichen Kollegen immer wieder verbale Anspielungen auf ihre optische Attraktivität, genauso wie Blicke sexueller Anziehung. So fragt Lecter sie in in einer Szene, ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Vorgesetzter Crawford jemals Gedanken gehabt habe, wie es wäre, Sex mit ihr zu haben. Diese Betrachtungsweise der jungen Frau zieht sich bis zum Ende durch den gesamten Film. Eine Betrachtungsweise, von der sich Starling befreien und somit ihre ganz persönliche Emanzipation in der Gesellschaft erreichen will. Mit anderen Worten: Sie will sich aus der Gefangenschaft ihrer Identität befreien. Etwas, was die anderen Protagonisten der Geschichte ebenfalls in abgewandelter Form erreichen wollen.

Bei Hannibal Lecter bezieht sich diese Entfaltung nicht auf seine eigene Identität. Mit dieser ist er sowohl mit sich als auch im Kontext zu den gesellschaftlichen Konventionen im Reinen. Selbst sein Dasein als Kannibale betrachtet er als Teil seiner menschlichen Natur und sieht, trotz der öffentlichen Ablehnung dieser Art der Ernährung, keinen Grund, diese Gewohnheit abzulegen. Sein Bedürfnis nach Befreiung bezieht sich eher auf sein Dasein als Gefangener des Staates. Gerade weil er keine Aussicht auf Befreiung aus seiner kleinen Gefängniszelle hat, konzentriert er seine Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit, in der er ein freier Mann war, und auf die Leben anderer Menschen wie Clarice Starling, die sich in Freiheit befinden. Am deutlichsten ersichtlich wird dieses Motiv aber beim Antagonisten des Films, Buffalo Bill. Dieser zieht seinen Opfern nach deren Tod die Haut ab. In den Hälsen der Opfer hinterlässt er stets den Kokon einer Raupe. Wie Lecter Starling erläutert, steht der Kokon und der sich künftig daraus entwickelnde Schmetterling für eine Verwandlung und damit auch für eine Entfaltung, die Buffalo Bill anstrebt. Wie wir erfahren, benutzt der Mörder die Häute der getöteten Frauen, um sich selbst ein Kleid zu nähen und so in gewisser Weise die Identität der Frauen als seine eigene anzunehmen. Bei ihm ist es die Existenz als Mann, die er abzulegen versucht und aus der er sich befreien will.

Privater Raum versus öffentlicher Raum

Eine Entfaltung die, und das ist sein Dilemma, jedoch nicht außerhalb seiner eigenen vier Wände stattfinden kann. Natürlich kann er schlecht mit einem Kleid aus menschlicher Haut durch die öffentlichen Straßen laufen, ohne auf Ablehnung zu stoßen. Seine Verwandlung und damit seine eigentliche Persönlichkeit muss im Privaten bleiben, wenn er ein Leben als frei operierender Mensch führen will. Seine wahre Persönlichkeit kommt somit lediglich in Szenen zum Vorschein, in denen wir den Mörder im Keller seines eigenen Hauses beobachten können oder sie wird uns in den Gesprächen zwischen Lecter und Starling näher gebracht. Es bildet sich hier also eine Diskrepanz zwischen der Notwendigkeit, sich nicht verdächtig zu machen und im öffentlichen Raum als gewöhnlicher Mann zu bewegen und der tatsächlichen Persönlichkeit, die er nur im Verborgenen ausleben kann. Ähnlich ambivalent verhält es sich mit den Bestrebungen von Starling und Lecter. Starling will auf der einen Seite, im Angesicht ihrer omnipräsenten Darstellung und Wahrnehmung als sexuelles Objekt der Begierde, in der Masse an FBI-Anwärtern verschwinden und ähnlich flüchtig wahrgenommen werden wie ihre männlichen Kollegen, die recht häufig in Gruppen auftauchen und von der Kamera auch nur im Kollektiv eingefangen werden. Diese als Individuen wahrzunehmen ist dadurch nur sehr eingeschränkt möglich. Zum anderen wünscht sich Starling Anerkennung und will daher auch aus der Masse herausstechen, da dies den einzigen Weg zu einer erfolgreichen Karriere darstellt. Hannibal Lecter wiederum wurde jegliches Recht auf Privatheit durch die Gefangenschaft genommen. Zwar verbringt er den Großteil seiner Lebenszeit allein in einer Zelle, jedoch wird jeder Schritt seines Handelns oder Seins beobachtet. Und obwohl gerade der öffentliche Raum voller Menschen ist und man annehmen könnte, dass sich ein Mensch gerade dort unter der Beobachtung vieler anderer befindet, so ist es einzig die Öffentlichkeit, in der der Kannibale sich ganz verstecken kann, um im wahrsten Sinne des Wortes in der Masse zu verschwinden.

