RSS

Schlagwort-Archive: Apokalypse

Horror für Halloween (II): Stephen King’s The Stand – Das letzte Gefecht: Episches Gut gegen Böse

The Stand

Von Volker Schönenberger

This is the way the world ends.
This is the way the world ends.
This is the way the world ends.
Not with a bang but a whimper. (T. S. Eliot, dt. Übersetzung: Auf diese Weise geht die Welt zugrunde. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln.)

Horror-Miniserie // In einer streng geheimen militärischen Forschungseinrichtung im ländlichen Kalifornien wird ein tödliches Virus freigesetzt. Der diensthabende Wachmann pfeift auf die Vorschriften, rennt zu seinem Haus auf dem Gelände, schnappt sich Frau und Kind und flieht, während im Innern die Menschen sterben wie die Fliegen. Der Vorspann setzt ein, und passenderweise bekommen wir über den Bildern all der Toten „Don’t Fear the Reaper“ von Blue Öyster Cult zu hören.

Aber natürlich war auch der Wachmann bereits infiziert, er und seine Lieben tragen das Virus in die Welt hinaus. Bevor der Erkrankte an einer Tankstelle im osttexanischen Kaff Arnette seinen letzten Atemzug tätigt, warnt er den zu Hilfe geeilten Stu Redman (Gary Sinise) vor einem dunklen Mann, der dem Auto eine Weile gefolgt sei. Er habe gedacht, er könne ihm entkommen. Aber niemand entkommt dem dunklen Mann. War das Virus in der Forschungseinrichtung noch innerhalb weniger Minuten tödlich, so ist es in der Außenwelt offenbar mutiert, um sich besser ausbreiten zu können. Die Ansteckung erfolgt zwar unmittelbar, zügig zeigen sich Symptome einer harmlosen Sommergrippe oder eines Schnupfens, aber bis zum unvermeidlichen Tod dauerte es fortan ein wenig länger, sodass binnen weniger Wochen 99,4 Prozent der Menschheit tot sind, dahingerafft von der sogenannten Supergrippe, die auch den Namen „Captain Trips“ bekommen hat.

Stephen Kings bester Roman?

Heute bin ich etwas von Stephen King und seinen Romanen abgekommen, aber bis in die 90er-Jahre hinein war er mein absoluter Lieblingsautor – und „The Stand – Das letzte Gefecht“ mein Lieblingsroman. Ich hatte das Epos um den großen Kampf zwischen Gut und Böse in den 80ern in der gekürzten Fassung gelesen, die veröffentlicht worden war, weil Kings Verlag Ende der 70er noch nicht bereit war, einen mehr als tausendseitigen Horrorroman zu veröffentlichen. Erst 1990 erschien die um 400 Seiten erweiterte vollständige Fassung, auch sie legte ich mir umgehend zu und verschlang sie zügig. Endzeit-Visionen haben mich stets fasziniert, Kings Roman gehört vielleicht zu den ersten Apokalypsen, die ich in Literatur oder Film wahrnahm – so genau entsinne ich mich nicht mehr. Umso neugieriger war ich auf die 1994er-Verfilmung als Miniserie, zumal mir die – nach heutigen Maßstäben nicht besonders gut gealterte – zweiteilige Romanverfilmung „Es“ von 1990 seinerzeit gut gefallen hatte. „The Stand – Das letzte Gefecht“ fesselte mich über die gesamten vier Episoden, und die erneute Sichtung anlässlich dieser Rezension bestätigte meine Erinnerung.

