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2012 – Supernova: Mal wieder Endzeit-Trash von The Asylum

2012 – Supernova

Von Volker Schönenberger

SF-Katastrophen-Action // Bock auf Trash? Dieses vermeintlich oder tatsächlich unterirdische Segment des Low-Budget-Films eignet sich vorzüglich für Menschen, die Filme gern mit einem Wort als „Rotz“ oder „Müll“ abkanzeln, da Trash genau das bedeutet: Müll (nicht zu verwechseln mit dem Wort Thrash, das verprügeln/verdreschen bedeutet und einem alles niederknüppelnden Metal-Subgenre den Namen gab). Und da ich mich gern mal in die Niederungen des Films begebe, gönne ich mir ab und zu auch fein dosiert einen Trash-Film wie „2012 – Supernova“ (2009). Die titelgebende Jahreszahl verrät jedem Interessierten sogleich, dass wir es mit einem Mockbuster zu tun haben, also einem Abklatsch eines mehr oder weniger aktuellen Kino-Hits, in diesem Fall Roland Emmerichs „2012 – Das Ende der Welt“ (2009). Diese Trittbrettfahrer sind oft mit so geringem Aufwand gedreht, um nicht zu schreiben heruntergekurbelt, dass sie sich zügig produzieren lassen und somit oft schon in den Regalen gelandet sind, noch während das große Vorbild im Kino läuft – im Einzelfall sogar mal früher, so auch in diesem Fall: Während Emmerichs Endzeit-Blockbuster Mitte November weltweit nahezu gleichzeitig in die Kinos kam, war „2012 – Supernova“ bereits ein paar Wochen früher im US-Handel zu finden. Wenn die Kunde einer kommenden Großproduktion in Hollywood die Runde macht, können berüchtigte Trash-Schmieden wie The Asylum eben schnell reagieren.

Bedrohung aus dem Sternbild Leier

The Asylum zeichnet auch für „2012 – Supernova“ verantwortlich, dessen Handlung im Sternbild Leier einsetzt. Ein dort befindlicher Stern hat das Ende seiner Lebenszeit erreicht und explodiert, wird zur Supernova. Teile der dabei freigesetzten energiereichen Strahlung erreichen 200 Jahre später – im Hier und Heute – die Erde. Die Zerstörung eines Satelliten im Orbit bildet das Auftaktsignal der kommenden Katastrophe. Kurz darauf folgen erste Meteoriteneinschläge auf der Erdoberfläche. In hektischer Betriebsamkeit startet die NASA eine Raumfähre – zu welchem Zweck auch immer.

Der Astrophysiker Dr. Brian Kelvin (Brian Krause) wird zur Basis beordert. Mit Ehefrau Laura (Heather McComb) und Teenager-Tochter Tina (Najarra Townsend) ist er dorthin unterwegs, als die drei unvermittelt aus einem anderen Auto heraus von Terroristen mit Maschinenpistolen beschossen werden. In letzter Sekunde retten Sicherheitschef Captain Henreaux (Londale Theus) und seine Leute die Familie. Der NASA und weiteren Wissenschaftlern wie der Chinesin Dr. Kwang Ye (Allura Lee) und dem Russen Dzerzhinsky (Alan Poe) bleiben weniger als fünf Tage, bis die Hauptmasse der Supernova-Überreste die Erde erreichen und alles Leben auslöscht. Ein irrwitziger Plan soll die Menschheit retten: Außerhalb der Erdatmosphäre gezündete Nuklearraketen könnten einen atomaren Schutzschild bilden und so die gefährlichen Teilchen aufhalten.