Die Geburt einer Ikone

Nicht in der Masse verschwindet in jedem Fall der Film selbst. Mit „Das Schweigen der Lämmer“ ist Jonathan Demme und seiner Crew ein grandioses Werk gelungen. Die Geschichte der Vorlage wird dabei von großartigen Darstellern auf virtuose und kreative Weise erzählt. Hier werden, vor allem im Hinblick auf die Kameraarbeit, alle Register des Filmemachens gezogen. Die Kamera zeigt ihre Figuren oftmals ganz nah, sodass wir Zuschauer den Figuren tief in die Augen blicken können. Zugleich werden nur äußerst selten mehrere Figuren in einer Einstellung gezeigt. Besonders bei Starling, Lecter und Buffalo Bill fällt das auf. Der Film isoliert diese drei Figuren auf ihrer Suche nach Befreiung von der restlichen Welt und schafft so eine unheilvolle Atmosphäre des Alleinseins, sowohl in Bezug zu seinen Figuren als auch beim Zuschauer. Die Kombination dieser nahen und isolierenden Bilder mit der unheimlichen Atmosphäre und dem generell gruseligen Wesen des intellektuellen Hannibal Lecter, haben außerdem dafür gesorgt, dass sich dieser zu einer Ikone der Popkultur entwickelt hat. Der Kannibale wurde in den vergangenen Jahrzehnten von zahlreichen anderen Filmen oder Serien zitiert, und selbst wenn man „Das Schweigen der Lämmer“ nicht gesehen hat, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man mit dem Namen der von Anthony Hopkins dargestellten Figur etwas anfangen kann. Völlig zu Recht hat sich der Schauspieler mit seiner Interpretation der Figur ein Denkmal im kollektiven Gedächtnis gesetzt. Doch in Anbetracht dieser Tatsache wird oft vergessen, dass man den gesamten Film zu den besten Werken der vergangenen drei Jahrzehnte zählen kann.

25. März 2016 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs, drei Covervarianten), 21. März 2016 als auf 1.000 Exemplare limitierte Blu-ray (Scary Metal Collection), 26. November 2014 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs, drei Covervarianten), 20. Februar 2009 als Blu-ray, 10. Oktober 2006 als DVD, 27. April 2004 als 2-Disc Gold Edition DVD, 1. Oktober 2002 und 2. August 2001 als DVD

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jonathan Demme haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Anthony Hopkins unter Schauspieler.

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Silence of the Lambs
USA 1991
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Ted Tally, nach dem Roman von Thomas Harris
Besetzung: Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine, Brooke Smith, Diane Baker, Lawrence A. Bonney, Kasie Lemmons, Anthony Heald, Lawrence T. Wrentz, Frankie Faison
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb 2014/2016: ’84 Entertainment
Label/Vertrieb 2001–2009: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

 

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Die Bounty (1984) – Meuterei auf hoher See