Auch Stu Redman wird interniert

Das gesamte Szenario der Auslöschung fast der gesamten Menschheit und des sich anbahnenden Kampfes zwischen dem ultimativen Bösen und der Macht des Guten entfaltet sich anhand der Überlebenden, die wir kennenlernen. Da ist Stu Redman von der Tankstelle, der mit seinen Leidensgenossen jenes Abends alsbald von der Armee interniert wird. Alle anderen sterben, er hingegen zeigt keinerlei Symptome der Infektion. Der gehörlose und des Sprechens nicht mächtige Nick Andros (Rob Lowe) trifft auf seinem Weg den etwas zurückgebliebenen Tom Cullen (Bill Fagerbakke), den er mitnimmt, auch wenn sich ihre Kommunikation schwierig gestaltet, weil Tom nicht lesen kann. Der verkrachte Popsänger Larry Underwood (Adam Storke) war unmittelbar vor dem Ausbruch der Pandemie auf dem Sprung zum Star, konnte kurz danach aber nur noch seine Mutter zu Grabe tragen. Dasselbe musste Fran Goldsmith (Molly Ringwald) mit ihrem Vater tun. Sie trägt das ungeborene Kind ihres verstorbenen Freundes in sich und ist gemeinsam mit dem nerdigen Nachbarsjungen Harold Lauder (Corin Nemec) unterwegs. Und dann ist da noch Nadine Cross (Laura San Giacomo), die sich Larry Underwood angeschlossen hat. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, doch Nadine weigert sich, mit ihm zu schlafen, weil sich ihre Jungfräulichkeit bewahren will. Aber für wen? Oder was?

Wer hat Angst vorm dunklen Mann?

Sie alle und auch andere träumen von der 106-jährigen Mutter Abagail Freemantle (Ruby Dee), die sie in Nebraska erwartet. Dort gilt es, eine neue, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Doch sie alle haben auch von einer anderen Person geträumt: vom dunklen Mann – Randall Flagg (Jamey Sheridan), der Verkörperung des Bösen. Er schart bereits seine Helfershelfer um sich, darunter den Mörder Lloyd Henreid (Miguel Ferrer), den er aus dem Knast befreite, und den durchgeknallten „Müllmann“ (Matt Frewer), der gern Bomben baut und nicht davor zurückschreckt, eine ganze Stadt in Flammen zu setzen. Und während Abagail und die Ihren nach Boulder, Colorado aufbrechen, schlägt Randall Flagg sein Hauptquartier in Las Vegas, Nevada auf.

Zwischen Fran und Stu keimen romantische Gefühle auf

Die Entstehung fürs Fernsehen kann „The Stand – Das letzte Gefecht“ zu keinem Zeitpunkt leugnen, auch einige visuelle Spezialeffekte wirken nach heutigen Maßstäben nicht mehr State of the Art. Damit muss man umgehen können, dann allerdings erschließt sich dem geneigten Zuschauer der Reiz dieser epischen Saga. Die hervorragend restaurierte Fassung lässt den Vierteiler auf Blu-ray in neuem Glanz erstrahlen – die Bildqualität hat mir ausgesprochen gut gefallen. Über die Tonqualität kann ich mangels anständiger technischer Ausstattung nur bedingt Auskunft geben, jedenfalls konnte ich sowohl bei der englischen Original-Sprachfassung als auch bei der deutsche Synchronisation alle Dialoge gut verstehen und sonstige Geräusche sowie den Score anständig wahrnehmen.

Der Endkampf naht

Natürlich kann man die Konfrontation zwischen den Mächten des Guten und des Bösen für simpel oder gar naiv halten, aber bietet uns der „Krieg der Sterne“ letztlich anderes? Der religiöse Unterton findet nicht meinen Beifall, aber damit kann ich als der Atheist, der ich bin, im Film umgehen. So faszinierend die Ausbreitung der Supergrippe, die Vernichtung der Menschheit und die Etablierung der Protagonisten und Antagonisten zu verfolgen waren – sobald sich die Fronten gebildet haben, schleichen sich ein paar Längen ein. Glücklicherweise sind uns viele der Figuren ans Herz gewachsen, und wir wollen wissen, wer überlebt und wie es allen ergeht. Das erhält die Spannung, was der Dramaturgie etwa der dritten Episode allein nicht gelungen wäre.

Mit einer Personalie bin ich nicht zufrieden: Als Personifizierung des Bösen hätte ich mir einen charismatischeren Darsteller gewünscht als Jamey Sheridan („Sully“). Er hat zwar ein sinistres Grinsen, geht für mich aber nur als Berufsjugendlicher mit Vokuhila durch. Auch seine Figur Randall Flagg erscheint mir nicht bis ins Letzte durchdacht. Obwohl er als übermächtig und nahezu allwissend gezeichnet wird, leistet er sich ein paar menschliche Aussetzer und Wutausbrüche, die nicht recht zu ihm passen. Ich entsinne mich allerdings nicht, ob Stephen King Randall Flagg schon im Roman so charakterisiert hatte. Stephen King hat die Figur auch in seinem Roman „Die Augen des Drachen“ sowie im „Der dunkle Turm“-Zyklus aufgegriffen.

