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James Stewart (IV): Winchester 73 – Perfekt geschmiedete Odyssee eines Schießeisens

Winchester ’73

Anmerkung des Blogbetreibers: Aufgrund der extensiven und überaus lesenswerten Betrachtung lassen sich Spoiler nicht vermeiden. All jenen, die „Winchester 73“ noch nicht kennen, sei daher dringend ans Herz gelegt: Erst schauen, dann lesen!

Von Dirk Ottelübbert

Western // Eingangs liegt er hinter Glas, der „Titelstar“ dieses Films: ein Winchester-Repetiergewehr aus dem Produktionsjahr 1873, ein perfekt gelungenes Exemplar, „eine unter tausend“ – bestimmt zum Siegerpreis eines Schießwettbewerbs. Die Traumwaffe bleibt also nicht lange ein Ausstellungstück. Sie landet beim besten Schützen, wandert durch Raub allerdings in die Finger eines Schurken. Auch der verliert sie, und so nimmt die Winchester ihren Weg durch zahlreiche Hände, löst Bewunderung und Gier aus, bringt aber keinem ihrer Besitzer am Ende Glück …

Über einen einsamen Bergkamm reiten Lin McAdam (James Stewart) und sein Freund High-Spade (Millard Mitchell) nach Dodge City, Kansas. Wie im Taubenschlag geht es dort zu – es ist der 4. Juli 1876, zur Hundertjahrfeier der USA findet in dem Nest ein Preisschießen statt, und die Menge schart sich plappernd um den Preis, eine edle Winchester.

Waffen weg vor dem Waffengang

Aus diesem Grund werde auch „er“ in die Stadt kommen, versichert Lin mit Blick auf die Waffe. Offenbar erwartet der Westmann ein unerfreuliches Treffen. Nur ungern liefern Lin und High-Spade daher – Sicherheitsmaßnahme für alle – ihre Waffen beim örtlichen Gesetzeshüter Wyatt Earp (Will Geer) ab. „Er“ – das ist Dutch Henry Brown (Stephen McNally). Mit dem selbstsicher auftretenden, klobigen Kerl verbindet Lin eine gemeinsame Vergangenheit, und eine finstere Tat von Dutch ließ die beiden zu Todfeinden werden.

Lin (r.) und High-Spade (M.) geben ihre Waffen bei Wyatt Earp ab

Kurz darauf hallen die Straßen vom Echo der Gewehrschüsse wider: Die sieben Teilnehmer tragen den Wettbewerb aus. Lin und Dutch, einander stetig belauernd, setzen sich vom Feld ab. lm Scheibenschießen liegen sie gleichauf, beim Feuern auf Münzen findet Dutch in Lin seinen Meister. Viel zu schade sei die Büchse für das Jagen von Kaninchen, höhnt der Verlierer. Ja, und auch zu schade, um einem Mann in den Rücken zu schießen, entgegnet Lin böse …

Wie gewonnen, so zerronnen

Noch am selben Tag verliert er seine Trophäe. Dutch und zwei Spießgesellen überfallen ihn, rauben die Waffe und suchen das Weite. Ihr Ziel: Tascosa in Texas. Auf dem Weg machen sie Halt in der Prärie-Absteige „Riker’s Bar“, wo Dutch die Winchester beim Poker an den gewieften Händler Lamont (John McIntire) verliert. Auch der behält sie nicht lange: Lamont, mit den Indianern Geschäfte treibend, weigert sich, die Büchse an den rebellischen Sioux-Häuptling Young Bull (Rock Hudson) zu verkaufen, und bezahlt das mit dem Leben.

Bei der Attacke auf eine Kutsche und später auf einen Trupp Kavalleristen kommt Young Bulls neuer Besitz zum blutigen Einsatz. Die Soldaten unter Sergeant Wilkes (Jay C. Flippen) wehren sich vehement gegen die roten Krieger. Lin und High-Spade wie auch Saloondame Lola (Shelley Winters) und ihr Geliebter Steve (Charles Drake) sind zu den Männern gestoßen, helfen tatkräftig bei der Verteidigung. Nachdem Lin den Häuptling erschießt, geben die Indianer den Kampf auf. Die Winchester liegt im Staub des Kampfplatzes, bis ein junger Soldat (kleine Rolle für Tony Curtis, damals 25) sie entdeckt und an den erfreuten Wilkes weiterreicht. Das sei doch ein Geschenk für … „Lin!“, ruft der alte Offizier dem Davonreitenden nach, aber der ist außer Hörweite. So erhält Steve das kostbare Stück. An ihn scheint es vergeudet, denn er ist ein Feigling und gehört überdies zu einer Bande, mit der sich Dutch in Tascosa für einen Banküberfall verabredet hat.