The Bounty

Von Lucas Gröning

Abenteuer // Im Jahre 1787 stach der britische Dreimaster „HMS Bounty“ unter der Führung von Lieutenant William Bligh in See und machte sich auf eine Reise durch die Südsee. Das Schiff und seine Crew sollten Stecklinge des Brotfruchtbaumes von Tahiti zu den Antillen bringen, deren Früchte als Nahrungsmittel für die von der britischen Regierung gehaltenen Sklaven vorgesehen waren. Während des langen Trips lief einiges aus dem Ruder, sodass es 1789 auf der Rückfahrt des Schiffes zur Meuterei unter der Führung des Oberbootsmanns Fletcher Christian kam, in deren Folge William Bligh gemeinsam mit 18 weiteren Crewmitgliedern von den Meuterern ausgesetzt wurde. Mit diesen gelang dem Lieutenant eine außergewöhnliche Leistung: Er und seine Leute legten 3.600 Seemeilen von Tonga bis Timor zurück und schafften es so, in ihre britische Heimat zurückzukehren. Teile der Meuterer wiederum besiedelten die entlegene Südseeinsel Pitcairn und versteckten sich so vor der britischen Regierung.

Drei große Kinoversionen der Meuterei

Die Geschichte von William Bligh, der „Bounty“ und der Meuterei diente als Vorlage für zahlreiche künstlerische Darstellungen. Die älteste davon ist wohl die Kurzgeschichte „Les Révoltés de la Bounty“ aus dem Jahre 1879 von Jules Verne. Später wurde diese Geschichte von den Autoren Charles Nordhoff und James Norman Hall zu einer Buchtrilogie ausgebaut. Diese Reihe stammt aus den 1930er-Jahren und umfasst die Titel „Meuterei auf der Bounty“ (1932), „Männer gegen das Meer“ (1933) und „Pitcairns Insel“ (1934). Die Buchtrilogie wiederum lieferte die Vorlage für die wohl bekanntesten Filmumsetzungen zu diesem historischen Ereignis: 1935, ein Jahr nach Veröffentlichung des letzten Romans, inszenierte Regisseur Frank Lloyd, welcher 1942 als Produzent mit Alfred Hitchcock an „Saboteure“ zusammenarbeitete, die Umsetzung „Meuterei auf der Bounty“ mit den Oscar-Preisträgern Charles Laughton („Das Privatleben Heinrichs VIII.“, „Spartacus“) und Clark Gable („Es geschah in einer Nacht“, „Vom Winde verweht“). 1962 folgte unter Lewis Milestone („Frankie und seine Spießgesellen“) eine gleichnamige Zweitverfilmung mit Hollywood-Legende und Academy-Award-Gewinner Marlon Brando („Der Pate“, „Apocalypse Now“) und Trevor Howard („In 80 Tagen um die Welt“, „Gandhi“). Die dritte große Kinoumsetzung des Stoffs schließlich stammt aus dem Jahr 1984, trägt den Titel „Die Bounty“ und basiert auf dem Buch „The Bounty“ von Richard Hough aus demselben Jahr. In dieser Verfilmung von Regisseur Roger Donaldson („No Way Out“, „Cocktail“) werden die beiden Hauptfiguren von den Oscar-Preisträgern Anthony Hopkins („Das Schweigen der Lämmer“, „Was vom Tage übrig blieb“) und Mel Gibson („Braveheart“, Lethal Weapon“) verkörpert. Diese bislang letzte große Verfilmung des Stoffs soll Gegenstand des vorliegenden Textes sein.

Der zahme Kapitän

Bleiben wir zunächst bei der logischerweise größten Gemeinsamkeit aller drei Verfilmungen: dem Plot. Bei der Inszenierung eines historischen Ereignisses sind die Freiheiten einer Filmcrew in der Regel recht begrenzt. Dementsprechend ähnlich sind sich die Drehbücher, dementsprechend gering fallen die Unterschiede in der Geschichte aus. Alle drei Filme eint somit die grundlegende Ausgangssituation: Lieutenant William Bligh (Hopkins) wird damit beauftragt, die angesprochenen Stecklinge zu transportieren. Sein erster Offizier Fletcher Christian (Gibson) unterstützt ihn dabei. In Folge der tyrannischen Herrschaft an der Bord der „Bounty“, welche sich vor allem durch übertriebene Strafen für kleinste Vergehen oder Undiszipliniertheiten auszeichnet, kommt es auf der Rückfahrt zur Meuterei, in deren Folge Bligh mit mehreren Männern ausgesetzt wird und die Reise über 3.600 Meilen nach Timor zurücklegt. Diese Story ist in allen drei Verfilmungen gleich. Doch es gibt einige entscheidende Aspekte, die die 1984er-Version anders macht.