Der Syrer mag Schusswaffen, der Russe Wodka

Asylum-Produktionen fackeln in der Regel nicht lang, sondern gehen zügig in die Vollen. So auch bei „2012 – Supernova“. Dafür benötigt man offenbar nicht allzu viel Regie-Kompetenz. Der auch als Ko-Autor am Skript beteiligte Regisseur Anthony Fankhauser musste hauptsächlich die Anweisung „Und Action!“ geben. Nuancierte Schauspielerführung in puncto Mimik, Gestik und Dialogen gehört bei The Asylum nicht zu den Anforderungen. Auch Stringenz und Logik sind entbehrlich, ebenso ein durchdachter Spannungsbogen. Stattdessen reihen sich nachvollziehbare bis hanebüchene Einfälle aneinander, von Syrern, die hinter den Atomraketen-Machenschaften Dr. Kelvins Übles vermuten, bis zu einem aus dem Nichts kommenden Tornado. Wenn heftigste Supernova-Ausläufer die Erde erreichen, kann man eben nach Herzenslust fabulieren, da es von einem solchen Ereignis keine Augenzeugen gibt, die glaubhaft bestreiten können, dass dies und jenes dabei geschehen kann. Apropos Syrer: Klischees sind immer gern genommen. Der Araber ist eben potenzieller Terrorist mit lockerem Finger am Abzug, und bei der Einführung des Russen muss dieser natürlich sogleich seine Vorliebe für Wodka preisgeben.

Bier hilft!

Mich wundert immer wieder die große Zahl an Trash-Filmen wie diesem, die Produktionsfirmen wie The Asylum nach wie vor hervorbringt. Außer ihr gibt es ja etliche andere Unternehmen, die einen solchen Film nach dem anderen produzieren. Und das etwa seit der Jahrtausendwende. Schon klar, Trash hat es immer gegeben, das hat nicht erst mit Ed Wood begonnen und bei den Troma-Kultfilmen geendet. Mit dem Auftreten von The Asylum hat die Taktzahl nach meiner Beobachtung enorm zugenommen. Ich selbst schaue diese Machwerke wie erwähnt gelegentlich, aber angesichts der Masse an Veröffentlichungen muss es eine Zielgruppe von Fans geben, die komplett darauf abfährt. Es dürfte sich bei diesen Viel-Trash-Guckern um ein vornehmlich männliches Publikum im Teen- und Twen-Alter handeln (oder doch etwa so alte Säcke wie ich?), die sich vor der Glotze auch gern mit ein paar Kumpels diverse Biere reinpfeifen und besonders gelungene Gags – wahlweise missratene Tricks – womöglich mit einem gepflegten Rülpser kommentieren. Für diese ist auch „2012 – Supernova“ ein gefundenes Fressen. Meine folgende Aufzählung der deutschen Veröffentlichungen des Films erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Veröffentlichung: 28. März 2014 als 2-Disc Special Edition Blu-ray „Weltuntergang 2012“ in Metallbox (mit zwei weiteren Spielfilmen: „2012 – Doomsday“ & „Meteor Apocalypse“, dazu vier Dokus: „Zwischen Leben und Tod – Als die Welt den Atem anhielt“, „Weltuntergang im Jahr 2012“, „Die schlimmsten Katastrophen der Menschheit“ & „Geheimgesellschaften – Verschwörungstheorien der Neuzeit“), 22. März 2013 als Blu-ray und DVD „Space Opera“ (mit zwei weiteren Spielfilmen: „Krieg der Welten 2“ & „Princess of Mars“), 18. Oktober 2012 als Special Edition Blu-ray (Bonusfilm der Doku „Doomsday 2012“ mit weiterem Bonusfilm: „2012 – Doomsday“), 28. Juni 2012 als 2-Disc Special Edition DVD „Weltuntergang 2012“ in Metallbox (Inhalt siehe gleichnamige Blu-ray-Box), 30. April 2012 als Blu-ray und DVD (jeweils 3-Disc-Box „Disaster“ mit zwei weiteren Filmen: „Meteor Apocalypse“ & „Earthquake in Tokio“), 29. April 2010 als DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: 2012 – Supernova
USA 2009
Regie: Anthony Fankhauser
Drehbuch: Anthony Fankhauser, Jon Macy
Besetzung: Brian Krause, Heather McComb, Najarra Townsend, Allura Lee, Alan Poe, Londale Theus, Stephen Schneider
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb 2013/2014: Great Movies GmbH
Label/Vertrieb 2012: Best Entertainment AG („Doomsday 2012“) / Great Movies GmbH („Weltuntergang 2012“)
Label/Vertrieb 2010: HMH Hamburger Medien Haus

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Packshots: © jeweiliges Label

 

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Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben? Die Letzten von uns