Von Kathy Bates zu Ed Harris

Ein paar interessante Personalien zeigen sich in kleinen Nebenrollen: In zwei der vier Episoden tritt der im Juni 2019 verstorbene Max Wright als Militärarzt Dr. Herbert Denninger in Erscheinung – wir kennen ihn als Willie Tanner aus „Alf“. In der ersten Episode haben Oscar-Preisträgerin Kathy Bates („Misery“), Ed Harris („Die Truman Show“) und Jeff Goldblum („Jurassic World – Das gefallene Königreich“) kurze Auftritte. „The Stand“-Regisseur Mick Garris – er verfilmt übrigens gern Stephen King – gibt sich in der ersten Episode ebenfalls die Ehre, während seine Kollegen John Landis („American Werewolf“) und Sam Raimi („Tanz der Teufel“) in der finalen Folge zu sehen sind. Auch der Basketball-Superstar Kareem Abdul-Jabbar gibt sich ein Stelldichein – in den ersten beiden Folgen sehen wir ihn als etwas wirr wirkenden Prediger. Schließlich haben wir den Großmeister des literarischen Horrors und Autor der Romanvorlage Stephen King persönlich, der in den beiden letzten Episoden in Erscheinung tritt. Also achtet auf die bekannten Gesichter!

Kennen wir den nicht?

Eine Neuverfilmung des Romans ist bereits 2014 angekündigt worden. 2018 wurde bekannt, dass daraus eine zehnteilige Serie werden wird. Regie führt Josh Boone („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“), der auch unter den Drehbuchautoren und Produzenten zu finden ist. Mit James Marsden als Stu Redman, Whoopi Goldberg als Mutter Abagail, Alexander Skarsgård als Randall Flagg, Amber Heard als Nadine Cross und Greg Kinnear als Glenn Bateman sowie Marilyn Manson liest sich die Besetzung prominent. Einstweilen tut es aber auch die erste Adaption von 1994, bei der ich zwar einige Kritikpunkte ausgemacht habe, die ich aber dennoch auch 2019 mit Genuss geschaut habe. Andere mögen sich an den Makeln mehr stören, aber wer darüber hinwegsehen kann, bekommt ein Endzeit-Panorama geboten, das mit sympathischen Protagonisten punktet und über vier Folgen vorzüglich unterhält.

Die Episoden im Überblick:

1. The Plague (89 Min.)
2. The Dreams (89 Min.)
3. The Betrayal (89 Min.)
4. The Stand (93 Min.)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeff Goldblum und Ed Harris haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 26. September 2019 als Blu-ray, 4. Oktober 2007 und 19. März 2004 als DVD

Länge: 359 Min. (Blu-ray), 346 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Stand
USA 1994
Regie: Mick Garris
Drehbuch: Stephen King, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Gary Sinise, Molly Ringwald, Rob Lowe, Jamey Sheridan, Laura San Giacomo, Ruby Dee, Ossie Davis, Miguel Ferrer, Corin Nemec, Matt Frewer, Adam Storke, Ray Walston, Bill Fagerbakke, Tom Holland, Kareem Abdul-Jabbar, Stephen King, Mick Garris, John Landis, Sam Raimi, Kathy Bates, Jeff Goldblum, Ed Harris
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Cast & Crew, Making-of
Label/Vertrieb Blu-ray: Universal Pictures Germany GmbH
Label 2004er-DVD: Paramount
Vertrieb 2004er-DVD: Universal Pictures Germany GmbH
Label/Vertrieb 2004er-DVD: Warner Home Video

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

It Comes at Night – Endzeitstimmung im Wald

It Comes at Night

Kinostart: 18. Januar 2018

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Eine tödliche Pandemie hat die Erde heimgesucht und große Teile der Menschheit ausgelöscht. Paul (Joel Edgerton) und seine Frau Sarah (Carmen Ejogo) haben sich mit ihrem Teenager-Sohn Travis (Kelvin Harrison, Jr.) und dessen Hund Stanley in ihrem einsamen Haus im Wald verschanzt. Sarahs Vater ist dennoch angesteckt worden, die Eheleute geben ihm den Gnadenschuss und verbrennen den Leichnam in einer Grube im Wald.