Bligh und Christian segeln zunächst Seite an Seite

So wird die Haupthandlung in Donaldsons Film von einer Rahmengeschichte begleitet. In dieser steht Lieutenant Bligh bereits nach seiner Heimkehr vor Gericht und muss sich dafür verantworten, warum sein Schiff einer Meuterei zum Opfer fiel. Er muss sich also rechtfertigen, seine Führungsqualitäten werden von den zuständigen Richtern infrage gestellt. Diese Verhandlung dient dazu, die Schuldfrage zu beantworten und uns Zuschauern die Frage zu stellen, wem wir selbst die Schuld an der Eskalation geben. Ist diese Frage in den vorherigen beiden Filmen eindeutig zu beantworten, können wir uns bei Donaldsons Adaption nicht sicher sein, was einem anderen wichtigen Herausstellungsmerkmal im 1984er-Film geschuldet ist: Im Gegensatz zu den anderen beiden Filmen erscheint William Bligh nämlich zu Beginn, bis zur Landung auf Taiti, als besonnener Mensch, über den wir auch recht viele Hintergrundinformationen erfahren. So wissen wir nach der Einführung, dass er sehr ehrgeizig ist und in der königlichen Marine eine steile Karriere anstrebt und außerdem, dass er eine Frau hat, die in der Heimat auf ihn wartet. Er und Christian werden hier zunächst als alte Freunde dargestellt. Zwischen ihnen besteht eine Beziehung, die derart innig ist, dass Bligh Christian unbedingt als seinen Ersten Offizier auf der Reise dabei haben will. Und auch auf der Reise selbst deutet sich zunächst nicht an, dass Bligh zu eben jenem Tyrann werden könnte, der er in den vorangegangenen Filmen ist, womit auch kein Grund vorhanden wäre, dass die Crew gegen ihn meutern könnte. Zwar ist Bligh auch in dieser Verfilmung ein Kapitän, der Undiszipliniertheiten durchaus bestraft und Wert auf autoritäre Führung legt, doch ist er zunächst weit entfernt davon, ein wirklich unfairer und tyrannischer Herrscher über sein Schiff zu sein.

Zwei Positionen

Vielmehr ist es seine Mannschaft, durch die er sich im Verlaufe der Geschichte zu eben jenem entwickelt. Das Gebilde seiner Crew wirkt von Beginn an instabil und weist antiautoritäre Tendenzen auf. So machen sich die Mitglieder beispielsweise hinter dem Rücken ihrer Vorgesetzten immer wieder über diese lustig. Dieses Antiautoritäre ist dabei zunächst nicht besonders schädlich, jedoch gibt es auch unter den ranghöheren Mitgliedern der Gruppe Individuen, denen dies auffällt und die versuchen, ihre Macht mit entsprechender Strenge zu erhalten. Repräsentiert wird diese Strenge vor allem durch den Steuermann John Fryer (Daniel Day-Lewis), der gegen Undiszipliniertheiten besonders rigoros vorgeht und dafür von Bligh zu Beginn auch nicht besonders geschätzt wird. Ihm gegenübergestellt wird Charles Churchill (Liam Neeson), welcher Teil der Crew ist und sich als besonders aufmüpfig herausstellt. In diesen beiden haben wir die zwei Extrempositionen vertreten, deren Aufeinanderprallen schlussendlich dazu führt, dass es auf der Bounty zur Eskalation kommt. Bligh und Christian hingegen repräsentieren eine vermittelnde Position zwischen den beiden Extremen, wodurch die Crew zunächst noch zusammengehalten wird.