Showdown in den Bergen

Die texanische Stadt bildet nun die letzte Reisestation der Waffe. Steve, von Lola nur noch widerwillig begleitet, lässt sich von Bandit Waco Johnny Dean (Dan Duryea) demütigen und provozieren; nachdem er zum Colt greift, erschießt Waco ihn und nimmt die Winchester an sich. Beim Zusammentreffen mit Dutch fordert dieser sein „Eigentum“ zurück. Waco gibt nach, kündigt dabei an, er werde sich das Gewehr schon wiederholen, auf ähnliche Weise wie tags zuvor bei Steve. Dazu kommt es allerdings nicht: Lin erreicht inzwischen Tascosa, durchkreuzt die Pläne der Banditen und liefert sich mit Dutch in den Bergen ein zweites – finales – Duell.

Dutch (l.) und Co. planen Finsteres

Genug erzählt! Tatsächlich kommt man in Versuchung, Szene für Szene dieses Klassikers nachzuzeichnen – so flüssig wechselt er die Schauplätze, Orte eigenständiger Mini-Dramen, so markant konturiert er seine Figuren. Die 92 Minuten von „Winchester 73“ liefern eine Glanzleistung in Sachen Erzählökonomie. Gemeinsam mit „Die Farm der Besessenen“ (ebenfalls 1950) bildet er Anthony Manns ersten Schritt ins Western-Genre, zudem markiert er den Beginn von dessen fruchtbarer Zusammenarbeit mit James Stewart (1908–1997). Fünf Western drehten sie gemeinsam, und ihr Startschuss geriet nicht zur Fingerübung, sondern avancierte sogleich zu einem Markstein des Genres, vielbesprochen, verehrt und erfolgreich. Ein maßgeschneiderter Einstieg in ein kommerziell wie künstlerisch bedeutsames Jahrzehnt für den US-Western.

Der Part des Lin McAdam gab Stewart die Gelegenheit, ein neues, toughes Image zu präsentieren, viele staubige Meilen entfernt vom unbeirrbaren, idealistischen und immer liebenswerten Gutmenschen, den er etwa in Frank Capras Meisterwerken „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) und „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) verkörpert hatte. Wie eigentlich alle „Helden“ aus Manns Western-Kosmos scheint Lin ein Getriebener, in sich gekehrt, zerquält. Alfred Hitchcock war ein weiterer Regisseur, der Stewarts dunklere Seiten hervorlockte, in „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) und vor allem natürlich in „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958).

James Stewart: hart oder verletzlich – oder beides?

Stewart selbst verwendete für den neuen Rollentypus statt „hart“ lieber das Stichwort „verletzlich“, was dem erstgenannten nicht unbedingt widerspricht: Lins Verwundungen – die lange zurückliegende Bluttat Dutchs, der Raub der Winchester – setzen Wut und Rachedurst frei. Der eigentlich gerechte Zorn trägt dabei pathologische Züge, Lin geht an seinem Drang nach Vergeltung fast zugrunde.

Als ich in Kindertagen, mit elf Jahren vielleicht, „Winchester 73“ zum ersten Mal sah, war ich bis dato eher mit Posen und Pathos der Karl-May-Schinken vertraut (gegen die ich hier nix sagen will!). Dieser Western jedenfalls schien mir etwas steif und redselig, James Stewart zu wenig Held. Seine Wut aber beeindruckte mich tief. Sein lodernder Blick, wenn er im vollen Saloon Dutch erstmals begegnet und der reflexartig zum Gürtel greift. Oder etwas später sein verächtlicher Zorn, wenn er seinem Feind schneidend entgegnet, er, Dutch, brauche die Winchester wohl „zum Morden“.