The Mansion

Von Lucas Gröning

SF-Horror // Im Jahr 2013 brachte Videospielentwickler Naughty Dog das bis heute gefeierte Action-Adventure und Survival-Horror-Spiel “The Last of Us” heraus. Nach Durchschnittswertungen diverser Magazine und Online-Angebote zu schließen, gilt das Spiel qualitativ mindestens als eines der besten des vergangenen Jahrzehnts. Es war auch in puncto Verkaufszahlen ein Hit. Thematisch befasst sich das Action-Adventure mit einer in nicht allzu fern liegenden Dystopie, in welcher ein Virus den Großteil der Menschheit infizierte und sie zu Zombie-ähnlichen Kreaturen – sogenannte Clicker – mutieren ließ. Im Zentrum der Handlung steht der vom Spieler gesteuerte Erwachsene Joel, der den Auftrag bekommt, die junge Ellie aus Boston (oder besser gesagt dem, was von Boston übrig geblieben ist) nach draußen in ein Camp der Fireflys zu bringen, einer Widerstandsgruppe gegen das sich inzwischen an der Macht befindende Militär. Warum Ellie so wichtig ist, erfährt Joel zunächst nicht. In der Folge ziehen die beiden durch ein postapokalyptisches und vor Gefahren strotzendes Amerika.

Doku über Obama-Wahlkampf in den Südstaaten

Ebenfalls 2013 erschien ein Film, der in einigen Punkten erstaunliche Paralellen zu „The Last of Us“ aufweist und welchen nun, wenige Monate vor dem Release der Fortsetzung zu Naughty Dogs Erfolgsspiel, Tiberius Film fürs Heimkino veröffentlicht. Die Rede ist von „Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben?“, inszeniert von Andrew Robertson. Es handelt sich um seine zweite Regiearbeit, zuvor hatte er 2009 „The Battle for Georgia“ inszeniert – die Dokumentation zeigt die Anstrengungen einer Schar Wahlkampf-Freiwilliger für Barack Obama in den letzten Wochen der US-Präsidentschaftswahl 2008 in der Südstaaten-Provinz von Georgia. Als Regisseur arbeitete Robertson seit 2013 bislang nur ein weiteres Mal: für eine Episode der Fernsehdokumentation „The Food Flirts“ (2018).

Zufluchtsort und Gefängnis zugleich: Das Haus von Jacks Familie

Die Geschichte des Films ist schnell erzählt: Vor einigen Jahren hat ein Virus einen Großteil der Menschheit ausgerottet, die Überlebenden kämpfen seitdem um die knappen Ressourcen. Im Zentrum der Handlung steht eine Familie, bestehend aus Vater Jack (Carter Roy), Mutter Nell (Amy Rutberg) und Tochter Birdie (Eva Grace Kellner), die sich in einem von dichtem Gehölz und einem Metallzaun umringten Haus befinden und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Außer den dreien befindet sich außerdem der ältere Kyle (Chris Kies) in der Behausung, welchen die Familie vor einiger Zeit aufgenommen hat. Derweil streift die Bande des brutalen Rez (Travis Grant) rücksichtslos durchs Land, plündert die Ressourcen anderer Menschen und tötet diese mit äußerster Brutalität. Einer Brutalität und Rücksichtslosigkeit, die zu viel für das Gemüt des Gangmitglieds Russell (Sebastian Beacon) ist, der flieht und fortan von seinen ehemaligen Kumpanen gejagt wird. Als Russell vor der Tür der eingangs erwähnten Familie auftaucht, scheint eine Konfrontation mit der Bande von Rez unausweichlich.

Eine Referenz jagt die nächste

Die Paralellen zu „The Last of Us“ sind schon auf der Handlungsebene zu erkennen: ein alles zerstörender Virus, ein Vater und eine Tochter sowie böse Gangs, die durch die postapokalyptische Welt ziehen. Das allein reicht für einen Vergleich natürlich nicht aus, ähnliche Endzeit-Plots gibt es ja zuhauf. Die Paralellen gehen jedoch noch weiter. So ähnelt beispielsweise Jack frappierend dem „The Last of Us“-Protagonisten Joel. Das gilt nicht nur für Frisur und Bart, sondern auch für die Kleidung der beiden. Hinzu kommt, dass im Film zum Beispiel auch gezeigt wird, wie Jack eine Gasmaske aufsetzt, um sich in unbekanntem Gebiet nicht mit dem Virus zu infizieren, und Schränke und Schubfächer in leeren Häusern nach Ressourcen oder Medikamenten durchsucht – ein essenzieller Bestandteil des Spielprinzips von „The Last of Us“. Da beide Produkte im Jahr 2013 erschienen sind, ist es natürlich schwer nachweisbar, dass sich eines der Werke beim jeweils anderen bedient hat. Die Tatsache, dass Naughty Dog 2013 allerdings bereits ein etabliertes Entwicklerstudio war – man denke an die Reihen „Crash Bandicoot“ (seit 1996) und „Uncharted“ (2007–2017) – sowie der Punkt, dass es bereits im Vorfeld Spielszenen aus „The Last of Us“ gab, legen einen Vergleich jedoch nahe.

Russell (l.) spielt mit dem Gedanken, die Bande von Rez (r.) zu verlassen

Auch bei anderen Werken bediente sich „Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben?“ fleißig. Die Musik erinnert sehr stark an jene aus John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) und das vom Metallzaun eingeschlossene Fort verweist teilweise auf die Festung in der dritten Staffel der Fernsehserie „The Walking Dead“ (2013), genauso wie einige Establishing Shots, die direkt aus dem Intro der AMC-Serie stammen könnten. Der Film referenziert also jede Menge anderer Werke und zieht sich dabei durchaus interessante Aspekte heraus. Erreichen tut er dabei keines der angesprochenen Vorbilder, was jedoch nicht heißen soll, dass es sich bei „Fear Comes Home – Wer bleibt am Leben?“ um einen katastrophalen Film handelt.

Licht und Schatten

Gerade die erste Hälfte des Films ist durchaus sehenswert. Hier wird uns eine sehr enge, verlassene Welt präsentiert, in der sich die Figuren der Familie nur äußerst selten aus der Sicherheit der Hütte und des Zaunes trauen. Zu groß ist die Angst vor dem, was sich hinter den dichten Bäumen verbergen könnte. Im Gegensatz zu beispielsweise „The Last of Us“ und „The Walking Dead“ ist es also nicht das Sichtbare, in Form von Zombies oder Clickern, welches das Unheil in der Welt repräsentiert. Vielmehr sind es das Unbekannte und die Ungewissheit über jene Schrecken, die sich außerhalb der Komfortzone befinden. Und obwohl uns bereits der überaus enge Raum gezeigt wird, in dem sich die Famiie bewegt, erscheint der Wald aufgrund der omnipräsenten Angst vor einer Gefahr noch wesentlich enger, was auch durch die Kamera unterstützt wird, die sich meist sehr nah an den Figuren befindet. Hier zeigt sich den Zuschauenden ein klarer Kontrast zur von Nostalgie und familiärem Zusammensein geprägten Idylle, die uns in den vier Wänden des Hauses gezeigt wird, denn obwohl es von dort kein Entkommen zu geben scheint, präsentiert uns der Film damit auch eine romantische Vorstellung, die mit dem Zusammenbrechen von etwas Etablierten und dem Beginn von etwas Neuem einhergehen kann.

Die zweite Hälfte flacht ab

Die zweite Hälfte der Erzählung schafft es leider nicht, an die atmosphärisch ansprechende erste anzuknüpfen. Dass die Protagonisten das Hauses verlassen müssen, zwingt den Regisseur Robertson dazu, uns auch über die bekannten Bilder hinaus eine stimmige Welt zu präsentieren, woran er scheitert. Es zeigen sich uns sehr generisch anmutende Wälder, Straßen, Fabrikgebäude und andere Orte, die lieblos gestaltet und aufgenommen wurden. Als größten Kritikpunkt möchte ich hier die Ereignislosigkeit nennen. War diese in den ersten knapp 45 Minuten noch ein Prinzip des Films, sodass man sich voll und ganz auf die Gestaltung der kleinen, aber durchaus charmanten Welt konzentrieren konnte, wird sie in der zweiten Hälfte zum Problem. Wir sehen die Personen lediglich durch das Land streifen, einige wenige Konflikte lösen sich ohne weitere Probleme schnell auf. Die gefährliche Bedrohung, die man zu Beginn hinter den Bäumen nur erahnen konnte, erfüllt so leider nicht die aufgebauten Erwartungen, sodass hier viel Potenzial verschwendet wurde. Auch die sich in der ersten Hälfte andeutenden Spannungen zwischen den Menschen verlaufen leider im Sand. Es wirkt ein wenig, als habe man nur für den ersten Teil des Films ein Drehbuch geschrieben und musste sich dann irgendwie überlegen, wie man die Geschichte einigermaßen schnell und sinnig zu Ende bringt. Ein spannend erzählter und intelligenter Film kommt daher leider nicht heraus. Somit bleibt ein durchaus unterhaltsames, ansprechend gestaltetes B-Movie, das mit Verlauf der Handlung jedoch deutlich abbaut.

Bald kommt es zu Konfrontationen

Veröffentlichung: 7. Mai 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Mansion
Alternativtitel: Refuge
USA 2013
Regie: Andrew Robertson
Drehbuch: Lilly Kanso, Andrew Robertson
Besetzung: Carter Roy, Amy Rutberg, Eva Grace Kellner, Chris Kies, Sebastian Beacon, Travis Grant, Reed Pendergrass, Sam Smith, Vincent Gandolfi
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Tiberius Film

 

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Horror für Halloween (II): Stephen King’s The Stand – Das letzte Gefecht: Episches Gut gegen Böse

The Stand

Von Volker Schönenberger

This is the way the world ends.
This is the way the world ends.
This is the way the world ends.
Not with a bang but a whimper. (T. S. Eliot, dt. Übersetzung: Auf diese Weise geht die Welt zugrunde. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln.)

Horror-Miniserie // In einer streng geheimen militärischen Forschungseinrichtung im ländlichen Kalifornien wird ein tödliches Virus freigesetzt. Der diensthabende Wachmann pfeift auf die Vorschriften, rennt zu seinem Haus auf dem Gelände, schnappt sich Frau und Kind und flieht, während im Innern die Menschen sterben wie die Fliegen. Der Vorspann setzt ein, und passenderweise bekommen wir über den Bildern all der Toten „Don’t Fear the Reaper“ von Blue Öyster Cult zu hören.

Aber natürlich war auch der Wachmann bereits infiziert, er und seine Lieben tragen das Virus in die Welt hinaus. Bevor der Erkrankte an einer Tankstelle im osttexanischen Kaff Arnette seinen letzten Atemzug tätigt, warnt er den zu Hilfe geeilten Stu Redman (Gary Sinise) vor einem dunklen Mann, der dem Auto eine Weile gefolgt sei. Er habe gedacht, er könne ihm entkommen. Aber niemand entkommt dem dunklen Mann. War das Virus in der Forschungseinrichtung noch innerhalb weniger Minuten tödlich, so ist es in der Außenwelt offenbar mutiert, um sich besser ausbreiten zu können. Die Ansteckung erfolgt zwar unmittelbar, zügig zeigen sich Symptome einer harmlosen Sommergrippe oder eines Schnupfens, aber bis zum unvermeidlichen Tod dauerte es fortan ein wenig länger, sodass binnen weniger Wochen 99,4 Prozent der Menschheit tot sind, dahingerafft von der sogenannten Supergrippe, die auch den Namen „Captain Trips“ bekommen hat.

Stephen Kings bester Roman?

Heute bin ich etwas von Stephen King und seinen Romanen abgekommen, aber bis in die 90er-Jahre hinein war er mein absoluter Lieblingsautor – und „The Stand – Das letzte Gefecht“ mein Lieblingsroman. Ich hatte das Epos um den großen Kampf zwischen Gut und Böse in den 80ern in der gekürzten Fassung gelesen, die veröffentlicht worden war, weil Kings Verlag Ende der 70er noch nicht bereit war, einen mehr als tausendseitigen Horrorroman zu veröffentlichen. Erst 1990 erschien die um 400 Seiten erweiterte vollständige Fassung, auch sie legte ich mir umgehend zu und verschlang sie zügig. Endzeit-Visionen haben mich stets fasziniert, Kings Roman gehört vielleicht zu den ersten Apokalypsen, die ich in Literatur oder Film wahrnahm – so genau entsinne ich mich nicht mehr. Umso neugieriger war ich auf die 1994er-Verfilmung als Miniserie, zumal mir die – nach heutigen Maßstäben nicht besonders gut gealterte – zweiteilige Romanverfilmung „Es“ von 1990 seinerzeit gut gefallen hatte. „The Stand – Das letzte Gefecht“ fesselte mich über die gesamten vier Episoden, und die erneute Sichtung anlässlich dieser Rezension bestätigte meine Erinnerung.

Auch Stu Redman wird interniert

Das gesamte Szenario der Auslöschung fast der gesamten Menschheit und des sich anbahnenden Kampfes zwischen dem ultimativen Bösen und der Macht des Guten entfaltet sich anhand der Überlebenden, die wir kennenlernen. Da ist Stu Redman von der Tankstelle, der mit seinen Leidensgenossen jenes Abends alsbald von der Armee interniert wird. Alle anderen sterben, er hingegen zeigt keinerlei Symptome der Infektion. Der gehörlose und des Sprechens nicht mächtige Nick Andros (Rob Lowe) trifft auf seinem Weg den etwas zurückgebliebenen Tom Cullen (Bill Fagerbakke), den er mitnimmt, auch wenn sich ihre Kommunikation schwierig gestaltet, weil Tom nicht lesen kann. Der verkrachte Popsänger Larry Underwood (Adam Storke) war unmittelbar vor dem Ausbruch der Pandemie auf dem Sprung zum Star, konnte kurz danach aber nur noch seine Mutter zu Grabe tragen. Dasselbe musste Fran Goldsmith (Molly Ringwald) mit ihrem Vater tun. Sie trägt das ungeborene Kind ihres verstorbenen Freundes in sich und ist gemeinsam mit dem nerdigen Nachbarsjungen Harold Lauder (Corin Nemec) unterwegs. Und dann ist da noch Nadine Cross (Laura San Giacomo), die sich Larry Underwood angeschlossen hat. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, doch Nadine weigert sich, mit ihm zu schlafen, weil sich ihre Jungfräulichkeit bewahren will. Aber für wen? Oder was?

Wer hat Angst vorm dunklen Mann?

Sie alle und auch andere träumen von der 106-jährigen Mutter Abagail Freemantle (Ruby Dee), die sie in Nebraska erwartet. Dort gilt es, eine neue, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Doch sie alle haben auch von einer anderen Person geträumt: vom dunklen Mann – Randall Flagg (Jamey Sheridan), der Verkörperung des Bösen. Er schart bereits seine Helfershelfer um sich, darunter den Mörder Lloyd Henreid (Miguel Ferrer), den er aus dem Knast befreite, und den durchgeknallten „Müllmann“ (Matt Frewer), der gern Bomben baut und nicht davor zurückschreckt, eine ganze Stadt in Flammen zu setzen. Und während Abagail und die Ihren nach Boulder, Colorado aufbrechen, schlägt Randall Flagg sein Hauptquartier in Las Vegas, Nevada auf.

Zwischen Fran und Stu keimen romantische Gefühle auf

Die Entstehung fürs Fernsehen kann „The Stand – Das letzte Gefecht“ zu keinem Zeitpunkt leugnen, auch einige visuelle Spezialeffekte wirken nach heutigen Maßstäben nicht mehr State of the Art. Damit muss man umgehen können, dann allerdings erschließt sich dem geneigten Zuschauer der Reiz dieser epischen Saga. Die hervorragend restaurierte Fassung lässt den Vierteiler auf Blu-ray in neuem Glanz erstrahlen – die Bildqualität hat mir ausgesprochen gut gefallen. Über die Tonqualität kann ich mangels anständiger technischer Ausstattung nur bedingt Auskunft geben, jedenfalls konnte ich sowohl bei der englischen Original-Sprachfassung als auch bei der deutsche Synchronisation alle Dialoge gut verstehen und sonstige Geräusche sowie den Score anständig wahrnehmen.

Der Endkampf naht

Natürlich kann man die Konfrontation zwischen den Mächten des Guten und des Bösen für simpel oder gar naiv halten, aber bietet uns der „Krieg der Sterne“ letztlich anderes? Der religiöse Unterton findet nicht meinen Beifall, aber damit kann ich als der Atheist, der ich bin, im Film umgehen. So faszinierend die Ausbreitung der Supergrippe, die Vernichtung der Menschheit und die Etablierung der Protagonisten und Antagonisten zu verfolgen waren – sobald sich die Fronten gebildet haben, schleichen sich ein paar Längen ein. Glücklicherweise sind uns viele der Figuren ans Herz gewachsen, und wir wollen wissen, wer überlebt und wie es allen ergeht. Das erhält die Spannung, was der Dramaturgie etwa der dritten Episode allein nicht gelungen wäre.