Die Landung auf Tahiti ändert alles

Dies ändert sich mit der Ankunft in Tahiti, wo die Mannschaft für mehrere Monate bleiben muss. Das freie und unbeschwerte Leben auf der Insel wird hier als krasser Gegenentwurf zu dem autoritären Regiment gezeigt, aus dem die Briten kommen. Alles ist so frei und unbeschwert. So verlieben sich diverse Crewmitglieder mit der Zeit in tahitische Frauen, was dazu führt, dass sie die Insel nicht mehr verlassen wollen. Hier findet eine Verstärkung des antiautoritären Gedankenguts der niederen Ränge statt, was im Konflikt mit der Tatsache steht, dass sie sich nach wie vor im Dienst der britischen Marine befinden. Auch Fletcher Christian wird mit der Zeit von dem Leben auf der Insel angesteckt, er verliebt sich in eine der dort lebenden Frauen, welche von ihm sogar schwanger wird. Somit ist es tatsächlich die Liebe, die ihn aus den strengen Strukturen der Briten löst und dafür sorgt, dass er sich mit den übrigen Crewmitgliedern solidarisiert.

Bligh hingegen wirkt im Umfeld der Tahitianer wie ein Fremdkörper. Während die meisten Besatzungsmitglieder sich längst den lockeren Strukturen angepasst haben, die auf der Insel herrschen, besteht Bligh nach wie vor darauf, dass dieselben Regeln gelten wie auf dem Schiff. Dies wird besonders durch seine Kleidung deutlich. So ist er einer der Wenigen, die ihre Uniform nach wie vor tragen, was in der Umgebung zahlreicher halbnackter und ungepflegter Menschen vollkommen lächerlich und überzogen wirkt. Zugleich ist es gerade diese Nacktheit und offen zur Schau getragene Sexualität, die dem Kapitän fremd vorkommt. Während er sich durch ein Erinnerungsbild seine in der Heimat zurückgelassene Frau ins Gedächtnis ruft, die in der fernen Heimat auf ihn wartet, lebt seine Crew ihre Sexualität ohne Hemmungen aus. So ist es unmöglich für Bligh, selbst auch nur annährernd sexuell befriedigt zu werden, während um ihn herum alle Menschen Freiheiten ausleben, die sie bisher auf ihrer Reise nicht hatten. Dieser Faktor ist es, der ihn schlussendlich zu jenem Tyrann macht, der von der Mannschaft, angeführt von Fletcher Christian, im Verlaufe der Meuterei abgesetzt wird.

Unspektakuläre Kameraarbeit

Die Geschichte bietet somit tatsächlich psychologisch interessante Aspekte, die die beiden vorangegangenen Filme ausgeklammert haben. Insbesondere diese Aspekte machen Donaldsons Regiearbeit zu einem sehr guten Film. Die fantastischen schauspielerischen Leistungen einer Riege großartiger Darsteller tun ihr Übriges dazu. „Die Bounty“ weist jedoch auch kleinere Schwächen auf. Zuerst genannt sei ein Aspekt, für den der Film selbst relativ wenig kann: Wenn man mit den Ereignissen rund um die historische Meuterei auf der „Bounty“ vertraut ist, fällt es relativ schwer, gespannt und aufmerksam am Ball zu bleiben. Donaldsons Werk tut sich dahingehend relativ schwer, Spannung aufzubauen, diese konstant über die volle Länge zu halten und sich weit genug vom historischen Ereignis abzusetzen. Auch aus handwerklicher Sicht bietet seine Regiearbeit Anlass zur Kritik: So sind die Bilder insgesamt doch eher unspektakulär und bleiben nicht besonders nachhaltig im Gedächtnis hängen. Kameramann Arthur Ibbetson („Agenten sterben einsam“) hat hier wenige wirklich kreative Einstellungen gefunden, sodass sich der Film zu keinem Zeitpunkt fundamental von anderen großen Werken abhebt, in denen es um Seefahrten geht. Auch das Piratengenre hätte hier als Inspirationsquelle dienen können, klare Verweise sucht man jedoch vergebens. So bleibt der Film durch die hervorragende Charakterzeichnung zwar sehr gut, bietet jedoch davon abgesehen, sowohl filmhistorisch als auch im Kontext zu den vorangegangenen Werken rund um die Meuterei auf der „Bounty“ wenig Erfrischendes.