Stephen McNally als Gegenspieler Dutch

Womit wir beim starken Antagonisten wären, in jedem Western Anthony Manns eine feste Größe. Über Stephen McNally (1911–1994) als Dutch Henry Brown zeigte sich nicht nur Stewart des Lobes voll. Der wuchtige New Yorker, vormals Anwalt, stapfte durch eine ganze Reihe von B-Filmen, meist entweder als harter Bursche oder als Schurke, wie etwa in Jean Negulescos „Johnny Belinda“ (1948). Sein Dutch präsentiert sich als aufbrausendes, zudringliches Alpha-Männchen mit unstetem Blick. Eine formidable Leistung, auch wenn McNally etwas zurückbleibt hinter anderen Mann-Schuften wie dem doppelgesichtigen Cole alias Arthur Kennedy („Meuterei am Schlangenfluss“, 1952) oder dem dämonischen Vandergroat eines Robert Ryan („Nackte Gewalt“, 1953).

Abschied: Bardame Lola und Lin

Mindestens ebenso große Sorgfalt widmet das Drehbuch den zahlreichen Nebenfiguren, die vor allem durch gewitzte Dialoge ins Bild rücken und – je nach Perspektive – zu den Hauptdarstellern aufschließen oder aber Stewart und McNally (fast) in die „zweite Reihe“ holen. Auch dies ist ein Markenzeichen zumindest der drei Anthony-Mann-Western, für die Borden Chase als Autor verantwortlich zeichnete. Neben „Winchester 73“ gehen auch „Meuterei am Schlangenfluss“ (1952) und „Über den Todespass“ (1954) auf sein Konto.

So wie die Winchester-Büchse von Hand zu Hand wandert, tauchen diese Figuren auf der Bühne dieses Westerns auf und verschwinden teils wieder aus der Handlung. Aber sie setzen sich fest und klingen nach, lange nachdem der Film vorbei ist:

Wyatt Earp als Schiedsrichter

Wyatt Earp, Gesetzeshüter und Aufseher über das Preisschießen, gibt den launigen Festredner, wenn er schwadroniert, er selbst gäbe „seine rechte Hand“ für das prachtvolle Gewehr. Dann hält er inne und korrigiert sich: Vielleicht doch lieber die linke Hand, da er die rechte (Revolverhand) ja brauche, um im Nest für Ordnung zu sorgen. Das meint er dann völlig ernst.

Lins alter Freund High-Spade buchstabiert bei der Abgabe der Waffen in Dodge City seinen Namen: „High-Spade, mit einem Bindestrich. Auf dem ruhe ich mich aus, wenn ich mal müde bin.“ Was für ein Satz! Ein Mann der Sprache, abgesetzt vom rastlosen Tatmenschen Lin. Nicht umsonst ist es High-Spade, der Lola am Ende die Geschichte der Männerfeindschaft erzählt, während sich Lin und Dutch ihren Shootout liefern.

Bardame Lola ist keine „damsel in distress“, sondern bietet auch Schuften Paroli und zeigt Mut im Kampf. Als die Sioux-Krieger das Soldatenlager angreifen, drückt Lin ihr zögernd eine Waffe in die Hand. Lola sagt, sie könne damit umgehen und wisse auch, wofür die letzte Patrone aufzusparen sei …

Mit der Figur des aufrührerischen Sioux-Häuptling knüpft die Filmhandlung an die historischen Ereignisse jener Zeit an: Young Bulls unnachgiebiges Bestreben gilt dem Kauf von Repetiergewehren: Neun Tage vor der Hundertjahrfeier 1876 – mit der „Winchester 73“ seinen Anfang nimmt – hatten Krieger der Sioux, Arapaho und Cheyenne dem 7. US-Kavallerie-Regiment unter General Custer in der Schlacht vom Little Bighorn eine vernichtende Niederlage beigebracht. Dieser Sieg gelang nicht zuletzt dank der Repetiergewehre, die den Indianern einen Vorteil verschafften gegenüber den Einschüssern der Kavalleristen.