Mit einer Personalie bin ich nicht zufrieden: Als Personifizierung des Bösen hätte ich mir einen charismatischeren Darsteller gewünscht als Jamey Sheridan („Sully“). Er hat zwar ein sinistres Grinsen, geht für mich aber nur als Berufsjugendlicher mit Vokuhila durch. Auch seine Figur Randall Flagg erscheint mir nicht bis ins Letzte durchdacht. Obwohl er als übermächtig und nahezu allwissend gezeichnet wird, leistet er sich ein paar menschliche Aussetzer und Wutausbrüche, die nicht recht zu ihm passen. Ich entsinne mich allerdings nicht, ob Stephen King Randall Flagg schon im Roman so charakterisiert hatte. Stephen King hat die Figur auch in seinem Roman „Die Augen des Drachen“ sowie im „Der dunkle Turm“-Zyklus aufgegriffen.

Von Kathy Bates zu Ed Harris

Ein paar interessante Personalien zeigen sich in kleinen Nebenrollen: In zwei der vier Episoden tritt der im Juni 2019 verstorbene Max Wright als Militärarzt Dr. Herbert Denninger in Erscheinung – wir kennen ihn als Willie Tanner aus „Alf“. In der ersten Episode haben Oscar-Preisträgerin Kathy Bates („Misery“), Ed Harris („Die Truman Show“) und Jeff Goldblum („Jurassic World – Das gefallene Königreich“) kurze Auftritte. „The Stand“-Regisseur Mick Garris – er verfilmt übrigens gern Stephen King – gibt sich in der ersten Episode ebenfalls die Ehre, während seine Kollegen John Landis („American Werewolf“) und Sam Raimi („Tanz der Teufel“) in der finalen Folge zu sehen sind. Auch der Basketball-Superstar Kareem Abdul-Jabbar gibt sich ein Stelldichein – in den ersten beiden Folgen sehen wir ihn als etwas wirr wirkenden Prediger. Schließlich haben wir den Großmeister des literarischen Horrors und Autor der Romanvorlage Stephen King persönlich, der in den beiden letzten Episoden in Erscheinung tritt. Also achtet auf die bekannten Gesichter!

Kennen wir den nicht?

Eine Neuverfilmung des Romans ist bereits 2014 angekündigt worden. 2018 wurde bekannt, dass daraus eine zehnteilige Serie werden wird. Regie führt Josh Boone („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“), der auch unter den Drehbuchautoren und Produzenten zu finden ist. Mit James Marsden als Stu Redman, Whoopi Goldberg als Mutter Abagail, Alexander Skarsgård als Randall Flagg, Amber Heard als Nadine Cross und Greg Kinnear als Glenn Bateman sowie Marilyn Manson liest sich die Besetzung prominent. Einstweilen tut es aber auch die erste Adaption von 1994, bei der ich zwar einige Kritikpunkte ausgemacht habe, die ich aber dennoch auch 2019 mit Genuss geschaut habe. Andere mögen sich an den Makeln mehr stören, aber wer darüber hinwegsehen kann, bekommt ein Endzeit-Panorama geboten, das mit sympathischen Protagonisten punktet und über vier Folgen vorzüglich unterhält.

Die Episoden im Überblick:

1. The Plague (89 Min.)
2. The Dreams (89 Min.)
3. The Betrayal (89 Min.)
4. The Stand (93 Min.)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kathy Bates haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jeff Goldblum und Ed Harris unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 26. September 2019 als Blu-ray, 4. Oktober 2007 und 19. März 2004 als DVD

Länge: 359 Min. (Blu-ray), 346 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Stand
USA 1994
Regie: Mick Garris
Drehbuch: Stephen King, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Gary Sinise, Molly Ringwald, Rob Lowe, Jamey Sheridan, Laura San Giacomo, Ruby Dee, Ossie Davis, Miguel Ferrer, Corin Nemec, Matt Frewer, Adam Storke, Ray Walston, Bill Fagerbakke, Tom Holland, Kareem Abdul-Jabbar, Stephen King, Mick Garris, John Landis, Sam Raimi, Kathy Bates, Jeff Goldblum, Ed Harris
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Cast & Crew, Making-of
Label/Vertrieb Blu-ray: Universal Pictures Germany GmbH
Label 2004er-DVD: Paramount
Vertrieb 2004er-DVD: Universal Pictures Germany GmbH
Label/Vertrieb 2004er-DVD: Warner Home Video

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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