Bald kommt es zur Eskalation

Ccapelight pictures hat das Werk kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht. Die gewohnt sorgfältig prpduzierte Edition enthält den Film als Blu-ray und DVD. Geschichtsinteressierte Rezipienten finden im Booklet eine genaue Beschreibung der realen historischen Ereignisse sowie eine Passage, in der auf die historische Genauigeit der Filmumsetzungen eingegangen wird. Die Neuveröffentlichung ergibt Sinn, da die 2007 von Twentieth Century Fox Home Entertainment veröffentlichte DVD des Films inzwischen vergriffen ist. Parallel zum Mediabook hat capelight „Die Bounty“ auch einzeln neu auf DVD herausgebracht. Löblich, da trotz des mittlerweile nicht mal mehr neuen Formats Blu-ray DVDs nach wie vor nachgefragt werden.

Die bei „Die Nacht der lebenden Texte vorgestellten filmischen Adaptionen der Meuterei:

Die Bounty (USA 1984)
Meuterei auf der Bounty (USA 1962)
Meuterei auf der Bounty (USA 1935)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Daniel Day-Lewis, Mel Gibson, Anthony Hopkins, Liam Neeson und Laurence Olivier sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

17. Mai 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 5. Februar 2007 als DVD

Länge: 141 Min. (Blu-ray), 135 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Bounty
USA 1984
Regie: Roger Donaldson
Drehbuch: Robert Bolt
Besetzung: Mel Gibson, Anthony Hopkins, Laurence Olivier, Edward Fox, Daniel Day-Lewis, Bernard Hill, Phil Davis, Liam Neeson
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2007: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & Packshot DVD: © 2019 capelight pictures

 

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Die Legende von Beowulf – Episches Heldengedicht als brutaler Computertrickfilm

Beowulf

Von Volker Schönenberger

Computertrick-Fantasy-Abenteuer // Im Jahr 507 n. Chr. feiert der dänische König Hrothgar (Anthony Hopkins) in seinem Methalle Heorot ein ausschweifendes Gelage. In einiger Entfernung bleibt das nicht unbemerkt: Der riesenhafte Unhold Grendel (Crispin Glover) hat empfindliche Ohren und stört sich an der Ausgelassenheit und dem Lärm. Das grauenhaft entstellte Wesen dringt in Heorot ein richtet mit seinen übermenschlichen Kräften ein Massaker an. Die stärksten Krieger des Königs können nichts gegen Grendel ausrichten, er zerschmettert sie und reißt sie in Stücke, um sich anschließend am Blut seiner Opfer zu laben.

König Hrothgar wird vom …

Weil er keine Möglichkeit sieht, Grendel zu besiegen, lässt Hrothgar die Festhalle versiegeln und gebietet, dass die Zeit des Feierns vorbei ist. Er verspricht demjenigen die Hälfte seiner Reichtümer, der den Unhold bezwingt. Auf Gebete zu den alten Göttern oder dem neuen Gott der Christen will er sich nicht verlassen. „Wir brauchen jetzt einen Helden.“ Der naht in Gestalt von Beowulf (Ray Winstone) vom Volk der Gauten. Mit 14 tapferen Mitstreitern will er Grendel töten.

Episches Heldengedicht aus dem Frühmittelalter

Die am Computer animierte Verfilmung des frühmittelalterlichen epischen Heldengedichts „Beowulf“ wurde mit Motion Capture zum Leben erweckt und in 3D fürs IMAX-System produziert. Regisseur Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“) konnte sich dabei auf einen illustren Cast verlassen: Als Hrothgars Gemahlin Wealthow – und Beowulfs Love Interest – ist Robin Wright zu sehen. Grendels Mutter wird von Angelina Jolie verkörpert. John Malkovich spielt Unferth, den Berater des Königs, die Rolle von Beowulfs bestem Freund Wiglaf übernahm Brendan Gleeson.

… Unhold Grendel heimgesucht

Angesichts all dieser Prominenz ist es fast bedauerlich, dass „Die Legende von Beowulf“ als Computertrickfilm konzipiert worden ist, fallen die Gesichter der Figuren doch zwangsläufig gegenüber den echten Antlitzen der Stars ab, was durchaus zu Lasten charakterlicher Tiefe geht. Aber das Fantasy-Abenteuer hat andere visuelle Reize zu bieten. Mit Ausnahme einiger Bewegungen und von ein paar Gesichtern beeindruckt die spektakuläre technische Umsetzung ungemein. Die FSK-12-Freigabe überrascht etwas – der Film strotzt vor blutigen Details: Da werden Gliedmaßen abgerissen, Körper von Speeren durchbohrt, einem Krieger beißt Grendel sogar genüsslich den Kopf ab. Die artifizielle Visualisierung als Computeranimation mag den Ausschlag für die niedrige Altersfreigabe gegeben haben. In die Kinos kam seinerzeit eine entschärfte Fassung, die dafür entfernten erotischen und gewalthaltigen Bilder wurden später für den Director’s Cut wieder eingefügt. Der erhielt allerdings ebenfalls eine Altersfreigabe ab zwölf Jahren.

Ein tragisches Ereignis

Fürs Drehbuch nahmen sich der renommierte englische Autor Neil Gaiman („American Gods“, „The Sandman“) und sein Ko-Autor Roger Avary (gemeinsam mit Quentin Tarantino Drehbuch-Oscar für „Pulp Fiction“) einige Freiheiten gegenüber der Vorlage. Ob Werktreue der Filmhandlung größere inhaltliche Tiefe gegeben hätte? Die Frage ist nicht zu beantworten, aber „Die Legende von Beowulf“ ist letztlich mehr Spektakel als Heldenepos. Dabei handelt es sich um die dritte Kino-Adaption der gewaltigen Sage. 1999 entstand der britisch-amerikanische „Beowulf“ mit Christopher Lambert in der Titelrolle, 2005 eine kanadisch-isländisch-britische Version mit dem Titel „Beowulf & Grendel“ mit Gerard Butler als Beowulf. Mangels Sichtung der beiden kann ich keine Vergleiche ziehen. „Die Legende von Beowulf“ zeigt mächtige Fantasy, wobei mich bei der Sichtung das Gefühl beschlichen hat, dass mehr drin gewesen wäre.

Beowulf hat die Krone übernommen und ist alt geworden

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Brendan Gleeson und Anthony Hopkins sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Wiglaf steht treu an der Seite seines Herrschers

Veröffentlichung: 9. Oktober 2014 als Blu-ray 3D, 4. März 2012 als Blu-ray und DVD im Steelbook, 28. Mai 2010 als Premium Collection Blu-ray, 14. März 2008 als 2-Disc Special Edition DVD, 13. März 2008 als Blu-ray

Länge: 115 Min. (Director’s Cut, Blu-ray), 100 Min. (Director’s Cut, DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch u. a.
Originaltitel: Beowulf
USA 2007
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Neil Gaiman, Roger Avary
Besetzung: Ray Winstone, Anthony Hopkins, Robin Wright, John Malkovich, Angelina Jolie, Dominic Keating, Brendan Gleeson, Costas Mandylor, Alison Lohman, Crispin Glover
Zusatzmaterial: Die Reise eines Helden – Das Making-of von „Die Legende von Beowulf“, Die Legende von Beowulf – Eine lange Reise (The Volume, Voerbereitungen für die T-Pose, Was ist E.O.G.?, Die Requisiten, Die Scanner, Die Stunts, animiertes Storyboard der Grendel-Kampfszene, „Fight Me“ – Robert Zemeckis bei der Arbeit, „Baby, It’s Cold Inside“, Der Ursprung der Legende von Beowulf, Die Entstehung von „Die Legende von Beowulf“, Beowulfs Beast of Burden – Beowulfs Monster, Auf der Suche nach dem perfekten Beowulf), zusätzliche Szenen
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenbilder & Steelbook-Packshot: © Warner Home Video

 
 

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