In Gettysburg noch Gegner

Sergeant Wilkes alias Jay C. Flippen, Anführer des Soldatentrupps, lobt Lin beim Abschied als einen Mann „nach meinem Geschmack“. In Gettysburg, jener blutig-berühmten Schlacht im Sezessionskrieg, hätte er ihn gern an seiner Seite gehabt. Schmunzelnd räumen Lin und High-Spade ein, sie seien doch dabeigewesen. Wilkes stutzt. Auf der Gegenseite, vervollständigen die beiden. Da lacht Wilkes – ein kurzes, herrlich weises Lachen, das eventuelle alte Gräben zwischen Nord- und Südstaatlern einfach zuschüttet.

Last not least ist natürlich Dan Duryea („Scarlett Street“, 1945) als Waco Johnny Dean zu nennen. Duryea, dessen Schauspiel-Stil so hingerotzt erscheint und doch so wohlbedacht ist, stiehlt hier komplett die Show als unberechenbarer, kichernder Tunichtgut.

Skrupellos überfällt Dutch eine Bank

Auch diese Liste des Western-Personals mag wie die Inhaltsangabe etwas langatmig ausgefallen sein. Mea culpa! So weitschweifig das in der Nacherzählung klingen mag, so klug, kurzweilig und lakonisch gerät das Werk, so reich grundiert die Darstellerriege das Drama. Bildet der Vergeltungs-Plot, der Kampf zwischen Lin und Dutch, das Skelett dieses Westerns, so bildet das restliche Ensemble dessen Blut, Fleisch und Herz. Im Typenreichtum und den Wechseln der Tonalität liegt auch ein besonderer Unterhaltungswert: „Ganze Sequenzen spielen meisterhaft mit der Mischung aus Thrill, Komik und Überraschung, die die alte Zirkusmentalität des Westerns ausmacht“ (zitiert nach: „Das Western-Lexikon“ von Joe Hembus).

Zum oben genannten „Thrill“ zählt definitiv auch die wohldosierte, dynamische Action: Die Attacke der Sioux auf die Kavalleristen überzeugt auch heute noch, im aufwühlenden Showdown zwischen Dutch und Lin fallen gefühlt mehr peitschende Schüsse als während der ersten großen Ballerei des Films, dem Preisschießen in Dodge City. Kameramann William H. Daniels leistete famose Arbeit; für den Film noir „Stadt ohne Maske“ (1948, Regie: Jules Dassin) hatte er einen Oscar gewonnen. Die Schießerei in den Bergen war denn auch Anthony Manns erklärte Lieblingsszene.

Nicht vergessen werden soll ein weiterer, laut Anthony Mann eigentlich der Hauptdarsteller des Films: „the Gun that Won the West“ – die Winchester. „Der ganze Film dreht sich um das Gewehr … das seine Besitzer entlarvt. Es gibt dem Film seine Struktur und wird selbst seine Hauptfigur“, so der Regisseur. Mythisiert der Film die Waffe? Ja und nein. Ein waffenkritisches Werk ist „Winchester 73“ ganz bestimmt nicht, zumal die Büchse ja am Ende in den „richtigen“, den „guten“ Händen landet (ironischerweise hat Lin zuvor kein einziges Mal mit ihr feuern dürfen).

Wie durchlöchert man eine Münze?

Schießen ist hier hohe Kunst (man denke an die physikalisch fast unmögliche mehrfache Durchlöcherung der Münzen beim Preissschießen!) und Mittel des Überlebens, Gewehre und Revolver sind Werkzeuge und psychologische Stütze – mehr als einmal beklagen die Westmänner, wie „nackt“ sie sich ohne Knarren und Munition fühlen. Anderseits weckt die Waffe Begehrlichkeiten respektive nackte Gier – sie befeuert und erhält somit den Zyklus aus Gewalt und Rache, der die Historie des Wilden Westens prägt und ausmacht.

Klassiker in neuer Optik: Erstmals erscheint „Winchester 73“ nun auf Blu-ray. Die Disc aus dem Hause Black Hill Pictures punktet mit gestochen scharfem Schwarzweiß-Bild und exzellenter Tonqualität. Zu den interessanten Extras zählt eine Super-8-Fasssung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Shelley Winters unter Schauspielerinnen, Filme mit Tony Curtis, Rock Hudson und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Todesmutig und entschlossen: Lin

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur DVD: Französisch
Untertitel: Deutsch, nur DVD: Englisch u. a.
Originaltitel: Winchester ’73
USA 1950
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Robert L. Richards, Borden Chase
Besetzung: James Stewart, Shelley Winters, Dan Duryea, Rock Hudson, Tony Curtis, Stephen McNally, Millard Mitchell, Charles Drake, John McIntire, Will Geer, Jay C. Flippen
Zusatzmaterial Blu-ray: Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Biografien, Wendecover
Label Blu-ray: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb Blu-ray: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb DVDs: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Dirk Ottelübbert
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Black Hill Pictures GmbH

 

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Draußen wartet der Tod – Mit Lockenkopf ins Western-Getümmel

The Last Frontier

Von Volker Schönenberger

Western // Hui, da trägt der gute Victor Mature aber einen skurrilen Lockenkopf zur Schau. Im selben Jahr wie „Draußen wartet der Tod“ drehte er mit „Der Speer der Rache“ („Chief Crazy Horse“) einen Western, in dem er einen Indianer verkörperte – den berühmten berühmten Häuptling Crazy Horse.

Die Indianer lauern schon

In „The Last Frontier“, so der Originaltitel, verkörpert Mature den Trapper Jed Cooper, dem nach erfolgreicher Jagd mit seinen Freunden Gus (James Whitmore) and Mungo (Pat Hogan) der Indianerhäuptling Red Cloud (Manuel Dondé) all ihre Pelze nebst Pferden und Gewehren abgenimmt. Der Stammesführer ist ungehalten, weil sich in seinen Jagdgründen Soldaten breitmachen. So lässt sich das Trio im nahe gelegenen Fort Shallan von Captain Glenn Riordan (Guy Madison) als Scouts anwerben. Jed verguckt sich schnell in die aparte Corinna Marston (Anne Bancroft), Ehefrau des Kommandanten Colonel Frank Marston (Robert Preston), der anfangs abwesend ist und sich bei seiner Rückkehr als tyrannischer und unbelehrbarer Mann entpuppt.

Indianer gegen Soldaten – und Victor Mature mittendrin

Weite Landschaften, Indianer auf dem Kriegspfad, Soldaten mit einem starrsinnigen Kommandanten, der keine Hemmungen hat, seine Männer in den Tod zu schicken, ein tapferer Held und eine schöne Frau – „Draußen wartet der Tod“ weist viele typische Merkmale eines klassischen Hollywood-Westerns auf und ist doch ein ungewöhnliches Werk in der Filmografie des großen Western-Spezialisten Anthony Mann („Meuterei am Schlangenfluss“). Das liegt nicht nur, aber hauptsächlich an der Figur Jed Cooper, von Victor Mature trotz der erwähnten Frisur mit ganz viel Spielfreude verkörpert. Der zum Scout gewordene Trapper trinkt gern mal einen, grölt dann herum und hält mit seiner Meinung nicht hinter den Berg, während er sich einen grinst. Das verleiht dem Film eine etwas absonderliche Leichtfertigkeit, die das ernste Thema der Indianerkriege in den Hintergrund rücken lässt. Unklar bleibt auch, weshalb Cooper unbedingt Soldat werden will, liebt er doch seine Freiheit und gibt er sich doch auch als ziviler Scout gern mal ungehorsam. Sieht der Trapper es als so erstrebenswert an, endlich „zivilisiert“ zu werden? Die Frage muss hier offen bleiben.

Noch ahnen Jed Cooper (M.) und seine Freunde nicht, dass …

Die Leichtfertigkeit schwindet später, wenn sich der Konflikt zwischen Jed Cooper und Colonel Marston zuspitzt. Das gipfelt in einem intensiven Zweikampf zwischen dem Scout und einem Untergebenen Marstons und einer anschließenden bedrohlichen Ruhe vor dem Sturm. Die Dreiecksgeschichte zwischen Cooper, Marston und dessen Frau Corinna stört da fast etwas, sie dient in erster Linie dem Zweck, den Konflikt der beiden Männer zu verschärfen. Die junge Anne Bancroft („Die Reifeprüfung“) hatte da zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Laufbahn noch nicht viel Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Die hatte allerdings Guy Madison („Der brennende Pfeil“), dessen Nebenrolle als Captain Riordan anfangs recht unbedeutend wirkt. Mit der Zeit entwickelt die Figur aber großes Profil – Riordan schwankt zwischen seinem Gehorsam als Offizier, seiner Loyalität zur Armee und seinem gesunden Menschenverstand, der ihm sagt, dass er seinen Vorgesetzten Colonel Marston stoppen muss.

… sich die Indianer nehmen, was sie begehren

Die Bild- und Tonqualität der Blu-ray ist gelegentlich uneinheitlich. Ein paar Mal lässt die Bildschärfe am Rand etwas nach. Insgesamt aber eine anständige Veröffentlichung eines schönen Westerns, auch wenn er nicht zu den bekanntesten und auch nicht zu den besten Regiearbeiten Anthony Manns zählt.

Abgebrannt gelangen die drei Trapper …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Victor Mature unter Schauspieler.

… nach Fort Shallan

Veröffentlichung: 7. Dezember 2017 als Blu-ray, 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 8 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Last Frontier
USA 1955
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Philip Yordan, Russell S. Hughes, nach dem Roman „The Gilded Rooster“ von Richard Emery Roberts
Besetzung: Victor Mature, Guy Madison, Robert Preston, Anne Bancroft, James Whitmore, Russell Collins, Peter Whitney, Pat Hogan
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailershow, Wendecover
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films (Blu-ray), Al!ve AG (DVD)

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 explosive media / Koch Films

 

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James Stewart (III): Meuterei am Schlangenfluss – Ein Geläuterter und ein Gieriger auf gefährlicher Reise

Bend of the River

Von Dirk Ottelübbert

Western // Planwagen rollen nach Norden. Die Siedlergemeinschaft um den alten Jeremy Baile (Jay C. Flippen) und seine Töchter Laura (Julie Adams) und Marjie (Lori Nelson) hofft auf eine neue Heimat in den Bergen Oregons. Kundiger Treckführer ist der Trapper Glyn McLyntock (James Stewart).

Ganoven oder Ex-Ganoven?

Auf einem Erkundungsritt bewahrt er einen Mann vor einem Lynchmob, der den angeblichen Pferdedieb hängen will. Der Gerettete (Arthur Kennedy) bedankt sich. Als McLyntock sich vorstellt, merkt der Fremde auf: „Glyn McLyntock … aus Missouri?“ – „Ja, genau.“ Später nennt der Fremde seinen Namen, er heißt Emerson Cole. „Aus der Gegend von Kansas?“, fragt McLyntock mit taxierendem Blick. Die Männer haben voneinander gehört, teilen ganz offenkundig eine unrühmliche Vergangenheit als Banditen.

Der Neuankömmling erweist sich als tapfer: Nachts kreist ein Trupp Indianer das Lager ein, Laura wird von einem Pfeil verletzt. Glyn und Cole wehren die Angreifer ab, wobei Cole seinem Mitstreiter das Leben rettet – zum ersten, aber nicht zum letzten Mal.

Glyn McLyntock führt den Siedlertreck

Entgegen seinem Plan, nach Kalifornien zu gehen, reitet Cole erst einmal mit dem Treck und sucht dabei Glyns Nähe. Ob er denn tatsächlich Farmer werden wolle, fragt Cole, um ihn aus der Reserve zu locken. Und: „Vor wem laufen Sie eigentlich weg?“ – „Vor einem Mann namens Glyn McLyntock.“ – „Na, und was passiert, wenn er Sie erwischt?“ – „Ich glaube nicht, dass er mich jemals erwischen wird. Ich habe ihn an der Grenze von Missouri beerdigt.“

Auftritt Rock Hudson

Nächste Reisestation auf dem Weg ist die Flussstadt Portland. Baile kauft beim Geschäftsmann Hendricks (Howard Petrie) lebensnotwendige Vorräte für den Winter – Lebensmittel, Kleidung, Saatgut, Vieh. Während die Siedler das Getümmel des aufblühenden Ortes genießen, scharwenzelt der junge Spieler Trey Wilson (Rock Hudson) um Marjie herum. Coles und McLyntocks Wege trennen sich hier vorerst: Erstgenannter bleibt in Portland und bei der in ihn verliebten, noch erholungsbedürftigen Laura, Glyn schifft sich mit Siedlern und Planwagen auf der „River Queen“ ein. Der Dampfer des alten Captain Mello (Chubby Johnson) bringt sie zum Oberlauf des Columbia-Flusses, bis in die Nähe des Siedlungsgebiets am Mount Hood. Die Vorräte sollen mit dem nächsten Schiff nachkommen.

Der Treck bewältigt den mühseligen Weg durch Wälder und Ebenen, über Steigungen und Geröll, kommt schließlich dort an, wo einmal das neue Dorf entstehen soll. Unerklärlicherweise bleibt die Lieferung der Vorräte aus. Die Zeit drängt, der Winter naht, und Glyn reitet mit Baile zurück nach Portland. Des Rätsels Lösung: In der Stadt hat der Goldrausch Einzug gehalten – und mit ihm die Gier. Der zuvor so vertrauenswürdig scheinende Hendricks hat die für die Siedler bestimmten – und bereits bezahlten – Vorräte einbehalten, da er sie weit profitabler an die Glücksritter losschlagen kann, und verweigert die Herausgabe. Bei einer anschließenden Schießerei steht Cole, mittlerweile eigentlich Casinobetreiber und Hendricks’ rechte Hand, einmal mehr McLyntock bei. Er, Laura und Wilson helfen auch, die Vorräte heimlich an Bord des Dampfers zu bringen, und begleiten Glyn.

Laura verliert ihr Herz an Schuft Cole

Mit Bewaffneten verfolgt Hendricks das Schiff am Flussufer entlang, aber in einer nächtlichen Schießerei lassen er und die meisten seiner Männer ihr Leben. Ein weiteres Mal nimmt die Gruppe um Glyn, der zusätzlich ein paar Tagelöhner anheuert, den harten Weg zur Siedlung auf sich. Nachdem Abgesandte einer Goldgräbersiedlung 100.000 Dollar für die Ladung bieten, nimmt bei Cole die Gier überhand. Zwar verhindert er McLyntocks Liquidierung, reißt aber die Führung an sich. Dem brutal Zusammengeschlagenen wirft er eine Satteltasche mit Vorräten hin. Er könne ja zu Fuß nach Portland zurückkehren.

„Also Wiedersehen, Glyn“, meint Cole höhnisch. „Ja, du wirst mich wiedersehen. Du wirst mich wiedersehen. Wenn du abends zu Bett gehst, wirst du Angst haben müssen, dass ich irgendwo in der Nähe auf dich lauere. Ich werde dich überall finden, wo du auch bist.“ Kein Wunder, dass Coles Lächeln erstirbt. Nein, diesen McLyntock möchte man nicht zum Feind haben. Mit eisigem und zugleich loderndem Blick presst er die Worte heraus. Und er wird seine Drohung wahr machen …

Anthony Mann und James Stewart

Fünf von acht Filmen, die Regisseur Anthony Mann (1906–1967) mit James Stewart drehte, waren Western. Samt und sonders zählen sie zu den besten Beiträgen des Genres in den 50er-Jahren. Ihr erster, vielleicht berühmester, ist „Winchester ’73“ (1950). Auf die „Meuterei am Schlangenfluss“ folgen „Nackte Gewalt“ (1953, mein Lieblingswestern dieses „Duos“), „Über den Todespass“ (1954) sowie „Der Mann aus Laramie“ (1955). Anthony Mann darf für sich geltend machen, einen neuen Typus des Westmanns kreiert zu haben: Die sind keine klassischen Helden, sondern ehemalige Schufte, zerrissene, von ihrer Vergangenheit gejagte Männer. Und diese Altlasten, das Schuldbewusstsein, ein gequältes Suchen nach Vergebung, in Blicken und Gesten zu verlebendigen, das vermochte niemand so vital wie Stewart.

Formidabel allerdings auch, wie Arthur Kennedy den Cole gibt, der stets im Reinen zu sein scheint mit seinen schurkischen „Genen“. Er wirkt wie ein dunkles Spiegelbild des geläuterten, mit sich hadernden Stewart. Die psychologischen Scharmützel der Hauptfiguren, die einander taxieren, belauern, provozieren, bilden den beunruhigenden Puls von „Meuterei am Schlangenfluss“. Zugegebenermaßen scheint klar, dass McClyntock nicht vom eingeschlagenen Weg abweichen, die Siedler nicht hintergehen wird. Wir Zuschauer fragen uns weniger, ob McLyntock entgleist, sondern eher, wann Coles wahre Natur die Überhand gewinnt. Spannend inszeniert ist dieser Schwebezustand auf jeden Fall, dafür sorgt schon das pointierte Drehbuch von Borden Chase, das den Antagonisten zudem ein starkes Arsenal schlüssig ausgearbeiteter Typen an die Seite stellt – den knorrigen, überzeugungsfesten Baile, den skrupellosen Geschäftsmann Hendricks, Hallodri Wilson und den couragierten Flusskapitän („Wären wir bloß auf dem Mississippi geblieben!“). Chase verfasste auch „Red River“ (1948), „Vera Cruz“ (1954) sowie für Anthony Mann „Winchester ’73“ und „Über den Todespass“. Hollywood honorierte Chases Künste leider kaum; es blieb bei einer Oscar-Nominierung für erstgenannten Film.

Hallodri und Helfer: Trey Wilson

Weiterer Hauptdarsteller des Westernklassikers ist die wilde Natur – die Berge, das reißende Flusswasser, fantastisch eingefangen von Kameramann Irvin Glassberg („Das Geheimnis der 5 Gräber“, 1956) an Originalschauplätzen in Oregon, darunter Mount Hood und Columbia River. Wunderbar atmosphärisch gerät so auch der Kontrast zwischen überwältigender Landschaft und dem „Sündenpfuhl“ Portland, der vom Goldfieber befallenen Stadt.

James Stewart schmollt bei der Premiere

Seine „wilde Natur“ zeigte beim Dreh übrigens auch Hauptdarsteller Stewart. Mit Begeisterung stürzte er sich in alle Herausforderungen. Anthony Mann: „James Stewart war geradezu verrückt nach Szenen, in denen er physisch hart gefordert wird. So etwas erregte ihn.“ Dieser Eifer, dieses Engagement, diese Lust an der Mühsal drücken auch dem Film einen Stempel auf. Nicht von ungefähr kommt daher wohl auch Stewarts emotionale Reaktion auf die Filmpremiere: Der junge Rock Hudson, als Spieler Wilson eindeutig ein Nebendarsteller, erntete dort weitaus mehr Applaus als Stewart selbst. Der schwor voller Ingrimm, nie wieder ein Wort mit Hudson zu reden, geschweige denn, wieder mit ihm zu drehen (sie kannten sich aus „Winchester ’73“). Beides hielt er ein.

Die schöne Koch-Media-Edition zeigt sich des Klassikers würdig: Sowohl Blu-ray als auch DVD sind mit der restaurierten alten Kino-Synchronisation ausgestattet. (Die TV-Synchro, eher uncharmant und steril im Sound, findet sich im Bonusmaterial.) Weiterer Pluspunkt: Eine neue HD-Abtastung lässt die Technicolor-Tableaus in ihrer ganzen Pracht erstrahlen.

Die Filme der „James Stewart Western Collection“ von explosive media:

01. Die Uhr ist abgelaufen (Night Passage, USA 1957)
02. Meuterei am Schlangenfluss (Bend of the River, USA 1952)
03. Rancho River (The Rare Breed, USA 1966)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rock Hudson, Arthur Kennedy und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Bricht Glyns altes Ich hervor?

Veröffentlichung: 10. August 2017 als Blu-ray und DVD, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD (Universal)

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Bend of the River
USA 1952
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Borden Chase, nach einem Roman von William Gulick
Besetzung: James Stewart, Rock Hudson, Arthur Kennedy, Julie Adams, Lori Nelson, Harry Morgan, Jay C. Flippen, Jack Lambert, Royal Dano, Chubby Johnson
Zusatzmaterial: diverse Trailer, Bildergalerie Universal-Neusynchronisation, Wendecover
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2017 explosive media / Koch Films

 

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