Beerdigung in Zeiten der Pandemie

In der folgenden Nacht überwältigt Paul im Haus einen Eindringling (Christopher Abbott). Er bindet ihn draußen an einen Baum und stülpt ihm einen Sack über den Kopf. So lässt er ihn über Nacht zurück, um sicherzustellen, dass der Mann nicht den Erreger der Seuche in sich trägt. Will, so der Name des Fremden, berichtet, er sei auf der Suche nach Nahrung und Wasser für seine Frau Kim (Riley Keough) und seinen Sohn Andrew (Griffin Robert Faulkner). Sarah überzeugt ihren Mann, die drei aufzunehmen.

Niemals nachts in den Wald!

In den beengten Verhältnissen versuchen sich die beiden Familien einigermaßen einzurichten. Paul erklärt den Neuankömmlingen die Regeln, die sicherstellen sollen, dass das Dasein Struktur hat. Wichtigste Regel: „Wir gehen nachts nie nach draußen.“ Ab und zu isst das Sextett gemeinsam, auch ein Brettspielabend bringt gelegentlich Abwechslung. Der enorme Überlebensdruck zehrt jedoch zunehmend an den Nerven.

Ein Eindringling wird gestellt

Unten habe ich den Trailer eingebettet, weil er nach Lektüre dieser Rezension keinen Schaden anrichtet. Bedeutende Spoiler enthält er nicht, das hat man schon ganz anders gesehen. Allerdings erweckt er den Eindruck, bei „It Comes at Night“ handle es sich um einen handfesten Horrorschocker – das ist mitnichten der Fall. Aufgrund einiger Horrorelemente und der tödlichen Bedrohung habe ich mich für das Genre Horrordrama entschieden. Jump-Scares gibt es jedenfalls keine.

Kammerspiel mit zwei Familien

Über weite Strecken haben wir es mit einem fesselnden Kammerspiel zu tun, in welchem zwei kleine Familien in einer Situation verharren müssen, in der die Anspannung mehr und mehr steigt. Dass das nicht ewig gutgehen kann, ist von Anfang an klar. Sonderbare Träume von Pauls Sohn Travis tun ihr Übriges, Angst und Schrecken in das Haus einziehen zu lassen. Wie weit kann man gehen, um seine Familie zu schützen? Welchen Preis muss man dafür zahlen?

Paul (M.) erklärt die Regeln

Drei Kurzfilme und das Drama „Krisha“ (2015) hatte Regisseur und Drehbuchautor Trey Edward Shults bis dato inszeniert. Mit dem Drehbuch zu seinem zweiten Langfilm wollte er den Tod seines Vaters verarbeiten, wie er im Interview offenbarte. Ihm zufolge ist seine Arbeit an „It Comes at Night“ von George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ und Stanley Kubricks „Shining“ beeinflusst, zudem auch von den Regisseuren John Cassavetes und Paul Thomas Anderson. Das lasse ich so stehen, die Einflüsse möge jeder Filmgucker selbst erkennen.

Deutschlandstart mehrfach verschoben

„It Comes at Night“ lief 2017 beim Fantasy Filmfest. Den regulären deutschen Kinostart hat der Verleih von September auf Januar verschoben. Das ist oft ein schlechtes Zeichen, es wirkt, als würden die Verantwortlichen ihrem eigenen Produkt misstrauen – und es am Ende nur halbherzig in die Lichtspielhäuser bringen. Wer bedächtig-bedrohliche Endzeit-Stimmung und eine sich stetig aufbauende Spannungskurve mag, darf den Kinobesuch bedenkenlos wagen. Nur: Was mag das sein, was dem Titel zufolge des Nachts kommt?

Kim und Will passen sich an

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: It Comes at Night
USA 2017
Regie: Trey Edward Shults
Drehbuch: Trey Edward Shults
Besetzung: Joel Edgerton, Christopher Abbott, Carmen Ejogo, Riley Keough, Kelvin Harrison Jr., Griffin Robert Faulkner, David Pendleton, Mikey, Chase Joliet, Mick O’Rourke
Verleih: Universum Film / 24 Bilder

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Universum Film / 24 Bilder

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Into the Forest – Strom weg, Zivilisation weg?

