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Akropolis Connection – Das Geschäft der einsamen Wölfe

Sono stato un agente C.I.A.

Von Ansgar Skulme

Agententhriller // Der ehemalige CIA-Agent Lester Horton (David Janssen) hat sich als Buchautor eine neue Existenz aufgebaut, doch abgeschlossen hat er mit seinem früheren Leben noch lange nicht. In Griechenland kommt er seinem alten Chef Maxwell (Arthur Kennedy) bei der Suche nach einem Informanten namens Benson in die Quere. Wie sich herausstellt, soll dieser ein brisantes Tonband aufgenommen haben. Die Spur führt zu Hortons früherer Liebe Anna Florio (Corinne Cléry), deren Ehemann John (Maurizio Merli) Kontakt zu Benson hatte. Horton ist plötzlich Jäger und Gejagter zugleich. Maxwell geht über Leichen und keine Risiken ein.

Als sich die Eurospy-Welle der 60er-Jahre gelegt hatte, hielt auch im italienischen Genrekino langsam aber sicher eine andere Art von Agentenfilm Einzug. „Akropolis Connection“ ist ein recht düsterer Abgesang auf einen der einsamen Agentenwölfe; inhaltlich eher mit „Affäre in Berlin“ (1970) als James Bond verwandt. Die jeweiligen Hauptdarsteller beider Filme, David Janssen und Darren McGavin, verbindet zudem eine ähnliche Vergangenheit: Sie waren und sind in den USA primär durch ihre Fernsehrollen bekannt, gehörten sogar zu den Schauspielern, die mit mehreren Serienhauptrollen Erfolg hatten. In US-Kinofilmen konnten die beiden charismatischen harten Hunde als Hauptdarsteller jedoch zu Unrecht nur schwer Fuß fassen. Eine Alternative boten Hauptrollen in Fernsehfilmen und Kinoproduktionen abseits der USA. „Akropolis Connection“ wurde David Janssens erster und einziger italienischer Film.

Besser als gedacht?

Der Film hat im Allgemeinen nicht unbedingt positive Kritiken erhalten. Insbesondere wenn man ihn vor diesem Hintergrund schaut, ist man am Ende doch recht angenehm überrascht. Dass ein Film, der mit David Janssen, Maurizio Merli, Philippe Leroy, Arthur Kennedy, Ivan Rassimov und Faidon Georgitsis gleich sechs mehr als nur im Ansatz hauptrollenerprobte Schauspieler zu bieten hat, zu einem Langweiler verkommen könnte, ist an sich auch eine recht kühne Vorstellung. Rassimov war sicherlich kein besonders talentierter Schauspieler, macht sich gerade in „Akropolis Connection“ aber überraschend gut als stummer, eiskalter Verfolger, der am Ende doch Emotionen zeigt. Ich habe ihn bisher noch nie besser gesehen. Dass Maurizio Merli hier zum ersten und einzigen Mal seit seinem Durchbruch 1975 eine Nebenrolle anstelle der Hauptrolle in einem 70er-Jahre-Kinofilm übernahm, gibt dieser Produktion zudem einen besonderen Beigeschmack. Der nächste italienische Film, in dem Merli eine Nebenrolle spielte, kam erst 1983 in die Lichtspielhäuser. Mit David Janssen verbindet ihn das tragische Schicksal, dass beide wenige Wochen vor beziehungsweise nach ihrem 49. Geburtstag starben.

Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass man trotz guter Besetzung am Ende in reißerischem Trash landet, aber dass dies mit einem Regisseur wie Romolo Guerrieri („Auf verlorenem Posten“, 1973), von dem man recht sachliche Bilder und sorgsam aufgebautes Erzählen kennt, eher nicht zu befürchten ist, weiß man als Fan des italienischen Genrekinos eigentlich auch. Besonders sympathisch an „Akropolis Connection“ ist das sehr verwundbare Agentenbild, das der Film zeichnet. Horton ist privat von Anfang an gebeutelt und es kommt sogar noch schlimmer, zudem wird er in einem recht desillusionierenden, bedrückenden Abschnitt des Films in einer psychiatrischen Einrichtung mutwillig beinahe zugrunde gerichtet. Ein neues Leben, abseits des Agentendaseins, scheint für ihn eine Erlösung zu sein. Man ist hier sehr weit weg vom Bild eines Superhelden, ohne dass die Hauptfigur deswegen aber den Eindruck eines Verlierers oder plakativ ins Feld geführten „Anti-Helden“ machen würde. Ob man den Film nun für plausibel hält oder auch nicht: der Protagonist jedenfalls macht einen nachfühlbaren Eindruck. Sehenswertes 70er-Agentenkino in oft recht tristen Bildern, vor wunderbarer griechischer sowie italienischer, aber griechisch anmutender Kulisse, mit viel antikem Charisma und mit einem Arthur Kennedy, der als hinterhältiger, in die Jahre gekommener Schuft manchmal ein wenig an Sir Laurence Olivier in „Der Marathon-Mann“ (1976) erinnert.

Herausforderungen beim Dreh

Die Fertigstellung des Films wurde von dem Kuriosum überschattet, dass Passagen, in denen im Rahmen der Produktion tatsächlich mit Waffen Schüsse abgegeben wurden, offenbar durchweg in Griechenland gedreht werden mussten, da es in Italien diesbezüglich neue offizielle Einschränkungen gab. Man versuchte damit wohl zu verhindern, dass Gewalt im Alltag durch im eigenen Land produzierte Filme befördert wurde. Da das italienische Genrekino in den 60ern und 70ern wie kaum ein zweites von Schießereien, im Italowestern wie auch im Action- und Polizeithriller, gelebt hatte, mutet dieser Ansatz – mag er noch so gut gemeint sein – allerdings ausgesprochen albern an. Im damaligen italienischen Kino das Abfeuern von Schusswaffen unter derartige Auflagen zu stellen, ist etwa so, als hätte man in Hongkong plötzlich ein Edikt gegen den Kung-Fu-Film erlassen. Es ist gut möglich, dass dieser Hintergrundaspekt samt aller damit korrespondierenden Zusammenhänge einen gewissen Anteil daran hatte, dass das italienische Kino in den 80ern nicht mehr ansatzweise an die Erfolge der beiden vorausgegangenen Jahrzehnte anknüpfen konnte und sich davon bis heute nicht erholt hat.

David Janssen war zudem enttäuscht darüber, dass im italienischen Genrefilm damals immer noch auf Live-Ton verzichtet und somit auch „Originalfassungen“ synchronisiert wurden. Teilweise sprachen die Schauspieler in Szenen mit ihm daher im Dialog sogar andere Sprachen als er selbst – dieser Produktionsumstand ist hierzulande vor allem von der deutschen Winnetou-Reihe bekannt, wenn beispielsweise Jugoslawen an der Seite von Deutschen, Amerikanern, Briten oder Franzosen agierten, war aber auch im damaligen italienischen Kino verbreitet. Heute beklagen sich Schauspieler darüber, wenn sie ihre Szenen vor einem Greenscreen drehen müssen und nicht einmal mehr sehen, mit wem sie gerade sprechen, da ihre Gegenüber entweder komplett am Computer animiert oder beispielsweise zu kleinen Hobbits gemacht werden – das Mehrsprachen-Problem bei Filmen wie „Akropolis Connection“ ist in gewisser Weise das Pendant des früheren Kinos dazu. Auch wenn es für die Schauspieler phasenweise sicher anstrengend war, hat die damit verbundene Vernetzung internationaler Darsteller über alle Sprachbarrieren hinweg, mittels Synchronisation aller Fassungen, aber zweifelsohne viele Vorzüge.

Ein seltenes Vergnügen

„Akropolis Connection“ ist einer der wenigen Filme, denen das Privileg zuteil geworden ist, über zwei verschiedene, gute bundesdeutsche Synchronfassungen auf Augenhöhe zu verfügen, die zudem auch mit relativ kurzem zeitlichem Abstand zueinander entstanden sind. Meist liegen zwischen unterschiedlichen Synchronfassungen größere Zeitspannen und/oder signifikante Qualitätsunterschiede – unter anderem, weil spät entstandene Versionen am Aspekt des zeitgenössischen Klanges scheitern. Bei der Fassung „Rauschgift tötet leise“, mit Horst Naumann als Stimme von David Janssen, dürfte es sich um die deutsche Kinofassung handeln. Es gibt davon aber ebenso eine Videoveröffentlichung wie von der wahrscheinlich extra für die Videoauskopplung erstellten Synchronversion „Akropolis Connection“, bei der es sich um eine Fassung des Films mit Gottfried Kramer als Janssens Sprecher handelt. Sowohl Naumann als auch Kramer passen hervorragend auf David Janssen. Dass ein einzelner Film gleich zwei mehr oder minder ideale Synchronbesetzungen für denselben Schauspieler zutage fördert, die beide noch dazu wohl in keinem weiteren Spielfilm als Stimme dieses Schauspielers zum Einsatz kamen, ist schon äußerst ungewöhnlich.

Interessanterweise sind diese beiden, mir vorliegenden Videofassungen so gut wie gleich lang und unterscheiden sich inhaltlich nur minimal – am auffälligsten in der Szene zu Beginn, als das Durchschneiden der Kehle in „Akropolis Connection“ explizit zu sehen ist und in „Rauschgift tötet leise“ nicht. Die fast identische Laufzeit ist insofern bemerkenswert, als diese beiden Videoversionen trotzdem ungefähr zehn Minuten kürzer als die für den Film überlieferte Kinolänge sind. Eine DVD-Veröffentlichung mit zusätzlichen Szenen und zwei deutschen Fassungen könnte daher eine recht spannende Angelegenheit werden. Ob es sich bei den bisher im Ausland erhältlichen Versionen um offizielle Auskopplungen handelt, ist auf den ersten Blick nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Eine DVD-Auflage mit sehr guter Bildqualität und zudem Ton-Optionen, die ein internationales Publikum erreichen, lässt in jedem Fall auf sich warten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Arthur Kennedy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Sono stato un agente C.I.A
Deutscher Alternativtitel: Rauschgift tötet leise
IT/GR 1978
Regie: Romolo Guerrieri
Drehbuch: Vittorio Schiraldi, Mino Roli, Nico Ducci, John Crowther, Romolo Guerrieri
Besetzung: David Janssen, Corinne Cléry, Arthur Kennedy, Maurizio Merli, Ivan Rassimov, Philippe Leroy, Giacomo Rossi Stuart, Faidon Georgitsis, Dimitris Ioakeimidis, Tom Felleghy
Verleih: Mires Cinematografica, Greka Film

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Horror für Halloween (XXXVI): Das Leichenhaus der lebenden Toten – Solche Zombies werden heute gar nicht mehr gebaut

Non si deve profanare il sonno dei morti

Von Volker Schönenberger

Horror // Gleich zu Anfang kommt ein wenig Hippie-Feeling auf: Als sich der Kunsthändler George Meaning (Ray Lovelock) zu einem Wochenende auf dem Land aufmacht, läuft alsbald eine nackige Frau über die Straße, die „Freiheit! Freiheit! Freiheit für die Frauen!“ skandiert. Etwas später wird ein Mann auf dem Land George auf seine langen Haare ansprechen: „Sie sind ein wenig schwerhörig, was? Na ja, das wird an dieser Haarmähne liegen, die sie über den Ohren tragen.“ So wird frühzeitig ein Kontrast zwischen dem modernen Großstädter George und den Provinzlern etabliert, der später darin kulminiert, dass ein so übereifriger wie bornierter Polizei-Inspektor (Arthur Kennedy) partout George für die mörderischen Vorkommnisse in der Gegend verantwortlich machen will.

Zwischenfall an der Tankstelle

An einer Tankstelle beschädigt die Londonerin Edna (Cristina Galbó) mit ihrem Auto Georges Motorrad, sodass er es in der dortigen Werkstatt zurücklassen muss. Edna erklärt sich bereit, ihn mitzunehmen. Bei einem Zwischenstopp will George Einheimische nach dem Weg fragen. Die am Auto wartende junge Frau wird von einem seltsam steif daherstapfenden Mann mit starrem Blick angegriffen, kann sich aber retten. In der Nähe erproben Angehörige der britischen Landwirtschaftsbehörde ein neuartiges Gerät zur Ungezieferbekämpfung, das mit Kernenergie arbeitet.

Im Fahrwasser von „Die Nacht der lebenden Toten“

Zwei junge Leute fahren aufs Land, ein Untoter greift an – „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ outet sich frühzeitig als Epigone von „Die Nacht der lebenden Toten“, mit dem George A. Romeros 1968 die Tür zum modernen Zombiefilm weit aufstieß. „The Living Dead at Manchester Morgue“, so einer der internationalen Titel der spanischen Produktion, verzichtet über weite Strecken auf das apokalyptische Moment, die Zombieseuche bleibt vorerst lokal begrenzt. Ausgelöst wird sie durch – das könnt Ihr euch sicher denken.

Vorbild für Lucio Fulci?

Bemerkenswert, dass „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ fünf Jahre vor „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ („Zombi 2“, auch „Zombie Flesh Eaters“) entstand, dem ersten Zombiefilm eines gewissen Lucio Fulci – und vier Jahre vor George A. Romeros „Zombie“ („Dawn of the Dead“). Ansonsten hätte man argwöhnen können, dass Jorge Grau bei Fulci gelernt hat. So ist wohl anzunehmen, dass Fulci selbst, einer der Großmeister des Zombiefilms, Graus Werk kannte und schätzte, bevor er sich selbst daran machte, Heerscharen italienischer Untoter aufs Kinopublikum loszulassen.

Holt ihn endlich vom Index!

Die handgemachten Splatter- und Make-up-Effekte wissen zu gefallen und werden nicht inflationär eingesetzt, sondern nur punktuell, passend zur Handlung. Wenn die sich ins Krankenhaus verlagert, kommen Gorehounds aber auf ihre Kosten, zuvor auch schon in einer wunderbaren Friedhofs-Sequenz. „Invasion der Zombies“, so ein anderer deutscher Titel, hat eine lange Geschichte der Indizierung und Beschlagnahme aufzuweisen, die sich bis heute fortsetzt. Das wirkt umso unverständlicher, da doch seit einigen Jahren reihenweise Beschlagnahmungen vormals berüchtigter Klassiker aufgehoben und die Filme vom Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen werden. „The Texas Chainsaw Massacre“ und „Tanz der Teufel“ lassen grüßen, um nur zwei der prominentesten Beispiele zu nennen. Bleibt zu hoffen, dass sich ein Rechteinhaber der Aufgabe annimmt, das auch für „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ zu erreichen und den Film auf den Weg durch die Instanzen zu schicken, um eine adäquate Veröffentlichung zu ermöglichen und Filmfans zu erreichen, die keine Filmbörsen besuchen und sich mit dem internationalen Online-Handel nicht auskennen. Bis das geschieht, kann ich hier leider keine Veröffentlichung empfehlen.

Wie gelangte Arthur Kennedy in den Cast?

Eine für einen europäischen Exploitationfilm ungewöhnliche Personalie offenbart sich in der Rolle des Inspektors: Es entzieht sich meiner Kenntnis, was dazu führte, dass der in vielen Krimis und Western wie „Meuterei am Schlangenfluss“ profilierte Hollywood-Star Arthur Kennedy (1914–1990) mitwirkte, der in den 1950er-Jahren immerhin fünf Oscar-Nominierungen einheimste und 1956 für das Gerichtsdrama „Das Komplott“ einen Golden Globe als bester Nebendarsteller erhielt. Für Hinweise auf sein Mitwirken per Kommentar bin ich dankbar. Seine Figur ist etwas überzogen gezeichnet: Gar zu sehr versteift er sich von Anfang an darauf, in George den Täter zu sehen, ohne eine andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Das ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen eines ansonsten herausragenden Vertreters des europäischen Zombiefilms der 1970er-Jahre. Trotz all der rasenden Wüteriche in den Infizierten-Filmen der jüngsten Vergangenheit – die langsam schlurfenden Untoten der Romero-Ära haben auch heute ihre Existenzberechtigung. Jorge Graus „Das Leichenhaus der lebenden Toten“ punktet mit effektiver Inszenierung in gut anderthalb Stunden, ein paar sozialkritischen Elementen, prima Effekten und stimmungsvoller Provinz-Atmosphäre – klasse!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Arthur Kennedy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Non si deve profanare il sonno dei morti
Deutscher Alternativtitel: Invasion der Zombies
Internationale Titel: The Living Dead at Manchester Morgue / Let Sleeping Corpses Lie / Don’t Open the Window
IT/SP 1974
Regie: Jorge Grau
Drehbuch: Sandro Continenza, Marcello Coscia
Besetzung: Cristina Galbó, Ray Lovelock, Arthur Kennedy, Aldo Massasso, Roberto Posse, José Lifante, Giorgio Trestini, Jeannine Mestre, Fernando Hilbeck, Gengher Gatti, Vera Drudi, Vicente Vega

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

 

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James Stewart (III): Meuterei am Schlangenfluss – Ein Geläuterter und ein Gieriger auf gefährlicher Reise

Bend of the River

Von Dirk Ottelübbert

Western // Planwagen rollen nach Norden. Die Siedlergemeinschaft um den alten Jeremy Baile (Jay C. Flippen) und seine Töchter Laura (Julie Adams) und Marjie (Lori Nelson) hofft auf eine neue Heimat in den Bergen Oregons. Kundiger Treckführer ist der Trapper Glyn McLyntock (James Stewart).

Ganoven oder Ex-Ganoven?

Auf einem Erkundungsritt bewahrt er einen Mann vor einem Lynchmob, der den angeblichen Pferdedieb hängen will. Der Gerettete (Arthur Kennedy) bedankt sich. Als McLyntock sich vorstellt, merkt der Fremde auf: „Glyn McLyntock … aus Missouri?“ – „Ja, genau.“ Später nennt der Fremde seinen Namen, er heißt Emerson Cole. „Aus der Gegend von Kansas?“, fragt McLyntock mit taxierendem Blick. Die Männer haben voneinander gehört, teilen ganz offenkundig eine unrühmliche Vergangenheit als Banditen.

Der Neuankömmling erweist sich als tapfer: Nachts kreist ein Trupp Indianer das Lager ein, Laura wird von einem Pfeil verletzt. Glyn und Cole wehren die Angreifer ab, wobei Cole seinem Mitstreiter das Leben rettet – zum ersten, aber nicht zum letzten Mal.

Glyn McLyntock führt den Siedlertreck

Entgegen seinem Plan, nach Kalifornien zu gehen, reitet Cole erst einmal mit dem Treck und sucht dabei Glyns Nähe. Ob er denn tatsächlich Farmer werden wolle, fragt Cole, um ihn aus der Reserve zu locken. Und: „Vor wem laufen Sie eigentlich weg?“ – „Vor einem Mann namens Glyn McLyntock.“ – „Na, und was passiert, wenn er Sie erwischt?“ – „Ich glaube nicht, dass er mich jemals erwischen wird. Ich habe ihn an der Grenze von Missouri beerdigt.“

Auftritt Rock Hudson

Nächste Reisestation auf dem Weg ist die Flussstadt Portland. Baile kauft beim Geschäftsmann Hendricks (Howard Petrie) lebensnotwendige Vorräte für den Winter – Lebensmittel, Kleidung, Saatgut, Vieh. Während die Siedler das Getümmel des aufblühenden Ortes genießen, scharwenzelt der junge Spieler Trey Wilson (Rock Hudson) um Marjie herum. Coles und McLyntocks Wege trennen sich hier vorerst: Erstgenannter bleibt in Portland und bei der in ihn verliebten, noch erholungsbedürftigen Laura, Glyn schifft sich mit Siedlern und Planwagen auf der „River Queen“ ein. Der Dampfer des alten Captain Mello (Chubby Johnson) bringt sie zum Oberlauf des Columbia-Flusses, bis in die Nähe des Siedlungsgebiets am Mount Hood. Die Vorräte sollen mit dem nächsten Schiff nachkommen.

Der Treck bewältigt den mühseligen Weg durch Wälder und Ebenen, über Steigungen und Geröll, kommt schließlich dort an, wo einmal das neue Dorf entstehen soll. Unerklärlicherweise bleibt die Lieferung der Vorräte aus. Die Zeit drängt, der Winter naht, und Glyn reitet mit Baile zurück nach Portland. Des Rätsels Lösung: In der Stadt hat der Goldrausch Einzug gehalten – und mit ihm die Gier. Der zuvor so vertrauenswürdig scheinende Hendricks hat die für die Siedler bestimmten – und bereits bezahlten – Vorräte einbehalten, da er sie weit profitabler an die Glücksritter losschlagen kann, und verweigert die Herausgabe. Bei einer anschließenden Schießerei steht Cole, mittlerweile eigentlich Casinobetreiber und Hendricks’ rechte Hand, einmal mehr McLyntock bei. Er, Laura und Wilson helfen auch, die Vorräte heimlich an Bord des Dampfers zu bringen, und begleiten Glyn.

Laura verliert ihr Herz an Schuft Cole

Mit Bewaffneten verfolgt Hendricks das Schiff am Flussufer entlang, aber in einer nächtlichen Schießerei lassen er und die meisten seiner Männer ihr Leben. Ein weiteres Mal nimmt die Gruppe um Glyn, der zusätzlich ein paar Tagelöhner anheuert, den harten Weg zur Siedlung auf sich. Nachdem Abgesandte einer Goldgräbersiedlung 100.000 Dollar für die Ladung bieten, nimmt bei Cole die Gier überhand. Zwar verhindert er McLyntocks Liquidierung, reißt aber die Führung an sich. Dem brutal Zusammengeschlagenen wirft er eine Satteltasche mit Vorräten hin. Er könne ja zu Fuß nach Portland zurückkehren.

„Also Wiedersehen, Glyn“, meint Cole höhnisch. „Ja, du wirst mich wiedersehen. Du wirst mich wiedersehen. Wenn du abends zu Bett gehst, wirst du Angst haben müssen, dass ich irgendwo in der Nähe auf dich lauere. Ich werde dich überall finden, wo du auch bist.“ Kein Wunder, dass Coles Lächeln erstirbt. Nein, diesen McLyntock möchte man nicht zum Feind haben. Mit eisigem und zugleich loderndem Blick presst er die Worte heraus. Und er wird seine Drohung wahr machen …

Anthony Mann und James Stewart

Fünf von acht Filmen, die Regisseur Anthony Mann (1906–1967) mit James Stewart drehte, waren Western. Samt und sonders zählen sie zu den besten Beiträgen des Genres in den 50er-Jahren. Ihr erster, vielleicht berühmester, ist „Winchester ’73“ (1950). Auf die „Meuterei am Schlangenfluss“ folgen „Nackte Gewalt“ (1953, mein Lieblingswestern dieses „Duos“), „Über den Todespass“ (1954) sowie „Der Mann aus Laramie“ (1955). Anthony Mann darf für sich geltend machen, einen neuen Typus des Westmanns kreiert zu haben: Die sind keine klassischen Helden, sondern ehemalige Schufte, zerrissene, von ihrer Vergangenheit gejagte Männer. Und diese Altlasten, das Schuldbewusstsein, ein gequältes Suchen nach Vergebung, in Blicken und Gesten zu verlebendigen, das vermochte niemand so vital wie Stewart.

Formidabel allerdings auch, wie Arthur Kennedy den Cole gibt, der stets im Reinen zu sein scheint mit seinen schurkischen „Genen“. Er wirkt wie ein dunkles Spiegelbild des geläuterten, mit sich hadernden Stewart. Die psychologischen Scharmützel der Hauptfiguren, die einander taxieren, belauern, provozieren, bilden den beunruhigenden Puls von „Meuterei am Schlangenfluss“. Zugegebenermaßen scheint klar, dass McClyntock nicht vom eingeschlagenen Weg abweichen, die Siedler nicht hintergehen wird. Wir Zuschauer fragen uns weniger, ob McLyntock entgleist, sondern eher, wann Coles wahre Natur die Überhand gewinnt. Spannend inszeniert ist dieser Schwebezustand auf jeden Fall, dafür sorgt schon das pointierte Drehbuch von Borden Chase, das den Antagonisten zudem ein starkes Arsenal schlüssig ausgearbeiteter Typen an die Seite stellt – den knorrigen, überzeugungsfesten Baile, den skrupellosen Geschäftsmann Hendricks, Hallodri Wilson und den couragierten Flusskapitän („Wären wir bloß auf dem Mississippi geblieben!“). Chase verfasste auch „Red River“ (1948), „Vera Cruz“ (1954) sowie für Anthony Mann „Winchester ’73“ und „Über den Todespass“. Hollywood honorierte Chases Künste leider kaum; es blieb bei einer Oscar-Nominierung für erstgenannten Film.

Hallodri und Helfer: Trey Wilson

Weiterer Hauptdarsteller des Westernklassikers ist die wilde Natur – die Berge, das reißende Flusswasser, fantastisch eingefangen von Kameramann Irvin Glassberg („Das Geheimnis der 5 Gräber“, 1956) an Originalschauplätzen in Oregon, darunter Mount Hood und Columbia River. Wunderbar atmosphärisch gerät so auch der Kontrast zwischen überwältigender Landschaft und dem „Sündenpfuhl“ Portland, der vom Goldfieber befallenen Stadt.

James Stewart schmollt bei der Premiere

Seine „wilde Natur“ zeigte beim Dreh übrigens auch Hauptdarsteller Stewart. Mit Begeisterung stürzte er sich in alle Herausforderungen. Anthony Mann: „James Stewart war geradezu verrückt nach Szenen, in denen er physisch hart gefordert wird. So etwas erregte ihn.“ Dieser Eifer, dieses Engagement, diese Lust an der Mühsal drücken auch dem Film einen Stempel auf. Nicht von ungefähr kommt daher wohl auch Stewarts emotionale Reaktion auf die Filmpremiere: Der junge Rock Hudson, als Spieler Wilson eindeutig ein Nebendarsteller, erntete dort weitaus mehr Applaus als Stewart selbst. Der schwor voller Ingrimm, nie wieder ein Wort mit Hudson zu reden, geschweige denn, wieder mit ihm zu drehen (sie kannten sich aus „Winchester ’73“). Beides hielt er ein.

Die schöne Koch-Media-Edition zeigt sich des Klassikers würdig: Sowohl Blu-ray als auch DVD sind mit der restaurierten alten Kino-Synchronisation ausgestattet. (Die TV-Synchro, eher uncharmant und steril im Sound, findet sich im Bonusmaterial.) Weiterer Pluspunkt: Eine neue HD-Abtastung lässt die Technicolor-Tableaus in ihrer ganzen Pracht erstrahlen.

Die Filme der „James Stewart Western Collection“ von explosive media:

01. Die Uhr ist abgelaufen (Night Passage, USA 1957)
02. Meuterei am Schlangenfluss (Bend of the River, USA 1952)
03. Rancho River (The Rare Breed, USA 1966)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rock Hudson, Arthur Kennedy und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Bricht Glyns altes Ich hervor?

Veröffentlichung: 10. August 2017 als Blu-ray und DVD, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD (Universal)

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Bend of the River
USA 1952
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Borden Chase, nach einem Roman von William Gulick
Besetzung: James Stewart, Rock Hudson, Arthur Kennedy, Julie Adams, Lori Nelson, Harry Morgan, Jay C. Flippen, Jack Lambert, Royal Dano, Chubby Johnson
Zusatzmaterial: diverse Trailer, Bildergalerie Universal-Neusynchronisation, Wendecover
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2017 explosive media / Koch Films

 

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