into_the_forest-packshot

Into the Forest

Von Volker Schönenberger

SF-Endzeit-Drama // Die beiden Schwestern Nell (Ellen Page) und Eva (Evan Rachel Wood) leben mit ihrem Vater Robert (Callum Keith Rennie) in einem hochmodernen Haus im Wald. Hochmodern bedeutet aber auch: abhängig von der Stromversorgung. Erste Nachrichtenmeldungen über einen massiven Stromausfall beunruhigen die Familie noch nicht, doch von jetzt auf gleich ist auch bei ihr die Elektrizität weg. Eine Autofahrt in den nächstgelegenen Ort offenbart das Ausmaß der Notlage: Es gibt kaum noch Benzin, und die Supermarktregale sind bereits nahezu leergeräumt – werden von Kassierer Stan (Michael Eklund) aber dennoch mit vorgehaltener Schusswaffe bewacht. Bald sind die Schwestern auf sich allein gestellt.

into_the_forest-11

Die Nachrichten sind beunruhigend

Spracherkennung im Haus und ein paar andere Details verraten, dass sich die Handlung in der Zukunft befindet, wenn auch in einer sehr nahen. Regisseurin Patricia Rozema („Mansfield Park“, 1999) verfilmte Jean Heglands in Deutschland unter dem Titel „Die Lichtung“ erschienenen Roman als Psychogramm zweier ungleicher Schwestern vor dem Hintergrund einer hinfortbröckelnden Zivilisation. Studentin Nell wirkt vernünftiger, Tänzerin Eva etwas leichtsinniger – das hätte etwas mehr Tiefe vertragen, aber wichtiger ist ohnehin die Beziehung der beiden zueinander. Die Segnungen der modernen Technik schwinden dahin, die beiden Frauen müssen nicht nur mit Bedrohungen durch ihre Mitmenschen fertig werden, sondern auch dem schleichenden Verfall ihres Hauses zusehen, den sie nicht verhindern können.

into_the_forest-02

Der Anblick im Supermarkt nicht minder

Ellen Page („Juno“) und Evan Rachel Wood („The Wrestler“) gelingt es mühelos, ihren Figuren Profil zu verleihen. Das ist für das ruhige Endzeit-Drama schon die halbe Miete. Das Ende der Zivilisation wird in nur wenigen Details skizziert, hier geht es nicht um große Weltuntergangsszenarien, sondern um zwei Menschen in einer Ausnahmesituation, die gezwungen sind, den Slogan „Zurück zur Natur“ mit Leben zu füllen. Erst spät wird nachvollziehbar, weshalb es „Into the Forest“ heißt, also „In den Wald“, und nicht „In the Forest“, also „Im Wald“, wie man denken könnte. Eva und Nell stellen fest: Die Menschheit gibt es seit etwa 200.000 Jahren, Elektrizität aber erst seit 120 Jahren. Kommen wir ohne Strom aus? Eva und Nell können es. Hoffentlich.

into_the_forest-07

Streit ums verbleibende Benzin

„Die Lichtung“ gilt als feministischer Roman. Ganz deutlich macht die Verfilmung das nicht, aber das muss sie ja auch nicht. Zwei starke junge Frauen sehen wir so oder so, über die beiden hinaus sind nur noch drei Männerfiguren dabei, und das kurz genug. Ohne jede Effekthascherei hat „Into the Forest“ einige poetische Sequenzen zu bieten. Über ein paar Lücken ist hinwegzusehen, etwa die Tatsache, dass der strenge kanadische Winter überhaupt nicht thematisiert wird. Die Naturgewalten kommen in diesem Fall doch vergleichsweise sanft daher. Wer dabei ein Auge zudrücken kann, wird mit einem stillen dystopischen Drama belohnt, das nachdenklich macht. Wie vergänglich sind all unsere modernen Errungenschaften? Kommen wir ohne sie überhaupt noch zurecht? Wer weiß das schon …

into_the_forest-10

Zurück zur Natur – welche Beeren sind genießbar?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ellen Page sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Veröffentlichung: 17. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Into the Forest
KAN 2015
Regie: Patricia Rozema
Drehbuch: Patricia Rozema, nach einem Roman von Jean Hegland
Besetzung: Ellen Page, Evan Rachel Wood, Callum Keith Rennie, Max Minghella, Michael Eklund
Zusatzmaterial: Making-of, Audiokommentar von Autorin/Regisseurin Patricia Rozema, Trailer
Vertrieb: capelight pictures

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: